Google+ PPQ: März 2012

Samstag, 31. März 2012

Seit fünf Uhr wird zurückinflationiert

Ein großer Tag für das arbeitende und wertschaffende Deutschland: 6,3 Prozent mehr Gehalt in den nächsten zwei Jahren konnten die öffentlichen Gewerkschaften den öffentlichen Arbeitgebern abtrotzen - das ist fast ein Drittel der Erhöhung, mit der Sachsen-Anhalts Parlamentarier in diesem Jahr auskommen müssen. Dringend nötig ist es, wie Le Penseur in einer wegweisenden Nachrechnung der tatsächlichen Inflationsraten der vergangenen 20 Jahre belegt.

Von wegen, "Inflation ist kein Thema" (Goldman Sachs), von wegen, die "Teuerung bleibt im Rahmen" (EZB). Im Rückblick sind die Zahlen geradezu erschreckend, betrachtet man konkrete Warengruppen und nicht den je nach Statistikbedarf um Preistreiber bereinigten offiziellen Warenkorb. Im Jahre 1992 etwa, also vor 20 Jahren, hat Le Penseur aus der Datenbank von was-war-wann herausgesucht, kosteten 0,5 Liter Bier in der Gaststätte durchschnittlich 1,08 Mark, heute also 0,55 Euro. Daraus geworden sind bis heute statistische Durchschnittspreise von 2,85 Euro. "Der heutige Preis ist also mal schlappe 5,18 mal so hoch, weshalb von ernstlicher Inflation natürlich keine Rede sein kann!", ätzt der Autor.

Insbesondere das Gerede, dass durch die Einführung des Euro die Preise gestiegen wären, werde durch die Gegenüberstellung der Preise von 1999 (d.i. 1,24 DM = 0,63 €) und 2003 (d.i. 2,20 €) "vollkommen ad absurdum geführt", heißt es weiter. "Alles nur gefühlte Inflation." Interessant sei jedoch, dass die zwanzig Jahre von 1972 bis 1992, die Zeitgenossen nicht eben für niedrige Inflationsraten bekannt waren, den Bierpreis gerademal von 0,74 DM auf 1,08 DM - also um rund 45 Prozent - hatten explodieren lassen. Wohingegen die unschlagbare Preisstabilität, die der Euro mit sich brachte, mit einer knappen Verfünffachung der Bierpreise im gleichen Zeitraum nachgewiesen wurde: Aus 45 Prozent Bierpreisinflation wurden 450 Prozent. Fortgeschrieben wird ein Glas Kneipenbier im Jahr 2032 damit mindestens 12 Euro kosten.

Die Tariflöhne, aus denen Trinker das berappen müssen, stiegen von 1972 bis 1992 von 482 Euro auf 1.337 Euro - ein Zuwachs auf das 2,77-fache, Der 20-Jahres-Vergleich 1988 auf 2008 zeigt nur noch eine Steigerung von 1.093 Euro auf 2.008 Euro - ein Zuwachs auf nur noch das 1,84-fache. Ganz augenscheinlich hat die Lohninflation wirklich spürbar nachgelassen. Umso schöner, dass die Tarifpartner im öffentlichen Dienst dem jetzt endlich ein Ende machen: Ein größerer Schluck aus der Pulle für alle. denn als nächstes wird ja wieder das Bier teurer.

Beispielhaft: Venezuela verbietet Inflation
Geheimnisvoll: Der Preis als Benzinpreisbremse
 

Transfergesellschaft rettet Sonnenenergie

Das Geschäftsmodell schon seit Monaten hinfällig, die Margen selbst angesichts zurückgehender staatlicher Stützungskäufe weiter unter Druck, die Aktionäre sitzen nur noch auf Verlusten und die Anleihegläubiger hatten nur noch die Hoffnung, über eine angekündigte Ausschüttung des Restwertes des Bitterfelder Solarstromgiganten Q-Cells wenigstens an das als landwirtschaftliche Nutzfläche zunehmend attraktiver werdende Werkgelände im „Solar Valley“ heranzukommen.

Nun aber ist auch diese Hoffnung geplatzt. Nachdem das OLG Frankfurt in einem ähnlich gelagerten Fall geurteilt hatte, dass ein Restrukturierungskonzept wie das für die notleidenden Anleihen von Q-Cells geplante rechtswdrig ist,teilte der Firmenvorstand mit, dass „die Fortführungsprognose zurzeit nicht gegeben ist“. Q-Cells, einst mit Millionen an Fördergeldern als industrieller Leuchtturm in die Tagebaurestlandschaft nahe der berühmten "Straße der Gewalt" gesetzt, ist, so heißt das verdruckst, so gut wie pleite.

Nach Schlecker, dem Schuhhändler Leiser und der Harald Schmidt-Show die vierte Großpleite dieser Woche, und wieder steht die Frage, ob eine Transfergesellschaft nicht der beste Weg wäre, Q-Cells bis zur Übernahme durch einen Investor und der Umstellung auf Windenergie am Leben zu halten. Die Gewerkschaft Verdi hat ihre Forderung nach Transfergesellschaften für die von Arbeitslosigkeit bedrohten Beschäftigten bekräftigt. Auch wenn die Auffanggesellschaften nur ein halbes Jahr finanziert würden, böten sie Vorteile, erklärte Verdi-Vorstandsmitglied Stefan Butzenberger. Die bis zu 2.000 betroffenen Q-Cells-Mitarbeiter, die zuletzt bei einer Milliarde Umsatz 800 Millionen Euro Verlust erwirtschafteten, müssten erst ein halbes Jahr später Arbeitslosengeld beantragen und erhielten zudem eine intensivere Qualifizierung zum staatlich geprüften Solarmodulhersteller als es die Bundesagentur für Arbeit leiste.

Die Finanzierung der Transfergesellschaft, für die sich alle Parteien des demokratischen Blocks umgehend aussprachen, um die Sonnenenergie zu retten, könnte die staatliche Förderbank KfW übernehmen, die erst kürzlich einen Jahresgewinn von mehr als zwei Milliarden Euro gemeldet hatte. Die KfW, die mit einer Bilanzsumme von zuletzt 495 Milliarden Euro das drittgrößte Geldhaus Deutschlands ist, hatte zuletzt ohnehin angekündigt, unter anderem die Umsetzung der Energiewende in Deutschland vorantreiben zu wollen. Derzeit hakt es besonders beim Anschluss der Windparks ans Stromnetz, dem Ausbau der Leitungen, aber eben auch bei den Gewinnmargen der Solarhersteller, von denen mit Solon und Solar Millennium bereits namhafte Anbieter die Sonnensegel hatten streichen müssen. "Die Bundesregierung hat uns gebeten, uns zu überlegen, wie wir dazu beitragen können, diese Probleme zu lösen", sagte KfW-Chef Ulrich Schröder.

Freitag, 30. März 2012

Verbot der Woche: Preisbremsen

Im Kampf gegen steigende Ölpreise greift die Politik nun offenbar endlich durch. Nach jahrelangen Forderungen hat sich die Regierung offenbar dazu entschlossen, ein Gesetz gegen Benzinpreise einzuführen. Pünktlich nach Ostern, wenn erfahrungsgemäß wieder Preisspitzen zu erwarten sind, soll der inländische Benzinpreis vom Ölpreis abgekoppelt werden. Nach dem Plänen der Wirtschaftspolitiker von Union und FDP müssen Ölkonzerne ihre Spritpreise dann jeweils bis 14 Uhr für den nächsten Tag melden. Eine Preiserhöhung ist dann erst wieder 24 Stunden später möglich.

"Unser Ziel ist es, schnellstmöglich Maßnahmen gegen die Abzocke auf die Straße zu bringen", erklärt FDP-Experte Erik Schweickert, im Hauptberuf ordentlicher Professor für Internationale Weinwirtschaft. Helfen soll dabei ein neuartiges Vergleichsportal für Benzinpreise, bei dem Autofahrer sich über die Tankstellenpreise informieren können. Diese völlig neue und bisher undenkbare Internet-Datenbank könne helfen, Preistransparenz und Wettbewerb wiederherzustellen. Der Benzinpreis müsse sich wieder „durch Angebot und Nachfrage bilden", sagte Schweickert, "nicht durch Ferienzeiten und Feiertage, bloß weil die für steigende Nachfrage bei gleichbleibendem Angebot sorgen“.

Um die Preisbildungsmacht der Konzerne zu brechen, die den von Spekulanten niedergeprügelten Eurokurs nutzen, Öl immer teurer einzukaufen, erwägen Brandenburger Politiker inzwischen die Einführung des polnischen Zloty in Deutschland. Das Nachbarland zeige mit aktuellen Preisen für Superbenzin, die 25 Cent unter den deutschen liegen, dass die richtige Einkaufswährung helfen könne, "Klarheit und Kontrolle im Benzinmarkt" wiederherzustellen, wie Bundeswirtschaftminister Philipp Rösler sagte.

Ein Jahr nach dem letzten Benzingipfel, mit dem das preistreibende Desaster bei der E10-Einführung publizistisch beerdigt werden konnte, müsse die Preispolitik der Mineralölkonzerne schärfer kontrolliert werden. Bereits am Freitag soll im Rahmen der PPQ-Aktion "Verbot der Woche" eine Initiative zu sogenannten "Ölpreisbremsen" in den Bundesrat eingebracht werden.
Dass sich der Benzinpreis seit 2001 von umgerechnet 71 Cent auf 1,70 mehr als verdoppelt habe, habe nichts damit zu tun, dass der Ölpreis sich seit 2001 von 60 Dollar auf mehr als 120 Dollar verdoppelt habe. Die Parallelität sei "reiner Zufall" hieß es im poltischen berlin.

Das könne man schon daran sehen, dass der Gaststättenpreis für Bier sich im selben Zeitraum von 85 Cent auf 2,85 Euro mehr als verdreifachte. Forderungen nach einer Bierpreisbremse, die von Oppositionspolikern aufgestellt wurden, wies die Regierung zurück. Es gebe keinerlei Anzeichen für Inflation.

Von verpufften Explosionen

Da sind sie wieder, die apokalyptischen Reiter mit ihren Weltuntergangsphantasien. Einmal losgelassen, hält sie kein Fakt und physikalisches Grundschulwissen auf. "Nur etwa hundert Meter von der Stelle entfernt, an sich hochexplosives Methangas in die Luft absetzt, brennt eine Fackel überschüssiges Gas ab", berichtet die zum Einzelverkaufspreis von täglich zwei Euro angebotene Süddeutsche Zeitung ihren Lesern. Die Angst vor einer nahen Explosion geht auch bei den Rheinischen Post, dem "Stern" und derzeit knapp 1.500 weiteren deutschen Qualitätsperiodika um. Selbst EU-Energiekommissar Günther Oettinger, zuletzt monatelang im Bedeutungsloch abgetaucht, macht emsig mit. Er forderte Plattform-Betreiber Total auf, das Leck "in den nächsten Tagen zu stoppen". Und damit war nicht das gigantische Gasleck gemeint, das seit 1990 in der Nordsee sprudelt. Sondern das viel kleinere und erst vier Tage alte an der Plattform Elgin. Denn dort könne "die Gefahr einer Explosion rasch zunehmen, wenn sich die derzeit günstigen Windverhältnisse änderten", teilte Oettinger sein nicht vorhandenes Wissen im Deutschlandfunk bereitwillig mit allen, die ihre Ohren nicht schnell genug zuhalten konnten.

Niemanden drängt es nach Aufklärung, denn Katastrophe macht Quote, nicht ein Exkurs in Explosionskunde. Der würde nur allzu schnell deutlich machen, dass es Explosionen immer dort schwer haben, wo explosive Stoffe keine geschlossenen Räume um sich finden - wie etwa auf der offenen Nordsee. Denn schon nach der einfachsten Definition benötigt jede Explosion als Voraussetzung eine explosionsfähige Atmosphäre, das heißt ein Gemisch aus brennbaren Stoffen mit Sauerstoff, das auch noch die Möglichkeit hat, seine Temperatur und seinen Druck in kurzer Zeit erheblich ansteigen zu lassen.

Schwierig auf offener See, wo das brennbare Gas im Zweifel verweht, ehe sich eine stöchiometrische Mischung bildet, die alle Eigenschaften mitbringt, sich "durch einen einzigen Funken zu entzünden", wie ein ARD-Kommentator zur besten Sendezeit zum Besten gab. Die Wahrscheinlichkeit ist also gering, geringer aber ist noch die, dass ein Zündfunke wirklich zu einer Explosion und nicht nur zu einer Verpuffung führt. Für Nicht-Feuerwerker: Verpuffung heißen Explosionen, bei denen der Explosionsdruck nur durch die entstehenden und sich ausdehnenden Gase hervorgerufen wird. Kein Gefäß knallt, weil keines da ist. Keine Mauern stürzen ein, kein Tank explodiert. Die sogenannte Deflagration (von lateinisch deflagrare = abbrennen) ist ein schneller Verbrennungsvorgang, bei dem die Zündung des unverbrannten Gas-Sauerstoff-Gemisches durch Aufheizung in der Flammenfront. Bei einer Detonation hingegen, die von SZ, Oettinger und der Restpresse erwartet wird, braucht es zwingend neben Hitze auch Druck, Druck aber braucht Grenzen - ein Silvesterknaller explodiert nicht, wenn er vorher aufgeschnitten wird.

Bei Total wissen sie das, bei der "Tagesschau" nicht. Während der ARD-Mann noch auf dem Balkon steht und auf den großen Knall wartet, hat die Morgenpost einen Online-Text mit der vielversprechenden Schlagzeile "Situation rund um Gasleck in Nordsee eskaliert" erst mal wieder aus dem Angebot genommen. Greenpeace rudert auch weiter und redet nicht mehr von drohenden Welterschütterungsexplosionen, sondern fordert jetzt von Total "Auskunft darüber, wie viel Gas noch in dem Reservoir der havarierten Plattform Elgin" sei. Wenn es bis zu sechs Monate dauern könne, bis das Leck verschlossen ist und. Würde während dieser Zeit weiter Methangas austreten, "wären die Folgen für das Klima unabsehbar", heißt es.

Allein in den ersten drei Tagen sind aus dem Loch unter Elgin 20 Tonnen Methangas ausgetreten. Beim Mobil-Oil-Loch, das seit stolzen 22 Jahren sprudelt, waren es in derselben Zeit - nach Angaben des Kieler Leibniz-Instituts für Meereswissenschaften - 260.000 Tonnen.

Donnerstag, 29. März 2012

Der Tod ist ein Meister aus Japan

Ungeachtet internationaler Proteste hat Japan drei zum Tode Verurteilte hingerichtet. Einer der nun Hingerichteten sei verurteilt worden, weil er 1999 mit einem Auto in einen Bahnhof gerast sei und fünf Menschen erstochen habe, hieß es in japanischen Medienberichten unter Berufung auf Ministeriumskreise. Der zweite Mann habe 2001 zwei Menschen getötet, der dritte sei 2002 wegen dreifachen Mordes verurteilt worden. Die Männer wurden – wie in dem fernöstlichen Industrieland üblich – gehenkt, wie berichteten. Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) und Kanzleramtschef Ronald Pofalla (CDU) verurteilten die Hinrichtung. Die Osteuropa-Politikerin Marieluise Beck (Grüne) sprach von einem Vorgehen wie zu Zeiten von Sowjetdiktator Josef Stalin. Der arabische Fernsehsender Al Dschasira protestierte mit einer Dokumentation über die menschenverachtene japanische Justizmordpraktiken (Film oben).

Zuvor hatte der japanische Justizminister Toshio Ogawa Begnadigungen abgelehnt. "Ich habe meine Pflicht als Justizminister erfüllt, wie es das Gesetz vorsieht", sagte er und erklärte, die japanische Bevölkerung befürworte die Todesstrafe.

"Ich verurteile die Vollstreckung der Todesstrafe und bedauere, dass Ministerpräsident Yasuo Fukuda alle internationalen Appelle, die Todesurteil nicht zu vollstrecken, ignoriert hat“, hieß es in einer in Berlin veröffentlichten Erklärung von Westerwelle. Er forderte Japan auf, die bereits verhängten Todesurteile gegen weitere 132 Delinquenten nicht auszuführen. Die Hinrichtung werde die ohnehin schwer belasteten Beziehungen zwischen Japan und Europa weiter erschweren, teilte Kanzleramtschef Pofalla mit.

"Aus meiner Sicht ist der Gedanke unerträglich, dass dieses Unrechtsregime durch die Austragung der U20-Weltmeisterschaft 2012 im Sommer, die ein persönliches Anliegen der Staatsspitze war, eine besondere Auszeichnung erfährt“, hieß es in Pofallas Mitteilung. Die Bundesregierung hatte nach eigenen Angaben ganz erhebliche Zweifel an der Rechtsstaatlichkeit des Verfahrens. Der Gerichtsprozess war nach Einschätzung von Beobachtern voller Widersprüche und ohne überzeugende Beweise.

"In diesem Schauprozess nach stalinistischer Manier ging es nicht um die Ermittlung der wahren Täter und deren Bestrafung, sondern darum, Spuren zu verwischen, die in das Zentrum des Regimes selber weisen“, teilte die Bundestagsabgeordnete Beck in Berlin mit. Viele Menschen in Japan hätten Zweifel an der Schuld der Männer sowie an den vom Geheimdienst und der Polizei geführten Ermittlungen.

In Internetblogs hatten Experten die Meinung geäußert, es könne sich nach dem Modell des sowjetischen Staatsterrors um einen vom Machtapparat inszenierte Mordtaten gehandelt haben, um die Menschen in Angst zu versetzen und von den Problemen im atomkraftwerk Fukushima abzulenken. Das auf Energieimporte angewiesene Japan erlebt gegenwärtig eine seiner schlimmsten Wirtschaftskrisen sowie einen dramatischen Wertverlust des Yen. Wichtigster Verbündeter Japans ist die USA, die selbt in einer Wirtschaftskrise steckt.

Die EU und die USA haben angesichts der Willkürjustiz Sanktionen gegen Japan verhängt. Nach Schätzungen von Amnesty International wurden in dem Land seit 1991 Dutzende Menschen hingerichtet. Offizielle Angaben machen die Behörden nicht.

Zittern in der Gasblase

Wenn zwei dasselbe tun, ist das noch lange nicht das Gleiche, das ist das Erfolgsgeheimnis der neuen Tagesangst, die derzeit als "Gasleck in der Nordsee" Furore macht. Seit einigen Tagen strömt, so die staatliche deutsche Nachrichtenagentur dpa, "gefährliches Gas in die Nordsee", nachdem auf der Gas- und Ölbohrplattform Elgin ein Leck an einem Bohrloch in 93 Metern Tiefe aufgebrochen war. "Die Explosionsgefahr ist groß", warnt dpa, doch es herrsche "Ratlosigkeit im Kampf dagegen". Beim Plattformbetreiber, dem französischen Energiekonzerns Total, sei eine Lösung nicht in Sicht, sekundiert die "Zeit". Die "Tagesschau" enthüllt, dass das "Gas der "Elgin" giftig und leicht brennbar" sei. Umweltschützer gingen überdies davon aus, "dass das austretende Gasgemisch giftige Schwefelverbindungen enthält".

Deutschland, wie stets am heftigsten getroffen von Katastrophen, die irgendwo fern der Heimat stattfinden, zittert vor Furcht. Ein "Tagesschau"-Korrespondent zieht brühwarm Vergleiche zur "Deepwater Horizon", die einen Sommer lang als "Tschernobyl des neuen Jahrtausends" beschrieben wurde, ehe sie nie mehr Erwähnung fand. Hauptsache aufgeregt, und ob nun Öl oder Gas ist auch egal. "Umweltkatastrophe", dröhnt der Einheitschor: Das Weltklima könnte kippen, die Nordsee veröden, die Plattform, um die todesmutige Fernsehteams mit Hubschraubern fliegen, durch einen einzigen Funken zum Feuerball werden.

Wie groß diese Gefahr ist, zeigt ein Beispiel aus dem Jahre 1990. Damals bohrte Mobil Oil ebenfalls in der Nordsee vor der schottischen Küste nach Erdöl. Bis der Bohrkopf am 20. November eine Gasblase auftat, statt ein Öllager zu treffen. Es gab eine Explosion. Und seitdem sprudeln aus einem Loch am Grunde eines durch den Blowout entstandenen Kraters große Mengen Gas von genau derselben Sorte aus, die nebenan auch aus dem Loch unter der "Elgin" blubbern.

Der kleine, aber feine Unterschied: Während mehr als 662 Milliarden Liter Treibhausgas, die in den letzen 20 Jahren aus der ehemaligen Mobil-Oil-Bohrung das Licht der Welt erblickten, seit Jahren nur noch ein paar Meeresforscher des Kieler Leibniz-Instituts für Meereswissenschaften interessieren und allenfalls noch Stoff für eine kleine Anfrage einiger linker Bundestagsabgeordneter hergeben, stürzt sich die Mediennation begierig auf das andere, das frische, neue "Bohrloch der Hölle" (Greenpeace), von dem nicht klar ist, "wieviel Gas derzeit aus dem Leck der "Elgin"-Plattform entweicht" (Tagesschau).

Kein Wort mehr über den Islamisten, der eben erst sieben Menschen erschoß. Kein Gedanke an Rettungsschirme, die unter dem Schutzschirm der Gas-Katastrophe unbemerkt ausgeweitet werden. Der Wulffsche Ehrensold ist kein Thema mehr, Griechenland nicht, die unterdessen fröhlich galoppierende Inflation nicht und segensreiche Tätigkeit des staatlichen Geldinstituts NRW-Bank als Emittent Kreditausfallversicherungen ebensowenig. Jetzt ist da ja zum Glück die Gaskatastrophe, deren Forgen sich fortwährend ausweiten. Jetzt droht eine ganze Gasinsel weit draußen auf dem Meer zu explodieren. Jetzt muss die Illustrierte "Stern" erstmal erklären: "So gefährlich ist das Gas für die Umwelt". Subtil, subtil: Das Gas. Nicht das andere.

Mittwoch, 28. März 2012

Wiedergeboren als Christian mittendrin

Für eine handfeste Überraschung sorgte am vorletzten Donnerstagabend die FDP, die allen Umfragen zufolge aktuell keine Chance auf einen Wiedereinzug in den Landtag hätte. Sie will mit dem amerikanischen Schauspieler Christopher Masterson (Bild oben rechts) in die Wahl ziehen. "Wir schicken den besten Mann", sagt Parteichef Rösler.

Masterson, vor allem seinen Fans durch die beliebte Serie "Malcolm mittendrin" aus den Werbeunterbrechungen auf Pro7 bekannt, hat bereits in großen Kinohits wie "Scary Movie 2" mitgespielt. Jetzt wartet seine allergrößte Rolle: Der 31-Jährige soll die krisengeschüttelte Partei als "Christian Lindner" (oben links) nicht nur in die Landtagswahl führen, sondern auch in der Rolle des Parteichef im größten Landesverband brillieren. Masterson entspricht dem Klischeebild des jungen, dynamischen Politikers exakt, in seiner Rolle als "Lindner" wurde er vom Parteivorstand der Liberalen dennoch ein Jahr älter gemacht. Damit entsprechen er den Erwartungen reiferer Wähler an eine gewisse Erfahrung besser, hieß es aus der Wahlkampfzentrale der Liberalen.

Die ersten Erfolge sind schon zu sehen: Im "Wahltrend" der Illustrierten "Stern" nähern sich die Liberalen wieder der 5-Prozent-Hürde an. "Grund der Hausse im Parteienkeller", schreibt das Blatt, sei "das Comeback von Christian Lindner", der von Masterson offenbar so glaubwürdig verkörpert wird, dass selbst Qualitätsmedien das Doppelspiel nicht bemerken.

FDP-Bundestagsfraktionschef Rainer Brüderle sicherte dem amerikanischen Schauspieler, der als Scientologe erzogen wurde und bis heute an diesem von der deutschen Amtskirche nicht zugelassen Aberglauben festhält, seine volle Rückendeckung zu. "Das ist eine gute Entscheidung – auch für die Bundespartei", sagte Brüderle der staatlichen Nachrichtenagentur dpa in Berlin. Gelinge es Masterson, in NRW zu punkten, sei das ein klares Signal für eine noch größere Rolle, die der Amerikaner dann in Zukunft spielen könne. Beobachter im politischen Berlin gehen davon aus, dass "Lindner" dann den Regeln zufolge Ansprüche auf die Führung der Gesamtpartei anmelden müsste. "Holt er mehr als 5,23 Prozent, wäre ihm der Posten kaum vorzuenthalten." Masterson wäre der ersten US-Amerikaner an der Spitze einer deutschen Nischenpartei.

Die große Doppelrollen-Serie im Archiv: Mecklenburger Politiker hat Erfolg als Balkanpopstar
Anke Engelke macht Landtagswitze
Popstar als Gauck-Nachfolger

Armes Deutschland

So schlimm war es noch nie! Deutschland, von seinem Wesen her stets am stärksten betroffen von Hurrikans, Atomlecks und Kriegsangst, leidet auch unter Armut und Einkommensungleichheit mehr als alle seine Nachbarn. Wie das Statistische Bundesamt rückblickend auf das Jahr 2009 mitteilte, war damals etwa jeder sechste Einwohner der Bundesrepublik arm oder doch wenigstens armutsgefährdet. Das ist nach der EU-Definition, wer über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der Gesamtbevölkerung eines Landes verfügt.

In Deutschland liegt diese Grenze bei einem Jahreseinkommen von 11 278 Euro – wer weniger hat, ist arm dran, ärmer jedenfalls als ein Rumäne, der über mehr als die 1222 Euro pro Jahr verfügt, die in die Armutsgrenze bilden. „Unseren Nachbarn geht es besser“, freut sich die „Welt“ über die guten Nachrichten aus der Vergangenheit. Bis auf Polen, wo vor drei Jahren 17,6 Prozent aller von Armut bedroht waren, ging es allen deutschen Nachbarn besser: Wohlstandskönige sind danach die Tschechen, bei denen nur neun Prozent aller Einwohner statistisch gesehen arm sind.

Völlig unberücksichtig bleibt dabei wegen der besseren Übersichtlichkeit, dass statistisch gesehen reiche Tschechen mit einem Bruchteil der 940 Euro, die in Deutschland die Armutsgrenze bilden, nahezu dieselben Preise zahlen wie ihre deutschen Nachbarn. Viel empörender laut staatlicher Nachrichtenagentur dpa: „Das Einkommen des oberen Fünftels der Bevölkerung in Deutschland ist 4,5 Mal so hoch wie das des unteren Fünftels.“ Allein dadurch, dass Zahnärzte und Manager teilweise zehn- bis 211-mal soviel verdienen wie ein normaler Facharbeiter rutscht letzterer schon in die Randbereiche der gefühlten Armut ab.

Ganz anders als in Ungarn und Slowenien, wo zwar niemand so viel verdient wie die Deutschen, aber eben auch kaum jemand mehr als der andere. Weshalb trotz beinahe deutscher Einzelhandelspreise beinahe alle sehr wohlhabend sind.

Armut im Archiv: Ohne geht es nicht

Dienstag, 27. März 2012

Hot Bird: Wir sind gut zu Vögeln

Als Reinhold Herger im vergangenen Jahr "Rote-Liste-Wochen" in seiner auf Singvogel-Braten spezialisierten Imbiss-Kette "Hot Bird" anbot, lief echten Liebhabern das Wasser im Mund zusammen, Tierfreunde aber protestierten weltweit lautstark gegen Gerichte wie "Papagei im Federmantel" und "Spatz am Spieß" und gerösteten Ibis. Herger, Sohn eines ehemlaigen Grenztruppenoffiziers der DDR, hat dennoch ein neues Kapitel der Erfolgsgeschichte von "Hot Bird" geschrieben: Seit er die "leckere Vogel-Brutzel-Bude" (Herger)nach einem längeren Aufenthalb bei südamerikanischen Indios, die ihn in die Kunst des Vogelkochens einweihten, vor einigen Jahren gründete, expandierte sie von der Einzelfiliale zu einer Kette mit mehreren hundert Filialen.

Und immer wieder legt Herger, der sich finanziell gesehen längst zur Ruhe setzen könnte, engagiert nach. Jeweils pünktlich zur Veröffentlichung der neuen Aussterbezahlen von der Wildvogelfront bietet der deutsche Gründer der auf Anraten der Kreditanstalt für Wiederaufbau im US-Bundessaat Delaware ansässigen US-Feinschmeckerkette "Hot Bird" Aktionswochen an, wie sie auch beim Konkurrenten McDonalds Tradition haben. Nach den "Rote-Listen-Wochen" im vergangenen Jahr setzt Herger diesmal auf Sex: "Wir sind gut zu Vögeln" kalauert der neue Werbespruch seiner Firma, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Hans Wolfgang Behms 1927 in seinem Buch "Aussterbende Vögel Europas" auf 32 in Ganzleinen gebundenen Seiten erstmals veröffentlichte Warnung vor dem Aussterben vieler Vogelarten zu popularisieren.

"Wir meinen es ernst, denn wir glauben, das unser Beitrag immens ist", sagt Herger. "Hot Bird"-Gerichte wie glasierter Schwan, Rabenschaschlik oder Galapagos-Fink im Vogelsand gebacken gäben Freunden der Vogelwelt erstmals die Möglichkeit, selbst zu erleben, "wie sich Aussterben im Einzelfall anfühlt". Nachdem zuletzt auf "Rote-Liste"-Party in Sarasota vom Dresdner Gewandhausorchester die „Vogelhochzeit“ gespielt worden war und die für diesen einen Tag reformierten „Byrds“ noch einmal ihr "Have You Seen Her Face" rockten, sollen diesmal direkt in der Greifwalder Innenstadt, wo Hot Bird gerade die 411. Filiale eröffnet hat (mit Drive-in, wie Herger betont) vor allem ostdeutsche Stars auftreten. "Unsere Vögel werden hier frisch und regional gefangen", betont der Firmenchef, "deshalb wollten wir auch kulturell ein Zeichen für unsere lokale Verbundenheit setzen."

Pinkeln ins Gesicht

Ein volkstümlicher Musikant unter Hochdruck, so präsentierte sich der Bremer Sänger und Liedermacher Sven Regener dieser Tage im Radiointerview auf Bayern 3. Regener, großen Teilen der inländischen Wohnbevölkerung durch seine Roman-Trilogie um den behäbigen Antihelden "Herr Lehmann" bekannt geworden, wetterte live und ungewohnt temperamentvoll über Internetnutzer, die am Urheberrecht herumschrauben wollen. Urheberrechtsverweigerer teilten damit aus der Anonymität nichts anderes mit als: "Euer Kram ist nichts wert, und wir scheißen darauf, was Du willst oder nicht." Regener, dessen Band ihren Namen in völligem Einklang mit dem Urhebberrecht dem Titel eines Films von Lars von Trier entlehnte, entgegnet: "Eine Gesellschaft, die so mit ihren Künstlern umgeht, ist nichts wert."

Von wegen Freiheit im Internet, empört sich Regener. Überall nur "Verlogenheit"! Der Berliner Chef der Piratenpartei etwa betreibe eine Firma, die Apps für Apples iPhone programmiere. Der mann predige die absolute Freiheit, bediene aber gleichzeitig selbst ein System, das in sich geschlossen sei: "Das ist hundert Prozent Copyright, mit Anwälten, mit allem Drum und Dran."

Fünf Minuten schimpft der rasende Romantiker auf einen Zeitgeist, der Urheber rechtlos mache und es cool finde, so zu tun "als machten wir Kunst als exzentrisches Hobby". Er aber mache doch Verträge mit Plattenfirmen nur, "weil wir sonst unsere Musik nicht machen können". Das jedoch werde nicht anerkannt: "Man pinkelt uns ins Gesicht", knirscht der sonst so ruhige Norddeutsche.

Regener verlangt Anerkennung, sozusagen eine Neubewertung des Begriffes "Kulturschaffender". Rock'n'Roll-Musiker würden immerhin "jede Mark, die wir bekommen, selber verdienen", sagt Regener. Ganz im Gegensatz zu staatlich alimentierten Theatern, Philharmonien und Museen. Das sei "alles Subventionstheater, alles Straßenmusik. Aber ich möchte kein Straßenmusiker sein." Für Musik zu bezahlen sei eine Frage des Respekts und des Anstands. "So wie es eine Frage des Anstands und Respekts ist, nichts im Supermarkt zu klauen, selbst wenn man wüsste, dass man nicht erwischt würde."

