Google+ PPQ: März 2011

Donnerstag, 31. März 2011

Gesänge fremder Völkerschaften: Rumpeln im Rio

Es gibt gute Bands, es gibt schlechte Bands, und es gibt Bands, die sollte es lieber nicht geben. The Campbell Appartment etwa haben alles, was es braucht, Musik zu machen, dass es raucht. Auf ihrer Myspace-Seite klingen die Männer von der US-Ostküste sogar recht anschmiegsam und interessant. Doch wer ihnen dann im Konzert in die Hände fällt wie die PPQ-Feldforschungsgruppe auf der Suche nach den Gesängen fremder Völkerschaften, reibt sich verwundert die Ohren: das semiprofessionelle Gitarrenorchester schabt und schleift sich durch eine Trümmerlandschaft aus halberinnerten Eigenkompositionen, dass der Verdacht aufkommt, hier handele es sich um improvisierten Jazz, nicht um Rockmusik, die nach musikalischen Schablonen funktioniert.

Dabei sieht Sänger lad Ari Vais aus wie Grant Lee Philips, der Gitarrist trägt nicht nur einen gelangweilten Gesichtsausdruck, sondern auch ein fetziges Westernhemd zur Schau. "Huhuhuhuhu", macht der Song, ehe er in vokalistische Abgründe kippt, aus denen es "I´m in love" hallt, dass jede so Verehrte eilends Reißaus nehmen würde. Kaum vorstellbar, dass The Village Voice das Debütalbum, "Insomniac's Almanac" als eines der besten anno 2008 lobte und MTV sogar schon mal ein Video der Truppe spielte. Von wegen "Brian Wilson harmonies" und Melodien, die "rattle around in your head for days". Ein Dröhnen ist das nur, ein Quietschen und Rumpeln. Inzwischen ist Gitarrist Jody Porter, früher mal bei Fountains of Wayne, eingestiegen. Vielleichts wirds nun ja besser.

Zum Band-Hauptquartier

Mehr Gesänge von noch mehr Völkerschaften:
Pogo in Polen
Hiphop in Halle
Tennessee auf Tschechisch
Singende Singles

Mittwoch, 30. März 2011

Hoffnung nach dem Höllenfeuer

Richtig, Genosse Ulbricht! Unsere Jugend ist keine Jugend, die immer nur yeah, yeah und, ja, yeah schreit! Unsere Jugend kann auch ganz anders: Wenn die Zeiten hart werden und für eine ganze Popgruppe nur noch eine Gitarre aufzutreiben ist, weil wegen Euro- und Bankenkrise überall gespart werden muss, dann nehmen die ach so oft so schwer gescholtenen Jungen eben diese eine Klampfe und spielen zu viert darauf. Das macht macht Hoffnung, das sät Zweifel daran, dass der nächste Weltuntergang der letzte sein könnte. Hinter dem Horizont geht es weiter und immer weiter. Und wenn die letzte Gitarre verbrannt ist im Höllenfeuer des nächsten Fukushima, dann bläst der Nachwuchs eben auf dem Kamm.

Der Moment, an dem die Welt stillstand

Wiedermal ein Spiel des Jahres, wiedermal viel Wind um nichts. Damit ja nicht zu viele mitteldeutsche Fußballfreunde auf die Idee kommen, sich das diesmal wieder als Pokalspiel angesetzte Landesderby zwischen dem Halleschen FC und dem FC Magdeburg live anzuschauen, hat der landeseigene Fußballverband in seiner in langen Jahren peinlicher Ansetzungsfestivals erworbenen Weisheit beschlossen, das Viertelfinale seines größten Wettbewerbes diesmal an einem Arbeitstag zur besten Büroarbeitszeit ausspielen zu lassen. Im November war das Spiel aus Angst vor einer Durchführung noch abgesagt worden, nun aber gilt es - und der gastgebende Verein arbeitet kräftig mit an der Ausdünnung des Tribünenbesatzes. Er vergibt die Karten, als wären es welche zur britischen Königshochzeit. Aber schließlich, wer es nicht weiß, reden wir hier vom größten sportlichen Ereignis in der ehemaligen Chemiearbeiterstadt Halle-Neustadt seit der letzten Durchfahrt der Friedensfahrt. Und zugleich dem größten für die nächsten hundert Jahre, denn nach der Saison zieht der HFC zurück ins heimische Kurt-Wabbel-Stadion. Das dann allerdings auch schon wieder anders heißen wird.

Trotzdem oder gerade deshalb sind denn die Ränge in Sachsen-Anhalts derzeitiger Fußballhauptstadt auch nicht restlos gefüllt - und das in einem Stadion, in das eigentlich 10000 Menschen passten, das zur Feier solcher Begegnungen aber nur noch 4000 fasst. Dafür sind die Herren mit Tagesfreizeit da, die Geschicke des Volkes lenken: Neben dem unverkennbaren Bauernschädel des fast schon geschiedenen Bauminister Dähre, taucht wie immer bei absehbaren Fußballfeiern sein SPD-Gegenspieler Jens Bullerjahn auf, auch dessen für Verbote aller Art zuständiger Genosse Rüdiger Erben outet sich angelegentlich des Ereignisses als verkappter Fan, man weiß nur nicht, von wem.

Koalitionsverhandlungen auf der Vip-Tribüne? Bullerjahn, der "langjährige Anhänger des HFC" (Bullerjahn) wird später erst in der 66. min wieder vom Schnittchenschnabulieren kommen, denn er kennt sich aus. Vorher passiert nämlich nicht viel. Die erste Halbzeit hatte bewiesen, dass der FC aus dem Dorf in der Regionalligatabelle zurecht ziemlich weit unten steht, und er hatte zugleich ein Geheimnis darum gemacht, warum der HFC nach einer bescheidenen Hinrunde bisher eine Klasse Rückserie spielt. Ein Kopfball von Magdeburger Seite ans Außennetz und ein Schuss von Lindenhahn über den Kasten ist so ziemlich alles, was altgediente Reporter als "Zählbares" in ihre berühmten "Blöcke" notiert hätten.

Erst als Bullerjahn mit hoffentlich erfolgreich eingetüteten Vorschläge für die Besetzung der wichtigsten Posten im Land mit den wichtigsten Männern weit und breit wieder auf seinem Platz sitzt, nimmt die Partie Fahrt auf. Jetzt wechselt Halles Trainer Sven Köhler Telmo Texeira ein, jetzt zeigt der Gastgeber, warum er weiter oben steht. Wieder ist es Lindenhahn, der beinahe trifft, Magdeburg wackelt, aber Magdeburg fällt nicht. Trainer Wolfgang Sandhowe will sogar noch mehr als einen achtbaren Einzug in die Verlängerung. Mit Biran bringt der Magdeburger einen Stürmer, der früher das Etikett "gefährlich" anhaftete. Ist er auch, vor allem für das eigene Spiel: Nachdem Biran sich im Strafraum hinwirft und Elfmeter reklamiert, sagen ihm mehrere HFC-Spieler, dass er beim Fußball ist und nicht beim Strickkurs. Biran, als gebürtiger Syrer kein Mann, der sich gern belehren lässt, wenn die Belehrung als Beleidigung gemeint ist, fährt den Kopf aus. Kanitz fällt um wie von der Sense gefällt. Rote Karte wegen Tätlichkeit.

Die Stimmung ist, für Verhältnisse der Stadt, die keine Kulturstadt mehr ist und eben erst den Schock verdauen musste, auch den sinnfreien Titel "Stadt der Wissenschaft" nicht verliehen bekommen zu haben, am Kochen. Halle mit Chancen, Magdeburg mit Hoffnung, dass doch keiner reingeht. Der Favorit stürmt, doch der Favorit wankt auch. Dann Verlängerung. Magdeburg mauert mit zehn Mann, Halle hat noch mehr Chancen. Aydemir wird freigespielt und schießt aus 14 m am langen Pfosten vorbei. Der junge Dennis Mast muss raus, Müller kommt und köpft vorbei. Aydemir ebenso. Die Zettel füllen sich mit Notizen über nichts Zählbares. Köhler reagiert noch mal und bringt den verlässlichen Pavel David, der eigentlich von Anfang an erwartet worden war, für Lindenhahn, der sich aufgerieben hat. Dann nimmt Kanitz den Ball, geht links als außen sehr geschickt durch, flankt und Bejamin Boltze versenkt den Ball mit dem Kopf. Es ist die 116. Minute, der Moment, an dem die Fußballwelt der Neubauvorstadt stillsteht.

Der Rest sind Tränen der Freude, ist Taumel von der Fanecke bis zur Schnittchenfraktion mit den Großkoalitionären. Halle rächt die schmach vom Ligahinspiel, Halle steht wieder im Halbfinale. Dort wartet mit Landsberg ein Riese von Zwergenwuchs, der Finalgegner des Siegers wird die Elf von Piesteritz sein. Wenn da noch was schiefgeht, liegt es nicht am Gegner.

Frosch, das Steak vom Teich

Mais, das war für den Arbeiterführer Nikita Chruschtschow nichts anderes als die "Wurst vom Stengel", die dem körperlich unterlegenen Lager des Sozialismus zum Endsieg über das menschenverachtende kapitalistische System verhelfen würde. Beinahe hätte das geklappt, nur Wetter, Klima und falsche Böden in Deutschland verhinderten, dass der Mais zum Durchmarsch antrat und den Hunger für alle Zeiten aus der Welt schaffte.

An seine Stelle trat der Frosch, das kleine Steak vom Teich. Pro Jahr verspeisten die Menschen "auf der Welt", wie die "Welt" schreibt, "ungefähr eine Milliarde Frösche". Das habe ein Professor Miguel Vences von der TU Braunschweig gezählt. Vences beschäftige sich schon lange mit Fröschen, heißt es, ob er welche isst, bleibt hingegen unbekannt. Auf jeden Fall warne er vor einem Umkippen der Weltfroschpopulation durch das Verspeisen zu vieler Frösche, wie es derzeit gang und gäbe sei.

In den USA, Belgien und Frankreich würden Froschschenkel "immer noch gegessen werden", der kleine grüne Freund des Menschen aber zahle dafür einen hohen Preis. Froschlebensräume im asiatischen Raum seien bereits "fast leer geräumt", nun aber stehe auch Afrika noch am Froschbuffett an: "Angesichts der Hungersnot", schreibt die Qualitätszeitung, ohne zu sagen, welche da schon wieder verschwiegen worden ist, esse man "vermehrt Frösche". Auch die Natur hat es zudem auf die kleinen, kuscheligen Kröten abgesehen: Ein gefährlicher Pilz befalle die Haut der Frösche und dezimiere sie.

Letzte Hoffnung der Feinschmecker ist so ein geheimer Tümpel im Flachland vor Schwerin (Video oben), in dem eine 1956 von Nikita Chruschtschow gegründete Kolchose sogenannte Bass-Edelkröten züchtet. Die Tiere werden bis zu 27 Zentimeter groß, ihre Schenkel sind dick wie Hühnerkeulen. Das Geheimnis der Zuchterfolge: Man füttert die Frösche mit Mais, der Wurst am Stengel.

Verbot der Woche: Virtuelle Wettwerbung

Höchste Zeit war es, der illegalen Glücksspielwerbung einen Riegel vorzuschieben. Kaum eine Woche vergeht, ohne dass im deutschen Fernsehen (Bild oben) Fußballmannschaften aus anderen Ländern gezeigt werden, die mit breiter Brust hierzulande verbotene Firmennamen wie "Bwin" öffentlich in die Kameras halten. Wettopfer warnen seit Jahren vor den gewissenlosen Machenschaften von ARD, ZDF, Sat1 und Sport1, denen der Rechtsstaat bisher tatenlos zugeschaut hat.

Das wird er in Sachen Champions League weiter tun, weil sowohl die Echtzeitlöschtechnik für Werbeaufdrucke als auch das Unrechtsbewusstsein der Fans noch nicht weit genug entwickelt sind, Spiele nicht im Fernsehen zu zeigen, nur weil Real Madrid glaubt, ungeachtet der deutschen Rechtslage einen illegalen Wettanbieter als Trikotsponsor beschäftigen zu dürfen.

