Google+ PPQ: Juli 2011

Sonntag, 31. Juli 2011

Wiedergeboren als König des Balkanpop

Er macht derzeit Furore als Spitzenkandidat der Christdemokraten in Mecklenburg und hat jetzt schon die gesamte deutsche Werbebranche mit seinem Slogan "C wie Zukunft" revolutioniert. Lorenz Caffier aber, die große Hoffnung der CDU auf Erneuerung von innen, genügt es nicht, dem Konservativen ein neues Gesicht zu geben. Der Mann, dem das von der CDU unabhängige Neue Deutschland bescheinigt, bei Gelegenheit auch Verzweiflung mit C zu schreiben, macht im Nebenberuf schon seit Jahren Furore als "König des Balkanpop" (Video unten).

Unter dem fantasievollen Namen Nicolae Guţă präsentiert sich Caffier dabei als aufgeräumt fröhlicher Volksmusiker. Leicht elektronisch aufgehübscht, bringt er die großen Hymnen der Sinti-Kultur als flotte Tanzbodenfeger und scheut sich nicht einmal, gelegentlich Parolen wie "Fuck with me" einzustreuen.

Lange durfte sich Caffier sicher sein, unerkannt zu bleiben. Doch nach mehr als einer Million Zufriffen auf seine "C wie..."-Kampagne ist der Mecklenburger nun trotz seiner kreischbunten Hemden und seines absichtsvoll debilen Grinsens in seiner Guţă-Inkarnation sicher identifiziert worden.

Obwohl sich Caffier als Roma-Rocker das Haar dunkel tönt, so ein Freiwilliger der Plattform Caffierplag, verrieten schon der unverändert getragene Topfschnitt und der außerhalb bestimmter Reservate in Vorpommern kaum noch anzutreffende Schnauzbart, dass es sich beim angeblich 1967 als Nicolae Linguraru im rumänischen Petroşani geborenen Sänger (oben rechts) in Wirklichkeit um den 1954 in Weixdorf/DDR zur Welt gekommenen Caffier handele.

Welche Auswirkungen die Enttarnung der bsiher geheimen Party-Persönlichkeit des angehenden Ministerpräsidenten auf den Ausgang der Landtagswahlen whaben wird, ist derzeit noch unklar. Mecklenburger gelten allgemein als eher unlocker und bräsig, noch nie konnte ein Schlagerstar, Schauspieler oder Physiker im nordöstlichsten Bundesland eine parlamentarische Mehrheit erringen. Caffier tanzt so auch gegen ein Vorurteil an: C wie Zigeunerpop, Foc wie "wählt mich!" Das Volk allerdings zeigt schon, wie gut der lockere Balkanpopper ankommt: Als Guţă verzeichnet Caffier mit einem einzigen seiner geschmackvollen Videos 1,6 Millionen Zugriffe. Zum Vergleich: Sachsen-Anhalts Youtube-Botschafter Reiner Haseloff ("Das Tabu Gardelegen") schaffte zuletzt mit seinem clever geschnittenen Film "Vernässungen in Sachsen-Anhalt" nur knapp über 400 Fans.

Mehr aus der großen PPQ-Serie "Wiedergeboren als..."


Geheime Gefahren

Er war groß, blond und unzufrieden bei den Rechtspopulisten ausgetreten: Der Mörder von Norwegen kam nicht aus dem "Nichts", sondern aus der Landwirtschaft. Die beeilt sich nun zu versichern, dass Anders Breivik etwas falsch verstanden haben muss.

Als sich über die Medien die Nachricht über das grauenhafte Massaker auf der norwegischen Insel Utøya verbreitete, war gar nicht so schnell klar, dass der Täter nicht aus dem islamistischen Al-Kaida-Lager kam. Obwohl der Mann seit Jahren publizistische Spuren in etlichen einschlägigen Blogs und auf Web-Angeboten hinterlassen hatte, brauchten "Spiegel" und Co. Stunden, ehe sie Beiträge mit den üblichen Spekulationen um islamistische Täter fein säuberlich wieder löschten.

Aber auch andere wollen nichts mehr mit dem Biobauern und ehemaligen Handelsschüler Anders Breivik zu tun haben. Man distanzierte sich - nicht in der Sache, wohlgemerkt, aber in Bezug auf die Wahl der Methoden.

Anders Behring Breivik, so die Botschaft, war wohl Firmengründer und Biobauer, hatte da aber etwas falsch verstanden. Bomben und Massenmord, so die Argumentation, gehörten nicht zum Instrumentarium, das man nutzen wolle, um die westliche Welt zu gesunder Ernährung und zum wahren Glauben zu erziehen. Eigentlich sei die Glaubenslehre Jesu streng friedlich, alles andere sei ein falsch verstandenes Christentum, heißt es in Christen-Kreisen. Christen mordeten per definitionem keine Kinder, "schon gar nicht Kinder von Christen", täten sie es doch, seien sie keine richtigen Christen.

Das deutsche Polit-Blog "Spiegel.de", vom Verfassungsschutz als nicht rechtsradikal eingestuft, weil es pro-amerikanisch und pro-israelisch sei, berichtete über die Anschläge unter der Schlagzeile "Weltbild der Verschwörung". Der Attentäter sei "Narziss und Goldjunge" gewesen, in einer bürgerlichen Gegend aufgewachsen, er habe gute Schulen besucht und sei "leicht durchs Leben" geglitten. Klingt nach Unglück, Naturkatastrophe, Unfall - wenn so einer durchdreht, kann gemeinhin keiner was dafür, und im konkreten Fall sowieso nur der Täter selbst.

Dabei war es der "Spiegel" gewesen, der vor Jahresfrist die "kruden Thesen" des Berliner Provokateurs Thilo Sarrazin vorab veröffentlich hatte und damit nach Überzeugung des SPD-Vorsitzenden Sigmar Gabriel den Boden bereitete für die Gewalttat des Norwegers. Das Massaker wird so zur Katastrophe für das ehemalige Sturmgeschütz der Demokratie, weil die Verwechslungsgefahr so groß ist: Wo immer sich Breivik in der Szene schriftlich äußerte in den letzten Jahren, fiel er nicht als Fremdkörper auf. Was er schrieb, war auch im politischen Feuilleton Thema und wenn nicht, so wissen Beobachter, waren es "großenteils Dinge, die auch in diesem Forum stehen könnten."

Wenn er nicht geschrieben hat, so hätte er doch können. So fürchterlich sieht es aus.
Es ist eine seltsame Szene, die ihren Ausdruck in solchen Blogs findet und in der sich Breivik bewegte: pro-westlich und ausgesprochen pro-amerikanisch, Israel freundlich zugetan, aber durchaus kritisch in Fragen der Integration, der Regeirungspolitik, der Eurokrise und der Art, in der Angela Merkel das Land regiert. Nazis verabscheut das Magazin, berichtet wird hingegen über die US-amerikanische Tea-Party-Bewegung, auch über die FPÖ und die Biolandwirtschaft.

"Die unheimliche Gefahr, die von unauffälligen Bio-Bauern ausgeht", schreibt Netzwerkrecherche, "wurde jahrelang unterschätzt". Erst nach dem Massaker in Norwegen und dem Bombenanschlag in Oslo würden nun Rufe nach einem "schärferen Vorgehen“ gegen Bio-Bauern in Deutschland lauter. SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles habe "mehr Polizeibeamte" gefordert, die Aktivitäten von Bauern im Internet beobachten müssten. Weil der Attentäter Düngemittel als Sprengstoff verwendete, müßten umgehend Voraussetzungen für ein Düngemittel- und Nachahmerverbot geschaffen werden. Die CSU will ein besseres Vorgehen gegen die Landwirtschaft in Deutschland, zudem forderten die Grünen mehr Engagement gegen Bio, das sich als gefährlich erwiesen habe.

Ein sofortiger Ausstieg sei nötig, ebenso ein Vorgehen gegen "geistige Brandstifter" wie den Drehbuchautor Quentin Tarantino, der in seinem Film „Inglourious Basterds“, Sprengstoffattentate und blutrünstige Massenerschießungen propagiert habe.

Samstag, 30. Juli 2011

Oh, wie schön ist Afrika

Man könnte, ja, man müsste angesichts dieser Zahlen, die die Krankenasse Barmer GEK vorgelegt hat, umgehend depressiv werden. Im vergangenen Jahr wurden demnach 8,5 von 1000 Versicherten wegen psychischer Erkrankungen im Krankenhaus behandelt - eine Verdopplung innerhalb der letzten zwanzig Jahre, denn kurz nach dem Mauerfall litten nur 3,7 von 1000 Versicherten unter so starken Depressionen, dass sie zur Behandlung eingewiesen werden mussten.

Alles wird immer schlimmer, und das nicht nur in Deutschland. Burn-out-Syndrom, Angststörungen - "seit 2010", jubelt der "Focus", der über die allerneuesten Zahlen verfügt, habe sich die "Zahl der depressiven Erkrankungen verdoppelt. Und am schwersten betroffen sind ausgerechnet die Länder, in denen Menschen den höchsten Wohlstand genießen, leiden überdurchschnittlich viele an psychischen Erkrankungen, hat eine länderübergreifende Studie unter Leitung von Evelyn Bromet von der State University of New York ergeben. 89.000 Menschen aus 18 unterschiedlichen Nationen wurden dazu zu ihrem seelischen Wohlbefinden befragt, hochgerechnet aus deren Angaben ergab sich eine Zahl von weltweit 121 Millionen Menschen, die an Depressionen leiden.

Leisten können sich das aber offenbar vor allem Bürger aus den reicheren Nationen. Hier liegt die Chance, an einer Depression zu erkranken, bei 15 Prozent, während in Afrika oder in den ärmeren Ländern Asiens nur eine von 11 Prozent besteht. Auch die Zahl der depressiven Episoden lag mit 28 Prozent in den Ländern mit einem höheren BIP deutlich höher als in den Ländern mit einem niedrigeren BIP, die auf nur 20 Prozent kommen. Unter einer depressiven Episode versteht man einen Zeitraum, in dem nichtdepressive Menschen Symptome zeigen, die eine Depression ausmachen

Allerdings konnten die Forscher feststellen, dass die Hauptgründe für Depressionen in jedem Land gleich sind. So ließ sich herausfiltern, dass Trennung und Tod die wichtigsten Gründe für eine Depression sind. Hunger oder Krieg hingegen scheinen keine Rolle zu spielen. Diese Ergebnisse scheinen eine alte Weisheit des legendären halleschen Sanitärrates Dr. Appel zu bestätigen, nach dessen Überzeugung "Hunger der beste Arzt" war. Wo aber nicht gehungert werden kann, blühen die Depressionen. Neidisch gehen die Blicke ans Horn von Afrika, wo nur gestorben, nicht aber unter mangelndem Selbstbewusstsein, Schlafproblemen, Appetitlosigkeit, Traurigkeit und Konzentrationsmängeln gelitten wird.

Freitag, 29. Juli 2011

Wetterdienst: Vorhersagen nehmen zu

Dass der Klimawandel die Welt verändert, darüber sind sich so viele Experten einig, dass jede weitere Diskussion sich erübrigt hat. Doch wie die Welt und vor allem Deutschland unter der Klimaknute keuchen wird, das hat der Deutsche Wetterdienst erst jetzt auf seiner alljährlichen Klima-Pressekonferenz öffentlich gemacht.