Montag, 26. März 2012

Der Himmel über Halle XLIV

Wenn die Stadtverwaltung im mitteldeutschen Wohlstandsstädtchen Halle bisher versuchte, die wenigen verbliebenen Einwohner mit aufwendig gestalteten Himmelsspektakeln am Wegzug zu hindern, dann stieg meist Ex-NVA-Pilot Sandro Wolff auf, um beeindruckende Muster in die Feinstaubwolken über der Saalestadt zu fräsen.

Pünktlich zur neuen Sky-Spektakel-Saison aber legt das Rathaus im Zuge der Soli-Debatte noch einmal nach. Mit Unterstützung früherer sowjetischer Genossen im Raumfahrerstädtchen Bajkonur ist es gelungen, gleich zum Auftakt eine so genannte Konjunktion zwischen Venus und Jupiter direkt am Himmel über Halle zu installieren. Alteingesessene fühlen sich an die Abschiedsfeierlichkeiten für die bis heute hochgeschätzte frühere Bürgermeisterin Ingrid Häußler erinnert. Touristen aber sind begeistert: Die Venus thront zwei Handbreit über dem Jupiter, seines Zeichens der größte Planet im Sonnensystem. Rechts außen vervollständigt der Mond das Bild.

Eine Konstellation, die sich rein rechnerisch nur aller paar Jahre herstellen lässt, bei der dann aber beide Planeten sehr nahe beieinander zu stehen scheinen - in Wirklichkeit, daran konnten bisher auch hochrangige Ratsbeschlüsse nichts ändern, bleibt Venus der zweite Planet des Sonnensystems, Jupiter, Planet Nummer 5, dagegen befindet sich genaugenommen - von der Sonne aus gesehen - auf der anderen Seite der Erde, jenseits der Marsbahn. Der tatsächliche Abstand von Venus und Jupiter beträgt folglich weiter mehr als das Vierfache der Entfernung Erde - Sonne.

In der Stadtverwaltung zeigte man sich entsetzt von solcher Kritik. Man habe den Bürgerinnen und Bürgern etwas bieten wollen und lehne es ab, auf kleinliche Nörgler zu reagieren. Die Installation sei "kostenneutral" gewesen, Fördermittel seien ausschließlich von der EU und einem Weltbank-Programm zur Erforschung von naheliegenden Himmelsphänomenen geflossen. "Wir haben keinen einzigen Euro-Cent dafür ausgegeben", hieß es als Reaktion auf die jüngst im Ruhrgebiet wiederaufgeflammte Diskussion um die Abschaffung des Solidaritätsbeitrages.

NSU: Hochdruck im Terrortagebuch

Die Großdichter sind weitergeeilt, die Schlagzeilen werden woanders gemacht, der Strom der irrelevanten Könntesein-Nachrichten tröpfelt nur noch und womöglich geht die große, geheimnisvolle Staatsaffäre in ein paar Jahren aus wie ein stilvolles Fünf-Sterne-Dinner: Kaum ist alles drin, ist schon wieder alles draußen. Und schlauer ist man auch nicht geworden.

Wenigstens Generalbundesanwalt Harald Range aber will nicht aufgeben. Wenn diese ganze leidige NSU-Geschichte schon zu nichts anderem gut ist, dann doch vielleicht wenigstens dazu, seiner Behörde mehr Kompetenzen zu verschaffen. Im Moment sei Strafverfolgung Ländersache, klagt Range in der FAZ, und der Bundesgerichtshof lege die Regelung „sehr restriktiv aus“.

Klare Sache also, aber nicht für Range, der gerade klare Regelungen nicht hilfreich findet: „Ich halte eine Präzisierung unserer Zuständigkeit für bedenkenswert“, sagt Range, der damit meint, dass er gern eine Ausweitung seiner Zuständigkeit hätte. Und am liebsten eine, bei der die Generalbundesanwaltschaft selbst entscheidet, ob sie zuständig ist oder nicht. „Wir brauche mehr Initiativrechte, um in der Lage zu sein, selbst zu prüfen und zu bewerten, ob wir in einem konkreten Fall zuständig sind.“

In Sachen NSU hätte das selbstverständlich nichts geändert, erklärt Range in einem auch im weiteren Verlauf bizarren Interview in der FAZ. Bei den NSU-Morden, die damals noch „Döner-Morde“ (Spiegel) hießen, hat die Generalbundesanwaltschaft alles geprüft. Und genausowenig Hinweise auf Rechtsterroristen gefunden wie die Staatsanwaltschaften der Länder.

Als die zwei tödlichen Drei ihrem Treiben dann selbst ein Ende machten, half das auch nicht viel. „Wie sehr werden die Ermittlungen dadurch erschwert, dass die beiden Haupttäter tot sind?“, reißt der Fragesteller von der FAZ einen echten Irrwitz. Range aber nimmt den Ball auf: „Wenn wir alle drei mutmaßlichen Terroristen hätten, wäre die Chance ungleich größer, dass irgendwann einer von ihnen redet“, rechnet er korrekt vor. Nun aber „bleibt uns nur Frau Zschäpe. Man kann aber nicht damit rechnen, dass sie aussagen wird“.

Den obersten Fahnder der Republik ficht das nicht an. „Wir werden auch ohne ihr Geständnis auskommen“, sagt er. Müssen, klingt lautlos nach. „Aber werden Sie Frau Zschäpe dennoch eine Tatbeteiligung nachweisen können?“, kommt der FAZ-Mann wieder ins Spiel. Kein Ja. Kein Nein. „Wir arbeiten mit Hochdruck daran, ihr eine Beteiligung an den Morden der NSU nachzuweisen“, sagt Range, ehe er seine größte Pointe abschießt: „Wir haben viele Beweismittel, die belegen, dass sie sehr genau wusste, was in den Köpfen von Mundlos und Böhnhardt vorgegangen ist“.

Beate Zschäpe, die Frau, deren Wissen über das Denken anderer Spuren hinterlässt. Vielleicht hat sie sich Notizen gemacht? Vielleicht ein Terrortagebuch geführt? „Liebes Tagebuch, der Uwe und der Uwe, die wollen jetzt Morde begehen und ich weiß davon.“ So wird es gewesen sein.

So viele Beweismittel seien das, sagt Range, dass „wir allerdings noch nicht sagen können, ob sie an einem oder mehreren Tatorten war“. Oder an keinem. So viele Beweismittel, so wenige Tatvorwürfe. Derzeit steht da offenbar „Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung“ und „besonders schwere Brandstiftung“. Dabei sind „neunzig Prozent der Gegenstände, die wir in der Wohnung in Zwickau, in dem Wohnmobil in Eisenach und bei Durchsuchungen sichergestellt haben, ausgewertet“, wie Range sagt.

Gefunden worden zu sein scheint dabei nichts, abgesehen von den unbestimmten Gedankenspuren. Wenigstens aber reichen die für Schlagzeilen wie im „Handelblatt“: „Nun könnte es eng werden für Beate Zschäpe. Denn die Bundesanwaltschaft ist der Überzeugung, dass die mutmaßliche Neonazi-Terroristin ihre beiden Mitbewohner bei ihren Taten zumindest logistisch unterstützt hat“, heißt es da. Denn merke: Nach deutschem Recht ist ein überzeugter Staatsanwalt viel mehr wert als ein paar Beweise.

Sonntag, 25. März 2012

Unsägliche Hetze gegen den Hades-Plan

Ausgerechnet die Griechen! Vor ein paar Tagen erst mit einem glücklicherweise weitgehend unbemerkt erneut ausgeweiteten Rettungsschirmpaket von der deutschen Arbeiterschaft endgültig bis Weihnachten vor der Pleite bewahrt, machen die undankbaren Hellenen jetzt unter dem Schutzmantel einer neuen Partei fies Front gegen die Umsetzung des "Hades-Planes". In dem hatten die Väter der europäischen Einigung am 27. September 1991 im Bonner Kanzlerbungalow den Fahrplan zu deutschen Dominanz auf dem Kontinent festgelegt.

Das streng geheime Protokoll der damaligen Beratung war erst im vergangenen Jahr durch einen entlassenen Mitarbeiter der ehemaligen Gauck-Behörde öffentlich gemacht worden. Der frühere Stasi-Offizier Werner Hasters hatte die brisanten Unterlagen im Archivbestand des MfS gefunden und ohne Genehmigung kopiert. Vor allem in Großbritannien hatte die Veröffentlichung hohe Wellen geschlagen. Europa werde nach diesen Plänen „unter den mächtigen deutschen Euro-Ferse zermalmt“, hieß es auf der traditionell eigensinnigen Insel. Später lehnte es Großbritannien wegen der Befürchtungen, Deutschland könne den Hades-Plan 1:1 umsetzen, ab, dem neuen gesamteuropäischen automatischen Rettungsmechanismus beizutreten, der eine Schuldenbremse und eine Senkung der Neuverschuldung bis 2000irgendwann vorsieht.

Die deutschfeindliche Haltung nehmen sich die Griechen nun offenbar zum Beispiel. „Unabhängige Griechen“ („Anexartitoi Ellines“) nennt sich eine neue Gruppierung, die sich zum Ziel gesetzt hat, Ressentiments gegen Deutschland und die Deutschen zu schüren, demagogische Reden zu halten und gegen die von Berlin angestoßenen Strukturreformen, Rentenkürzungen und sonstige Sparmaßnahmen Front zu machen. Panos Kammenos, der sich wie der griechische Pop-Star Panos Kiamos aus Protest gegen die von Deutschland provoziert Krise nach dem lateinischen Wort "Panos" - zu Deutsch Panne - nennt, war bis zum November vergangenen Jahres Parlamentsabgeordneter der konservativen Volkspartei Nea Dimokratia. Vom rechten Rand der Partei wechselte er an den rechten Rand des politischen Spektrums - eine für Politikstudenten besonders interessante Wandlung, weil Kammenos damit aus deutsche Sicht unter Nazi-Verdacht steht, während er selbst den Deutschen vorwirft, an die dunkelsten Kapitel der gemeinsamen Geschichte anknüpfen und Griechenland unterjochen zu wollen.

Der stolze Hellene, der sein Land nicht einmal verkaufen will, ist damit nicht einverstanden. „Wir haben sie im Krieg geschlagen", erinnert er an den heroischen Kampf der kommunistischen Volksbefreiungsarmee ELAS gegen die Besatzer. Kammenos ist optimistisch: "Wir werden sie auch in dem Vierten Reich wieder schlagen, das sie durchzusetzen versuchen.“ Seinerzeit sei es gelungen, die gegen die Deutschen noch siegreichen Elas-Truppen mit Hilfe der Briten zu schlagen, das werde auch diesmal glücken.

Wer hat es gesagt?

Der Kommunismus ist noch nicht geboren. Und er wird vielleicht niemals kommen, da es sich um eine imaginäre Utopie handelt, deren Voraussetzung die Existenz eines kommunistischen Menschen ist: eine unmögliche Voraussetzung.

