Google+ PPQ: Mai 2010

Montag, 31. Mai 2010

Abgang der Gurkenmaske

Die Last wird zu groß, die Kraft ist zu klein. Nach Roland Koch hat mit Horst Köhler ein zweiter hochrangiger Politdarsteller in kurzer Zeit das Handtuch geworden - zur völligen Überraschung auch der versiertesten Theaterkritiker der Berliner Bühne und erklärtesten politischen Gegner, die nicht einmal Zeit fanden, einen Rücktritt zu fordern. Köhler trieb die Meute vor sich her und er ist damit nicht nur der erste Bundespräsident, der zurücktritt, sondern auch der erste, der es völlig ohne Grund tut. Die 2010er Fußball-WM bringt nun eine Premiere: Die deutsche Mannschaft spielt nicht nur ohne Kapitän, nein, das deutsche Volk muss ohne Führung ins Turnier gehen.
Vorerst übernimmt ein Jens Böhrnsen, Bürgermeister aus Bremen, als Notvorstand der Deutschland AG, im Gespräch waren auch der freigestellte Ex-OB von Landsberg in "Mitteldeutscheland" (Lena Meyer-Landrut), Thomas Madl, und Dagmar Szabados, die Ortsbürgermeisterin von Halle an der Saale.

Ein Staatskrise, die Europa mehr erschüttert als die Eurorettung und das Bankenpaket, der Abgang von Friedrich Merz und der Tod von Robert Enke. Horst Köhler wusste mehr als der gemeine deutsche Michel und er zog seine Schlüsse daraus: Kann man die Welt nicht mehr retten, darf man nicht an seinem Amt kleben wie Wolfgang Schäuble, sondern man muss gehen.. Standen bei Koch unausgesprochen medizinische Gründe im verschwiegenen Vordergrund, so rätselt die Republik im Fall des nun ehemaligen Bundespräsidenten über die Ursachen für den überstützten Rücktritt des vor vier Wochen nach als "angesehen" herumgereichten ehemaligen Bankiers. Im Gegensatz zu Koch, dessen unreiner Haut die zwielichtige Gesinnung stets anzusehen zu sein schien, galt Horst Köhler als eine Art Spaßpräsident, der seine amtliche Verkniffenheit auf- und absetzen konnte wie eine Gurkenmaske.

Nie verwunden aber hatte der auch umweltpolitisch kampagnenfähige frühere Weltbanker, dass seine zu Neujahr lancierte Klima-Großinitiative "Zwei Grad Köhler" von den Leit- und Qualitätsmedien durchweg totgeschwiegen worden war. In seiner traditionellen Silvesteransprache hatte das jetzt geschiedene deutsche Staatsoberhaupt den Bürgern den ersten eigenen Klimaplan eines Bundespräsidenten vorgestellt. In seiner sogenannten Köhler-Initiative wollte Horst Köhler jeden Bürger zum Klimaretter machen. "Wenn wir unser großes Ziel erreichen wollen, die Erderwärmung auf höchstens zwei Grad zu begrenzen", sagte Köhler, "dann brauchen wir eine gesamtgesellschaftliche Anstrengung, an der alle mitwirken". Es gehe darum, mit vielen kleinen Opfern die Rettung der Erde, die wir nur von unseren Enkeln geborgt hätten, zu erreichen. Dazu sei es notwendig, dass jederman und jede Frau ihren Beitrag leiste. "Meine lieben Mitbürger", sagte Köhler, "ich fordere von uns allen eine große Anstrengung, die uns allen hilft".

Obwohl die Temperaturen vom Tag der Rede an ebenso kontinuierlich gesunken waren wie die Stimmen der Kritik an Köhler (siehe Google-Timeline-Grafik), hatte Köhler viel Kritik für seine Idee einstecken müssen, dass jeder Deutsche die Temperatur in seinen Wohnräumen um die magischen zwei Grad absenken solle, um die es im Klimakampf gehe. Politischen Beobachtern gilt denn auch als sicher, dass Köhlers Behauptung, er trete wegen einer umstrittenen Interview-Äußerung zurück, so nicht stimmen kann. Vielmehr sei der "Druck auf Köhler" (dpa) wohl zu groß geworden, nachdem die Sängerin Lena in der Popularitätshitparade unerwartet innerhalb von Wochen an ihm vorbeigezogen war, ohne bis dato umweltpolitisch mit einer einzigen tragfähigen Idee aufzufallen. Köhler erklärte sich immerhin bereit, das Schloß Bellevue sofort für die Thronfolgerin freizuräumen. Nur seine Freikarten für das Eröffnungsspiel der Fußball-WM wolle er gern behalten. Peter Sodann, Kandidat der Nationalen Front beim todesspannenden Zettelfalten ums Präsidentenamt im vergangenen Jahr, wird jede Minute seine Bereitschaft erklären, erneut als Zählkandidat bei der Abstimmung über eine NachfolgerIn zur Verfügung zustehen.

Zwischen Weltreich und Weltstar

Geschichte wiederholt sich, "das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce", anaylsierte der Geschichtspraktiker Karl Marx im "Achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte" und seitdem wiederholt sich Geschichte beim Versuch, im Recht zu geben. Im nationalen Siegestaumel um die neue deutsche Nationalsängerin Lena Meyer-Landrut gestattete sich auch Stefan Raab, Fernsehmoderator und Erfinder der Chanteuse, einen Ausflug ins Geschichteszitat. Zur Vorlage wählte sich der Metzgersohn den früheren liberalen Außenminister Hans-Dietrich Genschers berühmte Prager Balkonrede "Wir sind heute zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise..."

Bei Raab, der frei zitierte, hieß es "Wir sind heute zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Nacht um 0.15 Uhr Deutschland den Eurovision Song Contest gewonnen hat." Zwei Jahrzehnte zwischen zwei wahrhaft historischen Ereignissen: Ende des Kalten Krieges und Ende der für Deutschland über Jahnzehnte so erfolglosen Sängerkriege, Mauerfall und Lenamania, Untergang eines Weltreiches und Aufstieg eines Weltstars. Und das ist erst die erste Wiederholung, nach Marx also die Tragödie. Doch für Netzwerkrecherche allemal "ein Grund, Lena und ihrem Trainer Stefan Raab das Bundesverdienstkreuz mit Eichenlaub und Schwertern zu überreichen", wie es verschiedene Politiker bereits fordern, um die Farce nicht mehr allzulange warten zu lassen.

"Vergessen sind Eurokrise, Sparpaket und Steuerlüge", schreibt Netzwerkrecherche: "Wir sind Lena" und "Lena, wir lieben Dich", schreibt die "Bild". Deutschland liebt also letztlich sich selbst - "ein Formwandel des deutschen Nationalismus", wie die Taz frei ins Grobe fantasiert, denn der "monokelbewehrte, schnarrende und von Mensuren gezeichnete General Dr. Ritter von Staat", den Marx noch kannte, vervollschlankte zuerst zur "Hosenanzüge tragenden, betont unscharfen Angela Merkel" und nun zu "ihrem symbolpolitischen Pendant, dem unverbildeten Mädchen aus Hannover", das "dunkelhaarig" (Taz) und mit "blickdichter Strumpfhose" (dpa) ein Liedchen namens "Satellite" singt, das natürlich als "überdeutlicher Tribut an die globale Herrschaft des amerikanischen Kapitals" fortweist von den baltischen Wurzeln der vielfach vertriebenen Familie Meyer-Landrut, deren Vorstand Andreas Meyer-Landrut Genschers Balkon-Auftritt nur denkbar knapp verpasste: Ehemals Staatssekretär im Auswärtigen Amt, war er gerade als Botschafter nach Moskau entsandt worden.

Wofür wir gern werben: Urlaubsstimmung

Gewissenlos, technokratisch und gnadenlos effizient, so haben wir die Werbemaschine Google kennengelernt, die unsere rechte Spalte hin und wieder mit Reklametafeln tapeziert, die inhaltlich und stilistisch mit viel Feingefühl dazu animiert, sich Ostkult-Klamotten zuzulegen, Stasi-Pornografie anzuschauen oder freiwillig höhere Krankenkassenbeiträge zu zahlen. Nach großen Erfolgen mit suchterzeugendem Selbergärtnern und dem reizenden Todestest läutet Google Adsense jetzt gefühlvoll die Urlaubssaison ein: Nach Michael Ballack, der auf ein Ausscheiden der deutschen Mannschaft bei der WM in der Vorrunde hoffen muss, um danach ein erfolgreiches Comeback im Nationalteam feiern zu können, haben auch Mannschaftskollege Heiko Westermann und Michael Essien vom Vorrundengegner Ghana bereits gebucht. Dabei stand doch der hilfreiche Hinweis auf wunderheilende Ärzte vor geraumer Zeit hier zu lesen.

Dr Joode wars

Kaum hatte Lena Meyer-Ramstein sich, Deutschland im Allgemeinen und Horst Köhler im Besonderen sowie den unzurechnungsfähigen Rest der Welt in einen "Begeisterungstaumel" (vermutlich dpa) versetzt, krochen auch schon die Bedenkenträger aus ihren Löchern. Nur weil einige Patrioten und andere "Gehirnburkaträger" sich erdreisteten, die Punktvergabe Israels anzuprangern, wurde Antisemitismus gewittert, wo doch nur der Satz "Man wird doch noch Kritik üben dürfen" umgesetzt wurde. Stefan Raab hatte jedenfalls die richtige Antwort auf diese Mäkelei parat:

Sonntag, 30. Mai 2010

Wir sind wieder Lena


Wir sind wieder wer! Wir sind Lena! Der Aufschwung ist da! Erst Papst, dann fast Eishockey-Weltmeister, dann die durch Bundeskanzlerin Angela Merkel veranlasste Rettung von Griechenland vor dem Untergang, gefolgt von der Rettung aller Sparvermögen, des Bargeldes und der nachfolgenden nachhaltigen Klimaabkühlung durch die segensreichen Spätwirkungen einer entschlossenen Regierungsexpedition nach Grönland und die Bändigung des "Finanzmonsters" (Horst Köhler) mit Hilfe einer Kette aus Sondersteuern, die mit denen vor allem die kürzlich verstaatlichten Banken am Spekulieren auf einen baldigen Aufschwung gehindert werden.

Wie eine logische Folge der weltweit wachsenden Sympathien für das deutsche Wesen, an dem allein die Welt genesen kann, scheint da der Sieg der künftigen deutschen Madonna Lena Meyer-Landrut beim europäischen Chanson-Wettbewerb: Dem engelsgleichen Allerweltsgesicht mit der Drahtbürstenstimme flogen die Sympathien eines ganzen Kontinents zuzüglich Israels stellvertretend zu , nachdem sie mit einer von Erfolgsproduzent Stefan Raab lässig umgeschriebenen Version des alten Mud-Heulers "Tiger Feet" bewiesen hatte, dass Mitte der 70er Jahre neben Meisterwerken wie Led Zeppelins "Physical Graffiti" durchaus auch musikalischer Murks erdacht und öffentlich ausgestellt wurde.

Lena Meyer-Landrut ließ sich nicht beirren vom zuvor feststehenden Ergebnis, das Deutschland zum zweiten Mal seit Ende des verlorenen 2. Weltkrieges und dem Verbot des Kasernenhof-Schunklers "Lilly Marlen" durch die Alliierten zurück an die Spitze der Pop-Nationen führt. Mit klarem Blick und großen Selbstbewusstsein sang die erst 19-Jährige sich stellvertretend für 82 Millionen musikbegeisterte, aber musisch minderbegabte Mitbürger in die Herzen Europas.