Wenigstens in der virtuellen Welt aber greifen die Behörden nun endlich entschlossen durch. In der deutschen Ausgabe des Fußball-Simulationsspiels "Fifa 11", so hat Schnittberichte entdeckt, wurden die Trikots von Real Madrid porentief gereinigt, um alle Spuren illegaler Glücksspielwerbung zu entfernen (Foto).

Auch auf den Trikots anderer Teams, die von der nicht-staatlichen Glücksspielindustrie gesponsort werden, sind die Logos privater Werbeanbieter im Rahmen der bürgerschaftlich engagierten PPQ-Aktion "Verbot der Woche" fürsorglich entfernt worden. Deutschland schafft sich so seine eigene Spiele-Realität, schreibt Schnittberichte.com: "Während bei Real Madrid in der britischen Version des Spiels der Schriftzug "bwin" deutlich zu sehen ist, fehlt er in der deutschen Fassung". Olympique Lyon dürfe so nun zwar via Champions League in Millionen Wohnstuben für das in Deutschland illegale Wetten werben, nicht aber virtuell für den Buchmacher BetClic oder den Pokeranbieter Everest Poker trommeln.


Mehr aus der bürgerschaftlich engagierten Reihe Verbot der Woche

Kanzler Steinbrück stellt Kompetenzteam vor

Die deutsche Sozialdemokratie bereitet sich offenbar auf ein vorzeitiges Ende der Klimakanzlerschaft von CDU-Chefin Angela Merkel vor. Zwei Tage nach der Wahl in Baden-Würtemberg, die den Christdemokraten einen Machtverlust beschert hatte, stellte SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück in Berlin im kleinen Kreis das "Kompetenzteam" vor, mit dem er in den Wahlkampf ziehen will. Es wird erwartet, dass Steinbrück aus dem Kreise seiner Teammitglieder auch sein künftiges Kabinett besetzen will.

Zuvor war der SPD-Parteivorsitzende und langjährige Pop-Beauftragte Sigmar Gabriel im Laufe einer turbulenten Nachtsitzung von seinem Vorrecht, als "natürlicher Kanzlerkandidat" der Sozialdemokraten ins Rennen zu gehen, zurückgetreten. "Ich glaube, Peer Steinbrück ist der Richtige, wir haben keinen besseren", habe der Wahl-Magdeburger gesagt. Aus seiner Sicht sei Steinbrück der geeignetste Kandidat, die Mitte auf ähnliche Weise anzusprechen wie das zuletzt Frank Steinmeier gelungen war. "Frank-Walter", so Gabriel, "hat gezeigt, dass niemand Parteivorsitzender sein muss, um ein scharfes Rennen zu liefern."

Steinbrück, der sich in den letzten Wochen bewusst aus der aktuellen Tagespolitilk herausgehalten hatte, benannte noch am selben Abend sein künftiges Kabinett. Während er selbst als primus inter pares das Kanzleramt ausfüllen werde, sähen die Planungen vor, dass der bewährte Finanzstaatssekretär Jörg Asmussen zum Finanzminster aufrücke. Asmussen habe das Ministerium unter Steinbrück und Schäuble bereits mit "großer Umsicht" geführt und durch höhere Steuereinnahmen gespart. "Jetzt ist es Zeit, dass er in die erste Reihe tritt", lobte der ehemalige Vorgesetzte und künftige Kanzler. Gerüchte, der sachsen-anhaltische Finanzminister Jens Bullerjahn werde als Sparkommissar nach Berlin rücken, sind damit vom Tisch.

Da Außenministerium und damit die Vizekanzlerschaft traditionell an die Grünen als kleineren Koalitionspartner fallen und nach den Plänen der neuen Volkspartei mit der derzeitigen Parteichefin Claudia Roth besetzt werden, plant Steinbrück, die SPD-Seite des Kabinettstisches mit Sigmar Gabriel als Wirtschaftsminister und Andrea Nahles als Sozialministerin zu besetzen. Das Innenressort fällt an Nils Annen, für die Gesundheit hält sich Manuela Schwesig aus Mecklenburg bereit. Das Familienministerium, für das die Schwerinerin als Favoritin galt, fällt überraschend an Klaus Wowereit, der damit als erster Mann ins Familienressort einzieht, sobald er Berlin an Renate Künast übergeben hat. Andrea Ypsilanti, deren harte Basisarbeit in den vergangenen Jahren danach "geschrieen" (Steinbrück) habe, längst vergangene Fehler nicht mehr aufzurechnen, bekommt das neugeschaffene Integrationsministerium, das sich künftig um benachteiligte Jugendliche kümmern wird. Generationswechsel auch im Justizministerium: Hier wird aus Gründen des Länderproporzes noch ein junger männlicher Jurist oder Steuerberater aus Bayern gesucht, der Kinder und internationale Erfahrung haben, aber mindestens in zweiter Ehe verheiratet sein soll. Hier sehe er aber noch Verhandlungsmasse, sagte Steinbrück, der bereit wäre, den Posten an den juristisch erfahrenen Grünen-Chef Cem Özdemir zu geben.

Die Grünen reklamierten in einer schnell einberufenen Telefonkonferenz außer dem Außenministerium erwartungsgemäß Verteidigung und Umwelt für sich. Neuer Verteidigungsminister wird danach Christian Ströbele, der plant, die Abschaffung der Bundeswehr weiter zu beschleunigen. Deutschland könne der Welt ein Beispiel geben und sich in Zukunft gewaltfrei verteidigen. Das Umweltressort möchte Parteichef Jürgen Trittin gern selbst übernehmen. Der angefragte Ersatzkandidat Rezzo Schlauch habe abgesagt. Endgültig müsse darüber aber die Basis entscheiden. Gedacht ist an einen Vorausscheid im Fernsehen nach dem Vorbild von "Deutschland sucht den Superstar". ARD, ZDF, Phoenix und RTL übertragen die Finalrunde dann parallel.

Dienstag, 29. März 2011

So bremst der Hase

Dies ist eine verschlüsselte Meldung nach NVA-Marine im ersten Schlüssel, Text exakt nach Schlüsselbuch, Seite wie Datum: heute, Infanterie, Titel, "So bremst der Hase". Dringlichkeit-Blitz! Setzen Sie Dreifachschlüssel im X.

Montag, 28. März 2011

Leben unter Wasser

Jaja, so ändern sich die Zeiten. 2009 hatte das als Bundes-CO2-Fabrik bekanntgewordene Bundesumweltamt in Dessau die Arbeitsgruppe Klimaforschung des Institut für Atmosphäre und Umwelt der Universität Frankfurt/Main noch herausfinden lassen, dass extreme Niederschläge im Osten Deutschlands immer seltener auftreten. "Die zeitlich gleitende Analyse zeigt bei extremen Starkniederschlägen hingegen im Osten ein Trend zu seltenerem Auftreten", schrieben die Forscher damals. Dieses Bild stehe im Gegensatz zu dem im Westen, im Osten seien also Niederschläge "insgesamt weniger extrem geworden".


Allerdings gilt immer noch das Dichterwort "Nichts ist für immer" (Stephan Weidner). So hat das Umweltbundesamt jetzt noch einmal nachrechnen lassen - zum Glück, möchte man sagen, denn so konnte aufgedeckt werden, dass die "Gefahren durch extreme Niederschläge werden ab 2040 deutlich zunehmen". Eindeutig: "Der Klimawandel schreitet weiter voran", schreiben die Forscher in ihrer Ausarbeitung, die gemeinsam mit den Experten vom Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, der Klima-Division des Technischen Hilfswerks und dem Deutschen Wetterdienst gefertigt wurde. Deutschland müsse deshalb "schon ab dem Jahr 2040 ganzjährig mit einer starken Zunahme extremer Niederschläge rechnen".

Eine schreckliche Vorstellung, dass die noch 2006 vom selben Amt versprochenen "Dürren in Brandenburg" abgesagt sein könnten. Damals drohte der Klimawandel "viele Seen in Deutschland austrocknen zu lassen", wie der "Focus" besorgt zitierte. Jetzt hingegen "drohen bereits in drei Jahrzehnten deutlich mehr Schäden durch Überschwemmungen" warnen die Mitarbeiter des gemeinsamen Forschungsprojekts. Statt um 20 Prozent abzunehmen, wie es die renommierte Klimaschutzschrift "Spiegel" noch im Frühjahr 2007 glasklar vorausgesehen hatte, müssen die Niederschläge nun wieder steigen. „Im Winter, also den Monaten Dezember, Januar und Februar, erwarten wir bis zum Jahr 2100 in weiten Teilen Deutschlands mehr Starkniederschläge“, erläutert Paul Becker, Vizepräsident des DWD und vor einem Jahr noch ein Mann, der die Erträge in der Landwirtschaft hierzulande durch den Klimawandel steigen sah, "weil zweimal geerntet werden kann". Entscheidend sei allerdings, so hieß es damals, "ob ausreichend Wasser vorhanden ist".

Ein Jahr später gibt es eine Sorge weniger. In küstennahen Gebieten könne sich die Anzahl extremer Niederschläge verglichen mit dem Zeitraum 1960 bis 2000 verdoppeln und zwischen Küste und Alpen um bis zu 50 Prozent zunehmen. Zwar werde sich die Häufigkeit von Starkniederschlagsereignissen in den Sommermonaten trotz entsprechender Forderungen des Grundgesetzes nicht alle Teile Deutschlands einheitlich entwickeln. Doch für die meisten Regionen rechnet der DWD derzeit, also in diesem Augenblick, mit einem Anstieg um etwa 50 Prozent.

Es komme jetzt darauf an, sich an ein Leben unter Wasser rechtzeitig anzupassen. Das Umweltbundesamt den sofortigen Umstieg auf eine "wassersensible Stadtgestaltung" mit dezentraler Regenwasserversickerung und Oberflächen, die so gestaltet sind, "dass sie unter normalen Wetterbedingungen für Freizeitaktivitäten genutzt werden können, im Ereignisfall aber dem Wasserrückhalt dienen". Der Yemen lebt in seiner Hauptstadt Sanaa entsprechende Konzepte vor: Hier sind Stadtautobahnen als Gräben gebaut, die in Zeiten zunehmend fallender Niederschläge als Flüsse dienen.

Christoph Unger, Präsident des BBK, betont, dass die Anpassung an den Klimawandel eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe sei, denn es liege in der Verantwortung des Einzelnen, seinen Beitrag zu leisten. Der Bevölkerungsschutz müsse sich angesichts der für das erste Quartal 2041 erwarteten Regenfälle und Fluten die Frage stellen, "ob die einsatztaktischen, personellen oder materiellen Mittel und Ressourcen geeignet und ausreichend verfügbar sein werden". was fehle, müsse zugekauft werden - unabhängig davon, ob es sich um Spezialgerät oder Einsatzkleidung handelt.

Inside CO2-Fabrik: Klimatod durch frische Luft

Triumph der Republik, die sie DDR nannten

Am Ende behält der große Vorsitzende Erich Honecker doch recht. Nach einer neuen Untersuchung, die im Internet kursiert, hält den Sozialismus in seinem Lauf offenbar wirklich weder Ochs noch Esel auf, wie es der DDR-Staats- und Parteichef in selnen letzten Tagen im Amt vorhergesagt hatte. Insgesamt listet das geheime Regierungspapier 30 Beispiele für die erfolgreich vollzogene "Wende" (Egon Krenz) des "größer gewordenen Deutschlands" (Helmut Kohl) zum Gesellschaftsprinzip des ehemaligen kleineren Teils auf. In ihrem 61. Jahr feiert die vorschnell totgesagte erste Arbeiter- und Bauernrepublik einen stillen, aber gleichwohl unübersehbaren Triumph.

