Google+ PPQ: Abriss-Exkursionen: Millionengrab in der Neumühle

Donnerstag, 27. Mai 2010

Abriss-Exkursionen: Millionengrab in der Neumühle


Ringsum grünt es grün und es blüht Zukunft, der Verkehr staut sich und in den Restaurants nebenan sitzen glückliche, fröhliche Menschen im ersten Frühlingslicht. Nur das, was einstmals die Neumühle war, duckt sich grau und blaß ins Gebüsch, als stände hier nicht eines der schönsten Beispiele für das sinnlose Verbraten von Steuermitteln im Auftrag von Wahnsinn und Bürokratie.

Was von außen aussieht wie der verlassene Betriebshof einer gescheiterten Autowerkstatt, ist in Wirklichkeit eines der bedeutendsten Baudenkmale der Industriegeschichte der Stadt Halle. Angeblich um 1280 von Mönchen des damals nahegelegenen Paulanerklosters angelegt, lassen sich an der Südostecke des Hauptgebäudes heute noch die Hochwasserstände der Saale ablesen: Ohne Klimawandel schaffte die es am 2. März 1595 auf die Rekordmarke von über zwei Metern. Im Jahre 1720, damals war das Ensemble gerade mal in städtischem Besitz, wurden ein Wohnhaus und eine Mühlenwaage angebaut, 1907 übernahmen die konkurrierenden Hildebrandtschen Mühlenwerke die Mühle mit ihren sechs Wasserrädern, die neben Mehl auch Schrot und Malz produzierte.

Bis 1920 war die Mühle in Betrieb, ab 1943 startete sie eine zweite Karriere als Hilfsgefängnis, zu DDR-Zeiten diente sie als Lagergebäude der Burger Bekleidungswerke, die schmucke NVA-Uniformen für den Ernstfall hier horteten. Nach dem Mauerfall war es damit vorbei, jetzt bekamen die Erben der Mühlendynastie Hildebrandt ihr früheres Eigentum zurückerstattet.

Die schöne Lage ließ aber vor allem die Stadtverwaltung träumen. Bereits 1995 begann die Sanierung der barocken Stallgebäude an dem nun als "technisches Denkmal" eingestuften Komplex. Dabei wurde das Fachwerk komplett neu ausgemauert, dann das gesamte Dachgestühl um 30 Zentimeter angehoben, um als das alte Rahmenholz durch neues zu ersetzen. Später schafften es die Architekten, das gesamte aufwendig rekonstruierte Fachwerk hinter einer Dämmschicht und dickem Fassadenputz verschwinden zu lassen.

Etwa halbe Million Euro ließ sich die Stadt Halle allein die einem Neubau gleichkommende Rekonstruktion der Ställe kosten, um "die Möglichkeit zu schaffen, einen wirtschaftlichen Betrieb auf dem Areal in Gang zu setzten". Alle Arbeiten seien jedoch nur vorfinanziert, "bis ein Investor feststehe", hieß es Mitte der 90er Jahre, als die Träume noch hoch flogen. Gastronomie sollte einziehen, Wohnungen sollten gebaut werden. Später konnte sich ein Beigeordneter "ein Gästehaus und kleine Büros" in dem Gebäude vorstellen, dessen komplette Sanierung mehr als 1300 Euro pro Quadratmeter gekostet hätte. Ein einziger Investor meldete sich, sprang aber wieder ab. Und ein Stadtplaner hatte noch einmal hochfliegende Pläne von einem ganzen "Kultur-Ufer entlang des Mühlgrabens", das in fünfjährigen Bauarbeiten quer durch die Stadt gebaggert werden sollte.

Anno 2010 wäre das beinahe in der Kulturhauptstadt Essen vorgestellt worden, würde sich noch irgendjemand daran erinnern. Doch die Neumühle steht immer noch überwuchert und leer am Saaleufer, das aufwendig sanierte Stallgebäude ist längst wieder unterwegs in Richtung Zusammenbruch. Außen dient es Sprayern als Tafel, innen rottet ein Schild aus der Zeit, als hier ein neues kulturelles Zentrum für Konzerte und Ausstellungen entstehen sollte: "Wir erhalten Werte" steht darauf.

Mehr Abriss-Exkursionen

und hier.

Keine Kommentare: