Google+ PPQ: Dezember 2010

Freitag, 31. Dezember 2010

Deutschland-Wetter verletzt Din-Norm


Die Vorgaben sind seit Jahren klar, die Gesetze eindeutig. Dennoch hat das Wetter in Deutschland sich auch in den zurückliegenden zwölf Monaten nicht an die geltende Din-Norm gehalten. Wie der Deutsche Wetterdienst bekanntgab, war erstmals seit 1996 "etwas zu kühl" im Lande. "Nach 13 zu warmen Jahren", teilte die staatliche Wetterbehörde mit, hätten die Temperaturen "erstmals leicht unter dem Klimamittel" gelegen. Zudem habe die Jahresniederschlagsmenge über dem vom Bundestag beschlossenen "Normalwert" gelegen. Nur die Sonnenscheindauer lag in der Endabrechnung "recht genau" im Bereich der gesetzlichen Vorgaben, obgleich das Jahr "sehr abwechslungsreich, teilweise extrem" verlaufen sei.

In der Detailauswertung zeichnen die DWD-Experten ein erschreckendes Bild. Das Jahr habe im letzten Winter "mit winterlichen Verhältnissen" begonnen, "die bis weit in den März hinein andauerten". Danach folgten ein trockener April, ein sehr nasser Mai und ein sonnenscheinreicher Juni. Im Juli habe dann "drei Wochen lang große Hitze" geherrscht, ehe intensive Regenfälle "den August zum nassesten seit Aufzeichnungsbeginn" gemacht hätten. Auch im September traten zumindest "gebietsweise hohe Niederschlagsmengen" auf, während der Oktober ins andere Extrem fiel: Er verlief "sehr trocken".

Auch das war kein Dauerzustand, denn der November zeigte sich "recht feucht und zeitweise ungewöhnlich mild", ehe der Dezember "Kälte und enorme Schneemassen" gebracht habe, als sei schon wieder Winter. Hier herrschte dann trotz menschengemachter Erwärmung auch "die größte negative Temperaturabweichung gegenüber der Norm mit -4,2 Grad". Insgesamt seien die Durchschnittstemperatur dadurch "mit 7,9 Grad Celsius um 0,3 Grad zu niedrig gewesen, das "vieljährige Mittel von 8,2°C" habe nicht erreicht werden können.

Hoffnung aber gibt es, bedingt durch das dynamische Anpassungsmodell, mit dem die deutsche Normtemperatur berechnet wird. Die erstmals wieder zu niedrig ausgefallenen Messwerte diese Jahres gehen in die Berechnung der Vorgabewerte für die nächsten Jahre ein, damit müssen die kommenden Monate weniger heiß werden, um als "zu warm" in die Statistik einzugehen. Gute Aussichten also für ein wieder zunehmendes "Übergewicht der zu warmen Monate" in der Zukunft!

Der große PPQ-Klimakalender:
Das Wetter ist schuld
Heißer Sommer
Winter im November
Zu warm, zu kalt, zu zu
Klar wie Klobrühe
Abkühlende Katastrophe

Wiedergeboren als Gänsehautstimme

Heute Abend wird sie wieder aus der Bild- und Ton-Konserve vor ihr Volk treten, als wäre nichts gewesen, Mut machen und die Sparguthaben für sicher erklären. Dabei hätte es Angela Merkel, die erste ostdeutsche Kanzlerin, die aus dem westdeutschen Hamburg kam, gar nicht mehr nötig, in aller Öffentlichkeit zu schwindeln. Seit die Tochter eines Priesters im vergangenen Jahr während eines Abstechern nach Großbritannien zum ersten Mal unter dem spontan ausgedachten Künstlernamen "Susan Boyle" als Sängerin auftrat, ist Merkel auch finanziell aller Sorgen ledig. Reines Pflichtbewusstsein halte, so heißt e bei Vertrauten, trotz ihrer künstlerischen Erfolge im Berliner Amt. "Sie ist eine Preußin", sagt eine enge Mitarbeiterin, die geholfen hatte, der Kunstfigur Susan Boyle eine berührende Lebensgeschichte zu verpassen.

Danach ist Angela Merkel (Bild oben: Erstentwurf des Covers des zweiten Albums "The Gift", Merkel noch ungeschminkt) als Susan Boyle das jüngste von insgesamt neun Kindern. Sie lebt in Blackburn, einer Stadt in West Lothian nahe Edinburgh in Schottland und wurde von ihren Klassenkameraden früher wegen ihres Aussehens und einer Lernbehinderung gehänselt. Auch sonst hat Merkel versucht, ihre wahre Identität vor der Welt zu verbergen: Während sie selbst glücklich verheiratet ist, bezeichnet sich ihre Kunstfigur Boyle als unverheiratet, während sie früher erfolgreich bei der FDJ, in der Forschung und der Physik arbeitete, gilt ihr sängerisches Alter Ego als langzeitarbeitslos.

Man habe vor allem vermeiden wollen, dass die deutsche Herkunft von Susan Boyle in deren angeblichem Heimatmarkt Großbritannien bekannt werde, verrät Boyles PR-Agentur auf Nachfrage. Unter den Briten herrschten immer noch große Vorbehalte manchen deutschen gegenüber, die auf der Insel als "eiserne Kanzlerin" bekannte Angela Merkel mache da keine Ausnahme. Auch das Cover von "The Gift", auf dem Angela Merkel in der Ursprungsfassung (oben) noch für jeden Eingeweihten deutlich zu identifizieren war, wurde deshalb vom Personenschutz mit Hilfe modernster technischer Hilfsmittel korrigiert. Am Ende wirkt Angela Merkel so strahlend wie ihre Stimme als Susan Boyle, die Gerüchten zufolge bei Konzerten vom frühren Ex-DDR-Star Ute Freudenberg eingesungen wird. Eine Ente als Schwan, eine Kanzlerin als Star: Deutschland kann stolz sein auf diese Regierungschefin, die all ihren Vorgängern zeigt, wie man England im Handstreich nimmt.

Mehr erstaunliche und empörende Wiedergeburten hier

Merkels weltoffene Neujahrsansprache vom übernächsten Jahr:

Donnerstag, 30. Dezember 2010

Knapp vorbei ist auch daneben

Eben noch beinahe in Berlin, schon weitergeeilt nach Dänemark: Das vom "Spiegel" in der lauschigen Vorweihnachtszeit sensationell detailreich aufgedeckte "Attentat im Mumbai-Stil", das ursprünglich hatte in der deutschen Hauptstadt stattfinden sollen, hat nun doch noch zumindest fast stattgefunden. Obwohl das ehemalige Nachrichtenmagazin vor Anschlägen in Kopenhagen gar nicht gewarnt hatte, kam "die Polizei mit großem Aufgebot", um ein Haus weiträumig abzusperren, das sich im Kopenhagener Vorort Greve und damit rund 440 Kilometer vom deutschen Reichstag entfernt befinden, den sich die Reporter aufgrund "sehr konkreter" Hinweise als Austragungsort ausgedacht hatten.

Knapp vorbei ist auch daneben, aber das Wort "Blutbad" lässt sich hier endlich noch mal bringen. "Offenbar schon wieder Islamisten", orakelt der "Spiegel", der aus der Tatsache, dass "drei schwedische Männer mit Wurzeln im Nahen Osten" (Spiegel) an einer Tankstelle in Schweden ein Auto mieteten, mit dem sie nach Dänemark fuhren, wo sie umgehend festgenommen wurden, die Erkenntnis ableitet, die Redaktion der "Jyllands-Posten" sei "knapp einem Blutbad" entgangen.

Da es sich bei allen festgenommenen Tätern um Nordafrikaner unterschiedlicher Nationalität und Abstammung handelt, sieht sich der SPD-Innenpolitiker Dieter Wiefelspütz in seiner Ablehnung der geplanten Flughafen-Passagier-Kontrollen nach Risikogruppen bestätigt. "Das ist Selektion am Flughafen - gerade in Deutschland wird es das nicht geben", fuchtelte der
für seine digitalen Spezialkenntnisse berühmte Innenpolitiker reflexhaft mit der Nazikeule. Eine Einteilung, bei der einige Fluggäste den schalter für Inhaber von EU-Pässen, andere aber die für Nicht-EU-Bürger benutzen müssen, löse in "Deutschland schlechte Erinnerungen an die Nazi-Zeit" aus.


Die Terror-Jahre bei PPQ:
Al Kaida im Mansfelder Land
Talibanbart will Reichstag sichern
Terrorangst in Dunkeldeutschland
Wo die Dämonen wohnen
Gotteskrieger mit Kommaschwäche

Little Eden im Neubaublock

Hört sich so an, ist aber natürlich falsch. Wir waren nie" die Härtesten Samstagsnacht", also "the hardest saturday night", wie diverse Lyricseiten im Internet zitieren. Sondern immer nur "the heart of saturday night". Wo wir waren, war vorn, wo wir saßen, gab es noch was zu trinken, egal, wie lange Grateful Dead im "Rockpalast" schon autistisch vor sich hin gniedelten. Komisch dabei ist nur, dass eine Band aus dem amerikanischen New Jersey, angeführt von einem hitlerscheiteligen jungen Mann namens Brian Fallon, das auf den Punkt bringen muss: "We are the boys from Little Eden / We are the hardest Saturday nights / Drank from the fountains of the fireworks / Sweat and bone for a better life", klagen The Gaslight Anthem in einem ihrer schönsten Lieder, das "Blue Jeans & White T-Shirts" heißt, und die Endzeit der DDR völlig korrekt beschreibt.

White T-Shirts, die seinerzeit Nickis hießen, und Blue Jeans, die als "Boxer" in der Jugendmode zu kaufen waren, müssen im Nachhinein als Vorläufer von iPhone und iPad gelten: Statussymbole, die gleichbedeutend waren mit vollkommener Freiheit, mit dem Gefühl, alles erreicht zu haben, was überhaupt erreichbar ist im Leben. Ein Lied über die Ewigkeit, die Verherrlichung der Adoleszenz in drei Strophen. D-Moll, Bb und C. "We like our choruses sung together / We like our arms in our brothers' arms" heißt es weiter völlig korrekt, denn jeder Sänger mag es, wenn alle einstimmen und die ganze Kneipenrunde singt. Wie seinerzeit im "Schwager", einem rattigen Bootshaus mit von Borsig durchgetretenen Dielen. Amerika und New Jersey waren weit weg, Brian Fallon vermutlich nicht einmal geboren, "every girl we ever met" wurde "Katrin" oder "Mürze" genannt, obwohl wir doch - wie sagt der Amerikaner - "only love" - irgendeiner Anderens "heart" verfallen waren.

