Mittwoch, 7. Dezember 2011

Wo die Kulturbanausen hausen

Es war ein Klassiker der Kachelkunst, eine Miniatur, gespickt mit Abnspielungen auf die Bandkeramiker der Vorzeit und die variativen Adaptionen eines Andy Warhol. Tausende Kunstfreunde bewunderten über Jahre eine Kachelklebung am Eingangstor zum halleschen Freizeitpark Peißnitz und ermutigten den bis heute unbekannt gebliebenen Fliesen-Künstler so, in unmittelbarer Nähe noch zwei weitere Exponate anzubringen.

Doch dann kamen die staatlichen Kulturverwalter. Dann beschloss die Politik ein millionenschweres Kachelbeseitigungsprogramm. Nicht nur, dass die historische Mauer mit der Kachelbandklebung abgerissen wurde (oben links). Nein, um alle Spuren des ehrenamtlich angebrachten Kunstwerkes zu tilgen, entschloss sich die Landesregierung auch, für mehr als zwei Millionen Euro eine Komplettsanierung des nebenliegenden Gebäudes durchführen zu lassen.

Hier residiert nun mit der Landes-Kunststiftung eine Einrichtung von äußerst fragwürdiger Provenienz: Gibt schon dem Einzug regionale Kultur den Baggern preis, schmückt sich dann aber auf einer an Stelle der früheren Kachelgalerie eigens neugemauerten Wand (oben rechts) mit einem Mauerspruch über "vagabundierene Kreativität". Als könnte die lokale Kunstszene je vergessen, wie rücksichtslos in der ehemaligen Kulturstadt immer wieder gegen Kunst von unten vorgegangen wurde.

Aber es ist ja für einen höheren Zweck – und zu höheren Kosten. Nach den zwei Millionen für den Umbau der alten Villa, die ehedem Sitz des Zentrums für Sozialforschung Halle war, lässt sich die Landesregierung den Unterhalt des neuen Bürogebäudes für die erst 2004 gegründeten Kunstförderer rund 70.000 Euro jährlich kosten. Bei 320 Quadratmetern Nutzfläche sind das 18 Euro pro Quadratmeter im Monat allein für Heizung, Strom und Wasser – normal liegen Wohnnebenkosten in der Saalestadt etwa bei zwei bis drei Euro im Monat. Richtig verwendet, hätten die hier sinnentleert ausgekehrten Summen gereicht, dem großen Projekt einer kompletten Neuverfliesung der halleschen City zum Zwecke der Verleihung eines Unesco-Welterbetitels als erste komplett gekachelte Stadt den finalen Schub zu geben. Nun aber fehlt das Geld. Was vermutlich Sinn der Übung war.

Zum einzigen echten Kachelverzeichnis

Eigene Funde können wie stets direkt an politplatschquatsch@gmail.com geleitet werden, jeder Fund wird von uns auf Wunsch mit einem mundnachgemalten Kunstdruck der inzwischen von Kachel-Gegnern vernichteten Ur-Fliese prämiert.

Das große PPQ-Kachelwatchblog
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Das einzige Kleben
Vernichtungsschlag gegen Fliesenprojekt
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Niedergang der Fliesenkultur

2 Kommentare:

  1. Gustaf FröhlichDezember 08, 2011

    "Nun aber fehlt das Geld. Was vermutlich Sinn der Übung war."

    Ein Satz wie in Stein gemeißelt !..nein ..wie auf Kacheln gemalt!

    Danke für diesen großartigen Ausspruch! Ich bitte gefälligst, diesen bei Gelegenheit verwenden zu dürfen?

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  2. gern. oder wie man heute überall schreibt: "gerne"

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