Samstag, 8. Juni 2013

Ein Sittengemälde


Seinen letzten öffentlichen Auftritt absolvierte Willi Sitte im Sommer vor drei Jahren im Rollstuhl. Gezeichnet von den Jahren, lauschte der große Maler des sozialistischen Realismus Wolfgang Paule Fuchs' Interpretationen zu seinen frühen Bildern. Wuchtige Soundinstallationen waren das, elektronisch aufgeblasen und muskulös wie Sittes Gemälde, denen stets ein Hang zur Karikatur eigen war.

Sitte selbst, zu DDR-Zeiten auch im Westen gefeiert und in seiner Heimatstadt Halle nach dem Mauerfall eilig zur persona non grata erklärt, malte zu der Zeit noch, zeigte seine Bilder aber nicht mehr. Verbittert war der nun als "Systemmaler" geschmähte Ex-Präsident des Verbandes Bildender Künstler der DDR, verbittert, weil ihn die zu seinen großen Zeiten selbst nie durch übertriebene Systemferne aufgefallenen Mitglieder der neuen Machtschickeria wie stellvertretend für ihre eigenen Sünden öffentlich schnitten.

Willi Sitte, einer von ganz wenigen über die Stadtgrenzen hinaus bedeutsamen Hallenser, musste mit seinen Bildern ins benachbarte Merseburg ziehen. Als würde Manchester die Beatles feiern. Keinen Kranz wand ihm die selbsternannte Kulturstadt zum 90., keine Straße benennt sie nach ihm, keine Ehrenbürgerwürde wird vergeben, kein städtischer Festakt veranstaltet. Stillschweigend überging die neue Macht den Maler der alten, weil sie sich in ihm selbst erkennt: den eigenen Opportunismus, die eigene Schande, die Verlogenheit der plakativen Motive. Die Stadt, die letzten anderthalb Jahrzehnte regiert von früheren Funktionärinnen im Sold der Einheitspartei, zeigt sich damit als verkleinertes Spiegelbild des größeren Deutschland. Das feiert Helden nicht nach ihren Taten, sondern nach der Opportunität ihres Verhaltens: Egon Krenz, der die Mauer öffnete, landete im Gefängnis. Michael Gorbatschow, jahrelang Krenz´ Vorgesetzter, an Elfriede Springers Bankett-Tisch.

Ein Sittengemälde. Gut ist, wer gefällt, nicht wer malen kann. Bei der Bewertung des künstlerischen Werkes gehen die Verdienstkreuzverleiher der neuen Zeit nach dem Schema ihrer Vorgänger vor, die Verdienstorden zu vergeben hatte. Wolf Biermann war natürlich eine "schleichende intellektuelle Seuche", wie das Neue Deutschland 1976 zu berichten wusste. Gitarre spielen konnte er auch nicht! Willi Sitte trifft 35 Jahre später ein vergleichbares Urteil: Der Künstler hat das Pech, im Schatten des Funktionärs gemalt zu haben.

Heute ist Willi Sitte in seinem Haus in Halle gestorben. Der ehemalige Wehrmacht-Soldat, Deserteur, Partisan, Kunstprofessor, SED-Funktionär, Biermann-Freund und Ehrenbürger der italienischen Stadt Montecchio Maggiore wurde 92 Jahre alt.

4 Kommentare:

  1. OK, seine Bilder sind sch.
    Aber wenn er von der Wehrmacht zu den Partisanen desertiert ist (auf so was hat die Wehrmachtsjustiz die Todesstrafe ausgelobt), hatte er auf jeden Fall mehr Mumm als alle heutigen Krämpfer gegen Rechts zusammen.

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  2. Die bloße Tatsache, daß Joseph Goebbels entartete Kunst nicht mochte, wird mich nicht davon abhalten, sie ebenfalls nicht zu mögen. - Franz Hoffmann, Künstlername Ephraim Kishon, nach unserem guten Freund Dikigoros.
    --- Nebenbei, geschätzer Blogwart, seit ein paar Tagen taucht hier immer ein angeblicher Bankster auf, der einem 600 Bernanke-Schekel am Tag verspricht. Erinnert mich an Pinocchio und das campo di miracoli, wo man die Goldzechinen aussäen kann...

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  3. Du hast Dikigoros gelesen?
    Gut.
    Da Du uns offenbar eine Weile begleiten wirst, werden wir ja sehen, ob Du ihn auch verstanden hast.

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  4. Ach, Volkerchen, sind wir ein wenig leutselig und gönnerhaft? Pluralis majestatis? Zugegeben, im letzten Jahr habe ich das Stadium der Inkompetenz nach L.J.Peter erreicht. Darum gerissen habe ich mich nicht.

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