Als keimfreie deutsche Antwort auf die britische Pop-Schlampe Amy Winehouse eröffnet Meyer-Landrut dem bislang stets unterschätzten Rock-Standort Deutschland damit neue Perspektiven: Sechs Jahre nach seinem Tod steht Mud-Sänger Les Gray dank der jungen Deutschen mit der bestverkauftesten Single des Jahres 1974 wieder auf Platz 1 der Charts, demnächst könnten dutzendweise Neueinspielungen von weiteren unsterblichen Brüllern aus den weitläufigen Kellerarchiven des Glamrock von Slade bis Sweet und Smokie folgen. Stilecht bekennt sich Meyer-Landhut, Tochter einer Familie aus dem östlichsten deutschen Osten, auf dem Cover ihrer ersten selbstnachgesungenen CD mit einem Bild des in der DDR gebauten Stern-Stereo-Kassettenrecorder SKR 700 schon heute zur großen Vergangenheit des High-Tech-Mutterlandes Deutschland, das mit den Lords beinahe die besseren Beatles gehabt hätte und mit der Übernahme des klassischen Mud-Rhythmus aus dem Mutterland des Rock endgültig zur Weltspitze der pünktlich mit dem Erreichen des Vorruhestandsalters geriatrifizierten Pop-Bewegung aufschließt.

Chinesische Bruchlandung

Als hätte in Berlin jemand etwas anderes erwartet: Der neue Protzflughafen BBI wird nicht wie geplant fertig. Alles dauert länger, alles wird teurer, alles bleibt anders. Ausgerechnet die Firma, die für die Innenausbauplanung verantwortlich zeichnete, ist insolvent. Heimlich, still und leise, so scheint es, verabschiedete sie sich aus dem Geschäft. Keiner will es gewusst haben, aber auch das ist nicht neu in der Hauptstadt der Landowskys, Diepgens, Homburgs und Canisius-Lehrer.

Weder Aufsichtsrat (Senat) noch Flughafenbetreiber Airport Berlin will es mitbekommen haben. Und wollen es auch jetzt noch nicht. "Der Termin Eröffnung Oktober 2011 steht", heißt es parallel von beiden. Allerdings habe man einen Gutachter gebeten, "die daraus resultierenden Konsequenzen zu bewerten", so ein Flughafensprecher. Ein Gutachten, das Geld und Zeit kostet und im Ergebnis das liefert, was sich unter den noch nicht insolventen Firmen am BBI sowieso bereits herumgesprochen hat: Der Termin ist nur zu halten, wenn man ab sofort "unter chinesischen Verhältnissen" (ein Architekt) arbeiten würde. Also 24 Stunden pro Tag, sieben Tage in der Woche. Doch das machen die deutschen Baugewerkschaften natürlich nicht mit. Wo kämen wir da hin, wenn wir so arbeiten würden wie die Chinesen. Nein.
Eine Startverzögerung wird sich kaum verhindern lassen. Zum Ärger vieler Berliner, die, seit Jahren in der Einflugschneise Tegels wohnend, sich schon sehnsüchtig auf den Herbst 2011 gefreut hatten. Aber auch zum Ärger für den Regierenden, dem solch eine Bruchlandung auf die Füße fallen könnte. So mitten im Wahlkampf. Noch vor zwei Wochen hatte er beim Richtfest lustig gescherzt. "Ich bin voller Stolz, es ist viel passiert", sagte Damals Klaus Wowereit. "Wir sind einen weiten Weg gegangen. Der war erfolgreich und wird bis zur Eröffnung des dann neuen Willy-Brandt-Flughafens am 30. Oktober nächsten Jahres auch erfolgreich bleiben." Als der Applaus an dieser Stelle ausblieb, ergänzte er: "Ja, da kann man ruhig klatschen. Es gab wohl zu wenig Sekt, was?" Doch es klatschte keiner. Waren doch zum Empfang mit den Mitarbeitern der Baufirmen hauptsächlich die geladen, die es besser wissen müssen.

Samstag, 29. Mai 2010

Hochwasser viel jünger

Auf diese Nachricht haben wir hier beim Klimaschutzboard ppq schon lange gewartet: Die Erde ist viel jünger, als bisher angenommen (ntv). Bislang seien Wissenschaftler davon ausgegangen, dass die Erde vor rund 4,53 Milliarden Jahren entstanden sei. Nach den neuen Ergebnissen sei sie aber nur zwischen 4,51 und 4,44 Milliarden Jahren alt. Also läppische 20 oder auch 90 Millionen Jahre jünger.

Wir sind also wieder mal hinters Sonnenlicht geführt worden. Man hat uns nicht nur 40 Jahre lang verarscht. Nein, Millionen Jahre hat man uns vorenthalten. Der Urknall ein verspäteter Witz und alle wissenschaftlichen Grunddaten dahin. Damit schrumpft natürlich auch das Alter des Erdklimas. Und damit sind alle Weltklimawetterstatistiken hin. Alles muss neu berechnet werden, alles neu macht der Mai, hieß schon eine Bauernregel lange vor den Weissagungen des Deutschen Wetterdienstes. Und somit ist natürlich auch das weltweite Wasser jünger. Und das Hochwasser an der Oder gar nicht das Hochwasser von diesem Jahr. Sondern das von in 20 Millionen Jahren. Oder?

Warme Statistik ohne Interesse


Das haben wir geahnt. Die Statistiker freuen sich, und Klimaforscher ebenso. Sie dürfen ihre Kurven weiter malen. Denn es war, obwohl sich die Erderwärmung nachweislich abkühlt, wie es das Klimaschutzboard ppq bereits vergangene Woche meldete, wieder einmal zu warm. "Das Frühjahr 2010 war trotz des nasskalten Monats Mai insgesamt ein klein wenig zu warm", meldet der Deutsche Wetterdienst. Die Niederschlagssumme und die Zahl der Sonnenscheinstunden von März, April und Mai hätten "annähernd ihr vieljähriges Soll" erreicht. Mit 8,0 Grad Celsius läge die Durchschnittstemperatur aller drei Monate bundesweit um 0,2 Grad über dem vieljährigen Klimawert von 7,8°C. Sogar die Sonnenscheindauer sei "leicht positiv" gewesen. Mit 478 Stunden sei das vieljährige Soll von 472 Stunden um 2 Prozent überschritten worden. Aha. Gefühlt war es zu kalt aber wirklich wird es immer wärmer.
Wie im wahren Leben. Denn auch "Der Spiegel" weiß es mal so und mal so besser. Hier meldet er, dass "der Winter zurück kommt", hatte hier aber gerade beschrieben, warum der Winter kein Winter mehr ist.
Aber eigentlich ist es egal. Denn es interessiert bald niemanden mehr. Schon wieder ist Zahl derer, die sich keine Sorgen um den Klimawandel machen, gestiegen, hat sich gar mehr als verdoppelt, sagt eine Studie. Waren es in der vorangegangenen, 2008 durchgeführten Studie vier Prozent, so sind es jetzt neun Prozent, ergab eine weltweite Umfrage unter 13.000 Erdbewohnern des Marktforschungsunternehmens Synovate in Kooperation mit der Deutschen Welle.
Und auch die Klimaschützer interessieren sich nicht wirklich für ihre Programme und Ziele. Beim Nachrichtenportal zum Klimawandel gibt es in einem Shop T-Shirts (zur Unterstützung der Klimaschutzarbeit), obwohl jedes einzelne für sich im Laufe seines Lebens etwa elf Kilogramm Kohlendioxid-Ausstoß verursacht, etwa das 50-fache seines Eigengewichts.

Freitag, 28. Mai 2010

Nur konsequent

Nein, es ist natürlich Zufall, dass das Titelbild des aktuellen "Rolling Stone" so aussieht

und die Rückseite so


Wer hat es gesagt?

"Für 100 Rubel können wir jetzt in Polen dreimal weniger kaufen als vor der Reform. Wir halten es für richtig, den Umtauschkurs zwischen Zloty und Rubel auf drei zu eins festzulegen."

Vorsicht im feuchtwarmen Feriensand

Die Haushalte klagen darüber, dass allenthalben der Gürtel enger geschnallt werden müsse. Die Bundesregierung hat kein Geld für Steuererleichterungen. Die gesetzlichen Krankenversicherungen erheben Zusatzbeiträge, Versicherte der PKV klagen über Beitragsanpassungen, die Kollegen vom Bluthilde wiegen darob schwer die klugen Köpfe.

Doch Hilfe naht, in Riesenschritten, denn das Bundesgesundheitsministerium, so arbeiten die Blogger aus der Hilde-Benjamin-Stadt Bernburg messerschraf heraus, geht mit dem Geld der Beitragszahler äußerst verantwortungsoll um: Statt zu heilen, wird vorgesorgt, denn das ist bekanntlich immer billiger. Die unverzichtbare „Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung“ (BzgA) mahnt deshalb in Radiospots, im Fernsehen, im Kino und auf Plakatwänden auf niveauvolle, tiefgründige und herrlich romantische Art und Weise, dass wir Menschen nach den wissenschaftlichen Erkenntnissen der Evolutionstheorielehre nur zufällig aus dem Nichts erwachsene Abarten von Tieren sind. Auch im Urlaub…

Und gerade dort. Denn wo wird denn beispielsweise das gefährliche Aidsvirus lieber verteilt als im feuchtwarmem Feriensand? "Gleich 13 Plakatmotive wurden – der Vielfalt der Landschaften in diesem unserem Lande entsprechend - produziert" und verklebt, hat das Bluthilde-Kollektiv gezählt. Das mengenmäßige Verhältnis von Plakat zu AIDS-Infiziertem sei dabei gefühlt sogar noch 20 mal größer als jenes zwischen MLPD-Plakaten und MLPD-Wählern im letzten Bundestagswahlkampf.

Über die Kosten schweige sich die dazugehörige "Informationsseite" aus. Allerdings sei 2003 im Zusammenhang mit einer ähnlichen auf Erfolg programmierten Kampagne von einem – zwar nur einstelligen, aber immerhin – Millionenetat die Rede. Die Freude darüber, dass der Fluch des Aids-Virus durch die Papiermedizin demnächst endgültig "ausgemerzt" (Franz Müntefering) werden wird, ist groß in Bernburg, wo einst Hilde Benjamin Maßstäbe im Ausmerzen setzte.

Es lache einem das Herz, wenn man seinen Lohnzettel betrachte und sehen könne, zu welch Großem und Erhabenem man mit seinem Kassen-Beitrag beitrage. Bluthilde fordert: Mehr davon! und wir, seit der grandiosen AOK-Kampagne "Sachsen-Anhalt traut sich" , bei der PPQ-Mitarbeiter seinerzeit ein wertvolles und gesundheitserhaltendes Oberarmtäschchen zur Schlüsselaufbewahrung beim Joggen gewinnen konnten, bekennende Anhänger einer Einheitskasse mit Einheitspreisen und Einheitsleistungen, schließen uns begeistert vollinhaltlich an.

Donnerstag, 27. Mai 2010

Abriss-Exkursionen: Millionengrab in der Neumühle


Ringsum grünt es grün und es blüht Zukunft, der Verkehr staut sich und in den Restaurants nebenan sitzen glückliche, fröhliche Menschen im ersten Frühlingslicht. Nur das, was einstmals die Neumühle war, duckt sich grau und blaß ins Gebüsch, als stände hier nicht eines der schönsten Beispiele für das sinnlose Verbraten von Steuermitteln im Auftrag von Wahnsinn und Bürokratie.