Die Auswirkungen sind danach absolut dramatisch. Weil die Menschheit trotz des vor Jahren erfolgreich abgeschlossenen Kyoto-Protokolls zur Verminderung des CO2-Ausstoßes auch 2010 wieder fast 31 Milliarden Tonnen Kohlendioxid in die Atmosphäre geblasen hat, war auch das letzte Jahr 2010 kein gutes Jahr für den weltweiten Klimaschutz. Die bestehenden Minderungszusagen und Maßnahmen reichten nicht aus, teilte der Wetterdienst mit, um "die Erderwärmung bis 2100 auf zwei Grad über dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen.“ Hinzu komme der tragische Umstand, dass durch die sich immer weiter verbessernde Luftqualität bald mit einem zusätzlichen Anstieg der weltweiten Durchschnittstemperatur zu rechnen sei. Im Moment würden Schwefelteilchen aus chinesischen Kohlekraftwerken noch kühlend wirken, fallen diese erst weg, wird es noch schneller noch wärmer.

Dann, so der Wetterdienst, werde der Klimawandel auch die Bauwirtschaft verändern, betont Dr. Paul Becker, Vizepräsident des DWD. Baumaterialien wie Beton, Mörtel oder Anstriche könnten nur in einem bestimmten Temperaturbereich verarbeitet werden. Hitze schränke die Einsetzbarkeit vieler Werkstoffe ein oder schließe sie gänzlich aus. Ebenso wie Kälte könne Hitze so zu einer geringeren Produktivität der Beschäftigten oder zur Einstellung von Arbeiten führen. Wird es dann zu heiß, das zeige das Beispiel Dubai, wo wegen großer Hitze seit Jahrzehnten überhaupt nicht mehr gebaut werden könne, zwinge das zur Einstellung aller Bauarbeiten.

Allerdings ist die Lage nicht gänzlich hoffnungslos. Der Klimawandel könne für die Bauwirtschaft andererseits aber auch gute Seiten haben, verharmlost Paul Becker die offenkundig bevorstehende Katastrophe. Als Beispiel werden die Schlechtwettertage genannt. Gegenwärtig treten im Flachland im Durchschnitt bis zu 20 solcher Schlechtwettertage auf, Untersuchungen aber zeigten, dass diese Zahl in fast ganz Deutschland bis zum Jahr 2050 im Mittel um etwa drei pro Jahr zurückgehen wird. In der zweiten Jahrhunderthälfte werde sich diese Entwicklung sogar noch beschleunigen. Becker: „Je nach Region erwarten wir bis zum Jahr 2100 eine Abnahme um bis zu zehn Tage pro Jahr.“ An zehn Wintertagen, an denen die Arbeit heute ruhe, könne dann weitergebaut werden.

Erschreckend für betroffene Firmen: Zugleich könnten spürbare Beeinträchtigungen des Bauens durch mehr Hitzeperioden im Sommerhalbjahr eintreten! In Süddeutschland sei bis 2050 eine Zunahme der Hitzetage mit Höchsttemperaturen über 30 Grad Celsius um bis zu acht Tage zu erwarten, später werde auch diese Entwicklung sich beschleunigen und ganz Deutschland erfassen. „Im Winter kann dann mehr und länger gebaut werden, im Sommer dafür weniger “, fasst Becker die erschreckenden Ergebnisse der DWD-Untersuchungen zusammen. Quasi werde der Winter zum zweiten Sommer, der Sommer aber zum zweiten Winter.

Vom Verschwinden der Wirklichkeit

So lange noch nichts gerettet war, musste geredet werden. Geredet, geredet und immer mehr geredet. Die Ratingagenturen waren schuld, dass eine Rettung unmöglich schien, die Franzosen waren schuld, dass das niemand glaubte. Angela Merkel musste handeln, konnte aber nicht. Monate und Wochen war Griechenland das wichtigste Thema, knapp verfolgt von "Portugal", "Spanien", "Irland" und "Italien". Wer nichts wusste über die Auswallwahrscheinlichkeit von Staatsanleihen und die Verteilung der Gläubiger über den Globus, wusste nichts über das, was wichtig ist.

Oder besser gesagt: Wichtig war. Denn kaum hatten sich Nikolas Sarkozy und die frühere Klimakanzlerin Angela Merkel zu einem Abendessen zusammengesetzt und beschlossen, dass ein Ausscheiden Griechenlands aus dem Euro zu peinlich für Europa wäre, als dass man es akzeptieren könne, war das Megathema der letzten zwölf Monate auch schon vom Tisch. Ein Rettungspaket wurde "geschnürt" (dpa), diesmal groß genug, nicht nur die Schuldner, sondern auch die Gläubiger zu retten. Wo es brennt, werden die Flammen jetzt mit Bergen aus Papiergeld gelöscht.

Es ist wie in dem alten Witz, in dem ein Mann in ein Hotel aus Korfu kommt und sich ein Zimmer anschauen möchte. Dafür muss er dem Hotelier 100 Euro Kaution hinterlassen. Als der Gast im Zimmer verschwindet, nimmt der Hotelier die 100 Euro und läuft zum Fleischer, dem er noch 100 Euro schuldet. Der freut sich, geht zum Bauern, gibt dem 100 Euro, die er ihm schuldet. Der Bauer bezahlt damit eine Prostituierte, bei der er noch mit 100 Euro in der Kreide stand. Die Dame hat es nun eilig, schnell rennt sie zum Hotel, um die 100 Euro für das Zimmer zu bezahlen, die sie dem Besitzer noch schuldet. Kaum liegt das Geld auf dem Tisch, erscheint der Gast wieder. Das Zimmer hat ihm nicht gefallen. Er nimmt seine 100 Euro und verlässt den Ort, in dem nun niemand mehr Schulden hat.

Ein Zaubertrick im Kleinen, Politik im Großen. Griechenlands größte Retter sind zugleich die, die am meisten von Griechenlands Kreditfähigkeit abhängen. Würde Athen Pleite anmelden, stände die Europäische Zentralbank, die ihren Bestand an griechischen Anleihen mangels anderer Käufer bis heute auf das 60-fache ihres Eigenkapitals ausgebaut hat, nackt da. Nicht Griechenland müsste dann gerettet werden, sondern die EZB.

Das ist einfach zu verstehen, spielt aber keine Rolle. denn im großen Drehbuch der Medienrealität spielt Griechenland keine Rolle mehr. Nach dem ersten Gesetz der Mediendynamik passt die Welt bekanntlich in keinen Schuhkarton, unweigerlich aber in 15 Minuten Tagesschau. Deshalb musste es so kommen: 24 Stunden nach erfolgter Rettung auf Kosten der Steuerzahler überwiegend in Deutschland, Österreich, den Niederlanden und ein paar kleineren Partnern versuchte der wahnsinnige Norweger Anders Breivik, die Welt auf seine Weise zu verändern. Schlagartig verschwanden die nun diskutablen Kosten und die nicht nur der deutschen Verfassung widersprechenden Umstände der Euro-Rettung vom Schirm wie zuvor schon Street View, Wikileaks, das Höllenbenzin E10, die Atomkatastrophe von Fukushima, die Nato-Bombardements in Libyen und der Volksaufstand in Nordafrika.

Die Wirklichkeit verschwindet hinter dem Grauen einer Tat, die ebenso grausam ist wie für den Lauf der Welt bedeutungslos. Nicht gewählte Politiker, die eidbrüchig gegen die Verfassung handeln, auf die sie geschworen haben, sondern "rechte Autonome" verkörpern die Lebensgefahr, in der Deutschland schwebt. Zwar hatte die rechter Sympathien unverdächtige "Zeit" erst vor drei Wochen mittels des aktuellen Verfassungsschutzberichtes herausgefunden, dass "sowohl die Zahl der Personen, die den jeweiligen Extremistenspektren zugerechnet werden, als auch die Zahl der von ihnen verübten Straftaten" gesunken seien. Doch schlimmer als Rechte, die demonstrieren, das weiß man jetzt, sind "Rechte", die es nicht tun: Innenminister Hans-Peter Friedrich warnt deshalb vor allem vor Extremisten, "die sich im Verborgenen radikalisieren".

Die im Dunkeln sieht man nicht, das ist günstig, denn unsichtbare Gefahren scheinen dem Menschen stets am bedrohlichsten, mit der Unwägbarkeit steigt die Gefahr und mit der Gefahr die Bereitschaft, sich schützen zu lassen. Auf dem Rücken der Opfer von Utoya entsteht so weiteres Stück der Wunschrepublik von Merkel, Friedrich, Steinmeier, Nahles und Co.: Ein Land, dessen Bürger nicht nur jede Diagnose eine Quacksalbers glauben. Sondern auch wild darauf sind, seine Medizin zu schlucken.

Wissenschaftlich erwiesen: Emp - die erste Einheit für mediale Empörung

Wer hat es gesagt?

Was haben die Nachkommen jemals für uns getan?

Donnerstag, 28. Juli 2011

Fremde Federn: Paranoia mit Parallelen


Wie auch die Bissigen Liberalen beschäftigt sich Lizas Welt in erfreulicher Klarheit mit den Reaktionen auf die Tat eines irren norwegischen Mörders inkl. des ebenso erwartbaren wie dämlichen Lamentos über geistige Brandstifter et.al.

"Dieselben Leute, die noch bei jedem Anschlag oder Attentat einer islamistischen Terrororganisation zur Zurückhaltung mahnen, vor einem „Generalverdacht“ warnen oder gar ein gewisses Verständnis für die jeweilige Tat nicht verhehlen, können jetzt gar nicht schnell genug die vermeintlichen ideologischen Hintermänner (sowie gegebenenfalls deren Vereinigungen) eines wahnsinnig gewordenen, mörderischen, vom Herrenmenschentum besessenen Einzeltäters – und ein solcher ist Anders Breivik nach Stand der Dinge zunächst einmal – an den Pranger stellen."

Zitiert wird auch Richard Herzinger, der unter den deutschen Publizisten zu den zurechnungsfähigeren Akteuren gehört.

"Zunächst wäre zu fragen, was die Ankläger mit dem Begriff ‚Islamkritik’ eigentlich meinen. Diese Kampfvokabel schüttet den diametralen Gegensatz zwischen neonazistischen und rechtsnationalistischen Islamfeinden einerseits und andererseits aufklärerischen Säkularisten zu, die in den totalitären Zügen des politischen Islam eine akute Gefahr für die freiheitlichen Errungenschaften der offenen, pluralistischen Gesellschaft sehen. Während erstere Muslime als solche hassen, weil sie einem ‚fremden’ Glauben angehören beziehungsweise einem ‚fremden Kulturkreis’ entstammen, und von ihrer Deportation aus einem nunmehr wieder ‚artreinen’ Vaterland träumen, verteidigt die zweite Gruppe nicht zuletzt die Muslime selbst gegen autoritäre Strukturen in den islamischen Gemeinden, die den muslimischen Bürgern ihre Chancen auf Teilhabe an den Möglichkeiten der freien Gesellschaft beschneiden."

