Google+ PPQ: September 2018

Sonntag, 30. September 2018

Zitate zur Zeit: Angst lähmt sie

Dass die EU sich in Sachen Brexit nicht bewegt, liegt nämlich nicht an ihrem Selbstbewusstsein, sondern an ihrer Panik.

Angst lähmt sie. Mittelmäßig begabte Politiker die meisten, sehen sie sich außerstande, eine originelle und kluge Lösung zu finden. Kompromisse kann schließen, wer über Macht verfügt.

Nur die Ohnmächtigen stellen sich tot. Längst sind nahezu alle dieser Politiker in ihren eigenen Ländern mit einer euroskeptischen Opposition konfrontiert, die unablässig wächst und derer sie nicht Herr werden.

Markus Somm analysiert den Umgang der EU mit den Briten

Nach Causa: Maaßenstraße vor Umbenennung

Es war einer der großen Skandale des Sommers, eine sogenannte "Causa", die die Regierungskoalition in Berlin an den Rand eines offenen Bruches trieb. Erst eine letzte Krisenzusammenkunft von Angela Merkel mit Andrea Nahles und Horst Seehofer konnte den drohenden Bruch wegen des Verfassungsschutzpräsidenten Hans-Georg Maaßen abwenden und der großen Koalition neue Perspektiven geben.


Allerdings - vor allen die SPD-Basis um den charismatischen künftigen Parteivorsitzenden Kevin Kühnert stört sich nun daran, dass der Berliner Senat offenbar ungeachtet der Abstrafung des inzwischen ins Bundesinnenministerium versetzten Ex-Verfassungsschutzchefs an der Benennung einer Straße im Berliner Stadtbezirk Schöneberg nach Maaßen festhalten will. Die Maaßenstraße, so die Kritiker, sei seit einer Sanierung vor drei Jahren "richtig schön", Kinder spielten dort, "kein Vergleich zu früher“, wie ein Anwohner während einer Diskussion im Rathaus Schöneberg anmerkte.

Doch der für viele Bürger mit schlimmen Assoziationen an Hetzjagden in Sachsen, Naziaufmärsche mit Hakenkreuzfahnen und brutale AfD-Gewalt verbundene Name stoße im Kiez mittlerweile bitter auf. "Warum wird nicht wieder viel Steuergeld ausgegeben, um die Straße ein weiteres Mal umzubenennen", fragte ein Bürger. Der Mann spielte damit darauf an, dass die Maaßenstraße bis 1870 einfach "Straße 12" hieß, ein Name, "gegen den inhaltlich sicher niemand etwas vorbringen könnte".

Straße 12? Es gibt sicher "schönere Wörter", wie die Berliner Zeitung elegant formuliert. Aber es gibt nach Einschätzung von lokalen Beobachtern eben auch schönere Straßen in Berlin. Seit die Maaßenstraße vor drei Jahren mit großem Aufwand zu einer "Begegnungszone" umgebaut wurde, gilt das Straßenstück am Nollendorfplatz als "Todeszone" (Tagesspiegel), in dem Sitzbänke aus Stahl, Blumenkübel und fast 100 bunt bemalte Betonklötze eine Atmosphäre von Verrümpelung und typisch Berliner Missmanagemnt verbreiten.

Auf der radikal geschmälerten Fahrbahn jagen Radfahrer nach Fußgängern. Händler klagen über Umsatzeinbußen von 30 Prozent, weil es kaum noch möglich ist, mit dem Auto zum Einkauf zu kommen. Eine vorhandene Notladezone ist so klein, dass „sie ständig zugeparkt ist“, wie Anlieger beobachtet haben.

Könnte eine Umbenennung hier tatsächlich etwas bewegen? Politiker, Planer und Verwaltungsleute hoffen es: Verschwindet der Name "Maaßen" wie der Namensgeber aus dem Bundesamt für Verfassungsschutz, könnte der kleine Kiez zwischen Nollendorf- und Winterfeldtplatz endlich ein neues Image erhalten und all die Versprechen einlösen, die der Umbau im Jahr 2015 schuldig geblieben war, weil der unselige Name wie ein Damoklesschwert über der fröhlichen Urbanität der Begegnungszone schwebte.

Samstag, 29. September 2018

Zitate zur Zeit: Ist der Ruf erst ruiniert, regiert es sich ganz ungeniert

Was haben wir von den sympathischen letzten Zügen der Angela Merkel? Diese Kanzlerin könnte auf ihren letzten Metern etwas wagen. So wie Barack Obama, der am Ende seiner Präsidentschaft Kuba die Hand reichte.

Sie könnte mutige Entwürfe zu Europas Erneuerung vorlegen. Sie könnte sich mit den Energiebossen anlegen und etwas gegen die Erderhitzung tun. Wer Fehler in Kauf nimmt, kann mutig sein. Ist der Ruf erst ruiniert, regiert es sich ganz ungeniert.

Taz-Chefredakteur   Georg Löwitsch träumt vom gnadenlosen Durchregieren auf der Zielllinie

Die Merkelschützer: Hände weg von Mutti!

Selbst dem toten Helmut Kohl warfen die Kämpfer für political correctness noch Obst hinterher.

Wann hat das eigentlich angefangen, dass deutsche Journalisten begannen, sich mit allem, was sie haben, vor die Kanzlerin zu werfen? Und woher kommt der Glaube deutscher Politiker, der Satz „Merkel muss weg“ dürfe weder gedacht noch gar gesagt werden? Wann verwandelte sich die vierte Gewalt in eine Fankurve? Und wann nahm sich das Parlament selbst aus der Verantwortung, die Regierung zu kontrollieren?


Es muss irgendwann in den vergangenen drei Jahren passiert sein. Vorher waren natürlich schon die Schienen gelegt, auf denen der Zug so weit fuhr: Angela Merkel war nicht nur für viele Politiker in ihrer Partei, sondern auch für viel bei Grünen, SPD und sogar bei der Linken eine Kanzlerin, deren pragmatisches Handeln man zu schätzen gelernt hatte. Wurde nur der Druck der vermeintlichen öffentlichen Meinung zu stark oder ließ sich das Bild vermitteln, er könne es werden, zögerte die Kanzlerin nie lange. Ob Kernenergie; Wehrpflicht, Homoehe oder europäische Verträge, zack, war sie im Moment einer Entscheidungsnotwendigkeit auf die Linie ihrer Kritiker umgeschwenkt, an deren Spitze sie dann jeweils marschierte.

Die neue Macht der Medien


Manchen in den konkurrierenden Parteien ärgerte das. In vielen Medienhäusern aber genoss man die neue Macht, eine Regierung wie am Gängelband führen zu können. Zumindest so lange das, was man forderte, nicht dem widersprach, was Angela Merkel von sich später in Geschichtsbüchern lesen will, war die Wahrscheinlichkeit groß, dass es die Kanzlerin die Republik weiter alternativlos steuern würde. Tun, was getan werden muss. Ganz egal, ob es dem widerspricht, was eben noch Prinzip war.

Das ist das einzige Prinzip und das ist im Grunde genommen auch das, was Medien am Leben hält: An einem Tag die Wehrpflicht kritisieren. Und am nächsten Tag deren Abschaffung. An einem Tag die Rettung Griechenlands loben. Und am anderen die Enteignung deutscher Sparer beklagen. Die Öffnung der Grenze bejubeln. Dann aber klarstellen: es gab sie gar nicht. Erst behaupten, die Kanzlerin habe mit ihrer Grenzöffnung Menschlichkeit gezeigt. Dann aber sicher sein, dass sie keine Verantwortung trägt für die Taten der Menschen, die aufgrund ihres Regierungshandelns im Land sind.

Eine besondere Art Dialektik


Es hat eine besondere Art von Dialektik, mit der die Codes gelesen werden müssen. „Merkel muss weg, Merkel kann weg, Merkel ist so gut wie weg: Es ist zum Volkssport geworden, sich den Kopf über den Abgang der Kanzlerin zu zerbrechen“, schimpft Mely Kiyak in der „Zeit“, einem Zentralorgan der Besorgnis über besorgte Bürger und ostdeutsche Begrüßungsjubelverweigerung, darüber, dass sich Menschen im Prozess ihrer politischen Willensbildung Gedanken auch über das Wann und Wie des Endes der Ära Merkel machen. Dürfen die das? Ist es nicht verboten, eine Regierungschefin wegzuwünschen? Sie für obsolet zu erklären? Und für erledigt? Fragen einer besorgten Bürgerin, die den Grundstein ihrer Karriere als nachdenkliche Warnerin für Unmenschlichkeit und Rechtssein der Bezeichnung des Buchautors Thilo Sarrazin als „lispelnde, stotternde, zuckende Menschenkarikatur“ verdankt.


Es klingt so, in vielen Blättern. Als wäre Angela Merkel eine Heiligenfigur, die an Zauberkraft verliert, wenn jemand sie vom Sockel wünscht, gerieren sich die Edelfedern bei der Leitmedien als Kanzlerschützer. Wer Merkels Handeln kritisiert, kritisiert Merkel. Wer aber Merkel kritisiert, stellt sich außerhalb der Gesellschaft der Demokraten. Die Logik dahinter ist eine der alten Sowjetschule: Man darf Angela Merkel dafür verehren, dass sie 1,5 Millionen Flüchtlingen das Leben gerettet hat. Doch man darf ihr nicht vorhalten, dass die von ihr Geretteten den einen oder anderen, zum Teil auch für die eine oder andere Familie tragischen Kollateralschaden verursacht haben. Merkel hat mit alldem nichts zu tun. Wie bei jedem guten General stehen in ihrem Zeugnis nur Siege. Keine Toten.