Was von außen aussieht wie der verlassene Betriebshof einer gescheiterten Autowerkstatt, ist in Wirklichkeit eines der bedeutendsten Baudenkmale der Industriegeschichte der Stadt Halle. Angeblich um 1280 von Mönchen des damals nahegelegenen Paulanerklosters angelegt, lassen sich an der Südostecke des Hauptgebäudes heute noch die Hochwasserstände der Saale ablesen: Ohne Klimawandel schaffte die es am 2. März 1595 auf die Rekordmarke von über zwei Metern. Im Jahre 1720, damals war das Ensemble gerade mal in städtischem Besitz, wurden ein Wohnhaus und eine Mühlenwaage angebaut, 1907 übernahmen die konkurrierenden Hildebrandtschen Mühlenwerke die Mühle mit ihren sechs Wasserrädern, die neben Mehl auch Schrot und Malz produzierte.

Bis 1920 war die Mühle in Betrieb, ab 1943 startete sie eine zweite Karriere als Hilfsgefängnis, zu DDR-Zeiten diente sie als Lagergebäude der Burger Bekleidungswerke, die schmucke NVA-Uniformen für den Ernstfall hier horteten. Nach dem Mauerfall war es damit vorbei, jetzt bekamen die Erben der Mühlendynastie Hildebrandt ihr früheres Eigentum zurückerstattet.

Die schöne Lage ließ aber vor allem die Stadtverwaltung träumen. Bereits 1995 begann die Sanierung der barocken Stallgebäude an dem nun als "technisches Denkmal" eingestuften Komplex. Dabei wurde das Fachwerk komplett neu ausgemauert, dann das gesamte Dachgestühl um 30 Zentimeter angehoben, um als das alte Rahmenholz durch neues zu ersetzen. Später schafften es die Architekten, das gesamte aufwendig rekonstruierte Fachwerk hinter einer Dämmschicht und dickem Fassadenputz verschwinden zu lassen.

Etwa halbe Million Euro ließ sich die Stadt Halle allein die einem Neubau gleichkommende Rekonstruktion der Ställe kosten, um "die Möglichkeit zu schaffen, einen wirtschaftlichen Betrieb auf dem Areal in Gang zu setzten". Alle Arbeiten seien jedoch nur vorfinanziert, "bis ein Investor feststehe", hieß es Mitte der 90er Jahre, als die Träume noch hoch flogen. Gastronomie sollte einziehen, Wohnungen sollten gebaut werden. Später konnte sich ein Beigeordneter "ein Gästehaus und kleine Büros" in dem Gebäude vorstellen, dessen komplette Sanierung mehr als 1300 Euro pro Quadratmeter gekostet hätte. Ein einziger Investor meldete sich, sprang aber wieder ab. Und ein Stadtplaner hatte noch einmal hochfliegende Pläne von einem ganzen "Kultur-Ufer entlang des Mühlgrabens", das in fünfjährigen Bauarbeiten quer durch die Stadt gebaggert werden sollte.

Anno 2010 wäre das beinahe in der Kulturhauptstadt Essen vorgestellt worden, würde sich noch irgendjemand daran erinnern. Doch die Neumühle steht immer noch überwuchert und leer am Saaleufer, das aufwendig sanierte Stallgebäude ist längst wieder unterwegs in Richtung Zusammenbruch. Außen dient es Sprayern als Tafel, innen rottet ein Schild aus der Zeit, als hier ein neues kulturelles Zentrum für Konzerte und Ausstellungen entstehen sollte: "Wir erhalten Werte" steht darauf.

Mehr Abriss-Exkursionen

und hier.

Neue alte Geschäftsideen


Es ist alles anders und trotzdem wie immer. Mitten in der Krise trotzen einige allen Gesetzen, machen Umsätze wenn andere aus den Miesen nicht mehr rauskommen. Wie das in einem winzigen Ort in Mecklenburg-Vorpommern geschieht, beschreibt der berlinpankowblogger in einer Kurzschrift über ein Erdbeerfeld und seine Folgen.

Aus Erdbeeren wuchs hier ein Kaufrauschhaus voller Ramsch und Kram, schreibt er. Und weiter: Vor den Augen fängt es an zu Flimmern, das Herz rast und das Hirn bittet dringend um andere Bilder. Alles ist blau und rot und weiß. Es gibt alles und doch gibt es nichts. Nichts, das man braucht. Aber alles, was man brauchen könnte. Hier, an der Bundesstraße 105 zwischen Rostock und Stralsund, hat ein gewisser Karl eine ganze Welt Begehrlichkeiten geschaffen, die vorher nicht vorhanden waren.

Tausende von Leuchttürmen und Schiffen türmen sich hier auf, als wolle man den Weltmarkt samt China mit den Modellen überschwemmen. Jedes einzelne Modell mit einem Pappschildchen versehen, das es eindeutig als Produkt von Karls Erdbeerhof ausweist. Zwischendrin Hektoliterweise Erdbeer- und alle anderen Fruchtweine, Schnaps und Bier. Die Regale reichen bis unter die acht Meter hohe Decke, sind endlos lang und scheinen sich selbst automatisch mit neuen Produkten zu versorgen.

Wer es schafft, nichts zu kaufen, soll wenigstens gucken. Sieht man nach oben, kann man sich an ziemlich genau 13.267 Kaffeekannen erfreuen. Unter der Decke des riesigen Bauernmarktes (Eigenname) steht die (2009) weltgrößte Sammlung (Eigenwerbung) dieser Kännchen. Und während sich Radfulf-Kevin und Klein Cindy im Tobeland vergnügen, schaut Mama Cindy zu, wie in der Marmeladenküche frisches Erbeergelee gekocht, abgefüllt und verpackt wird. Eine reife Leistung, denn immerhin gibt es das eigentliche Hauptprodukt des Hofes wegen der fehlenden Sonne und Wärme erst in zwei Wochen.

Macht aber nix, interessiert keinen. Draußen glüht der Grill und Bratwürste, Steaks, Fleischspieße und Pommes gehen auch lange vor der Erntezeit der süßen Früchte zentnerweise über den Tresen. An der nächsten Ecke gibts Fischbrötchen und Bier, und Kaffee und Limonade. Die Kleinen fahren mit der Traktorbahn, drehen Runden im Fliegenden Kuhstall, die Alten gönnen sich eine Portion Spargel (den gibts schon) sowie ein Gläschen Erdbeerwein vom vergangenen Jahr. Ein guter Jahrgang, hört man an es an den Tischen tuscheln.

Gerade fährt noch ein Reisebus vor. Die Rentnertruppe aus Sachsen will zur Erdbeerbonbonmanufaktur und anschließend Erdbeertorte. Die gibt es aber eben noch nicht, Himbeertörtchen machen´s aber auch. Dann geht es noch vorbei an der Hasenbahn zum Dorfkrug. Dort fließt der Wein und auch das Bier aus dem Hahn und nebenan gleich noch ein paar "original von uns" gesammelte Bernsteine.

Wer Karl sein Erdbeerhof verlässt, hat wenigstens eine Tüte in der Hand und auf alle Fälle weniger Geld in der Tasche. Auch wenn es gar keine Erdbeeren gibt. Karl weiß eben, wie man das macht. Aus Scheiße Bonbon, hätte meine Oma dazu gesagt. Aber nicht bös gemeint, hätte sie auch noch gesagt. Denn immerhin: der Eintritt ist frei und fotografieren darf man auch wann und was man möchte. Im Gegensatz zu anderen, die mit ihren künstlich geschaffenen Begehrlichkeiten jeden und alle abzocken. Und Karl setzt noch einen drauf. Sogar auf dem Klo kann man hier noch was erleben. Deshalb auch Erlebnis-, und nicht mehr Erdbeerhof.

Wer hat es gesagt?

"...Narziss war kein Egoist. Er war lediglich einer von uns in unserer unzerschmetterbaren Abkapselung, der beim Anblick des eigenen Spiegelbildes den einzigen schönen Gefährten erkannte, die einzige unzertrennliche Liebe..."

Mittwoch, 26. Mai 2010

Heißer Draht zum Hohen Rat

"Und das vierte wird hart sein wie Eisen; denn gleichwie Eisen alles zermalmt und zerschlägt, ja, wie Eisen alles zerbricht, also wird es auch diese alle zermalmen und zerbrechen", heißt es beim Propheten Daniel, einem eher unterschätzten Protagonisten der Christengeschichte.

Zweitausend Jahre nach dem Abgang des Religionsbegründers aber ist Daniel nun wieder auf die Erde herabgestiegen, um seinem Volk mir flackerndem Blick und Heuchelstimme Hoffnung zu machen, dass doch noch alles gut wird, trotz Euro-Schwäche, Aschemonster, Schweinegrippe und GEZ-Reform. Als Landeplatz hat der Sonnenbankfetischist sich dazu natürlich "Das Vierte" ausgesucht, genau wie er es seinerzet vorhergesagt hatte. Dort sitzt er mit glänzendem Nivea-Gesicht hinter einer Art Concierge-Klappe und überbringt Anrufern Botschaften von einem "Hohen Rat".

Wer dieser ist, wo er sitzt, was er tut und weshalb Daniel sein Botschafter ist, wie ein Laufband in Bauchhöhe des Propheten mitteilt, bleibt rätselhaft. Daniel, der eigentlich Daniel Kreibich heißt und nach eigener Ansicht von Beruf "Star-Hellseher" ist, hebt nach jedem der verblüffend schnell aufeinanderfolgenden Anrufe die speckig gecremten Hände in Ohrenhöhe, er schließt die grell glubschenden Augen - und ohne dass ein Rufton wie etwa früher das AOL-Gebimmel "Sie haben Post" ertönt wäre, weiß er plötzlich Dinge vorherzusagen.

Nein, er hat nicht gefragt, was der Anrufer wissen will. Daniel Kreibich ist Wahrsager, Botschafter, Medium - er weiß, was er sagen wird. Etwa "Du wirst noch in diesem Jahr eine Reise machen, danke, tschüß, schönes Leben noch" oder "Der Hohe Rat lässt Dir sagen, dass Deine Erkältung verheilt!"

Menschen, die hier anrufen, um sich für Geld solche Sätze mit auf ihren weiteren Lebensweg geben zu lassen, müssen geistig auf den Niveau von Vorschulkindern stehengeblieben sein. Ist der Betrug bei anderen Kartenlegern, Handlinienlesern und Telefonberatern noch spaßiges Spektakel, ist er bei Daniel Kreibich, dem Hohepriester der Blöden, reiner Fließbandbeschiß. Fragen wie "Ist er mir treu? Liebt er mich wirklich? Hat mein neuer Partner ernsthaftes Interesse an mir?", beantworte er, ist der "Star-Wahrsager" mit dem heißen Draht zum Hohen Rat selbst überzeugt. "Besonders vor langfristigen Partnerschaften und Hochtzeiten werde ich um Rat gebeten, teilweise von dem Brautpaar zusammen, meist jedoch von der zukünftigen Ehefrau alleine" schreibt Kreibich in einer Pressemitteilung über seine segensreiche Tätigkeit, in der das Wort Hochzeit tatsächlich "Hochtzeit" transkribiert wird.