Mal sehen, ob die Öffentlichkeit mit soviel Differenzierung umgehen kann.

Triptychon der Dreistigkeit

Er heißt Reiner Haseloff, er wurde auf dem Weg der Erbfolge von seinem Vorgänger Wolfgang Böhmer zum Ministerpräsidenten von Sachsen-Anhalt bestimmt und er hat ein großes Herz für Fußball, wenn es denn sein muss. Manchmal muss es, und dann zeigt Haseloff sich prompt und auf Zuruf als Mann mit Charakter. Je nachdem, wo er auftauchen muss, um die notorisch fußballernde Konkurrenz seines SPD-Finanzministers Jens Bullerjan öffentlichkeitswirksam im Zaum zu halten, schlüpft der junge Landesvater in das passende Kostüm: Ist der Wittenberger in Piesteritz zu Gast, hängt er sich einen grün-weißen Schal um. Geht es nach Magdeburg, hüllt sich Haseloff in Blau-Weiß. Und muss er mal nach Halle, findet sich im Fundus der Staatskanzlei allemal eine rot-weiße Fankrawatte, um sich an die Wähler in der HFC-Fankurve ranzuschmeißen.

Ein Mann mit vielen Geschmäckern, ein Mann mit zahlreichen Fußball-Überzeugungen und Fan-Herzen. Einer für alle, das ist er, der Ministerpräsident, den die Forderung, Polizisten müssten im Einsatz Namensschilder tragen, kein bisschen an die unter den Nazis übliche Markierung von Menschen mit dem Judenstern erinnerte, sondern vielmehr an private Erlebnisse aus seiner Zeit in der DDR, die so traumatisch waren, dass Haseloff noch immer nicht genauer über sie sprechen mag. Nicht einmal in seiner allwöchentlichen Youtube-Ansprache, die sich stattdessen zuletzt mutig und kritisch zugleich mit "Vernässungen in Sachsen-Anhalt" auseinandersetzte.

Hundert Tage im Amt, und doch schon trocken hinter den Ohren, dass müssen selbst notorische Quengler dem Mann mit den vielen Fan-Gesinnungen lassen. Je nach Aufenthaltsort meint der Christdemokrat seine modisch vorgetragenen Überzeugungen völlig ernst. Spielt der HFC gegen Piesteritz, ist Haseloff Grün-Weißer durch und durch. Tritt der HFC gegen Eintracht Frankfurt an, wechselt der selbsternannte "Kümmerer" genauso überzeugt zu Rot-Weiß wie er 1976 in die CDU der DDR eintrat und einfach drinblieb, als aus der Blockpartei des in Halle geborenen und in den Franckeschen Stiftungen ausgebildeten Gerald Götting die Partei Helmut Kohls wurde.

Endlich wieder da: Kultshow "Das Tabu Gardelegen"

Fremde Federn: Die Gedanken sind frei

Plötzlich sind alle schuld. Eine gespenstische Diskussion um "geistige Brandstifter" robbt durchs Land, die für die Taten eines Mörders alle in Haftung nimmt, deren Bücher und Kolumnen, deren Blogs und Tweets der Irre von Olso gelesen hat.

Das Weltbild dahinter ist ein aus der DDR und den III. Reich bekanntes: Kein Mensch, glauben seine Verfechter, könne für sich allein Gedanken hegen, für Ideen glühen, für Ideale sterben oder zum Massenmörder werden. Er brauche immer jemanden, der vor ihm turnt, der hinter ihm steht, der ihm sagt, wo es langgeht.

Es ist die Ideenwelt der alten DDR, die da hervorschimmert. Individuen? Ideen? Eigenmacht? Nein, so heißt es. Nichts, was nicht niedergeschrieben oder wenigstens gesungen wurde, kann Menschen motivieren, Dinge zu tun oder zu lassen. Erich Honecker etwa glaubte, das Hören von Wolf Biermann-Liedern mache aus seinen Untertanen Aufwiegler und Anstifter. Dieter Wiefelspütz, Hans-Peter Uhl und Andrea Nahles nun sind sicher, dass das Anschauen von Youtube-Videos von Rechtsrock-Bands auch Deutschland über kurz oder lang seinen Anders Breivik bescheren wird.

Deshalb müsse, argumentieren die Anhänger der These, dass Menschen von "geistigen Brandstiftern" auf verhängnisvolle Pfade geführt werden, das Denken und erst recht das Aussprechen von Gedanken verboten werden, die gehalten sein könnten, falsch zu sein oder auch nur falsch verstanden zu werden. Es gelte, die breite Masse der Menschen zurückzuversetzen in einen Zustand der intellektuellen Unmündigkeit, in dem es ihnen erspart bleibt, sich mit Ideen oder Weltbildern auseinanderzusetzen, die nicht deckungsgleich sind mit dem Weltbild der derzeit führenden Politiker, Zeitungskolumnisten und Fernsehansager.

Doch die Frage darf nie sein, was jemand denkt. Wichtig ist nur, was er tut, argumentieren die Bissigen Liberalen, die sich für ihren Leitspruch "Ohne Gnade" noch nirgendwo entschuldigt haben. "Es war vorauszusehen, dass diverse politische Richtungen jetzt versuchen, aus den Morden in Norwegen Kapital zu schlagen", heißt es in einem erstaunlich klarsichtigen Beitrag.

Geradezu begierig werde von einigen die Gelegenheit genutzt, jedwede Kritik an den Ergebnissen bisheriger Integration von Zuwanderern endgültig zum Ausdruck gefährlichen rechtsextremen Gedankenguts zu erklären. So schreibe die "Zeit", PPQ-Lesern seit Jahren als Zentralorgan der herbeigewünschten Wirklichkeit bekannt, "Das vorläufige Fazit der [rechtspopulistischen] Szene hierzulande fällt zwiespältig aus: Die Ideologie des Mörders ist richtig, nur die Wahl der Mittel war falsch."

Den Grundirrtum, den die bissigen Liberalen als den bezeichnen, auf den es ankomme, weil "genau dieser Unterschied die Grenze" markiere, erklärt sich aus dem Unterschied zweier Weltsichten. Hier der - seltsamerweise zumeist von Linken (Abbildung oben: Screenshot KPD-Homepage) vertretene Glaube, dass jeder Mensch einen Führer, einen Anführer, einen Ideengeber und Leithammel brauche. Dort die eher rechts zu findende Überzeugung, dass jeder Mensch sein eigener Anführer und Leitwolf sein kann - so, wie das Lenin, Mao, Che und alle anderen auch waren.

Das aber diskutiert niemand. denn zu etwas wird die Sache mit den Morden schon gut sein: "Wie schon zu RAF-Zeiten oder auch bei den islamistischen Attentätern wird auch diesmal wieder versucht, eine Tat als Anlass zu nehmen, um über Meinungen und Ideen zu urteilen", schreibt der Autor bei BL. Entscheidend aber sei in der politischen Auseinandersetzung, mit welchen Mitteln sie geführt werde. "So gerne manch Politiker das, was für ihn "krude Gedanken" sind, aus der Diskussion ausschließen möchte: Nicht die politischen Meinungen für sich sind gefährlich, sondern das Recht, das sich Einzelne oder auch Gruppen zu ihrer Durchsetzung anmaßen." Alle Ideen, die fanatisch verfolgt werden können, trügen Gewaltpotenzial in sich, auch diejenigen, die mehrheitlich als gut und richtig bewertet werden. "Nicht der Hintergrund macht die Tat von Utoya zu der Monströsität, die sie ist, sondern das komplett skrupellose Vorgehen des Täters."

Es ist eine Devise, die einem Liberalen vertraut sein sollte: Es kommt nicht darauf an, Idealvorstellungen in gut oder böse zu unterscheiden, sondern es gilt zu verhindern, dass zu ihrer Durchsetzung inakzeptable Mittel eingesetzt werden. So ist nicht der Gedanke zu ächten, sondern die Gewalt.

EF zum selben Thema
Sigmar Gabriel ist sicher: "SPD-Mitglied trägt die Verantwortung für Massaker"
Analyse: Extremistin über die Gefahr des Extremismus

Mittwoch, 27. Juli 2011

Auffällig unauffällig

Alle feiern, einer starrt, alle jubeln, einer guckt. Im Lichte neuester Erkenntnisse der angewandten Präventivpolitik muss das jeden Nachbarn, jeden Musikfreund, jeden Konzertgänger und jeden Bundestagsabgeordneten zutiefst beunruhigen.

Man weiß nicht, was der junge Mann im Bild, offensichtlich unberührt von der Euphorie aller Umstehenden, denkt. Man weiß nicht, was er fühlt. Man weiß nicht, was er plant und was tun wird. Er steht, das Gesicht eine Maske, auffällig unauffällig, ein Fall für Vorbeugehaft und Vorratsdatenspeicherung. Nächstes Jahr um diese Zeit werden noch vor der letzten Aufnahme mehrere korrekt gekleidete Herren ins Bild treten und höflich darum bitten, sie kurz mit zum Ausgang zu begleiten. Zur "Klärung einer Angelegenheit".

Verbot der Woche: Heizen mit Licht

Namen sind Schall und Rauch, deshalb darf in Deutschland auch zukünftig nicht mit Glühbirnen geheizt werden. Das Verwaltungsgericht Aachen hat jetzt endgültig eine Satire-Aktion unterbunden, bei der zwei Künstler herkömmliche und damit verbotene Glühbirnen als "Heatballs" verkauft hatten. Weil die Lampen 95 Prozent ihrer Energie als Wärme abgäben und nur fünf Prozent als Licht, könne man mit ihnen wunderbar heizen, argumentierten sie. Weil der größte Teil der verbrauchten Energie von den Glühlampen-ähnlichen Heizbirnen in Wärme umgewandelt werde und nur ein kleiner Teil als Licht verloren gehe, müsse nicht mehr wie bei Räumen mit Energiesparlampen zusätzlich zugeheizt werden. Das übernehme der Heatball, der damit klimaschonend sei wie keine andere Heizquelle. "Heatballs sind technisch der klassischen Glühbirne sehr ähnlich, nur dass sie nicht zur Beleuchtung gedacht sind, sondern zum Heizen", erläutert einer der Erfinder.

Das stimmt zwar, verstößt aber gegen das EU-Glühlampenverbot, das Mieter zwingt, den nach dem Einsatz von Energiesparlampen fehlenden Wärmebeitrag der alten Glühlampen per Öl oder Gas zuzuheizen, nicht aber per Heatball. Glühlampen bleiben Glühlampen, auch wenn sie Heatball heißen, begründete das Aachener Gericht seinen mutigen Beschluss. Dabei verwiesen die Richter auf den Präzedenzfall "Raider/Twix": Der Name habe sich geändert, sonst aber nix. Wäre Raider Heroin gewesen und also offiziell verboten, hätte dem Produkt auch die Namensänderung nichts genützt, es würde im Rahmen der PPQ-Aktion "Verbot der Woche" weiter unter das von der EU-Kommission mit großer Umsicht verhängte Verbot fallen.