Birne musste da durch


Der Unterschied zur Rezeption etwa der Kanzlerfigur Helmut Kohl ist frappierend. Der „Birne“ genannte CDU-Chef erfreute sich seiner ganzen Amtszeit hindurch der Verachtung nahezu sämtlicher großen Magazine und Zeitungen. "Dauerspott" nannte sich die fortdauernde Verächtlichmachung damals, nicht "Hass" wie heute.

Wäre Mely Kiyak damals nicht ein Teenager gewesen, der nicht Zeitung liest und keine Nachrichten anschaut, sie wäre erschrocken gewesen: "Außen Kohl - im Innern hohl!", hieß es im „Spiegel“ über den „Tolpatsch der Nation“, der als wandelnder "Pfälzer Saumagen" aus der CDU einen "Club der Unfähigen" (Spiegel) machte. Einen "tiefgehenden Neuanfang ohne Kohl" ersehnten Journalisten schon 1988 – drei Jahre, nachdem „Helmut Kohls Hilflosigkeit in der Außenpolitik“ (Spiegel) als Anzeichen dafür galt, „daß die Kanzler-Dämmerung begonnen hat“ (Spiegel). Und zehn Jahre, ehe der Macht gewordene Einheitskanzler schließlich wirklich abtrat.

Merkel "Mutti" zu nennen, gilt als Sakrileg. Dem Schöpfer des "Birne"-Begriffes aber flechten staatliche Kultursender Kränze, die sensible Süddeutsche Zeitung verwendet den Begriff, als müsse dessen Träger eigentlich stolz darauf sein und "jetzt", die Kinderzeitung des von Auflagenschwund geplagten Münchner Blattes, warf dem eben verstorbenen Altkanzler sogar im Gedenken noch Obst hinterher. Geschmacklos darf, gern auch hasserfüllt über den Tod hinaus. Aber es muss schon die Richtigen treffen.

Die Kanzlerin, die den Großverlagen Ausnahmen beim Mindestlohn, ein neues Leistungsschutzrecht und ein aufgeweichtes Kartellrecht geschenkt hat, gehört zu denen nicht.



Freitag, 28. September 2018

Sauberes Netz: PPQ unterzeichnet Digitalpakt gegen Fake News

PPQ, Facebook, Google & Co. haben einen von der EU-Kommission vorgelegten Verhaltenskodex gegen Fake News unterzeichnet. Mit dem Schritt sollen politische Werbung und ihre Absender künftig leichter erkennbar sein. Besonders hinsichtlich der Europawahlen im kommenden Jahr sei ein verstärkter Einsatz im Kampf gegen Desinformationen wichtig.


Digitalkonzerne wie PPQ, Facebook und Google wollen stärker gegen Falschinformationen im Netz vorgehen. Die Europäische Kommission hat den Betreibern verschiedener Internetangebote dazu einen entsprechenden Verhaltenskodex vorgelegt, den die Unternehmen nun auf völlig freiwilliger Basis mit Blut unterzeichnet haben. Wie das Bundesblogampelamt (BBAA) im mecklenburgischen Warin mitteilte, werde der sogenannte Netzkodex (NKX) in Kürze “zu einer transparenten, fairen und vertrauenswürdigen Online-Kampagne im Vorfeld der Europawahlen im Frühjahr 2019 beitragen”. Falsche Nachrichten, abweichende Kommentare, Forenposts ohne Freigabe und erlaubte, aber unrechtmäßige Kommentare werden künftig durch Meinungsfreiheitsschutzabteilungen, die direkt bei den Anbietern embedded werden, wirksam gelöscht, ehe sie eingetragen werden können.

Freiwillige Richtlinie


Bisher unterzeichneten unter anderem Facebook, PPQ, Twitter, Mozilla, Google und damit auch YouTube den freiwilligen Vorschlag der Kommission. Die EU möchte mit der neuen Richtlinien in den kommenden Monaten dafür sorgen, dass die Meinungsfreiheit auch in Zeiten zugespitzten Meinungskampfes nicht durch staatliche oder behördliche Maßnahmen eingeschränkt werden muss. “Sollten sich die Ergebnisse als unbefriedigend erweisen, kann die Kommission aber weitere Maßnahmen vorschlagen, darunter auch regulatorischer Art”, erklärte die zuständige Kommissarin Mariya Gabriel, die zuletzt als Erfinderin eines europäischen Netflix Furore gemacht hatte. Die gegenzeichnenden Konzerne zeigten sich glücklich angesichts der Möglichkeit, nachzuweisen, dass sie mit den europäischen Regierungen und der Kommission an einem Strang ziehen.

Desinformationskampagnen, wie sie zuletzt über den Brexit von Großbritannien und die Präsidentschaft Donald Trumps entschieden haben, werden durch die regulatorischen Schritte der EU zumindest für Europa unmöglich gemacht. Damit folgt die zuletzt mit dem Friedensnobelpreis geehrte Völkergemeinschaft einem Vorschlag des scheidenden EU-Kommissionspräsidenten Jean-Claude Juncker, nach dem im Wahlkampf auch politische Parteien stärker in die Pflicht genommen werden sollen. Vorgesehen sind unter anderem Strafen, sollte eine Partei etwa prädikative Analysemethoden verwenden, um Wahlergebnisse zu ihren Gunsten zu beeinflussen.

Netzkodex schützt Wahlplakate


Der Netzkodex (NKX) basiert auf Empfehlungen einer KI, die der EU-Kommission im März dieses Jahres vorgestellt worden waren. Danach dienten etwa soziale Netzwerke zuletzt immer öfter dem Zweck, übertriebene Versprechen und falsche Thesen öffentlich zu machen. Dieses Privileg war bisher  Wahlplakaten und Wahlwerbespots vorbehalten. EU-Digitalkommissarin Gabriel hatte daraufhin Ende April die aus dem Bericht gezogenen Schlussfolgerungen präsentiert, die mit den Verhaltensrichtlinien zukünftig erreicht werden sollen. Damals hieß es bereits, dass es vorerst kein verbindliches Gesetz geben wird, wenn die betroffenen Konzerne sich bereiterklären, freiwillig für mehr Meinungsfreiheitsschutz zu sorgen.

Mit dem neuen Kodex werden die Unternehmen nach Angaben der EU-Kommission nun überall dort unmittelbar tätig werden, wo Desinformationen Schaden anrichten. Politische Äußerungen und ihre Absender sollen leichter erkennbar sein, "falsche Meinungen" werden beim Upload gelöscht. Fake-Accounts, bei denen sich Menschen für jemand anderen ausgeben, sollen geschlossen und Bots besser als Maschinen erkennbar gemacht werden, die automatisch Inhalte verbreiten. Zudem sollen Nutzer darin bestärkt werden, Falschinformationen bei den Behörden zu melden und die verbreiter von oft professionell angefertigten Fake-Fakten ihrer gerechten Strafe zuzuführen. PPQ hatte sich als eines der ersten deutschsprachigen Webangebote der Initiative BustebigFN angeschlossen und bereits vor der Bundestagswahl dazu aufgerufen, die Bundesregierung im Kampf gegen Fake News zu unterstützen und Warnungen gegen Fake News zu teilen.

Nur noch relevante Informationen


Die Digitalanbieter verpflichten sich außerdem, künftig nur noch “relevante, authentische und maßgebliche Informationen" anzubieten, und dort, wo es geboten oder möglich ist, amtlich freigegebenen, geprüften und vom Faktenfinder der "Tagesschau" (Achtung: Verbindung ist nicht sicher!) bei der Verbreitung durch automatisch geordnete Verteilungskanälen den Vorzug zu geben. PPQ, Facebook, Google und Twitter hatten entsprechende Maßnahmen zum Teil schon in den vergangenen Monaten in die Wege geleitet.

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Hitlergruß: Deutschlands größtes Problem


Deutschland im Krisenherbst. Die Kanzlerin wackelt, die Koalition vermag sich nur noch durch leere Formelkompromisse im Amt zu halten. Selbst das Ende jedes Streits sorgt für Streit, weil es jedes Mal an Einigkeit fehlt, wer denn nun gewonnen hat. Die Demokratie auf jeden Fall, das ist die letzte Rückzugslinie. Denn die Demokratie steht vor großen Herausforderungen: Seit "Chemnitz", einer Chiffre für Ostdeutschland, die codiert umschreibt, was die "Tagesschau" als "Todesfall nach einem verbalen Streit" bezeichnet, droht die Gefahr, dass Hitlergrüße einen neuen historischen Höchststand erreichen.

Sie sind auf einmal wieder überall. Was vor einigen Jahren noch als als beiläufige "soziale Geste" (Staatsanwaltschaft Berlin) verharmlost wurde, greift unübersehbar nach der Macht. Trotz generalpräventiver Schnellverfahren und umgehender gesellschaftlicher Ächtung sickert der von Hitler bei Mussolini geklaute  "Saluto romano" wie ein schleichendes Gift in die Gesellschaft.

Schleichendes Gift


Hitlergrüße überall, nicht nur im vordemokratischen Dunkeldeutschland, den weiten, weitgehend menschenleeren Steppen des Ostens, sondern auch am Main und in den früheren Alpengauen. Google Trends, das unerbittliche Zeitgeistbarometer, zeigt es: Vor Schlaflosigkeit, Kinderarmut, Wohnungsnot und allgemeiner Verzweiflung ist es der Hitlergruß, der die Deutschen, vor allem die deutschen Medien, am intensivsten beschäftigt.


Vorbei die Zeit der Einzelfälle, als der Fußballer Adebowale Ogungbure  den Hitlergruß nutzte, um Nazis auf den Stadionrängen zu enttarnen. Als ein jüdischer Schüler aus Leipzig den sogenannten "Deutschen Gruß" aus Protest gegen antisemitische Beleidigungen zeigte und dafür mit einem Schulverweis bestraft wurde. Als ein alkoholisierter Tscheche den deutschen Staatsschutz mit ausgestrecktem Arm aufs Äußerste reizte. Und gerissene Krypto-Nazis versuchten, den Rechtsstaat durch das Zeigen eines Hitlergrußes mit geballter Faust" (Landgericht Halle) vorzuführen.

