Google+ PPQ: März 2018

Samstag, 31. März 2018

Under Armour: Hacker sitzen auf Berg von sinnlosen Diätdaten

Tragisches Ende eines großangelegten russischen Hackerangriffes: Nachdem es unbekannten Internetkriminellen gelungen war, in die Datenbanken des US-Sportartikelhersteller Under Armour einzubrechen, zeichnet sich nun das ganze Ausmaß der Folgen des Hackerangriffs ab. Nach Angaben von Under Armour erbeuteten die mutmaßlich vom Kreml gesteuerten Datengangster beim Angriff auf die Kalorienzähler-App "MyFitnessPal" Pulsaufzeichnungen, GPS-Daten und Diätpläne von etwa 150 Millionen Nutzern.

Bedrückend für die Täter: Mit den penibel mitgeschnittenen Schlafdaten inklusive Aufwachzeiten und Tiefschlafphasen nebst Gewichtstabellen kann Putin nun zwar genau nachvollziehen, welche verheerenden gesundheitlichen Auswirkungen die gesellschaftliche Phase des Turbokapitalismus vor allem seit Beginn der Amtszeit des aktuellen US-Präsidenten Donald Trump auf die US-Amerikaner hat. Einblick haben die Datenverbrecher auch in eine umfassende Datenbank mit mehr als "sechs Millionen. Nahrungsmitteln aus den verschiedensten Küchen der Welt", die "täglich aktualisiert" wird, so dass Nutzer per den Strichcode eines Lebensmittels einscannen und dessen Kaloriengehalt prüfen können.

Darüberhinausgehend aber lässt sich aus der Ernährungs-App des Sportartikelherstellers, die nach Angaben von Google bisher etwa 1,8 Millionen Mal aus dem Playstore heruntergeladne wurde, kaum belastendes Material gewinnen. Außer Puls- und Blutdruckdaten von Kunden der hochpreisigen Trendmarke von 2013 hatten die Täter auch Nutzernamen und E-Mal-Adressen entwendet, mit denen sie offenbar die Chance gehabt hätten, sich in die ohnehin geknackten Konten einzuloggen. Deshalb wohl war bei Under Armour über fast einen Monat kein Bekennerschreiben mit Lösegeldforderungen eingegangen.

MyFitnessPal ist ein von Under Armour angebotener Kalorienzähler. Das Unternehmen hat unterdessen eine IT-Sicherheitsfirma beauftragt, um die gestohlenen Herzschlagdaten und Pulsinformationen zurückzuholen. Wegen des Bekanntwerdens der Weitergabe von Nutzerdaten durch eine Facebook-Umfrage, durch die Donald Trump schließlich US-Präsident geworden war, sind Datendiebstähle gerade besonders gefragt.

Erklärung 2018: Bürger verurteilen die Ausfälle verwöhnter Publizisten

Sie nennen es zynisch "Befremden", sie stellen es unter die harmlos scheinende Überschrift "Erklärung 2018" und sie versuchen damit, gezielt Hass und Unfrieden in der Gesellschaft zu säen. Selbsternannte Publizisten und Kommentäter Marke Hendryk M. Broder und Monika Maron, aber auch neurechte Denker wie Sarrazin, Matthias Mattussek und Vera Lengsfeld versuchen mit einem absichtsvoll kurz gehaltenen Text, Bevölkerung und Regierung zu entzweien, die Medien und die dort arbeitenden Medienschaffenden ins Unrecht zu setzen und so an einer Vertiefung der gesellschaftlichen Spaltung zu arbeiten.

Tagelang blieb der Versuch, mit ihrer provokatorischen Initiative „Migranten zu Sündenböcken zu machen" (Augsburger Allgemeine) unwidersprochen, abgesehen von einigen wenigen mutigen Stimmen, die lobten, nun wisse man wenigstens, "wes` Geistes Kind" Menschen wie der frühere Erfolgsautor Uwe Tellkamp, der Werkstoffentwickler Uwe Scholz oder der Steinbildhauer Ulrich Schellbach seien, die bisher unentdeckt und wie normale Nachbarn unter uns gelebt hatten.

Nun ist das Entsetzen groß - und nach einem langen Moment des Nachdenkens regen sich die gesunden Teile der Gesellschaft und machen spontan ihrer Enttäuschung darüber Luft, von Menschen verraten worden zu sein, denen die vielen fleißigen Bürgerinnen und Bürger draußen im Land erst Studium und Ausbildung finanziert haben, oft unter großen persönlichen Opfern.

Es sei nun an der Zeit, heißt es in einem Offenen Brief, den engagierte Bürgerinnen und Bürger aus der Uckermark, der Börde und der Sächsischen Schweiz verfasst haben, dass die feindlichen Aktivitäten der selbsternannten Intellektuellen unterbunden würden. Es brauche "politische Entscheidungen, die verhindern, dass die Bäume solcher Leute in den Himmel wachsen", heißt es an die Behörden gerichtet. Dass ein Pamphlet wie die "Erklärung 2018" veröffentlicht werden dürfe, zeige, dass Zweifel am Zustand der Meinungsfreiheit in Deutschland völlig unangebracht seien. Dass jedoch große Medienhäuser sich nahezu geschlossen bereit zeigten, derart provokative und dem gesellschaftlichen Frieden nicht zuträgliche Parolen zu veröffentlichen, werfe "beim einfachen Bürger Zweifel auf, ob Meinungsfreiheit wirklich immer und unbegrenzt gelten dürfe".

Dabei wird in Kreisen progressiver Freizeitschriftsteller die Meinung geäußert, dass konsequente staatliche Maßnahmen auch gegen Kulturschaffende mit gleicher Grundhaltung, wie die Unterzeichner der Erklärung sie zeigen, angewendet werden müssen. Nur das könne ernüchternd auf Nachahmer wirken und Leute, die noch nicht verloren sind für die Sache der Demokratie, zurückgewinnen. Uwe Berger, ein parteiloser Hobby-Lyriker, der sich der spontanen Petition der Bürgerinnen und Bürger angeschlossen hat, um etwas bekannter zu werden, glaubt, nur damit sei es möglich, eventuell noch versteckt lebenden Gleichgesinnten zu zeigen, "wo ihr Spielraum zu Ende ist und die Geduld unseres Staates aufhört."

Eine Sicht, die der als Trainer einer Kinderfußballmannschaft nebenberuflich engagierte Grünflächenamtsmitarbeiter Horst Ulrich begrüßt. Es sei zukünftig notwendig, die "vielen kleinen Broders, Maron, Lengsfelds und Sarrazins unter Kontrolle zu halten, um das Problem endgültig zu lösen". Er behalte sich vor, im Stadtrat seines Heimatortes Zossen demnächst die Frage aufzuwerfen, wie man solchen Leuten künftig offensiv gegenübertreten wolle.

"Ich denke, meine Stadt sollte diese Menschen zu unerwünschten Personen erklären." Dies sei aus seiner Sicht eine unbedingte Notwendigkeit. Zwar gehörten die Betreffenden "eigentlich hinter Schloss und Riegel", unsere im Kern gesunde Demokratie zeige aber gerade durch ihre Nachsicht, wie stark sie sei. "Diese Leute vertreten zum Teil bereits seit Jahren feindlich-negative Positionen und sie lassen auch öffentlich erhebliche charakterliche und moralische Schwächen erkennen", sagt Ulrich. Da gelte es, klug und konsequent zu parieren, aber nicht zu überziehen: "Wenn unsere Regierung beschließen sollte, diese Provokateure auszubürgern, dann wäre das ihre Pflicht", glaubt Ulrich. Unser Staat vollziehe damit nur juristisch nach, was die Unterzeichner schon längst getan und öffentlich demonstriert hatte: "Ihre Trennung von der FDGO durch Übertritt in das Lager ihrer hasserfüllten Verleumder".

"In ihrem Vortrag erkennt man leicht die bösartigen Wahrheitsverdrehungen", belehrt Justus Lehr, ein Gymnasiallehrer aus Gransee, der "die große Überheblichkeit nicht mehr ertragen kann, mit der diese Leute der Kanzlerin unerbetene Ratschläge liefern". Es sei an der Zeit, mit der Ächtung der hasserfüllten Verleumder eine neue Phase der Kulturpolitik im Lande einzuleiten, die durch größere Konsequenz und Härte gekennzeichnet sein müsse. Das sei unvermeidbar, da sich unter den gegenwärtigen politischen Bedingungen mit der Bedrohung Europas, dem Abfall der USA und dem aggressiven Gebahren der Russen auch die Kulturpolitik wehrhaft zeigen müsse.

Publizist zu historischen Parallelen 


Freitag, 30. März 2018

Zitate zur Zeit: Die letzte Sicherheit

„Die einzige übergreifende Idee, die noch übrigblieb ist, ist, dass Ideen ein Problem sind. Das einzige übriggebliebene Werturteil ist, dass Werturteile falsch sind. Wenn eine Sicherheit übriggeblieben ist, dann die, dass Sicherheiten verdächtig sind.“

Douglas Murray erläutert den Zustand Europas

Geburtenexplosion: Anschwellender Boomgesang

118.000 fehlen nur noch. So viele Menschen sind im Jahr 2016 in Deutschland mehr gestorben als geboren wurden - und das, obwohl das Jahr die „höchste Geburtenziffer seit 1973“ brachte, wie das frühere Nachrichtenmagazin Der Spiegel begeistert berichtet. Ein „Babyboom in Deutschland“, der das Aussterben der führenden europäischen Industrienation vielleicht entscheidend verlangsamen könnte. Galt nach bisherigen Berechnungen als ausgemacht, dass sich Deutschland in spätestens 1000 Jahren endgültig von der Landkarte verabschiedet, könnte nun ein Plan Umsetzung finden, der bisher stets als irre Verschwörungstheorie brutalisierter Sachsen abgetan worden war: Ein „Bevölkerungsaustausch“ (Pegida), der in dafür sorgt, dass der derzeit noch bei knapp zwölf Prozent liegende Anteil der Nicht-Deutschen unter den Schonlängerhierlebenden bis 2035 auf 25 Prozent steigt.


 Ein Achtel liefert ein Viertel


Dort liegt beim derzeitigen historischen Geburtenanstieg die Zahl der Mütter, die "eine ausländische Staatsangehörigkeit haben", wie der "Spiegel" ein wenig pikiert bemerkt. Nur 607.500 der insgesamt 792.131 im Jahr 2016 in Deutschland neugeborenen Kinder sind gebürtige Deutsche, 184.660 hingegen Staatsbürger anderer Länder. Ein Achtel der Wohnbevölkerung liefert ein Viertel des Nachwuchses. In der Alterskohorte, die im Jahr 2036 Abitur machen wird, sind damit nur noch drei Viertel der Mädchen und Jungen Töchter und Söhne von heute in Deutschland Wahlberechtigten.

Da die ehemals einheimische Bevölkerung zudem durchschnittlich älter ist als die Angehörigen der nochnichtsolangehierlebenden Gruppe, konzentriert sich das "Völkersterben von seiner schönsten Seite" (Deniz Yücel) in der ehemals angestammten deutschen Gruppe, die zudem auch im Boom Jahr 2016 nur einen Anstieg der eigenen Geburten um acht Prozent gestemmt bekam, während die neueren Bürger auf ein Plus von 25 Prozent kamen.


