Google+ PPQ: Abriss-Exkursionen: Projekt Riese - Führers letzte Fluchtburg

Donnerstag, 14. Januar 2010

Abriss-Exkursionen: Projekt Riese - Führers letzte Fluchtburg

Wenn er das noch hätte erleben dürfen, der Adolf Hitler. Aus Glas und Edelstahl hat ihm die Europäische Union einen Begrüßungspalast an den Ortsrand von Gluszyca Gorna gebaut, der den Palast der Republik der ehemaligen DDR glatt vergessen lässt. Europa ist hier im polnischen Grenzland, einen Steinwurf entfernt von der tschechischen Grenze, nur ein fernes Gerücht: Wer das "Projekt Riese" besuchen will, die Großbaustelle des allerletzten Führerhauptquartiers, muss in polnischen Zloty zahlen können. Euro werden genausowenig genommen wie Dollar, tschechische Kronen oder Kreditkarten. Der nächste Geldautomat ist in der Kreisstadt, eine Viertelstunde Nebelfahrt durch Schlesien. Und er ist kaputt.

Es sollte ja ursprünglich auch geheim bleiben, was hier unter dem Decknamen "Riese" unter der Aufsicht der eigens zu diesem Zweck gegründeten Schlesischen Industriegesellschaft AG in den Fels gehämmert wurde. Im November 1943 begannen die Arbeiten an der Untergrundfestung im Eulengebirge, die aus sechs einzelnen und zum Teil unterirdisch miteinander verbundenen Bunkeranlagen bestehen sollte. Nach Ansicht des Hobby-Historikers Jürgen Heckenthaler sollte "Riese" ein Führerhauptquartier werden, auch Albert Speer, Hitlers Leibarchitekt und letzter Rüstungsminister, und Nikolaus von Below, acht Jahre lang Hitler Luftwaffenadjutant, nennen die unterirdischen Anlagen als geplanten Ausweichstandort für das Führerhauptquartier.

Der Augenschein einer PPQ-Abrißexkursion lässt aber Fragen offen. Kilometerlang ziehen sich acht, neun Meter breite Gänge dahin, zum Teil sind sie schon verschalt, zum Teil noch im Auffahrzustand: Die Decke ist komplett gerundet, an beiden Gangseiten aber stehen noch Gesteinsstufen, die benötigt wurden, um an der Decke arbeiten zu können. "Einige Teile waren wohl zur Industrie-Auslagerung gedacht, wurden aber später umgewidmet", glaubt Heckenthaler, dessen Berechnungen zufolge sich der "Riese" auf einer Fläche von circa 25 mal acht Kilometern erstreckt. Genaue Angaben gibt es nicht, auch im polnischen Dokumentationszenrum. Pläne und Dokumente seien durchweg verschwunden heißt es, man sei auf Vermutungen angewiesen.

Die einzelnen Anlagen, soweit immerhin ist der Kenntnisstand nach 60 Jahren, sind sternförmig angeordnet, aber meist nicht untereinander verbunden: "Wenn ein Teil erstürmt worden wäre, hätten die Gegner sonst gleich zum nächsten durchmarschieren können." Teilweise ist das "Riese"-System mehrstöckig, teils bereits komplett ausgemauert. Eine Verwendung als Flugzeugfabrik oder zur Produktion von "Geheimwaffen", wie sie der polnische Riese-Forscher Dariusz Garba vermutet, wäre auf große Probleme gestoßen: Alle Eingangsstollen in den Berg sind gerade mannshoch, die Straßen schmal, einen Flugplatz in der Nähe gibt es nicht. Der An- und Abtransport von Materialien und Fertigprodukten wäre schwierig gewesen. dennoch: "Es gibt drei begonnene Fahrstuhlschächte, die 48 Meter tief reichen", hat Heckenthaler gezählt.

15.000 Arbeiter aus dem Konzentrationslager Groß-Rosen mussten "Riese" in den Boden graben, 5.000 von ihnen starben. Selbst Albert Speer zweifelte am Sinn des Unternehmens, das seinen Bemühungen um die totale Aufrüstung wertvolle Ressourcen raubte. "Projekt Riese verbrauchte mehr Beton, als 1944 der gesamten Bevölkerung für Luftschutzbauten zugestanden werden konnte", schreibt er in seinen Memoiren.

Fertig wurde "Riese" trotzdem nie. Nikolaus von Below gibt in seinen Erinnerungen an, er habe die Bauarbeiten bei einem letzten Inspektionsbesuch im Winter 1945 "endlich stoppen" können. Nach anderen Quellen allerdings wurde auch später noch am "Sonderbauprojekt" weitergearbeitet, das nach einem Brief von Speer an Hitler bereits Mitte 1944 150 Millionen Reichsmark gekostet hatte. Vier Mal soviel, wie das Führerhauptquartier "Wolfsschanze".

Keine Kommentare: