Montag, 16. Januar 2012

NSU: Aus der Zelle in die Zelle

Es ein Stück Heimkehr, ein Stück zu Hause sein. Endlich liegt eine deutlich sichtbare Spur von der aus Jena stammenden Zwickauer Neonazi-Terrorzelle ins benachbarte Sachsen-Anhalt, Heimatland der berühmten „Straße der Gewalt“. Knappe zwei Monate brauchten die Fahnder, um im Internet zusammenzugoogeln, was PPQ bereits Mitte November berichtet hatte: Die zwei tödlichen Drei Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe unterhielten „Kontakte nach Sachsen-Anhalt“ (MDR), etwa, indem sie an einer Nazidemo in Halle teilnahmen (Foto oben).

Anmelder solcher Demonstrationen sind hier, in der ehemals roten Saalestadt, immer dieselben braunen Brüder, so dass der suchmaschinenkundige GEZ-Journalist eigentlich nur drei oder vier Minuten benötigt, um von der NSU zum unterdessen einsitzenden Ralf Wohlleben und von diesem mit zwei Klicks weiter in ein kleines Nest im Vorharz gelangen, das seit Jahren als Metropole der Freien Kameradschaften durch Spiegel TV promotet wird. Einen Tag vor ihrer Festnahme sei die mutmaßliche Rechtsterroristin noch in Halle gewesen, heißt es weiter. Hier sei sie über die Jahre im selbsteingebildeten Untergrund hinweg immer wieder beim Zahnarzt gewesen.

Beim MDR wird daraus der rätselhafte Satz: „Bei einer Person aus dem südlichen Teil des Bundeslandes bestehe der Verdacht, dass sie die mutmaßlichen Rechtsterroristen unterstützt habe“. Das habe dem Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Stahlknecht persönlich mitgeteilt. Später wird allerdings berichtigt: Die "Person aus dem südlichen Teil" wohnt im westlichen Teil. Bei der betreffenden Person sei aber in der Tat „eine Telefonnummer von Beate Zschäpe“ gefunden worden - eine Formulierung, die irgendwie ahnen lässt, dass Beate Zschäpe viele Telefonnummern gehabt haben muss.

Die in Sachen NSU-Geschichten weltweit führende Süddeutsche Zeitung weiß mehr. Zschäpe habe diese Nummer vor sechs Jahren kurz vor einem Anschlag der NSU-Uwes in München von einer Telefonzelle nahe ihres Hauses in Zwickau angerufen. Dass es Zschäpe war, die aus der Zelle anrief, ergibt sich offenbar aus dem Umstand, dass sie das Handy anrief, weiß man, weil das angerufene Handy und eine Rechnung für die Nummer 0162/4639557 beim von Zschäpe gelegten Verdeckungsbrand in Zwickau unbeschadet blieben. Lässt man außer acht, dass auch jeder andere in der Zelle hätte stehen können, ist der Zusammenhang zwischen NSU und Mordanschlag nicht nur ein weiteres Mal belegt, sondern Zschäpe nunmehr auch der Teilnahme an der direkten Anschlagsvorbereitung überführt.

Ermittlerglück, dass sich kaum fassen lässt. Die Nachrichtenagentur dpa verrät, wie es von hier aus weitergeht: Das Umfeld der Verdächtigen werde derzeit intensiv durchleuchtet; "dazu gehöre auch die Überprüfung der Kommunikation", heißt es. Mit Blick auf die derzeit noch geltende deutsche Rechtslage bei der Vorratsdatenspeicherung ein Hinweis darauf, dass es da nicht viel zu prüfen geben kann, schließlich werden hierzulande alle Verbindungsdaten Ablauf des Abrechnungszeitraumes gelöscht - bei einer 0162-Nummer von Vodafone offiziell nach sieben Tagen. Oder aber das entsprechende Urteil des Bundesverfassungsgerichtes vom 2. März 2010 eher eine theoretische Veränderung der Rechtslage bewirkt hat.