Das hat ihm der Hohe Rat nicht verraten, obwohl doch zu Daniel Kreibichs "Klienten Schauspieler, Künstler, Ärzte, Sportler und Manager" gehören, wie der Scharlatan der Strunzdummen versichert. Dass er nicht nur "bei der Prominenz in Miami Beach, Dubai und Europa als Ratgeber heiß begehrt" ist, wie er selbst behauptet, sondern auch im "Vierten" stundenlange Sendungen mit sengendem Blick und spektakulären Prognosen wie "Der Hohe Rat sagt, Du sollst Dir keine Sorgen um Deine Vitalität machen - sie wird erhalten bleiben" füllen kann, spricht Bände über den geistigen Zustand des Landes: Kreibich ist in diesem Sinne doch ein Prophet, zeigt der selbsternannte "moderne Lifecoach" mit den überirdischen Verbindungen doch unerbittlich an, welcher Grad an Verblödung nicht nur vorstellbar, sondern öffentlich praktizierbar ist.

"Mir ist es wichtig, dass ich meine Klienten eine hochqualitative und außergewöhnliche Beratung geben kann und dazu zählt nicht nur das natürliche Eintreffen der Prognosen, sondern insbesondere auch den Tempel des Klienten - seinen Körper - mit seinem Geist - seiner Seele - wieder in Einklang zu bekommen, gerade bei dem heutigen Stress unserer modernen Zeit" (O-Ton) lässt eine Pressemitteilung des Propheten wissen. Bei Bedarf stehe seine Website zur Verfügung, "24h - Rund um die Uhr".

Vereinbaren Sie noch heute Ihren Beratungstermin unter: Tel.: +49 221 -2888 747

Spendenmarathon trotzt Krise


Wir freuen uns. Auch 2010 können wir wieder von reich beschenkten Parteien regiert werden. Es muss nur das richtige Thema auf den Tisch, schon fließen die Spenden aus allen Richtungen. Vor allem seitdem bekannt ist, dass man ganze Mehrwertsteuersätze für Hotelübernachtungen sich erspenden kann, wird die Kohle auch weiter fleißig verteilt. Einen aktuellen Kampf um die höchsten Parteispenden liefern sich gerade die Daimler und BMW. Während die Bayrischen Motorenwerke in diesem Jahr bereits 477.874,10 Euro unter die vier Parteien (FDP 55.886,41; SPD 140.033,90; CDU 133.235,62 und CSU 148.718,17 Euro) geschmissen haben, verteilte Daimler jeweils 150.000 Euro an SPD und CDU. Ne ganze Menge Kies für Konkorrenz-Unternehmen, die gerade erst aus Krise und Kurzarbeit gefahren sind. Aber wenn in Regierungskreisen von einer Automaut die Rede ist, kann man schon mal ein paar Hunderttausend über den Tisch schieben.

Dienstag, 25. Mai 2010

Wärmerekorde immer kühler

Kalt ist das neue Warm, das haben die Experten unseres kleinen Klimaschutz-Boardes PPQ bereits vor Wochen detailverliebt herausgearbeitet. Neue Belege für diese These kommen jetzt auch aus den Fachmedien: So meldet das Journal "Nature" eben, "die Temperatur in den oberen Schichten der Weltmeere ist zwischen 1993 und 2008 definitiv gestiegen"". Kein Zweifel: "Nach unseren Berechnungen hat die Temperatur bis in 700 Meter Tiefe in diesem Zeitraum um etwa 0,15 Grad Celsius zugenommen", sagt der Forscher Viktor Gouretski. "Bezogen auf alle Ozeane ist das ein erheblicher Anstieg", betonte der Experte vom Klimacampus der Universität Hamburg, und widerspricht damit dem renommierten Klimawatch-Magazin "Der Spiegel", das gleichzeitig ganz cool über "das Phänomen "fehlende Wärme" in den Weltmeeren berichtet.

"Klimaforscher rätseln über Meereskälte", schreibt Axel Bojanowski, der kürzlich noch die langfristigen Folgen der Vulkaneruption auf Island populärwissenschaftlich erklärt hatte, ergänzt um Hinweise "und warum alles noch schlimmer kommen könnte". Jetzt entdeckt der Experte, "dass sich die Ozeane seit sieben Jahren nicht mehr erhitzen, obwohl die Sonnenstrahlung immer intensiver wird." Und es gelingt ihm, dabei völlig auf die "menschengemachte Erwärmung" zu verzichten, die ehemals Grundbaustein jeder Klima- und Wetterberichterstattung zu sein hatte.

Ist sie nun nicht mehr, dafür aber droht nun eine sich zunehmend abkühlende Erderwärmung. Die Klimakatastrophe gerät in die Krise, nachdem Der Spiegel zuletzt noch hatte erläutern können "Warum der Winter kein Winter mehr ist".

Dann wurde der Nicht-Winter so kalt und lang wie seit Jahren nicht mehr, gefühlt hält er für viele sogar immer noch an. Infolgedessen tut sich selbst der Deutsche Wetterdienst schwer, Messmethoden zu finden, nach denen eiskalte Frühlingsmonate als "zu warm" in eine jahrelang hingebungsvoll gepflegte Liste der rekordwarmen Monate eingetragen werden können.

Ob es eine neue Liste rekordkalter Monate gibt, ist unklar, denn demnächst können Monate nicht mehr einfach über Jahre hinweg mit gleichnamigen Vorgängern verglichen werden. Das neue Erklärmuster ist nämlich jetzt: Inzwischen sei der Mai der April, "klassische Wetterlagen verschieben sich nach hinten", heißt es bei DWD-Sprecherin Anja Juckeland. So seien die Frühlingsmonate März und April, die sonst normalerweise viel Regen bringen, etwa in Mitteldeutschland öfter trocken, sonnig und relativ warm - wenn auch nicht in diesem Jahr. Dafür fielen Mai und Juni kühler aus. Auch der Sommer und der Herbst würden sich nach hinten verlagern, weshalb eine "seriöse Prognose für den diesjährigen Sommer" vier Wochen vor dessen Beginn "verfrüht" sei.

Durch "veränderte Luftströmungen in der Atmosphäre", die nicht näher erläutert werden, verschiebt sich der Sommer auf den Herbst, der Herbst wiederum wird zum Winter und der Winter zum Frühling, der wiederum ausfällt, wenn auch nicht überall. Professor Friedrich-Wilhelm Gerstengarbe vom Potsdam-Institut für Klimaforschung, das vor zwei Jahren noch mit einer Verdopplung der Zahl der Sommertage mit über 25 Grad 40 pro Jahr rechnete, was nun aber schon ganz schön eng werden wird, sieht die Verantwortung für die Normalisierung des Wetter bei der Klimaveränderung. Die verschiebe die Verteilung der Hoch- und Tiefdruckgebiete. Während Deutschland einen kühlen Mai habe, habe Moskau schon 25 Grad gemeldet - nur sechs Grad weniger als im Mai der Jahre 1889 und 1891.

Das sei die globale Erwärmung, die zur Folge habe, dass es öfter zu Wetter-Extremen komme. Das sei allerdings keine Einbahnstraße. "Die Schwankungen nehmen in beide Richtungen zu", meint der Klimaexperte. "Nach einem kalten Mai kann auch wieder ein heißer kommen", der dann jedoch vielleicht auf den September oder November oder überhaupt ausfalle. Ausschlaggebend sei vielleicht die Temperatur der Weltmeere, die womöglich gestiegen oder gefallen sei, wodurch jetzt Wärme für die Durchführung der Klimakatastrophe fehle. Weltweit sei der gerade vergangene April immerhin der wärmste gewesen, der je gemessen wurde. Forscher der Universität von Alabama in Huntsville, meldet die Wissen-Redaktion der Süddeutschen Zeitung, würden die gleichen Daten mit etwas anderen Methoden verarbeiten. Bei ihnen lande der April auf dem zweiten Platz nach 1998.

Eigenes Süppchen


Einige werfen ihm eine horrende Schweinerei (Echsenwut Blog) vor, für andere ist es ein Paukenschlag (Spiegel) und wieder andere mutmaßen, Roland Kochs Rücktritt sei Ausdruck der programmatischen wie praktisch-politischen Hilflosigkeit, mit der die Christdemokraten in einer Krise agieren, die sie durch ihre Politik maßgeblich mit heraufbeschworen haben (ntv). Fest steht: Schon im August 2008 wusste ppq, dass der Zahlenmanipulant auf der Suche nach einem neuen Job ist. Über die Gründe grübelt nun ganz Zeitungsdeutschland. Den meisten Lesern und vor allem den Hessen dürfte dies egal sein, Hauptsache er ist erst einmal weg. Und kocht sein eigenen Süppchen. Denn wer hat schon noch Appetit, Kochs Suppen auszulöffeln?

Innovative Geschäftsideen: Smells like Hi Malaya

Der Geruch war überall. Kevin Schnitte spürte ihn nachts, wenn er in seinem kärglichen Zimmerchen zu schlafen versuchte. Er spürte ihn tagsüber, wenn sich der Weg endlose Kilometer lang durch die Berge schlängelte. "Und vom ersten Moment an", erinnert er sich, "fand ich diesen Duft unwiderstehlich." Schnitte weiß, wovon er spricht, schließlich hatte der großgewachsene junge Mann, der heute als einer der innovativsten Unternehmer des Ostens gilt, nach dem absolvierten Abi eine Lehre zum Seifensieder beim DDR-Kombinat Körperkosmetik Patina gemacht. "Damals haben wir natürlich auch gelernt, unsere Nase zu benutzen", erklärt der gebürtige Merseburger, den das Fernweh schon kurz nach dem Mauerfall nach Asien gelockt hatte.

Dort erlebte er auch seine erste Hochgebirgswanderung, und dort wendete sich sein Schicksal. Aus dem Weltenbummler, der eher ziellos von Land zu Land reiste, als wolle er sich überzeugen, dass es all dieser Erdteile, Städte und fremden Sprachen wirklich gibt, wurde der Herr eines Duftimperiums, das im Begriff steht, die Welt der Gerüche zu revolutionieren: Heute bereits stehen die unverwechselbaren Flakons aus dem Hause Schnitte in den großen Parfumerien am Times Square, auf dem Kudamm und in der Dubaier Shopping-Meile direkt neben den Klassikern von Calvin Klein, Alessandro Dell’Acqua, Joop und Junya Watanabe.

Das Erfolgsgeheimnis von Schnittes Firma Ever Estate ist das Hochgebirgs-Parfüm "Hi Malaya", das der damals 32-Jährige während seiner ausgedehnten Wanderungen durch Tibet und Nepal erdachte. Das genaue Rezept ist so geheim, dass Schnitte das handschriftliche Original aus versicherungstechnischen Gründen in einem Safe der Großbank Goldman Sachs in New York hinterlegen musste. Bekannt ist allerdings, dass Himalaya-Katzenminze, Nadeln der Himalaya-Zeder, Pheromone von männlichen Yaks und Küchenschmand aus einer Sherpa-Großküche einen Teil des einzigartigen Aromas bilden.

"Mein Glück war damals", sagt Schnitte, "dass ich Tenzins Tarasa traf". Nachdem er selbst nach dem Genuss einer verdorbenen Pizza einen geplanten Gipfelsturm auf den Cho Oju hatte absagen müssen, habe sich Tenzing rührend um ihn gekümmert. "Dabei verschlug uns unser gemeinsamer Weg eben auch in jene inzwischen so berühmte Großküche." Ein Glücksfall. Den unwiderstehlichen Geruch der Hochgebirgskräuter noch in der Nase, kombinierte Schnitte noch in der ersten Nacht verschiedene Ingredienzien zu dem, was später als "Hi Malaya" zum Kult-Parfum des neuen Jahrtausends werden sollte.