Damit liegt die Geburtenrate bei den Neudeutschen ohne deutsche Staatsbürgerschaft bei 1,84 (184.000 Geburten auf zehn Millionen Personen), bei den Ur-Deutschen dagegen nur bei 0,82 (607.000 Geburten auf 73 Millionen Personen). Als notwendig für die einfache Reproduktion gilt seit einer entsprechenden Festlegung der damaligen Familienministerin Ursula von der Leyen ein Wert von 1,4, den die fortpflanzungsunwillige Stammbevölkerung Deutschlands im Moment des wunderbarsten Geburtenbooms um sagenhafte 40 Prozent verfehlt. 

Ein importierter Geburtenboom


Die Zahl der in Deutschland geborenen Kinder stieg damit zwar das fünfte Jahr in Folge und erreichte acht Jahre nach der legendären SZ-Schlagzeile "Boom, Baby!" den Stand von 1996. Allerdings geht der Anstieg voll und ganz auf das Geburtenkonto der Nochnichtsolangehierlebenden. Hält der Trend, hat jede nachfolgende Generation Einheimischer nur noch halb so viele Angehörige als die vorhergehende. Aus derzeit 72 Millionen deutschen Staatsbürgern werden schon im Verlauf der kommenden 70 Jahre nur noch 40 Millionen. Von diesen hartnäckigen Fortpflanzungsverweigerern wiederum werden weitere 70 bis 80 Jahre später nur noch 20 Millionen übrig sein.

In nicht einmal 200 Jahren wird Gesamtdeutschland dann mit weniger deutschen Staatsbürgerinnen und -Bürgern auskommen müssen, als seinerzeit die DDR zur Verfügung hatte. Abhilfe kann nur ein neuer Plan zur kategorischen Umerziehung der in nichtdeutschen Familie geborenen Kinder bringen, wie ihn jetzt die "Welt" vorschlägt: Alle in Deutschland geborenen Kinder werden dabei "im Sinne eines Republikanismus zu Bürgern des Landes gemacht", indem Eltern, die staatliche Erziehungsziele nicht anerkennen oder sie nicht erreichen, ihr Erziehungsrecht verlieren.

An ihre Stelle träte wie einst beim Versuch der Durchzivilisierung der Aborigines in Australien ein Staat, der "die Eigenverantwortung der Eltern substituiert" (Die Welt) und die Germanisierung der Abkömmlinge "im Zweifel erzwingt".

Donnerstag, 29. März 2018

Deutschland erreicht Klimaziel vorfristig

Als der "irre" US-Präsident Donald Trump vor einem Jahr ankündigte, aus dem wegweisenden Weltklimaabkommen von Paris auszusteigen, sprangen anderer, sehr viel verantwortlicher handelnde Politiker in die drohende CO2-Bresche. "Kanzlerin #Merkel + Präs. Macron in Telefonat einig: DEU + FRA ergreifen weitere Initiativen, um dem Klimaabkommen zum Erfolg zu verhelfen", kündigte Regierungssprecher Steffen Seibert an. Trumps "Kriegserklärung an den Planeten" würde nicht ohne Konsequenzen bleiben. da waren sich die Mächte des aufgeklärten alten Europa einig: Die gesunden Kräfte der Verantwortung vor kommenden Generationen würden das Klima nun eben allein retten. Und dem durch Washington irrlichternden angeblichen Milliardär damit ein beschämendes Beispiel für die Art geben, wie wir hier in Europa unsere Probleme lösen.

Inzwischen trägt der Plan erste Früchte. Nachdem Deutschland bereits im Januar alle bisherigen Klimaverpflichtungen aufgekündigt hatte, ziehen die Partnerparteien der frischgebackenen Großen Koalition jetzt eine erste Bilanz über die erreichten Erfolge im Kampf gegen das Klima und das Zwei-Grad-Ziel: Deutschland hat demzufolge bis Ende März schon so viel Kohlendioxid (CO2) ausgestoßen, wie das Pariser Klimaabkommen für das gesamte Jahr 2018 erlaubt hätte. Die 217 Millionen Tonnen Kohlendioxid seien in Deutschland bereits bis zum 28. März produziert und in die Atmosphäre entlassen worden, besagt eine Studie der Nymoen Strategieberatung, die auf Daten der Umweltstiftung WWF basiert.

Ein Ergebnis, das sich sehen lassen kann. Deutschland hat nun gute Chancen, den zuletzt erreichten Anstieg der eigenen CO2-Emissionen auch in diesem Jahr zu verstetigen und das Plansoll der deutschen CO2-Produktion um das Vierfache zu übertreffen. Zum Vergleich: Den USA gelingt es schon im dritten Jahr hintereinander nicht mehr, ehemals erreichte CO2-Emissionen stabil weiter auszustoßen. Unter dem Klimakiller Trump ging die us-amerikanische Kohlendioxid-Produktion 2017 um 0,5 Prozent oder 25 Millionen Tonnen auf 4810 Millionen Tonnen zurück - Deutschland wird seine Anstrengungen damit weiter verstärken müssen, um die Erwärmungsziele auch ohne Hilfe aus Washington zu erreichen.

Angela Merkel - Geschichte einer Radikalisierung

Redet schlecht, was doch so gut ist: Angela Merkel hat sich zuletzt deutlich radikalisiert.
Sie trat an als verbindliche, freundliche Mittfünfzigerin, eine Frau, die das machohafte des Vorgängers und dessen Basta-Politik schon im Wesen konterkarierte. Angela Merkel trug Kostümjacken, die nach dem Vorbild eines japanischen Trickfilms geschneidert waren. Lustig und so normal, dass die Zigarren, die der SPD-Mann im Amt vorher geraucht hatte, bald vergessen waren. Deutschland hatte wieder eine Kanzlerin, die die Menschen verstand und sie mitnehmen wollte in ein Land, dessen "Volk", so sagte sie, "mehr ist als eine lose Ansammlung von Individuen, und wir wissen, dass ein Volk auch immer eine Schicksalsgemeinschaft ist." Angela Merkel meldete sich zum Dienst an diesem "Volk", sie versprach "mehr Demokratie" und eine "Regierung der Taten".

Taten, zu denen es später auch gekommen ist, wenn auchdie demokratischen Entscheidungsprozesse im Vorfeld eher an Vorgänge in monarchischen Regimen erinnerten als an den Ablauf in reifen Demokratien. Von der Wehrpflicht über den Energieausstieg, von der Rettung des Euro bis zur Erweiterung Europas und schließlich zur Grenzöffnung im September 2015 handelte Angela Merkel immer auf dieselbe Weise: Nach einem unerwarteten Ereignis prüfte sie im stillem Kämmerlein Handlungsoptionen. Wenig später tauchte sie in der Öffentlichkeit auf und verkündete dort eine neue Weichenstellung, die das Leben der Bürgerinnen und Bürger zum Teil grundlegend änderten.

Aus der Ankündigung, "Verlässlichkeit" solle das Markenzeichen ihrer Bundesregierung sein, wurde eine Regierungspraxis, die auf jähe Wendungen setzte. Merkel beriet ihre Ruderbewegungen nur in ganz kleinem Kreis, vertrat sie dann aber nach außen als "alternativlos". Politik war Gestaltung unter dem Druck der Verhältnisse, die es unmöglich machten, zu Handeln. Grenzen konnten nicht mehr gesichert, Einreisende nicht mehr kontrolliert, Schulden nicht abgetragen, malade Staaten nicht reformiert werden. Zeitspiel war alles, was blieb, Zeitspiel und der Versuch, über eine beständig zunehmende Zahl an außenpolitischen Konflikten dafür zu sorgen, dass der eigene Ruf des letzten wirklich noch moralischen Regimes die peinlichen Pannen der voluntaristischen Regierung auf Sicht überstrahlt.

Nach zwölfeinhalb Jahren im Amt hat sich Merkel weniger an Deutschland angepasst als dass Deutschland eine Merkel-Republik geworden ist. Im Hangover nach der Wahl schienen Leitmedien weitgehend einig darüber, dass es die Kanzlerin noch einmal machen müsse, weil niemand sonst es schaffen könne. Wer "Merkel muss weg" rief, wirkte in der öffentlichen Darstellung wie ein Feind unserer Ordnung, Kanzlerin und Grundgesetz, Demokratie und Amtsinhaberin - das fiel nun alles in eins. 82 Millionen Untertanen, keiner mit einem Marshallstab im Tornister.

Angela Merkel wiederum braucht diese ihre vielleicht doch letzte Amtszeit, um Reparaturen durchzuführen. Die 63-Jährige hat sich seit ihren Anfängen zusehends radikalisiert: Ein Wort wie "Volk", das zu Beginn ihrer Kanzlerkarriere noch wie selbstverständlich zu ihrem Wortschaft gehörte, kommt Angela Merkel heute nicht mehr über die Lippen. Dafür ist sie bereit, unabhängig von der Rechtslage zu argumentieren, dass sie jederzeit "entsprechend unseren Gesetzen und im Einklang mit europäischem und internationalem Recht" gehandelt habe.

Der Wandel, den Merkels Ansichten erfahren haben, seit sie "damals noch nicht so perfekt war“ (Merkel), zeigt sich in vielen Details. Wo sie auf dem Höhepunkt des Flüchtlingszustroms nicht nur helfen wollte, sondern glaubte, Deutschlands absehbare demografischen Probleme mit Hilfe der Neuankömmlinge zu lösen, droht sie nun zumindest verbal mit einer Kehrtwendung. Das bedeute, "dass diejenigen, die keinen Anspruch auf Schutz haben, unser Land wieder verlassen müssen". Der Sound von Pegida, der feuchte Traum der rechten Populisten. Deren "Abschiebezentren" heißen bei Angela Merkel nun "Ankerzentren". "Von dort", droht sie den Millionen, die in Hoffnung auf Sicherheit und ein leben in Freiheit nach Deutschland gekommen sind, "sollen die Rückführungen erfolgen".

Mama Merkel, die Schutzheilige der Flüchtenden, sie ist Geschichte. Unübersehbar ist die Radikalisierung der als "Mutti" von so vielen Hilfesuchenden weltweit verehrten Hamburgin, die mittlerweile keinen Zweifel daran lässt, dass "eine Situation wie 2015" sich niemals wiederholen wird, ganz egal, welche Nöte und Verfolgungen Menschen irgendwie weitab von Deutschland zu erleiden haben werden. Nicht mehr um ein Deutschland, das als sicherer Hafen vor Krieg, Tod und Vertreibung fungiert, geht es, sondern um Abschiebungen und eine harte Linie, die der AfD und anderen Populisten abgeschaut wurde. Selbst Abschiebungen ins bürgerkriegsverheerte Syrien sind kein Tabu mehr: Eine "Neubewertung der Sicherheitslage" dort, wo nach wie vor der Giftgasmöder und brutale Diktator Assad herrscht, könnte den Weg frei machen, Menschen ins Elend zurückzuschicken, die doch eigentlich helfen sollten, die deutschen Sozialsysteme zu stablisieren




Mittwoch, 28. März 2018

Handelkrieg: Wie 2,5 Prozent die Welt zerstörten

Statistik: USA: Import von Gütern von 2006 bis 2016 (in Milliarden US-Dollar) | StatistaDie Furcht war allgegenwärtig. Würde es Donald Trump, der "irre" (FR) US-Präsident, der von nichts auf der Welt irgendeine auch nur geringe Ahnung hat, wirklich riskieren, 2000 Jahre abendländischer Geschichte mit einem Federstrich "auszumerzen"? (Franz Müntefering) Würde er Arbeitsteilung und Globalisierung abschaffen, eine neue Weltordnung ohne weltweiten Handel etablieren und damit schließlich ein weiteres Mal scheitern? Diesmal an einer "zerstörerischen Option" (Die Zeit), von der er einen "einfachen politischen Sieg" (Zeit) erhofft hatte?