Über die Rolle von Zschäpe innerhalb der NSU herrscht nach Auskünften der Ermittler aus dem laufenden Ermittlungsverfahren derweil nach kurzer Irritation medial wieder Einigkeit. Hieß es zuletzt noch, es werde schwer, der "Nazibraut" (Bild) eine Beteiligung an den Morden der NSU nachzuweisen, hat die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe jetzt eine Möglichkeit gefunden, der das überflüssig macht. Mit einem kleinen Trick wollen die Ermittler aus der schweren Brandstiftung, mit der Zschäpe Waffen, Handyrechnungen und DVDs im Bandenhauptquartier in der Zwickauer Frühlingsstraße hatte vernichten wollen, einen versuchten Mord machen. Immerhin habe Beate Zschäpe die Wohnung in Brand gesetzt, obwohl sich - das weiß man allerdings nach 70 Ermittlungstagen offenbar immer noch nicht so genau - "möglicherweise noch eine Nachbarin in dem Haus befand".

Die Frage dabei ist natürlich, ob es sich bei der Nachbarin eventuell um die Frau handelte, bei der Zschäpe vor ihrer Flucht ihre Katzen abgab. Oder ob eine andere Nachbarin gemeint ist, eine, die vielleicht gar nicht im Haus war. Spannend für Jurastudenden wird es sein zu verfolgen, wie der Staatsanwalt die für eine Mordanklage notwendigen Mordmerkmale belegen wird: War die Katzenübergabe nur kaltblütige Tarnung? Dann müsste womöglich der versuchte Katzenmord mitangeklagt werden.

Die Anmerkung: Ein Land schreibt einen Thriller

8 Kommentare:

  1. Zumindest versuchte Tierquälerei, dafür reicht's allemal.

    Was anderes: Die Google-Werbung für "Mundgeruch Lösung" bei der "Berliner Morgenpost" erscheint wohl auf das Artikelstichwort "Mundlos"? Aber seit wann haben Mundlose Mundgeruch?

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  2. Besonders perfide ist die Rolle des Zahnarztes. Wird man jemals noch unbefanghen zu einem Zahnarzt gehen können? Wer weiß, wer da vor einem schon im Stuhl saß und in welchen Verdächtigenkreis man dadurch gerät?

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  3. Das haben die sich so gedacht, die Sachsen-Anhaltiner. So tun als wüssten sie nicht mal was ein Hakenkreuz ist, aber in Wirklichkeit ...
    Das Spiel ist aus!

    So direkt Beweise gibt´s noch nicht. Aber es kann kein Zufall sein, dass Zschäpe auf dem Weg von Sachsen nach Niedersachsen ausgerechnet Sachsen-Anhalt als Transitland benutzte.

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  4. @Volker
    In der Tat, das ist verdächtig! Als echte Rechtsextreme hätte sie doch über Ostpreußen fahren müssen, oder Braunau?

    Noch verdächtiger aber ist, daß ihre Bitterfelder Komplizin keine Rechtsextreme sein soll und der Dentist bislang unauffällig war.

    Das sind wirklich geheimnisvolle Terrorstrukturen, da wird einem Angst und Bange!

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  5. Das verstehe ich jetzt nicht. Warum muß einen echte Rechtsextreme über Ostpreußen fahren? Meiner Oma zufolge wurden die Ostpreußen als absolut zurückgebliebene Landeier belächelt. Da waren eher keine "Gottseibeiuns" ansässig - im Gegensatz zu Österreich.
    Zum Glück wird die abgefackelte Haushälfte in Zwickau ganz abgerissen und begrünt. Damit keine Wallfahrtsstätte für Neonazis entsteht, wie der MDR zu berichten wußte. Das ist einerseits gut, denn dann fahren die Rechtsextremen nicht mehr über Sachsen. Andererseits ist es schlecht. Da hätte doch eine einfache CCTV-Anlage mit Gesichtserkennungssoftware genügt, um die Personalien der wallfahrenden Neonazis der neuen Neonazidatei zuführen zu können.
    Die Neonazi-Datei wird schick. Es war eben nicht alles schlecht in der DDR.

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  6. @Kurt
    Sie fahren eben über Ostpreußen, weil sie die ganze Welt beherrschen wollen, basta!

    Im Übrigen wurde passend dazu Mielkes Dienstsitz restauriert und wiedereröffnet.

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  7. Hier sei sie über die Jahre im selbsteingebildeten Untergrund hinweg immer wieder beim Zahnarzt gewesen.

    Da hat Sie immer wieder neue Zahnbomben bekommen!

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  8. jetzt kommt Fußballbespaßung im tévau.

    wie ich es hasse .

    VRIL

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