Google+ PPQ: Der kalte Wind der Wirklichkeit

Samstag, 3. April 2010

Der kalte Wind der Wirklichkeit

Am Ende liegt Toni Lindenhahn ganz allein auf dem Rasen, das Gesicht in den Händen vergraben. Nichts mit Aufholjagd, nichts mit Kampf um den Aufstieg in die dritte Liga. Stattdessen Ende einer Serie von zehn Spielen ohne Niederlage - und das gegen eine Reservemannschaft des Hamburger SV, die nur ein einziges Mal zeigte, warum sie auf Tabellenplatz 5 in der Regionalliga Nord steht: Fünf Stationen braucht die bis dahin ebenso anämisch wie die Gastgeber spielende Elf des früheren Bundesliga-Stars Rudolfo Cardoso in der 48. Minute. Und plötzlich steht es in einem Spiel, das beißenden Null-zu-Null-Geruch verbreitete, 0:1.

Ein Gefühl, dass die Hallenser kaum noch erinnern. Zuletzt waren sie im Spitzenspiel gegen Babelsberg im November in Rückstand geraten, das Spiel damals ging verloren. Seitdem aber keines mehr: Ohne je spielerischen Glanz zu verbreiten, tankt sich die Mannschaft von Trainer Sven Köhler zuverlässig von Punkt zu Punkt, nur gelegentliche Aussetzer vorzugshalber in den letzten Spielminuten wie gegen Tennis Borussia und zuletzt gegen Hertha BSC verhinderten bislang, dass der HFC Spitzenreiter Babelsberg näher auf die Pelle rückte.

Die Zeit aber läuft für Babelsberg. Elf Spieltage vor Schluss muss Halle gewinnen, dem Spitzenreiter indes reicht es, den Vorsprung zu behaupten. So hat Kiel im vergangenen Jahr den Aufstieg geschafft.

So wird ihn Babelsberg in diesem auch schaffen. Denn auf der Zielgerade zeigt sich, dass der HFC kaum noch etwas zuzusetzen hat. Mit Pavel David, René Stark und David Sieber fehlen drei wichtige Leute verletzt, Routinier Thorsten Görke hat Trainer Köhler aussortiert. Und die vor der Saison als Verstärkung geholten Angelo Hauk und Selim Aydemir können an guten Tagen so mitspielen, dass das Fehlen der eigentlichen Stammkräfte nicht weiter auffällt. Wie David oder Stark Spiele auch mal allein entscheiden aber können sie nicht. Aydemir fällt vor allem dadurch auf, dass er ständig wichtig mit den Händen winkt, reklamiert und nach selbstverpatzten Aktionen schimpft. Hauk hingegen zieht zwar mehrmals vielversprechend auf Rechtsaußen an. Im entscheidenden Moment aber fehlt ihm ein halber Meter Platz zum Flanken, ein sicheres Standbein oder der Blick dafür, dass es besser ist, ins Eck zu schießen, wenn der Torwart in der Mitte steht.

Der Führungstreffer des HSV allerdings hätte nicht das Siegtor sein müssen. Nachdem Hauk und Aydemir für Markus Müller und Toni Lindenhahn Platz machen müssen, geht zumindest etwas mehr beim HFC, der bis dahin gerade fünf starke Minuten vor der Pause hatte. Lindenhahn ist der bessere Aydemir, unprätentiöser, weniger Gauckler als Kämpfer. Einmal dribbelt er sich durch drei Mann bis an den Strafraum und flankt. Doch keiner der drei wartenden Rot-Weißen dort bringt einen Schuss zustande. Später will Müllers Kopfball sowenig ins Netz wie sein Nahschuss, Kanitz trifft die Latte, Lindenhahn schießt drüber, Hebestreit gelingt mit dem Kopf dasselbe.

Doch das wirkt alles nicht wie der unbedingte Wille, der beim Derby in Magdeburg für drei Punkte sorgte. Bezeichnend eine Szene von Nico Kanitz, Mitte der 2. Halbzeit: Horvat fängt eine HSV-Flanke, sucht den schnellen Abwurf nach vorn. Kanitz aber, in der vergangenen Saison ein Lichtfigur im halleschen Spiel, trabt ganz in Gedanken Richtung Mittellinie, den Kopf unten, den Blick gesenkt, als wollte er signalisieren, dass er den Ball im Moment eigentlich nicht haben will. Der Abwurf kommt dennoch, kullert an Kanitz vorbei, der schreckt auf, deutet zwei schnelle Schritte an und realisiert dann, dass nun bereits ein Hamburger den Ball hat.

Da ist auch die Sonne schon weg, die bis dahin über dem abrißreifen Kurt-Wabbel-Stadion strahlte, dem heute ein paar Hessen-Fans aus Kassel ihre Abschiedsaufwartung machen. Der kalte Wind der Wirklichkeit fällt in die einst als "Mitteldeutsche Kampfbahn" gebaute und später als "Horst-Wessel-Kampfbahn" betriebene Arena. Der ganze Rasen ist voller Ratlosigkeit, ein vielleicht mit Millimetervorsprung gesicherter Aufstieg mit dieser Elf wäre weniger Grund zum Jubeln als Anlass, sich große Sorgen um die Zukunft zu machen.

Die Ahnung war ja da. In der Woche zuvor schon hatten die Fans bereits begonnen, ihre Mannschaft für die nächste Regionalliga-Saison virtuell umzubauen: Die Helden der gerade erst abgepfiffenen Rasenschlachten fanden sich plötzlich unter "zu alt", "zu langsam" und "keine Perspektive" eingeordnet. Stattdessen sollte doch lieber gleich, so hieß es, mit "jungen, hungrigen Leuten" für einen Aufstieg in zwei Jahren neuaufgebaut werden.

Dem Wunsch wird nun wohl entsprochen werden, denn der Mannschaftsteil, dem die beeindruckenden Erfolge der letzten zwei Jahre zu verdanken sind, wird im Herbst nicht mehr da sein: Torwart Darko Horvat dürfte seine Laufbahn beenden, die beiden Innenverteidiger Patrick Mouaya und Adli Lachheb werden mit einiger Sicherheit Angebote aus der 3. Liga bekommen.

Ronny Hebestreit jedenfalls hat den Aufstieg direkt nach dem Abpfiff erstmal verloren gegeben. "Das wars wohl", sagt er dem MDR, Babelsberg zeige ja sowieso keine Schwäche. Dabei spielen die doch erst morgen.

Kommentare:

derherold hat gesagt…

"mit jungen, hungrigen Leuten"

Der Klassiker !

Immer wenn (unausgesprochene) sportl. Ziele nicht erreicht werden, soll mit einer verstärkten A-Jugend "aus der Region" angetreten werden. Daß diese Talente nur ausreichen, um demnächst in der Verbandsliga S-A ganz unten zu spielen ... oder so viel Geld verdienen, daß es dem einfachen Arbeiter die Zornesröte ins Gesicht treibt, wird vergessen. :-)

Gustav Fröhlich hat gesagt…

zum glück gibt es beim verein noch leute, die für 5 pfennig mehr fußballverstand haben als wir fans..obwohl es bei den fans einige ganz große auskenner gibt!!

zum HFC: die sättigungsgrenze erreicht die 100%..einige können nicht mehr so wie sie wollen, andere sollen nicht mehr so wie sie können & die ergänzungsspieler müssen sowieso bald wieder ergänzt werden!!

ppq hat gesagt…

großartig, kollegen. könnt ihr nicht mal beim fanradio einspringen? ich bin hingerissen