Deshalb dürften Heatballs auch künftig nicht verkauft werden. Wem es zu kalt werden, der solle sich einfach einen warmen Pullover überziehen, bis der Klimawandel das Problem endgültig beseitigt habe. Zur Zeit sei es noch gestattet, mit Talg- oder Duftkerzen zuzuheizen. Aufgrund der unbefriedigenden Lichtbilanz dieser traditionellen Leuchtmittel stehe aber auch hier ein Verbot unmittelbar bevor.

Zur bürgerschaftlich engagierten PPQ-Reihe Verbot der Woche

Dienstag, 26. Juli 2011

Sippenhaft 2.0

Sechzehn Jahre hat man sich nicht mehr gesehen. 16 Jahre, ja, damals war Helmut Kohl noch an der Macht, Erich Honecker noch am Leben, Thilo Sarrazin ein geachteter Bürokrat, und Eva Herman verlas als "beliebteste Moderatorin Deutschland" die Tageswahrheiten bei der "Tagesschau". Zu jener Zeit begab es sich, dass Jens Breivik seinem Sohn Anders das letzte Mal begegnete. Seitdem Funkstille zwischen Vater und Sohn.

16 lange Jahre lang.

Nicht lange genug, finden nun allerdings Qualitätsautoren wie Michael Kläsgen von der "Süddeutschen Zeitung". Kaum war bekannt geworden, dass Jens Breivik seine Sommer in Frankreich verbringt, eilte eine Meute von Reportern zu dem "abgeschiedenen Anwesen in Südwestfrankreich" (SZ), in dem der frühere Diplomat sich "verschanzt" (SZ) hält. Nicht reden wolle er mit dem Rudel vor der Tür, kritisiert Kläsgen, nur norwegische Kollegen hätten noch Auskunft bekommen.

Ungeheuerlich, wo sich doch der Anschlag des Sohnes allen Fernsehrunden und Kommentatorenanalysen zufolge direkt gegen deutsche Interessen richtet. Dass der Massenmörder Chemikalien in Polen kaufte, der Vater Asyl in Frankreich sucht und der Anschlag in Norwegen stattfand, kann nicht darüber hinwegtäuschen, das Deutschland am schwersten getroffen ist und folglich am ausufernsten berichten muss. Auch, selbstverständlich, über Jens Breivik, der nichts mit seinem Sohn und dessen Taten zu tun hat, der nichts weiß, nicht ahnte und nicht einmal rechts oder rechtsradikal ist.

Sippenhaft 2.0. Breivik Ehefrau Wanda, die vorgibt, den Massenmörder nie gesehen zu haben, versucht verzweifelt, "sich und ihrem Gatten mit einer Notlüge Ruhe zu verschaffen" (SZ). Aber das gelingt natürlich nicht, denn das Rudel ist auf der Hut. Jeder weiß, dass Breivik verpflichtet wäre, sich zu rechtfertigen. Wenigstens die Anfrage von "Stern TV", für 500 Euro Aufwandsentschädigung und freien Flug einen Abend lang Verantwortung zu übernehmen, müsste er beantworten.

Aber nein. Statt wie ein Mann herauszukommen und seine Erziehungsfehler vor allem Welt zu offenbaren, versteckt sich Breivik. "Der Diplomat saß in diesem Moment drinnen in der Einsamkeit des Hauses und trauerte im Stillen", fabuliert Kläsgen, als habe er wenigstens auf dem Schoß Platz nehmen dürfen, aus dem das schoss. Anmutung Note 1. Ein Schmeckerchen für den nächsten Henri-Nannen-Preis. Jetzt "mit Video"! Ja, wie geil ist das denn?

Sarrazin verhaftet, Broder unter Hausarrest

Norwegen leidet, Deutschland lamentiert. Leicht beleidigt, weil sich nun so gar keine Spur des Massenmöders von der Utoya-Insel in die Heimat finden lässt, zelebriert die deutsche Veröffentlichkeit ihre übliche Krisenroutine: Der von Aldi-Anzeigen umkränzten ausgiebigen Opferbetrachtung folgen die Heldengeschichten Marke "Mette Marits Bruder stürzte sich in den Kugelhagel", gleichzeitig läuft die allgewaltige Ursachenforschungsmaschine an: Wer hat die Fantasien des Täters befördert? Wer hat die andere Realität geschaffen, in der er lebte? Wie muss reden, wer den Eindruck erwecken will, Ähnliches wenigstens künftig und ausschließlich verbal verhindern zu können?

Es geht plötzlich um "geistige Brandstifter", um Sarrazin und Broder, das Internetblog "Politically Incorrect" und das ganze, fürchterliche Internet sowieso und natürlich um eine angebliche "Neue Rechte", die sich schuldig gemacht habe, rechts zu sein, was Anders Breivik letztlich zwangsläufig dazu bringen musste, Kinder zu erschießen. Nicht Henning Mankell und die ARD, die Breiviks Tatplan mit der Ausstrahlung des Thrillers "Rache" im Jahr 2009 beinahe detailgetreu vorwegnahmen, stehen vor Gericht und auch nicht Dan Brown, der mit seinem "Sakrileg" das Weltbild des Killer prägte. Sondern alle, die die Fragen, die Breivik mit Gewalt beantworten will, überhaupt nur stellen.

Breivik ist rechtsextremistisch, rechtsextremistisch ist rechtsextrem, rechtsextrem aber ist rechtsradikal und rechtsradikal ist rechts, also ist Breivik rechts und alles links der Mitte damit verantwortlich für das, was er getan hat. Die Logik ist unbestechlich, dafür verbürgt sich auch die Süddeutsche Zeitung, die sich ganz weit zurückgräbt, um die Wurzeln des Bösen zu finden. "Anschläge in Norwegen - Das war nicht der letzte Fall" wirft Fachautor Andrian Kreye im Interview mit dem Nazi-Jäger Rick Eaton einen Blick ganz, ganz weit in die Zukunft. Eaton sei Experte für die Frage, "warum Attentäter oft Teil einer Gruppe waren, bevor sie sich zu "einsamen Wölfen" entwickelten", kein Wunder, schließlich verfolgt der Ermittler vom Wiesenthal-Center in New York laut "SZ" den "Rechtsradikalismus im Internet schon seit den späten achtziger Jahren". Angesichts der Tatsache, dass das Internet damals hauptsächlich ein Verbund von Universitätsrechnern war und nicht einmal ein zentraler Suchindex existierte, keine geringe Leistung.

Auf klare Fragen gibt Eaton klare Antworten. "Erleichtert das Internet die Verbreitung rechtsradikaler Propaganda?", heißt es - und er bringt das bestellte Gericht: "Rechtsradikale gehörten bei neuen Medien schon immer zu den Erstanwendern." Es gebe derzeit auch schon 10.000 rechtsradikale Seiten, orgelt der Experte dann, selbstverständlich ohne zu erwähnen, dass es außerdem noch 210 Millionen anderer Seiten gibt.

Reicht es denn das wirklich, künftig eine "Auffälligen-Datei" zu führen, in der jeder registriert wird, der sich abfällig oder gar kritisch äußert? Immerhin hatte der norwegische Geheimdienst Andres Breivik auch in einer Liste - weil er für 15 Euro Chemikalien gekauft hatte. Muss nicht die Überwachung noch niedrigschwelliger ansetzen? Oder soll nicht besser das ganze Internet, offenbar ja doch auch Ursache der Katastrophe, untersagt werden?

Unschärfe als Mittel zum Zweck, Verallgemeinerung im Dienst einer Umdeutung der Wahnsinnstat zum stillschweigend gebilligten Mittel der politischen Auseinandersetzung. Was mit Rechten, das reicht. Oder wie Eaton sagt: "Die Szene ist sehr weit verstreut, allerdings weiß man nie, wann eine Hassbotschaft hängenbleibt und was sie bewirkt".

Im besten Fall wird herbeigebarmte Schuld zur Waffe. Es ist die höchste Ehre, die einem Irren angetan werden kann, seinen Wahnsinn ernst zu nehmen und sein Weltbild auf Berührungspunkte mit der Realität abzuklopfen, bis es zur Zeile reicht "Sarrazin verhaftet, Broder unter Hausarrest".

Anders Breivik wird diese Ehre derzeit zuteil: Einem Mann, der sich in einem zufälligen Kneipengespräch als "Neuer Tempelritter" vorgestellt hätte, erklärt haben würde, er bereite sich seit neun Jahren auf den heiligen Krieg zur Befreiung Europas vor, arbeite nebenbei an einem 1500-seitigen Grundsatzwerk über den Abwehrkampf gegen den Islam, und plane, demnächst ein Kinderferienlager zu überfallen, um möglichst viele Kinder zu töten.

Sein Anwalt sagt gerade, er halte seinen Mandanten für verrückt. Das ist nun aber wirklich eine Überraschung.

Montag, 25. Juli 2011

Stampede der Schamlosen

Da ist sie nun also, die "Debatte über Sicherheitspolitik" (n-tv), mit der noch nach jeder Wahnsinnstat eines Irren der Eindruck erweckt wurde, Amokläufe und Attentate, Terroranschläge und Morde ließen sich mit ein bisschen gesetzgeberischer Mühe verhindern wie fettiges Haar. Wie immer fordern Experten den "Einsatz der Vorratsdatenspeicherung als Mittel im Kampf gegen Terrorbedrohungen". „Wir brauchen die Vorratsdatenspeicherung“, verriet Hans-Peter Uhl, offenbar ein "Innenpolitiker der Unionsfraktion" der „Passauer Neuen Presse“. Wie im Film "Minority Report" träumt der Christdemokrat von einer Rundum-Überwachung, die schon den winzigsten Hinweis auf abseitige Gedanken zum Anlass nehmen kann, präventiv vorzugehen. „Im Vorfeld muss die Überwachung von Internetverkehr und Telefongesprächen möglich sein", wünscht sich Uhl, ohne zu erwähnen, welches "Vorfeld" gemeint ist. Das ist aber auch egal. Wenn Ermittler erst "die Kommunikation bei der Planung von Anschlägen" komplett "verfolgen können", ist der Glaubensbruder des norwegischen Massenmörders sicher, "können sie solche Taten vereiteln und Menschen schützen.“

Es ist ein Aufmarsch der Attentäter auf den gesunden Menschenverstand, eine Stampede der Schamlosen, die das nicht einmal 48 Stunden nach dem Grauen von Utoya losgebrochen ist. Der frühere "Scholzomat" und jetzige stellvertretende SPD-Bundesvorsitzende Olaf Scholz ruft "zur Stärkung demokratischer Werte" auf, die aus seiner Sicht sicher verhindern können, dass Menschen wahnsinnig werden und irrsinnige Taten begehen. „Es geht darum, gemeinsam für die Überzeugungen unserer demokratischen Gesellschaft zu werben“, teilte er dem „Hamburger Abendblatt“ mit. Demokratische Werte seien nicht von alleine da, aber soweit er das überschaue seien sie, erstmal herangebildet, "der beste Schutz gegen solche Täter.“