The Grateful Dead haben uns nie erreicht, doch wir haben zu jeder Amiga-Platte gesungen "with our heroes thirty-three rounds per minute" und nach Hause ging es "until the sun says we're finished". Die Sonne ging damals früher auf, im Westen ging sie unter. Es war egal, denn die Welt war ein Stück Land zwischen Lieblingskneipe und bestem Kumpel und wir wussten "I'll love you forever if I ever love at all". Hauptsache, wir hatten "wild hearts, blue jeans, & white t-shirts", ja, genau, "wild hearts, blue jeans, & white t-shirts".

Hatten wir oft nicht, weil die Jugendmode nicht mithielt mit dem Bedarf. Ein Vierteljahrhundert danach aber wissen wir nun endlich, wie nah die End-DDR den USA waren, die wir von fern und völlig grundlos vergötterten. Als wir die "Boxer" auszogen, begannen sie dort, von welchen zu träumen, als wir feststellten, dass "Virginia" doch eigentlich nur "Katrin" hieß, schrieben sie Hymnen auf sie. Little Eden bestand aus mal aus Neu-, mal aus Altbauten, im Fall von Fallon aus einer Eigenheimsiedlung. Little Eden besteht heute noch und Blue Jeans und white T-Shirts sehen auch bloß ein bisschen anders aus. Brian Fallon, der von einem Früher singt, das er nie erlebt hat, müsste Ehrenbürger der DDR werden. Wenn es die noch gäbe.

John Koch über The Gaslight Anthem, Memories of Blue Jeans and White T-Shirts and what happens to us after the first traces of heartbreak and disappointment set in

Mittwoch, 29. Dezember 2010

Verpuffte Fliesen an der Pleiße

Immer die Nummer 2 zu sein, wenn auch nur in Mitteldeutschland, das konnte die Stadtverwaltung von Leipzig auf Dauer nicht natürlich hinnehmen. Neidisch schauten die Einwohner der ehemaligen sächsischen Messemetropole schon seit Jahren ins benachbarte Halle, wo der von Kunstfreunden und Lokalpatrioten gleichermaßen vergötterte Kultkünstler Kachelmann beharrlich an der Neuverfliesung der kompltten Innenstadt arbeitet. Selbst
gegen den organisierten Widerstand engstirniger Status-Quo-Bewahrer ist es dem im Volksmund "Kachel Gott" genannten Unbekannten gelungen, bis heute genug imposante Fliesen anzubringen, dass die Unesco derzeit ernsthaft darüber nachdenk, Halle als erster vollverkachelter Kulturstadt weltweit den nach dem Ausscheiden Dresdens vakanten Titel "Unesco-welterbestadt" zuzuerkennen.

Leipzig aber, traumatisiert seit der Niederlage gegen London bei der Olympia-Bewerbung, schlägt nun zurück. Mehr als ein Jahr nach den ersten Fliesenfunden an der Pleiße, die damals von Feldforschungsteams in den Ferien entdeckt worden waren, konnten jetzt neue Spuren von frischen Verfliesungen festgestellt werden. Deutlich zu sehen sind selbst auf dem technisch mangelhaften Bild, das per Fax ins einzig originale Kachelverzeichnis eingestellt wurde, ist die noch eher tastende Suche nach einer eigenen Formsprache. Das mosaikhafte der Fliese beleiht mehr als eineindeutig die Leipziger Schule der Kachelkunst, ein, verglichen mit dem farb- und Motivreichtum der halleschen Originale, eher begrenzt originelles, in winzigen Quadraten gefangenes Künstlermuckertum. Kritisch sehen Fachleute auch den Klebeort am westlichen Stadtrand - während Kachel Gott in Halle das Schäbige, Marode als Ambiente für seine Keramikkunststücke sucht und findet und sie so erst wirklich zum Strahlen bringt, hat sich sein sächsischer Epigone das Klingelschild eines Firmengebäudes ausgesucht. Die im Ansatz zumindest als farbenfreudig erkennbare Kachel verblasst so im multispektralen Getöse von Mauerwand und Firmenschildern zu einem kaum wahrnehmbaren Schatten. Schade drum.

Zur echten Kachelkunst:
Leise flieseln im Schnee
Kachelland ist abgebrannt
Verehrte Winkel-Fliese
Anti-Kachel-Strategie
Vernichtungsschlag gegen Kachelprojekt
Fliesenkünstler im eigenen Land
Kanonen auf Kacheln

Eigene Funde können übrigens auch während der kalten Jahreszeit stets direkt an politplatschquatsch@gmail.com geleitet werden, jeder Fund wird von uns auf Wunsch mit einem mundnachgemalten Kunstdruck der inzwischen von Kachel-Gegnern vernichteten Ur-Fliese prämiert.

Viel mehr ist viel zu wenig

Kaum hatte Paulo Pinkel sein Schlusswort in der "Debatte um Thilo Sarrazin" (dpa) gehalten, kippte auch die Realität. Zum sechsten Mal in den vergangenen vier Jahren meldete das Statistische Bundesamt, dass Deutschland gar nicht ausstirbt, wie der frühere Bundesbanker behauptet hatte, sondern die "Zahl der Geburten in Deutschland" vielmehr "kräftig ansteigt" (Die Welt u.a.) Wie einst die damals noch als Bundesfamilienministerin dilettierende Ursula von der Leyen, die den herbeigewünschten "Trend zu mehr Geburten" (Leyen) stets mit den Zahlen von Januar bis September belegte, macht auch das staatliche Statistikamt mit der Auswertung von neun Monaten Stimmung. "Von Januar bis September 2010 sind in Deutschland deutlich mehr Kinder geboren worden als im gleichen Zeitraum 2009", heißt es. 510.000 Kinder kamen zur Welt, im gleichen Zeitraum des Vorjahres seien es nur nur 492.000 gewesen. "Boom, Baby", kommentiert die von allen irdischen Fakten inzwischen offenbar völlig losgelöst arbeitende "Süddeutsche", von einem "Rekordzuwachs bei Geburten in Deutschland" fabuliert die "Rheinische Post".

Alle einig wie immer. Ein Plus zum Plan, das Sarrazin verstummen lassen muss! 3,6 Prozent mehr Kinder, hochgerechnet aufs Jahr eine Geburtenzahl von 680.000 nach nur 665.000 im letzten Jahr! Super gemacht, Deutschland! "Ein derart großer Zuwachs ist im gesamten letzten Jahrzehnt nicht feststellbar gewesen", macht die "Süddeutsche Zeitung" Lust auf Zukunft und der durchweg mit Spitzenkräften besetzte "Stern" fantasiert sich gar zur Frage vor "Stirbt Deutschland vielleicht doch nicht aus?"

Dabei ist es bei genauerer Betrachtung völlig gleichgültig, ob nun 665.000 oder 680.000 Kinder im Jahr geboren werden. 2008 waren es noch 682.000 Geburten, 2007 687.000, immer aber starb Deutschland aus, denn immer lagen die Werte weit unter 1,4 Kindern pro Paar und damit weit unter der einfachen Reproduktionsrate. Das Aussterben geht also nur mal ein bisschen schneller schneller und mal ein bisschen weniger schnell. Erst ein Wert von 2 würde die einfache Reproduktion gewährleisten. Und der wäre bei rund 900.000 Neugeborenen im Jahr erreicht.

Zum sozialpolitischen Erfolgsarchiv:
Eine neue Lüge ist wie ein neues Leben
Lügen haben langes Haar
Gewissenlos am Laufgitter
Wir sterben schneller aus
Immer mehr weniger
Langsam zusammenpacken
Wir sterben langsamer aus
Mehr oder weniger Kinder
Das ungeborene Drittel

Dienstag, 28. Dezember 2010

Der Arzt, dem die Arbeiter vertrauten

Die ganz alten, noch in der DDR domestizierten Mitglieder der Informationsgesellschaft erinnern sich, als wäre es gestern gewesen. Damals hießen Verweigerung und Widerstand noch nicht 21, sondern 465 - Montagmorgen zum Arzt statt in die Werkhalle, das war, so beschreibt der Berlinpankowblogger in einem stimmungsvollen Beitrag, das Nonplusultra der Systemkritik.

Sanitätsrat Doktor Appel half dabei all jenen, die von normalen Ärzten und Medizinern nicht mehr behandelt wurden. Weil ihre sogenannten SV-Hefte voll waren. Denn Widerstand wurde in der Bürokratie des DDR-Sozialismus schnell aktenkundig: Viermal sonntags saufen, viermal montags zum Arzt - und schon erkannte der in einem schwerkranken, dem Tode nahen jungen Menschen nicht mehr den hilfsbedürftigen Patienten, der einen Krankenschein benötigte, sondern den Staatsfeind.

Wer heute Hymnen auf das DDR-Gesundheitswesen singt, hat nie bei der Ärzteberatungskommission gesessen, bei der alle landeten, die einmal zu viel krank geworden waren. Alle anderen erinnern sich zumindest dunkel an die grauen Morgendämmerungen im S-
Bahn-Tunnel am Bahnsteig Richtung Heide, wenn sich alle versammelten, die mühselig und beladen waren und einfach eine Pause brauchten vom tätigen Mitwirken am Aufbau des Sozialismus.

Tragisch für Betroffene wie den Berlinpankowblogger: Das Metalleichtbaukombinat Werk Halle machte irgendwann kurzen Prozess mit dem Arzt, dem tausende junger Facharbeiter vertrauten. Vom Februar 1984 an war es vorbei mit dem Krankenschein auf Bestellung. Schluss mit „Kasse machen“, mit Zusatzurlaub, mit schönen Auszeiten, mit Ausschlafen nach durchzechten Nächten, nach langen Partys oder einfach nur so. „Krankenscheine von Sanitätsrat Appel werden in diesem Betrieb ab sofort nicht mehr anerkannt“, stand da auf dem schwarzen Brett im Eingangsbereich zwischen Pförtnerhäuschen und Kantine.