Kein Ort, nirgends

Endlich macht auch Leipzig mit. Nachdem Sachsen-Anhalt, begünstigt durch seine Lage an der Straße der Gewalt, schon längere Zeit dazu übergegangen ist, statt einzelnder Noteingänge für Opfer rechter Gewalt ganze Städte und Landstriche durch entsprechende Beschilderungen (Foto oben) für rechtsradikale, rechtsextreme und rechtsextremistische Täter abzuriegeln, zieht die stets im Schatten der großen Schwester Halle stehende Pleißemetropole nun nach. "Mit Tafeln an öffentlichen und privaten Gebäuden soll in Leipzig künftig ein Zeichen gegen Rechtsextremismus gesetzt werden", berichtet die dortige Heimatzeitung begeistert. Auf Initiative der im Kampf gegen allerlei Alltagsgefahren besonders umtriebigen Stadtratsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen soll geprüft werden, wie mit Schildern mit der Aufschrift „Kein Ort für Neonazis“ die unmittelbar bevorstehende Errichtung eines vierten, fünften oder gar sechsten Reiches verhindert werden kann. „Zivilgesellschaft und Stadt könnten damit klar zum Ausdruck bringen, dass es in Leipzig keinen Platz für rechtsextremes Gedankengut gibt“, sagte Grünen-Stadtrat Norman Volger. Bislang gebe es immer wieder ernste Zweifel an der demokratischen Haltung der Leipziger, zuletzt war der NPD-Kreisvorstand im Landkreis Leipzig geschlossen zurückgetreten, um gegen „Doppelmoral“ und „Verbonzung“ in der Berliner Parteizentrale zu protestieren. Zudem hatte Dresden Leipzig bei der Zahl der rechten Straftaten überholt.

Die Grünen wollen deshalb einen Antrag in den Stadtrat einbringen, nachdem Rechte durch eine "Schilder-Kampagne" (LVZ) künftig von Besuchen und vom Zuzug nach Leipzig abgehalten werden sollen. Stimmt der Stadtrat zu, könnten die ersten Plaketten bereits gegen Ende des Jahres angebracht werden. Ab Januar 2013 wäre es Rechtsextremen und Rechtsextremisten, aber auch Rechtsradikalen und anderen Rechten dann nicht mehr möglich, in Leipzig ihrem menschenverachtenden Gedankengut nachzugehen. Gute Erfahrungen mit einer solchen Aktion hat die schleswig-holsteinische Landeshauptstadt Kiel gemacht. Dort waren Anfang März die bundesweit ersten 150 Plaketten mit der Aufschrift „Kein Ort für Neonazis – Kiel gegen Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus“ montiert worden. Die gelben, 20 mal 30 Zentimeter großen Blechplaketten sollen dauerhaft an öffentlichen und privaten Gebäuden befestigt werden und Angehörige der rechten Szene wirksam abschrecken. Wie Kiel und gleichartige Aktionen in Sachsen-Anhalt gilt auch Leipzig Beobachtern des politischen Berlin als Testlauf. Zeige das Anbringen der Warnschilder Wirkung, erwäge die Bundesregierung eine Rundumbeschilderung der deutschen Grenzen mit den Plaketten.


Calimero zur Aktion Kein Bett für Nazis

Samstag, 24. März 2012

Tagesschau: Ende einer Ära

Trauer, Wut und Scham angesichts einer neuen Sparfrechheit, die die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten ihren Zuschauern ab morgen zumuten werden. Mit der heutigen Hauptausgabe der "Tagesschau" geht eine Tradition zu Ende: Erstmals seit 58 Jahren wird die Titelmelodie der staatlichen Nachrichtensendung nicht mehr live von einem handverlesenen Orchester gespielt werden. Stattdessen kommt das bekannte Lied aus der Konserve.

Ein Kulturbruch, das das Ende einer Ära markiert. Weil die derzeit 23 von den Bürgern mit ihren freiwilligen Gebührenzahlungen finanzierten Sender sparen müssen, wird künftig lediglich noch der berühmte Gong wie gehabt vom jeweiligen Chef von Dienst geschlagen. Die Chefredaktion von ARD-Aktuell sieht die Entscheidung mit einem lachenden und einem weinenden Auge: "Im Zuge der kompletten Digitalisierung von ARD-aktuell war es die letzte logische Konsequenz."

Den Brauch aufzugeben sei zwar schade, gerade für viele Fans. Letztlich aber sei das allabendliche Live-Einspiel auch nicht mehr zeitgemäß gewesen. Weil die Maßnahme zu Kosteneinsparungen im hohen sechsstelligen Bereich führen und damit dem Gebührenzahler zu Gute kommen werde, habe man sich schweren Herzens entschlossen, den 73 Musikern und Technikern zu kündigen, die die "Tagesschau"-Melodie bisher im Schichtdienst live geliefert hatten. Da das Tagesschau-Orchester ein "reichhaltiges Archiv an Variationen über das Hauptausgaben-Motiv" hinterlassen habe, sehe man der Zukunft gelassen entgegen. Der Zuschauer werde wie immer nichts merken.

Vor dem Aufstieg: Ohne Häme, ohne Hass

"Halle kriegt euch alle! - Zu Besuch beim Halleschen FC", überschreibt Frank Willmann vom Fußballmagazin 11Freunde einen Text, der ganz anders ist als alles, was in den zurückliegenden zwei Jahrzehnten über den vom Schicksal geschlagenen DDR-Pokalsieger von 1956 zu lesen war. Willmann tropft weder der Geifer über die kleinstädtische Geistesenge, noch dreht sich sein Beitrag über die Maßen um die "Problembären" (Willmann), die sich rund um den rot-weißen Klub sammeln wie in Dortmund um die Borussia, in Frankfurt um die Eintracht und in Hamburg um den HSV.

"Ganz heimlich mausert sich der Hallesche FC in der Regionalliga zum Aufstiegsaspiranten", schreibt der 11Freunde-Autor, als sei es nicht mehr en vogue, Fußball im Osten als eine Art Weltkriegsersatz zu beschreiben. Irgendwie habe sich der Klub "nach vorn gemogelt" und nun stehe er "neben den Favoriten RB Leipzig und Holstein Kiel" als die "heimliche Fachkraft im Umschleichen, Beschnuffeln und unauffälligen Betasten der Meisterschale". Auch richtig beobachtet: "Halle gewinnt fast jedes Spiel nur mit einem Tor Unterschied. Halle macht es spannend. Halle lässt die Fans zittern."

Die glauben selbst nicht daran, dass es diesmal wirklich klappen kann. "Doch ganz tief im Inneren will jeder nach oben, weg aus der Regionalliga. Chemnitz hat es ja letzte Saison vorgemacht, als der übermächtige Gegner, die mit Dollars gestopfte Mastgans aus Leipzig, am Chemnitzer Willen zerbrach."

Sowas wollen wir auch, ist die Botschaft, die Willmann aus Halle mitgebracht hat in den Fußballwesten, aus dem man normalerweise auf die kickenden Brüder im Osten schaut wie die reisenden Fotografen bei Karl May auf die wilden Indianer. "Halle spielt seit dieser Saison in einem modernen Stadion, das nach irgendeinem Sponsor benannt, von den Fans noch immer Kurt Wabbel-Stadion genannt wird", freut sich der 11Freunde-Mann völlig zurecht über den Trotz der Anhänger. Der Stadionname Kurt Wabbel sei in Halle wohl "sowas wie eine DDR-Ikone", denn "Wabbel war Arbeitersportler und kommunistischen Gewerkschaftsfunktionär, 1944 kam er in einem Konzentrationslager der Nationalsozialisten um". Langsam, langsam, ja, er kriegt die Kurve: "Der politische Aspekt spielt bei den Fans keine Rolle. Es geht um Tradition, die im Bewusstsein der Fans verankert ist. Das Wabbel war schon immer das Wabbel. Keine Nudelarena, keine Rote-Brause-Kampfbahn. Wenn man nach Halle kam, wurde man im Wabbel alle gemacht."

In den guten Tagen, die lange, lange her sind. In den Augen von Frank Willmann aber auf dem Weg zurück. "Die Dauerkarte für den Fanblock kostet schlappe 5,60 Euro pro Spiel. Ein Fanstadion." Kein Gemecker über die dubiose Finanzierung der Arena, kein Herumhacken auf hanebüchenen Verträgen und seltsamen Abrechnungen. "Als Reminiszenz an die alten Zeiten, hat der findige Stadionarchitekt das alte Marathontor neben einem Teil der alten Stadionmauer stehen lassen. Roter Backstein, sieht besonders von außen überaus entzückend aus."

Kein "Juden Jena", kein Adebowale Ogungbure mehr. All die Skandale, die der HFC stellvertretend aushalten musste, sind vielleicht nicht vergessen, aber vorerst vergeben. Das Fanprojekt bekommt Lob: "Eine starke Bastion, imponierend der Schulterschluss. Ältere Damen mit Kaffee neben jugendlichen Mettwurstvertilgern. Alle in Rotweiß und unterm irgendwie umgedrehten Halbmond, dem Emblem des HFC."

Passt alles hier, so liest es sich, sogar der Trainer Sven Köhler. "Ein Arbeiter, der in die Stadt und zum Club passt", analysiert Willmann. Kein Zweifel: "Halle leuchtet. Hoffen und Bangen. Die Hallenser hauen die Wurst auf den Grill und summen leise ihre Lieder." Halle redet nicht vom Aufstieg. Halle schweigt. "Halle ist zu klug, um sich aus dem Fenster zu lehnen. Halle ist halbgefährlich. Und wartet. Auf das Glück."

Freitag, 23. März 2012

Songs meanings: You never Amtsantritt alone

"All together now!", ruft der Sänger und traktiert sein Kaufhauskeyboard. Hier kommt sie, die schwere Liebe, die so leicht zu machen ist: Freiheit ist Bedingung für Gerechtigkeit, der Islam gehört zu Deutschland, aber in keine Gauck-Rede. "Change the paradigm", ruft der Sänger, das ist altes christlich-jüdisches Erbe und Grund zur Zuversicht. „Ängste vermindern unseren Mut wie unser Selbstvertrauen. Und manchmal so entscheidend, dass wir beides ganz und gar verlieren können“, sprach Gauck den Bundestagsabgeordneten in seiner "ersten wichtigen Rede" (dpa) ins Gewissen.

Künstler wissen so etwas immer schon vorher. "Took the fireworks and the vanity, the circuitboard and the city streets, shooting star, swaying palm tree laid it at the arbiter's feet", heult Conor Oberst aus Omaha, das seltsamerweise nicht in Omaha, sondern in Nebraska liegt. Die Probleme dort aber sind dieselben wie in Berin, wo der Amtsantritt eines neuen Bellevue-Bewohners inzwischen gefeiert wird wie eine königliche Trauung: "Prepare myself for another life, forgive myself for the many times, I was cruel to something helpless and weak".