Strafzölle in Höhe von 60 Milliarden Euro könnten nichts anderes bewirken als einen kompletten Zusammenfall der Handelsströme weltweit, da waren sich die deutschen Fachblätter einig. Trump greife die kooperative Weltordnung an, beklagte die Süddeutsche, das sei natürlich "alles andere als schlau", denn wer "das Recht des Stärkeren auf internationaler Ebene" wolle, wie der staatliche Deutschlandfunk eine grüne Handelsexpertin analysieren ließ, der wolle für sich Vorteile herausholen. Und das gehe nun mal gar nicht, weil es für alle Nachteile bedeute.

Das Erstaunliche an der Diskussion war von Anfang nicht der Umstand, dass im Land des Pro-Kopf-Exportweltmeisters jede drohende Erschwernis für Exporte als Bruch von Menschen- und Völkerrecht begriffen wird, selbst wenn man selbst auf Exporte Strafzölle erhebt, die weit über den angedrohten amerikanischen liegen. Nein, erstaunlich war vor allem, dass einmal mehr jede Erwähnung von Größenverhältnissen fehlt, die eine Einordnung der Diskussion erst möglich machen würde.

Denn diese Größenordnungen sind bemerkenswert: Im Jahr 2016 wurden Waren im Wert von rund 2.251,4 Milliarden US-Dollar in die USA importiert - die von Trump angedrohten Zölle in Höhe von 60 Milliarden Dollar entsprächen damit einem Aufschlag von etwa 2,5 Prozent auf das Gesamtimportvolumen. Anzunehmen, dass ein solch marginaler Aufschlag etwas anderes bewegen wird als kurzzeitig einige Aktienkurse, erinnert an den bizarren Kinderglauben, der weit weg, tief in der deutschen Vergangenheit, Menschen zur Überzeugung brachte, eine Erhöhung der Abgaben auf Einwegverpackungen könnte das Volk zu einem aus begeisterter Mehrwegkäufer erziehen.

Neuer Außenminister: Maasanzug hilft Klimasparen

Der federleichte Klimasparer und sein gravitativ benachteiligter Vorgänger: Heiko Maas und Sigmar Gabriel.
Der letzte Amtsinhaber war ein gewaltiges politisches Tier, ein Mann wie ein Berg, die Brust ein kohlscher Trichter auf zwei stämmigen Beinen, der Kopf groß genug, um neben der ganzen Weltpolitik auch noch genug strategisches Vermögen vorrätig zu halten, um damit Deutschlands größte Partei von einem Desaster zum nächsten zu führen.

Sigmar Gabriel, der letzte Rock´n´Roller der Schröder-Ära (Spiegel), fühlte sich in seinem letzten Amts als Außenminister überaus wohl - er trug es wie eine hautenge Jeans, trotz Babyjahr und vermehrter Konzentration auf die kleine Familie daheim im Niedersächsischen. Gabriel war nicht der Außenminister, der war Außenminister, als sei er dafür geboren, die Grenzen weltweit neu zu ziehen, die Mächtigen an die Kandare zu nehmen und den Völkern der Welt ein leuchtendes Beispiel dafür zu geben, dass ein Deutscher mit Nazi-Vater die Welt zu einem besseren Platz machen kann.

Gabriel war bei den Menschen draußen im Lande beliebt, selbst das "Pack" (Gabriel) zollte ihm Respekt. Er hatte wenige Fehler gemacht und die waren angesichts des zeitlupenhaft ablaufenden Zusammenbruchs der deutschen Sozialdemokratie kaum noch wahrgenommen worden. Gabriel schien alternativlos als deutscher Chefdiplomat für Merkels vierte Amtszeit, seine Suche nach den Resten von Vernunft an fernen Gestaden war auch längst noch nicht beendet.

Als Andrea Nahles und Angela Merkel dann entschieden, nicht Gabriel, den Genscher der 2010er Jahre, sondern den Saarländer Heiko Maas zum neuen Mann im Außenamt zu machen, herrschte weitgehend Unverständnis. Von einer Strafe gegen den wuchtigen Niedersachsen war die Rede, dessen Erzählungen vom Kindermund in der kleinen Familie hätten für Unmut in Regierungskreisen gesorgt, hieß es.

Doch augenscheinlich waren die wahren Hintergründe der Umbesetzung ganz andere: Merkel und Nahles haben sich, so heißt es im politischen Berlin, vor allem aus Klimagründen für Maas und gegen Gabriel entscheiden. Eine nur konsequente Wahl, denn nachdem der treue Peter Altmaier für seine Feuerwehrdienste im Kanzleramt mit dem Wirtschaftsministerposten belohnt worden war, drohten Deutschlands Reiseministerien in eine eklatante Klimaschuld zu rutschen. Um Altmaier in andere Länder und auf weit entfernte Kontinente zu transportieren, ist aufgrund des politischen Schwergewichts des Saarländers ein vergleichsweise großer Aufwand erforderlich. Wäre der ähnlich von den Auswirkungen der Gravitation betroffene Gabriel gleichzeitig Chef im Außenamt, so das Kalkül der beiden Chefinnen von SPD und CDU, entstünde eine Kohlendioxid-Schuld, die die Klimanation Deutschland weltweit in einem schlechten Licht dastehen ließe.

Hier nun kommt Heiko Maas ins Spiel, der sich als Justizminister vor allem um einen neuartigen Meinungsfreiheitsschutz verdient gemacht hatte. Maas wiegt nur etwa ein Viertel so viel wie Gabriel, seine 47 Kilo Lebensgewicht, verteilt auf eine lichte Höhe von 1,59 Meter, sparen bei einem Überseeflug stolze 1,5 Tonnen CO2 verglichen mit dem Transportaufwand, den noch die Beförderung des gravitativ benachteiligten Gabriel erfordert hatte. Gemeinsam mit der ähnlich leichtgewichtigen Ursula von der Leyen, die dem dritten Reiseministerium (Verteidigung) vorsteht, gleicht Maas so mehr als aus, was Peter Altmaier der deutschen Klimabilanz mit seinen spontanen Besuchen in Übersee antut.

Der Maasanzug, eng geschnitten und das Leben in geschmackvollem Ambiente gewohnt, hilft der großen Klimaökonomie Deutschland hier wirtschaften in Zeiten von Klimakiller Trump und zurückgehendem Interesse am Überlebenskampf der Spezies Mensch. Alles in allem also eine kluge und weitsichtige Entscheidung der beiden Parteiführerinnen, die zeigen, dass sie nicht nur kurzfristige Popularitätsgewinnen im Auge haben, sondern auch an nachfolgender Generationen denken, von denen wir die Erde nur geborgt haben bis der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet und der letzte Fisch gefangen ist und wir merken werden, dass man Geld nicht essen kann.



Dienstag, 27. März 2018

Islamstreit: Wechselwochen für Gläubige

In der Diskussion um die Zugehörigkeit des Islam zu Deutschland hat sich die FDP für die Einführung des sogenannten Wechselmodells ausgesprochen. Im Deutschen Bundestag forderte die Partei, im Streit zwischen Islamablehnern und Islambefürwortern Wechselwochen einzuführen. Dabei würde auf jeweils eine Woche, in der der Islam zu Deutschland gehört, eine Woche folgen, in der die christlich-jüdische Prägung unseres Landes erhalten bliebe.

Die FDP will nach eigenem Bekunden mit ihrem Antrag eine "smarte Lösung" des seit den Wulff- und Sarrazin-Kriegen andauernden Islamstreit befördern. Vorbild sei das familienrechtliche Modell der Liberalen, bei dem die Kinder von getrennt lebenden Elternteilen im Wechsel zeitlich gleich lang betreut werden. Das Wechselmodell sei gerecht und in der Regel für alle Gläubigen akzeptabel.

Das hatte auch der Bundesgerichtshofs BGH bestätigt, als er 2017 entschied, dass Mütter und Väter prinzipiell die Möglichkeit haben, das Wechselmodell vor Gericht gegen den Ex-Partner durchzusetzen. Das Wechselmodell ist im Familienrecht schon jetzt im Einzelfall möglich, im Religionsrecht hingegen gilt die Idee als noch unerprobt. Fraglich sei, ob sich eine schnelle Einigung darüber erzielen lasse, welche Wochen künftig Islamwochen sein sollen, hieß es im politischen Berlin. Ein rein funktionaler Wechsel zwischen geraden und ungeraden Wochen gilt wegen des religiösen Kalenders der weltweiten Umma als nicht praktikabel.

Hier gebe es noch Diskussionsbedarf, hieß es im Bundestag. So müsse die Frage des jeweils wechselnden Zeitraumes des Ramadan beachtet werden. Der Antrag wurde an die Ausschüsse überwiesen.

KGB-Morde: Auf Bärenjagd im Diplomatenviertel


Es trägt die Züge einer traurigen Komödie, was in der Realfilmrepublik läuft. Hier ein EU-Kommissionspräsident, der mit Rücktritt droht, sollte ihm nicht gestattet werden, einen jahrelangen treuen Gefolgsmann vor dem eigenen Abschied noch mit dauerhaften Pfründen zu belohnen. Dort der Haftbefehl eines EU-Partnerlandes gegen einen gewählten Volksvertreter, dessen Eintreten für den Wunsch der Katalanen nach Unabhängigkeit von Madrid als „Rebellion“ verfolgt wird – gemäß Definition der „offene Aufstand einer kleinen Gruppe“. Die allerdings in Katalonien eine Mehrheit bildet.

Damit alle Deutschland folgen



Deutschland aber folgt, damit alle anderen Deutschland weiter folgen. Der Rebell wird verhaftet werden, dann folgt eine Auslieferung an den spanischen Partnerrechtsstaat, der sich traditionell auf Berlin verlassen kann. Schon das Dritte Reich duldete auf seinem Boden keine Umtriebe gegen die Staatsführung befreundeter Nationen. 1940 verhaftete die Gestapo den letzten für eine Unabhängigkeit vom Mutterland eintretenden katalanischen Präsidenten Lluis Companys in Frankreich und lieferte ihn an Spanien aus, wo er hingerichtet wurde.


Damit zumindest ist diesmal nicht zu rechnen, denn die Bundesregierung achtet streng darauf, dass die Menschenrechte eingehalten werden. Putin tut das nicht, er mordet so dreist, dass seine Geheimoperationen 600 Werst gegen den Wind nach Kreml stinken. Völlig unfähig sind nicht nur russische Hacker, denen es zwar immer wieder gelingt, in deutsche Regierungsnetze vorzudringen, die dabei aber stets und ständig kyrillische Buchstaben verlieren.

Am Vorabend eines Krieges


Nein, auch die aktuelle Generation der hochprofessionellen KGB-Mörder greift im Ernstfall zu einem exklusiv russischen Biokampfstoff, um längst vergessene Verräter zu richten. Und das misslingt dann noch, so dass das Opfer auf Genesung hoffen darf. Statt die Blamage nun aber eine zu nennen, weil sie kaum dem Zwecke dient, den zeitgleich durch Großbritannien galoppierenden größten Missbrauchsskandal aller Zeiten ausreichend gründlich zu verdecken, weisen die westlichen Verbündeten russische Diplomaten aus, als wollten sie die Welt schnellstmöglich an den Vorabend eines Krieges rücken.

„Wir senden damit auch ein Zeichen der Solidarität mit Großbritannien“, schreibt der neue Außenminister Heiko Maas beim US-Portal Twitter, ohne zu erklären, was das „auch“ genau bedeutet: Wenn es auch ein Zeichen der Solidarität ist, was ist es noch? Ein Zeichen für Kriegsbereitschaft? Für Vorfreude auf eine neue Völkerschlacht? Für Jucken in der Hose?

Jucken in der Hose


Tröstlich: "Wir haben die Entscheidung nicht leichtfertig getroffen", sagt Maas denen, die - vielleicht wegen seines geringen Körpergewichtes - vielleicht meinen könnten, es sei anders. Aber Maas hat die Entscheidung vielleicht gar nicht getroffen. Denn zeitgleich wiesen auch die USA russische Diplomaten aus, ebenso verfuhren Dänemark, Frankreich, Litauen, Polen und Tschechien. Die Ukraine schickt sogar gleich 13 Diplomaten fort, um ihre Dankbarkeit dafür zu zeigen, dass die EU-Staats- und Regierungschefs bei ihrem Gipfel festgelegt hatten, Russland stecke „sehr wahrscheinlich“ hinter der Tat.

Unter dem Druck des Kreml rückt der Westen zusammen, Deutschland macht mit seiner überlegenen Moral Schule und steht endlich wieder Schulter an Schulter mit dem "irren" (FR) US-Präsidenten Trump, dem Polen Kaczynski, der dabei ist, die gemeinsamen Werte der EU zu verraten, dem tschechischen Milliardär Babis, der grundsätzlich gegen die Aufnahme von Flüchtlingen ist, und den dänischen Populisten, die gerade einen Grenzzaun zu Deutschland planen.


Wie auch nicht? Es ist die Stunde der Not, der Moment, in dem der Verstand in die Trompete enteilt und nur noch abzurechnen bleibt, "welches Land wie viele russische Diplomaten ausweist" (Die Welt). Der Kreml hat das verdient, denn wie leicht hätte Putin versuchen können, bei seinem miesen Racheakt an dem Überläufer Spuren zu vermeiden, die auf ihn als Urheber hinweisen? Oder er hätte gar welche legen lassen können, die von ihm ablenken? Aber nein, er wollte wohl, dass alle Welt erfährt, dass Russland nicht einmal in der Lage ist, einen 66-jährigen Oberst a.D. um die Ecke zu bringen.

Ja, der Ehrgeiz. Man kennt die Geheimdienste, sie agieren mit offenem Visier, häufig werden Visitenkarten, Personalausweise und Bekennerschreiben an den Tatorten hinterlassen, nur um sich später mit der Tat brüsten zu können. Tja, das haben sie nun davon, die Russen.


Montag, 26. März 2018

Palast der Republik: Tod eines Architekten



Selbst im Tode blieb er, was er war: Ein "DDR-Architekt", wenn auch "einer der namhaftesten" (Die Welt). Manfred Prasser, der den Friedrichstadtpalast und das heutige Hilton in Berlin baute,konnte damit leben, weil er musste: Kein deutscher Architekt zu sein, sondern einer dieses halbdeutschen Teilstaates, dem er half, den "Palast der Republik" zu errichten, der nach dem Mauerfall zu einem Symbol für das wurde, was der Westen am Osten nicht haben wollte.

Prasser, 1932 in Chemnitz geboren und bei der NVA zum Architekten ausgebildet, trug schwer an der Vernichtung des großen Saales im Palast, den er mit höhenverstellbaren Decken, schwenkbaren Parkette und kubischen Panoramen in einen Ort der Zukunft hatte verwandeln wollen. „Es ist ein Haus, das Menschen gebaut haben und nicht Erich Honecker“, betonte er. „Ich bin stolz auf meine Arbeit.“

In tausend Tagen erbaut, war der als "Erichs Lampenladen" verspottete Teilzeit-Tagungsort der Volkskammer, der auch Schauplatz von regelmäßigen Fernsehshow-Aufzeichnungen und von legendären Konzertgastspielen wie dem von Udo Lindenberg im Jahr 1983 war, niemals ein Herrschaftsgebäude wie so viele andere Häuser in Berlin, in denen nach den Nazis die Kommunisten regierten, ehe später die Institutionen der Demokratie einzogen. Doch, so glaubte Prasser, "der Palast sollte als angebliches politisches Symbol beseitigt werden."

Aus dem Vorzeigebau wurde die asbestverseuchte Altlast eines untergegangenen Systems, ein Bau ohne Funktion, der der Wiedererrichtung eines als angemessener scheinenden anderes Symbols im Wege stand. Das Stadtschloss, ab 1871 kaiserliche Residenz, im II. Weltkrieg beschädigt und 1950 gesprengt, wird seit 2013 unter Verwendung rekonstruierter wesentlicher Fassaden- und Gebäudeteile neu errichtet.

Die Fertigstellung des Hauses, das anstelle seines Palastes entsteht, wird Manfred Prasser nicht mehr erleben. Der 85-Jährige starb bereits am Dienstag vergangener Woche.


Merkel IV: Eine Frau geht seinen Weg

Beim vierten Mal ist es ein Retrospektive, immer. Der Charme des neuen Anfangs ist dahin, die Begeisterung über sich selber, die romantische Vorstellung, "machen wir es hierbei richtig, dann werden wir Deutschland zu neuer Stärke führen", wie Angela Merkel 2009 gerufen hatte, damals, als Bundesregierungen noch nicht im März zustandekamen, sondern auf die alte Art, vor Weihnachten, sie ist fort, verweht im Wind der Zeit.

Als Angela Merkel 2005 zum ersten Mal als Kanzlerin antrat, begründete sie eine "Koalition der neuen Möglichkeiten", die "alles hinter uns lassen und neue Wege gehen" sollte und "mehr Freiheit wagen" wollte. Verlässlichkeit, so versprach die Neue im Bundeskanzleramt, solle das Markenzeichen ihrer Regierung sein, die "in diesem Land ein Klima der Zuversicht, des Mutes und der Perspektiven für das eigene Leben" schaffen werde.

Vier Jahre später war davon nicht mehr direkt die Rede. Wie jede jeder routinierte Rummelzauberer vermied es Angela Merkel, ihre Vorhaben direkt abzurechnen. Stattdessen war die Mittfünfzigerin nun angetreten, "Deutschland zu stärken und dabei den Zusammenhalt unseres Landes zu festigen" (alle Zitate: Angela Merkel, 10.11. 2009). Gerade 32 Mal benutzte Deutschlands erster weiblicher Kanzler in seinem zweiten Anlauf das Wort "haben" - beim ersten Mal waren es noch 96 Mal gewesen. 33 Mal hingegen "Regierung" und "Bundesregierung" als Synonym für das Werkzeug, das die von Merkel zur "Koalition der Mitte" ernannte Staatsführung nun in Form von "fünf Aufgaben anpacken" werde.

"Erstens", so Merkel 2009, "wir müssen die Folgen der internationalen Finanz- und Wirtschaftskrise überwinden". Zweitens müsse das Verhältnis der Bürgerinnen und Bürger zu ihrem Staat verbessert werden, drittens müsse ma Antworten auf die Veränderungen des Altersaufbaus finden, viertens einen zukunftsfesten Umgang mit den weltweiten natürlichen Ressourcen finden und dazu einen globalen Ordnungsrahmen aufbauen und fünftens müsse das Verhältnis von Freiheit und Sicherheit in der Innen- und Außenpolitik angesichts neuer Bedrohungen "weiter gefestigt werden".

Angesichts dieser ein Jahrzehnt zuvor selbstgestellten Aufgabe liegt es nahe, dass Angela Merkel in der vergangenen Woche lieber nicht allzugenau zurückschauen mochte, als sie ihre inzwischen vierte Regierungserklärung zur Amtseinführung vor dem Bundestag hielt. Merkel geht es jetzt nicht mehr so sehr um hinderliche Details, um Krisen und Beschwernisse. Sondern um "Menschen" und "Land" - die beiden Begriffe sind mit 32 und 30 Verwendungen die meistgebrauchtesten Substantive der ewigen Kanzlerin. Das ist nicht neu, sondern eine Rückkehr: 2009 kamen "Menschen" gerade dreizehnmal vor, das "Land" sogar nur elfmal. 2005 aber benutzte Merkel "Menschen" noch 50 mal und das "Land" 35 mal.

Deutschland dagegen, eben jenes "Land" (Merkel), dem die Hamburgerin so fürsorglich vorsteht, ist ein einziges Schwundthema. 42 mal kam es 2005 vor, 25 mal 2009 und 2013 nur noch 15 mal. Damals hatte Merkel sich gerade als große Europa-Politikerin erfunden und ihre Antrittsrede gleich in Brüssel gehalten. Ihre Rückkehr nach Berlin ändert daran nicht viel: Zwar sind von den vor dem EU-Parlament ritualisiert heruntergebeteten 34 "Europas" nur noch schmale neun geblieben. Deutschland aber hat das kaum geholfen - es kommt trotzdem nur 21 mal vor und damit so selten wie noch nie in Merkels Antrittsreden.

Stabil dagegen ist das Wir. Wenn Merkel zu dedn Ihren spricht, kommt es zwischen 160 (2013) und 500 Mal (2005) vor. In der aktuellen Rede sind es 256 Stellen, überwiegend verwendet Merkel das Pronomen als Pluralis Majestatis, wenn sie konstatiert, dass "wir in den vergangenen Jahren keine neuen Schulden aufgenommen haben und obwohl wir mehr Geld für Bildung und Forschung ausgeben" oder lobt, dass "wir diese Menschen aufgenommen und sie nicht abgewiesen" haben.

Ein trotziger Stolz schwingt da mit, dass "die bei uns ankommenden Menschen n ihrer übergroßen Mehrheit nichts dafür konnten, dass die internationale Gemeinschaft sie fast vergessen hatte" und "wir" sie "als Menschen in Not aufgenommen" (Merkel) und "diese Aufgabe im Großen und Ganzen bewältigt" haben.


Sonntag, 25. März 2018

Dramolett im Bett: Tagesfreizeit mit Teströhrchen

Sexy-Nadine steht zwischen zwei Männern und kann sich nicht entscheiden.
Wie das Leben so spielt, wenn es sich jemand ausdenkt, der nur Doku kann. Nadine ist 24 und seit zehn Jahren mit Peter zusammen, den es aus Afrika nach Halle an die Saale verschlagen hat. Die beiden haben drei Kinder zusammen, aber außer einer gewissen Moppeligkeit kaum Gemeinsamkeiten. Peter spricht deutsch, aber so, dass niemand ihn versteht. Nadine schweigt zumeist, oder sie ningelt in einem klagenden Ton, der Peter auf die Palme bringt, obwohl es in Halle gar keine Palmen gibt. Der in die halleschen Sozialhilfestrukturen fest integrierte kleine Mann mit dem großen Mund hat sich früher immer in den muchtigen Keller des Mietshauses zurückgezogen, in dem er mit der geliebten Nadine eine recht hübsche und gut beheizte Wohnung bewohnt.

Unten traf er sich dann mit anderen Frauen und macht "Mist" wie er es nennt. Nadine, die in dieser Tragikkomödie nicht nur die Julia, sondern auch noch den Vater Capulet spielen muss, hat Peter daraufhin hinausgeworfen. Weil die brustdralle Hausfrau, die irgendwann zwischen Schwangerschaft zwei und drei eine Konditoreihelferinnenlehre absolviert hat, anziehend auf die Herrenwelt wirkt, ist aber in der Eingangsszene schon der Neue im Haus: Marcel, ein großgewachsener 18-Jähriger, der das Pulver sichtlich nicht erfunden hat. Sichtlich. Er stehe auf ältere Frauen, sagt er, und hat seinen Text damit komplett abgeliefert.

Warum nicht, Peter steht ja auch auf ganz, ganz junge. Hier geht es um Konflikte, hier geht es um Dramen. Peter, von einem Schwall aus rundgeschliffenen Worten umgeben, wirft ... aus der Wohnung. Nadine ist vor Verblüffung verstummt. Peter will sie wieder lieben. Und er will geliebt werden. Seine Familie ist ihm das allerwichtigste, neben dem Flachbildfernseher, den sich das junge Glück in den Jahren nach dem beiderseits einvernehmlich vollzogenen Kindesmissbrauch von der kargen Stütze geleistet hat.

Ein Film wie das wahre Leben, ein Kracher, dem die oscarreif chargierenden Darsteller in jeder Sekunde ihren Stempel aufdrücken. Peter hat seine großen Szenen in der Aufwallung - ein Hauch von Bruno Ganz schimmert auf, wenn der aus unbekannten Gründen ins Abendland migrierte Hallenser seiner geliebten Nadine Schlampentum und Kindesvernachlässigung vorwirft, die große Greta Garbo dagegen findet sich wieder im souveränen Spiel Nadines, wenn sie zwischen zwei Männern, zwischen Glück und Verzweiflung, zwischen Weiterso und Erstmalsehn wählen muss.

Die Kamera fängt die schiere Verzweiflung des Entwurzelten ein, als sie Peter beim Sperrmüllrundgang mit einem Freund begleitet. Eine echte afrikanische Ebenholzgiraffe liegt da im Weggeworfenen der Zivilisation. "Schlimm", findet das der Mann, der ausweislich der Bilder aus seinem verrümpelten Keller nie irgendetwas wegwirft. "Die Deutschen schmeißen alles fort", übersetzt der Untertitel sein Gebrabbel, "die Deutschen haben keine Geschichte". Ganz im Gegensatz zu ihm, seinem Freund und dem Rest des Heimatkontinents, der sie in der Weichholzschnitzerei eine wahre "Antiquität" erkennen lässt. "Die kannst Du mitnehmen", empfiehlt der Freund, "die kannst Du teuer verkaufen". Deutsche sind dumm, die lieben sowas.

Schöpfern solcher Skulpturen bezahlen sie ein kostenloses Leben bei sich, inklusive kostenlosem Aidstest, Handy und Markenklamotten. Nadine ist hin und hergerissen. Kann sie Peter, den Unwiderstehlichen, wirklich gehen lassen? Fühlt sie sich hingezogen genug zu Marcel, dem schrankartigen Baseballkappenträger ohne Mund? Sie fühlt sich ein bisschen schummerig, sie weiß nicht weiter.

Sie hat so viele Probleme, sie kann seit Jahren schon nicht mehr arbeiten gehen. Sie braucht Ruhe. Und einen Schwangerschaftstest. Im Wohnzimmer von Freundin Blondie, auch sie arbeitssuchend und mit viel Tagesfreizeit, taucht Nadine das Teströhrchen in eine Kaffeetasse. es dauern nur Sekunden, dann weiß sie, dass Deutschland dabei ist, die Geburtenraten drastisch nach oben zu fahren: Nadine ist wieder schwanger, das vierte Mal schon und vom dritten Mann, denn nicht der liebe Peter, sondern der Zwei-Wochen-Schwarm Marcel wird der liebende Vater sein. "Ich habe nicht aufgepasst", gesteht sich die Hauptdarstellerin in einem ihrer großen Monologe selbst, "ich habe das schleifen lassen". Jetzt aber werde sie sich sofort Kondome besorgen. Vorher aber steht noch die Entscheidung an, wie der Film ausgehen soll. wenn soll die Heldin wählen - Peter, den man nicht versteht? Oder Marcel, der nicht spricht?

Auf einem Spielplatz kommt es zum Showdown, High Noon am OK-Coral in Halle Süd. Peter immer Geck und immer modisch, hat noch einmal die Windjacke gewechselt, Marcel trägt ein Basecap. Nadine entscheidet, dass er gekommen ist, um zu gehen. sie brauche jetzt Ruhe, dass sie schwanger ist, verrät sie nicht. Der werdende Vater geht ab, unwissend, dass seine Jugend vorüber ist.

Er brummt noch, "gut, dann gehe ich jetzt". Peter hingegen frohlockt, ein Schwall feuchtwarmer Worte sprudelt aus ihm heraus, unverständlich, aber ernst gemeint. Er wird seine Familie nun wieder lieben, mit aller Kraft. Letzter Akt, letzte Szene: Nadine und Freundin ... schreiben böse Worte auf große Zettel, lassen sie im familieneigenen Aktenschredder kleinhäckseln und werfen sie dann vom Dach. Ende gut, alles gut.


Lehren ziehen: Was tun gegen Populisten, Nationalisten und Faschisten?

PPQ-Netzphilosophin Svantje Jürgenforscht in Freiberg an glaubwürdigen Rezepten gegen rechts.
Nahezu alle Länder außerhalb Deutschlands driften immer weiter ab in Populismus und Nationalismus. Eine bedeutende Rolle spielen dabei eine nicht überall so wie hier florierende Wirtschaft und die Flüchtlingskrise. Regierungen, die nicht von Populisten, Feinden der Demokratie und Europahassern in die Enge getrieben werden wollen, müssen sich wohl auf eine restriktivere Flüchtlingspolitik einlassen, obwohl die menschenrechtswidrig ist, im Widerspruch zum Grundgesetz steht und Angela Merkel nicht wüsste, was sie hätte anders machen sollen.

Ein Kommentar von Svantje Jürgen.

Rechtspopulisten aus ganz Europa klopfen sich überschwänglich auf die Schultern und feiern Sieg um Sieg über fortschrittliche, weltoffene, reformorientierte, liebevolle, wohlmeinende und europafreundliche Kräfte. Diese haben es in den vergangenen Jahren zwar auf beeindruckende Weise vermocht, den Euro zu retten, die Zinsen dauerhaft auf Null zu senken und Geld damit zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte kostenlos für jedermann zu machen.

Hetzern reicht es nie


Doch Wutbürgern, Hetzern, Hassern, Zweiflern und von Populisten von ganz rechts verunsicherten Abgehängten reicht das nicht, denn ihnen reicht es nie. Wir erinnern uns: Als sie das Rheinland wiederhatten, wollen sie das Sudentenland, als das wiedergewonnen war, sollte es Moskau sein.

Im Dauerbombardement der schlechten Nachrichten, angefangen beim Kräftemessen der zivilisierten Nationen mit Trump über demokratische Wahlentscheidungen im Westen, die immer öfter im Kreml getroffen werden, bis hin zum Streit im demokratischen Block über die künftige Verteilung von Ministerposten sehen sich viele schon an der Grenze zu Dritte-Welt-Staaten: Die Kriminalität steige, das Gefühl der Unsicherheit nehme zu, man zahle für alle und bekomme nichts. So glauben viele, gehirngewaschen und beeinflusst von AfD, Putin, Don Alphonso und Pegida.

Der Trend hin zu einem immer tiefer gespaltenen, immer nationalistischeren und faschistischerem Europa hält an. Niemand will mehr teilen, selbst in der SPD mehren sich Stimmen, die wieder mehr an sich selbst denken wollen als an andere. Und immer hängt die Flüchtlingskrise, die längst bewältigt wurde, wie ein dunkler Schatten über der Diskussion, die kaum je offen stattfindet. Europas Bürgerinnen, Bürger und BürgerInnnen, in diesem Punkt augenscheinlich unbelehrbar, fühlen sich allein gelassen mit Flüchtlingen, die doch die Rettung vor der demografischen Katastrophe bringen sollten. Doch Europas Spitzenpolitiker haben die Notwendigkeit zu spät und zu schlecht erklärt. Nun will ihnen niemand mehr zuhören.

Charme und Kraft reichen nicht


Der Abfall von immer mehr EU-Staaten vom Kernduo Frankreich-Deutschland ist ein erneuter Ausweis dafür, dass die Flüchtlingskrise die politischen Gewichte in Europa rasant verschiebt. Der Charme des französischen Präsidenten reicht selbst im Verein mit Angela Merkels wiedergewonnener Führungskraft nicht, Staaten, die sich von der Zuwanderung überfordert fühlen und kollektiv in Populismus und Fremdenhass flüchten, zur Raison zu bringen.

Man mag dies als inhuman verurteilen, aber es ist auch Wille vieler Wähler, dass sich Europa gegenüber Zuwanderung stark abschottet. Regierungen, die nicht von Populisten, Feinden der Demokratie und Europahassern in die Enge getrieben werden wollen, müssen sich wohl auf eine restriktivere Flüchtlingspolitik einlassen. Es ist erschütternd, wohin dieses Europa, unser Garant für Frieden, in den vergangenen drei Jahren getrieben ist: Wer nicht will, dass die Nazis übernehmen, muss selbst zum Nazi werden und seine Regierungsarbeit an den faschistischen Forderungen von vorbestraften Kleinkriminellen ausrichten.

Ein Gedanke, der erschreckt, weil Flüchtlinge, die ihre Heimat ja nicht aus Jux verlassen, weiterhin dringend Hilfe benötigen. Doch fällt Europa erst ganz in die Hände politischer Brandstifter, wäre diese Hilfe erst recht nicht mehr möglich. Europa braucht deshalb kämpferische Demokraten, die Menschen glaubhaft den Eindruck vermitteln, dass sie ihre Sorgen ernst nehmen, die Wohlstand versprechen, und sozialen Frieden aus Steuermitteln stiften. Und sei es um den Preis, frühere Versprechen zu brechen.

Samstag, 24. März 2018

Doku Deutschland: 17,50 Euro, wenn alles glattgeht

Homepageeintrag eines Malerbetriebes aus Iserlohn, in dem der Inhaber beschreibt, warum er sich nicht an einer kommunalen Ausschreibung zur Beseitigung eines Wasserschadens in einem örtlichen Kindergarten beteiligt hat. Die Wirklichkeit überholt jede Fantasie.