1. Verkehrswesen:
- jedes 5. Auto ist ein Skoda
- Trabbi, Wartburg und W 50 fahren immer noch auf den Straßen
- die Straßen sind so kaputt wie 1985
- die Benzinpreise sind auch wie 1985
- S-Bahn fährt nach Notfahrplan
- die Eisenbahn ist nie pünktlich und fast alle Züge sind defekt
- Winterdienst auf den Straßen gibt es nur in Berlin

2. Politik
- Staatsoberhaupt ist eine Frau aus Mecklenburg-Vorpommern
- die Meinungsfreiheit ist eingeschränkt (siehe Tilo Sarazin)
- egal welche Partei (alles Kandidaten der nat. Front) man wählt, es bleibt
alles beim alten
- es gibt wieder Montagsdemos (Stuttgart)
- FDJ Kundgebungen heißen jetzt Loveparade
- Russland und China sind die stärksten Weltmächte und die USA hoch
verschuldet bei China
- in Südamerika entstehen neue Sozialistische Staaten
- Firmen bespitzeln wieder ihre Mitarbeiter (Telekom)

3. Wirtschaft
- Saisonartikel wie Streusalz und Schneeschieber sind nur mit guten
Beziehungen zur HO oder zum Konsum zu bekommen
- wir sind abhängig vom Russischem Erdgas und Polnischer Steinkohle
- deutsche Firmen gehören teilweise mächtigen Russen
- es gibt wieder Pfandflaschen und Flaschensammler
- Papier und andere Altstoffe werden wieder gesammelt und gegen Geld
abgegeben
- Bierdosen sind sehr selten geworden
- es wird wieder mit Holz und Kohle geheizt
- die ersten Banken sind verstaatlicht (Volkseigentum)
- ein großer Teil des Volkes arbeitet nicht, hat aber volles Einkommen
( die Funktionäre heißen jetzt Beamte)
- Warteschlangen vor Schaltern und Kassen sind wieder üblich
- Eltern bekommen wieder Kindergeld

4. Bildung
- Kinder sollen wieder in die Krippe und Kindergarten gehen
- Grundschule und Oberschule werden zusammengelegt (längeres gemeinsames Lernen oder auch POS)
- es soll einheitliche Abiturprüfungen geben
- der Bätschelorr wird wieder ein Inschenör
- der Doktorhut wird für die da oben verliehen, nicht erarbeitet


Verbot der Woche: Diktaturenvergleich
Die endgültige Einigung Deutschland

Sonntag, 27. März 2011

Wegen des großen Erfolges: Wer hat es gesagt?

Nobody knows what liberty is - everybody knows what property is.

Wenn Dumheit wehtun tut

Neun Jahre nur hat es gedauert, bis ein 26-jähriger Brite seinen Lottogewinn von 11,4 Millionen Euro verprasst hatte. Nachdem er im Jahr 2002 einen Hauptgewinn gezogen hatte, lebt Michael Carroll inzwischen wieder von einem Tagesgehalt von rund 88 Euro, das ihm das Arbeitsamt zahlt.

Sein Geld habe er für Drogen, Glücksspiel und Prostituierte ausgegeben, sagte der als „King of the Chavs“ bekanntgewordene Glückspilz. Der Rest ging für Goldketten, Hunde, Luxusautos und ein schlecht laufendes Grundstücksgeschäft in Dubai drauf. Darüber, dass er nun wieder ein normales Leben führen muss, ist der Vollidiot nicht im Mindesten unglücklich. „Die Party ist vorbei, und ich bin wieder in der Realität gelandet“, freute er sich in der "Daily Mail". Er finde es einfacher, von 88 Euro Arbeitslosengeld als von einer Million am Tag zu leben.

Reich sein wäre zu einfach gewesen: Allein an Sparbuchzinsen für seine elf Millionen hätte der Lottogewinner rund 900 Euro kassiert. Täglich. Viel zu viel für ihn.

Dumm und dümmer

Alle Wahlen wieder

Alle Wahlen wieder: Der Souverän gibt und entzieht Liebe nach Tagesform, gern auch in der Hoffnung, es möge Folgen haben, die für ihn selbst folgenlos bleiben. Immer wieder sonntags geht von Deutschland aus ein Signal und gleich donnernd um die Welt, sie möge innehalten, aufhören, sich besinnen und neu anfangen, damit alles so bleiben kann, wie es schon immer war. Diesmal wird der Kampf gegen das Atom vor der Haustür geführt, nächstes Mal wird es etwas anderes sein. Was fehlt, ist ein konsequentes Vorgehen gegen die zunehmende Verwahrlosung der Volatilität an den Wahlmärkten. Morgen öffnet der Zeitungskiosk. Kanzlerdämmerung.

Wer hat es gesagt?

Wer eine Gesellschaft will, wo alle gleich sind, muss die unterdrücken, die nicht gleich sein wollen.

Bis es schließlich hieß, wir brauchen nicht mehr zu denken

Die Masse der deutschen Bürger und Bauern, der Intelligenz, der Kaufleute, Handwerker, Beamten und Angestellten, selbst ein bedeutender Teil der Arbeiter, haben leider einen sträflich geringen Sinn für Freiheit und Demokratie bewiesen. Diese Selbstentmündigung politisch so breiter Kreise unseres Volkes fand immer schmählicheren Ausdruck, bis es schließlich hieß, wir brauchen nicht mehr zu denken.
Wäre eine solche willenlose und widerstandslose Selbsterniedrigung und Selbstvernichtung eines Volkes möglich gewesen, wenn es seine Pressefreiheit und seine Redefreiheit behauptet hätte? Es hat Millionen gefallen, dass sie sich keine Mühe geben brauchten, selbst einen Weg zu suchen, sich selbst eine Meinung zu bilden in offener Aussprache und Auseinandersetzung mit den politischen Parteien. Ihnen schien es ein "großes Wort" zu sein, wenn sie erklärten, sie seien unpolitisch, sie kümmerten sich überhaupt nicht um Politik, und sie ahnten nicht, wie sie gerade dadurch Werkzeuge der erbärmlichsten, gemeinsten, betrügerischsten und der verlogensten Politik wurden.
Der mangelnde Sinn für den Kampf um die bürgerlichen Rechte und Freiheiten, für kämpferische Demokratie, gegen den Feind im eigenen Lande, für selbständige, entschlossene Massenaktion des Volkes gegen die plutokratischen Nutznießer, Ausbeuter und Unterdrücker gegenüber der ehrlichen Arbeit der breitesten Volksmassen hat leider tiefe Wurzeln in einer alten Tradition unseres Volkes. Der Militarismus und der Untertanengeist sind durch die tragische Geschichte unseres Volkes in den letzten vier Jahrhunderten stärker entwickelt als irgendwo anders. Der Ausweg aus unserer nationalen Katastrophe, die das Letzte und Beste und unserem Volke zu ihrer Überwindung fordert, ist jedoch nur möglich, wenn dabei gleichzeitig auch die Grundschwächen überwunden werden.
Sagte Bernhard Koenen. 1946

Samstag, 26. März 2011

Doku Deutschland: Das Langsame als Geschwindigkeit

Mein erstes Auto war genau so eins, wie es hier steht. Ford T-Modell, in schwarz. Natürlich in schwarz, denn der alte Henry Ford hatte ja gesagt: „Sie können ihn in jeder Farbe haben, sofern sie schwarz ist.“ Hat er nicht, ich weiß, aber die Geschichte ist doch gut. Ich war sieben oder acht, als ich Autofahren gelernt habe. Von meinem Großvater, der aus Deutschland weggegangen war kurz vor der Jahrhundertwende. Wollte der in die Kneipe, brauchte er einen, der ihn zurückfuhr. Wir lebten ja draußen auf dem Lande, da wäre man drei, vier Stunden unterwegs gewesen, zu Fuß zurück auf den Bauernhof. Der Alte hat dann zu mir gesagt, willste fahren, einfach so. Fahrschule und so was, das gab es alle noch nicht. Fragen Sie mal einen Siebenjährigen, ob er Autofahren will, mit einem richtigen Auto, meine ich, am Steuer und mit allem. Mit sieben sitzen die Kinder doch heute noch im Kindersitz.

Für mich war damals klar, dass ich fahren will. Das Problem ist nur gewesen, dass ich entweder an das Gaspedal rankam, oder über den Lenker gucken konnte. Das ist für einen Autofahrer eine schwere Entscheidung: Gas geben oder etwas sehen? Mein Großvater, Wilhelm hieß der und Willi haben sie ihn alle genannt, saß auf dem Beifahrersitz und hat seine Pfeife gestopft. Der war bedüttelt und hat nur gegrinst.

Ich bin dann im Stehen gefahren, kein Witz. Diese alten Autos hatten noch nicht so ergonomisches Mätzchen, dass das Gaspedal schräg vorn lag. Das ist eher, können Sie sich angucken, gern, gucken Sie hier, das ist hier vorn, aber eigentlich halb unten. Stellt man sich hin, muss man nur das Bein ein wenig nach vorn stellen und den Hintern rausdrücken, so hier. Dann fahren Sie im Stehen wunderbar, Sie spüren sogar den Fahrtwind, obwohl die Maschinchen ja nur 30 km/h zustande bringen.

Man kann sich so was heute sicher nur noch schwer vorstellen. Autos gibt es seit mehr als hundert Jahren, wenn ich mich nicht irre. Sie haben also auf der ganzen Welt keinen mehr, der kein Autos kennt, ein paar Buschmänner vielleicht mal abgezogen, aber das spielt ja keinen Geigenkasten. Als wir Kinder waren, war das anders. Wir sind rausgelaufen, wenn so ein Ding vorbeischnaufte, das war die Sensation des Tages, was sage ich, der Woche! Ich glaube, wir haben den Karren nur nicht hinterhergewunken, weil wir auch schon sein wollten, was die Kiddies heute cool nennen.

Cool war, als ich dann fahren durfte. Wie gesagt, kein Führerschein, woher auch. Es gab keine Fahrschulen, der Polizei war das auch egal. Mit 18 habe ich angefangen, als Erntehelfer zu arbeiten, nebenbei, ich war Student damals. Drei Jahre habe ich gebraucht, dann hatte ich das Geld für meinen ersten Ford zusammen. Auch ein T-Modell, so, wie er da steht. 150 Dollar habe ich bezahlt, das war viel Geld seinerzeit, sehr viel Geld. Ich fand es aber trotzdem gut angelegt. Die Thin Lizzys waren zuverlässig, wenn was nicht funktionierte, hat man das meist mit einem Hammer und einem Schraubenzieher hingebogen gekriegt.

Ich hatte später jede Menge anderer Autos. Aber zu meinem 90. haben die Enkel mir dann wieder einen geschenkt, den hier hinten, ja, der rote. Ich fahre gern mit dem, es ist so ein rumpelndes Gleiten, würde ich sagen, nicht dieses schnittige, scharfe Vorüberzischen wie in den Autos von heute. Man spürt den Fahrtwind, man entdeckt das Langsame als Geschwindigkeit und das Sitzen hinter dem Steuer als Privileg des Alters. Der Geruch von der Pfeife meines Großvaters, der fehlt mir allerdings. Aber man kann nicht alles haben. Die Hauptsache ist ja, man hat noch Wünsche.

Zur PPQ-Serie Doku Deutschland

Abriss-Exkursionen: Ruinen schaffen ohne Schlammpackung

So wenig bleibt von so viel Geschichte, wenn wie immer recht ungünstige Umstände zusammentreffen. Das ehemalige Centralbad am Joliot-Curie-Platz der früheren Kulturhauptstadt Halle weist sich heute noch durch eine halbzerfallene Sandsteinfigur an der Fassade aus. Sonst aber ist kaum noch etwas übrig von der Immobilie, in der die letzte Besatzung des historischen Wittekind-Bades seinerzeit ihre letzten Schlammpackungen legte.