Deutschland müsse ein Land sein, das „soziale Gerechtigkeit, Teilhabe und Aufstiegschance“ miteinander verbindet, dieses Traumziel von Generationen aufrechter Arbeiterfamilien aber sei noch nicht erreicht. „Der Weg dazu ist nicht der einer paternalistischen Fürsorgepolitik, sondern ein Sozialstaat, der vorsorgt und ermächtigt“, sagte Gauck über das „Land des demokratischen Wunders“, als das er Deutschland empfindet. Hier kommt sie nun, die heavy love, die - so heißt es im Bright Eyes-Song "Shell Games", nur geteilt werden muss, um sich zu vermehren: "Someone gotta share in the load", ruft es mit Donnerhall, denn entgegen aller Skepsis, so Gauck, habe Deutschland nach dem Schrecken des Zweiten Weltkrieges eine „stabile demokratische Ordnung“ herstellen können. You never Amtsantritt alone!

I was dressed in white, touched by something pure
Death obsessed, like a teenager
Sold my tortured youth, piss and vinegar
I'm still angry with no reason to be
At the architect who imagines
For the every man, blessed sisyphus
Slipping steadily into madness, now that's the only place to be free
But here it come, that heavy love
You're never gonna move it alone

Here it come, that heavy love
Tattooed on a criminals arm
Here it come that heavy love, someone gotta share in the load
Oh, here it come, that heavy love, you're never gonna move it alone

No I don't wanna play, it's a shell game
It's a shell game
Distorted sounds on oscilloscopes
Distorted facts I could never cope
My private life is an inside joke
No one will explain it to me
We'll be everything that we ever need
Everyone on the count of three
Everyone on the count of three

All together now

Here it come that heavy love
We're never gonna move it alone
Here it come that heavy love, playin as oscylinder rolls
Here it come that heavy love, I only want to share in the load
Oh it here it come that heavy love
I'm never gonna move it alone

Doku Deutschland: Kopflos im Parlament

Natürlich sehen Sie mich! Links hinter dem Lammert, das bin ich! Die mit der weißen Bluse, der man den Kopf abgeschnitten hat. Also meine Kinder sagen, sie erkennen mich. Defintiv, Mutti, das sieht man doch, sagen die. Die Jungs wollen freundlich sein, das ist mir klar, denn seit ich meine Haare abgeschnitten habe, ist das ja wirklich völlig anonym, was da rüberkommt. Ich erkenne mich selbst nicht mehr! Schwarzer Blazer, weiße Bluse, das ist Vorschrift. Die Conny, was meine Kollegin ist, die sehen Sie da rechts neben dem Herrn Lammert, die Conny also, die hat wenigstens ihre langen Locken. Schöne Haare, ganz schön, und so dicht! Ich bin immer neidisch, wenn die Conny sich in der Umkleide noch mal kämmt.

Müsste sie nicht, das ist nun wieder aus meiner Sicht das Schöne an dieser blöden Situation. Von ihr sieht man sowieso nur die Haarspitzen! Immerhin noch was, denn von mir sieht man nichts. Man sieht uns ganze Leute vom Sitzungsdienst des Bundestages überhaupt sowieso gar nicht mehr im Fernsehen! Zumindest, was uns Frauen betrifft. Wir sitzen nun mal in der letzten Reihe, mittendrin, aber unsichtbar, sage ich immer. Die Herren von der Bundestagsverwaltung, also unser Herr Direktor des Bundestages und die Juristen vom Sitzungsdienst, die den Herrn Lammert bei plötzlich auftauchenden inhaltlichen Fragen zur Geschäftsordnung unterstützen müssen, die nie auftauchen, soweit ich das in fast 20 Jahren beobachten konnte, die haben die Plätze vor uns Frauen. Rechts und links vom Lammert, neben ihm und leicht neben ihm nach oben versetzt. Die kann man alle gut sehen - der dicke Tilla, wie wir die Frau Röhmer nennen, die sich immer den Platz vorn links vom Lammert schnappt. Sagen Sie den Namen bloß nicht weiter! Die Tilla Röhmer, die wir "der" nennen, weil sie so unheimlich burschikos sein kann, die sagt, sie braucht die Beinfreiheit. Ich glaube das ja nicht, aber es ist auch nicht mein Problem, sondern ihr. Warum futtert sie so viel, davon wird man nun mal fett. Und dann nennt man Beinfreiheit, was eigentlich "Bauchfreiheit" heißen müsste.

Aber die Herren schlucken es. So ist eben die Sitzordnung. Auf der linken Seite der Carsten, der mal als Praktikant hier angefangen hat und jetzt Plenarassistent ist, das heißt, er muss die ganze Zeit still sitzen und ein Gesicht machen, das nicht vom Lammert ablenkt. Direkt hinter ihm sitzt meisten der Cornelius P. Precht, ein ganz feiner, ganz erfahrener älterer Kollege, zwar aus dem Westen, aber trotzdem ganz umgänglich. Kein bisschen arrogant, dabei hat er richtig studiert! Ich komme gut mit dem klar, obwohl er sich neuerdings einen Bart hat stehen lassen, der ihm aus meiner Sicht überhaupt nicht steht. Genauso wenig wie dem Thilo, der links vom Lammert auf der Halbebene sitzt, diese unsägliche Fliege. Ich sage immer, Thilo, wie der Heinz Riesenhuber! Aber Thilo ist so jung, der erinnert sich gar nicht mehr an den "Riesen", wie wir ihn damals immer genannt haben. Obwohl der doch eigentlich sogar noch Alterpräsident ist hier bei uns im hohen Haus.

So sind sie, die jungen Leute, die nachkommen. Als ich zur Sarah, die letztes Jahr als Plenarassistentenazubine bei uns angefangen hat, mal von dem Problem mit den Köpfen erzählt habe, hat die nur gelacht. Sei froh, hat sie gesagt, da musst Du wenigstens keine Autogramme geben. Autogramme geben. Hahaha. Mussten wir früher auch nicht, damals, in der guten alten Zeit, als der Riesenhuber noch Forschungsminister war, der Kohl und der Schröder Kanzler und die ARD die Bundestagsdebatten selber übertragen hat, statt das zu Phoenix abzuschieben, wo kein Mensch zuschaut. Das weiß ich doch von den Nachbarn. Die wissen gar nicht, wo das auf der Fernbedienung liegt.

Das Beste damals war aber natürlich, dass alles noch in einem vernünftigen Bildschirmformat gesendet wurde: 4:3 statt 16:9! Wenn Sie mich fragen, das einzige mögliche Format, um so was zu bringen. Mit unseren Köpfen! Die verschwanden ja erst aus der Berichterstattung, als die Sender auf dieses angebliche Kinoformat umschwenkten. Seitdem sitze ich da als Frau ohne Schädel vor dem ganzen Volk, ein undefinierbares Etwas, dem der Regisseur mit dem Kopf einfach die Persönlichkeit wegschneidet.

Was denken Sie, was die Kinder da für Ärger in der Schule hatten. Gemobbt worden sind die, richtiggehend gemobbt. Was arbeiten Eure Eltern, sollten sie aufschreiben. Hat der Ronny gemacht, also der Kleine. Sehr gut gemacht, alles beschrieben, ganz genau, und alles von mir, denn ich habe die beiden ja alleine, seit der Mark abgehauen ist. Wo ich sitze, was ich tun muss, wie bekannt die Leute sind, für die ich arbeite. Der Aufsatz wurde dann in der Klasse vorgelesen und die Lehrerin, die Frau Schuppke, eine ganz nette Frau, meinte es ganz gut und die hat dann den Fernseher angemacht, damit die Kinder mal sehen, wie das da zugeht im Bundestag und wo Ronnys Mutter sitzt und was mein Junge da beschreibt und dass das wirklich alles stimmt mit meiner Verantwortung und dass die Frau Bundeskanzlerin Merkel morgens manchmal "Guten Morgen, Frau Tanzer" zu mir sagt.

Das gab ein dolles Gelächter, kann ich Ihnen sagen! Der Ronny kam völlig verheult nach Hause, denn die haben ihn dann den ganzen Tag damit aufgezogen. "Deine Mutter hat kein´ Kopp" und so. Wie der Berliner so ist, herzlich, aber hart.

Ich bin dann gleich am nächsten Tag zu unserem Betriebsrat hier im Bundestag und habe mal Klartext geredet. Was ist denn das für eine Demokratie, wo den Leuten der Kopf abgeschnitten wird, habe ich gesagt. Das ist ja menschenverachtend, was die mit uns machen. Kopf absensen vor allen Leuten. Wie im Mittelalter, habe ich gesagt. Der Justus Koppmann, was der Betriebsratsvorsitzende hier ist, ein ganz lieber Herr, der allerdings aus meiner Sicht immer ein bisschen zu schnell nachgibt, wenn die Verwaltung Sonderwünsche wegen der Arbeitszeit äußert, nur weil wieder so ein Rettungspaket geschnürt oder ein Rettungsschirm gefaltet werden muss, der Koppmann jedenfalls hat durchaus Verständnis für unsere Belange gezeigt.

Aber machen konnte auch nichts. Er hat zwar gefragt beim Bundstags-TV, das den ganzen Sendern die Bilder liefert, damit da nicht jeder Dorfkanal den Abgeordneten mit einem eigenen Kamerateam zwischen den Füßen rumläuft. Die haben aber die Hände gehoben. Das Bildschirmformat sei nun mal so, weltweit, damit müsse man leben, auch wenn man zum Sitzungsdienst gehöre, hieß es. Ich war natürlich enttäuscht und der Ronny noch mehr. In der Schule mobben sie ihn ja immer noch wegen der Sache. Ich bin da nur die Kopflose Dame. Privat sage ich, besser als Dame ohne Unterleib. Nicht, dass ich keinen Humor hätte. Aber dem Koppmann habe ich geschrieben, dass ich das nicht auf sich beruhen lassen werde. Auch Plenarassistenten haben eine Menschenwürde, wir sind ja schließlich keine Praktikanten! Auch wir müssen uns nicht kopflos im Parlament zeigen lassen. Ich suche mir jetzt einen Anwalt. Und dann werden wir doch mal sehen. Der Herr Gauck sagt es ja auch. Mut und Selbstbewusstsein, einmischen, mitmachen. Zur Not gehe ich bis nach Straßburg.

Die Echtzeit-Serie Doku Deutschland bei PPQ:
Der letzte deutsche Autofahrer
Gauck an der Wand
Bekenntnisse eines Blitzkriegers
Wahrheit ist flexibel
Ein Land aus Pfand
Sorgen auf der Sonnenbank
Rock an der Rütlischule
Schwimmen mit Sirenen
Hausbuchführer im Widerstand
Ich dagegen bin dafür
Der Marcellator der Herzen
Die Stimme des Bauchtrainers
Am Tresen verhaftet

War er es doch selbst?

Die Terroranschläge von Toulouse, sie haben Europa in Schockstarre versetzt. Namenlos ist das Entsetzen, ratlos wirken die Reaktionen. Was lässt sich noch verbieten, um so etwas künftig zu verhindern? Muss das deutsche Waffenrecht nachgebessert werden, wenn es Kalaschnikows in Marseille zum Preis eines alten iPhone zu kaufen gibt? Sollen die Grenzen dicht gemacht werden? Kommt die Personalausweispflicht für das Anschauen von Internetseiten?

Niemand weiß weiter, keiner hat einen Plan. Wo tsecken die Hintermänner? Gibt es ein Netzwerk um den beinahe lebend gefassten Attentäter Mohamed Merah? Zum Glück hat wenigstens die Financial Times sich einen klaren Blick auf die tiefren Zusammenhönge bewahrt. Entschlossen enthüllt jetzt wenigstens im immer noch viel zu wenig gelesenen Roséblatt ein Leitartikel, wo der "Profiteur des Terrors" (FTD) sitzt, der bei "Cicero" der "Profiteur der Krise" ist (Screenshot): Im Élysée-Palast, aus dem heraus Präsident Nikolas Sarkozy die Anschlagserie des Al-Kaida-Anhängers aus Algerien mit großem Wohlgefallen verfolgt, wie die nicht namentlich gezeichnete Analyse verrät. Nachdem dem kleinen Mann im großen Amt vor knapp einem Jahr durch glückliche Fügung schon der gefährlichste Gegner Dominic Strauss-Kahn in einem New Yorker Hotel verloren gegangen war, ist der Terror von Toulouse nun zwar "zuerst für das Land und dann auch für den Wahlkampf eine Katastrophe". Doch die Anhänger des amtierenden Präsidenten, heißt es, "jubilieren insgeheim". Sarkozy profitiere nun von seinem Amtsbonus, "weil er als Präsident vier Wochen vor der Wahl noch politisch handeln kann".

Der Tod als trauriger Teaser. Und der Einzelverkauf am Kiosk steigt vielleicht auch an.

Donnerstag, 22. März 2012

Wer hat es gesagt?

Dieses Mal aus der Kategorie "Das geht auch ohne Google": "Antisemitismus fängt bei sechs Millionen toten Juden an. Alles drunter ist - Friedenspolitik."

Sarrazin: Stumpf und ohne Stil

Qualität kommt von Quälen und warum das so ist, zeigt die Hoch-Qualitätszeitschrift Die Zeit gerade in einer Vorabrezension zu Thilo Sarrazins neuem Buch "Europa braucht den Euro nicht. Wie uns politisches Wunschdenken in die Krise geführt hat". Gut, eine Vorabrezension ist es nicht, weil Zeit-Kritiker Adam Soboczynski das Buch noch nicht hatte, es also auch nicht lesen konnte. Aber Sarrazins ersten Bestseller "Deutschland schafft sich ab" hat er ja auch nicht gelesen, wie er gleich in Zeile fünf klarmacht, indem er "intelligenzgenetische Überlegungen" aus Sarrazin Buch zitiert, die dort gar nicht stehen. Und der Waschzettel vom Verlag, der war da. Eine ganze halbe Seite, die normalerweise immer reicht, zu verstehen, worum es geht, und in ein paar flotten Sätzen klarzumachen, was man davon zu halten hat.

Adam Soboczynski tut sich folglich keinen Zwang an. Wenn seine Besprechung schon nicht die tiefgründigste werden wird, so ist sie doch die erste, die schon mehr als zwei Monate vor Veröffentlichung des Buches Klartext spricht zu den neuen, sicherlich wieder total kruden Thesen des Ex-Senators mit dem SPD-Parteibuch. Der Euro, nimmt der im schönen polnischen Städtchen Toruń geborene Rezensent an, sei bei Sarrazin der neue Migrant, ein "wurzelloser Kosmopolit", der sich partisanenhaft in allen Ländern einnistete, um "unseren Untergang zu besiegeln".

Das soll Ironie sein, ist aber nur unfreiwillig komisch. Etwa wenn Adam Soboczynski Sarrazins neues Buch als "plausiblen Nachfolger von ,Deutschland schafft sich ab`" brandmarkt, weil "dem inneren Feind, damit das Bedrohungsszenario komplett ist, ein äußerer beigesellt werden" muss. Der Migrant und der Euro seien nur zwei Seiten ein und derselben finsteren Medaille, fabuliert der mit der Gabe der Vorausschau gesegnete Buchkritiker, der dem neuen Sarrazin-Band, den er, wie gesagt nicht gelesen hat, mit großer analytischer Schärfe nachweist: "Man braucht nur wenige Worte aus den bereits bekannten geflügelten Sarrazin-Sätzen auszutauschen, dann zeigt sich der Zusammenhang aufs Schönste".

Also alles beim Alten. Sarrazin mit seien kruden Thesen. Rezensionen, die entstehen, ohne zu lesen. Eine gesellschaftliche Debatte folgt nach, in denen die einen ihre Argumente nicht aus dem ziehen, was der andere gesagt hat, sondern was er hätte meinen können. "Mit Stumpf und Stiel wird der Euro uns ausrotten, wenn wir nicht gegen ihn angehen und namentlich gegen jene, die ihn schützen, die Wegseher und Problemverneiner im eigenen Land, gegen die auf unsere Kosten faul vor sich hin lebenden Griechen, Portugiesen, Spanier und Italiener sowieso", schlussfolgert Feuilleton-Redakteur Soboczynski.

Er hat eine Vision, die sehr klar ist. "Ich muss niemanden anerkennen, der von der EU lebt, diese EU ablehnt, für die Ausbildung seiner Kinder nicht vernünftig sorgt und ständig neue kleine Euro-Mädchen produziert", werde wohl über die Krisenstaaten zu lesen sein. Über die Italiener: "Nirgendwo schlurfen so viele Menschen in Trainingsanzügen durch die Straßen wie in Neapel." Über Portugal: "Ich möchte nicht, dass das Land meiner Enkel und Urenkel zu großen Teilen portugiesisch ist. Wenn ich das erleben will, kann ich eine Urlaubsreise nach Portugal buchen." Und über die Spanier: "Alle Spanier teilen ein bestimmtes Gen, Deutsche haben bestimmte Gene, die sie von anderen unterscheiden."

Das muss natürlich nicht richtig sein. Aber wenn der neue Sarrazin in zwei Monaten erscheint, wird das doch sowieso keinen mehr interessieren.

Nein, das ist nicht mehr unser Terror

Die NSU jetzt auch in Frankreich? Neonazi-Zellen, die nach jahrelangen Wohnwagenreisen durch den Untergrund beginnen, französische Soldaten "nordafrikanischer Abstammung" (dpa) hinzurichten? Die schließlich dazu übergehen, Kinder zu erschießen, um Sympathien für ihre menschenverachtende Sache zu gewinnen?

Es hätte so schön sein können. Zwei Tage lang witterten die führenden deutschen Medienarbeiter eine vielversprechende Spur nach rechts hinter den Anschlägen eines Unbekannten auf Militärangehörige und Schüler. Möglicherweise könne ein rechtsextremer Ex-Soldat sowohl die Tat an der jüdischen Schule als auch zuvor die Angriffe auf französische Soldaten mit Migrationshintergrund verübt haben, zitterte etwa die Online-Ausgabe der Tagesschau vor kaum verhohlener Vorfreude. Die jüdische Gemeinde in Frankreich bewerte "den Anschlag auf die Schule in Toulouse als antisemitischen Akt", hieß es weiter, auch die Polizei ermittele "in diese Richtung", was jetzt nicht weiter verwundert, weil nach der Ermordung eines Feuerwehrmannes sicherlich in Feuerwehrkreisen, nach der Ermordung von vier Weinköniginnen hingegen mit größerer Wahrscheinlichkeit in Winzerkreisen ermittelt würde.

Hier passte der vielversprechende rechtsradikale Hintergrund allerdings von Anfang an nur mit Mühe ins Bild. Aiman A. Mazyek, Chef des Zentralrats der Muslime, hatte zwar wunschgemäß gleich "nicht den Eindruck, dass muslimische Einrichtungen in Deutschland ausreichend geschützt sind." Trittbrettfahrer könnten so, ähnlich wie die NSU, Taten wie in Frankreich ausführen, verriet er "Zeit Online".

Bei genauerer Betrachtung aber verwies das Opferprofil von Anfang an auf einen islamistischen Täter: Schüler einer jüdischen Schule und französische Nato-Soldaten? Und so kommt es denn auch: Der 24-jährige Mohammed Merah ist "Franzose algerischer Abstammung" (Tagesschau), er fühlt sich Al Kaida zugehörig und tötete, um "palästinensische Kinder zu rächen".

Das aber ist nun gar nicht mehr unser Terror, wie zuletzt schon beim Mordfeldzug des Nordafrikaner Nordine Amrani einmal quer durch Lüttich auf verblüffende Weise zu beobachten war. Amrani erschoss fünf Menschen und verletzte mehr als 70. Dennoch unterschied sich die Rezeption seiner Tat hierzulande grundlegend von der Rezeption etwa der Morde des Norwegers Anders Breivik: Während der sofort in einen größeren Zusammenhang eines von rechten Drahtziehern und "geistigen Brandtsiftern" beherrschten europaweiten Krypto-Faschisten-Netzwerkes gestellt wurde, bekam Amrani umgehend bescheinigt, bei ihm handele es sich um einen "vorbestraften Waffennarr und Drogenhändler", der "als Einzeltäter ohne politische Motivation" gehandelt habe.

Mohammed Merah droht nun dasselbe Schicksal, zumindest in Deutschland. Hierzulande wird islamistischer Terror traditionell als bedrohlich empfunden, so lange Innenminister kurz vor Weihnachten ihre alljährlich Terrordrohung veröffentlichen. Passiert dann wirklich etwas, wie in Frankfurt am Main, wo ein Jung-Islamist US-amerikanische Soldaten hinrichtete, oder eben in Lüttich, folgt noch eine überschaubar kurze Endaufwallung. Und nie ward irgendwo mehr etwas über den Vorfall zu vernehmen.

Ungleich größer ist die mediale Wertschätzung für Terroranschläge, die von Rechtsextremen begangen werden. Hier funktionieren die Reflexe noch, sogar über Bande: Kein Mensch käme auf den Gedanken, die Firma Armani aufzufordern, sich wegen ihrere Namensähnlichkeit mit dem Lütticher Mehrfachmörder Amrani umzubenennen. Die Idee eines Lokalredaktuers der Chemnitzer "Bild"-Zeitung aber, dass ein Naziladen im ehemaligen Karl-Marx-Stadt mit seiner Benennung nach der norwegischen Stadt "Brevik" Assoziationen zum Namen des Mörders Breivik wecken und somit die Hinterbliebenen beleidigen wolle, führt dagegen umgehend zu Demonstrationen, einer überaus engagierten überregionalen Protestberichterstattung und letztlich zur unausweichlichen Namensänderung.

Die panikschaffende Kraft medialer Bemühungen erzeugt einen Strudel aus sich gegenseitig verstärkendem Humbug, in dem die Fakten nichts mehr zur Sache tun. Widersprechen sie dann den obskuren Arbeitsannahmen, kehrt Schweigen ein im Walde wie im Falle Nordine Amrani.

"Eine Katastrophe für die Medien! Kein Nazi! Keine Verbindung nach Deutschland zur NPD!", heißt es in einem in seiner Schlichtheit erhellenden Kommentar bei der Taz. Wo soll das hinführen? Wenn selbst deren Leser schon Lunte wittern?

 Der weitere Ablauf steht fest: Der Täter ist ein verwirrter Einzeltäter, die Tat hat nicht mit dem Islam zu tun, die meisten Muslime sind auch in Frankreich integrationsbereit und friedlich, die Bedrohung kommt von rechts, Islamkritik ist Rassismus, Terror ist braun und dringend muss das “10-Punkte-Papier zur Bekämpfung von Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und rechtsextremer Gewalt”, das der “Bundesbeirat für Integration” beschlossen hat, umgesetzt werden, denn nur die dort geforderte konsequente Verschärfung des Volksverhetzungsparagrafen 130 StGB kann dafür sorgen, dass Islamkritikern und anderen Rassisten endlich das menschenverachtende Handwerk gelegt wird.

Zettel zum Fall
Le Penseur zur Sache

Mittwoch, 21. März 2012

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte

Da wächst zusammen, was zusammengehört! Ausgerechnet beim heiß diskutierten Thema Solidarzuschlag geben mit feiner Ironie ihre Vermählung bekannt: "Bild" aus dem Hause Springer (Screenshot oben links) und der "Spiegel" aus dem Hause "Spiegel", ehemals Sturmgeschütz der Demokratie (Screenshot oben rechts). Beide Blätter, so unterschiedlichen Formats sie von Weitem auch sein mögen, wählten als Illustration zum Thema Solidarpakt aus der offensichtlich eng begrenzten Anzahl vorhandener Archivfotos das Bild eines geschlossenen Ladengeschäftes irgendwo im Ruhrgebiet.

"Sonnenschein" steht als Name über den mit Grafitti beschmierten Rollläden, die heruntergelassen sind, weil die Lichter in vielen Städten "tief im Westen, wo die Sonne verstaubt" (Herbert Grönemeyer), schon lange untergeht. Sich untergegangene, verstaubte Sonnen aber naturgemäß schlecht illustrieren lassen, was wiederum schlecht ist für vom Presserat verwöhnte Medien wie "Spiegel" und "Bild", die ganz auf knallige grafische Reize bei der Volksaufklärung setzen.

Deshalb also "Sonnenschein", deshalb also die erneute absolut identische Bedienung des Baustellen- und des Hörsaal-Publikums. Deshalb also der wiederholte Beweis, dass der wahre Boulevard an der Waterkant wohnt, während das echte Nachrichtenmagazin neuerdings locker ohne Seite 1-Girl auskommt.

Terror im Archiv Heuchler im Hysteriechannel

Die Anmerkung findet heute noch ein Bild, das den Einheitscharakter des Medienchors belegt

Spekulanten im Staatsauftrag

Empathie, Nächstenliebe, Hilfe für die Schwachen und noch mehr für die Schwächsten: Die von den künftigen SPD-Bundeskanzlerin Hannelore Kraft beaufsichtigte NRW-Bank meint es ernst mit ihrem Anspruch, "die Förderbank für Nordrhein-Westfalen und wettbewerbsneutraler Partner der Banken und Sparkassen" zu sein. deshalb engagiert sich das staatliche Institut nicht nur im "Zeichen der Energiewende und des Umweltschutzes", sondern auch als Emittent von Kreditausfallversicherungen.

Die Förderbank des Landes Nordrhein-Westfalen, die auf ihrer Webseite angibt, "ausschließlich in öffentlichem Auftrag" und "ohne das Ziel einer Gewinnmaximierung" zu arbeiten, ist nicht nur irgendeiner, sondern sogar einer der größten Verkäufer von Kreditausfallversicherungen, die von führenden SPD-Politikern bereits vor Jahren als "Teufelszeug" erkannt und gebrandmarkt worden waren. Ende 2010 hatte das staatliche Institut, dessen Geschäfte vom Land Nordrhein-Westfalen verbürgt werden, Kreditderivate in Höhe von 22,7 Milliarden Euro an Investoren in aller Herren Länder verkauft.

„Mit einem stabilen Nominalvolumen von ungefähr 25 Milliarden Euro besitzt die NRW-Bank eines der größten CDS-Portfolios unter deutschen Banken“, lobt die Ratingagentur Moody's laut "Handelsblatt" die konsequent an den Bedürfnissen des deutschen Mittelstandes orientierte Firmenpolitik von Deutschlands größter Landes-Förderbank. Mit ihrem Angebot an Versicherungen gegen den Ausfall von Staatsanleihen richtet sich das von den sozialdemokratischen Ministern Harry Voigtsberger und Norbert Walter-Borjans geführte Institut direkt an Malermeister, Häuslebauer und andere Spekulanten.

Die hatten gerade Grund zum feiern, als nach der Rettung Griechenlands CDS-Kreditversicherungen auf die Staatspleite in Athen fällig wurden. "Griechenland-Zocker bekommen 2,5 Milliarden Dollar", kritisierte die Financial Times. Die im Interesse der Arbeiterbewegung geführte NRW-Bank musste nicht zahlen: CDS auf griechische Staatsanleihen habe die Bank nicht ausgegeben.

Die große Krise, einfach erklärt: Sprich Krisisch

Dienstag, 20. März 2012

Liberale berauben CSU-General

Einmal stumpf stabgereimt. Und niemand hat es gemerkt. Vor 15 Monaten hatte CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt einen hellen Moment: Er bezichtigte NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft, bei sich daheim am Rhein "einen griechischen Schulden-Sirtaki" zu tanzen.

Das Echo aber war verheerend. Es gab keins. Die schöne Formulierung, mit der der Bayer Kraft etwas wirr unterschob, "NRW zum deutschen Schulden-Griechenland" machen zu wollen, verpuffte rückstandslos.

Um jetzt wiederaufzuerstehen. Nachdem die Jungen Liberalen im Saarland die mittlerweile gut abgehangene Formulierung vom "Schulden-Sirtaki" von Dobrindt gestohlen hatten, brach ein Sturm der Entrüstung in den sozialen Netzwerken aus. Der Slogan "erregt die Gemüter", schreibt die "Welt", aufgrund eines Fotos, dass den Spruch zeige, "hagele es Beschimpfungen". Die Piratenpartei, aber auch die Grünen empörten sich. "In der Auseinandersetzung wurden die Liberalen gar als Rassisten beschimpft", heißt es weiter.

Die entsprechende Einordnung stammt vom selbsternannten "Piraten" Martin Delius, der nicht verwandt und nicht verschwägert ist mit dem gleichnamigen Schriftsteller F.C., sondern auch Halle an der Saale in die Berliner Politik emigrierte. Delius, ein ausgewiesener Internetexperte, bemerkte nicht, dass der geistige Urheber der fragwürdigen Gleichsetzung des traditionellen griechischen Reihentanzes mit dem griechischen Ausderreihetanzen bei der haushaltsführung nicht im saarland, sondern in München sitzt. Und dass es sich somit um einen erneuten schweren Fall von geistigem Diebstahl im Internet handelt.

Theaterschließung: Tod im zweiten Aufzug

Ein Stück aus dem Tollhaus, das da in Halle, der selbsternannten Kulturstadt an der Saale, aufgeführt wird. Die Premiere fand vor zwei Jahren statt, als die Rathausspitze ankündigte, wegen notwendiger Einsparungen im Haushalt eines der derzeit noch drei Theater schließen zu müssen. Die Wahl sei, so hieß es, aus naheliegenden Gründen auf das Kinder- und Jugendtheater Thalia gefallen: Es ist die kleinste Bühne, sie hat die wenigsten Mitarbeiter, den geringsten Etat und sie spielt nicht wie das Opernhaus einen 2,5 Millionen Euro teuren "Ring" an drei Tagen im Jahr. Sondern streitbare Stücke mit Original-Fussball-Ultras oder Rockopern mit Hausmitteln.

Ein Proteststurm fegte durch die Stadt, die Menschen, die von ihrer Regierung alles Mögliche erwarten und in der Regel auch alles gebotene sprachlos schlucken, muckten auf. Protestresolutionen wurden verfasst, Parteien gerieten in Angst, vor der anstehenden Landtagswahl an Zustimmung zu verlieren. Schließlich wurde die Schließung abgesagt - mit der einzigen Bedingung, dass sich sämtliche Mitarbeiter aller drei Bühnen bereiterklären müssten, einen Haustarifvertrag abzuschließen, in dem sie einem Gehaltsverzicht zustimmen.

Der Vertrag kam zustande. Er gilt bis zum Jahr 2016. Aber die Uhren im Rathaus gehen anders: Trotz bestehender Verträge hat der Aufsichtsrat der städtischen Theatergesellschaftnun erneut die sofortige Schließung des Thalia-Theater beschlossen. Durch absehbare Mehrausgaben aufgrund der anstehenden Tariferhöhungen in Höhe von 300.00 Euro reichten die vereinbarten Sparbeiträge der Mitarbeiter nicht aus, das Theater wie vereinbart zu erhalten. Das Ensemble des Kinder- und Jugendtheaters solle "seine Arbeit unter Nutzung der anderen Spielstätten der GmbH bestmöglich fortführen", heißt es offiziell. Ein veränderter Spielplan werde in den nächsten Wochen erarbeitet.

Seht ihr, Bürger, so wird das gemacht. Schon bei Abschluss des Haustarifvertrages hatten Mitarbeiter darauf hingewiesen, dass zwischen 2011 und 2016 mehrere Jahre mit automatischen Tariferhöhungen liegen. Doch die Stadt pokerte im Wissen darum, dass die kommenden Steigerungen bei den Gehaltszahlungen schnell zu neuen Finanzlöchern führen würden. Die dann erneut eine Möglichkeit eröffnet, die ungeliebte Kinderbühne zuzumachen.

Die Rechnung scheint aufzugehen. Wo letztens noch Protest laut wurde, herrscht jetzt konsterniertes Schweigen. Es gibt keine öffentlich wahrnehmbare Kritik, keinen Widerstand, kein lautes Hohngelächter über die gleichzeitig mit der Schließungsankündigung verbreitete Nachricht, dass der 70-jährige Theater-GmbH-Chef Rolf Stiska für seine erfolgreiche Arbeit eine Vertragsverlängerung um weitere vier Jahre erhält. Der Tod kommt in diesem Stück im zweiten Aufzug. Lautlos, als würden die Bürger nichts anderes als solche Trickserei, solchen Verrat von ihren gewählten Volksvertretern erwarten.