Das Aus für den Arzt für alle Fälle. Appel, das war aber nicht nur ein Arzt. Eigentlich war es gar kein Arzt. Wer wirklich krank ist, sollte nicht zu Appel gehen, sagte man damals. Wer aber einen Krankenschein brauchte, egal ob für einen Tag oder eine ganze Woche, oder gar für bereits vergangene Tage, der war bei Sanitätsrat Appel im Halle-Dölauer Goldammerweg genau richtig. Sein Motto hing denn auch unübersehbar in einem Bilderahmen in seiner Praxis: „Der Schnuppe und der Hust, zur Arbeit keene Lust“. Der Name war Programm. Jeder, der die Praxis betrat, ging garantiert mit einer Arbeistunfähigkeitsbescheinigung hinaus. Häufigste Diagnose: 465 – der Diagnoseschlüssel für „Akute Infektion der oberen Atemwege“. Als Behandlung empfahlt der verknitterte kleine Mediziner regelmäßig "Hunger ist der beste Arzt".

Wegweisend für das Gesundheitswesen heute, existenzbedrohend für den Sozialismus in der Chemiearbeiterstadt Halle. Die Arbeistunfähigkeitsbescheinigungen von Appel stapelten sich in den Personalabteilungen, die Planerfüllung des sozialistischen Wettbewerbes geriet akut in Gefahr. Warum die Geschichte aufflog und der beste Helfer aller Arbeitsscheuen mit Acht und Bann belegt wurde, erzählt Appel-Patient BPB so: "Einige Stammkunden des Sanitätsrates hatten seine Praxishilfe, eine mächtige Schwester guten Gemütes, überreden können, ihnen Blanko-Krankenscheine auszuhändigen. Ordentlich abgespempelt und unterschrieben. Nur eben noch ohne Datum und ohne Diagnoseschlüssel. Einer der Lehrlinge soll nun eines Tages, Anfang 1984, mit solch einem Schein auf Arbeit erschienen sein. Er gab gegenüber seinem Lehrmeister an, sich beim Schweißen die Augen verblitzt zu haben. Was so ziemlich jeden Tag einmal vorkam. Also für jeden Lehrmeister nachvollziehbar. Nur leider hatte jener Lehrling den Diagnoseschlüssel verwechselt, den er ja selbst eingetragen hatte. Statt der 378 (sonstige Krankheiten des Auges), hatte er die 388 eingetragen. 388, der Diagnoseschlüssel für Taubstummheit.

Mehr Schlüsselnummern für mehr Krankheiten hier

Cyber-Attacke auf deutsche Zeitungshäuser

Erst sperrte der Chinese den Zugang zum interaktiven Bürgerportal PPQ, danach drückt er dem deutschen Autoaufschwungwunder mit einer Zulassungsbeschränkung die Luft ab. Jetzt nun gelingt es der SZ-Edelfeder Peter Blechschmidt auch noch, die gerissenen Praktiken der Asiaten beim Unterwandern deutscher Staatscomputernetze aufzudecken.

Ein Blick in den Abgrund, der jeden Normalsurfer schaudern lässt. Die Zahl der Angriffe nämlich "nimmt drastisch zu", hat sich Blechschmidt vom Bundesinnenministerium diktieren lassen, das die Zeit zwischen den Jahren offenbar nutzen will, die Idee eines "Nationalen Cyber-Abwehrzentrum" in die Realität umzusetzen. Das solle "Erkenntnisse über elektronische Ausspähungen bündeln und Abwehrmaßnahmen koordinieren".
Die angefügten Zahlen sind in der Tat erschütternd: "Von Januar bis September registrierte der Verfassungsschutz demnach 1600 Attacken", schreibt die "SZ", im gesamten Jahr 2009 seien es erst "etwa 900" gewesen. Bei 42 Millionen deutschen Internetnutzern sind schon 0,003 Prozent aller Surfer Opfer eines Angriffs geworden. Das ruft nach einem Nationalen Schwachsinn-Abwehrzentrum, denn Schwachsinn ist augenscheinlich weitaus häufiger anzutreffen als "Cyber-Attacken".

Die aber sind nach den Qualitätsrecherchen aus München viel raffinierter gemacht als alle alarmierenden Berichte darüber. Zwar schaffen es die Urheber der Angriffe nicht, unerkannt in deutsche Netze einzudringen. Ein "stattlicher Anteil" dieser Angriffe trage eine chinesische Handschrift, diktierte ein Sprecher des stets besonnen warnenden Innenministers de Maiziere der SZ.

Doch zumindest Cybercrime-Berichterstatter Blechschmidt haben die Angreifer komplett verwirrt: "Täglich werden 40.000 Internet-Seiten mit Schadprogrammen infiziert", schreibt er, "sie sind in der Regel in den Anhängen von E-Mails versteckt." Die Angreifer? Die Internetseiten? Fest steht: Werde "der Anhang" geöffnet, installiere "sich der Schädling unbemerkt auf dem angegriffenen System und baut in vielen Fällen eine Verbindung zu einem Computer im Herkunftsland auf." Darüber könnten dann "Anweisungen zum Datendiebstahl oder auch zur Datenzerstörung verschickt werden".


Man sieht sie vor sich, die kleinen chinesischen Computerdiebe (Foto oben beim langen Marsch zur Arbeit - wegen Kfz-Zulassungsbeschränkung), emsig beschäftigt in ihrer Cyber-Crime-Zentrale, wie sie in chinesischer Handschrift hinterlistige Anweisungen an infizierte Webseiten in den großen deutschen Zeitungshäusern herausgeben - meist per E-Mail direkt an www.sueddeutsche.de. Auch Peter Blechschmidts ursprünglich grandioser Beitrag, der eigentlich alle schrecklichen Hintergründe der Cyber-Attacken auf Deutschland detailliert enthüllt hatte, fiel der chinesischen Offensive zum Opfer. Nur deshalb steht da jetzt etwas von E-Mails, die an "Webseiten" geschickt werden, diese "infizieren" und zwingen, nach Hause zu telefonieren, von "Anhängen", die sich in Webseiten öffnen, und "Anweisungen", die in "chinesischer Handschrift" übermittelt werden.

(Foto unten: Per Drag&Drop kopierter Beitrag von sueddeutsche.de, nachdem er in eine E-Mail gelegt wurde)

Noch krimineller:
Die Tat macht den Nazi
Internet immer schlimmer
Malen nach Zahlen mit Niggemeier

Wer hat es gesagt?

Es ist deprimierend, sich vorzustellen, dass es eine Gesellschaft gibt, die so wenig in ihre Bürger vertraut, dass sie sich gezwungen fühlt, diejenigen mit anderen Ansichten einzusperren.

Montag, 27. Dezember 2010

Eliten-Theorie vom Edel-Linken

Das hätte Jakob Augstein nicht für möglich gehalten. Wo doch selbst "der Biologenverband sich entsetzt über Sarrazin und seine Rassenthesen äußerte". Trotzdem hat die FAZ es getan. Den Weihnachtsfrieden gestört, der in Form eines großen Schweigens über die "kruden Thesen" des emeritierten Bundesbankers und immer noch aktiven Sozialdemokraten ausgebrochen worden war, nachdem sich gezeigt hatte, dass sich große Teile der Bevölkerung trotz eines einmalig einstimmigen Mediendonnerwetters nicht hatten einschwören lassen wollen auf die Sichtweise, bei Thilo Sarrazin handele es sich um einen "Hetzer", "Ketzer" und "Rassisten" (Sigmar Gabriel u.a.).

"Spiegel"-Erbe Jakob Augstein, dessen größter publizistischer Erfolg die Bekanntgabe war, in Wirklichkeit der leibliche Sohn des Dichters Martin Walser zu sein, würde die Uhr aber nur zu gern zurückdrehen, wie er in einem zähnefletschenden Wutbürgerstück namens "Die FAZ, Sarrazin und Lügen zu Weihnachten" über Sarrazin und die FAZ ausführt. Was waren das für Tage, als Leute wie er einfach so bestimmen konnten, was wie genau diskutiert werden darf in der Gesellschaft!

Wäre es noch so wie damals, der "furchtbare Erfolg" (Augstein) des "bösen Menschen" und "Rassisten" (Augstein) Sarrazin wäre nie eingetreten. So aber ist er da und Augstein, das sprüht ihm aus jeder gehässigen Zeile, ist darob tief verletzt und hochgradig neidisch. Um zu retten, was nicht mehr zu retten ist, flüchtet sich der Edel-Linke mit den geerbten Millionen in eine nach Nazi-Rassismus schmeckende Eliten-Theorie. Der Erfolg des Vielgescholtenen, so analysiert er, ist gar keiner. Denn Sarrazin habe zwar "die Anerkennung des Volkes", nicht aber die der "Menschen, die man die Eliten nennt".

Wer "man" ist, sagt Jakob Augstein nicht, wahrscheinlich aber meint er sich selbst. Denn jetzt, wo klar ist, wo die Eliten stehen, ist Jakob Augstein wieder zufrieden. Die Guten versagen dem "bösen Mann" (Augstein) ihre Liebe und Zuneigung, es folgen ihm nur das dumme Volk, der Plebs, der Pöbel, die Leute, die nicht den "Freitag" lesen, den sich Jakob Augstein als private Kanzler zugelegt hat, um der Welt seine Wahrheit zu predigen.

Die ist einfach zu verstehen: Sarrazin bedient sich, ganz anders als Jakob Augstein, der "Argumentationstechnik des Demagogen", er "bedient sich der Argumentationstechniken, die man von Rechtsradikalen kennt oder von Scientologen", er lügt und leugnet, ihm muss "das Wort entzogen werden" (alle Zitate Augstein). Sonst, das steht da nicht, ist aber zweifellos gemeint, kommen die Falschen ans Ruder, die Rattenfänger, die Volksverderber, die Leute, die reden, wenn sie gar nicht gefragt sind, und womöglich sagen, was gar nicht abgesprochen war.

Hier gilt es einzugreifen, hier muss die Bundesschriftkammer gnadenlos abmahnen und ausmerzen, was nicht mit dem Meinungsgeschmack der Augstein-Elite übereinstimmt. Und das möglichst schnell, denn noch hält er, lobt Jakob Augstein, der "zivilisatorische Konsens in diesem Land", weil "die Eliten einem Rassisten und Kulturchauvinisten die Anerkennung versagen". Noch.