Aller Anfänge wehren


Obwohl sich die Strafverfolgungsbehörden beim Wehren der Anfänge alle Mühe gaben,  hat die Zahl der Hitlergrüße den höchsten Stand seit Ende der Führerschaft des Namensgebers erreicht. Kein Tag vergeht, an dem nicht irgendwo von irgendwem ein Arm ausgestreckt wird. An dem nicht versucht wird, die Behörden zu verwirren. An dem nicht der einzelne Hitlergrüßer kein angetrunkener Schwachkopf ist, sondern Vorbote der unmittelbar bevorstehenden Machtübernahme von Gauland, Weidel, Höcke und ihren Hooligans, Kraftsportlern, Sachsen und Seehofers.

Kein Tag, an dem nicht Hitler leise lacht, weil er sich zu Lebzeiten nie hatte träumen lassen, dass seine Idee eines symbolischen Grußes für sein gleichgerichtetes Reich nicht nur 75 Jahre überstehen, sondern nach einem Dreivierteljahrhundert auch als gesellschaftsgefährdender Straftatbestand gelten wird, zu dessen Verfolgung die Behörden all die wenige noch verbliebene Kraft mobilisieren.




Donnerstag, 27. September 2018

Merkeldämmerung: Kanzlerin wechselt in die SPD

Keine Träne in der Union nach dem Meuchelmord an der Kanzlerin, kein Mitleid mit der auf "offener Bühne Enthaupteten" (SZ)oder gar ein Einsehen der Schuldigen, dass Deutschland Angela Merkel zu viel verdankt, als dass die letzte Kämpferin für die Demokratie in der Welt aus dem Amt gejagt werden kann, ehe sie die Amtszeitrekorde von Adenauer und Kohl überholt hat. Was im Dezember 2019 und im Dezember 2021 der Fall wäre.

Wenigstens aber in der deutschen Sozialdemokratie spüren sensible Genossinnen, was fehlen wird, wenn Merkel erst weg ist. Sawsan Chebli, einst Pressesprecherin des Außenministers Walter Steinmeier und heute als "Staatssekretärin für Bürgerschaftliches Engagement und Internationales" ganz vorn in der Integrationsfront, macht bei Twitter keinen Hehl aus ihrer Trauer: "Wahnsinn, wie sich jetzt alle auf Merkel stürzen", schreibt sie, "als Frau, als Sozialdemokratin, als Angehörige einer Minderheit hat sie seit 2015 meinen tiefsten Respekt."

Chebli, Tochter einer palästinensischen Familie, fühlt mit der Noch-Kanzlerin. Auch sie hat ein SPD-Parteibuch, wie Merkel, die Sozialdemokratin. Auch sie gehört als zweitjüngstes von zwölf Kindern zu einer Minderheit wie Merkel, die Ostdeutsche, die aus dem Westen stammt. Zwei, die sich nahe sind, auch dabei, dass sie nie "nur was von Toleranz und Vielfalt, vom Kampf gegen Rechts" (Chebli) erzählen. Nein, so die 40-Jährige frühere Steinmeiervertraute über Merkel, die frühere Kohlvertraute: "Sie meint es."

Dass sich Angela Merkel mit ihrer lange geheimgehaltenen Mitgliedschaft in der SPD den Zorn der Konservativen in CDU und CSU zugezogen hat, wäre eine Erklärung für das Desaster um die gescheiterte Wiederwahl Volker Kauders zum Fraktionschef. Dass Chebli allerdings als einzige führende Genossin das Selbstbewusstsein hat, die Kanzlerin nun auch offiziell in den Reihen der ältesten und immer noch mitgliederstärksten deutschen Partei zu begrüßen, verwundert schon.

Stand der Einheit: Sicherheit durch Staatsversagen

Polizeiaufmarsch 2009 beim HFC-Spiel gegen Plauen. Bei Gefahr wird inzwischen vorher abgesagt.
So sieht er wirklich aus, der Stand der deutschen Einheit, der wie ein folkloristisches Event einmal im selbst dort zelebriert wird, wo noch kein Mensch weiter war als bis Göttingen. Große Unterschiede immer noch und überall, Einkommen, Arbeitslosigkeit und der Hang der Ostler zum Widerborstigen und zur Enttäuschung. Wer dort lebt aber, ist auf solche Kathederberichte nicht angewiesen: Er bekommt das Staatsversagen als Alltagskost geliefert. Der Osten ist eine Bundesrepublik zweiter Klasse, ein Landstrich, der es in 28 Jahren nicht gelernt hat, sich selbst vernünftig zu regieren.

Die Bestentafel ist zwar zurück und mit Unterstützung guter Demokraten aus den alten Ländern gelingt es im Normalfall sogar, so etwas wie einen laufenden Betrieb zu organisieren. Kommt es aber zu einem Ernstfall, reicht die Decke entweder über die Füße. Oder der Schwanz hängt frei.

Der Schwanz hängt frei


Undenkbar im 28. Jahr der Einheit, dass in einer Bundesland-Simulation wie Sachsen-Anhalt gleichzeitig ein Fußballspiel und eine politische Demonstration stattfinden. Die Polizei schafft es nicht! Die Sicherheitsbehörden können nicht mehr. Besser alles absagen, ehe irgendwer das merkt.

Dass anderswo 50.000 oder 70.000 Zuschauer zweimal die Woche in manchmal zwei oder drei Stadien in zwei oder drei Städten strömen, nebenbei Oktoberfest ist und jederzeit Demonstrationen dazwischenkommen können - aus einer Provinzhauptstadt wie Magdeburg betrachtet scheint es unvorstellbar. In der Kapitale der Börde reichen die Kräfte nach Jahren der Streicherei und Kürzerei, der Fehlplanung in Schulen, Kultureinrichtungen und bei der Polizei gerade noch zum gut und gerne leben. Wenn nichts dazwischenkommt, es nicht regnet, kein Schnee fällt, kein Wind aufkommt und keiner der bunten Koalitionspartner querschießt.

Nicht aber dazu, ein simples Drittligaspiel - dem Dürüm-Döner unter den fußballerischen Gaumenfreuden - zu einer Zeit stattfinden lassen zu können, zu der einen Marathon weit entfernt Menschen für und gegen die Instrumentalisierung eines tragischen Herzversagens auf die Straße gehen. 8000 oder 9000 Zuschauer hier, 3000 oder 5000 dort. Zuviel für Sachsen-Anhalt. Und die Kapazitäten sind erschöpft, am Ende, der Innenminister muss die Hände heben, tut mir leid, geht nicht, kriegen wir nicht hin, ist jenseits des Leitbaren, schade, ja, aber nicht zu ändern.

Staatsversagen mit Vorankündigung

Nichts geht mehr. Staatsversagen, diesmal mit Vorankündigung. Weil ein paar Handvoll unausgelasteter junger Männer seit Jahrzehnten treiben können, was sie wollen, weicht das, was von der Staatsmacht übrig ist, nun vorsichtshalber schon vorab zurück, wenn die Gefahr besteht, dass sie es auf eine Krafprobe ankommen lassen könnten. Hallescher FC gegen Rostock? Spielabsage. Wo nichts stattfindet, kann auch nichts passieren. Wenigstens wird danach niemand fragen können, warum eine öffentliche Hetzjagd ohne Kommentar des Regierungssprechers bleibt.

Der Osten ist ein gefährliches Pflaster, eine Risikolandschaft, eine Region, in der sich die Staatsmacht aus der Fläche zurückzieht. Hier kann alles jederzeit explodieren, die "Ausschreitungen in Köthen und Chemnitz" (Tagesspiegel) haben es gezeigt. Die Strategie dagegen ist simple, Konfrontationen vermeiden, Friede im Land, Gartenschau und Bauhausschilder. Die Enttäuschung darüber hält sich sowieso in Grenzen. Beim derzeitigen Stand der deutschen Einheit, die sie pünktlich zum 3. Oktober auch in Magdeburg wieder euphorisiert feiern werden, erwartet mittlerweile schon niemand mehr mehr.

Das am Ende bei keiner der beteiligten Behörden eine Fax-Nummer zu finden war, um den DFB von der verfügten Spieluntersagung zu informieren, passt natürlich ideal ins Bild.



Mittwoch, 26. September 2018

Zitate zur Zeit: Warum es die AfD gibt

In allererster Linie konfrontiert uns die AfD mit der Frage, warum sie überhaupt zu der Stärke wachsen konnte, mit der sie jetzt im Bundestag sitzt.

Und da komme ich zu dem Schluss, dass die demokratischen Parteien sich fragen müssen, welche Felder sie den Nationalpopulisten ohne Not überlassen haben, was sie etwa im Bereich der Migrationspolitik versäumt haben.

Heinrich August Winkler darf in der FR die dort sonst als Rechtsextremisten bezeichneten Nicht-Leser "Nationalpopulisten" nennen

Merkeldämmerung: Die Tage, bevor es Tag wird


Auf einmal ist überall "Merkeldämmerung". Die Gazetten, die eben noch den Eindruck vermittelten, dass alles in Scherben fallen könnte, nicht aber ihre unverbrüchliche Solidarität zu der Frau, die Deutschland seit 13 Jahren regiert, vermitteln auf einmal ein Bild der inneren Zerrüttung

Der "Spiegel", ein Sturmgeschütz in der Kanzlerfront, orakelt vom "Abschied von der Macht" und vom "Aufstand gegen Merkel". Die SZ argwöhnt, dass Merkel nun nicht weiterregieren könne wie bisher. Die "Zeit", eine Verlautbarungsstelle des Kanzelramtes, sieht den "Anfang vom Ende". Und die Taz sieht Merkels Macht "zerfließen", warum auch immer dieses Bild gewählt wurde. Der Münchner Merkur schnuppert schon einen "Hauch von Abschied". Und selbst öffentlich-rechtliche Sender, die Elitetruppen der Öffentlichkeitsarbeit des Kanzleramtes,  heben den Kopf aus dem Graben und sehen ihre Kanzlerin "geschwächt" (Bettina Schausten).
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Was ist passiert? Ist Trump einmarschiert? Will Sachsen den Saxit? Sinken die Umfragewerte der Wunschkoalitionäre von den Grünen? Oder sollen die Prachtdiesel im Regierungsfuhrpark stillgelegt werden?