"Natürlich hat die gemeinsam mit Tenzing Tarasa erdachte besondere Verpackung einen großen Anteil am weltweiten Erfolg. Ever Estate füllt "Hi Malaya" generell in naturgebrochene, ungeschliffene Flakons aus Hochgebirgsfels (Bild links), es gibt keine Schraubverschlüsse, sondern nur einen bündig schließenden Steckpfropf, den Sherpahandwerker vor Ort in der Hochgebirgsmetropole Lukla diekt aus den Felswänden schlagen. In der Exklusiv-Linie "Hi Malaya High Time" werden die Flakons nach dem Ausbrechen aus dem Gebirgsmassiv in einem südlich gelegenen Tal abgelegt, um sie hier naturbemoosen zu lassen. Käufer dieser alljährlich nur einer Auflage von 3467 Stück angebotenen Linie sind bereit, bis zu 12.000 Dollar für 25 Milligramm Parfüm zu zahlen.

Doch auch das normale, generell ohne jede Aufschrift vertriebene "Hi-Malaya" (zu deutsch so viel wie "Kid-Spirit") ist im Vergleich zu anderen Produkten konkurrenzlos teuer. Kevin Schnitte jedoch lächelt solche Vorwürfe weg: "Unsere Kunden wissen, wofür sie ihr Geld ausgeben", sagt der Merseburger. Obgleich Ever Estate weder für die Nebenwirkungen des betörenden Duftes wirbt noch sich für sie verbürgt, hat sich doch vom Verkaufsstart im Weihnachtsgeschäft 2007 an rasend schnell herumgesprochen, dass es dem Newcomerunternehmen erstmals gelungen ist, ein olfaktorisch wirkendes Potenzmittel anzubieten. Darauf spielt auch der Werbespot mit der verführerischen jungen Frau an, die leise in die Kamera haucht "Smells like Hi - Malaya". Der Riechstoff, der diese bei weiblichen und männlichen Nutzern nachweisbare Wirkung entfaltet, sei dazu aus einem polaren und einem unpolaren Teil zusammengesetzt worden, lüftet Schnitte ein wenig den Vorhang vor dem großen Geheimnis, das ihn zum mehrfachen Millionär gemacht hat. Das sei auch der Grund, warum "Hi Malaya" auf jeden Menschen betörend wirke, aber für jeden Menschen anders rieche: "Da unsere Geruchsrezeptoren chiral sind, rufen Enantiomere eines Riechsstoffes einen unterschiedlichen Geruch hervor". Das überzeugt Damen und Herren weltweit, bis in die höchsten Kreise, gerade hat Schnitte eine Lieferung für eine deutsche Parfümeriekette fertiggemacht, die damit in ihrem Premiumshops punkten will. Ums Geld geht es dem Merseburger nicht. "Ich hoffe vielmehr", sagt der mehrfache Multimillionär bescheiden, "dass wir mit "Hi Malaya" etwas gegen die grassierende Geburtenunlust in Deutschland tun können."

Montag, 24. Mai 2010

Kultlatschen für Spätossis

Die Menschen damals, sie hatten ja nichts anderes. Die angesagtesten Schuhe waren flach, häßlich und nirgendwo zu bekommen, die schönsten Sandalen zeichneten sich durch den Charme eiserner Unverwüstlichkeit bei völligem Verzicht auf Form oder gar Eleganz aus. Der Teil der DDR-Jugend, der sich selbst als außerhalb der Gesellschaft stehend empfand, trug mit Vorliebe solche Jesuslatschen, auch Römer genannt. Während im tiefen Winter zu "Trampern" gegriffen wurde, einer Art knöchelhohem Wanderschuhe mit papierdünner Sohle und einem Oberleder aus Nubuk-Fensterputztüchern.

Damals wurden die Latschen getragen, bis der Schuster durch die Löcher rief und die Größe sich durch beständiges Dehnen bei natürlicher Feuchtigkeit von innen und außen um zwei bis drei Nummern erhöht hatte. Nachschub gab es selten, Alternativen gab es nie - welch ein Unterschied zu heute, wo der Westverleger Hubert Burda, Erbe des 1938 während der „Arisierung“ durch die Nationalsozialisten zum Großkonzern avanciertern Burda-Konzerns, in einem neuen Ostalgie-Shop im Internet Ewiggestrige und nachgezüchtete Ostalgiker mit den "Kult Latschen der DDR" (Zitat) beschickt, zu deren Kulturgeschichte erläutert wird "Wer die nicht hatte, lebte nicht in der DDR!"

Aber nicht jeden, der zu spät kommt, bestraft das Leben! "Nun endlich sind sie wieder da unsere Ossilatschen, Jerusalemlatschen oder auch Römerlatschen", heißt es auf ost-arkaden.de, dem neuen Goldesel im Burdastall, in dem potentiellen Käufern zur Schicksalssandale der DDR-Jugend erklärt wird: "Inhalt: 1 Paar Römersandalen = 2 Schuhe". Das Pionierhalstuch gibt es sowohl in blau als auch in rot (für Fortgeschrittene), wird die Sehnsucht allzu groß, darf man ein "NVA-Reservistentuch" oder eine "original-NVA-Koppeltasche" ordern, das dann über dem Shirt "Ich bin stolz, ein Ossi zu sein!" getragen wird.

Inhalt einer darüber zu tragenden NVA-Jacke ist hingegen "echtes DDR-Feeling beim Joggen", obwohl das ja seinerzeit noch Dauerlauf hieß. Aber wer wird denn hier auf Details achten? Das Ampelmännchen gibt es hier als "Schlüsselanhänger grün", eine Tat, zu der selbst die komatöse DDR-Konsumgüterindustrie moralisch nicht fähig gewesen wäre, als Bücher locken "Alles Trabi, oder was?" und das "DDR Getränkebuch", das eine Entdeckungsreise durch ein Land verspricht, in dem "gern und häufig gefeiert" wurde und das "neben den vielen offiziellen Feiertagen wie dem Jahrestag der Sozialistischen Oktoberrevolution und dem Tag der Republik" auch zu "privaten Anlässen". Ganz neu im Laden ist das "Tshirt Helfer der Volkspolizei grün" und ein Modell des "Palastes der Republik", in dem das DDR-Parlament seine Politik für das Volk beschloss. In Ergänzung des erfolgreich angelaufenen Ostkult-Ladens soll vielleicht schon demnächst ein Internetportal mit Kultklamotten aus dem 3. Reich eröffnet werden. Unter der Adresse "Reichskult.de" werden dann Flakhelfer-Armbinden, Stiefelputzsets aus dem Reichsarbeitsdienst und Fahrtenmesser der HJ angeboten. Alle Teile seien nach Originalbauplänen von Albert Speer in Fernost nachgebaut worden, heißt es vorab.

Wer´s glaubt, wird selig


Der Glaube ist noch da. Der Glaube an Götter, an alte Mythen. Glaubt man der Suchmaschine, dann haben die Suchenden jene überirdischen Dinge vor die Pleite gestellt. Weniger nachgefragt ist der griechische Urlaub oder auch Rezepte aus dem Pleiteland. Wer´s glaubt, wird selig.

Abriss-Exkursionen: Geheime Atom-Keller

Alle Arbeiter- und Bauern legten zusammen, um ihrer Führung wenigstens noch die Zeit zur Führung jenseits des ersten Einschlags von Atomraketen auf deutschem Boden zu verschaffen. 300 Millionen Mark und fünf Jahre Bauzeit investierte die DDR, um nahe Prenden in Brandenburg einen 65 mal 50 Meter großen Bunker in die Erde graben zu lassen. Die 85.000 Tonnen Beton, die hier verbuddelt sind, sieht man nicht - oberirdisch sieht das 1983 eingeweihte Geheimobjekt 5001 aus wie eine beliebige NVA-Kaserne.

Der Zugang zum Bunker erfolgt durch den Keller eines dreistöckigen Betonbaus aus dem Baupuzzle der DDR-Fertigteilarchitektur. Der Feind im Westen wusste trotzdem, womit er es hier zu tun hatte: Direkt hinter dem nur an ein paar Abluftschächten erkennbaren Bunkerbau reckt sich ein riesiger, inzwischen überwucherter Berg aus Beton in die Luft, der nach Aussagen von ehemaligen Beteiligten am Bunkerbau entstand, weil die Betonlieferungen oft zu Zeiten antrafen, an denen kein Beton benötigt wurde. Die Wehrpflichtigen, die mit dem Aufbau beschäftigt waren, kippten das Material, nach dem sich alle DDR-Häuslebauer die Finger geleckt hätten, deshalb notgedrungen auf dem Gelände ab.

Obwohl so früh dekonspiriert, gilt der Bunker als das technisch vollkommenste Schutzbauwerk auf dem Gebiet der ehemaligen DDR. Dabei ist er aus lauter notdürftig umgewidmeten Teilen zusammengeschraubt worden: Die Stromversorgung im geschlossenen Zustand sollten zweckentfremdete Schiffsdiesel aus Schönebeck sicherstellen, für den Schutz vor Erschütterungen war die gesamte Innenkapsel auf Federn gelagert, die sich die Erbauer aus der Fabrikationslinie des LKW W 50 entliehen hatten.

So konnte der Bunker von 1978 an in nur fünf Jahren Bauzeit fertiggestellt werden. Ab 1983 besetzte ihn die Ausweichführungsstelle des sogenannten Nationalen Verteidigungsrates (NVR) rund um die Uhr, Erich Honecker selbst, der oberste Vorsitzende des höchsten Staatsgremiums im Verteidigungsfalle, schaute sich seinen Bunker allerdings nie an.

Viel verpasst hat er nicht, zweimannshoch unter der Erde. Die Ausstattung ist zweckmäßig und ganz im Stil der DDR-Zweckbauten gehalten. Vorgesehen war die militärische Anlage für die Angehörigen des NVR der DDR und deren engste Mitarbeiter. Unter fünf Metern Erde und weiteren vier Metern doppelt ausgeführter Deckenkonstruktion hätten 400 Personen vierzehn Tage lang überleben sollen, der Zugang wäre im Ernstfall nur durch mehrere Schleusen möglich gewesen, die von einem Wachkommando geöffnet hätten werden müssen. Honecker selbst stand ein Arbeitsraum von der Größe einer Neubauküche zur Verfügung, der direkt an den zentralen Beratungsraum grenzte. In dem hingen Fernsehgeräte aus westdeutscher Produktion, es gab eine Kartenwand mit sorgsam ausgetüftelter Vorhangmechanik zum elektrischen Aufziehen verschiedener Kartenausschnitte und elektronische Pulte zur Kontaktaufnahme mit allerlei anderen Institutionen, die nach dem Ausbruch des Atomkriegs zumindest theoretisch in ähnlichen Erdverhauen gesessen hätten.


Nach dem Mauerfall ließ der neue Besitzer, das Land Berlin, den unter Denkmalschutz gestellten Schutzbau für Staatschef Erich Honecker zumauern, allerdings pickerten Andenkenjäger und Bunkerfans immer wieder Löcher in die Betonplombe. Pünktlich zum großen Jubiläumsjahr der "friedlichen Revolution" im vergangenen Jahr, vor dem auch der Abriss des Palast der Republik als erledigt gemeldet werden konnte, wurde der Bunker noch einmal offiziell für Besucher geöffnet. Die konnten dann einen einsamen Stuhl im Honecker-Zimmer bestaunen, sich fragen, ob die zweite Liege in dessen Schlafraum wohl für Margot gewesen wäre und im Speiseraum darüber nachdenken, ob es nicht doch besser gewesen wäre, gleich tot zu sein als wieder wie einst im Kindergarten Erbspüree mit Alugeschirr von Plastiktellern zu kratzen. Nach dem Abzug der letzten Touristen durch einen eigens gegrabenen Sondereingang hat das Land Berlin den Honeckerbunker dann endlich endgültig verschlossen. Neugierige können auf einen naturgetreuen Nachbau im Intenet zurückgreifen, Archäologen der Zukunft sich freuen: Abgesehen vom Schimmel, der schon zwei Jahrzehnte nach dem Mauerfall alle Weichteile im Untergrund angefressen hat, wird hier in 1000 Jahren noch alles so sein wie es damals war.