Zehn Jahre danach grüßt eine Ruine die wenigen Besucher des nahegelegenen Opernhauses. Das Bad, das in der Zeit der Herrschaft der Arbeiter- und Bauernmacht den volkseigenen Bäderbetrieben gehörte, verfällt still und würdevoll. Die Fenster stehen offen, um den Regen einzulassen, das Dach hat strategisch geschickt platzierte Löcher, selbst die Drogensüchtigen, die hier jahrelang einen recht gemütlichen Unterschlupf gefunden hatten, haben aufgehört, in die Ecken zu kacken, gebrauchte Spitzen auf den Fensterbrettern zu deponieren und ihre Schlafsäcke vollzukotzen.

Ein Bild wie das Passfoto gefrorener Zeit erwartet Ruinentouristen, die sich die immer noch hochherrschaftliche Treppe hinaufwagen, wo die ersten Jahre nach der Rückkehr des Kapitalismus ein Steuerbüro versucht hatte, mit Blick auf das schöne grüne Parkgelände am Brunnen vor dem Opernhaus mit den sich beinahe wöchentlich ändernden Steuerregelungen mitzukommen. Massagen und Bäder gab es im Erdgeschoß, wie im Wilden Westen wurden auch öffentliche Wannenbäder angeboten, dazu Friseur, Kosmetik, Fußpflege und Sauna; Massagen und Solarium. In den 60er Jahren war das die Zukunft, in den 90ern wurde es Vergangenheit. Die Gegenwart sind Handwerker, die die Fenster zugemauert haben.

Freitag, 25. März 2011

Wiedergeboren als Bauernflüsterin

Mit der berühmten Verhörszene in "Basic Instinct" landete sie vor fast zwei Jahrzehnten einen Welterfolg, seitdem aber versuchte Sharon Stone (rechtes Foto rechts) vergeblich, sich dauerhaft in der Riege der Hollywood-Superstars zu etablieren. Frustrierende Gastspiele in Anwaltsserien folgten auf Auftritte in Kinoklassikern wie "Ich hab doch nur meine Frau zerlegt" und dem in Deutschland demnächst vor dem Verbot stehenden Türken-Thriller "Tal der Wölfe". Doch Stone, Trägerin der Goldenen Himbeere, ließ sich nicht entmutigen. Ehe ihre Karriere bei den sprichwörtlichen Honoraren von "Five Dollars a Day" (Stone-Filmtitel) landete, stellte sich die 1958 geborene Actrice auf neue Beine.

Unter dem Namen "Inka Bause" (linkes Foto rechts) startete das ehemalige Modell in Deutschland neu durch: Noch vor Beginn der Dreharbeiten zur Basic-Instinct-Fortsetzung "Basic Instinct – Neues Spiel für Catherine Tramell" moderierte sie im Zweiten Deutschen Fernsehen gemeinsam mit Thomas Ohrner die Gute-Laune-Sendung "Hüttenzauber". Dabei verzauberte Stone, die ihr Geburtsjahr als Bause um glatte zehn Jahre nach vorn gelegt hat, das deutsche Publikum. Vom ZDF-Sonntagskonzert und einem gemeinsam mit Jörg Kachelmann moderierten "Langen Samstag" im MDR Fernsehen arbeitete sich Sharon Stone langsam wieder nach oben.

Dabei half auch eine einfallsreich komponierte Biografie, die aus der in Pennsylvania geborenen Blondine Stone die aus Leipzig stammende Komponistentochter Bause machte. Neben Sendungen beim MDR-Fernsehen und im ZDF gelang es der ehemals immer ein bisschen anstößigen Amerikanerin zuletzt, bei RTL die achtteilige Doku-Soap "Bauer sucht Frau" zum Erfolg zu machen. Sie selbst lebt allerdings mit einem Politiker der Linken zusammen, der nicht Bauer ist, aber auch nicht über seine Beziehung zu schillernden Hollywood-Actrice sprechen möchte.

Wie Anke Engelke bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt Furore machte

Der Himmel über Halle XXXV

Oft kopiert, nie nachgemacht: Der Himmel über Halle, den PPQ seit Jahren in einem großangelegten Feldversuch dokumentiert, ist weltweit einzigartig und unverwechselbar, seine Schattierungen, glauben Experten, reichen vom gewöhnlichen Durchschnittshimmel für alle Tage bis zum großangelegten Farbenspiel zu besonderen Anlässen.

Und doch sind es oft die Details, die Liebhaber in alle Welt verzückt innehalten und die Weisheit der halleschen Stadtverwaltung losen lassen, die als erste in ganz Europa verstanden hatte, mit dem Standortfaktor Himmel als Pfund zu wuchern. Wie in einem Brennglas zeigt sich hier die Überlegenheit von ungewöhnlichen Ideen über das ewige Weiter-so der Einfallslosen, zeigt sich, dass die ehemalige Kulturhauptstadt heute zumindest im Kleinen mit den ganz Großen mithalten kann. Selbst bei Regen (Foto oben) hat der Himmel hier, sorgfältig inszeniert und von freigestellten Mitarbeitern des Opernhauses freiwillig gekonnt ausgeleuchtet, was Himmel anderswo nicht haben. Spreizt sich dort die dekadente Farbigkeit einer Hauptstadt auf einem Berg von Schulden, so glitzert hier die diamantene Kälte der puren Natur.

Wer hat es gesagt?

Das Geheimnis erfolgreicher Lebensführung besteht darin, die Erfüllung seiner Sehnsüchte zu vermeiden.

Donnerstag, 24. März 2011

Vier Sargnägel der Demokratie

Wo läuft das eigentlich alles hin? Was sind die großen Linie, abseits dessen, was lustig ist? Zeitpunkt.ch hat vier Thesen aufgeschrieben und "Vier Sargnägel der Demokratie" überschrieben. Der Text ist länger, die Stichpunkte aber sind kurz und gut.


1. Man baut zuerst die technischen Mittel der Überwachung und die Überwachungsinfrastruktur aus. Allgegenwärtige Kameras, Email-Datensammlungen, Zugriff aufs Internet, Ausweise mit Fingerabdruck und Mikrochip, usw. Dabei hält sich die Staatsmacht aber bei der konkreten Anwendung noch zurück. Die Menschenrechte werden nicht grob verletzt. Das bloße Vorhandensein dieser „Werkzeuge“ übt jedoch einen leisen Terror auf die Bevölkerung aus. Man weiß nie, wer schon was über einen wissen kann. Man vermeidet unvorsichtige Äußerungen in Wort und Schrift.

2. Man nimmt positive Ziele zum Vorwand, um Bürgerrechte partiell einzuschränken. Die Seuchengefahr erfordert Verbotszonen und Impfpflicht. Der Kampf gegen Kinderpornografie erfordert die Kontrolle des Internets. Um der Gesundheit der Bürger willen, werden ausgedehnte Rauch- und Alkoholverbote erlassen, usw.

3. Man probiert Menschenrechtsverletzungen zunächst bei unbeliebten Randgruppen aus, bei denen die Wachsamkeit der kritischen Zivilgesellschaft verssagt. Asylbewerber werden in Baracken gesperrt. Sozialhilfeempfänger müssen unbezahlte Zwangsarbeiten verrichten. Roma werden verschleppt usw. Die meisten schweigen dazu, denn sie sind ja keine Asylbewerber, Sozialhilfeempfänger oder Roma. Wenn die Gesellschaft den Repressionsorganen diese Verstöße aber durchgehen lässt, können Linke und Bürgerliche die nächsten sein.

„Versuchskaninchen“ bei der Aufweichung der Bürgerrechte sind auch Fußball-Hooligans. Sie sind laut und oft rücksichtslos und gewalttätig. Aber haben sie deshalb keinen Anspruch auf menschenwürdige Behandlung durch den Rechtsstaat? Im so genannten Altstetter Kessel (2004 in der Schweiz) wurden Fußballfans, die keine Straftat begangen hatten, von der Polizei aus dem Zug geholt und „präventiv“ auf dem Bahnhofsgelände festgehalten. Manche wurden verständlicherweise unruhig, die Polizei ging aber gegen jeden Widerstand mit Härte und Pfefferspray vor. Die Züricher Anwältin Manuela Schiller kämpft in diesen und ähnlichen Fällen seit Jahren für die Rechte der Fußballfans. „Mich stört das staatliche Benimm-Diktat“, sagt sie. „Da kriege ich einen Abwehrreflex. Man kann von mir aus mit gutem Beispiel vorangehen, aber man kann nicht alles sanktionieren. Die Jugend brauchte immer Freiräume.“ Im Zweifel für die Freiheit, selbst wenn es um Andersdenkende geht – eine solch konsequente Haltung findet man leider selten.

4. Nichts vermag diktatorische Tendenzen eines Staates wirksamer zu beschleunigen als Terror und Terrorbedrohungen. Die Nato-Staaten tun jedenfalls alles, damit der Terror wächst und gedeiht. Die Demütigung der islamischen Welt erfüllt dabei die doppelte Funktion, daheim ein erwünschtes Feindbild zu schaffen und dem Terror Nahrung zu geben. So terrorisierten deutsche Militärs mit dem Massaker von Kundus die Afghanische Bevölkerung. Es wäre nicht überraschend, wenn Deutschland in der Folge zunehmend zur Zielscheibe von Terrorplänen würde. Diese könnten dem Staat im zweiten Schritt dazu dienen, die Bürgerrechte der eigenen Bevölkerung einzuschränken. Wir müssen nüchtern feststellen: Wenn sich Taliban, al Qaida & Co. so skrupellos benehmen wie unsere eigenen Militärs, dann werden sie auch Unbeteiligte, also dich und mich, nicht schonen. Wir können nur beten, dass man dort menschlicher denkt. Nicht nur um der potenziellen Opfer willen, sondern um der Demokratie willen. Deren Errungenschaften würden im Fall eines „deutschen 11. September“ von Sicherheitsfanatikern nur allzu gern auf den Prüfstand gestellt.

Abriss-Exkursionen: Heimatland ist abgebrannt

Private Hilfe beim Rückbau der städtischen Strukturen aus den Zeiten der Diktatur hat die Stadtverwaltung der mitteldeutschen Kulturhauptstadt Halle von Unbekannten erhalten. Während die Behörden beim Abriss von Hochhäusern, Altbauten und Funktionsgebäuden aus den Zeiten der Arbeiter- und Bauernmacht zuletzt weitestgehend allein agieren mussten, griffen bei der Beseitigung eines in den Tagen der großen Versorgungsnot zur Gaststätte umfunktionierten Schiffes freiwillige Helfer ein.

Ziemlich genau ein Jahr, nachdem der letzte Pächter der Ausflugskneipe "Piratennest" tot in einem Abflusskanal neben seinem Schiff gefunden worden war, zündete ein reisendes Abrisskommando den seit 36 Jahren auf dem Trockenen liegenden ehemaligen Saaledampfer beherzt an.

Ein Autofahrer, der auf der nahegelegenen Bundesstraße vorbeifuhr, war der einzige Augenzeuge des letzten Aktes: Als die Feuerwehr eintraf, brannte das Objekt nach Polizeiangaben allerdings schon "in voller Ausdehnung" - und die herbeigerufenen Feuerwehrmannschaften hatten die falsche Tragpumpe dabei, so dass trotz eines Sees, der nur 20 Meter entfernt liegt, kein Wasser zum Löschen herangepumpt werden konnte. Eine Situation wie in Fukushima: Im Prinzip ist klar, was geschehen müsste. Aber dann fehlt es an einer Kabellitze, einem Radierer, einem C-Rohr.

Ende eines Film, vor dem eigentlich bereits vor einem Jahr der Vorhang gefallen war. Beim Versuch, seine wegen des herrschenden Frostes abgeschaltete Wasserleitung wieder aufzudrehen, war der 43-jährige Wirt des Festlandfahrgastschiffes am Naturbad Angersdorfer Teiche damals kopfüber in einem Versorgungsschacht steckengeblieben und gestorben. Ein Tod wie im Comicstrip. Seinen Koch, der das Geschäft hatte übernehmen wollen, hatte die Stadtverwaltung danach beharrlich vertröstet. Ziel sei es, das Gebiet zu renaturieren, hieß es, eine Ausflugsgaststätte passe da nicht ins Bild.

Das Boot mit mehr als 70 Gaststättenplätzen, das früher der staatlichen Handelsorganisation gehört hatte und bei Jugendlichen aus der Neustadt berühmt dafür war, bereits an 13-Jährige wenigstens drei große Bier auszuschenken, stand daraufhin leer und verloren am Rande der Stadt, wo es nach einer Karriere als Saaleflussschiff unter den dem jeweilig herrschenden System leicht zuzuordnenden Namen "Monika" und "Heimatland" gelandet war. Generationen von Kindern und Jugendlichen erfuhren hier ihre Initiation ins Erwachsenenleben: Große Biere, dicke Köpfe, eine Schachtel F6 auf dem Tisch und 30 Jahre Knast in der Nachbarnische.

Mit dem Mauerfall änderte sich der Name noch einmal, aus "Piratennest" wurde nun das weltläufige "Paloma". Bier für Minderjährige gab es bald nicht mehr, Spaziergänger aus der sich langsam entvölkernden nahen Neustadt fanden sich auch immer weniger ein. Lebenden Leibes begann das Trockenboot schon mal mit der angestrebten Renaturierung. Nun ist "Heimatland" abgebrannt. Der Stadtumbau schreitet voran. Die Natur holt sichs wieder. Alles.

Mehr Niedergang in bunten Bildern

Mittwoch, 23. März 2011

Deutsche Pumpen für den Weltuntergang

Japan meldet Strom in allen sechs Blöcken. Die Temperaturen sinken. Die Radioaktivität steigt nicht. In den Medien muss nun mit Ersatzteilen, doitschen Pumpen und der Angst vor kernschmelzendem Sushi gearbeitet werden, um die Kettenreaktion am laufen zu halten.

Die Pumpe, die das Leben in den am 11. und 12. März geschmolzenen Reaktorkern zurückpumpt, obwohl der sich nach Aussagen von völlig hirnunabhängig agierenden Greenpeace-Experten erwiesenermaßen bereits auf dem Weg zum Erdmittelpunkt befindet, entstand dabei in den letzten Jahren der DDR im halleschen VEB Baumechanisierung. PPQ hatte die Firma, die trotz ihrer hervorragenden Nuklearrettungsmaschinen von der Treuhand "plattgemacht" (Gregor Gysi" worden war, in der heimatgeschichtlichen Serie "Abriss-exkursionen" mit einem elegischen Nachruf bedacht.

Nun ist sie der gesamten westlichen Zivilisation offenbar nur vorangegangen. Doch wer sagt denn, dass der "Super-Gau" (dpa) nicht doch noch kommt? "Strahlung und Rauch erschweren reparaturen2, meldet n-tv. Vielleicht wird es noch bis Monatsende dauern, ehe das Kernkraftwerk Fukushima wieder Strom liefern kann? Der Maya-Schatzkartenbeauftragte der Bild ist jedenfalls weitergereist zu einem afrikanischen Priester. Dem Sauren-Regen-Macher, wie sie ihn nennen.

Gau im Garten: Strahlen strahlen

Erst die Panikmache, dann die Verhöhnung. Keine zwei Wochen nach dem Tsunami in Japan, der in Deutschland als Angriff von Mutter Erde auf die Atomtechnologie wahrgenommen wurde, versucht das erste deutsche Unternehmen, mit billiger Werbung für Strahlenschutz im eigenen Garten von der grassierenden Kernkraft-Hysterie zu profitieren. "Frühling einfach gemacht", heißt es auf eindeutig-zweideutigen Großplakaten, die zwei junge Katastrophenschützer beim verzweifelten Kühlen eines Kleinreaktors im Hinterhof einer schlichten Bauhaus-Villa zeigen. Der Kommentar dazu: "Strahlen strahlen". Offenbar will das Heimwerker-Paradies so schon vorab für Artikel werben, mit denen sich durch den Wind eingetragene Strahlungsspuren aus dem Garten und von der Terrasse "fegen" (Plakat) lassen.

Kein Zufall. Während die "Welt", bisher eine harmonische Stimme im allgewaltigen Einheitschor der Gau-Prediger, plötzlich die Wirklichkeit entdeckt, wie sie Augenzeugen vor Ort wahrnehmen, sind die Liveticker immer noch auf Katastrophe gebürstet. Der Gau, der am 12. März auf allen Kanälen vollzogen war, sei jetzt "nach wie vor möglich" (dpa), heißt es. "Radioaktive Partikel" aus Fukushima werden "in Deutschland erwartet" und hier mit großer medialer Begeisterung empfangen. Endlich mal wieder was los! Obwohl die in Deutschland erwartete Radioaktivität nach Expertenangaben "sehr, sehr niedrig" sein wird, sei "die Sorge über mögliche Auswirkungen des Atomunglücks von Fukushima weltweit gestiegen".

Eine identische Zeile hätte selbstverständlich auch ein wirklicher Gau zur Folge gehabt. Da der aber nun wohl doch ausbleibt, muss eben "Rauch aus japanischem Atomreaktor Angst vor GAU" schüren, wie Reuters kabelt. "Japan-Horror-Picture-Show" nennt die Kleine Zeitung aus Österreich den Zirkus aus "Ratlosigkeit und Reizüberflutung", der sich als "Berichterstattung zum Super-Gau" (Kleine Zeitung) ausgibt.

Ein nützlicher Idiot allemal: Genau in der Woche, in der die Deutschen Jodtabletten horteten, Scheuerlappen zu Atemmasken umnähten und am Liveticker aus Tokio hinten, der ihnen von morgens bis abends erzählte, was längst geschehen war, weil auch aus Fukushima nachts keine Neuigkeiten kommen, nutzte die EU die Gelegenheit und führt die Transferunion durch die Hintertür ein. Der "Rettungsschirm", der nie mehr als ein Hilfmittel für den Notfall sein sollte, wurde im Schatten der Kernschmelze um zwei Drittel aufgestockt. "Und das", schreibt Norbert Lohrke auf Wallstreet-Online zum entschlossenen Regierunghandeln in der Aufmerksamkeitslücke, "obwohl man noch vor wenigen Monaten so getan hat, als ob das so nie kommen würde."

Nun ist es so. Da kann auch Frau Merkel wieder strahlen.

Zettel fragt Spiegel Online: Schlamperei? Sensationsmache? Agitprop?

Emp: Einheit für einheitliche Empörung

Sie kommen und sie gehen, sie bleiben oder verschwinden, sie werden ihrem Publikum lieb und teuer - und sind doch Stunden später schon wieder wie vom Erdboden verschluckt. Angesichts des grassierenden Themensterbens in der deutschen Medienlandschaft hat das An-Institut für Angewandte Entropie der Bundeskulturstiftung in Halle an der Saale in einer großangelegten Studie versucht zu ergründen, wie es um die Haltbarkeit von Schlagzeilen in den Zeiten von Facebook und ZDF neo bestellt ist. Unter Leitung von des Medienwissenschaftlers Hans Achtelbuscher analysierte ein Team von Experten über Monate hinweg die Programmpläne von führenden Nachrichtensendungen und Leitmagazinen, um herauszufinden, "was eigentlich ein Thema zum Thema macht", wie Achtelbuscher beschreibt. Dabei begab sich die Forschergruppe auf absolutes Neuland, wie der Wissenschaftler erklärt: "Als wir begannen, gab es nicht einmal einen einheitlichen Maßstab, um die Haltbarkeit bestimmter Schwerpunktsetzungen zu messen".

Deshalb sei es seinem Team erst einmal darum gegangen, Pionierarbeit zu leisten. "Wir haben bald erkennen können, dass wir es mit einem komplexen Phänomen von Nachrichtenüberlagerung, aber auch von Nachrichtenverdünnung und redundanter Verstärkung zu tun haben." Achtelbusch unterscheidet aufgrund seiner Forschungen zwischen A-Themen, B-Themen und "allem übrigen", wie er es ein wenig flapsig nennt. A-Themen markierten dabei sogenannte Konsensdebatten, also Diskussionen, die einheitlich über alle Mediensparten und politisch ganz unterschiedlich ausgerichtete Presseorgane quasi "ausgefochten" würden. "das sind die Themen, die man auch als Muss bezeichnen kann", sagt der ausgebildete Entroposoph. Bestes Beispiel dafür seien die Terroranschläge vom 11. September 2001, die über Wochen sämtliche Titelseiten nicht nur weltweit, sondern auch in Deutschland beherrscht hätten.

Um die Haltbarkeit, medienwissenschaftlich als "H" bezeichnet, besser als bislang messen zu können, haben die halleschen Forscher einen Hochleistungstaschenrechner des Max-Planck-Institutes in Halle-Kröllwitz eine neue Maßeinheit errechnen lassen: "Emp" bezeichnet dabei die Verweildauer eines Themas auf der sogenannten A-Agenda in Wochen, wobei "Emp" als Einheit für die einheitliche Empörung stehe "Ein Emp erreicht ein beliebiges Vorkommnis, wenn es über ein Woche als allgemein dominierend wahrgenommen wird", rechnet Professor Achtelbuscher vor. Nach den Forschungsergebnissen, die sein Team erarbeiten konnte, erreichte der 11. September im zurückliegenden Jahrzehnt einen unangefochtenen Höchstwert von 15 Emp. "Danach faserte erst das Ereignis in seine Auswirkungen aus."

Doch auch die Bilanz der letzten zwölf Monate kann sich sehen lassen. "Es kommt ja nicht darauf an, wie wichtig ein Thema wirklich ist", ist sich Achtelbuscher sicher, "sondern auch darauf, wie es sich medial vermitteln lässt." Zudem spiele die vorhandene oder nichtvorhandene Konkurrenz durch andere Ereignisse eine Rolle. "Ist viel los, knicken selbst starke Themen schneller weg als in der sogenannten Saure-Gurken-Zeit", weiß der Professor.

Im Rückblick schälten sich jedoch immer die wirklichen Phänomene heraus. Das Jahr 2010 buchstabiere sich allen Analysen zufolge so: Nach der Eurokrise, die sechs Emp erreichen konnte, folgte die deutschlandweite Missbrauchsdiskussion mit drei Emp, dann kam die Aschewolke mit ebenfalls drei Emp. Dem Wetteransager Kachelmann gelang nachfolgend im Alleingang ein Ergebnis von vier Emp, während der Bundespräsidentenrücktritt mit enttäuschenden zwei Emp in die Annalen einging. Auch nur knapp fünf Emp erzielten die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko und die Fußball-Weltmeisterschaft bei der sich diesmal alles auf die musikalische Begleitung konzentrierte.

Nach dem ersten Gesetz der Mediendynamik passe die Welt bekanntlich in keinen Schuhkarton, unweigerlich aber in 15 Minuten Tagesschau, lächelt Hans Achtelbuscher. Das zweite Gesetz der Mediendynamik hingegen besage, dass Großereignisse nie gleichzeitig stattfinden, sondern immer fein säuberlich hintereinander, als plane eine große göttliche Regie den Ablauf von Flugzeugabstürzen, Prominentenhochzeiten, Sportevents und Skandalen. Es habe deshalb niemandem im Team verwundert, dass die Loveparade-Katastrophe, die mit drei Emp auf eine recht beachtliche Bilanz kam, erst nach der Fußball-WM Raum griff. "Als das Thema abgehandelt war, kam dann schon die Street View-Diskussion", klärt der Forscher auf.

Immerhin vier Emp auf der nach oben offenen Skala konnte die von Ilse Aigner persönlich mit sich selbst geführte Sommerdiskussion über Google Street View einfahren. "Das ist in Anbetracht des schwachen Themas gut, aber angesichts des seinerzeit herrschenden Mangels an Alternativen nicht sehr überraschend." Erst dem Bundesbanker Thilo Sarrazin sei es schließlich gelungen, Street View vom Erfolgspfad zu drängen - und wie. "Sarrazin kam mit seinen kruden Thesen sofort auf einen Wert von acht Emp", haben die Forscher berechnet. Acht Emp sei ein Traumwert, den in normalen Zeiten allenfalls der Tod eines Prominenten wie Lady Diana oder Michael Jackson aufweisen könne. "das ist für einen wenig schillernden Mann wie Sarrazin schon erstaunlich."