Kanzlerin ohne Kettenhund


Es ist nur der Fraktionsvorsitz, der Angela Merkel entglitten ist. Volker Kauder, länger als ein Jahrzehnt der Kettenhund der Kanzlerin, geht bei der Abstimmung um den Chefposten in der Fraktion baden. Ein Ralph Brinkhaus, bis hierher Hinterbänkler unterm öffentlichen Radar, tritt an seine Stelle. 125 Stimmen gegen Kauder, nur 112 für ihn, obwohl die Leitmedien seit Tagen gewarnt hatten, dass ein solcher Ausgang einem Frontalangriff auf die mächtigste Frau der Welt gleichkommen werde. Brinkhaus, der Noname, wurde nicht gewählt, weil ihm die Herzen zufliegen. Es ist vielmehr im Kleinen wie im Großen: So wie die AfD für das gewählt wird, was sie nicht ist, wurde Brinkhaus für das gewählt, was er nicht verkörpert - intime Kauder-Nähe zu Merkel.

Die Mehrheit der Unionsabgeordneten, eigentlich ein Haufen willfähriger Karrieristen, denen der sichere Parlamentssitz unterm Hintern in der Regel mehr gilt als die eigene Meinung, begehrt mit deisem Votum auf gegen eine Frau, der schon in der Causa Maaßen die Machtmittel ausgegangen waren. Nur mit guten Gaben an ihre Koalitionäre konnte Angela Merkel die Ruhe in den eigenen Reihen zumindest vorerst wieder herstellen.

Wo andere Kanzler vor ihr und früher auch sie eine Ansage gemacht hätten, musste Angela Merkel diesmal schachern, um ihre schwachen Mitspieler bei der Stange zu halten. Das Wahlvolk aber bekam ein Beruhigungssäftchen aus frischgezapfter Ehrlichkeit gereicht. Es tue ihr leid, sagte Angela Merkel. Nicht "wir schaffen das". Auch sie habe da etwas falsch eingeschätzt beim Blick aus ihrem Elfenbeinturm in Berlin. Sie, ja, und sie bereue das.

Der Hering wird zum Hai


Damit hätte es gut sein sollen. Das war schon mehr, als Angela Merkel jemals zuvor irgendwem gegeben hatte. Aber wie das so ist: ist ersteinmal Blut im Wasser, wird selbst der Hering zum Hai. Nicht nur, dass Ralph Brinkhaus, der ungewollte Neue im Amt, das beim Koalitionspartner niemand anders als Andrea Nahles bekleidet, sich über die von der Kanzlerin zur "Stunde der Demokratie" ausgerufenen Niederlage lustig machte,  indem er behauptete, zwischen ihn und Angela Merkel passe "kein Blatt Papier" - ein Zitat, das auf Gerhard Schröder zurückgeht, der so sein Bürgerkriegsverhältnis zu Oskar Lafontaine beschrieb.

Nein, es droht das Allerschlimmste, wie das für Merkel-Verhältnisse desaströse Medienecho zeigt. Wurde die Kanzlerin sogar nach ihrem Pyrrhussieg über Hans-Georg Maaßen noch gelobt, als habe sie staatsmännische Klugheit bewiesen, schwant den Kanzlerkompanien in den Schreibstuben in Berlin, Hamburg und München nun offenbar, dass es höchste Zeit sein könnte, Texte zu schreiben, die später beweisen werden, dass man schon immer gewarnt hat, eigentlich dagegen war und in jedem Fall Freund eines Neuanfangs ist, seit jeher.

Nirgendwo mehr ein gutes Wort, nirgendwo ein absurdes Lob, eine Gaga-Umfrage oder ein Versuch, die "Niederlage" (Merkel) als den Moment zu interpretieren, in dem eine plötzlich erwachte Gerontokratie beschließt, nun aber mal wirklich "Sachpolitik" zu machen, dass es nur so kracht und selbst die Stammtische in Sachsen abjubeln.


Das wird Konsequenzen haben. Konnte sich Angela Merkel bisher stets darauf verlassen, dass noch jede wilde Volte ihres öffentlichen politischen Nachdenkens samt zugehöriger Richtungsänderung ihrer Politik zumindest bei den verbeamteten Kommentatoren von Zeit, SZ, Spiegel, Stern, FR und Taz mit warmem Applaus begrüßt wird, deutet sich schon Stunden nach dem Verlust ihrer Machtbasis in der Fraktion eine drastische Veränderung an. Merkel ist nun eine "lame duck". Eine Chefin ohne Gefolgschaft. Eine Allmächtige auf "erodierter Machtbasis" (Handelsblatt). Ihres Bleibens, so legen die Schreibtischtäter nahe, wird nicht mehr lange sein. Ist es soweit, muss man es vorher gesagt haben.

Leitmediale Merkelmussweg-Kampagne


Und das ist erst der Anfang. Wer sich erinnert, wie ausgiebig Seehofer im Sommer geprügelt wurde, als er eine Rückkehr zum rechtmäßigen Grenzregime verlangte und Merkel ihn ohne jedes Sachargument abtropfen ließ, der ahnt, welche Kraft eine leitmediale "Merkel muss weg"-Kampagne gewinnen wird, wenn erst alle Kanonen herumgedreht und alle Schreibsoldaten eingeschworen sind. Stoff genug werden die Rechercheure finden, die über viele Jahre hinweg mit geschlossenen Augen durchs Regierungsviertel spaziert sind.

Da ist die ehemalige Merkel-Erbin Ursula von der Leyen, die nicht nur Millionenaufträge an externe Berater vergeben hat, sondern dabei zufällig auch Geld bei der Firma ablud, bei der ihr Sohn arbeitet. Da ist der "Dieselskandal", der europaweit nur Deutschland trifft, obwohl Frankreich, Italien und die anderen EU-Staaten bei denselben EU-Grenzwerten dieselben Euro-Diesel fahren. Und da ist die ungelöste Migrationsfrage, die "europäische Lösung", für die Merkel sich im Juni noch zwei Wochen Zeit ausbat. Und von der seither nie mehr die Rede war.

Vieles wird stürzen, wenn die Kanzlerin stürzt. Angela Merkel hat am Beispiel ihres Ziehvaters Helmut Kohl selbst vorexerziert, wie so etwas gründlich gemacht wird.

Dienstag, 25. September 2018

Fragen eines schweigenden Lehrers: Kapitulation im Klassenzimmer (4)

Deutschland ist auf dem Weg zur Bildungsrepublik, mehr Geld soll es richten, bessere Klassenzimmer, luftigere Räume, mehr Internet und mehr Lehrer. Kein leichter Weg, denn so viel die Politik auch predigt, unten, in den eierschalenfarben gestrichenen Unterrichtsräumen mit den angeschlagenen Bänken, ">sitzen häufig Schülerinnen und Schüler, denen der Spaß an der Sache mehr bedeutet als die gezielte Ausbildung bestimmter Fähigkeiten, die später auf dem harten Markt der Marktwirtschaft helfen.


Jupp S.* ist Lehrer in Hamburg, er ist das schon lange und er ist ein guter Lehrer, wenn er auch inzwischen meist schweigt. Für PPQ schildert S. seine Sicht auf Deutschlands Bildungsproblem - weil so viel rausmuss, teilen wir den Krimi "Kapitulation im Klassenzimmer" in mehrere Teile auf. Heute mit Einsatz der Paralleltonart und Orgelpunkt.


Das eine große Erbe der europäischen Aufklärung ist die Gerechtigkeit und die besteht nicht nur aus Rechten, sondern auch aus Pflichten. So gibt es ein Recht auf Bildung, aber gleichzeitig die ungeschriebene Pflicht sich zu bemühen. Man glaubt doch tatsächlich das Leistung ohne Anstrengung möglich sei. Man lehrt den Lehramtskandidaten an der Universität, daß die Kreativität und die Freiheit der Kinder auf gar keinen Fall behindert werden dürfe und Spaß über allem stehen müsse.

Wozu noch üben


Also wozu etwas Üben, wozu Überwindung auf sich nehmen, gar still und leise lernen? Jede Form von Zwang wird in der Gutmenschenwelt  als reaktionär oder faschistisch betitelt - der Vorwurf ist lächerlich angesichts der  kommunistischen Zwangssysteme mit ihren Millionen von Toten - und alles sei Zwang, was der Lehrer nicht vorher mit den Kindern abgestimmt habe, also von ihnen vorher freiwillige Zustimmung erhalten hat.

Die armen Kinder! Sie dürfen nicht mehr Kinder sein und sich behütet fühlen in einer Ordnung, die der Lehrer als Autorität garantieren kann. Diese verantwortungslosen Fehlentwicklungen werden vertuscht und getragen von den Medien und beständig sich selbst und andere belügende Verantwortliche in Politik und Gesellschaft. Hätten wir uns in den späten Sechziger Jahren nicht unsere bewährten deutschen Traditionen ausreden lassen, hätten wir heute nicht eine Inflation an studierunfähigen Abiturienten und im Inklusivgemixe, jeder mit jedem, Behinderte mit Gesunden, Kriminelle mit Anständigen, Schwache mit Starken, die sich, wie sich die Kleinbürgerseele die Welt naiv erträumt, alle gegenseitig helfen und sogar selber erziehen, so hätten wir am Ende nicht die Situation, daß die Leistungsstarken schwach werden und die Schwachen genauso schwach bleiben wie vorher.

