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Dienstag, 4. Oktober 2011

Schlimm: Buch-Sucht mit Leichengift

Ein Prozent der Bundesbürger zwischen 14 und 64 liest nach einer neuen Studie täglich für mindestens vier Stunden zwanghaft Bücher. Besonders Ältere laufen Gefahr, dass sie über die Literatur ihr Sozialleben und ihre Pflichten vernachlässigen. Der deutsche Buchmarkt erwirtschaftete mit der Sucht von mehr als einer halben Million Menschen im Jahr 2010 einen Umsatz von gut 9,7 Milliarden Euro - gegenüber dem Vorjahr waren das noch einmal 0,4 Prozent mehr. Den Preis aber zahlen die Bürger: Nach der vom Bundesministerium für Gesundheit geförderten Studie "Prävalenz der Buchsucht" hat mehr als jeder 20. Deutsche Mühe, seinen Buch-Konsum zu kontrollieren. Nach der Studie, die Forscher der Universität Lübeck erstellt haben, gilt ein Prozent der Bevölkerung als buchsüchtig, bei weiteren 4,6 Prozent stufen die Wissenschaftler den Konsum als problematisch ein.

Damit gibt es in Deutschland mehr Literaturabhängige als Glücksspielsüchtige, bei denen die Quote nur 0,3 Prozent der Bevölkerung beträgt. Besonders gefährdet sind Ältere und Senioren, hier gelten vier Prozent als süchtig, und bei mehr als 17 Prozent gehen die Experten von einem problematischen Konsum aus. Pensionäre und Frührentner greifen dabei oft zu sogenannter leichter Literatur. Beliebt waren zuletzt Pornobücher wie "Schoßgebete" von Charlotte Roche und mörderische Thriller wie "Die Blutlinie" oder "Leichengift".

Dr. Hans-Jochen Sumpf ist leitender Psychologe an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie und einer der Autoren der Studie, für die 15.000 Menschen nach ihren Lesegewohnheiten befragt worden waren. PPQ hatte Gelgenheit, mit Sumpf über die erschütternden Ergebnisse zu sprechen.

PPQ: Bücher liest gefühlt fast jeder, aber kann auch potenziell jeder buchsüchtig werden?

Sumpf: Wir wissen, dass es bestimmte psychische Anfälligkeiten für Buchsucht gibt. Menschen, die bereits vor ihrer Sucht ängstlich waren, die Schwierigkeiten haben, auf andere Menschen zuzugehen oder im Mittelpunkt zu stehen. Depressionen spielen eine Rolle, Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom - all diese Merkmale treten auch zusammen mit der Buchsucht auf. Einige Daten zeigen, dass diese Dinge schon vorher da waren und somit auch eine Empfänglichkeit bieten. Von daher sind generell bestimmte Personen besonders anfällig dafür.

PPQ: Wann beginnt "Abhängigkeit"?

Sumpf: Die Zeit, die Nutzer mit Büchern verbringen ist ein erstes Indiz. In unserer Studie zeigt sich, dass die Nutzer, die wir als abhängig einstufen, durchschnittlich vier Stunden täglich lesen. Wichtiger ist noch, welche Auswirkungen das hat. Häufig verlieren nämlich die Nutzer die Kontrolle darüber, wie viel Zeit sie versunken in ein oder mehrere Bücher verbringen. Sie können nicht mehr frei bestimmen, wie sie das halten möchten. Sie nehmen sich dann oft vor, zu bestimmten Zeiten nicht oder insgesamt seltener zu lesen, es gelingt ihnen aber nicht.

PPQ: Was genau suchen diese Menschen in Büchern?

Sumpf: Oft ist zunächst generell schlechte Stimmung der Grund für die lange Lesezeit. Die Menschen suchen Ablenkung oder schlicht Bestätigung im Buch. Das ist meist relativ einfach zu bekommen. In Krimis, Liebesromanen oder Science-Fiction-Werken schlüpfen Spieler in andere Rollen und bekommen dort Anerkennung. Dafür werden auch die negativen Folgen, die mit der vielen Nutzung von Büchern zusammenhängen, in Kauf genommen: geringe Leistungsfähigkeit nach einer ganzen Nacht lesend im Bett und daraus folgende Probleme in Schule oder am Arbeitsplatz. Daran erkennt man, dass es ein süchtiges Verhalten ist.

PPQ: 4,9 Prozent der 64- bis 76-jährigen Frauen, aber nur 3,1 Prozent der gleichaltrigen Männer sind literaturabhängig. Wie erklären Sie sich das?

Sumpf: Wir denken, dass Frauen in dem Alter sozial etwas weiter als Männer sind. Gerade das Lesen von Romanzen, also das Schlüpfen in Traumwelten, spielt eine große Rolle. Beides findet man in einschlägigen Romanen. Für einige, längst nicht alle, kann das zu einer sehr wichtigen Sache werden, dort Bestätigung zu bekommen. Männer dagegen trinken Bier, sehen Fußball oder basteln zusammen an Autos herum. Im Augenblick ist es so, dass die Allerältesten die höchsten Suchtraten haben. In der nächsten Altersgruppe wird das immer weniger, jüngere und junge lesen kaum noch. Vielleicht ist diese Faszination nur für eine begrenzte Zeit vorhanden, aber das können wir derzeit noch nicht sagen, weil wir nur eine Querschnittserhebung haben.

PPQ: Wie könnte Präventionsarbeit aussehen?

Sumpf: Die Präventionsarbeit setzt besonders bei den Kindern an, weil gerade die Älteren betroffen sind. Weil die Kinder einen guten Kontakt zu ihren Eltern haben und sehen, wenn diese Auffälligkeiten zeigen.