Zumal die Erfolgsgeschichte wohl hätte weitergeschrieben werden können, wenn nicht der damals noch als Bundesinnenminister dilettierende Thomas de Maiziere die Debatte mit seiner legendären Terrorwarnung von Ende November abrupt beendet hätte. "Zu einem Zeitpunkt, als alle Medienschaffenden von Sarrazin ermüdet waren, wurde das als erlösend empfunden." Da aber das versprochene Blutbad im Reichstag trotz so prominenter Fürsprecher ausblieb, langte es für de Maiziere doch nur zu zwei Emp. "Dann funkte schon Wikileaks dazwischen." Die Enthüllungsplattform kam wie der nachfolgende Klimawandel-Winter auf drei Emp, die von Gesine Lötzsch initiierte Kommunismusdebatte aber nur auf ein Emp. "Das blieb ein Thema für Spezialisten", analysiert Achtelbuscher, "das seinen Augenblick nur mangels anderer Angebote dominierte."

Der Rest der Statistiken der Medien-Entroposophen, die von den beiden Polen Wucht (W) und Haltbarkeit (H) geprägt werden, aber liest sich dann wieder wie ein Who-is-Who des erfolgreichen Agenda-Setting (Gerhard Schröder). Gorch Fock (drei Emp), Tunesien (zwei Emp), Ägypten (drei Emp), dann zum ersten Mal Libyen (ein Emp), vorzeitig abgelöst durch die große Volksaussprache zu Guttenberg und dessen abgeschriebener Doktorarbeit (vier Emp). "Als das durch war und Libyen noch nicht wieder etwas hergab", sagt der Fachmann, "wurde notgedrungen zum E10-Benzin gegriffen." Wohl auch deshalb habe der Biosprit letztlich nur unbefriedigende zwei Emp geschafft. Hauptgrund aber seien natürlich die Ereignisse in Japan gewesen. "Der Tsunami beendete aus unserer Sicht die E10-Woche, ab Samstagmorgen übernahm dann die Atomkrise."

Allerdings sei die aus seiner Sicht vom Start weg "auf sehr, sehr großer Flamme gekocht worden". Das berge stets die Gefahr in sich, ein Thema vor seiner Zeit "auszubrennen". Man könne das jetzt gut daran sehen, dass der Nachrichtentsunami zwar anfangs "gigantischer war, als alles, was wir seit dem Beginn des Irakkrieges gesehen haben", er aber mit nur zwei Emp gerade ein Viertel des Wertes erreicht habe, den Thilo Sarrazin seinerzeit hatte verbuchen können. "Wobei das Comeback von Libyen bei dieser Entwicklung einerseits überlagernd wirkte, andererseits aber auch als Ablösung recht willkommen war."

Lob des Lesens: Hochbetrieb in der Worthülsenfabrik
Das Lied zur Flüchtigkeit:

Dienstag, 22. März 2011

Fremde Federn: Zippert zappt bei PPQ

Gestern fand in Berlin eine Demonstration der Opfer des Tsunamis statt. Insgesamt hatten sich über 300 Dioxinexperten vor dem Brandenburger Tor versammelt, um gegen Diskriminierungen zu protestieren. Auf Transparenten war zu lesen "Kein Berufsverbot für Dioxinsachverständige" und "Wir wollen wieder ins Fernsehen". Die Demonstranten beklagten die völlig unstrukturierte Abfolge von Skandalen und Katastrophen. Den Protestierern hatte sich spontan eine Gruppe von Pandemiewarnern angeschlossen, die mit Vertretern der Impfchaostheorie, Ölplattformalisten, Anhängern des Guttenbergordens und der Berufsgenossenschaft der Zeckenexperten ebenfalls auf die Benachteiligungen ihres Berufsstandes hinweisen wollten. Die Demonstranten verlangten von der Bundesregierung eine nachvollziehbare Skandal- und Katastrophenplanung. Die Medien seien einseitig auf Strahlenexperten und Libyen-Kenner fixiert. Ein bisschen Sendezeit im Dritten Programm bekäme man allenfalls noch, wenn man vor verstrahlten Dioxinzecken warnt oder beweisen könnte, dass Guttenberg die Gebrauchsanleitungen der japanischen Reaktoren gefälscht hat.

Wiedergeboren als greiser Weiser

Er war einst entschlossen, den Bundeskanzler Helmut Kohl zu stürzen, trat dann aber doch lieber bei Attac ein. Zuletzt zeigte sich Heinrich Geissler der deutschen Öffentlichkeit in seiner größten Rolle als Runder Tisch: Beim Projekt Stuttgart 21 ließ der Strippenzieher der ersten Kohl-Jahre noch einmal alle Puppen tanzen. Geissler, den alle zärtlich "Heiner" nennen, holte wieder Rekordquoten und für einen Moment war es wie damals, als er aus Frust über die undankbare Oppositionsrolle seiner CDU eine Rolle in George Lucas' Starwars-Filmen annahm.

Als Meister Joda verzauberte Geissler zwischen 1977 und 1983 ältere Cineasten und junge Fans. Kaum geschminkt, mit den typischen Geissler-Gesten, verkörperte der auch im richtigen Leben nur knapp mittelgroße Mann aus Oberndorf am Neckar alles, was sich Kinder und Erwachsene unter einem weisen Mann vorstellen. Unvergessen sind vor allem die Szenen geblieben, in denen Geissler ein ganzes Raumschiff nur mit der Kraft seiner Gedanken schweben ließ. Nicht einmal geschwitzt hat er dabei.

Natürlich war ein Parteifreund mit solchen Fähigkeiten erste Wahl, als Helmut Kohl 1982 auf die Suche nach einem Bundesminister für Jugend, Familie und Gesundheit ging. Geissler, der "Die Rückkehr der Jedi-Ritter", in der er friedlich an Altersschwäche starb und eins mit der Macht wurde, gerade abgedreht hatte, sagte sofort zu. Aus Hollywood ging es nach Bonn, hier erlebte er seine schönsten Jahre. "Da wurde mit allen Finten und Machenschaften gearbeitet – und ich war mittendrin. Da ging es nicht um das Gute und Richtige, da ging es um nichts anderes als um die Macht", erinnerte sich Geissler später in einem Moment schonungsloser Offenheit.

Weil viele Menschen, die den CDU-Mann einst in seiner Meister-Joda-Rolle lieben lernten, bis heute von Entzugsängsten geplagt werden, gelang Geissler zuletzt ein überraschendes Comeback: In Stuttgart konnte der greise Weise als Schlichter bei den Stuttgart21-Protesten noch einmal zwischen Imperium und Rebellen vermitteln. Derzeit ist Geissler auf dem Weg nach Nordafrika, wo er sein Können in den Dienst der jungen Demokratien stellen will. Ziel soll ein Flugverbot für libysche Panzer sein, kombiniert mit einem Wechsel Gaddafis an die Spitze von Ägypten. Nebenbei wir Geissler einen Platz im funkelnagelneuen "Rat der Weisen" bekomen, den Angela Merkel inder Nachfolge des Hohen Rates der Jedi gegründet hat, um die Gefahren der Atomkraft mit einem klugen Schlichterspruch zu bannen.

Mehr frappierende Wiedergeburten

Comeback zum Wiegenfest

Eine schönere Überraschung hätte das Fernsehen der ehemaligen DDR seinem früheren Chefsprecher gar nicht machen können: Pünktlich zum 75. Wiegenfest, das der legendäre Klaus Feldmann am kommenden Donnerstag feiern wird, hat der MDR dem einstigen Star der "Aktuellen Kamera" noch einmal die ganze große Bühne geöffnet. Zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt durfte Feldmann, der sich seit seinem Abschied aus dem Nachrichtenstudio des DDR-Fernsehens in einem kleinen Häuschen bei Berlin fitgehalten hat, wieder tun, was er am besten konnte. Routiniert holte der Mann mit der großen, klugen Brille Kommentare von den Kandidaten der Parteien der Nationalen Front ein, er interviewte Erstwähler und Prominente in der Wahlkabine, ordnete die Ereignisse ein und las immer wieder ganz offensichtlich erfreut Zahlen zur Wahlbeteiligung ab.

"Wir sind endlich wieder dahin unterwegs, wo wir schon mal waren", sagte Feldmann später. Nach dem tiefen Einbruch bei der Wahlbeteiligung, die zwischen 1989 und 2006 um mehr als die Hälfte eingebrochen war, gehe es nun "langsam wieder bergauf". Ihn als "alten Demokraten" (Feldmann) freue das. "Dafür sind wir doch nicht auf die Straße gegangen", sagte der Jubilar, noch ganz aufgeregt von seiner ersten großen Livesendung seit Herbst 1989. dass er die Aufgabe werde stemmen können, daran habe er jedoch keinen Zweifel gehabt, so Klaus Feldmann.

Vieles in der Welt habe sich geändert, die Grundlagen aber nicht, das habe er in jahrelangen Studien zu Hause vor dem TV-Gerät herausgefunden. "Heute wird mit viel weniger Aufwand für Planung, Führung und Leitung eine viel buntere Art von Einfarbigkeit hergestellt", glaubt er. Dieser Effekt sei im Fernsehen zu beoachten, aber auch in der gedruckten Presse. Dabei habe der "Stern" die Unterhaltungs- und Bildungsaufgaben der "Wochenpost" übernommen, die "Taz" spiele die Rolle der früher viel und gern gelesenen "Jungen welt", die FAZ wandele auf den Spuren der störrischen "Neuen Zeit" und der "Spiegel" gebe stets die Richtung vor wie seinerzeit das "Neue Deutschland". Beeindruckt hätten ihn die Selbstregulierungskräfte, die dabei zur Geltung kämen, gesteht Feldmann. "Hätten wir gewusst, dass es so viel besser funktioniert mit der einheitlichen Meinungsvielfalt, hätten wir das auch so gemacht."

Auf seine zwei Stunden im Wahlstudio schaut der Jubilär dennoch zufrieden zurück. Einige kleine Fehler seien ihm im Eifer des gefechts unterlaufen. So habe er Wulf Gallert, den künftigen Ministerpräsidenten der Linken, mehrmals mit "Genosse" angesprochen, Reiner Haseloff, den künftigen Ministerpräsidenten der CDU jedoch mit "Parteifreund". Nach den ehemals geltenden Regeln sei das korrekt, "inzwischen wird das aber wohl nicht mehr so gemacht", lächelt Klaus Feldmann. Sowohl die Kandidaten als auch die Zuschauer hätten ihm das aber sicher verziehen. "Bei Twitter und Facebook", so die Fernsehlegende, "gab es keinerlei negative Reaktionen."

MDR-Reporter beim Staatsfeind Nummer 1
Die DDR, mein Vaterland

Montag, 21. März 2011

Katzenjammer bei Junker Jörg

"Der Traum ist aus" (Rio Reiser), das Ziel verfehlt, die Machtübernahme vorübergehend abgesagt. Als "Junker Jörg" hatte Sachsen-Anhalts NPD-Führer Matthias Heyder noch in den letzten Stunden vor der Landtagswahl versucht, seine Anhänger über die Medien zu mobilisieren. Eine taktische Meisterleistung: Nachdem Junker Jörg hatte durchsickern lassen, dass er vor sechs Jahren dreist eine Bombenbauanleitung ins Internet gestellt hatte, berichteten plötzlich Zeitungen über seine Kandidatur, die zuvor keinerlei Notiz davon genommen hatten. Nach Angaben aus dem Unterstützerkreis des Neonazis ziele die Öffentlichkeitsoffensive direkt darauf, abenteuerlustige junge Leute als Wähler zu gewinnen, die mit dem Staat nicht viel am Hut haben.