Unsere regierenden Kleingeister können nicht begreifen, daß die Gleichbehandlung von Ungleichen zu Ungleichheiten führt.

Wohin Gleichbehandlung führt


Angeblich würde sich alles so sehr global verändern, heißt es immer, deswegen müsse auch die Schule sich an die ökonomischen Erfordernisse anpassen. Dieser gefährliche Fehlschluß kennzeichnet ein Grundproblem in unserem Land, das ökonomische Maßstäbe in alle Bereiche des Lebens Einzug halten läßt.

War es noch die Idee Wilhelm v. Humboldts die jungen Menschen durch eine möglichst breite Allgemeinbildung so gut wie möglich auf das kommende Leben vorzubereiten, verlassen heute immer mehr dusselige, dummdreist von sich selbst überzeugte Kinder, die Schule, die dann im Leben richtig eins drauf kriegen, um nur noch gut zum Arbeits- und Konsumsklaven zu taugen. Die wirklichen Oberschichten lachen in ihren Luxuswelten, die ihnen nur durch diese massenhafte Verdummung von zukünftigen Sklaven so ertragreich bleiben kann. -

Während die amerikanische Schulpolitik übrigens die Tauglichkeit des alten deutschen dreigliedrigen Schulsystems erkannt hat und in einigen Staaten einführt, schaffen wir es ab. Angloamerikaner und Chinesen haben nicht vergessen mit welchen Methoden man siegt, sie fordern in ihren Klassenzimmern Disziplin und Freude am Wettbewerb ein, während die deutsche Autorität geschwächt und unter dem Verdacht des Mißbrauchs Untertanen produziert, wie es sie nicht einmal vor Luthers Reformation in Deutschland gegeben hat.

Da eine auf Erziehung und Zucht basierende Anleitung durch Erwachsene, sowie die explizite Vermittlung von konkreten Inhalten in der Reformpädagogik mit der Unterdrückung von kindlicher Phantasie und Individualität gleichgesetzt wird, - von welcher Individualität spricht man bei, meinetwegen zwölfjährigen Kindern eigentlich, benötigt man doch ein Leben lang, um zu einer individuellen Persönlichkeit heranzureifen und manche schaffen es nie - so lassen sich Kinder in deutschen Klassenzimmern gehen, wohin wissen sie nicht, die Erwachsenen auch nicht.

Ohne Kenntnis ins Leben


Ohne fundierte Kenntnisse im Lesen, Schreiben und Rechnen können auch die hochgelobte Kreativität und Phantasie der Kinder nicht gedeihen. Die ideologisch begründeten didaktischen Phantastereien sind die wahre Kinderei, die Kinder sind immer gleich, sie sind Kinder und wollen wissen, was der Erwachsene ihnen beibringen kann.

Wir haben ohne Not unser ausgezeichnetes Bildungssystem abgeschafft, das, was unser Land einst so stark gemacht hat. Und wo Vorbilder zu schwächlichen Abziehbildern werden, da sehen Kinder auch keine Notwendigkeit mehr sich anzustrengen.

Am Ende steht eine Generation von Kindern, die um eine gute Allgemeinbildung betrogen wird und keine gerechte Chance im Leben erhält, die ihnen von Gott gegebenen Möglichkeiten zu entwickeln; nicht weil Ungerechtigkeit herrscht, das ist ein populistischer Unsinn, sondern weil der kompetenzorientierte Unterricht, ideologisch verbohrt, auf die Vermittlung von Inhalten verzichtet, da man meint, so könnten Kinder keine falschen Inhalte lernen, womit die Herren Professoren mahnend auf die Zeit des Nationalsozialismus blicken, dabei aber übersehen, daß es außer an den SS-Ordensburgen, auf denen übrigens Persönlichkeiten wie Helmut Schmidt oder Alfred Herrhausen geformt wurden, die eine besondere soziale Verpflichtung fühlten, die Züchtung von Nazis nicht die Aufgabe der Schulen war, da allein für solche ideologischen Ziele die Zeit von 1933 bis 1943 (- dann kam der totale Krieg) nicht ausreichte.

Wie auch immer der ganze Pädagogiksalat begründet wird, das reflektieren Lehramtsstudenten  ohnehin nicht mehr, man lehrt sie an der Uni, wie sie Kinder zu „cooperative work“ heranziehen, um den global gleichen Bürger zu suggerieren, ohne lohnenswerte Inhalte. Das allerdings paßt, da leider nicht wenige Lehrer so rudimentäre Kenntnisse in ihren eigenen Fächern besitzen, daß man als Außenstehender sprachlos ist oder weinen möchte.

Deutschland sucht den Präsentator


An Gymnasien können die Kinder heute, anstatt eine Klausur zu schreiben, eine Präsentationsleistung hinlegen, in denen sich die zukünftigen Superstartalente gerieren. In der neuesten Reform, der so genannten Profiloberstufe wird auf vertieftes Wissen in einzelnen Fächern verzichtet, zugunsten einer Vernetzung mit anderen Wissensgebieten, wie man so sagt. In Wirklichkeit wird das Denken in Zusammenhängen immer weniger geschult, aber das oberflächliche Herumspielen mit unverstandenen Begriffen läßt Kinder zu gefühlten Piraten des Cyberspace werden.

Das staatliche Schulsystem züchtet Kinder heran, die sich selbstbewußt darzustellen wissen, was ohne passende Inhalte nichts als hemmungslose Lächerlichkeit gebiert, ihnen aber angeblich die reine Fähigkeit sich selber kognitiv Inhalte anzueignen eröffnet. Wie sollen diese kognitiven Fähigkeiten wachsen, wenn die Schüler nicht lernen zu lernen und zwar indem sie Inhalte erlernen? Die Opfer dieser Experimente sind zu bedauern und sie haben in der Tat sehr verminderte Chancen. Sie werden sozial benachteiligt. Freude an schulischer Leistung durch Wissenserwerb kann so auch nicht mehr glaubhaft vermittelt werden und schon ist in der Schule ein Gefühl diffuser Sinnlosigkeit angekommen.

Gewissen beruhigen


Ein Privilegierter allerdings, der sein Gewissen beruhigen will und daher mal kuckt, wie es bei den Ghettokids so abgeht, ändert nicht viel, bis auf den Gewinn individueller Lebenserfahrung für sich selber vielleicht. Die Gesellschaft wird sich weiter aufspalten in Winner und Loser, da man vergessen hat, was es einst hieß: ein Volk zu sein, in dem jeder sein Recht auf ein gutes Gedeihen hatte und in dem jeder wußte, daß er Teil eines großen Ganzen ist. Von dem sozialen Ort aus, an dem er geboren wurde, hatte er offene Möglichkeiten eines selbstbestimmten Lebens. In der globalisierten Welt aber, wird den Menschen ihre Heimat geraubt, die sie birgt und grenzt. Nicht durch Zufall lehnen orientalische und islamische Kulturen eine Integration in dieses Nichts ab. Das zeugt von ihrem humanen Wunsch eine respektable Identität zu wahren, die in einem für jeden Einzelnen nachvollziehbaren Ganzen ruht.

Weggucken


Wir Deutschen sind im Begriff dieses einende und bindende Kulturganze aufzugeben und das einstmals ruhmreiche Bürgertum in Deutschland kuckt weg, so manche von ihnen haben selber zu kämpfen, daß sie nicht sozial absteigen. Potentielle Revolutionäre haben keine Zeit sich mit der Realität auseinander zu setzen, da sie auf Facebook den nächsten Aufstand inszenieren. Eine geschichtslos gewordene Nation, die aus Bürgern Konsumenten macht und meint ohne Vergangenheit leben zu können, hat keine Zukunft mehr. Unsere demokratisch angedachte und durch Frieden abgesicherte Kultur für freie Bürger wird täglich brüchiger. Was sich da rumpelnd am Horizont ankündigt, wollen wir alle besser nicht erleben, weil wir dachten das Paradies sei geschenkt. Nein, Irrtum, es muß erarbeitet und verteidigt werden, bevor es zu spät für viele von uns ist.


Ende.

Jupp S. heißt eigentlich ganz anders, der Text ist allerdings seiner.

In der Fankurve: Kanzlerschützer und Jubelstürmer

Was soll man dieser Regierung noch glauben? Fragen Zeitungen, deren Leser sich fragen, was man den Zeitungen noch glauben soll.

Es herrscht große Sorge in den Großraumredaktionen und Einzelschreibstuben. Die Kanzlerin, ja, die ganze große Koalition und darüberhinaus auch die assoziierten Parteien der Opposition, sie verlieren an Vertrauen. Das Volk wendet sich ab, in Teilen zumindest, deren Umfang noch vor drei Jahren nicht zu erahnen war. "Volksparteien" zerfallen im Staub, die auch sich selbst über Jahrzehnte allmächtig scheinenden Parteivorsitzenden rollieren ihre Taktik täglich. Und kommen doch stets zu spät, um dem einzigen Ziel näherzukommen, das sie noch haben: Überleben.

Alle lachen nur noch


Niemand hört mehr zu, alle lachen nur noch. Es ist ganz egal, ob SPD-Chefin Andrea Nahles beim "#SPDerneuern" binnen 48 Stunden in drei Richtungen läuft oder der von Angela Merkel wegen sanfter, aber wiederholter Widerworte auf einen Frühstücksdirektorposten verbannte Wolfgang Schäuble mit Hilfe eines Interviews drei Jahre Wirschaffendas-Politik in den Mülleimer stopft.

Der Unmut der Regierten mit den Regierenden ist so groß, dass er selbst in den hermetischen Korridoren der Macht zu riechen ist. Angst herrscht da, Angst davor, eines nicht allzu fernen Tages nicht mehr mitregieren zu dürfen. Angst, die sich als Angst vor einer Unregierbarkeit des Landes tarnt: Die Frauen und Männer, die das, was nun ihre Machtbasis erodiert, selbst angerichtet haben, können sich gar nicht vorstellen, dass es eine Zeit nach ihnen und ohne sie geben wird. So wie es eine Zeit vor ihnen gegeben hat, die ohne sie auskam.