Ist es auch Wahnsinn, so hat es doch Methode. Sigmar Gabriel, früher Pop-Beauftragter der SPD und heute ihr Parteichef, reklamiert die Morde von Oslo als einen "Anschlag auf die Sozialdemokratie". Wolfgang Bosbach geht noch weiter und "schließt Attentate wie in Norwegen in Deutschland nicht aus". Es gebe auch hierzulande "solche hasserfüllten Gruppen und Personen“, offenbart der CDU-Politiker, dass ihm "das rechtsextreme Milieu nach dem gescheiterten NPD-Verbotsverfahren 2003 sogar eher problematischer geworden" zu sein scheine. Dazu braucht keinen Beleg, keine Zahlen, nur ein diffuses Grummeln "Das macht uns Sorgen.“

Auch über die Wortwolken aus Berlin hinaus ist die mediale Widerspiegelung des Falles Anders Breivik ein Lehrbeispiel dafür, wie ähnliche Umstände völlig gegensätzlich interpretiert werden können, wenn nur der Wille da ist. Gipfelt die Nachbereitung eines jeden islamistischen Anschlages darin, die Täter aus der Menge der Gleichgläubigen herauszunehmen und ihren ideologischen Motiven ein Moment des Wahnsinns unter Hinnahme eines Verstoßes gegen die von allen korrekt Gläubigen akzeptierten Werte der eigenen Religion zuzuschreiben, läuft es hier nun andersherum. Breivik, zweifellos ein nicht nur ein wenig Wahnsinniger, wird zur Speerspitze einer weltumspannenden Bewegung fremdenfeindlicher Gewalt geschrieben: Sein Gedankengut enthält, die Wortwahl ist kein Zufall, die "kruden Thesen", die zuletzt Sarrazin zur Last gelegt wurden. Seine Brüder im Geiste sind "Hassblogger", sein Abschied aus der norwegischen Rechtspartei fällt unter den Tisch, mitgeteilt wird viel lieber seine frühere Mitgliedschaft dort.

Ein Bild wie das Negativ des Panoramas, das nach den Anschlägen von London und Madrid, ja selbst nach denen von New York gezeigt wurde. So wie den in Gruppen organisierten Tätern damals, hinter denen Unterstützer und Sympathisanten standen, trotz planmäßigem Handeln Verwirrung über die Grundsätze des grundsätzlich friedlichen Islam zugutegehalten wurde, unter denen keinesfalls alle, ja nicht einmal viele und bestimmt nicht die meisten Muslime litten, wird Breivik offenkundige geistige Verwirrtheit ausgeblendet und er zum rational handelnden Aktivisten einer latent mordlüsternen Angst vor Ausländern gemacht. Ein Bild von ihm, ein Bild von Geert Wilders, ein Blick auf sein "Manifest", ein Zitat von Broder. Virtuell wird der Einzeltäter zum Werkzeug einer Gruppe, die sein Handeln quasi vorab durch verbale Äußerungen gebilligt hat. Der Täter ist schon nach zwei Tagen nicht mehr Christ, nicht mehr Biobauer, nicht mehr Absolvent einer Handelsschule, nicht mehr Bodybuiler, Geisteskranker oder zorniger Sohn. Sondern nur noch ein Mann, der "Kontakte in die rechtsextreme Szene hatte" und damit genau dort steht, wo er für die unweigerlich folgende "Debatte über Sicherheitspolitik" (n-tv) am nützlichsten ist.

Was noch zu sagen war: Jennifer Nathalie
und bei Zettel
In der "Welt" Broder über Broder

Buchenholz als Botschaft

Ist das Julian Assange? Oder Anders Breivik? Führt die Spur des Attentats von Oslo nach Deutschland? Oder handelt es sich um eine zufällige Ähnlichkeit zwischen dem Mörder und dem Motiv der jüngsten Kachelung des bekanntesten halleschen Künstlers Kachel Gott?

Fest steht: Der Fliesenkünstler, dessen imposantes Gesamtwerk PPQ gemeinsam mit dem Internetriesen Google in einer formschönen Online-Galerie präsentiert, ist auf dem Weg zurück zu den Wurzeln.

Statt kalter Keramik, die der große Unbekannte aus der Metropole an der "Straße der Gewalt" über Jahre als Arbeitsgrundlage wählte, wechselte er für sein neues Werk zum warmen, weichen Holz. Gelegentlich hatte der Kachelkünstler zwar auch in der Vergangenheit schon zu nachwachsenden Rohstoffen gegriffen, vor allem seine berkannte "Käfer"-Serie entstand durchweg auf Buchenholz. Porträthafte Arbeiten wie die von Breivik/Assange zeigt der Kunstschaffende, der sich bis heute vor der Öffentlichkeit versteckt hält, aber erstmals auf Holz.

Ein Statement zum Atomausstieg? Ein Plädoyer für Sonnenenergie? Oder Protest gegen den medialen Umgang mit dem Waldsterben? Wie stets in seiner langen, erfolgreichen Karriere als Kachelkünstler verweigert der stille Star die Mitarbeit an der Erklärung seiner Motive - und macht sein Werk, das auf die Neuverkachelung der kompletten Innenstadt zielt, damit noch unfassbarer, noch schöner.

Mehr Kachelkunst: Kleine Stadt, große Kunst

Sonntag, 24. Juli 2011

Waffen nur für Wölfe

Das Muster ist immer dasselbe, ob in Erfurt, Winnenden oder norwegischen Insel Utøya: Ein Mann gegen viele, Waffen gegen Wehrlose. Auch das Ergebnis der Rechnung bleibt gleich: Auf Dutzende Tote folgt eine ebenso traditionelle wie durchritualisierte Diskussion um die Verschärfung des Waffenrechts und ein Verbot von Ballerspielen.

Calimero geht die Frage in seinem Blog andersherum an - und folgt damit einer bei anderer, fürchterlicher Gelegenheit aufgestellten PPQ-These. Der Friede muss bewaffnet sein, hieß es zugegebenermaßen zugespitzt, als ein 17-jähriger mit der geklauten Pistole seines Vaters ausgezogen war, die Welt zu dem schlimmen Ort zu machen, der sie für ihn offenbar schon immer gewesen war.

Wie der Wolf fiel der damals über seine Mitschüler her, die ebenso wie die Opfer des norwegischen Massenmörders Anders Breivik. "Lämmchen", nennt Calimero die Opfer, Abgesandte einer Welt, in der sich der Arglose durch Wehrlosigkeit schützt. Die aber hilft nicht, so lange Wahnsinnige aus welchen Motiven heraus auch immer auszuziehen, um ihren Namen mit Blut in die Geschichtsbücher zu schreiben.

Natürlich, nichts hilft gegen einen Mann, der über Monate und Jahre plant, andere Menschen zu ermorden. Was aber, wenn Amokläufer damit rechnen müssten, auf Gegenwehr zu stoßen? Wenn Überraschungseffekt und Bewaffnung ihnen nicht mehr die totale, sondern nur noch eine zeitweilige Überlegenheit verspräche?

Amokläufer sind feige, das hat auch Anders Breivik bewiesen, der gut im Töten war, aber schlecht im Sterben. Wäre er auch über die Schülerinnen und Schüler auf Utøya hergefallen, wenn er hätte fürchten müssen, nach den ersten fünf Morden vom sechsten, siebten und achten Opfer unter Feuer genommen zu werden?

Eine Frage, die so interessant wie untersagt ist in mitteleuropäischen Diskussionen über die Ursachen von Untaten wie die des norwegischen Gewalttäters. Schon im Oktober 1954 stellte der Strafsenat des Bezirksgerichtes Gera für die DDR klar, welche "große Gefahr, die jeder unkontrollierte Waffenbesitz für die staatliche Ordnung und das Leben unserer Bürger darstellt". Wo Menschen Waffen haben, können sie sich wehren, nicht nur gegen Amokläufer, sondern im Zweifelsfall auch gegen den Staat.

Will das wer in der alten Welt? Wo doch, so heißt es, das in den USA immer noch geltende Recht, eine Waffe zu tragen, jedes Jahr Tausende das Leben kostet?

Nein. Obwohl die Geschichte zeigt, dass ein Land, das privaten Waffenbesitz erlaubt, noch nie zur Diktatur geworden ist, während alle Diktatoren des 20.Jahrhunderts den Besitz von Waffen für Zivilisten sofort verboten, wird auch nach den Anschlägen von Norwegen wieder alles laufen, wie es immer lief. Waffen bekommen nur die Wölfe, die Lämmchen wehren sich mit Lächeln, Betteln und Gebeten.

Dass die Schweiz, nicht die USA, das Land mit den meisten privaten Schußwaffen pro Kopf der Bevölkerung sind, beileibe aber kein Amokland, dass wird nirgendwo stehen.Denn die Zahl der Amokläufe dort ist niedriger als hier. Ebensowenig wird der Umstand erwähnt werden, dass die Neuseeländer pro Nase mehr Gewehre und Pistolen als die US-Amerikaner und die Kanadier genausoviele. In beiden Ländern sterben dennoch kaum mehr Menschen durch Schußwaffengebrauch als in Deutschland.

Ein amerikanisches Sprichwort sagt “Waffen sind gefährlich, noch gefährlicher ist es nur, keine besitzen zu dürfen.” Die Kinder und Jugendlichen, die auf Utøya zuschauen mussten, wie der irre Breivik ihre Freunde ermordete, werden zustimmen. Deutsche Politiker dagegen werden jede Vorlage nutzen, um die übliche Diskussion zu führen.

Meinungsterror zum selben Thema

Kleiner Mann ganz groß

Ein Star, aber nicht dumm. Ein Mann, aber mit mittellangem Haar. Ein Deutscher mit Wohnsitz im Ausland. Ein gern gesehener Gast im Staatsfernsehen. Der dieser Tage vielleicht nicht gern an lange zurückliegende Prophezeiungen erinnert werden möchte.

"In unserer fremdbestimmten Gesellschaft bedienen sich Leute in den obersten Rängen ohne alle Skrupel, die schicken mit einem Wimpernschlag 20.000 Leute auf die Straße, zerstören deren Existenzen und lassen sich dafür auch noch belohnen. Aber diese Kaltschnäuzigkeit, Arroganz und Brutalität beginnt mit Worten, mit einigen wenigen Leuten, die mit der Ängstlichkeit anderer kalkulieren und spielen. Es wird, da bin ich sicher, irgendwann eine Gegenwehr geben.

Und was passiert dann? Eines Tages wird jemand sich nicht länger demütigen lassen und mit einer Knarre vor so einem Ignoranten stehen und ihn schlicht exekutieren. In der Politik ist das schon oft genug passiert. Da wird einem die Verletzung zu groß geworden sein, vor der ihn weder Staat, noch Gesellschaft beschützen, und dann richtet er eben selbst. Eine schreckliche Eskalation."

Samstag, 23. Juli 2011

Aus weniger wird mehr

Viel verkannt, oft missverstanden und mindestens ebenso häufig falsch ausgelegt: Jahrelang konnte wir von PPQ getreu unseres Mottos "Wir sprechen verschiedene Sprachen, meinen aber etwas völlig anderes" schalten und walten, wie wir wollten. Nun aber hat der Deutschlandfunk in unserer erfrischenden Schreibtischreportage zur unreflektierten und kritiklosen Weitergabe frischausgedachter neuer Horrorzahlen zur ewiglichen Gefahr der rechten Unterwanderung des Internets "bissige Kritik insbesondere auch an der medialen Rezeption des Jugendschutz.net-Berichts" ausgemacht.