Junker Jörg sei eindeutig mutmaßlich Jörg Heyer, der eigentlich Matthias heiße, reihte sich sogar Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Hövelmann in die Mobilisierungskampagne ein. Es komme jetzt darauf an, aufzuklären: Wer einen richtigen Staatsfeind wählen wolle, sei bei Junker Jörg sicherlich richtig.

Heyder zeigte sich überrascht durch die plötzliche Prominenz und das große Interesse an seiner Person. Er könne gar nicht Junker Jörg sein, sagte er, um die Spannung möglichst lange hoch zu halten. Während die Generalstaatsanwaltschaftein Ermittlungsverfahren eröffnete, sang der späte Skinhead im Kreise von Gleichgesinnten wie dem Krauschwitzer Kammersänger Hans Püschel ein Loblied auf die "Deutsche Frau" (Video oben).

Bombenstimmung im heimatlichen Burgenlande, das mit kulturellen Glanzlichtern nicht verwöhnt ist. Die Livedarbietung des schütteren Männerchores kam so prima an, dass der frühere SPD-Sänger Püschel aus dem Stand 6,5 Prozent der Stimmen holte. Mehr als doppelt soviel wie die ehemalige Regierungspartei FDP für sich verbuchen konnte. Noch besser Schnitt nach einer von SPD-Innenminister und CDU-Wirtschaftsminister bereits seit zwei jahren konsequent geführten Werbekampagne im Wahlkreis Nebra der faschistische Fußballtrainer Lutz Battke ab, der für die NPD 9,1 Prozent der Erststimme einfuhr. In seinem Heimatort Laucha schaffte es der braune Feger dank der seit mehr als zwei Jahren laufenden Werbekampagne der Landesregierung sogar, sagenhafte 18,8 Prozent der Erststimmen zu holen.

Was für ein Erfolg für den künftigen Ministerpräsidenten Reiner Haseloff, der Battke vor zwei Jahren aus dem Hut gezaubert hatte, um im "Kampf gegen rechts" (Angela Merkel) Punkte zu machen. Nirgendwo sonst gelangen der NPD vergleichbare Stimmengewinne wie in den beiden Wahlkreisen, in denen sie Prominente aufbieten konnte, die ihnen von der Landesregeirung zur Verfügung gestellt worden waren. Püschel und Battke gelingt damit zwar nicht der Sprung in den Landtag. Doch der eigentümliche Bariton und der hitlerbärtige Schornsteinfeger mobilisieren mit ihren Erfolgen zweifellos weitere umfangreiche "Kampf-gegen-rechts"-Mittel, die in den kommenden Monaten und Jahren zuverlässig Richtung Hohenmölsen fließen, zur Schaffung zahlreicher Arbeitsplätze zur Aufklärung vor den Umtrieben von Junker Jörg führen und die Aussichten auf eine weitere Steigerung des Bekanntheitsgrades der NPD verbessern dürften.

Der innere Nazi geht Gassi
Ein Ballon namens Battke

Auch die Taz entdeckt jetzt die Nazihochburgen Battke und Püschel, fragt aber lieber nicht, wie die entstanden sind.

Am anderen Ufer: Netzwerkrecherche über linke Politik ohne Eier.

Deutschland sucht den Super-Gau

Atomkatastrophe in Japan, Krieg in Libyen, Wahlen in Sachsen-Anhalt, der plötzliche Kindstod des Eisbären Knut - am Ende einer desaströsen Woche für deutsche Kernenergie, Weltfrieden, mitteldeutsche Liberale und SPD-Chef Sigmar Gabriel brennen die Redereaktoren auch bei Anne Will wieder verlässlich durch. Sieben Tage nach dem Gau, der nicht stattfand, obwohl er schon in der vorigen Folge der Schwätzer-Soap als geschehen vorausgesetzt wurde, stellt die diesmal langbestiefelte Gastgeberin dem "letzten Konservativen" (Will) Arnulf Baring eine Phalanx an ehemaligen Kanzlergattinnen, ehemaligen VW-Vorständen, ehemaligen ARD-Korrespondenten und ehemaligen Zeitungsherausgebern entgegen. Sie alle eint das Ziel, schnell auszusteigen, gern auch unter Inkaufnahme des einen oder anderen Euro Mehrkosten. Strom darf gut sein, wenn er nur sauber ist, da sind sich alle einig, denn Kanzlergattin sein, für die ARD Nachrichten vorlesen, im VW-Vorstand sitzen und eine Zeitung herauszugeben ernährt seinen Mann, dass er sich Biostrom leisten kann.

China dagegen zeigt kein Einlenken. "Um jeden Preis", so wettert der ehemalige VW-Vorstand, setzten die dort - ebenso wie die verfluchten Inder und Amerikaner - auf Fortschritt und Wachstum. Nun sind sich alle einig, dass Deutschland ein Modell sein muss dafür, dass es auch anders geht: Man kann doch seine iPads aus China importieren, seine langen Lederstiefel aus Übersee kommen lassen und ansonsten noch ein bisschen was an der Dämmung des Sommerhauses am Meer machen.

Baring ist die Rolle des Hofnarren in dieser Runde aus konsequenten Wirklichkeitsverweigerern wie auf den Leib geschrieben. "Wir sollten uns abgewöhnen, immer die ganze Welt belehren zu wollen", sagt er. Wollen wir doch gar nicht, schallt es zurück, wir wollen sie umerziehen! Die ehemalige Kanzlergattin war schon in Tschernobyl, sie interessiert sich nicht für Einzelheiten. Der ehemalige Korrespondent ist wankelmütig. Er wäre für den sofortigen Ausstieg, aber gegen sofortige Stromsperren. Der Franzose, der früher im VW-Vorstand saß, will mit Aussteigen in deutschland anfangen. Hier gibt es einfach weniger Kernkraftwerke als zu Hause. Und die Leute sind dagegener. "Es wäre ja schön, wenn die Welt so wäre, wie ihr sie euch denkt", ruft Baring fröhlich, "aber sie ist es nicht."

So schwenkt die Suche nach dem Super-Gau dann programmgemäß um in eine Manöverkritik der Taktik der Kanzlerin im Umgang mit japanischer Medienkrise und Nato-Angriff auf Libyen. Nun, bei den wirklichen Menscheitsproblemen, sind alle ganz nah bei sich. Nun weiß auch jeder wieder eine Lösung für die ganz großen Fragen: Profitieren die Grünen von Fukushima? Wollen die Deutschen Bodentruppen in Tripolis? Wie hält Merkel die Koalition zusammen? Wie schließt sie die Reihen vor der nächsten Landtagswahl? Schicksalswochen im Staatstheater, jetzt werden Weichen gestellt für das ganz große Immerweiterso.

Beinahe schon erster Geburtstag: Deutschlands große Suche nach dem Aschemonster

Sonntag, 20. März 2011

Der Rest vom Schützenfest

Man darf sich das etwa so vorstellen wie die Dönerwochen bei McDonalds. Zuerst kommt wohl ein Fax aus der DFB-Zentrale mit der freundlichen Anweisung, nachfolgenden Text bitte während des nächsten Heimspiels öffentlich zu verlesen. "Wir, die Mitglieder, Funktionäre, Fußballer und Fans des .... (setzen Sie bitte hier ihren Vereinsnamen ein!)", heißt es da, "verurteilen alle fremdenfeindlichen oder rassistischen Äußerungen oder Angriffe aufgrund von Hautfarbe, Religion, Rasse usw". Deshalb, geht es im Halbzeitenpausenwortgeklingel der Regionalligapartie des Halleschen FC gegen die Reserve von Eintracht Braunschweig weiter, feiere der Verein die diesjährige Woche gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit durch das Verlesen dieser Grußbotschaft entschlossen mit. Im übrigen sei jeder Zuschauer aufgefordert, "ein Zeichen gegen Rassismus zu setzen".

Nicht übermittelt hat der DFB, wie dieses auszusehen hat. Doch völlig klar ist: Stimmen, die in der Winterpause im Fanlager forderten, Trainer Sven Köhler doch besser gleich mal abzulösen, weil der Aufstieg abgehakt und die restliche Saison als Abfolge von Pflichtfreundschaftsspielen neu zu planen war, sind verstummt, obwohl der 46-jährige aus Sachsen stammt.

Aber es gibt ja auch keinen Grund mehr, Köhler zu kritisieren. Seit es in der Meisterschaft nichts mehr zu gewinnen gibt, gewinnt seine Mannschaft mit beeindruckender Zuverlässigkeit, seit der frühere Flopstürmer Angelo Hauk für den linkischen Fußballgott Thomas Neubert in der Sturmspitze steht, treffen die jahrelang auf Tordiät gesetzten Hallenser durchschnittlich sogar dreimal pro Spiel ins gegnerische Tor.

Und Köhler setzt nun auch auf die Jugend. Mit Lindenhahn, Hartmann, Kamalla und dem A-Junioren Dennis Mast, der gegen die Eintracht zum ersten Mal auflaufen darf, stehen diesmal vier hallesche Eigengewächse in der Anfangsformation. Die erfahrenen Hebestreit, Klippel, Schubert und Müller bleiben draußen, auch Pavel David muss erkältungsbedingt zuschauen. Zur Halbzeit macht Mouaya dann auch noch wegen einer Verletzung Platz für den 20-jährigen Tom Butzmann - fünf Hallenser auf dem Platz, das hat es zum letzten Mal wahrscheinlich vor zehn Jahren in der Ära Völkner, Kühr & Witt gegeben.

Das Hängen und Würgen, das damals eine Liga tiefer Fußballalltag in Halle war, ist nun aber zumindest in den ersten zehn Minuten ein fröhlicher Sturmlauf. Hauk könnte das 1:0 machen, Boltze hat eine hundertprozentige Chance, Lindenhahn versucht es, Mast trifft fast, und noch einmal verzieht Hauk knapp. Marko Hartmann, nach Ansicht von Köhler das größte Talent der Truppe, aber nur durch die schwere Verletzung von Steve Finke in den Stamm gerutscht, beeindruckt wie schon seit Wochen. Der blonde Riese wächst und wächst auf seiner Position, mittlerweile ist er unumstrittener Chef auf dem Platz, nach hinten sicher, nach vorn klug, torgefährlich und mit viel Übersicht.

Trotzdem ist dann aber der Riemen runter. Bei strahlendem Sonnenschein und eiskaltem Wind sehen 1169 Zuschauer drögen Sommerfußball. Braunschweig kann nicht, Halle mag nicht. Aus dem heiterem Himmel aber klappt es dann doch noch: Nach einer Ecke köpft Marko Hartmann hart auf Braunschweig-Keeper Later, den Abpraller hievt Benes mit hohem Bein aus anderthalb Metern ins Netz.

Nun kann das erwartete Schützenfest beginnen. Zehn Minuten nur dauert es, bis Lindenhahn einen Ball von links ganz nach rechts auf den bis dahin schon sehr auffälligen Dennis Mast durchsteckt. Der läuft allein aufs Tor zu und schießt den Ball am Torwart vorbei ins Tor.

Dann ist Halbzeit, der DFB ruft seine Rassismus-Woche aus und das Spiel ist im Grunde genommen vorbei. Zum auffälligsten Mann auf dem Platz schwingt sich nun Schiedsrichter Sven Waschitzki auf. Erst verhängt er einen unberechtigten Handelfmeter für Halle, den Benjamin Boltze sportlich fair in die Hände des Braunschweiger Schlussmannes schiebt. Dann schickt er Jan Benes nach einem Allerweltsfoul an der Außenlinie mit glattrot unter die Dusche. Und schließlich stellt er das Kräfteverhältnis auf dem Feld wieder her, indem er den Braunschweiger Griechen Papaefthimiou nach einer rüden Attacke von hinten in die Beine des halleschen Türken Selim Aydemir ebenfalls mit Rot ausgrenzt.