Sie sind aber beileibe nicht die Einzigen, denen solche Gedanken Furcht einjagen. Von "Tagesschau" bis "heute", von SZ über Zeit, Spiegel, Stern, taz und Frankfurter Rundschau bis zu den politischen Fernsehmagazinen, der allesbeherrschenden Nachrichteagentur DPA und den um die nackte Existenz kämpfenden regionalen Zeitungen bibbert und fiebert eine ganze Branche mit der Groko-Republik und ihrer Kanzlerin. was soll nur werden, wenn Merkel nicht mehr ist? Wenn Maas nicht mehr Außenminister spielen darf? Und die Wieheißtsienochgleich als Justizministerin nicht so wunderbare Gesetze machte?

Den Mächtigen eine Stimme geben


Dort, wo früher kritischer Journalismus war, der als seine Aufgabe verstand, die Mächtigen zu kritisieren und den Ohnmächtigen eine Stimme zu geben, stehen heute die letzten Bastionen der Kanzlerschützer und Jubelstürmer. Verkehrte Welt: Die Mehrzahl der politischen Kommentatoren scheint es als ihre Aufgabe zu sehen, den Mächtigen eine Stimme zu geben und die Ohnmächtigen zu kritisieren.

Angela Merkel ist, das hat zuletzt eine Umfrage unter festangestellten Redakteuren der sogenannten Leitmedien ergeben, bei den Männern und Frauen hinter den Schreibmaschinengewehren der Großverlage heute beliebter als jemals zuvor. Nichts geht über die Kanzlerin bei den im Durchschnitt um die 40 Jahre alten und inzwischen überwiegend mit Pressemitteilungsumschreiben beschäftigten Beschäftigten - das ist kaum ein Wunder, denn ein Großteil der Redakteure, die im Durchschnitt mit etwa 27 Jahren ins Berufsleben treten, hat im Job nie eine andere Kanzlerin kennengelernt.

Angriffe auf Merkel kommen bei diesen eigentlich gut gebildeten, oft historisch interessierten und auslandserfahrenen Menschen an wie Angriffe auf sie selbst: Wer "Merkel muss weg" ruft, schreit auch "Lügenpresse", wer das eine meint, ist des anderen verdächtig, diese Auffassung hat sich unter Reportern und Redakteuren früh manifestiert. Seitdem marschieren Kanzleramt und Edelfedern im Gleichschritt gegen ihre Kritiker: Je mehr die Angst wächst, Andersdenkende nicht mehr überzeugen zu können, desto lauter wird die Ansprache. Mit Hilfe von selbstgemachten Fake News, an die man selbst als einziger glaubt, suggeriert man sich Erfolge, die es nicht gibt.

Der Schulterschluss zwischen Politik und Berichterstattern, er hält. 2008 zeigte sich Angela Merkel ebenso generös den Sorgen der Branche gegenüber wie 2014. 2018 gab es dafürt nun den "Ehren-Vitoria" für die "bisherige politische Gesamtleistung". Ein Signal. „Wenn alle untreu werden, so bleiben wir doch treu“ heißt es in einem Liedtext von Max von Schenkendorf aus dem Jahr 1814, dessen Melodie vom französischen Jagdlied „Wer jagen will, muss früh aufstehen“ übernommen wurde.

Jagd ist nicht geplant


Was die Berichterstattung betrifft, ist Jagd nicht geplant. So trampelig die Großkoalitionäre auch durch die politische Landschaft stampfen, so schnell sie auch eine Demokratie zerlegen, die mehr als 50 Jahre recht kommod funktioniert hat - auch im ARD-Hauptstadtstudio herrscht nur die Sorge, dass "irgendwie untergeht, dass die Groko arbeitet". Toll sogar, wie "Tagesschau-Kommentatorin Nina Barth findet. Ist das "Gute-Kita-Gesetz" nicht ganz fantastisch? Hat nicht der Gesundheitsminister "Pläne vorgelegt für Verbesserungen in der Pflege oder auch für schnellere Arzttermine"? Und sollen nicht "im kommenden Jahr Familien entlastet werden"?

Wo die Liebe hinfällt, fällt Kritik aus und das Begreifen schwer, dass sich auch mit verzehnfachten Bemühungen kein Mensch ein X für ein U vormachen lässt, wenn er erstmal Lesen gelernt hat. Stattdessen wendet er sich ab und verzichtet auf Teilnahme am Versuch, sich Fakten durch die Brille regierungstreuer Schreibbeamter anzuschauen.

Ein "Konjunkturprogramm für rechte Protestbewegungen" nennt es die Frankfurter Rundschau, die selbst als bestes Beispiel für publizistisches Totalversagen gelten kann. In den letzten sechs Jahren verlor das früher linksliberale Blatt 70 Prozent seiner Auflage. Mit unter 30.000 verkauften Exemplaren spielt das frühere Gewerkschaftsblatt in einer Liga mit randständigen Publikationen wie Junge Welt und Junge Freiheit.

Erstaunlich sind die Schlussfolgerungen, die nicht nur die Frankfurter Rundschau, sondern die gesamte Branche aus ihrem galoppierenden Relevanzverfall ziehen. Selbst im Moment des Offenbarungseides einer Regierung, die nicht mehr als Ziel eint als Sehnsucht, gegen alle Widerstände an der Macht zu bleiben, wird gelobt: Nun hat sich Merkel, die damit ihre letzte Karte spielt, entschuldigt. Große Geste. Alle Achtung.

Noch mehr vom Selben, nur lauter. Noch radikaler in der Verteidigung der Regierenden und noch nachdrücklicher in der Verurteilung aller, die es wagen, Groko-Entscheidungen infrage zustellen.

Regierungskritik ist verantwortungslos


"Unverhältnismäßig und verantwortungslos" handele, so die "Tagesschau", wer wegen einer Nebensächlichkeit wie der Affäre Maaßen, die das ganze Ausmaß der zerrütteten Verhälnisse an der Spitze des Landes zeigt, ein Ende der großen Koalition fordere. Jetzt müsse mal Ruhe sein, damit die Regierung mal regiergen könne, zum Besten aller! Die mühen sich doch! Sie tun doch, was sie können! Sie lieben uns doch, sie lieben uns doch alle!

So wenig die Frauen und Männer an der Spitze der Parteien und im Kabinett zu spüren scheinen, wie sie mit jedem tolpatschigen Rettungsversuch nur noch immer tiefer in den Sumpf der Überflüssigkeit sinken,  sowenig schrillen in den Redaktionsstuben Alarmglocken, wo aus dem Versuch, Lesern das Gute und Richtige mit dem Knüppel einzuprügeln, gruppen- und personenbezogene Menschenfeindlichkeit wird, die auch wieder nur das Gegenteil all dessen erreicht, was sie zu erreichen sucht.

Montag, 24. September 2018

Maaßen-Affäre: Bürgerinnen und Bürger unterstützen Beschlüsse der Regierung

Viele große Zeitungen machen heute Platz, um das Ende der Affäre Maaßen zu feiern, die zahllosen Kolummnisten in den letzten Wochen Arbeit und Brot verschafft hat.

Aufatmen in Berlin nach der einvernehmlichen Lösung der Maaßen-Krise, Aufatmen aber auch draußen im Land, wo selbst hartnäckigste Anhänger von SPD, CDU und CSU in den letzten Tagen zu fühlen geglaubt hatten, dass die Partei- und Staatsführung bei aller engen Volksverbundenheit den Kontakt zur Wirklichkeit verloren hat.


Dank SPD-Chefin Andrea Nahles aber, die die Erneuerung der deutschen Sozialdemokratie mit Nachdruck und Konsequenz vorantreibt, gab es ein Rückspiel und eine Revision der Entscheidung, den noch amtierenden Verfassungsschutzchef zur Strafe für seine unbedachte Kritik an der Bundeskanzlerin zum Staatssekretär zu befördern. Nun wird Hans-Georg Maaßen bei gleichen Bezügen Frühstücksdirektor - und das Echo draußen in den Kollektiven, den Unternehmen, in den Schulklassen, Hörsälen, Fabrikhallen und Werkstätten zeigt, wie richtig die Bundesregierung mit diesem Beschluss wieder liegt.

Es hatte danach zu sehr gebrodelt in den SPD-Grundorganisationen, selbst CDU-Mitglieder hatten die Köpfe geschüttelt. Nun aber herrscht überall Erleichterung, dass Maaßens Merkel-Bashing nicht noch mit einem Karrieresprung belohnt wird. Kulturschaffende und Bauarbeiter, Studenten, Ärzte, Handwerker und Lokalpolitiker aller Parteien haben sich nach der Verkündung der Entscheidung spontan zustimmend geäußert, viele Bürgerinnen und Bürger unterstützen die jüngsten Beschlüsse der Regierung. Jetzt gehe es darum, zur Sacharbeit zurückzukehren, heißt es immer wieder.

PPQ veröffentlicht einen Auszug aus Mail, Posts und telefonisch eingegangenen Meinungsäußerungen.

Peter Gschwendtner, Bayreuth: "Unser Staat hat Maaßen gekündigt. Das ist sein Recht. Unser Staat musste das tun: Das war seine Pflicht; er vollzog nur juristisch nach, was Maaßen schon längst getan und öffentlich demonstriert hatte: seine Trennung von der politischen Mitte durch Übertritt in das Lager ihrer hasserfüllten Verleumder."

Michael Palades, Köln: "Maaßen war nicht der unbequeme, manchmal zu weit gehende, aber zu Unrecht verdächtigte Beamte, als der er sich ausgab. Sondern ein Mann, der einen anderen politischen Weg geht als wir."