Mehr dazu bei Broder
und Zettel und bei Die Anmerkung

Besucherzentrum für Blutbad-Theater

Wenige Wochen nach den verbalen Terroranschlägen des Innenministers auf den Bundestag reagiert dessen Vize-Präsident Wolfgang Thierse mit scharfen Sicherheitsmaßnahmen. Angesichts des bevorstehenden "Blutbades" (Der Spiegel) im Hohen Haus soll der Zugang zum Parlament "deutlich eingeschränkt" werden, ließ Thierse, im Nebenberuf Mitverfasser des derzeit nicht lieferbaren „Historischen Wörterbuchs ästhetischer Grundbegriffe" und des Bestseller "Huren, Helden, Heilige. Biblische Porträts aus prominenter Feder", die Berliner "Morgenpost" wissen.


Geplant sei ein neues Besucher-Kontrollzentrum, indem Reichstagstouristen in angenehmer Atmosphäre durchsucht, durchleuchtet und auf Verbindungen zum terroristischen Netzwerk Al Kaida überprüft werden können. Zudem soll die Zahl der Hausausweise drastisch verringert werden, von denen derzeit zehntausende vergeben sind. Der Ausweis ermöglicht einen Besuch des Parlaments ohne Anmeldung - nach Insiderberichten besitzt auch Al-Kaida-Chef Bin Laden (oben links) einen solchen Ausweis. Der Terrorfürst soll ihn sich pikanterweise unter Zuhilfenahme seiner Ähnlichkeit mit Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (Bild oben rechts) verschafft haben.

"Wir werden überlegen müssen, wie wir die Zahl der Menschen reduzieren können, die mit einem allzu leicht erreichbaren Hausausweis in den Gebäuden des Parlaments herumlaufen", offenbarte Thierse seine Strategie zur Fortsetzung des seit Wochen überaus erfolgreich laufenden Terrorstücks im Staatstheater. Derzeit sei es "ja schon eine Frage der Ehre", einen Ausweis des Bundestages zu haben - auch für Menschen, die nur ein bis zweimal pro Jahr das Parlament betreten müssten.

Durch die zunehmende Armut in Deutschland würden viele Menschen, die sich kein iPhone, kein iPad oder wenigstens das neue HTC Desire leisten könnten, gezwungen, sich einen Bundestagsausweis als Statussymbol zuzulegen. Derzeit seien rund 23.000 Hausausweise für den Bundestag im Umlauf, eine unbekannte Anzahl befinde sich in den Händen von Alarmisten, Journalisten und Terroristen. Die Zahl müsse wegen der Terrorgefahr drastisch reduziert werden, zugleich solle die Inschrift "Dem deutschen Volke", die derzeit noch über dem Portal des Reichstages zu sehen ist, mit "Der deutschen Politik" übermeißelt werden.

Terror bei PPQ:
Al Kaida im Mansfelder Land
Talibanbart will Reichstag sichern
Terrorangst in Dunkeldeutschland
Wo die Dämonen wohnen
Gotteskrieger mit Kommaschwäche

Sonntag, 26. Dezember 2010

Heimspiel der Hit-Giganten

Genscher, Pieper, Honecker, Heydrich, Händel und Himmelsscheibe - dass große Teile der abendländischen Lebensart ihren Ursprung im lauschigen Saaletal haben, gilt Wissenschaftlern weltweit als bekannte Tatsache. Popkulturell hingegen hielt es die Forschung bislang für ausgemacht, dass der mitteldeutsche Raum um die selbsternannte Kulturhauptstadt Halle kaum etwas zum großen Kanon aus drei Akkorden, drei Strophen, Reefrain und Bridge beigesteuert hat. Als Pop-Potentaten aus der Saalestadt gelten Karat, Murmel von der Gruppe Kreis ("Doch ich wollte es wissen"), die Sieghart Schubert-Formation mit der Sängerin Katrin Schubert ("Bye bye Traurigkeit") und der Musikmagier Bernd Dünnebeil, der mit seiner Gitarre ganze Säle nach Hawaii verlegen konnte. Ganz egal, wie die Stadtbedingungen auf dem nahen Flughafen in Schkeuditz waren.

Ein Irrtum, wie sich einmal im Jahr zeigt, wenn die wahren Größen des halleschen Rock sich im kleinen Kreis im ehrwürdigen Steintor-Variete ein Stelldichein geben. Da sind sie plötzlich alle da, die geheimen Hallenser des Herzens, die Patti Smith heißen, Beth Ditto, Rudi Carell oder Robert Plant. Unbeobachtet von der überregionalen Presse können Hit-Giganten wie Beyonce, Mika, die vier Abbas und Bryan Adams hier ganz locker und unbelastet zeigen, was sie können. Ein kleines Publikum von nur rund 1000 Eingeweihten darf dem vom örtlichen Klub Objekt 5 als buntes Nummernprogramm organisierten Abend beiwohnen, der jedes Mal aber unter einem anderen Motto steht.

Im Zeichen der Eurokrise musste es diesmal Griechenland sein, das dem Gipfeltreffen der Händel-Erben als Kulisse dient. An den Trommeln Schlagzeus, an den Keyboards Achilles, am Moderatorenmikrophon kein Geringerer als Alexis Sorbas in seinen unverkennbaren Knöchelhosen, so zeigten zwei Dutzend Weltstars auch diesmal, was sie dereinst so berühmt gemacht hat. Was für ein Abend, der dann auch noch gleich dreimal stattfindet: Der bislang von vielen für einen Berliner gehaltene Peter Fox schlurft zum "Haus am See", Alan Lancaster von Status Quo rockt auch ohne den aus dem verfeindeten Magdeburg stammenden Kollegen Rick Parfitt "all over the world", Lena Meyer-Landrut, die erst nach ihrem Umzug aus Halle-Neustadt nach Hannover den Sprung an die Spitze schaffte, verzückt mit linkischer Beinarbeit und einer Stimme besser als in ihren oft als aseptisch empfundenen Studioaufnahmen.

Der Halle in Halle gefällt das, die Griechenfähnchen wedeln als Zeichen der Solidarität mit den immer noch von einem scharfen Schuldenschnitt bedrohten griechischen Anleihegläubigern. Nein, nirgendwo sonst werden Millionäre wie Madonna, die im nahen Hohenweiden geboren wurde, Lady Gaga, die in der Silberhöhe aufwuchs, oder der im Alter von vier Jahren aus Merseburg zugezogene Gitarrengott Jimmy Page so enthusiastisch gefeiert. Zumindest bis zum nächsten Jahr.

Wer hat es gesagt?

Sowohl aus praktischen wie aus mathematisch nachweisbar moralischen Gründen müssen Autorität und Verantwortung gleich groß sein - weil sich sonst die Ungleichheit so ausbalancieren muss, wie ein Strom zwischen zwei Punkten ungleicher Feldstärken fließt. Eine Autorität zu gestatten, die sich nicht verantworten muss, heißt Unglück säen. Einen Mann für etwas verantwortlich zu machen, worüber er keine Kontrolle besitzt, bedeutet, sich wie ein blinder Idiot zu verhalten.

Die unbegrenzten Demokratien waren instabil, weil ihre Bürger nicht für die Art verantwortlich waren, in der sie ihre souveräne Autorität ausübten... außer, dass sie sich der tragischen Logik der Geschichte beugen mussten.

Kein Versuch wurde unternommen, zu bestimmen, ob ein Wähler bis zum Grade seiner buchstäblich unbeschränkten Autorität sozial verantwortlich war. Wenn er das Unmögliche wählte, trat dafür das katastrophal Mögliche ein, und die Verantwortung wurde ihm dann, ob er wollte oder nicht, aufgezwungen und zerstörte ihn und seinen auf Sand gebauten Tempel.

Samstag, 25. Dezember 2010

Jesus kam nur bis zur Bushaltestelle

Weihnachtliche Stille, grenzenlose Ruhe, unheimliche Heimeligkeit in Stadt und Land. Selbst Jesus, dessen Geburtstag ARD und ZDF mit einem Zwangsurlaub für den übers Jahr weit überbeschäftigeten Starmoderator Adolf Hitler feiern, wäre in diesen schweren Klimawandeltagen nicht einmal bis Eboli gekommen. Nein, an der ersten Bushaltestelle am Wege wäre Schluß gewesen: Kein Vorankommen mehr in "meterhohen Schneeverwehungen" (Lübecker Nachrichten), nachdem der "Spiegel" gedichtet hatte "Weiße Weihnacht nach der Schneinacht".

"Das Klima wandelt mittlerweile dermaßen schnell, das harte Winter nichts mehr mit Klimawandel zu tun haben, so ist zumindest der heutige Stand", fasst Hobby-Klimatologe Die Anmerkung zusammen. Das kann nächste Woche schon wieder ganz anders sein. Und im nächsten Sommer erst recht. Global betrachtet ist es schließlich immer irgendwo warm, während es irgendwo anders kalt sein kann. Letztlich kommt es darauf an, überdurchschnittliche Temperaturen immer auf den Deckel des Klimawandels zu schreiben, während unterdurchschnittliche stets aufs Konto des mit aller Technik einfach noch nicht ausreichend erforschbaren lokalen Wetters gebucht werden. "Gerade bei kleinräumigen Tiefdruckgebieten werden die Vorhersagen schon nach dieser kurzen Zeit sehr ungenau", hatte ein führender Wetterforscher schon im Sommer in der Klimakatastrophenbegleitschrift "Die Zeit" erläutert.

Das Leiden des Mannes am Kreuz, neuerdings versinnbildlicht von einer malerischen Schneeverwehung im so sympathischen, weltoffenen Gesicht, steht einmal mehr stellvertretend für die Qualen und Schmerzen all derer, die nicht zu den "meisten" gehörten, die das Auto "hierzulande stehen ließen", wie eine bundesweite Spontan-Zählung der Süddeutschen Zeitung ergab. "Viele Reisende hatten ihr Ziel in Deutschland erreicht - so wurde der Heiligabend zu einer ungewöhnlich stillen Nacht", analysiert das Münchner Magazin, das sich mit dem Schwesterorgan "Bild" zuvor auf die gemeinsame Nutzung der megageilen Überschrift "Stille Nacht – schneereiche Nacht!" hatte einigen können. Zum Glück, denn durch das "Schneechaos" (dpa) waren auch die Lieferketten im Zeitungsgewerbe unterbrochen worden, zahlreiche Fernlaster mit Schlagzeilen-Lieferungen für die Feiertage blieben auf den teilweise nur einspurig geräumten Autobahnen liegen, so dass die Notbesetzungen in den Online-Redaktionen zur Selbsthilfe greifen mussten:

Terror erreicht Dessau

Der islamistische Afghanist, der Deutschland am Hindukusch angreift, hat sein feindliches Vorgehen gegen die deutschen Außengrenzen in diesem Jahr deutlich verschärft. Wie die staatliche Nachrichtenagentur dpa meldet, verzichteten die Muselmannen auf den gesetzlich vorgeschriebenen Weihnachtsfrieden. Sowohl die Heiligabendmesse als auch die Andacht zum ersten Feiertag sei von den "Aufständischen" (SZ) in Kabul und Kunduz ausgelassen worden.

Nach Wochen vergeblichen Wartens auf das von führenden Qualitätsmedien aufgrund zahlreicher und "sehr konkreter" (Thomas de Maiziere) Hinweise ausgedachte "Blutbad im Reichstag" (Der Spiegel) hat der Terror über die Feiertage nun aber auch Dessau erreicht. Unbekannte Täter sprengten in der Bauhausstadt, die als Metropole an der legendären "Straße der Gewalt" gilt, eine Telefonzelle in die Luft. Wie die Polizei mitteilte, gelang es den Terroristen, die Tür sowie die Abdeckung des Münzautomaten durch die Wucht der Detonation aus der Zelle zu schleudern.

Damit setzt sich eine Anschlagserie fort, die in der Nacht zum heiligen Abend begonnen hatte, als die Gruppe mit ihren Anschlägen auf Knotenpunkte der öffentlichen Kommunikation in Mitteldeutschland mit einem Attentat auf eine andere Zelle begonnen hatte. Ein Zeuge hatte beim ersten Anschlag "zunächst einen lauten Knall gehört", wie die Polizei berichtet. Anschließend habe der Mann "sogar eine Druckwelle verspürt". Spezialisten des Landeskriminalamtes nahmen umgehend die Ermittlungen auf. Nach ersten Erkenntnissen sei der Anschlag mit einer sprengstoffartigen Substanz ausgeführt worden, hieß es. Am Tatort gefundene Papp-Reste deuteten nach Angaben der Polizei auf einen Anschlag mit Silvesterböllern hin. Mitteldeutschland rückt damit immer mehr ins Fadenkreuz des Extremismus. Zuletzt hatte eine Untergruppe von Al Kaida, die sich "Al Kaida im Mansfelder Land" (Alk-ML) nennt (Foto oben), sich zum "Loch von Schmalkalden" bekannt.

Mehr Terror:
Talibanbart will Reichstag sichern
Terrorangst in Dunkeldeutschland
Terrorstück im Staatstheater
Mordenmagazin im Hysteriechannel
Wo die Dämonen wohnen
Gotteskrieger mit Kommaschwäche

Ich hätte eine Staatskrise auslösen können

Wow, so sieht eine Klatsche aus. Die Süddeutsche Zeitung knöpft sich zum Jahresende noch einmal den Krypto-Faschisten Thilo Sarrazin vor und lässt dabei keinen Stein auf dem anderen. Mit analytischer Trennschärfe und fulminantem Wortwitz wird dem Ex-Banker beispielsweise sein "mitunter schwer erträgliches Selbstvertrauen" vorgeworfen. Schon dieses erste von handgezählten vier Argumenten saß. Selbstvertrauen? Schwer erträgliches noch dazu? Puh, die SZ fährt schwere Geschütze auf. Doch Sarrazin hat nicht nur Selbstvertrauen, er "kokettiert" auch "mit der ihm typischen Eitelkeit". Und dessen nicht genug: "Der selbst ernannte Mahner orakelt" außerdem "in drastischen Worten". Was kann jetzt noch kommen? Ein Schlag, von dem sich Sarrazin nicht erholen wird. Oder in den Worten der SZ: die "Zürcher Psychologin Elsbeth Stern", die "die Vereinnahmung durch den früheren Berliner Senator ablehnt und ihm vorwirft, ihre Aussagen 'aus dem Kontext gerissen und nicht korrekt wiedergegeben' zu haben". Und genau diese Elsbeth Stern hat das selbst ernannte Orakel in einem Text für die FAZ (leider nur für Abonnenten zugänglich) nicht erwähnt. Und somit aus dem Kontext gerissen - Sarrazin kann einpacken. 

Mehr Grauen mit Sarrazin

Direkt zur Staatskrisenberichterstattung im Original

Freitag, 24. Dezember 2010

Schall und Rauch tuns auch

Mit unsichtbarer Tinte steht es im Grundgesetz, mit großer Leidenschaft wird es tagtäglich vorgelebt: Politiker müssen nicht zwingend irgendeine Ahnung von dem haben, über das sie öffentlich zu reden beschließen. Auch Katja Kipping hat deshalb kurz vorm Weihnachtsfest einfach losgeschwatzt wie zuletzt, als sie eine gesetzliche Begrenzung der Einkommen für alle und ein täglich verfügbares Grundeinkommen von 1000 Euro für jeden forderte. Diesmal soll es die höchstdringlich gebotene "Abschaffung von Adelstiteln in Deutschland" sein, die der stellvertretenden Vorsitzenden der als Linkspartei im Schatten der Grünen vegetierenden PDS zu ein paar Schlagzeilen in der stillen Zeit verhilft.

"Adelstitel sind in einer Demokratie überflüssig", sagte Kipping der "Süddeutschen Zeitung", einem Qualitätsblatt, das gleich auch noch zu Protokoll nahm: "In Österreich hat man 1919 die Adelstitel abgeschafft." Aus Österreich kam auch Hitler, deshalb, findet Kipping mit Blick auf die auffällige Unterwanderung des derzeitigen Kabinetts mit Angehörigen des Landadels, "ist an der Zeit, dass wir das auch in Deutschland tun". Von der Leyen, zu Guttenberg, Thomas de Maiziere, Gui do Westerwelle - allein durch das Führen eines Namens, der an alte Adelstitel erinnere, werde "adelige Herkunft instrumentalisiert", findet die Nichtadlige aus Dresden. Kipping kann das jetzt jetzt sagen, weil ihr Ex-Bundestagsfraktionskollege Graf von Einsiedel ebenso tot ist wie Karl-Eduard von Schnitzler, bei dem sie alles über politische Kommunikation gelernt hat.

Doch sie kommt zu spät, rund 90 Jahre zu spät sogar. Bereits am 23. Juni 1920 hatte die preußische Landesversammlung Kippings Herzenswunsch umgesetzt. Damals wurde das Gesetz über die Aufhebung der Standesvorrechte des Adels beschlossen, die ehemaligen Adelstitel verfielen und wurden zu reinen Namensbestandteilen. Namen aber dürfen hierzulande nicht eigenmächtig oder willkürlich geändert werden, weder vom Inhaber noch vom Staat. Was Kipping fuchsen wird: Verhindert wird das vom Namensänderungsgesetz. Das aus der Zeit des Dritten Reiches stammt.

Donnerstag, 23. Dezember 2010

Wer hat es gesagt?

Ich kann mit Lob nicht umgehen.

Klima: Das Wetter ist schuld

Gut, dass das mal klar ist. Der "harte Winter sagt nichts über den Klimawandel aus" hat die für gewöhnlich eher pro Wetter eingestellte Zeitschrift "Die Welt" herausfinden können. Zwar sei es eine Dekade lang in Deutschland immer "zu warm" gewesen, zumindest gemessen am Temperaturdurchschnitt, den einzuhalten sich das Wetter bereits vor Jahren verpflichtet habe. Doch "in diesem Jahr ist dieser Trend eiskalt durchbrochen worden" - es gibt, gemessen an den Erwartungen, viel zu viel Schnee und viel zu wenig Hitze.

Doch ein kalter Winter in Europa kann "zugleich eines der heißesten Jahre weltweit bedeuten", sagen Forscher folgerichtig. Denn wer ein richtiger Klimaforscher ist, der macht passend, was nicht zusammen zu passen scheint. Gerade noch warnten Experten in eben jener "Welt" "vor extrem kalten Wintern infolge des Klimawandels". Als die dann nur einen knappen Monat später wirklich richtig kalt wurden, sagte das aber schon "nichts über den Klimawandel aus".

"Das Klima wandelt mittlerweile dermaßen schnell, das harte Winter nichts mehr mit Klimawandel zu tun haben, so ist zumindest der heutige Stand", fasst Hobby-Klimatologe Die Anmerkung zusammen. Das kann nächste Woche schon wieder ganz anders sein. Und im nächsten Sommer erst recht. Global betrachtet ist es schließlich immer irgendwo warm, während es irgendwo anders kalt sein kann. Letztlich kommt es darauf an, überdurchschnittliche Temperaturen immer auf den Deckel des Klimawandels zu schreiben, während unterdurchschnittliche stets aufs Konto des mit aller Technik einfach noch nicht ausreichend erforschbaren lokalen Wetters gebucht werden. "Gerade bei kleinräumigen Tiefdruckgebieten werden die Vorhersagen schon nach dieser kurzen Zeit sehr ungenau", hatte ein führender Wetterforscher schon im Sommer in der Klimakatastrophenbegleitschrift "Die Zeit" erläutert.

Die derzeitige Aufregung über den Winter ist dann nach Ansicht von Klimaforschern "übertrieben", wie es in der "Welt" heißt, die wie alle deutschen Zeitungen seit drei Wochen nur noch ein Thema kennt: Aufregung über den Winter. Ein Prof. Friedrich-Wilhelm Gerstengarbe vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung wird anschließend mit dem Satz zitiert „Wir hätten uns vielmehr fragen müssen, sind zehn relativ milde Winter davor normal?“.

Der Mann verbrachte offenbar die letzten neun Jahre durchweg auf einer einsamen Insel im Eismeer. Dadurch hat er völlig verpasst, dass diese Frage nicht nur seit Jahren gestellt, sondern alle naselang auch ohne Not beantwortet wurde: Nein, nichts ist normal! Wind und Wetter, heiß und kalt, Schnee und Sonne, Regen und Trockenheit, immer ist es zuviel, zuwenig oder viel zuwenig Zuviel. Wie schlimm es wirklich um unser Klima steht, zeigt schon die Tatsache, dass der staatliche Deutsche Wetterdienst, die Landesbank unter den Vorhersageversuchern, in den zurückliegenden zwölf Monaten sagenhafte 20.000 Unwetterwarnungen veröffentlichen musste - das sind rund 54 pro Tag!

