Samstag, 1. Oktober 2016

Diskussionskultur: Die Entmenschlichung der Begriffe

Pack, Zweifler, Sexisten, Faschisten. Hasser und Kritiker, Neoliberale, Terrorsten, besorgte Bürger: Der Linguist Fritz Kansschon hat jetzt in einer neuen Studie darauf hingewiesen, dass es nicht allein die Bachmänner, Poggenburgs und Festerlings dieser Nation sind, die sich wieder der Semantik der Ab- und Ausgrenzung bedienen. Deren Sprachmuster- und symbole werden „inzwischen in aller Öffentlichkeit von Leuten geäußert, die in den Parteien der bürgerlichen Mitte zu Hause sind“ und die „jetzt das Gedankengut und die rhetorischen Formeln für ihre Zwecke abwandeln und übernehmen“.

Und das nicht nur auf den bekannten Versammlungen regierungsfeindlicher Pegida-Demonstranten oder den AfD-Parteitagen, auf denen die verbotene Hetzparolen wie "Merkel muss weg" zum Grundton gehören. Nein. Auch im politischen Alltag der Talkshows und Parteitage der renommierten Parteien der Mitte ist sie längst angekommen. Hatespeech, undefiniert, aber auch strafbar, wenn sie nicht strafbar ist, unterminiert die Freiheit der Gesellschaft, sich über ihre eigenen Angelegenheiten zu verständigen.


Die Macht der Metaphern ist groß. Und der Weg vom AfD-Wähler, Populisten und Zweifler zu Pack und Nazi und Demokratiefeind nicht weit. Kaum mehr als ein kleiner Schritt. Wenn überhaupt. Denn was ist der AfD-Wähler anderes als ein Nazi? Gemeinsamer Nenner dieser Begrifflichkeiten aus dem Wörterbuch des Unmenschen ist ihre verbale Entmenschlichung. Der Einzelne wird in der Masse verrührt, er kommt als Individuum nicht mehr vor, er ist ganz Phänomen, bekämpfenswerte Plage.

Hier vorgetragen durch eine Gruppe, die exklusiven Zugang zu den Medien hat und sich den solcherart Entmenschten gegenüber selbst als die generieren kann, die vom Volk autorisiert sind, festzulegen, wo Böse beginnt und Gut endet. Wenngleich eine Minderheit, überhöht sie sich doch in steter Redundanz und Penetranz vom Wähler gesandter Selbstgewissheit: Wir – und niemand sonst – kennen die Wege, kennen die Wahrheit, wissen, was muss. Und ihr da unten, ihr seid die, die es nur noch nicht verstehen, die Nachholbedarf an Toleranz und Bildung haben.

Manche der geübten Talkshow-Teilnehmer benutzen diese klassisch demagogischen, eingängigen weil simplifizierenden Sprachmuster ganz gezielt, bewusst, intentional. Manche tun es aber auch aus Unachtsamkeit. Und manche, die Schlimmsten von allen, aus Unmündigkeit. Die Parteiführung hat es so festgelegt, der Parteisoldat schwatzt es nach. Seine Unmündigkeit, das wissen wir spätestens seit 1783, als Kant die Frage beantwortete, was denn Aufklärung sei, „ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen.“


Die Entmenschlichung der Begriffe bereitet den Boden für die Entmenschlichung der Menschen. Der anderen, die nicht „wir“ sind, der Rechtspopulisten, Ostdeutschen, Hater, der Leute, die tun, was Menschen auf Dörfern über Jahrtausende getan haben: Den einreitenden Fremden skeptisch beäugen. Sie gehören zunächst zum Zweifler, später auch zum Hass und zur Hetze. Im Weiteren reicht es, zu schweigen, um zu denen gezählt zu werden, die nicht in den Kram passen. Am Ende sind es dann alle, die nicht der Meinung derer sind, die sich selbst als vom Volk auserwählt bezeichnen.

Wer trägt die Verantwortung für die Konsequenzen? Niemand. Nach der nächsten Wahl oder nach der übernächsten sind die heute Verantwortlichen fort. Noch einige Jahre der Selbstverteidigung in Fernsehshows und Namensbeiträgen. Es war nicht alles schlecht. Ein langsames Wegdämmern, eine Erosion der Namen, die zuvor Männer wie Müntefering, Blüm, Bangemann, Schily, Trittin und Clement traf.

Nach ein paar Jahren weiß keiner mehr, wer sie waren. Ihr Werk aber bleibt.


6 Kommentare:

  1. Das ist schlimm. Ist das neu? Nein, das ist nicht neu.

    Ich erinnere mich mit Schaudern an die Talkshows mit Christiansen an deren wunderschönen Beinen vorbei die Abwertung der Jammerossis (denen man ihr Land und ihre Arbeitsleistung von 40 Jahren unter dem Arsch wegverschenkt und dazu noch als wertlos erklärt hatte - also die Griechen der Neunziger). Gleich gefolgt von den faulen arbeitsscheuen Arbeitslosen der Nullerjahre, der Bildungsferne etc. pp. also den Menschen, deren Arbeitscheu just dann auftrat, als ihre Arbeitsplätze an lukrativere Orte verlegt wurden.

    Und nun, wo es in der "Mitte" der Gesellschaft ankommt wird man aufmerksam? Bezeichnend, oder?

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  2. nein, das ist nicht neu. alles wiederholt sich. ein aufregungskarussell. wir älteren lächeln nur milde

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  3. Nicht zu vergessen dazu gesellen sich noch Pädophile, Kinderschänder und Vergewaltiger.

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  4. Carl GustafOktober 02, 2016

    Schade, der gute Michel Foucault ist leider viel zu früh abgetreten. Aber der hätte heutzutage seinen Spaß gehabt.

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  5. "Nicht zu vergessen dazu gesellen sich noch Pädophile, Kinderschänder und Vergewaltiger."

    Da fällt einem wieder der couragierte Oberstaatsanwalt Peter Vogt ein, der die Täter nur noch im vielfachen von Tausend zu Strecke gebracht hat (Operation Himmel, Operation Mikado, Operation Marcy).
    Irgendwie.
    Wie viele der zigtausend Tatverdächtigen, wie viele der Inhaber der hunderten durchsuchten Wohnungen wurden am Ende verurteilt?

    Egal. Hauptsache ein paar Existenzen zerstört. Immerhin gibt es Sozialhilfe. Und Arme Selbstmörder werden auf Kosten der Staatskasse beerdigt.

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  6. "Nicht zu vergessen dazu gesellen sich noch Pädophile, Kinderschänder und Vergewaltiger."

    Kampfhundbesitzer, Waffennarren, Drogenhändler, die in Nadelstreifenanzügen Kinder auf Schulhöfen zur Drogensucht verführen, Hassprediger, die nicht wollen, dass ihre Landsleute sich mit Deutschen paaren, Alkoholiker und Pornoglotzer, die ihre Kinder zu Hause im Dreck verhungern lassen, Putinversteher, Käufer unversteuerter Zigaretten, Geldwäscher, Nutzer von (Steuer)-Gesetzes-"Lücken", überhaupt die problematischen Bevölkerungen und natürlich Neonazis - und Goldstein, Emmanuel Goldstein, immer wieder.

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