Thomas Lehr, Wiesbaden: "In seinem vielkritisierten Vortrag erkennt man leicht die bösartigen Wahrheitsverdrehungen. Jetzt ist endlich klar, dass unsere Regierung sich das nicht endlos gefallen lassen wird."

Marc Schieritz, Hamburg: "Wir müssen dieser Regierung noch eine Chance geben, denn eine andere haben wir nicht. Wer soll es denn machen? Wieder einmal hat sich die Regierung der viertgrößten Volkswirtschaft der Welt gezeigt, dass sie sich nicht wegen einer Nichtigkeit an den Rand es Abgrunds treiben lässt, sondern konsequent dagegensteuert und zur Not sensibel nachjustiert."

Andrea Biermann, Berlin: "Der Beifall, den Maaßen mit seinem Auftritt in der Bildzeitung bei den erklärten Feinden der Integration gefunden hat, zeigt, dass diese Kräfte die Angriffe von Neonazis auf die erfolgreiche Integrationspolitik der Bundesregierung als nützlich für ihre Propaganda ansehen. Das machte Maaßen interessant für alle Gegner der Demokratie, von den äußersten Reaktionären bis zu rechten sozialdemokratischen Führern, die dem Großkapital verbunden sind. Gut, dass es vorbei ist."
 
Gerda Deumlich, Dresden: "Seine Gedanken sind nicht die unsrigen, seine Welt ist nicht unsere Welt, und seine Behauptungen sind nicht unsere. Viel zu lange hat sich die Kanzlerin auf dem Kopf herumtanzen lassen. Meiner Meinung nach hätte Maaßen wegen Verrat entlassen werden müssen. Aber ich kann auch mit dieser Entscheidung leben."

Wasiem Taha, Neubrandenburg: "Er verbreitete die Lüge, der Islam wäre der größte Feind und Sachsen sei nazifrei, er stärkte Nazis den Rücken und gerierte sich als Regierungskritiker, um Applaus aus dem rechten Lager zu bekommen. Da wäre ein Rausschmiß verständlich, aber Maaßen hat eben Glück gehabt: Deutschland schätzt die Meinungsfreiheit als hohes Gut."


Silke Susmann, München: "Maaßen geht, Hambi bleibt, der Streit ist endlich beendet und ich bin dankbar dafür. Niemand konnte mehr nachvollziehen, warum sich unsere Regierung in der angespannten Situation, in der Europa seit mehreren Jahren auf einen Impuls aus Berlin wartet, so ausgiebig mit einem ausgewiesenen Staatsfeind beschäftigt."

Manuela Schwesig, Schwerin: "Das ist eine akzeptable Lösung, die der berechtigten Kritik der Öffentlichkeit gerecht wird. Gut, dass Andrea Nahles die Initiative zur Korrektur ergriffen hat. Jetzt müssen Alltagsthemen der BürgerInnen wie bezahlbares Wohnen, Kita, Rente und Pflege in den Vordergrund."

Karl Malow, Cottbus: "Endlich haben sie es begriffen. Endlich eine richtige Lösung statt einer Veralberung der Bürger. Alle drei Koalitionäre gehen aus dem Konflikt gestärkt hervor, genauso wie unsere Demokratie. Der Anfang vom Ende der AfD."

Bernd Schneider, Mainz: "Ich wäre froh, wenn es schon das Ende Maaßens als Mitarbeiter der GroKo wäre. Dann hätten wir das Trauerspiel endlich hinter uns. Eine Ernennung zum Sonderberater ist aber ein richtiger Schritt in die richtige Richtung. Typisch Angela Merkel, sie hat immer eine gute Lösung!"

Jürgen Walther, Stuttgart: "Alter Präsident B9 plus neuer Präsident B9. Maasen hat einen Riesenfehler gemacht, aber ihn für immer in den Einstweiligen Ruhestand zu versetzen, ist der Personalmangel zu groß. Zudem hat der Innenminister schon lange einen Sonderberater gesucht, so dass es einer glücklichen Lösung gleichkommt, nun zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen zu können."

Enno Schröder, Hannover: "Damit wird viel Geld der Steuerzahler gespart und niemandem etwas weggenommen, weil der Staat gut gewirtschaftet hat. Ich verstehe, dass das politische Berlin stolz auf diese Lösung ist."

Renate Eisfeld, Aue: "Eine für mich vollkommen akzeptable Lösung, die die AfD in Umfragen wieder bis zu fünf Prozentpunkte kosten wird, da die Menschen draußen im Lande sehen, dass ihr die berechtigte Kritik der Öffentlichkeit verstanden habt."

Christian Müller, Wuppertal: "Statt sich immer weiter sich selbst belügen, hat sich die Bundesregierung endlich ehrlich gemacht. Es stimmt, unsere Parlamentarier spüren heute viel genauer als noch vergangenen Woche, was in Deutschland los ist. Ein wirklich guter Kompromiss, um in der Regierung zu bleiben."

Jenny Müller, Osnabrück: "Der Todesstoß für die Rechtspopulisten, meiner Meinung nach. Maaßens rigorose Bestrafung zeigt, dass niemand mit einer Beschimpfung der Regierung davonkommt. Die AfD kann froh sein, wenn sie bei der nächsten BTW die 5%-Hürde schafft. Die SPD hat den Bezug zur Realität, zur Basis, zum Bürger keineswegs verloren, wie viele Nazis immer wieder behaupten. Andrea Nahles ist mutig aus ihrem Elfenbeinturm in der Eifel getreten, hat gesehen und verstanden und im Interesse von uns Bürgerinnen gehandelt. Gut so!"

Andreas Thomas Klauner, Potsdam: "Die SPD hält doch Wort! Die Ankündigung von Andrea Nahles, Maaßen müsse gehen, wird eingelöst - er muss jetzt tatsächlich woandershin gehen. Was bitte ist daran so schwer zu verstehen? Alles genauso eingelöst, wie es versprochen war. Gut gemacht, SPD! Auf Euch ist Verlass."

Wohnraumoffensive startet mit Baukostenbremse

Kernstsück der neuen Wohnraumoffensive zur Lösung der Wohnungsfrage als sozialem Problem ist eine Bundesbaukostenbremse, die so konstruiert ist, dass sie die demokratische Mitte stärken wird.
In nur zweieinhalb Stunden hat die Bundesregierung am Freitag das Kunststück vollbracht, eines der drängensten Probleme der Bürgerinnen und Bürger abzuräumen: Verabschiedet wurde eine „Wohnraumoffensive“, deren wichtigster Eckpunkt eine Erweiterung und ein Umbau der der vor drei Jahren eingeführten "Mietpreisbremse" zu einer umfassenden "Baukostenbremse" ist. Der neue, erst in der Nacht vor der Zusammenkunft der Koalitionsspitzen von der Bundesworthülsenfabrik (BWHF) gelieferte Begriff stehe für den Willen von Union und SPD, die Wohnungsfrage als soziales Problem" bis 2040 zu lösen, wie Justizministerin Katharina Barley versprach.

Dabei will die Bundesregierung Nägel mit Köpfen machen, die andere Seite der Medaille nicht außer acht lassen und gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. "Die Wohnungsfrage bietet die Chance, nicht nur soziale Fragen des vielfältigen Miteinanders, sondern auch zukunftsweisende Probleme der demokratischen Teilhabe zu lösen", hieß es am Rande der Verhandlungen, in die SPD-Chefin Andrea Nahles mit der Ankündigung gegangen war, es werde eine Baukostenbremse geben und es werde sie binnen 24 Stunden geben oder die SPD könne so nicht mehr weitermitregieren. Dringend nötig ist das, denn nach dem Streit um Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen hatten Umfragen die AfD erstmals als zweitstärkste Partei der Republik gemessen, die SPD hingegen war mit ihrer Erzählung, sie stehe für Rechtsstaatlichkeit und Konsequenz, nicht zum Wähler durchgedrungen.

Baukostenbremse setzt Grenzen


Das soll das neue Bundesbaukostenbremsen-Gesetz (BBKB-GS) ändern. Ziel sei es, den finanziellen Aufwand für Neubauten zu deckeln, um mehr Bauherren auch aus armutsgefährdeten Familien die Möglichkeit zu geben, sich Wohneigentum anzuschaffen. Deutschland gilt europaweit als der EU-Mitgliedsstaat der Mieter, zuletzt waren die Mieten allerdings durch bislang ungeklärte Umstände trotz einer hochwirksamen Mietpreisbremse stark gestiegen. Im Kabinett vermutet man Miethaie vor allem aus dem Ausland hinter der Entwicklung, die vor allem Menschen in den gefragten Ballungszentren in Bedrängnis bringt.

Hier setzt die Bundesbaukostenbremse aus der Wohnraumoffensive an: Mit einer komplizierten Formel wird sichergestellt, dass die Kosten für die Errichtung von Eigenheimen oder Eigentumswohnungen künftig überschaubar bleiben. Dazu hat die Koalition die sogenannte GBWsozial-Gleichung abgesegnet, bei der Grundstückskosten und örtlicher Bodenrichtwert künftig multipliziert und anschließend durch das letzte Wahlergebnis der SPD im betreffenden Landkreis oder in der kreisfreien Stadt dividiert wird. Höher als die Endsumme darf in Zukunft keine Gesamtkostenpaket für ein Haus mehr steigen.

In Berlin machte die SPD eine Beispielrechnung auf: 2000 Euro Kaufkosten für ein Grundstück mal 800 Euro nach der Bodenrichtwerttabelle ergeben 1,6 Millionen, bei einem SPD-Wahlergebnis von nur neun Prozent wäre ein Haus mit der in der Wohnoffensive festgelegten förderfähigen Höchstgröße von 120 Queadratmetern für rund 177.000 Euro zu haben. das scheint im ertsen Moment nicht allzu günstig, ja, für Bezieher kleiner Einkommen sogar kaum finanzierbar.