In der letzten Woche bekam ich per E-Mail Ausschreibungen einer Kommune.

Es geht um einen Wasserschaden in einem Kindergarten, der beseitigt werden muss.

In dieser Email befinden sich folgende Dokumente für den Bereich Malerarbeiten:
1. Eine GAEB Datei zum Einlesen in unsere EDV
2. Ein pdf mit der „Aufforderung zur Abgabe eines Angebotes“ (3 Seiten)
3. Der „Angebotskennzettel bei elektronischen Vergabeunterlagen“ (1 Seite)
4. Die „Teilnahmebedingungen“ (3 Seiten)
5. Die „Besonderen Vertragsbedingungen“ (3 Seiten)
6. Die „Zusätzlichen Vertragsbedingungen“ (1 Seite)
7. Die „Eigenerklärung zur Eignung“ (3 Seiten)
8. Das „Angebotsschreiben“ (2 Seiten)
9. Das „Leistungsverzeichnis“ als pdf (8 Seiten)
10. Eine Anlage mit Plänen und Fotos (3 Seiten)

Wow-Riesenauftrag, sollte man meinen, aber weit gefehlt: Es geht im Bereich Malerarbeiten um den Austausch von 14 m² Rauhfasertapete und den Anstrich eines Raumes mit 46 m² Wandfläche.

Ein geschätzter Gesamtauftragswert von ca. 350 €/netto!

Es werden zwar noch Stundenlöhne abgefragt, es ist aber aus der Ausschreibung nicht zu erkennen, dass diese notwendig sind und diese dürfen auch nur auf ausdrückliche Aufforderung des Auftraggebers ausgeführt werden.

Wenn ich jetzt mal ambitioniert mit 5% Reingewinn rechne, erlöst dieser Auftrag 17,50 €, wenn alles glattgeht.

Dafür lese und beachte ich 27 DIN-A4-Seiten und fülle diese aus!!!

Und diese „Riesenausschreibung“ ist dann auch noch von einem externen Ingenieurbüro erstellt worden, also noch mehr Kosten produziert, als notwendig….!

Und die Ausschreibungen im gleichen oder größeren Umfang erreichten uns auch für die Bereiche „Bodenbeläge“ und „Wärmedämmung“ bei demselben Wasserschaden in demselben Kindergarten! (Das heißt -grob gerechnet- für vielleicht 2.500 € Umsatz über 80 Seiten lesen und ausfüllen!)

Wundert sich da noch jemand über die Lähmung in unserem Land? Über die wahnwitzigen Verzögerungen bei öffentlichen Bauvorhaben? …und wenn doch alles im Vorfeld mit diesem Riesenaufwand „geregelt“ und tot-verwaltet wird, wie kann es dann sein, dass es zu den unvorstellbaren Verzögerungen und Kostensteigerungen bei den bekannten öffentlichen Bauvorhaben kommt? (Elbphilharmonie, Stuttgart 21, Berliner Flughafen)

Gelten ab 100 Millionen € Auftragsvolumen laschere Regelungen?

Wir machen diesen Wahnsinn nicht mit und ich habe freundlich per E-Mail abgeschrieben (oben).

Auf diese E-Mail habe ich dann 4(!) Lesebestätigungen erhalten – also 4 Menschen im Bauamt beschäftigen sich mit einer einzigen E-Mail…. Respekt!

Da wundert man sich doch nicht, dass die Kommunen keine Handwerker mehr finden, wie jüngst „Report“ berichtete.

Vielleicht kann die Vergabestelle dieser Stadt auch nichts dafür und hat ihre Vorschriften einzuhalten – aber dann müssen die Regelungen in Bund und Land deutlich vereinfacht und ausgemistet werden, um ein zielorientiertes und kostenbewusstes Arbeiten wieder möglich zu machen!

Staatswodka: Der Kampf der Kommunisten gegen den Rausch

Sechs Jahre erst war die glorreiche Oktoberrevolution vorbei und schon drohte der erste sozialistische Staat unter der Sonne zu scheitern. "Wenn das so weitergeht wie bisher", warnte Leo Trotzki seinen Kampfgenossen Stalin, "dann erreichen wir weder eine sozialistische noch eine kapitalistische Akkumulation." Das Volk nämlich, zur revolutionären Masse ernannt, befleißigte sich keinesweg einer höheren Moral. Es soff. Und es soff vor allem Selbstgebrannten - Zar Nikolai II. hatte Jahre zuvor ein Alkoholverbot ausgesprochen, das die Bolschewiki nach ihrer Machtergreifung einfach beibehielten. Lenin hatte ein Machtwort gesprochen: "Ich glaube, dass wir im Unterschied zu den kapitalistischen Ländern, die Schnaps und sonstige Betäubungsmittel in Umlauf bringen, solche Dinge nicht zulassen werden, weil sie uns zurück zum Kapitalismus führen würden, nicht aber zum Kommunismus."

Schnaps, das war ihr letztes Wort


Doch die Worte des Säulenheiligen der Revolution scherten die Massen kaum, wie Bogdan Musial in seinem Buch "Kampfplatz Deutschland" beschreibt. In einem Bericht der Geheimpolizei, die das Schwarzbrennen im Bezirk Pskow untersucht hatte, ist die Rede von 35 Prozent der Bevölkerung, die sich im Jahre 1924 ausschließlich vom Wodkabrennen ernährte. Die Profite waren enorm: Der Herstellungspreis eines Eimers Wässerchen, Samogon genannt, lag bei zwei Rubel, der Verkaufspreis bei 11 Rubel. 350.000 Pud Getreide, schreibt die Geheimpolizei, würde so für das Brennen von Alkohol verbraucht, der ausschließlich auf dem Schwarzmarkt verkauft werde. Das führe zu Getreidemangel und Exportausfällen, habe aber auch fatale Folgen für den Gesundheitszustand der Bevölkerung. Außerdem sei die Kriminalität enorm gestiegen.


Was tun? Lenin wollte dennoch am Schnapsverbot festhalten. "Wenn der Bauer den freien Handel braucht, dann müssen wir ihn gewähren lassen", legte er fest, "aber das heißt nicht, dass wir ihm erlauben, mit Fusel zu handeln." Dabei hatte ein anderer Block in der Parteiführung den Schnaps schon längst als Rettungsanker für die Revolution entdeckt. Die Einführung eines staatlichen Alkoholmonopols würde, so die Kalkulation, helfen, den Staatshaushalt zu sanieren und Mittel generieren, um die marode Wirtschaft auf die Beine zu bringen.

Gegen diese Argumente kämpften Trotzki und Lenin vergeblich. So sehr Trotzki auch gegen den "betrunkenen Haushalt" wetterte und intern Front dagegen machte, "das Budget auf Wodka" zu stützen - schon 1923 musste er entdecken, dass Stalin das Alkoholverbot aufgehoben hatte, um seine Popularität im Volke zu steigern. Eine staatliche Firma stellte 20-prozentigen Wodka her und verkaufte ihn. Eine Besprechung der Frage im ZK hatte es nicht gegeben, eine Kommission zur Wodkafrage war nie einberufen worden.

Stalin entschied allein


Trotzki war empört, Lenin krank und Stalin entschied allein. 1925 regte er an, die Stärke des Staatswodkas auf 40 Prozent zu erhöhen, um Einnahmen zu generieren, die dem Aufbau einer eigenen metallverarbeitenden Industrie dienen sollten. "Nebenbei ein paar Worte über eine Reservequelle - den Wodka", erläuterte er im Dezember 1925, "es gibt Leute, die glauben, man könne den Sozialismus in Glacéhandschuhen aufbauen. Diejenigen, die daran glauben, sind in einem großen Irrtum befangen."

Stalin berief sich nun genialischerweise ausgerechnet auf den Wodkafeind Lenin, um den staatlichen Schnapsverkauf zu begründen. Lenin habe immer gesagt, dass es zum Wodkamonopol kommen könne, wenn es nicht gelinge, im Ausland Kredite zu erhalten. das sei nun so und deshalb sei Lenin auch einverstanden damit gewesen, mit Alkohol den Staatshaushalt zu sanieren.

Planmäßig. Im Fünfjahrplan von 1928 war eine Steigerung des Schnapsverbrauchs um 227 Prozent vorgesehen - und das, nachdem der Konsum ohnehin schon von 0,6 Flaschen im Jahr anno 1924 auf 4,3 Flaschen im Jahr 1927 gestiegen war. Doch um die Rote Armee weiter ausbauen zu können, reichte auch das nicht. Schon im September 1930 schrieb Stalin an seinen alten Vertrauten Molotow: "Meiner Meinung nach müssen wir die Wodkaproduktion so weit wie möglich erhöhen. Wir müssen die falsche Scham abwerfen, direkt und offen eine maximale Erhöhung der Wodkaproduktion anzustreben, um eine wirklich solide Verteidigung unseres Landes gewährleisten zu können."

Die Auswirkungen waren beeindruckend. Die Rote Armee konnte 68.000 Soldaten zusätzlich in Uniform stecken. Im Lande aber wurde die Trunkenheit zur Volkskrankheit. "Mit dem Verkauf des 40-prozentigen Wodkas", meldete die Geheimpolizei, "lässt sich ein starkes Anwachsen der Trunkenheit unter den Arbeitern verzeichnen." Besonders an den Zahltagen erreiche die Trunkenheit Massencharakter, die Arbeitsbummelei wachse und eine Vielzahl von Arbeitern erscheine betrunken am Arbeitsplatz. In einer Fabrik hätten an drei Tagen nach dem Zahltag ganze 1300 Arbeiter nicht gearbeitet. Das Ganze werde begleitet von "amoralischen Erscheinungen": Prügeln von Ehefrauen, Rowdytum und Verelendung.

Die Wodka-Opposition


Die Wodka-Opposition warnte, denn das sowjetische System verliere so durch den Wodkakonsum nicht weniger als der Staatshaushalt durch den Wodkaverkauf einnehme. "Wodka wurde zur Geißel des Proletariats", schrieb Trotzki, "statt zur Waffe gegen die Schwarzbrenner auf dem Dorf zu werden." Die Senkung der Schnapspreise habe das Lebensniveau der Arbeiter gesenkt und seine Ernährung verschlechtert, der Sozialismus fordere die Hebung des kulturellen Niveaus des Proletariats, der Wodka aber senke es.

Einwände, die niemand mehr hören wollte. Bis zum Ende der UdSSR blieben die Einnahmen aus dem staatlichen Wodkaverkauf eine wichtige Quelle, aus dem sich der Staatshaushalt speiste.


Freitag, 23. März 2018

Was ist eigentlich: Grüne Physik?

Sie ist in aller Munde, gilt als einzige wirklich seriöse Möglichkeit, das Weltklima noch zu stoppen und wo immer von Grüner Physik die Rede ist, nicken alle Köpfe wie automatisch. Es herrscht von links bis rechts Einverständnis, dass sich gerade Deutschland hier eine Chance bietet, der Welt ein Beispiel zu zeigen, wie sich modernes Leben mit dem unerlässlichen Energieausstieg verbinden lässt, ohne dass Regierungsmitglieder oder Pendler auf Fahradfernwege umsteigen müssen.