Mit anderen Worten: Der Alarm ist Alltag und die Schwierigkeiten der Vorhersage haben immer andere Gründe. Ja, wie der Temperaturdurchschnitt auf Galapagos im Jahr 2165 sein wird, das ist leicht zu sagen. Vor allem wird es keiner nachprüfen. Aber warum letztes Wochenende minus 15 Grad angesagt waren, es dann aber leicht zu tauen begann? «Die extreme Kälte ist besonders kompliziert», erklärte ein DWD-Meteorologe dazu schon im vergangenen Jahr vorsorglich «so eine extreme Wetterlage kommt nur alle zehn Jahre oder seltener vor».

Oder aber eben zwei Jahre hintereinander. „Harte Winter wie der vergangenen Jahres oder jener 2005/06 widersprechen nicht dem Bild globaler Erwärmung, sondern vervollständigen es eher“, sagt Vladimir Petoukhov, noch ein Mann vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, das in diesen schweren Tagen für die Klimaforschung alles an Begründern aufbietet, was noch nicht im Eismeerurlaub ist. Das Schöne daran: Das Bild wird noch mehr vervollständigt durch die Forschungen von Axel Bojanowski, der bereits im Mai entdeckt hatte, "dass sich die Ozeane seit sieben Jahren nicht mehr erhitzen, obwohl die Sonnenstrahlung immer intensiver wird." Professor Friedrich-Wilhelm Gerstengarbe vom Potsdam-Institut für Klimaforschung, das vor zwei Jahren noch mit einer Verdopplung der Zahl der Sommertage mit über 25 Grad 40 pro Jahr rechnete, nicht aber mit einer Verzehnfachung der Zahl der Wintertage von 9 auf 90, sieht die Verantwortung für die Purzelbäume beim Wetter in der Klimaveränderung. Dazu steht auch der Deutsche Wetterdienst. Dass es in diesem Jahr mal nicht wärmer war als im letzten, sei "auf die winterlichen Werte im Januar und Februar sowie im Dezember zurückzuführen".

Schuld am Klima ist also das Wetter, während für das Wetter das Klima verantwortlich gemacht werden muss. Tiefe Temperaturen werden damit nach neuestem wissenschaftlichen Stand häufig durch Kälte verursacht, sommerliche Hitze hingegen oft durch Sonnenschein. Da ist sich der Potsdamer Geowissenschaftler Prof. Reinhard Hüttl, eben zurück aus dem Eismeer, im Grunde schon ziemlich sicher, wie er der "Welt" an deren Leser mitgab. "Unterschiedliche Sonnenaktivitäten" nähmen "Einfluss", sagt er. Im übrigen „verstehen wir das System noch nicht hinreichend.“

Klimaärger ohne Ende im PPQ-Archiv:
Heißer Sommer
Winter im November
zu warm, zu kalt, zu zu
Klar wie Klobrühe

Mittwoch, 22. Dezember 2010

Rezepte gegen Verbalterror

Langsam wird ein Bild draus. Hieß es erst, die von Bundesinnenminister Thomas de Maiziere so besonnen versprochenen Terroranschläge hätten wegen des ungewöhnlich harten Winters nicht stattfinden können, zeigt sich nun, wie geschickt der CDU-Politiker den Terror um Deutschland herumgelenkt hat.

Denn überall, wo de Maiziere nicht ist, kracht es inzwischen. Nach dem Anschlag von Schweden folgten Festnahmen in Belgien, später war Großbritannien betroffen, der Anscheinsbombenkoffer vom Namibia erregte Aufsehen, den USA drohte Al Kaida mit massiven Giftattacken auf Salatbars. Und jetzt stellte die Polizei in Rom in der U-Bahn eine "Tüte mit pyrotechnischen Artikeln" fest.

"Der islamistische Terror ist heute stärker als vor dem 11. September 2001", sagt auch Syriens Präsident Baschar Al-Saddad angesichts der Verbal-Terrorwelle, die mit nie gekannter Wucht um die Welt rollt. Anhand der Google Timeline kann Al-Saddad nachweisen, dass islamistischer Terror bis zum Vorabend der Anschläge auf die Zwillingstürme in New York überhaupt kein Thema war. Ähnlich wie Dieter Bohlen und Thilo Sarrazin wurde auch der islamistische Terrorismus erst nach seinem ersten Hit bekannt. Ähnlich wie bei Lena Meyer-Landrup, ein Name, an den sich die Älteren noch erinnern, schlief das ganz breite öffentliche Interesse dann aber schnell ein, weil nichts mehr nachkam. Selbst Syrien beschränkte sich darauf, den Terror gegen Israel zu unterstützen.

Der Dschihad im Westen war allein gelassen. Auch in Rom schaffte es die zu allem entschlossene Umma so nur, einen selbstgastelten Sprengsatz in der U-Bahn zu platzieren, an dem der Zünder vergessen worden war. Angesichts der bevorstehenden feiern zum Jahreswechsel reagierte der Bundestag in Berlin dennoch umgehend auf die neuartige Bedrohung, indem er das "Übereinkommen zur Verhütung des Terrorismus" ratifizierte. Das Abkommen aus dem Jahre 2005 verlangt, so wörtlich "von den Vertragsparteien wirksame Maßnahmen, um die Begehung terroristischer Straftaten zu verhindern". Dazu wird die "Anwerbung und Ausbildung für terroristische Zwecke
unter Strafe" gestellt, allerdings, so das Gesetz, nur "wenn diese Handlungen rechtswidrig und vorsätzlich begangen werden", sich also jemand nicht bei der Bundeswehr oder von sich selbst völlig unbemerkt zum Terroristen ausbilden lässt.

Auch den Erfolg dieser entschlossenen Strategie zeigt die Google Timeline einmal mehr in brutaler Deutlichkeit. Nachdem nun laut Gesetz "jede Vertragspartei die Toleranz fördert, indem sie den interreligiösen und interkulturellen Dialog stärkt, um Spannungen zu verhindern, die zur Begehung terroristischer Straftaten beitragen könnten", blutet der islamistische Terror binnen kurzer Zeit aus. Es fehlt der Nachwuchs, es fehlt der Hass, es fehlt ein Ziel. Bereits ab 2011 (Bild oben) ist der Dschihad kein Thema mehr.


Mehr Terrorrismus:
Terrorangst in Dunkeldeutschland
Terrorstück im Staatstheater
Mordenmagazin im Hysteriechannel
Wo die Dämonen wohnen
Gotteskrieger mit Kommaschwäche

Dienstag, 21. Dezember 2010

Heuchler im Hysteriechannel

Es ist ja nur gut, dass wenigstens der "Spiegel" da nie mitgemacht hat. Nie hat das Standardblatt zur Polit-Erziehung den Euro "Wackelwährung"genannt wie vor zwei Wochen, als eigens die frühere Klimakanzlerin "in die Euro-Schlacht" ziehen musste, um dem "Spiegel" eine Zeile zu bescheren. Nie eskalierte "der Streit um Euro-Bonds", wie vom Beiboot "Manager-Magazin" gerade noch verkündet, nie zeichnete der "Spiegel" ein Bild einer "Euro-Krise" mitten den "Vergifteten Staaten von Europa" (Spiegel), in denen Merkel gegen Juncker kämpft und aus der Geldkrise eine Europa-Krise zu werden droht.

Der "Spiegel" blieb besonnen. "Gestern Griechenland, heute Irland, morgen vielleicht Portugal", skizzierte er ein beruhigendes Bild. Alles im Lot im Euro-Boot! "Europa brennt", hieß es Anfang Dezember, aber da war ja auch noch kein Schnee und die Leser wollen unterhalten werden. Warum also nicht mal Schwarzmalen und genau erklären, "Warum Europa den Schuldenschnitt braucht"? Wenn man nicht erwähnt, dass 70 Prozent aller griechischen Staatsanleihen von griechischen Rentenversicherern gehalten werden, ein Schuldenschnitt um 50 Prozent also vermutlich bedeuten würde, dass griechische Rentner mehr als ein Drittel ihre Rente verlören, geht das schon.

Scharfmacher, Aufrührer, Schwarzmaler, das sind von Hamburg aus gesehen ja ohnehin immer alle anderen. "Deutschland ergeht sich in Euro-Pessimismus, Untergangspropheten warnen vor dem Zusammenbruch der gesamten EU", beschreibt das Blatt die eigene Tätigkeit der vergangenen zwölf Monate jetzt in einer neuen, unterhaltsamen Volte, die nichts mehr wissen will von früheren "Spiegel"-Schlagzeilen wie "Europa riskiert die Euro-Schmelze" (28.10.2010), "Showdown im größten Pokerspiel aller Zeiten" (10.05.2010) oder "Notenbanker in Not" (09.05.2010).

Ist denn "die Lage wirklich so dramatisch?", fragt das Fachblatt für angewandte Augenblicksweisheit nun lässig. Und antwortet sich gleich selbst: "Keineswegs - unser Geld steht mindestens so gut da wie der Dollar: Der Wechselkurs ist stabil, die Inflation gering".

Der Zusammenbruch der Eurozone, seit mehr als einem Jahr liebevoll gepflegtes Ammenmärchen aller Europa-Euphoriker von Hamburg bis München, ist damit quasi amtlich abgesagt. Die Zahlen sprechen ja auch eine eindeutige Sprache. Seit Angela Merkel dem Rest Europas am 8. Mai, dem früheren "Tag des Sieges über den Hitlerfaschismus", dabei half, den Euro und damit Europa in "Stunden hektischer Krisendiplomatie" (FAZ) zu retten, "bevor die Märkte in Fernost öffneten" (Tagesschau) und das "Wolfsrudel" (dpa) der Spekulanten wieder lospreschte, erlebte die "Gemeinschaftswährung" (dpa) eine imposante Wiederauferstehung.

Das hektisch entfachte Papiergeldfeuer, genährt von obszönen Mengen an neugedruckten Scheinen, bescherte dem Euro bis heute ein beeindruckendes Kursplus von fast vier Prozent. Eine Bilanz, die sich sehen lassen kann. "Europas Wundergeld", hat der "Spiegel" nachgerechnet, "trotzt den Schwarzmalern", denn "weltweit gibt es keine Alternative zum Euro".