Solidarität mit der SPD hilft allen


Doch die betreffenden Häuslebauer, so Nahles, die dabei von Bundeskanzlerin Angela Merkel unterstützt wird, hätten es ja selbst in der Hand: Schon 19 Prozent Stimmen für die SPD reduzierten die Baukosten auf nur noch 88.000 Euro, bei 36 Prozent ist das Bundeseinheitshaus bereits für 44.000 Euro zu haben und stimmte eine absolute Mehrheit im betreffenden Wahlbezirk für die erneuerte deutsche Sozialdemokratie, sänke der Betrag der höchstzulässigen Baukosten auf nur noch knapp über 31.000 Euro.

"Da werden wir aber wohl vorher nachjustieren", lächelte Bundeskanzlerin Angela Merkel sichtlich erleichtert nach einer entsprechenden Fangfrage eines entsprechend instruierten  Hauptstadtjournalisten. Es gehe jetzt darum, die offene Wohnungsfrage zu beantworten, "schnell und entschlossen" (Merkel), aber auch darum, den in schwere Wasser geratenen Koalitionspartner "ein bisschen aufzufangen und aufzurichten". Deutschland brauche in turbulenten Zeiten sowohl eine starke Union als auch eine regierungsfähige SPD, die nicht "hinterm Hollerbusch hockt und über Selbstmord aus Angst vor dem Tod nachdenkt".

Sonntag, 23. September 2018

HFC: Regenschlacht im Schlafanzug

Wie wichtig Ziegners Mannschaft den ersten Dreier nach zwei eher erfolglosen Partien nimmt, zeigt der Jubel nach dem Schlusspfiff.
Es war noch nie so still im Erdgas-Sportpark wie in diesen Momenten vor dem Anpfiff des Drittliga-Spiels gegen den VfR Aalen. Es wird für Eckbert Brauer geschwiegen, den früheren Finanzbeschaffer des Klubs von der Saale, der vor zehn Tagen mit nur 66 Jahren plötzlich verstorben war. Ein Mann des Hintergrundes, doch einer, ohne den es den HFC des Jahres 2018 vermutlich nicht geben würde: Brauer war es gewesen, der in den langen, dunklen Jahren in der 4. und 5. Liga Sponsoren gesucht und immer wieder auch gefunden hatte. Sponsoren, die Geld in einen Verein steckten, der nie aussah, als habe er eine große Zukunft. Ein Verein, der dafür geliebt werden musste, weil es so viele andere Gründe nicht gab.

Ein Großer aus der zweiten Reihe: Das frühere Wabbel-Stadion trauert um Eckbert Brauer.
Präsident Michael Schädlich klingt bewegt, als er den Weggefährten aus den düstersten Tagen in wenigen Worten ehrt. Danach ist Stille, selbst die mitgereisten Aalener Fans zeigen ihren Respekt und verzichten auf die sonst oft üblichen Hohnrufe. Traurig genug, dass ausgerechnet einer wie Brauer, der immer an den HFC geglaubt und selbst in der letzten Krise Anfang des Jahres noch einmal mit angepackt hatte, nicht mehr miterleben kann, wie da unten auf dem Rasen ein HFC entsteht, der diese Zukunft nun vielleicht doch haben wird. Seit Torsten Ziegner und Ralf Heskamp die Geschäfte in Halle übernommen haben, weht im wahrsten Sinne ein neuer Wind an der Saale. Anstatt Ausreden gibt es Auswärtssiege, anstelle einer Versammlung von egozentrischen Individualisten steht eine Mannschaft auf dem Platz.

Keine Übermannschaft natürlich, dafür sind die Kassen immer noch zu klamm. Aber wie Ziegners Elf gegen Aalen, wohl aus Trauergründen erstmals in einem Heimspiel in den grauen, schlafanzugähnlichen Auswärtstrikot, vom Anpfiff an ins Spiel geht, legt die Vermutung nahe, dass hier frühen jahrelang eine andere Sportart betrieben wurde. Jetzt spielt hier eine Feuerwehr in Grau: Zweite Minute, Halle drückt, Missverständnis in der Gästeabwehr, Marvin Ajani ist zur Stelle. 1:0 nach 2:10 Minuten.

Und es geht so weiter. Wie aufgedreht spielen die Hallenser die rotgekleideten Gäste schwindlig. Es folgt Ecke auf Ecke, Großchance auf Großchance. Die 7000 im Stadion, darunter rund 60 Gästefans, bekommen live vorgeführt, warum sich Spitzenreiter Uerdingen am letzten Spieltag so schwer tat, daheim einen Sieg gegen diese Hallenser herauszukämpfen. Nach einer Viertelstunde müsste es 3:0 stehen. Doch die Tabelle lügt nicht: Fast die Hälfte der Liga hat bis hierher mehr Tore geschossen als die hallesche Elf, die vor dem Spieltag Tabellenplatz 5 besetzte.

Nach nur zwei Minuten trifft Ajani (l.).
Allerdings haben nur fünf der 20 Vereine weniger Tore kassiert als Ziegners Mannschaft, die diesmal mit Sebastian Mai in der zentralen Abwehr und dem bisherigen Abwehrchef Moritz Heyer neben Björn Jopek im defensiven Mittelfeld aufläuft. Es gibt über 30 Minuten kein Durchkommen für Aalen, es spielt nur Halle, aber eben unglücklich im Abschluss. Irgendwo ist immer noch ein Fuß, eine Brust oder ein Stück Pfosten. So in der 42. Minute, als erneut Ajani aufs Tor zielt, diesmal aber nur die Querlatte trifft. Auch Jopek hat kein Glück, seinen Fernschuss lenkt Aalens Keeper Bernhardt zur nächsten Ecke ab.

Doch es ist Formsache, dieses Spiel zu gewinnen, da sind sich auf der Tribüne alle einig. Es ist ein Fest, was die Fans hier erleben, vor allem verglichen mit den tristen Auftritten der vergangenen Saison. In dieser Mannschaft ist Feuer, Leidenschaft, es wird gerannt und gegrätscht und zwischendurch sogar immer wieder ein Pass gespielt, der verrät, dass das HFC-Spiel Jahrgang 2018 einem Plan folgt.

Was in dem bestimmt nicht steht: Nach Wiederanpfiff erleidet das Spiel bei dunkler werdendem Himmel und endlich doch hochgefahrenem Flutlicht einen Bruch. Plötzlich ist Aalen richtig im Gefecht, schneller am Ball, giftig und - im Fall des älteren Zuschauern noch aus den Duellen mit RB Leipzig bekannten Matthias Morys - auch mal brutal. Mit seiner ganzen Körperlichkeit rammt der 31-Jährige Toni Lindenhahn mit angewickeltem Ellenbogen vor der Brust aus vollem Lauf um. Und bekommt nur eine gelbe Karte für die Aktion, die weit näher an einer Tätlichkeit war als die, für die Braydon Manu in Uerdingen Rot kassierte.

Zwei Mann frei vorm Tor und doch nicht das 2:0.
Die sammeln sich auf hallescher Seite, was nicht unbedingt zur Beruhigung des HFC-Spiels beiträgt. Ebensowenig wie der einsetzende Regen, der die grauen HFC-Schlafanzüge in fast schwarze Slim-Jerseys verwandelt, auf denen die Rückennummern kaum noch mehr zu erkennen sind. Hier spielt nun nur noch der Gast. Halle wartet auf Kontermöglichkeiten, vergibt sie dann aber halbherzig. Schön mit einem Beinschuss von Sohm freigespielt, schießt der meist einsam an der Mittellinie lauernde Fetsch Bernhardt aus Nahdistanz an. Lindenhahn zwingt den Aalener Torhüter mit einer langen Flanke aufs lange Toreck zu einer Prachtparade. Und ein Schuss von Bahn verheddert sich in der Abwehr.


Morys (v.) foult, bekommt aber nicht wie Manu die rote Karte.
Enger ist es auf der anderen Seite. Erst schießt Sessa einen Freistoß knapp am Pfosten vorbei, dann trifft Bär ihn mit einem Kopfball. Immer wieder muss Torwart Kai Eisele jetzt retten, unten und oben, fangend und faustend. Nach vorn gibt es kaum noch Entlastung. Und wenn, dann werden verheißungsvolle Situationen verstolpert, wie durch Bentley Baxter Bahn, der in einer vier zu drei Überzahl weder zum Mitspieler  links noch zu denen rechts passt. Sondern den Ball so nach vorn kullert, dass die Chance beendet ist.

Der rotgesperrte Braydon Manu fehlt, das ist nicht zu übersehen. Pascal Sohm, der ihn mit sehr viel defensiverer Ausrichtung ersetzt, dabei aber gegen Morys eine gute Figur macht, kann den kleinen Dribbler nicht ersetzen. Auf der rechten Seite passiert so offensiv kaum etwas, links stellt dann auch Ajani irgendwann die Bemühungen auf schnelle Vorstöße ein. Jetzt wird gezittert und gekämpft, gebissen und gekratzt.

Der junge Guttau kommt noch für Ajani, mit ihm auch der defensivere Arkenberg für Jopek. Die neue Sturmhoffnung Pacliuca löst Fetsch ab, hat aber gar keine Ballberührung mehr. Muss auch nicht, denn es reicht auch so.

Als Schiedsrichterin Riem Hussein die Regenschlacht nach einer nicht endenwollenden Nachspielzeit abpfeift, liegen sich die Spieler in Grau in den Armen, als hätten sie das entscheidende Spiel zum Aufstieg gewonnen. Und der Erdgas-Sportpark klatscht frenetisch, als habe er genau das auch gerade miterlebt.
Sebastian Mai (Bildmitte) war zum ersten Mal Abwehrchef. Zum ersten Mal seit Anfang des Monats stand wieder die Null.