Mehr Abriss-Exkursionen

Wer hat es gesagt?

“Prügel ist das einzige Resurrektionsmittel für den deutschen Michel.”

Wiedergeboren als Mannichl-Mörder

Seinerzeit wurde er verzweifelt gesucht, der Mann, der eine "neue Qualität rechtsradikaler Gewalt" (Bayerns Innenminister Hermann) nach Deutschland gebracht hatte. Alois Mannichl, aufrecht im Kampf gegen rechts stehender Polizeichef des Örtchens Passau, war eines Vorweihnachtsabends vor der Tür seines Hauses mit einem von ihm selbst zur Vefrügung gestellten Messer angegriffen worden - ein offensichtlich Rechtsradikaler bestellte ihm vor dem versuchten Todesstich noch "schöne grüße vom Nationalen Widerstand", ehe er verschwand.

Die größte Fahndung seit der nach der RAF aber blieb ergebnislos. Obwohl Mannichl den Täter bis auf dessen auffälliuge Hals-Tätowierungen genau beschrieben hatte, konnte weder ein Rechter noch sonst ein Tatverdächtiger gefunden werden. Auch zahlreiche, sechs Wochen nach der Tat in der Nähe des Wohnortes des Opfers sichergestellte Zigarettenkippen konnten im Labor des Bayerischen Landeskriminalamtes keinem Täter zugeordnet werden.

Erst jetzt wird klar, warum die Sonderkommission weder in Deutschland noch in den grenznahen Gebieten Österreichs Spuren des auffälligen Schlangennazis finden konnte. Forensische Fotovergleiche, die Privatfahnder im Auftrag des Fahndungsboards PPQ vorgenommen haben, zeigen, dass die Spur des mutmaßlichen Mannichl-Verdächtigen auf die britische Insel führt: Hier lebt der gebürtige Berliner Kevin-Prince B., der jüngst zu einigem Ruhm gelangte, als er den bis dato amtierenden Kapitän der deutschen Fußball-Nationalmannschaft in aller Öffentlichkeit und mit großem Anlauf niedertrat.

Danach standen - so PPQ-Informationen - die Notruf-Telefone bei den verbliebenen Fahndern der Sonderkommission Lebkuchenmesser in Passau nicht mehr still. Dutzende Anrufer hatten sich beim Betrachten von Kevin-Prince B.s ruchloser Tat an die Fahndungsbilder mit der Freihandzeichnung des Schlangenmannes erinnert, mit denen das gesamte deutsche Polizeiwesen an Heiligabend vor zwei Jahren nach dem rechtsradikalen Messerstecher gesucht hatte. Viele Anrufer wollten den immer noch abgängigen Täter nun im britischen Profifussballer aus Berlin wiedererkannt haben - einige Anrufer gaben sogar sofort ihre Kontonummern durch, um sich die seinerzeit ausgesetzte Belohnung von 20.000 Euro (plus Zinsen) überweisen zu lassen.

Mehr unerwartete Wiedergeburten

Die Krise sehen und verstehen

Fünf Minuten reichen völlig, zu verstehen, woher das kommt, was jeden Abend in der Aktuellen Kamera als "Krise" herumgereicht wird. Nein, abgefeimte Zockerspekulanten hätten es nie fertiggebracht, entwickelte Volkswirtschaften überall auf der Welt ins Wanken zu bringen. Dazu brauchten sie Hilfe und Unterstützung von Politikern und Regierungen, denen das Hemd der Machterhaltung bei der nächsten Wahl für die eigene Partei immer näher als als der Rock des Glücks zukünftiger Generationen. Auf Visu-Online hat das Institute for Structural Economics in einer Art Sendung-mit-der-Maus-Animation grob dargestellt, welche Mischung aus Sofortlösungssucht, billigem Geld und systemimmanenten Rückkopplungen den Schlamassel gebraut hat, von dem die ganze Welt nun so einen fürchterlichen Kater leidet. Wer sich bis zum letzten Bild durchklickt, bleibt allerdings mit der Frage zurück, wie ausgerechnet noch mehr von der Droge, die die Abhängigkeit verursacht hat, nun Heilung bringen soll.

Mit Unterhosen Oberwasser gewinnen - eine perfide Strategie

Alles Mahnungen waren vergeblich. Schon vor zwei Jahren wies unser Antifa-Board PPQ darauf hin, dass in großen deutschen Supermärkten Kleidungsstücke der Marke Lonsdale, die "besonders von rechtsorientierten Jugendlichen" (dpa) gern getragen werden, für bitterkleine Preise verramscht werden. Eine neue empirische Untersuchung ergab jetzt, dass gerade das in Baumwolle engagierte Finanzkapital nicht nur die Welt mit Wetten auf leere Einkaufskörbe ins Unglück stürzen will. Nein, durch Rabatte auf Lonsdale-Shirts und Lonsdale-Unterhosen werden nach den ökonomischen auch die moralisch-ethischen Grundfesten der bürgerlichen Gesellschaft ins Visier genommen. Nur mit der wesenlich radikaleren Marke Thor Steinar haben die "Unverbesserlichen" (Charlotte Knobloch) nicht soviel Erfolg. Im Zuge des "Wehret den Anfängen" sollte trotzdem der Verein Miteinander das Shirt erwerben und rituell verbrennen. Sicher ist sicher.

Freitag, 21. Mai 2010

Rettungsgeschrei um den heißen Brei

Wiedermal gerettet! Diese Woche gelang es bereits am Freitagvormittag, die notwendigen Maßnahmen zu treffen, um den menschenverachtenden Angriff zynische Zockerspekulanten auf die Gemeinschaftswährung Euro durch eine kollektive Abstimmungsaktion in Bundesrat und Bundestag abzuwehren. „Die Märkte sind außer Kontrolle“, hatte Finanzminister Wolfgang Schäuble vorher gewarnt, während der frühere Mister Dax, Dirk Müller, inzwischen zum Bild-Börsenexperten aufgestiegen, den Spekulanten bescheinigt, "inzwischen zur psychologischen Kriegsführung übergegangen" zu sein: „Sie verbreiten Horror-Szenarien!"

Nach Müllers Meinung könnte die Politik gegensteuern – wäre sie es nicht selbst, die die schlimmsten Szenarien ausdenkt und mit ständig neuem Alarmgeheul signalisiert, dass sie weder im Bilde darüber ist, was eigentlich vorgeht, noch auch nur den Schimmer einer Ahnung hat, wie man dagegen vorgehen könnte.

Stattdessen schwurbelt die eben noch als Klimakanzlerin um Liebe buhlende Kabinettsvorsitzende vom Angriff geheimnisvoller Mächte auf das "Projekt Europa" und drohte ein Verschwindes des gesamten Kontinent an, wenn dessen schuldenfreudige Regierungen nicht weitermachen könnten wie bisher gewohnt. Ihr waidwunder Finanzminister, durch Tätigkeiten als Kanzleramts- und Innenminister ein Finanz-Fachmann reinsten Wassers gewachsen, imaginiert flankierend "Märkte außer Kontrolle", als seien natürlich die Straßen schuld, wenn jemand zu schnell fährt.

Dabei haben ausgerechnet diese Märkte dafür gesorgt, eine für jeden Reisenden in die USA seit Jahren unübersehbare Überbewertung des Euro abzubauen, wie auch das das ifo Institut für Wirtschaftsforschung an der Universität München in einer neuen Analyse belegt. In dem Papier kommt das Institut zu dem Schluss, dass entgegen anders lautender Behauptungen keine Systemkrise des Euro vorliege: Gemessen an der Kaufkraft sei der Euro im Gegenteil auch bei 1,25 Dollar pro Euro immer noch überbewertet. Dafür spricht auch der BigMac-Index, mit dem der britische The Economist seit einem Vierteljahrhundert Kaufkraftunterschiede weltweit misst. Bei einem Stand von 1,39 Dollar pro Euro kostet der McDonalds-Hamburger in Europa demnach 3,31 Euro oder 4,63 Dollar, in den USA aber nur 3,59 - um zu gleichen Preisen zu kommen, müsste der Euro weiterfallen bis auf 1,085 Dollar.

Ähnlich sieht es beim von PPQ exklusiv erstellen Apple-iPad-Index aus: 499 kostet die 16 GB-Ausgabe des Gerätes beiderseits des Atlantik - nur in den USA eben in Dollar, in Europa in Euro. Dadurch bezahlt jeder Amerikaner eigentlich nur 399 Euro, jeder Europäer aber umgekehrt 623 Dollar für ein iPad - um einen Ausgleich herzustellen, müsste der Euro bis auf einen Dollar fallen.

Nach Ansicht des Ifo-Instituts ist es nicht ganz so schlimm. Der faire Kurs läge den Experten zufolge bei etwas 1,14 Dollar, ein Kurs von 1,25 wie derzeit läge damit völlig im Rahmen des Rationalen. "Gefährdet war in der Krise nicht der Euro, sondern die Fähigkeit der europäischen Schuldensünder, sich weiterhin so günstig zu finanzieren wie Deutschland", glaubt Ifo-Chef Hans-Werner Sinn. Bundestag und Bundesrat griffen dennoch zum Rettungsschirm und schoben Deutschland in die Verantwortung für die Rückzahlung der Schulden aller anderen Eurostaaten.

Die "Märkte außer Kontrolle" reagierten darauf schnell und kein bisschen irrational: Durch den Rettungsschirm ist das Risiko für den Euro insgesamt gestiegen, weil nun alle Länder in einem Boot sitzen und hinter dem Lender of Last Resort niemand mehr ist, der den nächsten Rettungsschirm spannen oder gar halten können wird. Der Kurs des gerade geretteten Euro fiel folglich mit der Ankündigung, dass er nicht mehr bedroht sei.

Abriss-Exkursionen: Weltuntergang zur Wiedergeburt

Das ist mal der ganz besondere Fall, in dem der Weltuntergang zur Wiedergeburt geführt hat. Das Tschernyschewsky-Haus in Halle, eine ausladende Ruine an einem Nebenarm der Saale, hatte der Universität jahrzehntelang als Hörsaalgebäude gedient, dann aber kam die "Loge zu den Weltkugeln" und begehrte die Rückübertragung ihres früheren Logengebäudes. Anschließend wurde das Haus mit einem großen Vorhängeschloss am Eingangstor saniert. Es verfiel hernach malerisch.

Zumindest bis zu dem Tag, an dem die Krise kam. Jetzt war dringender Bedarf an Ruinen, die sich mit Geld und guter Laune zur Arbeitsbeschaffung benutzen ließen. 16 Millionen Euro legte die Landesregierung für den Umbau des Tscherny-Hauses zum künftigen Sitz der Akademie Leopoldina auf den Tisch, ein Bauschild erschien am Eingang, noch ehe die künftige erste Wissenschaftsadresse der Stadt der klammen "Großen National-Mutterloge" überhaupt abgekauft war.