Mehr:
Hochbetrieb in der Worthülsenfabrik

Montag, 20. Dezember 2010

Einen Fliesling, bitte!

Okay, wir geben es zu: Wir haben genau wie alle anderen Fliesenfreunde auch die Übersicht verloren. Kachel Gott kachelt, dann wieder nicht: Wer soll da noch mitkommen? Auf den Festplatten unserer mobilen Fliesenaufspürmaschinen finden sich aus diesem Grund Meisterwerke des liebevoll "Kachelmann" genannten Fugenkünstlers, von denen wir nicht mit hundertprozentiger Sicherheit sagen können, ob wir sie seinem Œuvre bereits zugeschlagen bzw. im großen Kachelverzeichnis verewigt haben. Sei es drum - im Nachhaltigkeitsboard PPQ soll nichts umkommen. Deswegen präsentieren wir zwei Arbeiten aus der mittleren Schaffensperiode des einzigen halleschen Künstlers, dessen erklärtes Ziel es ist, der Saalestadt den durch den Bau der Waldschlösschenbrücke in Dresden frei gewordenen Platz auf der UNESCO-Weltkulturerbe-Liste zu erfliesen.

Eigene Fliesenfunde und Sichtungen des Kachelmannes können wie immer an politplatschquatsch@gmail.com gesendet werden. Jeder Fund wird von uns mit einem auf Wunsch auch anonym zugeschickten Bild der inzwischen von Kachel-Gegnern vernichteten Ur-Fliese prämiert. Alle Rechte eingereichter Fotos verbleiben bei den Autoren.

Winterkampf statt Volksverhetzung

So viel Wetter, so viel Winter, so viel Straßen, so viel Chaos. da kann in den großen Medien des Landes natürlich schon mal für einen Moment der Platz fehlen, unwichtige Ereignisse mit ein paar Zeilen zu bedenken. Ganz einheitlich fiel denn auch vom Hamburger "Spiegel" bis zum Münchner "Focus", vom Berliner "Tagesspiegel" bis zur Düsseldorfer WAZ die Entscheidung, die Verschärfung des Volksverhetzubngsparagrafen, auf dem Deutschland sich in den letzten 60 Jahren ein gerüttelt Maß Wohlstand und Prosperität aufgebaut hat, nicht groß zu erwähnen.

Statt dem Volk draußen an den Kiosken umständlich zu schildern, wie das politische Berlin gedenkt, mit der Meinungsfreiheit eines der Grundrechte mit Hilfe eines Gummiparagrafen zum Mond zu schicken, gibt es Winterkampf an allen Fronten. Penibel werden ausgefallene Flugzeuge gezählt, Enteisungsmittelvorräte gecheckt und Salzlagerhäuser mögliche Durchhaltetermine geprüft. Winter auf allen Kanälen, und das mitten im Herbst, denn wirklich anfangen wird die kalte Jahreszeit ja erst am 21. Dezember. Die Berichterstattung zu künftig möglichen strafrechtlichen Begleitung von Meinungsbekundungen wie "der Horst ist ein blödes Schwein" oder "Carole stinkt aus dem Mund wie die Kuh aus dem Arsch" wird dann schon vorübergeschwappt sein - als kleine Welle aus Berichten bei heise.de und bei blu.fm. 56 Fundstellen spürt Google News zum Versuch auf, die Gesellschaft grundsätzlich umzubauen, indem zum Hassverbrechen erklärt wird, was bisher allenfalls als persönliche Beleidigung justitiabel war.

Das Wetter ist beileibe wichtiger: 69.259 Fundstellen gibt es aktuelle für "Winter". Und das war, ehe die SPD ihre Präsidiumssitzung wegen der "Wetterkapriolen" (dpa) absagte.

Le Penseur zum Thema.

Wiedergeboren als Wikileaks-Fan

Wer schläft, sündigt nicht, doch wer es schafft, Schlafende zu beschlafen, ohne sie dabei zu wecken, kommt nicht ins Guiness-Buch der Rekorde, sondern ins Gefängnis. Wikileaks-Gründer Julian Assange soll das Kunststück vollbracht habe: Sex mit einer schlafenden Frau, die anschließend noch tagelang glaubte, geträumt zu haben, weshalb sie fröhlich weiter mit dem sensiblen Australier zusammenwohnte.

Dann erst ging sie zur Polizei und zeigte ihren Liebhaber wegen der brutalen Verweigerung eines Aids-Testes an. Seitdem ist der selbsternannte Internet-Partisan der weltweit berühmteste mutmaßliche Vergewaltiger und selbst in Deutschland kennen ihn fast so viele Menschen wie den Wetteransager Jörg Kachelmann.

Immer mehr Menschen aber solidarisieren sich mit Assange. Wer über ein Gemächt verfüge, das unbemerkt benutzt werden könne, sei schon genug bestraft, heißt es auf diversen Pro-Assange-Webseiten. Auch Prominente unterstützen den Anwalt bedingungsloser Teil-Transparenz. So meldet die "Welt" jetzt, dass das Ex-Model Bianca Jagger Geld für die Kautionszahlung spendiert habe, um an ihre gemeinsame Zeit mit Mick Jagger und David Bowie zu erinnern.

Das Blatt sitzt dabei aber einer zuletzt häufiger registrierten Verwechslung auf. Auf dem Bild, das vermeintlich die ehemalige Gespielin des Sängers der Rockformation Rolling Stones zeigt (Bild oben links), ist in Wirklichkeit der vor anderthalb Jahren untergetauchte frühere Disco-Sängers Michael Jackson (oben rechts) zu sehen. Dessen Penisprobleme waren zeitlebens Stadtgespräch im Internet und in diversen bunten Blättern. Grund genug für den gerade wieder mit einem posthumen Album erfolgreichen Toten des vergangenen Jahres, dem ähnlich gestraften Julian Assange beizuspringen.

Jackson hatte zu seiner aktiven Zeit als Popstar immer gegen Vorwürfe kämpfen müssen, er habe mit kleinen Jungen zusammen in einem Bett geschlafen. Dabei sollten jedoch sowohl er selbst als auch die Kinder wach gewesen sein. Jackson gelang es, sich mit mehreren Millionenzahlungen freizukaufen. Assange droht Schlimmeres: Historisches Vorbild der Sex-asleep-Anklage gegen den Wikileaks-Gründer ist der Fall des legendären "Chloroform-Unholds" von Bern, der vor Jahren rücksichtslos in Häuser eingestiegen war, dort lebende schlafende Mädchen betäubt und sie dann vergewaltigt hatte.

Assange soll laut fast fertiger Anklage, die der "Guardian" jetzt in einem Anfall von Geheimnisverrat veröffentlichte, von diesem Tatmuster insofern abgewichen sein, als er wie Jackson zusammen mit seinem späteren Opfer zu Bett ging und auch einvernehmlichen Sex mit ihr hatte. Erst später sei er ohne zu fragen und ohne bemerkt zu werden erneut in die junge Frau eindrungen. Aus dem Umkreis von Wikileaks-Unterstützern hieß es dazu, Assange habe nur das Beste gewollt. Seit den Studien von Neil B. Kavey aus dem Jahre 2005 sei bekannt, "less Sleep could mean less Sex, hier habe Assange zweifellos gegenhalten wollen, um später neue Beweise für die These veröffentlichen zu können, dass mehr Schlaf durchaus auch mehr Sex mit sich bringen könne.

Mehr zum Fall der Fälle:
Assange nun auch Blume des Jahres
Tod krönt Lebenswerk
Suchmaschine für Diplomatengeschwätz
Mick Jagger: Ein Lied für Angela

Sonntag, 19. Dezember 2010

Dark hervorgebrabbeltes Genole

Das war nicht nett, aber ein Gentleman verzeiht das natürlich. Shane MacGowan, von PPQ vor Monaten nur halbgalant als "Toter auf Tournee" bezeichnet, hat sich die ehrfurchtsvoll aktenkundig gemachte Zuschreibung als Ehrentitel an die Rupfenjacke geheftet.

Zumindest auf seiner halboffiziellen Seite bemüht des Krähensängers Webmaster den Google-Übersetzer, um aus "Eine Ruine geht rocken" das wundervolle "A Ruin is rocking" machen zu lassen. Ebenso elegant geht es heiter weiter. Aus den "Texten seiner alten Hits", an die "sich der 52-jährige Mann am Mikrophon der irischen Folkpunk-Band The Pogues heutzutage" im Original "nur noch gelegentlich" erinnerte, weshalb er den Rest der Strophen notgedrungen "einfach mit dunkel hervorgebrabbeltem Genöle zurockte", amalgamiert der Fremdsprachenassistent aus Kalifornien ein "the texts of his old hits, the 52-year-old man remembers nowadays only occasionally". Weshalb er, logisch "the rest of the verses simply rocks with dark hervorgebrabbeltem Genole."

Das hat keine Zähne, aber es hat eben Stil. Also los, sings noch einmal, Shane!

Terrorangst in Dunkeldeutschland

Es war ein Dokument der ungebrochenen Staatsgläubigkeit der Deutschen und vor allem der deutschen Medien, ein Festtag für alle Verschwörungstheoretiker und größte Moment im Leben des früheren Sachsen-Bank-Aufseher Thomas de Maiziere: "Sehr besonnen" gab der derzeit amtierende Innenminister vor genau einem Monat durch, Al Kaida plane grauenhafte, menschenverachtende Terroranschläge auf das friedliebende Deutschland. Weinachtsmärkte und der demokratisch verfasste Bundestag waren bedroht, "sehr konkret" konnten bereits vorab Anschlagziele, Reiseroute der Täter und deren Visanummern in sehr besonnenen Sondersendungen gewürdigt werden.