PPQ: Welche zum Beispiel?

Sumpf: Etwa, wenn Aktivitäten, die früher von Interesse waren, aufgegeben werden oder dass die Eltern lange Zeit mit einem Buch verbringen. Dann ist es Zeit, mit ihnen zu sprechen und klare Regelungen einzuführen: wie oft und wie viele Stunden Mutter oder Vater lesen darf. Diese Bestimmungen muss man dann gemeinsam aushandeln.

PPQ: Was tun, wenn Vater oder Mutter bereits süchtig sind?

Sumpf: Bei einer bereits ausgeprägten Sucht muss professionelle Hilfe in Anspruch genommen werden. Dann ist es sinnvoll, sich an Suchtberatungsstellen zu wenden. Bei den ganz schweren Fällen von Buch-Sucht, die zu völliger Verwahrlosung geführt haben, sind aufwändigere Therapien erforderlich. Eine Ambulanz in Mainz hat sich darauf spezialisiert.

PPQ: Wie kann man sich selbst schützen?

Sumpf: Man muss sich selbst aufmerksam beobachten. Sobald Bücher welcher Art auch immer einen extrem hohen Stellenwert im eigenen Leben einnehmen und man auch, wenn man gerade unterwegs ist, über den Fortgang einer Geschichte nachdenkt, die man gerade liest. Wenn man kaum noch Aktivitäten hat, die im wirklichen Leben stattfinden. Das sind Alarmsignale.

Herr Professor, wir danken für dieses Gespräch.


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Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Aber auch Zeitungen und Zeitschriften. Wie viel Süchtige sich daraus mit Rätseln versorgen! Da muß man doch etwas tun!

eulenfurz hat gesagt…

Die Fernsehsucht ist sicherlich viel gefährlicher: Nimm den Menschen mal die Fernseher weg, und die Selbstmordrate stiege im Prekariat sprunghaft in die Höhe angesichts der plötzlichen Sinnentleerung des Lebens. Und für die Rauschmittelhersteller und Suchtmacher müssen sie sogar noch Gebühren zahlen!

Buchsucht ist nur gefährlich, wenn es sich um nicht hilfreiche Bücher handelt!

ppq hat gesagt…

zur fernsehsucht gibt es aber jedes jahr drei studien, zur buchsucht war das hier die allererste!!!!

Geier hat gesagt…

»… zur buchsucht war das hier die allererste …

Stimmt, das muß ich neidlos anerkennen. Ich habe zwar schon seit ganz langer Zeit (zwei Jahre?) ein Skript für einen Artikel entworfen, um die Bücherverbrennung mal aus der Schmuddelecke herauszuschreiben, aber das habe ich einfach noch nicht fertig online. Ist aber fest im Fünfjahrplan berücksichtigt.

Die Anmerkung hat gesagt…

Ich drücke auf die +1 drauf, da mcht dieser google auf einmal -1 draus, eine Rechenkunst die ich nicht verstehe.

Das im post beschriebene Phänomen leuchtet mir ein.

Wieso fanden eigentlich die Quartalsleser keine Berücksichtigung? Die gelten doch auch als krank, im Sinne der WHO.

Meines Wissens wird das Problem sich jedoch nicht weiter ausweiten, denn die Lösung ist schon angedacht.

Google, Facebook und andere große Internetkonzerne ... werden eines Tages unter staatliche Aufsicht gestellt oder gar vom Staat betrieben werden.

Dann werden nur noch gesunde Lesestoffe auf die Monitore transferiert.

ppq hat gesagt…

das wird sich nicht durchsetzen mit dem + und dem allen, schon dank der buchsucht nicht.

ich wollte eigentlich noch die erschütternde zahl einbringen, dass nur 80 millionen deutsche, von denen mindestens die hälfte nicht liest oder gar nicht lesen kann, rund 900 millionen lesen müssen - jedes jahr.

aber das war dann zu viel, zu lang der text.

und ich wollte ja auch noch zu meinem aktuellen buch. "die schalen des zorns". erzählt die vorgeschichte des 1. weltkrieges. kann ich nur empfehlen

Volker hat gesagt…

Vielleicht habe ich schief geguckt, aber ich werde Verdacht nicht los, dass Rumpf es darauf anlegt Vorurteile zu bestätigen.

Wurstkönig hat gesagt…

Oha. Da hatte wohl einer dieselbe Idee:

http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/suechtig/

Asuzug:
Mangels einschlägiger Studien ist man hier auf Schätzungen angewiesen. Es gilt aber als wahrscheinlich, dass mehrere Millionen Deutsche unter schwerster Lesesucht leiden. Einige lesen im Gehen und Stehen; andere lesen beim Frühstück oder im Café oder in der Straßenbahn; ein hoher Prozentsatz der Lesesüchtigen liest im Büro und im Bett. Schließlich müsse man noch von einer sehr hohen Dunkelziffer von Menschen ausgehen, die auf dem Klo lesen.

Viele Süchtige sind so abhängig, dass sie in der Wahl ihres Lesestoffs nicht mehr wählerisch sind. Sie lesen Zeitung, Zeitschriften und Bücher jeder Art, ganz gleich ob Sachbücher oder Romane. Sie lesen alles, was ihnen einen Kick verspricht. Vereinzelte Süchtige greifen aus Angst vor einem cold turkey sogar zu Gedichtbänden.

ppq hat gesagt…

naja, ob man acht tage danach dieselbe idee haben kann...

aber wir freuen uns ja immer, wenn informationsinnovationen die runde machen