Jetzt wird gebaut am in den 20er Jahren errichteten Gebäude mit der bewegten Geschichte. Mehr als 100 Jahre diente das weitläufige Ensemble, zwischen 1821 bis 1823 nach Plänen von Stadtbaumeister Johann Justus Peter Schulze auf Teilen der vorherigen Bebauung errichtet, als Logenhaus der Freimaurerloge „Zu den Drei Degen“. Unter der Herrschaft der Nationalsozialisten wurde die Loge 1934 verboten und enteignet, ab 1940 zog die NS-Gauleitung von Halle in die repräsentativen Räumlichkeiten hoch oberhalb des Moritzburgringes.

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs musste so nur die Farbe der Türschilder gewechselt werden: Jetzt zog die russische Stadtkommandantur ein, die von hier aus die Demontage der mitteldeutschen Industriebetriebe und den Wiederaufbau Teildeutschlands als befreundetes Brudervolk organisierte. 1952 war alles in trockenen Tüchern, die Universität durfte das Haus als Bibliotheks- und Hörsaalgebäude übernehmen. Folgsam benannten die Verantwortlichen das Gebäude nun nach dem russischen Früh-Revolutionär Nikolai Gawrilowitsch Tschernyschewski, der Lenin einst zu dessen Fundamentalwerk "Was tun?" inspiriert hatte.

Innen ist das Haus auch nach beinahe zehn Jahren Leerstand ein in Größe und Zuschnitt beeindruckender Stadtpalast. Hier und das finden sich noch freigekratzte Spuren der früheren Logen-Symbolik, da und dort faulen ein paar Dielen und ein paar Fenster sind zu Bruch gegangen. Angesichts der bewegten Geschichte des Gemäuers aber hat die Zeit verblüffend wenige Zeichen in den Stein geritzt. Was noch zu sehen ist, wird spätestens nach der Sanierung und dem Umbau als Hauptsitz der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina verschwunden sein.

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Donnerstag, 20. Mai 2010

Absage an das Aschemonster

Würde der Euro scheitern, scheiterte auch Europa, dabei konnte die Gemeinschaft mit Unterstützung der britischen Behörden eben erst das kreuzgefährliche Aschemonster bannen, das den Kontinent vor einem Monat kurzzeitig ins Flugverbotskoma geschickt hatte. Zwar schickt der isländische Vulkan Eyjafjöll weiterhin gewaltige Aschewolken in Richtung Europa, inzwischenkonnten aber die Grenzwerte für die Aschebelastung der Luft so geändert werden, das für Fluggäste keine Gefahr mehr besteht.

Die britische Luftfahrtbehörde hat jetzt den Grenzwert für Vulkanasche in den Flugkorridoren massiv angehoben. Er wurde verdoppelt, von 2000 auf 4000 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft. Flughafen-Sperrungen wie Mitte April sind damit auf dem europäischen Kontinent künftig nicht mehr notwendig. Auch gefährlich Messflüge mitten in die Flugverbotszonen, um die dortige Aschekonzentration (Experimentalflugfilm unten) festzustellen, wie sie die Bundesregierung ins Spiel gebracht hatte, wären nicht mehr nötig, weil Flugkapitäne Vulkanstaub in so hohen Konzentrationen mit bloßem Auge erkennen können.

WM ohne Ostfußballer: Abschied der Spartakiade-Kicker

Michael Ballack hat sich geopfert, der "Capitano" (Jürgen Klinsmann) hat den Weg frei gemacht zu Deutschlands viertem Weltmeistertitel. Ein Opfer, das den Spieler selbst schmerzt, das aber notwendig war, um endlich wieder nicht nur Finals zu spielen, sondern sie auch zu gewinnen, wie früher, als noch keine Spieler aus der ehemaligen DDR in der deutschen Nationalmannschaft versuchten, bei großen Turnieren zu mitzusiegen. Und dabei regelmäßig scheiterten.

Dabei zeigte das Jahr 1990, wie souverän deutsche Fußballer die Weltspitze dominieren können. Die Mauer war gefallen, der Kalte Krieg beendet, die deutsche Fußball-Nationalmannschaft war mit dem Selbstvertrauen der anstehenden Wiedervereinigung zur Weltmeisterschaft nach Italien gefahren. Dort holte sie prompt den Titel und Franz Beckenbauer, seinerzeit Trainer der Weltmeisterelf, drohte der Welt an, wie es weitergehen würde: "Deutschland wird durch die Wiedervereinigung und die Spieler der DDR auf Jahre unschlagbar sein", kündigte er an.

Und irrte. Denn kaum stießen die ersten Spieler aus der ehemaligen DDR-Oberliga zum Kader, war es auch schon vorbei mit den großen Erfolgen. Bei den Weltmeisterschaften 1994 und 1998 reichte es trotz treuer Begleitung durch Fans aus Mitteldeutschland und eine Fahne mit aufmunterndem "Halle/S"-Aufdruck für die Kombination aus Deutschland West und Deutschland Ost gerade noch zu einem Plätzchen im Viertelfinale. Bei der Europameisterschaft war zweimal in der Vorrunde Schluss.

Ostdeutsche, das lehrt die Fußballgeschichte seit 1954, sind einfach nicht für den ganz großen Erfolg gemacht. Beweise dafür sind Legion: Niemals wurde ein ostdeutscher Spieler Weltmeister, niemals gelang einer DDR-Nationalmannschaft bei einer Welt- oder Europameisterschaft auch nur die Annäherung an die Spitzenteams der Welt. Der 1974er Sieg gegen den Klassenfeind aus dem Westen blieb ein singulärer Ausrutscher, verursacht wohl allein durch die statistisch belegbare Tatsache, dass eine deutsche Elf kein wirklich wichtiges Spiel gewinnen kann, wenn ostdeutsche Spieler mit auf dem Rasen stehen.

Ost und West zusammen sind seitdem die Garantie dafür, keinen Titel zu gewinnen. Selbst 1996, als in Großbritannien der Sieg bei der Europameisterschaft gefeiert werden konnte, versuchte der einzige aufgelaufene Ostspieler Matthias Sammer mit einem Foul an Karel Poborský in der 59. Minute alle Weichen auf einen Sieg der Tschechen zu stellen.

Ungeachtet der Fakten ist der Ruf der Spieler aus der alten Spartakiade-Schule der DDR immer noch besser als ihre Erfolgsbilanz. "Von ihren Qualitäten her könnten viel mehr Spieler aus den neuen Bundesländern in der Nationalmannschaft spielen“, glaubt etwa Felix Magath, der sich aus Solidarität mit dem armen Teil Deutschlands schon vor Jahren ein Grundstück in Sachsen-Anhalt zugelegt hat. Viele Spieler aus dem Osten besäßen eine bessere Ausbildung sie seien konditionell, technisch und taktisch gut geschult, analysiert der Erfolgscoach, der aber auch die "Problematik" (Magath) der Ostler erkennt: Die liege „manchmal darin, diese Voraussetzungen umzusetzen“.

Klappt in Vorrundenspielen gut, in Finals aber nie. Je mehr Ostdeutsche in den Farben der Nationalelf aufliefen, umso stabiler schaffte es die Elf in die Nähe eines Titels. Und umso sicherer blieb er ihr am Ende doch versagt. Spielten 1994 noch zwei gebürtige Ostler im Nationaltrikot, waren es 1996 schon drei, 1998 gar fünf und 2000 wie auch 2002 sogar sieben. Danach ging es bergab, denn die Generation, die noch die strenge Zucht ordentlicher DDR-Sportschulen erlebt hatte, kam in die Jahre und nur wenig nach. 2004 standen nur noch drei Ossis im Kader, 2006 noch einmal vier und 2008 sogar fünf - doch die Zeiten, wo der Ostdeutschen-Anteil an der Gesellschaft auf dem Platz mit Sammer, Kisten, Freund, Heinrich, Jancker und Jeremies um 400 Prozent überboten wurde, waren vorüber.

Es sind Rückzugsgefechte zum Wohle des Fußballstandortes Deutschland, die die späte letzte Spartakiade-Generation der Ballack, Fritz, Enke, Adler, Borowski und Huth führt. Während sich Wolfgang Thierse, ostdeutscher Taliban und Straßenblockierer, noch besorgt fragt: "Was wäre die Nationalmannschaft zuletzt ohne die Spieler, die in der DDR ausgebildet worden sind, gewesen?", kommt die Antwort vom Platz "Vielleicht Weltmeister?" Nach dem gefühlvoll inszenierten Rückzug von Robert Enke, dem Verletzungs-Verzicht von Adler und dem leistungsbedingten Rückzieher von Huth hat Michael Ballack als einer von nur noch drei verbliebenen gebürtigen Ostdeutschen im Kader von Jogi Löw mit Hilfe von Kevin Prince Boateng konsequent die Konsequenzen aus der verheerenden Titelbilanz ostdeutscher Fußballer gezogen. Ballack, und das ist eine nationale Tat, hat den Weg frei gemacht für einen Neustart zum Titel.

Wenn Toni Kroos und Clemens Fritz in Südafrika nicht doch noch in die Anfangself berufen werden.

Dumm und dümmer

"Zehn Deutsche sind natürlich dümmer als als fünf Deutsche", legte der große ostdeutsche Theatertheoretiker Heiner Müller seinerzeit fest, ohne auf die Konsequenzen einzugehen, die das zwangsläufig für ein Volk von 82 Millionen Menschen haben muss. Umso schonungsloser aber legt die jetzt eine Infratest-Umfrage im Auftrag der Fondsgesellschaft Axa Investment Managers offen.

Galt bisher das alte Poem von Hildegard Maria Rauchfuß "Einmal wissen, dieses bleibt für immer", so zeigen die Umfragergebnisse ein völlig konträres Bild: Je länger die Finanzkrise andauert und je mehr über wirtschaftliche und finanzielle Zusammenhänge berichtet wird, desto weniger wissen die Menschen darüber. Und noch schlimemr: Vieles, was sie bereits einmal wussten, geht ihnen wieder verloren.

Fachwissen finanzieller Art, bei Partys häufig Stoff für Kokettierereien Marke "Damit kenn' ich mich nun gar nicht aus", scheint doch "Rausch" zu sein, "der schon die Nacht verklagt", wie die Leipziger Dichterin Rauchfuß ohne jede Börsenerfahrung vermutete. Ging die Wissenschaft bisher davon aus, dass sich Wissen im Menschen ausschließlich anreichern könne, ein gesunder Mensch also schlechterdings gar nicht in der Lage sei, im Laufe seines Lebens dümmer zu werden, stellt sich jetzt das Gegenteil als richtig heraus: Beim Vergleich zu den Umfrageergebnissen der vergangenen Jahre konnten die Marktforscher feststellen, dass der Anteil der Mitbürger, die etwas über wirtschaftliche Zusammenhänge wissen, geringer geworden ist.

Von wegen "Einmal fassen, tief im Blute fühlen"! Wissen wird immer dünner, Dummheit immer dümmer. Großes Glück für die ehemalige Klimakanzlerin Angela Merkel und ihren beinahe wegen Parteispenden vorbestraften Finanzminister Wolfgang Schäuble, einen der Väter der verunglückten Euro-Konstruktion. Erstmals gehörten zur Gruppe derjenigen, die zugaben, nichts über Geldanlage und Wirtschaft zu wissen, mehr als die Hälfte der Befragten. In den Jahren 2006 und 2007 waren das lediglich 38 Prozent gewesen. Gleichzeitig schrumpfte der Anteil der Menschen, die sich selbst als finanztechnisch kundig einschätzen und denen man daher nicht bedingunslos mit selbsterfundenen Verschwörungstheorien von bösen Spekulanten und verrückt gewordenen Märkten kommen kann, auf gerade noch fünf Prozent. Während die griechische Zentralbank längst der größte Leerverkäufer griechischer Staatsanleihen ist, hat der Anteil der Wähler, die das nicht nur wissen wollen, sondern auch verstehen können, damit den niedrigsten Anteil seit der ersten Umfrage vor vier Jahren erreicht.