Für "weit übertrieben" halte PPQ das in der letzten Woche von mehr als 220 deutschen Zeitungen und Zeitschriften gleichlautend laut beklagte "Problem", dass 24 Millionen deutsche Mitglieder von sozialen Netzwerken im vergangenen Jahr schon rund 6.000 rechtsextreme und rechtsradikale Einträge bei Facebook und Co. hinterließen.

Unser Argument, dass Zuwächse bei rechten Webseiten schon seit Jahren nirgendwo ins Verhältnis zum Wachstum des Netzes insgesamt gesetzt worden seien, wie der Deutschlandfunk anführt, ist allerdings inzwischen ohnehin obsolet geworden: Obwohl die "Welt" sich aus den Zahlen von jugendschutz.net fantasiereich einen "Rechtsruck im Netz"gebastelt hat, der "Focus" gar schon "Das braune Netz" entdeckt und die Fachleute von npd-blog.info in 0,0042 Prozent rechter Beiträge in sozialen Netzwerken einen massiven Missbrauch des Web 2.0" sehen, ist die Zahl der rechten Webseiten ja innerhalb des letzten Jahres von 1872 Websites auf 1708 gesunken - ein Rückgang um neun Prozent. Die Anzahl aller Websites stieg im währenddessen um 21,4 Millionen auf nunmehr 255 Millionen. Damit sind laut jugendschutz.net nunmehr 0.00066 Prozent aller Internetseiten rechtsextrem oder -radikal.

Wer schummrige Schlagzeilen wie
"Hass im Netz: Rechtsextreme Beiträge im Web 2.0 verdreifachen sich" da nur für "weit übertrieben" und nicht für zusammengelogen hält, kann nicht zählen, nicht rechnen und hat nie verstehend lesen gelernt.

Von all dem und allem anderen

Die Band heißt Minor Majority, das Lied "Three Hours" stammt von Nick Drakes Album "Pink Moon". Nick Drake war Amerikaner. aber er wurde in Myanmar, dem früheren Burma und späteren Birma, geboren. Das Lied heißt "Three Hours" und es handelt von all dem. Und von allem anderen. Die Band Minor Majority kommt aus Norwegen.

Three hours from sundown
Jeremy flies
Hoping to keep
The sun from his eyes
East from the city
And down to the cave
In search of a master
In search of a slave.

Three hours from London
Jacomo's free
Taking his woes
Down to the sea
In search of a lifetime
To tell when he's home
In search of a story
That's never been known.

Three hours from speaking
Everyone's flown
Not wanting to be
Seen on their own
Three hours is needed
To leave from them all
Three hours to wonder
And three hours to fall.

Three hours from sundown
Jeremy flies
Hoping to keep
The sun from his eyes
East from the city
And down to the cave
In search of a master
In search of a slave.

Fremde Federn: Chilling Effect

In der amerikanischen Rechtsprechung zur Redefreiheit gibt es den Begriff des „chilling effect“. Vage Umschreibungen des Unsagbaren durch die Autoritäten senken die Gesprächstemperatur und führen auch ohne ausdrückliche Redeverbote dazu, dass ein Untergebener seine Zunge hütet.

Wer das sagt, steht hier.

Freitag, 22. Juli 2011

Wer hat es gesagt?

Die nächste Katastrophe ist uns immer die liebste, zumal uns alle Apokalypsen bisher schwer enttäuscht haben.

Ein Stern, der deinen Namen trägt

Seit Jahren schon sind Diktaturenvergleiche in Sachsen-Anhalt per Regierungserlass streng verboten, um nicht Wasser auf die falschen Mühlen zu leiten und dafür Applaus aus der falschen Ecke zu bekommen. Ausgerechnet der junge Landesvater Reiner Haseloff aber hat nun gegen diesen Grundkonsens aller Demokraten verstoßen: Im MDR-Jugendfunk Sputnik verglich der Christdemokrat die von Grünen und Linken geforderte Kennzeichnungspflicht für Polizisten im Einsatz mit dem Judenstern im Dritten Reich.

Haseloff wandte sich ganz entschieden auch gegen Namensschilder für Aldi- und Media-Markt-Verkäuferinnen und gegen die in Krankenhäusern geltende Sitte, das Mitarbeiter ihren Namen an der Dienstkleidung tragen. “Auch aus der deutschen Geschichte halte ich eine Kennzeichnungspflicht für Menschen schlicht und einfach für unerträglich und unakzeptabel”, stellte Haseloff klar. Schon die politische Forderung danach, legte der besonders wegen seiner Auftritte im Videoportal Youtube witzigen beliebte Wittenberger fest, sei "nicht hinnehmbar".

Neu im Regal: Facebook-Faschismus

Schade, schade, schade. Nach jahrelangem Kampf um immer neue Rekordzahlen bei rechten Internetseiten streckt jetzt auch die Süddeutsche Zeitung die Waffen. Ja, angesichts der vom staatlichen Internet-Überwachungsamt Jugendschutz.net gelieferten Zahlen hilft alles Rechnen und Doppeltzählen nichts mehr: "Die Zahl der eigenständigen rechtsextreme Websites im Netz ist gesunken", bilanziert das Qualitätsblatt maulig. Von 1872 Websites, die 2009 noch reichten, die SZ-Fachredakteur Jan Bielicki fantasieren zu lassen, dass "Rechtsextreme die Möglichkeiten des Internets, um ihre Propaganda zu verbreiten", immer stärker nutzten, blieben nur noch 1708 - ein Rückgang um neun Prozent.

Da nützt es auch nicht mehr, den Zuwachs an rechtsextremen Seiten grundsätzlich unabhängig vom Wachsen der Teilnehmerzahl am Netz insgesamt zu betrachten. Ersterer war schon seit 2005 hinter letzterem zurückgeblieben. Die Zahl der rechten Seiten war so zwar absolut gewachsen, ihr prozentualer Anteil an den Internetseiten insgesamt aber beständig gesunken.

Nein, nun muss sich der Blick auf andere Brennpunkte richten. Hoffnung auf den Erhalt aller Arbeitsplätze bei jugendschutz.net, einer dem Bundesblogampelamt in Warin zugeordnetem Zensurbehörde, kommt aus den Sozialen Netzwerken. Hier, hat Bielicki aus den Statistiken von jugendschutz.net getreulich abgetippt, haben sich die "rechtsextremen Beiträge verdreifacht". Alles wird immer schlimmer! "Tendenziell verlagern sich die Aktivitäten von Neonazigruppen auf die Mitmachplattformen des Web 2.0", bilanziert jugendschutz.net unter Verweis auf den von "Spiegel", "Rolling Stone" und "Zeit" protegierten Rapper Tyler, the Creator, der in seinen Videos (Screenshot oben) besonders raffiniert Nazisymbole versteckt, um die deutsche Jugend zu unterwandern.

Eine völlig neue Dimension rechtsradikaler Gewalt. Musste Michael Wörner-Schappert, Rechtsextremismusexperte bei "jugendschutz.net", in der SZ vom vergangenen Jahr noch konstatieren, dass "Extremisten ihre Hass-Botschaften auf den Plattformen und Netzwerken des Web 2.0 leichter und schneller verbreiten" können, hat die versammelte Qualitätspresse jetzt zu Protokoll genommen: "Videoclips sind im vergangenen Jahr zu zentralen Trägern rechtsextremer Botschaften geworden".

Diese Entwicklung habe sich "dramatisch zugespitzt", ist der Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, Thomas Krüger, ganz aufgeregt. Krüger war einst bekanntgeworden als "ehrliche Haut" im Adamskostüm, jetzt warnt er voller Angst vorm dem Wegbrechen eines ganzen Betätigungsfeldes für seine Behörde: "Wir dürfen den Rechtsextremisten und der Hasspropaganda nicht das Feld überlassen".

Die Situation, da sind sich n-tv ("Lage dramatisch - Rechtsextreme unterwandern das Netz"), Spiegel, FAZ und taz einig, ist ernst wie noch nie. Jetzt schon habe die Initiative jugendschutz.net "etwa 6000 rechtsextreme Beiträge für soziale Netzwerke" gefunden. Bei derzeit nur 26 Millionen Deutschen, die bei Facebook und Co. angemeldet sind, kommt damit schon auf jedes 4300. Facebook-Mitglied ein Hakenkreuz oder Hitlergruß. Das ist nach Angaben von Krüger drei Mal so viel wie 2009 und nach Berechnungen von Historikern sogar 300000 bis 30 Millionen Mal soviel wie 1944, als es Facebook und Youtube noch nicht gab.

Vor allem die lose organisierten "Autonomen Nationalisten" köderten die jungen Menschen mit modernen und professionellen Angeboten, auf denen sie Action, Kommunikation und Multimedia bieten, hat Thomas Krüger herausgefunden. So sei es etwa der NPD gelungen, mit coolen Videos voll bierbäuchiger, mittelalter Männer mit fettem Haar, die dummes Zeug labern, auf der Videoplattform in nur einem Jahr bis zu 600 Zuschauer zu erreichen. Das sei alarmierend, weil rund dreimal so viel wie Sachsen-Anhalts onlineaffiner Ministerpräsident Reiner Haseloff mit seiner fetzigen Kultshow "Videobotschaft - Ferienziel Sachsen-Anhalt" erzielen konnte. Tyler, the Creator schaffte sogar das tausendfache: Nach Empfehlungen beinahe aller großen deutschen Qualitätszeitschriften schaffte es der rappende Rassist und bekennende Frauenfeind aus den USA allein mit seinem Hakenkreuz-Song "Bastard", mehr als eine halbe Million Zuschauer zu fesseln.

Die ehrliche Haut merzt bizarre Sexualpraktiken aus
Die Anmerkung zu Rudelsabbern gegen Rechts

Donnerstag, 21. Juli 2011

Die längste Rettung der Welt

Ach, es ist doch immer wieder schön, wenn etwas bleibt, wenn etwas über den Tag hinausreicht, wenn Dinge Gültigkeit behalten über die "Stunden hektischer Krisendiplomatie" (SZ) hinaus. Im Mai 2010, als eine endlose Kette von erfolgreichen Rettungsunternehmen für den "schwächelnden" (Spiegel) und manchmal auch "kriselnden" (FAZ) Euro seinen Anfang nahm, schilderte eine PPQ-Fernreportage die Dinge ein für alle Mal.