Doch was ist eigentlich diese Grüne Physik, auf die die neue Grünen-Spitze mit Robert Habeck und Annalena Baerbock so schwört? Was unterscheidet sie von herkömmlicher Naturwissenschaft, welche Potentiale birgt sie und wie lauscht sie ihre Methoden dem legendären russischen Genie Trofim Denissowitsch Lyssenko ab, der als erster Forscher weltweit dazu überging, rechtsradikalen Rassismus nicht nur zu bekämpfen, sondern ihn gezielt wegzuzüchten?

Gedruckte Schaltungsmechanik


Bei den mit Hilfe der Grünen Physik angepeilten Umwelteffekten, bei denen das Netz als Speicher für überflüssige Strommengen dient, greift ein aus der gedruckten Schaltungstechnik bekannter Effekt: Aus Dünnfilmleitern und Mikromodultechnik gefertigte miniaturisierte oder mikrominiaturisierte elektronische Systemen schaffen netzintern einen mechanischen Zusammenhalt von negativ geladenen Neutronen, die bei Bedarf einen eigentlich aus der Weltraumtechnik bekannten Memoryeffekt zur Speicherung nutzen.

Für diese elektronische Funktion sind grundsätzlich isolierte Trägerplatten notwendig. Das funktioniert in der Praxis verblüffend gut: Molekularelektronische Bauelemente entbehren im Gegensatz zu anderen elektronischen Bauelementen aller Stütz- oder Trägerelemente und lassen so eine noch weitgehendere Verkleinerung als etwa im neuen Kinofilm "Downsizing" zu. Das Wesen der Grünen Physik besteht darauf ruhend darin, die Funktion einer ganzen bisherigen Energieindustrie in einem einzigen integrierten Bauelement - eben dem sogenannten Speichernetz - nachzubilden.

Die Welt selbst wird dabei zur Batterie, in der alles, was an Strom gerade nicht gebraucht wird, ohne Leitungsverlust so lange kreist, bis sich ein Abnehmer findet. Innerhalb eines solchen weltumspannenden Batterieblocks, der aus gefrorenem Halbleitermaterial besteht, können sich die grünphysikalischen Erscheinungen voll entfalten. Kennzeichnend für die sichtbaren Speichererfolge ist der Aufbau eines elektrischen Regelkreise auf molekularer Ebene, der sich global entfaltet. Die Herstellung von leitenden, halbleitenden und ionisierenden Schichten auf molekularer Grundlage geschieht dabei mit Hilfe einer besonderen Aufdampftechnik, die deutsche Spitzenphysiker patentieren lassen haben.

Netzspeicher ersetzt zwei Kleinstädte


Ein Netzspeicher für 60.000 Watt, der zwei Kleinstädte, acht Kohlemeiler oder und zwei Atomkraftwerke ersetzt, würde in herkömmlicher Bauweise etwa die Größe des Nordseebades Ostende haben. Als Mikromodulnetzbatterie aber ist er nur noch so groß wie ein Stück Würfelzucker und als vollausgebildeter Funktionsblock nach Bauplänen der Grünen Physik kaum noch größer als eine A6-Batterie.

Wunder der Wissenschaft. Dabei steht die Grüne Physik heute erst am Anfang. Völlig neue Wege unter Ausnutzung völlig anderer Eigenschaften der bekannten Materie zeichnen sich schon ab und versprechen durch bisher unerreichbar scheinende Volt-Packungsdichten die Fertigung elektronischer Speichernetze, die die Herstellung von Strom schon in wenigen Jahren völlig unnötig machen könnten.

Solche Geräte, die uns heute noch utopisch anmuten, funktionieren dann bereits auf mikromolekularer Ebene, das heißt, sie beziehen ihre Energie aus der Umgebungsluft. Heute staunen wir noch darüber, doch schon in wenigen Jahren werden uns diese "Wundergeräte" der Grünen Physik genauso etwas Selbstverständliches sein wie heute Smartphones, Transistorradios oder Flachbildfernseher, auf denen ausgebildete Spitzenmoderatoren der unerträglichen Hetze der Tellkamp und Co. mutig entgegentreten.


Medienvertrauen: Warum die Menschen ihre Lügenpresse wieder lieben

Nur selten in der Geschichte war das Vertrauen der Menschen in ihre Medien so groß wie heute.

Das Vertrauen in die Medien ist sechs Wochen nach der letzten großen Medienkrise so hoch wie nie, die Reichweiten der Tittenportale landauf, landab steigen, der „Spiegel“ erscheint meist am Samstag und seine Leserzahl spricht von zunehmender Exklusivität. Verstummt sind die Vorwürfe der "Lügenpresse", die Glaubwürdigkeit der Leitmedien ist so hoch wie zuletzt 1918.

Eine aktuelle Studie des Medienforschers Hans Achtelbuscher belegt, dass das kein Einzelfall ist, sondern die Dunkelziffer vermutlich sogar höher liegt. Achtelbuscher forscht am An-Institut für Angewandte Entropie der Bundeskulturstiftung zu aktuellen Phänomenen wie dem Themensterben in den deutschen Medien, Sprachregelungsmechanismen und dem Einfluss  subkutaner Wünsche auf die berichterstattete Realität. 

PPQ nahm den Experten für digitale Demenz bei einem Treffen in Bad Nauheim ins Kreuzverhör.

Herr Achtelbuscher, in ihrer Studie „Medien in Deutschland 2018“ kommen Sie zu dem Schluss, dass mittlerweile nur noch eine ganz kleine Clique von etwa 13 Prozent der Menschen in Deutschland der Aussage zustimmen, Medien für Fake News verbreiten. Der Wert entspricht fast dem Abschneiden der Grünen bei aktuellen Umfragen. Ein Zufall?

Achtelbuscher: Einerseits deckt sich dieser Wert beinahe, das ist richtig. Andererseits bedeutet es nicht, dass grüne Wähler, die an Glyphosatverschwörungen, die heilsame Wirkung deutscher Hilfslieferungen nach Afrika und das dritte Geschlecht glauben, gleichzusetzen sind mit denen, die den Medien nicht vertrauen und umgekehrt. Klar ist aber auch, dass es Verbindungen gibt. Wichtig ist erst einmal, dass wir es klar erkennen, dass sich nur noch jeder Zehnte in Deutschland von den Medien belogen fühlt. Das ist ein Schritt nach vorn: Fast 90 Prozent der Menschen glauben also, was ihnen gesagt wird.

Aber die radikalen Zweifler gefährden dennoch unseren gesellschaftlichen Zusammenhang, sagen Sie?

Achtelbuscher: Jedes Misstrauen gegenüber demokratischen Institutionen ist für diese gefährlich. Wenn dann etwa eine grüne Spitzenpolitikerin auch noch dafür trommelt, einen hart errungenen europäischen Konsens wie den über eine Weiterzulassung von Glyphosat, nur um bei dem Beispiel zu bleiben, durch einen nationalen Alleingang zu torpedieren, dann ist das Wasser auf die Mühlen solcher Unzufriedenen, die aus der eigenen wirtschaftlichen Lage – Beamtenhaushalt, zwei Kinder, Klavierunterricht und Lateinnachhilfe – schließen, dass niemand einen Grund hat, nicht vegan zu leben.

Kann man bei diesen „üblichen Verdächtigen“ in aller Zerrissenheit gemeinsame Motive abbilden?

Achtelbuscher: Nein, dazu ist die Szene zu gespalten. Aber man kann sagen, dass öffentlich-rechtliche Medien oder auch Tageszeitungen und Magazine überdurchschnittlich viel Vertrauen genießen, verglichen mit Schmuddelblogs und kleinen Internetklitschen, die den meisten Deutschen meistens nicht einmal bekannt sind. Unserer Meinung nach hat das mit der sogenannten Fake-News-Kampagne der Bundesregierung zu tun, in der ja nachdrücklich vor einem Umgang mit nicht-regierungsamtlichen Quellen gewarnt wurde, die den Bundestagswahlkampf beeinflussen wollten.

Das hat dann nicht geklappt?

Achtelbuscher: Ein Irrtum. Besser als jetzt konnte es für Russland nicht laufen. Putin soll, so heißt es in Moskau, jeden Abend stundenlang über die Situation in Berlin lachen. Jüngere wissen das aus dem Internet, verstehen es aber nicht. Älteren dagegen bleibt die Quelle verschlossen, weil sie ihr misstrauen. Aber die Unterschiede zwischen den Gruppen sind insgesamt nicht groß, weil es die meisten gar nicht interessiert. Ähnlich ist es bei Frauen und Männern. Frauen scheinen etwas skeptischer zu sein als Männer, da kommt wohl die jahrelange Lektüre von sogenannten Frauenmagazinen durch. Männer lesen einfach weniger und glauben dadurch mehr. Ostdeutsche sind von Haus aus verloren, Westdeutsche lassen sich stets mit Geld und dem Versprechen auf mehr Geld überzeugen.

Sie erheben die Daten seit 1908, und es gibt erkennbar einen positiven Trend. Zwischen 1908 und 2015 vertraute weniger als ein Drittel der Menschen in die journalistische Arbeit, 2016 und 2017 stieg das Vertrauen explosionsartig auf 42 Prozent, jetzt liegt es schon bei über 74 Prozent.

Achtelbuscher: Ich sage, diese neue Liebe der Menschen zu unseren Medien ist Belohnung für das ernsthafte Faktenchecken, mit dem die Leitmedien eine neue Ära des Journalismus eingeläutet haben. Es ist ja nicht so, dass nur das Vertrauen stieg, während die Auflagen sanken, sondern es hat auch kaum noch öffentliche Demonstrationen gegen Medien gegeben, über die nicht berichtet werden konnte. Damit endete eine Phase der Verunsicherung, einer Selbstzerfleischung, die teilweise alles infrage stellte, was auch gut und nützlich war.

Knapp 40 Prozent der Befragten sagten, die Medien würden ihr Lebensumfeld nicht abbilden. Das ist eine überraschend hohe Zahl, welche Themen fehlen?

Achtelbuscher: Grundsätzlich schaffen es große und herausragende Ereignisse leichter in die Nachrichten und nicht der Alltag einer alleinerziehenden Mutter aus Frankfurt-Rödelheim. Die Protagonisten in den Medien bilden nicht repräsentativ die gesamte Bevölkerung ab, das ist normal. Hier zählt das Schrille, das Fremde, das Schmutzige. Sex und Crime, dazu die Kanzlerin und die anderen Haupthelden der Berliner Puppenbühne, wie ich sie nennen. Figuren, die nach Jahren des fortgesetzten Auftauchens jeder in ihrer Rolle kennt. Da bleibt dann nicht aus, dass bestimmte Alltagsprobleme medial nicht aufgearbeitet werden können, weil keine Zeit mehr ist. Das Sterben der Menschen, die mit Messern in Berührung gekommen sind, ist so ein Thema. Oder ein anderes, wie sich die Einnahmen der Bürger und die Einnahmen des Staates auseinanderentwickelt. Oder wie Europa seine Gängelbänder behutsam in immer weiteren Lebensbereiche auslegt, als wolle es die Subsidiarität irgendwann ganz abschaffen. Das findet dann alles keinen Weg mehr in die Zeitungen und ins Fernsehen.