Mittwoch, 19. Mai 2010

Stadt und Land, Hand in Hand

Stadt und Land, Hand in Hand! Berlin und Caracas haben gemeinsam eine konzertierte Aktiuon gegen gesinnungslose Zocker und abgefeimte Spekulanten gestartet, um die Sparvermögen ihrer Bürger, die Sabilität der Währungen, den Weltfrieden und das Glück der Völker zu schützen. Entschlossen untersagte die Bundesregierung in Deutschland "hochriskante Finanzwetten", um den Euro zu stützen, in Venezuela hingegen unterzeichnete Hugo Chavéz ein Gesetz, das sich direkt gegen die "Spekulation mit den Dollars"es

Die Achse Berlin - Caracas funktioniert wie geschmiert: Während der frühere Klimakanzlerin Angele Merkel sich vor dem Bundestag in Berlin entschlossen zeigte, Finanzspekulanten an die Leine zu nehmen und die Finanzrisiken für den Euro durch Verbote zu begrenzen, kündigte auch ihr Kollege Chavez in seiner wöchentlichen TV-Sendung "mehr Regulierung für die Bourgeoisie" an. Auf dem Schwarzmarkt für Devisen, so der Präsident, werde für einen Dollar deutlich mehr als der offiziell festgelegte Umtauschkurs geboten. Wenn aber jemand statt des offiziellen Umtauschkurses von 4,3 für einen Dollar zehn Bolívar bezahle, handele es siczh um "Raub".

Eine Ansicht, die Angela Merkel in ihrer Regierungserklärung nachdrücklich unterstrich. Die Währungsunion sei eine "Schicksalsgemeinschaft", zitierte Merkel einen Ausspruch des früheren Führers und Reichskanzlers und heutigen n-tv-Moderators Adolf Hitler. Es gehe um nicht mehr und nicht weniger als um die Bewahrung der europäischen Idee. Scheitere der Euro, dann scheitere Europa.


Das glaubt auch Hugo Chavéz, der seine Regierung ebenso wie Merkel im Visier dunkler Mächte sieht, die him zwingen wollten, das System des festen Wechselkurses aufzugeben. Er wolle hart dafür arbeiten, die Spekulation zu bekämpfen. Man könne diejenigen nicht gewähren lassen, die auf eine Abwertung des Bolívar wetten würden, der seit Januar zu gleich zwei festen Wechselkurs zum Dollar gehandelt wird: 4,3 Bolívar gilt allgemein, für Lebensmittel, Arzneimittel und Investitionsgüter aber sind 2,60 festgeschrieben. Die Maßnahme wurde mit der Bekämpfung von Spekulation und Inflation begründet.

Chavéz fordert die Bürger auf, Spekulanten zu melden, eine Maßnahme, vor der Berlin noch zurückschreckt. Bislang sei es durch jede neue Rettungsaktion der Regierung gelungen, den Euro noch ein wenig weiter in den Boden zu rammen, nörgeln Kritiker. Eine allgemeine Meldepflicht für Zocker, Spekulanten und FDP-Wähler werde vermutlich nur noch mehr Kapital aus dem Land treiben. Angela Merkel jedoch, zu ihrer fünften historischen Rede in vier Wochen angetreten in einem Kostüm der Farbe lila, der traditionell magische Kraft beim letzten Versuch zugesprochen wird, hat die Logik auf ihrer Seite: "Wenden wir die Gefahr nicht ab", sagte sie, "dann sind die Folgen für Europa unabwendbar".

Dienstag, 18. Mai 2010

Der große Schuldenzauber

Kaum vom Krankenbett auferstanden, hat Finanzminister Wolfgang Schäuble im Handstreich für die Beseitigung aller Schuldenprobleme Europas gesorgt. Nach einer ad hoc-Entscheidung der Bundesfinanzaufsicht werden ungedeckte Leerverkäufe von Aktien und Staatsanleihen aus Euro-Ländern ab 24 Uhr in der Nacht zu Mittwoch untersagt, damit soll es "Spekulanten und Zockern" (Sigmar Gabriel) in der Europäischen Union unmöglich gemacht werden, auf fallende Kurse zu setzen, wenn sie meinen, dass die Zukunftsaussichten von Unternehmen und Staaten zu positiv gesehen werden.

Schäuble, der sich den Zaubertrick zur Problembeseitigung beim Freiburger Ophthalmologie-Professor Michael Bach abgeschaut hat, will Marktteilnehmer damit zwingen, grundsätzlich nur auf immer weiter steigende Kurse für Aktien, Indizes und Staatsanleihen zu setzen. Auf diese Art könne schnell eine neue Vermögensblase aufgepustet werden, hieß es aus dem Bundesfinanzministerium. Europa werde seine Schuldenberge dann möglicherweise schon am kommenden Donnerstag zur Börseneröffnung endgültig losgeworden sein, wie auch der Eurokurs zeige, der seit der Verkündigung des neuen Geschäftsverbotes in den Tiefflug übergegangen sei. Damit zeigten die Märkte, dass das Vertrauen in die Gemeinschaftswährung sprunghaft wachse und das Ziel der Bundesregierung, das Geld aller Bürger zu schützen, soweit es nicht in verbrecherischen Hedgefonds angelegt sei, demnächst erreicht werde.

Das Prinzip der optischen Schuldenbeseitigung, mit dem bereits DDR und Sowjetunion ihre Währungen bärenstark machten, funktioniert dabei folgendermaßen: Schuldner und Gläubiger müssen im Film oben nur wenige Sekunden starr auf den grünen Hoffnungspunkt in der Bildschirmmitte starren. Die durch drei in Dreieckform angeordnete gelbe Punkte rings um den grünen Punkt dargestellten "überbordenden Staatsschulden" (Volker Kauder) verschwinden bereits nach wenigen Sekunden vollständig und rückstandslos. Zur Zeit führe ein durch temporäres Zwinkern verursachte Rückkehr in die Realität noch zum spontanen Wiederauftauchen der Probleme. An der Behebung dieser "Lösungslücke" (Schäuble) werde aber gearbeitet. Womöglich müsse kurzfristig noch ein Verbot von privaten Goldkäufen, ein Bargeldbesitzverbot oder ein Verbot der Veräußerung von in privaten Fonds gehaltenen Aktien, Staatsanleihen und Fonds nachgeschoben werden. Spätestens dann aber würden die Märkte wieder so funktionieren wie sie sollen.

Wer hat es gesagt?

"Nie haben die Massen nach Wahrheit gedürstet. Von den Tatsachen, die ihnen missfallen, wenden sie sich ab und ziehen es vor, den Irrtum zu vergöttern, wenn er sie zu verführen vermag. Wer sie zu täuschen versteht, wird leicht ihr Herr, wer sie aufzuklären sucht stets ihr Opfer."

Messer ohne Klinge dem der Griff fehlt

Wer nicht ganz unschuldig ist, muss bestraft werden, sagt Jean-Claude Juncker und meint damit nicht die Politiker, die Sachsen-Anhalts im Zocken mit islamischen Anleihen bei gleichzeitiger Steuervermeidung im Ausland nicht ganz unerfahrener Finanzminister Jens Bullerjahn gerade noch für die große Finanzkrise verantwortlich gemacht hatte. Nein, hier wird einmal mehr das Lied von den Zockern gesungen, die gewissenlos Griechenland in Grund und Boden spekuliert und den Euro vernichtet haben, dafür aber, wenn sie Deutsche sind, außer 25 Prozent Zinsabschlagsteuer auf realisierte Gewinne nicht einmal bezahlen müssen.

Das wurmt den Arbeiterführer Sigmar Gabriel nicht unbedingt, denn es gibt im Gelegenheit, einen öffentlichkeitswirksamen Kampf gegen ein Phantom zu führen wie seinerzeit, als er angetreten war, den deutschen Pop zu einem anständigen Sozialdemokraten zu machen. Eine europaweite Transaktionssteuer auf jeden Kauf und Verkauf von Aktien, Devisen, Rohstoffen, Fondsanteilen und Derivaten soll her, um die finanziellen Folgen des Beinahe-Zusammenbruchs der Finanzmärkte durch die jahrelang betriebene Politik der hochtourig laufenden Billiggeld-Maschine zu begleichen. "Weltweit", so hat die Wirtschaftswoche ausgerechnet, könnten so "200 Mrd. Dollar im Jahr eingespielt" werden, heißt es im lässigen Zockerjargon.

Das Rätsel des Konzepts steckt in seiner gleich dreifachen Wirksamkeit: Einerseits spielt die neue Kauf- und Verkaufsgebühr Milliarden ein. Andererseits ist sie mit einem Euro pro 10.000 bewegten Euro so niedrig, dass sie niemandem weh tut. Und gleichzeitig verhindert sie trotzdem, dass Spekulanten kurzfristige Geschäfte machen, weil sie auf satte Gewinne hoffen.

Künftig werden viele Zocker wegen der Gebühren auf Spekulationen verzichten, das wiederum wird die Staatskassen füllen, ohne dass jemandem am Ende Geld fehlt: Ein Messer ohne Klinge, dem der Griff fehlt. Die Wirtschaftswoche hat in der Volkswirtschaftsgrundschule nicht aufgepasst und kann deshalb erklären: "Mit einer Transaktionssteuer würden Finanzgeschäfte zudem steuerlich gleich gestellt mit der Realwirtschaft". In der sei es nämlich gang und gäbe, dass "zum Beispiel Industriefirmen schon beim Kauf von Rohstoffen und Vorprodukten über die Mehrwertsteuer vom Staat zur Kasse gebeten" werden. Während Spekulationen an den Börsen bislang nicht besteuert würden - abgesehen natürlich von der Steuer, die auf angefallene Gewinne zu entrichten ist.

Da die Realwirtschaft sich die entrichtete Mehrwertsteuer, außerhalb der marxistisch geschulten Redaktionsstuben der Qualitätspresse eher als Umsatzsteuer bekannt, auf dem Wege des sogenannten Vorsteuerabzuges zurückerstatten lassen kann, ist bei der Transaktionssteuer offenbar mit einer ähnlichen Regelung zu rechnen. Die SPD plant zur Einführung der für die künftige Überwachung von Transaktionssteuereinzug und nachfolgender Erstattung notwendigen Behörde bereits ein erstes machtvolles EU-weites Volksbegehren. Dabei soll darüber abgestimmt werden, wer dafür ist, dass das neue Bundestransaktionskontrollamt seinen Sitz im vorpommerschen Anklam nimmt, wo eine ehemalige NVA-Kaserne seit 17 Jahren nach einem neuen Mieter sucht.

Damit setze die deutsche Sozialdemokratie einen alten Traum der Arbeiterbewegung um, den SPD-Kanzler Gerd Schröder bereits im Jahre 2005 öffentlich gemacht hatte. Ein Jahr zuvor erst hatte die damalige Regierungspartei SPD internationalen Hedgefonds die Tür zum deutschen Markt geöffnet, ein Jahr später schon waren Bundeskanzler Gerhard Schröder und die damalige CDU-Vorsitzende Angela Merkel einig, dass die weitgehend unregulierten Fonds "stärker an die Kandare" (Spiegel) genommen werden müssten.