Wenig müsste heute begradigt werden, denn die Gesichter auf den Bildern aus den Fluren der Rettungskonferenzen sind dieselben wie damals, ebenso wie die Sprüche der Kommentatoren und die Ratschläge der Opposition dieselben sind. Verschwunden sind einzig und allein die sagenumwobenen "Spekulanten", denen Fachblätter wie die Süddeutsche Zeitung noch vor einem Jahr alle Schuld am griechischen Drama zugewiesen hatten. Zur Erinnerung an gewisse "ernste Attacken" aber, mit denen namenlose Europafeinde angeblich kaltherzig einen ganzen Kontinent bedrohten, soll auch diese Passage stehenbleiben. Bis zur nächsten Rettung jedenfalls, die nicht lalnge auf sich warten lassen wird. Nun los, zurück in der Zeit:

So muss Egon Krenz geschaut haben, als er gerade die Sozialistische Einheitspartei der DDR vor dem Untergang gerettet hatte. Auch Gorbatschow sah so aus, nachdem es ihm gelungen war, Mütterchen Rußland aus den Klauen von Bürokratie, Alkohol und Korruption zu reißen: Der Mund siegesgewiss verspannt, die Augen mutig zusammengekniffen, das Haar kampflustig verstrubbelt.

So treten auch Angela Merkel und Nikolas Sarkozy vor die Kameras, nachdem sie in "Stunden hektischer Krisendiplomatie retten konnten, was von der Idee Europa übrig ist. Wenn zuviel Gemeinsamkeit die europäische Einigkeit bedroht, braucht es noch mehr Gemeinsamkeit, um sie zu bewahren. Unbedingt noch bevor in der Nacht zum Montag die Börsen in Fernost öffnen, musste ein Rezept geschrieben werden für die Heilung dessen, was am Freitagmittag noch als kerngesundes Opfer dubioser Spekulanten ausgegeben wurde: Die Euro-Zone, vor zehn Jahren in einem politischen Großversuch zusammengekleistert, steht über Nacht im "Endspiel um den Euro", es geht "längst nicht mehr um die Griechen, es geht um den Euro als solchen" (FAZ), und damit um alles, was den Kontinent zusammenhält.

Problematisch bislang, dass die europäischen Regierungen jede "Krisenhilfe" vor ihrem jeweiligen Staatsvolk zu rechtfertigen haben. Kredite für Griechen wecken den Volkszorn und kosten Wählerstimmen, keine Kredite für Griechen führen in den Abgrund - und kosten Wählerstimmen. "In der Not", analysiert die FAZ, "opfert die Europäische Union heilige Prinzipien der Währungsunion". Natürlich fand sich - wie immer übers Wochenende - ein wunderbarer Ausweg: Die Anonymisierung der Krisenhilfe durch eine Verlegung der Kreditaufnahme in die Verantwortung der EU-Kommission, die keinem Wahlvolk Rechenschaft pflichtig ist.

"Die Teilnehmer des Sondergipfels waren sich einig, dass der Euro durch eine ernste Attacke von Spekulanten bedroht wird", schreibt die SZ in einem Anflug von Gemeinschaftseuphorie, "die Euro-Zone müsse sich mit einem Gemeinschaftsinstrument dagegen wehren", folgt das Blatt der klassischen Argumentationslinie, die schon Egon Krenz im Herbst 1989 mächtige anonyme Gegner hinter den zunehmenden "Angriffen des Feindes auf die DDR" (Krenz) hatte entdecken lassen. Die Fachbegriffe sind andere, der Satzbau ist derselbe: Der Gegner wolle "uns so eine zerstörerische Diskussion aufzwingen", meinte Krenz, sein Ziel sei, "dass der Sozialismus weltweit von seinem Kurs abgeht". "Es geht hier um eine weltweit organisierte Attacke gegen den Euro", findet der sieht das der luxemburgische Ministerpräsident Jean-Claude Juncker zwei Jahrzehnte später nicht viel anders: "Wir sind der Auffassung, dass nicht nur Griechenland, Spanien, Portugal und Italien unter Angriff stehen, sondern die gesamte Eurozone bedroht wird."


Schon mit der Beschreibung einer "ernsten Attacke" wird das Thermometer fürs Fieber verantwortlich gemacht: Gab es Spekulation bisher erfolgreich nur dort, wo es etwas zu spekulieren gibt, wird jetzt so getan, als sei Spekulation der einzige Grund für Spekulation. So als zeige erhöhte Temperatur auf dem Fieberthermometer keine Krankheit, sondern die dringende Notwendigkeit eines gemeinsamen Kampfes aller Ärzte, Pfleger und Gesundheitspolitiker gegen die Thermometerindustrie.

Noch ehe das Bundesverfassungsgericht eine endgültige Entscheidung über die Zulässigkeit der Griechenland-Hilfen getroffen hat, ist das Urteil obsolet geworden. "Die EU-Kommission selbst wird in Zukunft Geld am Kapitalmarkt aufnehmen können, um Ländern in Not zu helfen - mit einer expliziten Garantie der Mitgliedstaaten", heißt es bei dpa. Bürgen dürfen dabei weiter die Mitgliedsstaaten und deren Steuerzahler, verantworten müssen deren gewählte Volksvertreter die Kreditaufnahmen nicht mehr.

Noch mäkelt die SZ "griechische, portugiesische und spanische Staatsanleihen sind die Subprime-Kredite 2010", denn "die global eng vernetzten Banken und Börsen" hätten "überhaupt nichts gelernt". Aber bald richtet sich die EU-Kommission eine EU-eigene Ratingagentur ein, in der dann altgediente Politiker die von ihren noch aktiven Kollegen ausgegebenen Staatsanleihen endlich "objektiv" bewerten werden. Auch Papiere aus Griechenland werden dann endlich wieder etwas wert sein.

Die Rettung von heute

Humor ist, wenn man trotzdem sagt

Kein Preis für Putin, kein Kreuzberg für Sarrazin, kein Preis mehr für Broder. Nur 48 Stunden, nachdem das demokratische Deutschland wie ein Mann gegen eine vom Staatssender ZDF geplante Hetzsendung mit dem früheren Sozialsenator Thilo Sarrazin mitten aus dem Berliner Stadtteil Kreuzberg aufgestanden ist, hat sich der seit Jahren wegen unbotmäßiger Äußerungen in der Kritik stehende Kolumnist Henryk M. Broder vom Journalistenpreis des Deutschen Kulturrates trennen müssen. Broder hatte die Auszeichnung für seine im Spätabendprogramm versteckte Satiresendung "Deutschland-Safari/Entweder Broder" erhalten, die seinerzeit nach Ansicht des Kulturrates "gesellschaftspolitische Fragen wie Integration, Religionszugehörigkeit und kulturelle Vielfalt in Deutschland thematisiert" hatte.

Etwas, das Thilo Sarrazin nie gelungen ist. Weshalb der Kulturrat es "mehr als peinlich" fand, dass das Kulturmagazin "Aspekte"Sarrazin unter sichtbarer filmischer Beobachtung durch Berlin-Kreuzberg und Neukölln schickte, um mit den absehbaren wütenden Reaktionen einen "vorhersehbaren Eklat zu inszenieren".

Eine Botschaft, die beim starrköpfigen Broder nicht anzukommen scheint. Er hält es für durchaus nicht peinlich, mit Sarrazin nach Kreuzberg zu fahren, denn er habe bei seiner Deutschland-Safari eigentlich nichts anderes getan. "Peinlich ist nur Ihre unsägliche Stellungnahme, mit der Sie sich auf die Seite des Pöbels stellen, der in Teilen von Kreuzberg mittlerweile das Sagen hat", wettert der Humorist, der im übrigen der Meinung ist: "Selbst wenn Sarrazin und das ZDF vorgehabt hätten, einen Eklat zu inszenieren, so ist das in einer funktionierenden Demokratie, die nicht von Kulturräten verwaltet wird, ein legitimes Mittel, auf Umstände, Missstände und Zustände aufmerksam zu machen, deren Existenz gerne geleugnet wird."

Nazialarm in der No-Go-Area

Ein Schiff wird kommen

Es war natürlich nicht alles schlecht. Hitler hatte ein Reisebüro mit eigenen Hotel und Schiffen, Honecker hatte ein eigenes Reisebüro mit Ferienheimen und einem Schiff - nur die deutsche Sozialdemokratie musste sich bisher damit bescheiden, über den eigenen Partei-Reiseservice Reisen zu Diktatoren in aller Welt anzutreten. Mit dem "Service für Mitglieder und Freunde der SPD" (Eigenwerbung) ging es zu Hosni Mubarak und nach Äthiopien, wo Menschen mit dem Herz auf der linken Seite ein Land kennenlernen durften, in dem die Regierungspartei 99 Prozent aller Stimmen bei jeder Wahl bekommt. Und man besuchte natürlich im Kreise Gleichgesinnter Kuba, das traditionelle Herzensland der deutschen Linken, dessen Diktator Fidel Castro hierzulande noch niemals "Despot" genannt wurde.

Seitdem die befreundeten Arbeiterrepubliken aber von Revolutionen dahingerafft werden, wird es eng und enger bei revolutionären SPD-Reiseservice. Der geht deshalb jetzt Offshore, weg vom Land, raus auf die See, wo die Gedanken noch frei sind. Mit einem ganz im Stil der Arbeiterbewegung vom Frachter zum Kreuzfahrtschiff umgebauten eigenen Traumschiff sticht die SPD demnächst in See: Das clevererweise steuer- und abgabensparend in Madeira registrierte Kreuzfahrtschiff MS "Princess Daphne", teilte Schatzmeisterin Barbara Hendricks mit, werde etwa die Menschenrechtshochburg Sankt Petersburg und die befreundete Türkei ansteuern.

Bohnen von der Bananenstaude

Mit seinen überaus empörenden kruden Thesen zu allen Basken, die bestimmte Gene teilen, ebenso wie alle Juden bestimmte Gene teilen, stellte sich der ehemalige Bundesbanker Thilo Sarrazin vor Jahresfrist außerhalb der menschlichen Gesellschaft. Die SPD verzichtete am Ende zwar großzügig darauf, den Hetzer auszuschließen, doch über mehrere Therapiesitzungen bei Will, Kerner und Ilgner konnte genübergreifend Konsens darüber hergestellt werden, dass die Frage der Gene allgemein sowieso überschätz wird und ansonsten niemand irgendetwas Genaues darüber weiß, warum manche Menschen groß, andere aber klein, manche schwarz und manche weiß sind.

Fest stand nur, es liegt an der Erziehung. Wenn aus der Bohne keine Bananenstaude wachsen will, hat die Schule versagt. Gelüstet es den Löwen immer wieder nach Fleisch, bedarf es weitergehender Integrationsbemühungen der Antilopengemeinschaft.

Dem widersprechen jetzt jedoch Wissenschaftler von der Kinderstation der Universität von Montreal. Deren Forschungen zufolge teilen nun doch viele Menschen außerhalb Afrikas zwar nicht Gene, aber einige der menschlichen X-Chromosomen. Das entsprechende Stückchen Bauplan stamme vom Neandertaler und sei ausschließlich bei Menschen außerhalb Afrikas zu finden, behaupten die Forscher in der Juli-Ausgabe von "Molecular Biology and Evolution".

Den Grund dafür sieht Labuda im zeitlichen Ablauf der menschlichen Geschichte. Die Neandertaler verließen Afrika vor etwa 400.000 bis 800.000 Jahren, um sich ein neues Leben auf dem Gebiet der heutigen Staaten Frankreich, Spanien, Deutschland und Russland aufzubauen. Der frühe moderne Mensch folgte ihnen vor 80.000 bis 50.000 Jahren, traf die Neanderthaler dann und kreuzte sich über fast 20.000 Jahre mit ihnen, wie ein Stück Neanderthaler-DNA beweist, das in Angehörigen von Völkern auf allen Kontinenten gefunden wurde.