Zurück zu den Skeptikern: Wir bei PPQ diskutieren tagtäglich darüber, wie man deren Vertrauen zurückgewinnt, um sie wieder für unsere gemeinsame Sache zu gewinnen. Aber bei Themen, die schwer zu erklären sind, wie Flüchtlinge oder SPD,  stoßen wir an unsere Grenzen. Wie kann man jemanden, der anderer Meinung glaubt sein zu müssen, wieder in die Gemeinschaft der Demokraten zurückholen?

Achtelbuscher: Ich würde die Skeptiker auffordern, abzulassen von ihrem selbstzerstörerischen Tun. Das Internet kann kein rechtsfreier Raum sein, wo jeder schreibt, wie er will, und seine eigenen kleinen Erkenntnisse gleichberechtigt gegen die der Kanzlerin stellt. Im Sinne der Demokratie ist es gut, dass viele Menschen vorsichtig sind mit dem, was sie sagen und schreiben, und nicht blind mit denen mitschreien, die glauben, das ändere etwas. Diese Problemgruppe ist letztenendes klein, das sind  Wutbürger, die nur schreien. Das hört irgendwann auch wieder auf, wenn die gesunden Teile der Gesellschaft sich entschließen, es nicht zur Kenntnis zu nehmen.

Aber nach der Bundestagswahl erschienen plötzlich viele Berichte darüber, warum die AfD im Osten so stark abgeschnitten hat?

Achtelbuscher: Leider. Das war so ein Moment, in dem manche Redaktion die Nerven verlor. Wir Forscher nennen es Krenz-Phänomen, nach dem DDR-Politiker, der gegen Ende dieses bis dahin diktatorischen Staates plötzlich Transparenz predigte, um sich zu retten. Man hat damals gesehen, dass das nicht funktioniert, diese einfühlsamen Geschichten über Frust und Unglück, über Benachteiligte, Abgehängte und Arme, über all das, was bis dahin nicht wahrgenommen wurde. Das stärkt nur die Ränder.

Müssen wir stärker versuchen, die Frustrierten und Skeptiker zu verstehen, ohne gleich für ihr Verhalten Verständnis zu haben?

Achtelbuscher: Gerade nicht. Gefragt ist, sein Inneres zu panzern gegen die Versuchung, für Pediga-Demonstranten, AfD-Wähler, Internet-Pöbler und Oppositionspolitiker Verständnis zu empfinden. Wer meckert, muss auch nicht verstanden werden. Das ist einfach keine Aufgabe für Journalisten. Darum können sich Sozialarbeiter kümmern, wenn das nicht reicht, gern auch die Polizei. Aber die Methode, die Probleme dieser letztliche selbstsüchtigen und unsolidarischen Menschen öffentlich zu machen, funktioniert nicht. daraus ziehen die nur Selbstbestätigung. Das heißt, die Betroffenen kommen immer wieder, immer lauter, weil sie meinen, dass sie einen Anspruch darauf haben, dass jemand ihre Probleme löst. Aber für die Lösung der Probleme sind ja nicht unbedingt die Journalisten oder die Bundesregierung verantwortlich.

Sie haben in den Umfragen festgestellt, dass mehr als jeder Zweite nicht weiß, wie Medien funktionieren, wie Pressestellen arbeiten, wie in Großraumbüros per Copy&Paste Reportagen und hochwertige Analysen angefertigt werden. Besteht hier Aufklärungsbedarf?

Achtelbuscher: Ich denke nicht, nein. Vieles an dieser traditionellen Arbeitsteilung - Parteipressestelle schickt Erklärung an Agentur, Journalist liest bei Agentur, kopiert Aussage als Zitat, das aussieht wie selbst gehört, und analysiert dann je nach eigenem Bias - muss nicht öffentlich gemacht werden, weil dann traditionell eingespielte Vertrauensroutine Schaden nähme. Bei uns zu Hause lag immer eine Tageszeitung auf dem Frühstückstisch, mit 14, 15 habe ich dann angefangen, sie zu lesen. Und ich habe geglaubt, dass diese Leute, diese Journalisten, all das selbst gehört und gesehen hatten - die versunkene Fähre in Indien, die Diskussionen auf dem Bundestagsklo, den Streit zwischen Spitzenpolitikern. Erst später wurde mir klar, dass das Meiste daran einer Kombination aus Hörensagen und eigener Fantasie entspringt. deshalb sage ich heute: Die Marke ist zu wichtig, die Vorstellung, sie stehe für eine  bestimmte Qualität, muss erhalten bleiben, auch auf Kosten der Transparenz des Herstellungsprozesses.


Donnerstag, 22. März 2018

Zitate zur Zeit: Eigentlich ziemlich normal


Freie Meinungsäußerung im Netz ist eigentlich ziemlich normal. Nur in China nicht. Wie läuft die Zensur in der Volksrepublik ab?

Neugierige Blicke des öffentlich-rechtlichen Fernsehens nach Osten

HFC: Im tiefen, tiefen, tiefen, tiefen Tal


Elf Toni Lindenhahns hätten das Spiel gegen diese Magdeburger Mannschaft womöglich gewonnen. Aber da ist eben nur der eine - und das reicht nicht. Damals, als der Hallesche FC noch ein Niemand war, aber selbstbewusst, war der Verein aus der Saalestadt auch nicht mit fußballerischen Genies besetzt. Aber die Stark, Kamalla, Neubert und Horvat hatten eine Ahnung davon, dass sie in einem Spiel gegen Magdeburg, die stets bevorzugte Stadt im Norden, nicht einfach nur irgendein Trikot durch irgendwelche 90 Minuten trugen.


Zehn Jahre später ist nichts von diesem Wissen übrig. Der HFC des Jahrgangs 2018 präsentiert sich im Viertelfinale des Sachsen-Anhalt-Pokals wie ein toter Wiedergänger der Truppe von 2014, die als Favorit ins Endspiel gegen den Viertligisten FCM ging. Und ein Debakel erlebte.

Heute Abend ist alles noch schlimmer. Der Gast läuft nur mit einer B-Elf auf, weil die Konzentration der Magdeburger bis zum Mai ganz dem anvisierten Aufstieg in die 2. Liga gilt. Der HFC dagegen spielt mit dem, was zu Saisonbeginn als Bestbesetzung hätte durchgehen können. Bis auf Pintol, Röser und Zenga ist alles an Bord, was an Alphamännchen auf der Gehaltsliste steht.

Vermutlich liegt genau darin das Problem. Seit Monaten schon kam bei der von Trainer Rico Schmitt zusammengesetzten Mannschaft nie der Verdacht auf, es könne sich um ein verschworene Truppe handeln. Vielmehr erweckten die Gjasula, Fennell, Kleineheismann und Ajani den Eindruck von Handlungsreisenden in eigener Sache: kein Team spielte da, sondern eine Versammlung von mehr oder minder qualifizierten Fußballunternehmern, die den Gedanken an den eigentlich anvisierten Aufstieg früh als Hirngespinst abgehakt hatten und seitdem nur noch Schadensbegrenzung betrieben.

Trainer Schmitt, der Vater dieser Elf aus mobilen Fußballfirmen, hat es über zwei Jahre hinweg nicht geschafft, dem Konglomerat aus Lautsprechern, stillen Mitläufern und an den Rand geschobenen Urgesteinen ein taktisches Korsett zu gehen, eine zwingende Spielidee und eine an die spielerischen Möglichkeiten angepasste Strategie. Schmitt hat verdiente Spieler wie Brügmann, Furuholm und Pfeffer zum Teil brachial aussortiert. Um mit denen, die er als vermeintlich überragend bessere Alternative holte, ebenso brachial auf dem Bauch zu landen.

Der HFC-Trainer mit der schlechtesten Bilanz der letzten 20 Jahre leistet nun ausgerechnet im wichtigsten Spiel einer rundum miserablen Saison den Offenbarungseid. Der FCM, der diese Spiel vielleicht gar nicht gewinnen will, startet konzentrierter, ballsicherer, strukturierter. Die Rotweißen mühen sich, aber die Blauen wirken nie, als seien sie beunruhigt. Wie auch: Der erfolgreichste HFC-Torjäger der Saison steht bei jämmerlichen fünf Treffern, zwölf weniger als der Ligabeste hat. In den letzten drei Spielen hat Halle gerade dreimal ins Tor getroffen. Kein Wunder, denn der Fünftorestürmer des Vereins ist verletzt.

Hier nun versucht es Baumgärtel mit einem Schuss, der ans Außennetz geht. Da steht es aber schon eins zu null für Magdeburg, nachdem Dücker die HFC-Abwehr so überrannt hat, wie das seit August letzten Jahres jeder HFC-Gegner tut: Langer Ball in Richtung aufgerückter Verteidigung, Täuschung, Tor.

Nicht zu verschweigen ist, dass Mathias Fetsch zuvor eine hallesche Führung auf dem Fuß hatte. Der agile Landgraf war auf Linksaußen durchgelaufen und hatte den Königstransfer des Sommers 2017 bedient. Aber auch Fetsch, der auf früheren Stationen seiner Karriere recht zuverlässig ins gegnerische Tor getroffen hatte, leidet unter dem Halle-Blues. Er knallt den Ball über die Latte.

Der Rest ist wie Farbe beim Trocknen zuzusehen. Man weiß, wie es endet, und wünscht irrationalerweise doch, es möge diesmal anders sein, ausnahmsweise. Toni Lindenhahn tut, was er kann, ein Mann wenigstens da unten, der sich bewusst ist, was die Stunde geschlagen hat. Aber was kann ein Lindenhahn allein gegen eine Magdeburger Mannschaft ausrichten, die sich ihrer Mittel so sicher ist? Nichts. Zweimal schießt der Junge aus Lettin noch aufs Magdeburger Tor, einmal tut es Gjasula ihm nach.

Das war es dann aber auch schon. Schmitt hatte den guten Landgraf schon zur Halbzeit herausgenommen und Nachwuchsmann Martin Ludwig gebracht, jetzt opfert er Abwehrchef Kleineheismann, um Braydon Manu ins Gefecht zu werfen. Gleich wird das bis dahin kaum vorhandene Angriffsspiel des HFC beweglicher und dynamischer. Hätte Manu über die Saison verteilt nicht immer nur drei oder sieben Minuten Spielzeit bekommen, wer weiß, hätte er in seiner besten Szene vielleicht sogar gesehen, dass Fetsch einschussbereit neben ihm läuft.

Aber ach, was soll es. Schmitt nimmt mit Lindenhahn den besten Mann auf dem Platz raus und bringt mit Staroszik genau den Spieler, den er mit Kleineheismann gerade vom Feld geholt hat. Eine Art Kündigungsschreiben wohl. Dann sind drei Minuten Nachspielzeit endlich vorbei, Gjasula nimmt seinen Helm ab, ohne den auch heute wieder auch gegangen wäre,  und Lindenhahn läuft einsam und allein in die Kurve, wo die Fans "Schmitt raus" rufen.

Vielleicht ist das schon der Tiefpunkt des Weges durchs tiefe, tiefe Tal. Aber genau wissen wird man es erst hinterher.