Köhler, der nach dem Platzverweis für Benes Verteidiger Texeira für den Torschützen Mast gebracht hat, wechselt immerhin noch Neubert für den heute emsigen, aber glücklosen Hauk ein. Der verliert gleich sein erstes Kopfballduell, hat aber später wenigstens noch eine kleine Chance, ein Tor zu machen. Klein reicht bei Neubert eigentlich, im Gegensatz zu groß. Nur heute nicht. Mit 21 Toren in den neun Spielen seit Jahresbeginn hat Köhlers Elf aber jetzt auch so schon ein Tor mehr geschossen als in den 16 Begegnungen vor Weihnachten. Und nur drei weniger als der abstiegsbedrohte Lokalrivale Magdeburg in der gesamten Saison. Magdeburg kommt nächste Woche zum Pokal-Viertelfinale nach Halle.

Drehrumbum im Kampfeinsatz


Seht ihr, Kinder, so wird das gemacht. Eine wunderbar klickstarke Woche lang livetickerte das Qualitätsmagazin "Der Spiegel" im Chor mit sämtlichen anderen deutschen Medienschaffenden den atomaren Untergang herbei. "Verzweifelt" war der Kampf der "letzten Helden", verstrahlt waren die "Fukushima 50", der Wind drehte immer mal auf den "Großraum Tokio", so dass die Lufthansa, die auch "Spiegel" liest, dort gleich nicht mehr landen wollte. Kraftwerke abschalten, das musste sein, denn konnte man zuletzt, nach 9/11, noch in den Krieg ziehen gegen den Feind, der ins traute Heim eingebrochen war, so fiel diese Möglichkeit diesmal aus.

Doch Buße tun ist nötig. Aktionismus gehört zu Deutschland wie die Panik, einmal eine Woche ohne aufgeregte Grundsatzdiskussion über eine ausgesuchte Nebensächlichkeit durchstehen zu müssen. Was braucht noch Atom, wer Braunkohle hat? Und warum Braunkohle, wo es doch genügend Wind gibt? In den vom Tsunami im stärksten betroffenen Regionen Baden-Würtemberg und Rheinland-Pfalz erschallte stundenweise der Ruf nach einer baldmöglichsten Evakuierung Deutschlands, die Frage der Stromrationierung lag in der Luft, die Kanzlerin kam bei einem Rettungsflug im Hubschrauber ins Schleudern und Jodtabletten waren ausverkauft.

Beinahe hätte das letzte verbliebene Kernland des "alten Europa" (Rumsfeld) führungslos zum Ritt auf der absehbaren nächsten großen Mediensau antreten müssen. Doch immerhin ist da noch der "Spiegel", dem es immer wieder gelingt, die Geschütze im richtigen Moment herumzudrehen: Von der Französin Cécile Calla lässt das Magazin seinen Lesern jetzt erläutern, warum alles, was in den letzten sieben Tagen an verdünnten Informationen und Expertenfantasien über den Weltuntergang zu lesen war, nur "German Angst" gewesen ist.

Wie der Gau, der schon geschehen war, schließlich doch verhindert werden konnte

Samstag, 19. März 2011

Die Wahl der Qual

Auf den letzten Metern haben die Nachwuchsorganisationen der Parteien der Nationalen Front in Sachsen-Anhalt noch einmal zu den klassischen Mitteln der großen Verführer geriffen, um möglichst viele "Jung- und Erstwähler" (ADN) zu motivieren, ihre Stimme abzugeben. In einem kaum bekleideten Postkarten-Flyer, der an beliebten Treffpunkten "junger Leute" (Zentralrat der FDJ) ausgelegt wurde, zeigt eine unbekannte Schöne stolz ihre Brüste vor und lockt mit dem pfiffigen Spruch "ich machs" (Foto oben rechts).

Im Kleingedruckten erfahren die heißgemachten jungen Demokraten dann von der gemeinsamen Bildungsabteilung von Julis, Junger Union, der Grünen Jugend und der Jusos, was die hübsche junge Frau macht: Wählen gehen! Der Wahl der Qual nicht aus dem Weg gehen, sondern das Schicksal annehmen und ein Kreuzchen machen.

Entsprechend der Vorgaben aus Berlin durften die jungen Linken und die jungen Faschisten bei der bürgerschaftlich engagierten Aktion nicht teilnehmen. Ihnen wolle man damit vielmehr "den Wind aus den Segeln nehmen", hieß es in demokratischen Kreisen der Landeshauptstadt.

Ein Vorhaben, das nun jedoch nach hinten losgehen könnte. Nach PPQ-Recherchen in der Flugschrift "Bild" handelt es sich bei der im Dienst allumfassender Stimmabgabe abgebildeten Busenfrau nicht etwa um eine anonyme Magdeburgerin, sondern um eine prominente britische Popboje namens Kesha. Das Starlet zeigt auf einer anderen Aufnahme aus demselben "Shooting" (Heidi Klum), die PPQ vorliegt (oben links), wie sie ihre prächtigen Brüste noch kurz vor dem Urnengang in Sachsen-Anhalt zurechtschiebt, um das junge Pflänzchen Demokratie zu stärken. Die hohe Wahlbeteiligung wird am Abend zeigen, wieviel Erfolg, wie die Strategie der Wahlwerbung mit Sex und Sünde beim Jungwählervolk verfangen hat.

Verbotener Wahlaufruf bei Karl Eduards Kanal
Was die Welt zusammenhält:Der Staat als Beute
Inside Arbeiterpartei: Wann wir streiten Seit´ an Seit´

Schock für Sigmar

Schwerer Rückschlag für die deutsche Sozialdemokratie im Kampf um die Rückkehr zu den Fleischtöpfen im Kanzleramt: Nur vier Jahre nach der Übernahme einer Bärenpatenschaft über den kleinen Kuscheleisbären Knut durch den SPD-Popbeauftragten und -Parteivorsitzenden Sigmar Gabriel ist der possierliche Knut plötzlich und unerwartet gestorben. Das Wappentier der SPD (groß, mächtig, unschlagbar) trieb nach Berichten der einzigen amtlichen deutschen Nachrichtenagentur dpa "leblos im Becken des Eisbärgeheges". Das der plötzliche Bärentod mitten im Landtagswahlkampf Fragen aufwerfe und auch die Auswirkungen auf den Klimawandel unklar seien, soll Knut nun obduziert werden.

"Ohne Eis kein Eisbär", hatte Sigmar Gabriel seinerzeit bei seiner Amtseinführung als Bärenpate einen engen Zusammenhang zwischen dem Schicksal des Zoobären und dem des arktischen Eises deutlich gemacht. Damals lebten nach Recherchen des später gescheiterten Umweltministers "noch schätzungsweise 20- bis 25.000 Eisbären in der Arktis" (Gabriel), nur knapp 15- bis 20000 mehr als 60 Jahre zuvor. "Sie sind vom Aussterben bedroht", prangerte Gabriel an, dass sich die Zahl der vom Aussterben bedrohten Bären damit in nur sechs Jahrzehnten quasi verfünffacht habe.

Vermutlich entspannt sich diese Situation durch den viel zu frühen Tod des Berliner Eisbären ein wenig, doch ungeklärt bleibt, wie mit den bisher für die Bärenpatenschaft aufgewendeten 11.900 Euro jährlich andere nutzbringende Projekte unterstützt werden können. Für diese Summe hatte das Weltklima in Gabriels Amtszeit mehrere Bilder des Ministers mit dem Bären erhalten, die die durchschnittliche Temperatur der Atmosphäre positiv beeinflussten. Kritiker hatten bemängelt, dass die Kosten aus dem Ruder laufen könnten, weil die durchschnittliche Lebensdauer von Eisbären in menschlicher Obhut 45 Jahre betrage, so dass der Steuerzahler mehr als eine halbe Million Euro in Knut hätte investieren müssen. Man hoffe, hieß es jetzt in Kreisen der Sozialdemokratie, dass Zyniker, die so argumentiert hätten, durch den tragischen Tod des Tieres verstummen. Ob Sigmar Gabriel zur Beisetzung seines großen Freundes aus dem Tierreich eilen werde, hänge allerdings hauptsächlich vom Wahlkampfterminkalender des Wahl-Magdeburgers ab.

Um die Felle der Volksgunst

Todlangweilig zwar, aber gerade darum so unheimlich spannend, so war er, der Landtagswahlkampf 2011 in Sachsen-Anhalt. Auf den letzten Metern geben die Kandidaten nun noch einmal alles: Der künftige SPD-Ministerpräsident Jens Bullerjahn mag seine Frau nicht öffentlich zeigen, dafür hat er die Gruppe City, die den Wählern zum Finale den Marsch bläst. Krude Thesen, Blut und Hoden: "Einmal fassen, tief im Blute fühlen, dies ist mein und es ist nur durch dich." Gemeint ist zur Feier des Tages wohl Jens Bullerjahn.

Dessen künftiger Ministerpräsidentenkollege Wulf Gallert, erster Ministerpräsident der Linken seit Hans Modrow, hält es mit der Frau genauso - Transparenz auf ostdeutsch. Hier wird noch der Mann gewählt, nicht die Frau. Auf der Bühne in der Stadtmitte zum Wahlkampfabschluss denn auch nur Männer. Der kleine Gysi auf einer Riesenbühne, daneben Gallert, das Gesicht das ganze Gegenteil von hohlwangig. Artur der Engel in links, schwebend über dem Wahlvolk, das womöglich doch hundert Köpfe zählt. Die Gruppe City würde hier gut hinpassen.

Auch beim konservativsten künftigen Ministerpräsidenten des Landes Sachsen-Anhalt, das mit 20 Milliarden Euro Schulden auf strikten Sparkurs gegangen ist. Rainer Haseloff, der sich selbst "Black Hasi" nennen lässt und Kaffeetüten mit diesem Aufdruck verteilt, hat eine Frau, die für die bedeutungslose Rolle der "First Lady" bereit ist. "Belebend, stark, 100 Prozent Sachsen-Anhalt", findet sich der Kandidat. So wirkt auch seine Gabriele, die als Zahnärztin praktiziert wie Sigmar Gabriels "neue Liebe Anke Stadler" .

Allen zusammen gefällt die Musik der Gruppe City. Hier gleichen sich die Frisuren, die Gesichter, die Lebensläufe, die Köpfe, die Augen, der Wille zur Machtausübung, der Wille zum Staatmachen. "Die Kuschel-Ossis von Sachsen-Anhalt" macht die ‎Sächsische Zeitung im Nachbarland aus, wo eine parteiübergreifende große Koalition aus Politaufsteigern der Nachwendejahre sich das Land als Beute teilt.

Worum es auch immer geht, wer auch immer im Mittelpunkt steht - rundherum sind die anderen. In Ausschüssen und Aufsichtsräten, in Kreisparlamenten und Ministerien, in Handlanger- und Anführerrollen, in Parteiämtern und als Anführer der Exekutive. Sie verleihen sich gegenseitig Orden für ihre sorgfältig durchgeplanten Karrieren, sie marschieren Schulter an Schulter "gegen rechts" (Angela Merkel) und zerschneiden Einweihungsbänder für Investitionen, die sie weder bezahlt noch beschlossen haben. Sie tragen dieselben Anzüge, fahren dieselben Autos, sprechen dieselbe Sprache, kommen aus denselben Kungelrunden. Sie kennen sich und sie lieben sich nicht,a ber sie sind alle zusammen stolz auf das, was andere geleistet haben.

Denn hier, und das macht die Wahlen in Sachsen-Anhalt immer so unglaublich spannend, kann jeder mit jedem. Der schwarze Hase mit dem roten Blasengel, der Mansfelder Metalfan mit der zugereisten Grünen oder dem importierten Gelben. Alle einst das eine große gleiche Grundinteressse: An die Macht kommen, um die Macht dazu zu nutzen, an der Macht zu bleiben.

Der "Stern" dazu: Sachsen-Anhalt wählt: Im Land der Schulden und der Hoffnungslosen