Mit Ausnahme von Afrika südlich der Sahara, wie die Forscher mitteilen. Nach ihren kruden Testergebnissen, die von "SZ", "Tagesspiegel" und "taz" bereits vor Jahren widerlegt wurden, teilen damit alle Menschen ein Gen, abgesehen von Afrikanern, denen dieses Gen bis heute trotz harter Auflagen der EU vorenthalten wird.

Mutmaßungen der kanadischen Wissenschaftler, nach denen der angebliche Gen-Austausch dazu beigetragen habe, den modernen Menschen auf der ganzen Welt erfolgreich zu machen, wies die demokratische Presse schweigend zurück. Nur der "Focus" und die Augsburger Allgemeine
sah sich wegen der sexuellen Komponente der Nachricht veranlasst, über die Mensch/Neandertaler-Kreuzung zu informieren. Alle anderen Qualitätsmedien entschieden sich laut Google News gegen eine Verbreitung der kruden These, wonach die Gene der physisch stärkeren Neandertaler eine Bereicherung gewesen, die den Menschen vorangebracht habe.

Fakt: Türken gründeten Derenburg

Mittwoch, 20. Juli 2011

Die arme, arme Politik

Frech oder dumm? Dreist oder doof? Franz Müntefering kann sich immer noch nicht entscheiden. Der frühere SPD-Vorsitzende, unter seinem Vorgänger Gerhard Schröder mitbeteiligt an der Deregulierung des deutschen Finanzmarktes, an der Zulassung von Verbriefungen und der Expansion der Landesbanken ins Ausland, hat für die Euro-Krise "eine verhängnisvolle Zurückdrängung der Politik durch Märkte und Spekulanten" verantwortlich gemacht. Nach Münteferings Auffassung haben nicht Regierungen wie die griechische, die irische oder die portugiesische durch überbordende Schuldenmacherei dafür gesorgt, dass ihre Länder nun vor der Pleite stehen und Europa wankt und wackelt. Nein, Schuld ist eine vom greisen Arbeiterführer wie immer nicht näher bezeichnete "Finanzindustrie", die in wie immer nicht näher bezeichneten "informellen internationalen Verbünden organisiert" sei und sich dort "durchsetzungsfähiger als die Politik und ziemlich skrupellos" zeige, wie Müntefering unter Auslassung aller Tatsachen analysiert.

Die arme Politik. Weiß nichts. Kann nichts machen. Jaja, so Achselzucken und "haltet den Dieb" rufen, das kann er immer noch perfekt, der große alte Mann aus dem Sauerland. Dass die Verluste der deutschen Privatbanken sich gemessen an denen der von Politikern geführten Landesbanken ausnehmen wie Peanuts, schert Müntefering ebensowenig wie der Umstand, dass er und seinesgleichen quer über alle Parteigrenzen hinweg über Jahre wegschauten, wenn Athen Fantasiezahlen nach Brüssel meldete oder eine Landesbank wie die von Sachsen oder eine Regierung wie die von Sachsen-Anhalt mit außerbilanziellen Zweckgesellschaften im Ausland Steuern im Inland zu sparen versuchte.

Müntefering hält sich an die Legende, die sein früherer Pop-Beauftragter und nunmehriger Parteichef Sigmar Gabriel einstmals in den Satz fasste "da muss der kleine Mann wieder für die Sünden der Spekulanten und Banken aufkommen". Sie, die Poltiker, die in Nordrhein-Westfalen die Rücklagen für Beamtenpensionen vorsorglich in griechische Staatsanleihen packten, in Sachsen mit Verbriefungen die schnelle Mark machen wollten und mit der Bayern LB versuchten, mit den Formel1-Rechten zu schachern, waren eigentlich nie da.

Nicht, als die Kreditanstalt für Wiederaufbau ihren Großanlegern über eine Tochterfirma namens "KfW International Finance" in Wilmington im US-Staat Delaware dabei half, den Fiskus zu umgehen - unter den Augen des Verwaltungsrates, der vollgestopft ist mit CDU- und SPD-Politikern. Nicht, als die halbstaatliche IKB ihr Steuersparvehikel "Rhineland Funding" im US-Steuersparbundesstaat Delaware betrieb oder sein Parteifreund Jens Bullerjahn höchstselbst eine Zweckgesellschaften namens "Stichting" in Amsterdam gründete, um mit Hilfe des terrornahen "Islamrat" in London "scharia-konforme" Anleihen zu vertreiben.

Franz Müntefering weiß natürlich, welche Konsequenzen gezogen werden müssen. Notwendig seien weltweit bessere Sanktionsmöglichkeiten, um den Vorrang der Politik zu garantieren, sagt er.

Sie wollen gar nicht wissen, was sie tun

Kurze kühle Hitze

Scheißkälte da draußen, leere Freibäder und verregnete Urlaubstage - "trotz alledem aber und alledem" (Hannes Wader) - der Deutsche Wetterdienst meldet zuverlässig viel zu warme Temperaturen. Auch für den Juni konnten die staatlichen Wetterberichterstatter alle die Lügen strafen, die aufgrund eigener Erfahrungen der Meinung waren, früher sei es irgendwie wärmer gewesen, zumindest im Sommer.

Nein, auch wenn es anders wirkte, der Juni war 1,2 Grad zu warm und damit schon der sechste zu warme Monat in Folge, stellte der DWD
in seinem amtlichen Monatsbericht endgültig klar. Die Klimaerwärmung, die sich im Alltagsleben kaum noch nachweisen lässt, bleibt zumindest auf dem Papier der Wetterbeobachter eine feste Größe.

Nun, ein bisschen Mühe macht es schon, sie nachzuweisen, denn auch dem DWD ist aufgefallen, dass der zu warme Juni eigentlich nicht warm, sondern "vor allem recht wechselhaft" (DWD) war. "Vor allem" bedeutet ja nun eigentlich so etwas wie "überwiegend", folglich war der "zu warme" Monat eigentlich überwiegend vor allem "zu wechselnhaft". Finde auch der DWD: "Nur in der ersten und letzten Dekade konnten sich die Bürger über wenige sommerliche Tage freuen", schreiben die Experten, die offenbar schon davon ausgehen, dass Menschen sich über möglichst kalte Sommertage zu freuen haben.

"Nur in der ersten und letzten Dekade" bedeutet allerdings bei einem Monat, der naturgemäß nur aus drei Dekaden besteht, dass zwei Drittel des Monats nicht sommerlich, sondern nichtsommerlich ausfielen.

Wo kam denn dann die Wärme her? Der DWD hilft auch hier: Erst "ab dem 27. Juni bescherte eine kurze, aber heftige Hitzewelle Deutschland die bisher höchsten Temperaturen des Jahres", gesteht der Monatsbericht.

Der 27. lag drei Tage vor dem 30., mit dem der Juni dann auch schon wieder endete - nur nicht beim DWD, der die dramatischen Tage nach der "kurzen, heftigen Hitzewelle" (DWD) am 27. Juni so schildert: "Im restlichen Monat überwog eine sehr unbeständige, zeitweise auch etwas kühlere Witterung, in deren Verlauf örtlich extreme Wetterereignisse wie Gewitter, Starkregen, Hagel und orkanartige Böen auftraten."

Zusammengerechnet haben wir also zweimal zehn Tage, in denen sich "Bürger über wenige sommerliche Tage freuen" konnten. In dieser Zeit meldete Worpswede-Hüttenbusch nördlich von Bremen mit 1,0 °C in der Luft und -2,8°C am Erdboden die bundesweit tiefsten Werte. Es folgte nach DWD-Protokoll eine "kurze schwülwarme, teilweise auch heißen Periode mit Temperaturen örtlich über 30°C", dann aber gleich wieder "eine sehr unbeständige, teilweise auch kühle Witterungsphase", die kurz vor Monatsende für 48 Stunden wärmer wurde.

Aber Glückwunsch, immer noch warm genug, um den ganzen verkorksten Monat ins Klimaziel zu bringen: "Mit 16,6 Grad Celsius lag die durchschnittliche Temperatur im Juni 2011 bundesweit um 1,2 Grad über dem vieljährigen Klimawert von 15,4°C", ziehen die Wetterforscher ein denn doch noch zufriedenes Fazit.

Kauft nicht beim Sarrazin!

Oder wie soll ich das und das anders verstehen?

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Dienstag, 19. Juli 2011

Fremde Federn: Ratingagenturen braucht man nicht

"Ein Rettungspaket ist dazu da, faktische Kreditunwürdigkeit zu kaschieren und künstlich den Zugang zur Geldleihe offenzuhalten. Wird diese Taktik durchschaut, gelingt sie nicht. Sie zu durchschauen, ist freilich leicht. Die Ratingagenturen braucht man dafür eigentlich gar nicht. Und darum wird ersatzweise auch gern auf die Spekulanten geschimpft, die sich einen Spaß daraus machen, unsere Gemeinschaftswährung zu zerschießen, den Euro, das teure Stück."

Nimm Du ihn, ich hab ihn

Unter der rot-grünen Bundesregierung wurde Deutschland zum viertgrößten Rüstungsexporteur der Welt vermeldet der "Freitag" etwas verspätet, aber aus aktuellem Anlass. Ein großer Erfolg der Regierung Schröder-Fischer, von dem heute leider niemand im grünen Lager mehr etwas wissen will. Waffen gingen damals - wie schon vorher unter Helmut Kohl - auch nach Saudi-Arabien, eine verbündete Ordnungsmacht noch vor einigen Jahren auch nach Ansicht des damaligen Außenministers Walter Steinmeier. Der spielte bei einer Serie von Auswärtsspielen der deutschen Autoren-Nationalmannschaft gegen saudi-arabische Kulturschaffende gern den Schirmherren.

"Die bilateralen Beziehungen zwischen Deutschland und Saudi-Arabien sind freundschaftlich und spannungsfrei", vermeldete das Auswärtige Amt noch vor einem Jahr voller Freude. Immerhin seien die gegenseitig engen Beziehungen schon "durch den Freundschaftsvertrag zwischen dem Deutschen Reich und dem Königreich Hedjaz sowie der zugehörigen Gebiete bereits 1929 formalisiert.

Seitdem stehen beide Länder für schöne Geschäfte zum beiderseitigen Vorteil: Saudi-Arabien und der Oman geben gemessen am Bruttoinlandsprodukt weltweit das meiste Geld für Rüstungsgüter aus, im Gegensatz zu Angola, das knapp dahinter liegt, drei Viertel seines Bruttoinlandsprodukts aus Entwicklungshilfe bezieht, eben aber trotzdem für einen dreistelligen Millionenbetrag seine Marine in Deutschland neu ausrüsten lässt, kann Saudi-Arabien seine Rüstungsimporte aus Deutschland selbst bezahlen. Ähnlich sind sich die beiden Kunder der deutschen Rüstungsindustrie nur im rein rechtlichen: Homosexualität gilt hier wie dort als „Verstoß gegen die öffentliche Moral“, ist illegal und wird bestraft.