Sonntag, 23. September 2007

Arschloch in der Kulturkrise

Haben Künstler heute eine bessere Positionen in den Kämpfen um die Aufmerksamkeit des Publikums?


Boa: Das kommt ganz darauf an. Der Künstler, der etabliert ist und eine treue Fangemeinde hat, der hat eine bessere Position. Deswegen darf ich mich auch nie beschweren über illegale Downloads, weniger Plattenverkäufe. Da habe ich kein Recht dazu. Aber wer solche Fans nicht hat, weil er neu anfängt, hat es enorm schwer. Es gibt keine Türen mehr, die in dieses Geschäft führen. Das macht auch den Umgang untereinander schwer. Wenn ich etwa eine junge Band treffe, weiß ich gar nicht, was ich denen raten soll. Meine Position ist eine ganz andere. Die wollen, was ich schon erreicht hab. Und ich kann ihnen dabei nicht helfen. Das ist für mich eine merkwürdige Situation.

Wo liegt die Schwierigkeit?

Boa: Man bekommt nichts mehr vermittelt. Das ist eine Art Kulturkrise. Wenn es keinen Berühmtheitsbonus gibt oder schon ein kommerzieller Erfolg da ist, ist niemand bereit, irgendetwas zur Kenntnis zu nehmen. Das ist mittlerweile überall so. Ein Künstler, der ein anderes Anliegen hat als nur sein Ego auszubreiten und Kommerz zu transportieren, rennt gegen Wände. Kunstanspruch, seine Musik leben, ideelle Werte, das zählt alles nicht.

Bist Du froh, dass Du den Tanz ums Goldene Kalb nicht mitgemacht hast?


Boa: Ich leide natürlich auch unter dieser Kulturkrise. Aber ich bin einer der wenigen, der kämpft. Das ist auch für mich schwierig. Aber eben doch vergleichsweise leicht,weil ich die Plattform habe.

Hast Du Dich damit abgefunden, als arrogant zu gelten? Oder hat es Dich gestört, wenn das Publikum Dich als Arschloch feierte?

Boa: Das hat mich immer sehr amüsiert. Das stammte ja auch aus einer Zeitungsschlagzeile. „Arschloch mit Niveau“ hieß die. Das ist ja jetzt auch schon eine ganz neue Generation von Fans, die das ruft. Ich finde das durchaus okay, solche Rituale zu haben zwischen Künstler und Fans.

Auf deiner letzten Tour hast Du nur Musik aus drei alten Alben gespielt. Was war das für ein Gefühl?


Boa: Das war ein äußerst interessanter Prozess. Ich hatte die Platten jahrelang, ja, teilweise jahrzehntelang nicht mehr angehört. Klar, man spielt auf Tour immer die Singles, aber den Rest, den nimmt man nicht mehr wahr. Als ich die Sachen dann hörte, war es, als ob ich eine andere Band anhöre. Daraus habe ich auch eine Menge mitgenommen für neue Album: Die alten Stücke haben mir gezeigt, warum wir überhaupt so lange weitermachen konnten. Ich habe die Gründe gesehen - wir haben nie geklungen wie andere Bands, wir waren immer sehr individuell, von Anfang an. Eine Band wie der Voodooclub würde heute gar nicht mehr funktionieren, mit der Attitüde von damals würde das als Avantgarde zählen. Schon wie ich damals gesungen habe... das fällt mir heute sehr schwer.

Dafür singst Du heute schöner, weniger kantig.

Boa: Ja, das ist wohl richtig, finde ich auch. Schön ist relativ, eine Stimme muss Charakter haben. Das, was da heute aus den Studios kommt, ist doch alles errechnet. Die singen einzelne Töne, dann wird das in den Rechner gepackt und zurechtgerückt. Das klingt dann perfekt schön. Wenn man das will, dann kann man Musik nur noch als Entertainment sehen.

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