Das Fazit nach einem Monat Terrorangst fällt nun jedoch ernüchternd aus. Bis auf einen Anschlagsversuch in Schweden, das von den deutschen Behörden offenbar nicht gewarnt worden war, und die üblichen Attacken in Afghanistan blieb Al Kaida tatenlos: Der Reichsttagssturm fiel aus, die reisenden Attentäter blieben weg, die Adventszeit brachte weder Blutsonntag noch Massaker. Aus "sehr konkreten" Warnungen wurde ein fast schon mit Händen greifbares Schweigen, aus einem besonnen warnenden Innenminister ein schweigender. Die unbestechliche Google-Timeline (links) zeigt zudem einen erdrutschartigen Rückgang des Medieninteresses an den Terrordrohungen: Nie fragte irgendeine Zeitung, irgendeine Fernseh-Sondersendung, ja, nicht einmal ein Politiker der Opposition, warum de Maiziere diesen Sturm im Wasserglas losblies, welchen Zweck die Behörden mit dem blinden Alarm verfolgten, welchen Sinn eine ministerielle Mahnung haben kann, man solle sich in den Zeiten des eingebildeten Terrors "wie immer verhalten", wenn doch der Mahner selbst den Zustand des "wie immer" per Ausnahmezustand suspendiert hat.

Die letzten Reste der großen Angst werden nur noch in Satiresendungen beschworen. In Templin etwa, einem von Gott und beinahe allen Menschen verlassenen Flecken, fanden mutige Reporter versteinerte Rudimente der großen Al Kaida-Furcht von letztem Monat. "Ich hab ja meistens meinen Hund bei", sagt eine Frau auf die Frage, wie sie mit den Drohungen des Terrornetzwerkes Al Kaida umgehe.

Terroranschlag auf die Kanzlerin

Samstag, 18. Dezember 2010

Verbot der Woche: Klassiker von Kleist

Damit hatten die Hassprediger sicherlich so nicht gerechnet. Nach sechsjährigen Beratungen hat der Bundestag dem ruchlosen Treiben der Hetzer und Hasser mit den Stimmen von Schwarz-Gelb und den Grünen kurzerhand ein Ende gemacht: Künftig ist es dank der endlich in nationales Recht umgesetzten Cybercrime-Konvention des Europarats nicht mehr nur verboten, "rassistische und fremdenfeindliche Handlungen" gegen "Teile der Bevölkerung" verbal über das Internet zu begehen. Sondern untersagt ist es auch, das Volk in Form von einzelnen Volksgenossen zu verhetzen, etwa, indem zu Hass und Gewalt nicht gegen gesellschaftliche Gruppen (oben im Bild: verbotene Offline-Hetze gegen Schutzmänner), sondern gegen konkrete Einzelpersonen wie etwa den ehemaligen
Bundesbanker Thilo Sarrazin, den Schornsteinfegermeister Lutz Battke oder den Duisburger Bürgermeister Adolf Sauerland aufgerufen wird.

Künftig gilt für geschriebene oder gefilmte Angriffe auf Individuen, die bisher noch der sogenannten Meinungsfreiheit unterlagen, weil sie keine Gruppen und damit nicht pauschal diffamierten, die gleiche Rechtslage wie für die Verächtlichungmachung von Zusammenschlüssen mehrerer Personen aufgrund ihrer ethnischen Herkunft oder der Religion. Den Grünen, seit Monaten im Stimmungsaufwind, ging das jedoch nicht weit genug: Sie wollten, dass auch gepredigter Hasse wegen des Geschlechts, der Weltanschauung, einer Behinderung, wegen des Alter oder der sexuellen Identität mit Nachdruck verfolgt wird, wenn er in Internetforen verbreitet oder in Dateien auf der eigenen Festplatte gespeichert wird.

In einem ersten Anlauf wurde Heinrich von Kleists klassisches Gedicht "Germania an ihre Kinder" im Rahmen der seit Jahren völlig hassfrei bürgerschaftlich engagierten PPQ-Aktion "Verbot der Woche" bereits entsprechend angepasst. Wo es früher noch zielgerichtet heißen sollte "dämmt den Rhein mit Frankreichs Leichen; laßt, gestäuft von ihrem Bein, schäumend um die Pfalz ihn weichen, und dann Deutschlands Grenze sein!", steht jetzt ein mit der Cybercrime-Richtlinie abgestimmtes "dämmt den Rhein mit ihren Leichen".

Die USA verweigern sich einem Beitritt zum Zusatzprotokoll für ein porentief reines Netz trotz dieser ersten durchgreifenden Erfolge. Als Begründung schiebt die Obama-Administration angebliche "Eingriffe in die Meinungsfreiheit" vor. Mit Heinrich von Kleist, der selbst nicht mehr zur Verantwortung gezogen werden kann, lässt sich da nur fordern "Schlagt ihn tot! Das Weltgericht! Fragt euch nach den Gründen nicht!"

Mehr Verbote für eine bessere Welt:
Femegericht
Sexynazimaus
Saufen in Bayern
Virtuelle Radiergummis
Bienenburka
Nackt im Kind
Sonnenschein
Diktaturenvergleich

Freitag, 17. Dezember 2010

Grebe: Die Wahl zwischen Radio Brocken

Stirbt am schnellsten aus, hat aber dank seiner Lage ganz im Westen des Ostens und Richtung Norden gestreckt entlang der "Straße der Gewalt" alle Möglichkeiten, etwas aus seiner Misere zu machen: Sachsen-Anhalt, die Region, in der menschenverachtende Castortransporte nicht von Menschen aufgehalten werden, sondern von eingefrorenen Weichen, hat früh Spuren in der Kulturgeschichte der Menschheit hinterlassen, später aber damit aufgehört.

Nach Händel, da sind sich die Auguren einig, kam nicht mehr viel von Weltgeltung. Abgesehen davon, dass der Orchesterleiter der ungarischen Band Omega gelegentlich bei einem Landsmann in der Innenstadt diniert und das seit zwei Jahrzehnten beinahe in Permanenz tagende Kabarett der Stadtverwaltung mit dem aktuellen Programm "An der Saale hellem Wahnsinn" nachhaltig beeindruckt.

Als bräuchte ein solches Zeugnis noch Kopfnoten, hat der assimilierte Ostdeutsche Rainald Grebe sich jahrelang geweigert, nach seinem Lied für Thüringen, Brandenburg und Sachsen endlich auch mal eine treffende Hymne auf Sachsen-Anhalt zu schreiben, nach Einschätzung der Regierung in Magdeburg eines der erfolgreichsten Bindestrich-Länder, die jemals aus der früheren ex-DDR hervorgingen. Zu dem von Gott und den Menschen vergessenen Landstrich zwischen Börde und Bitterfeld, Harz und Hohenmölsen falle ihm einfach nichts ein, gab der Mann an, der in seiner Spätjugend selbst geraume Zeit Einwohner von Halle war, seinerzeit noch die größte Stadt im Land.

Mit Grebe gingen viele, nach ihm noch mehr. Der ehemalige Theatermann aus Köln aber, der mit seinem Orchester der Versöhnung bis zum angesehenen Komödianten aus Ostdeutschland gebracht hat, ist jetzt zurückgekehrt, auf den Lippen eine jubilierende Weise, die das Land und den Menschenschlag preist, der hinter den Autobahnwarnschildern mit dem Rätselspruch "Wir stehen früher auf" haust. Mit der von ihm bekannten Herzenswärme porträtiert der Musikclown die kleinen Schwächen und die großen Stärken der bärbeißigen Hallenser, der störrischen Harzbewohner und der Kartoffelbauern, die von Süden aus gesehen in den weiten Biokraftstoff-Prärien hinter Staßfurt leben. "Die Erde der Börde", lobt er, "ist fruchtbar und fast schwarz - Kartoffeln bis zum Harz".

Ja, hier ist die "Vielfalt zu Hause", wie Grebe richtig analysiert. Man hat die Wahl zwischen Radio Brocken! Die Wahl zwischen Radio Brocken! Und dann ein Solo für die Altmark, wo die Amish People auf ostdeutsch fluchen. Grebe ist wieder zu Hause, wo man seinen Humor nicht versteht.

Mehr Grebe live bei PPQ:
Bengt bängt
Vom Wir zum mir

Faszinosum Didaktik

Generationen von Historikern haben gerätselt und gestritten, ein Bundestagspräsident hat über die Antwort seinen Hut genommen, ein Dokufilmer seine ganze Laufbahn darauf aufgebaut und mehrere Fernsehsender haben den Auslöser der Frage als tragende Säule fest in ihr Programm eingebaut.

Nur die Frage war bislang trotzdem unbeantwortet: Was hat Menschen an Hitler fasziniert? Und was fasziniert sie bis heute weiter? Philipp-Hariolf Jenninger glaubte, ein überirdisches "Faszinosum" entdeckt zu haben, betonte die entsprechenden Redeteile aber falsch, so dass zahlreiche Abgeordnete den Sitzungssaal entsetzt verließen. Ungebeugt stellte der seinerzeit zweihöchste Repräsentant des Staates dennoch die Frage "War er nicht wirklich von der Vorsehung auserwählt, ein Führer, wie er einem Volk nur einmal in tausend Jahren geschenkt wird?"


Falsche Frage. Schon am Tag danach trat Jenninger zurück, ohne die Faszination damit abschwächen zu können, die bis heute von Hitler ausgeht. Der Führer, je länger er tot ist, desto häufiger kommt er vor, je weiter das von ihm angerichtete Grauen zurückliegt, um so häufiger wird ihm gedacht, wird es aufgearbeitet und nachgestellt, wie die unbestechliche Google-Timeline zeigt.

Vergebens aber war das nicht, wie eine mutige Dokumentation des Bayrischen Rundfunks jetzt zeigt. Auch sie geht der Frage nach, warum Menschen etwa den Obersalzberg besuchen, von dem aus das Böse zwischen 1937 und 1945 über den größten Teil Europas herrscht. Eine halbe Million Besucher kommen heute noch in jedem Jahr, um die Reste der früheren Reichskanzlei Dienststelle Berchtesgaden zu besuchen. Die Massen strömen freilich nicht wegen Hitler, sie besuchen den Berghof nicht wegen des Odems der Geschichte, nicht wegen lässt der in seiner Bedeutung für die Geschichtsschreibung bislang völlig unterschätzte Film wissen. Sondern (Film oben, ab Sekunde 21) natürlich wegen des "hohen fachlichen Standards" und der "guten didaktischen Aufbereitung" der Ausstellung im Dokumentationszentrum Obersalzberg, das allein deshalb "zu den meistbesuchten Museen Deutschlands" zählt.

Der Rest der Wahrheit über den Sieg des Didaktismus über den Führerkult beim Augenzeugen Anmerkung