Montag, 25. Juli 2022

Anne Will: Hochamt der kollektiven Vergesslichkeit

Eine Runde aus gleichgesinnten und erprobten Darstellern des Berliner Politiktheaters diskutiert, was nun geschehen muss.

Der Sonntag ist nach den Vorgaben des Grundgesetzes als Tag der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung gesetzlich geschützt, weshalb die ARD an diesem besonderen Tag traditionell die Sendung "Anne Will" im Programm hat. Wie um eine letztes wärmendes Lagerfeuer versammeln sich hier die immergleichen Figuren aus dem Berliner Politiktheater, um sich gegenseitig zu versichern, dass der jeweils andere an aktuellen unerquicklichen Entwicklungen schuld ist und außerdem gerade dabei, schon wieder neue, kapitale Fehler zu machen.  

Standardmäßig hockt auf der Besetzungscouch zudem eine Abgesandte der rot-grünen Medienrepublik, die nach mehr und rascher und nach Entschlossenheit ruft, dabei aber kritische Anmerkungen nicht scheut. Die nehmen zuweilen die extreme Ausprägung einer hochgezogenen Augenbraue an, die von der trotz der späten Stunde hellwachen Regie der privaten Produktionsgesellschaft gezielt ins Bild gerückt wird.

Siegwaffen aus der Wärmestube

Für "Will", ehemals eine enge Vertraute der geschiedenen Bundeskanzlerin, der sie auf Zuruf Sendezeit gewährte, gibt es seit dem Ende der Corona-Besprechungen im Studio nur noch ein Thema. Doch was als wilder Ritt durch Fragestellungen wie "Russland und der Krieg", "die SPD und die Zeitenwende", "die Bundeswehr und das deutsche Erstschlagspotenzial",  "die EU und die allerschärfsten Sanktionen allerer Zeiten" und "die Ukraine und die deutschen Siegwaffen" als Beitrag zur internationalistischen Solidarität begann, hat sich mittlerweile in eine nationalistische Wärmestube zurückgezogen. Kaum noch verbrämt, geht es um die elitäre Angst vor dem Kontrollverlust: Wenn die Bude kalt bleibt draußen im Land, wie schnell geht dann der Ofen aus? Wer hat es verbockt, was kann man nun noch tun? Und warum nicht?

Bei Anne Will heißt ein Abend, an dem die gegenseitigen Bezichtigungen um solche Fragen kreisen, "Weiter abhängig von Putins Gas - Wie schafft Deutschland die Energiewende?", der Kern der Sache, verkleidet in einen korrekten Kontext, denn um ihre geliebte Energiewende bangen derzeit Millionen Deutsche. Auch der früheren Grünen-Chefin Katrin Göring-Eckardt, der weitgehend unbekannten SPD-Klimapolitikerin Nina Scheer, dem grünen CDU-Atlantiker Norbert Röttgen, der grünen "Zeit"-Journalistin Petra Pinzler und dem als Popanz geladenen FDP-Mann Alexander Graf Lambsdorff geht es so. 

Eben noch hatten sie alle an einer großen Gasbrücke gebaut, die die einst so stolze Industrienation binnen von zehn Jahren oder 20 ins Land der immerwährend erneuerbaren Energien führen sollte. Und nun ist plötzlich alles weg, in nur wenigen Monaten alle Träume geplatzt. 

Das Ende des Parlamentspoetin

Nicht genug Erneuerbare, keine Speicher, nicht einmal brauchbare Speichertechnologien, keine Alternativen, keine Ahnung. Bitte keine Einzelheiten, ruft Katrin Göring-Eckardt, deren Hauptaugenmerk noch im Januar der Bestellung eines Parlamentspoet*in galt. Die Ostdeutsche ohne Berufsabschluss, seit 32 Jahren als quengelnde Quotenfrau in den Schaukronen der durch und durch westdeutschen Partei Bündnis 90/Die Grünen unterwegs, hat das seltene Talent, jederzeit problemlos auf die eigene Vergesslichkeit zurückgreifen zu können. Göring-Eckhardt wird nicht rot, wenn sie mit dringlicher Stimme Halbwahrheiten spricht. Sie glaubt sich immer selbst, egal, was sie gerade sagt. 

Zu Anne Will hat sie natürlich die Platte mitgebracht, die sie derzeit alle im Gepäck haben: Es werde "weitere Entlastungen" geben, sagt die Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages im Brustton einer Überzeugung, die keinen Zweifel daran lässt, dass Wählerinnen und Wähler deutschlandweit bereits seit Wochen und Monaten mit Entlastungen förmlich bombardiert werden. Für wen im Land ist nicht schon alles deutlich billiger geworden? Wer fühlt es nicht auch, dieses große Gefühl unendlicher Dankbarkeit für Gute-Laune-Ticket, Tankrabatt und die lange vor dem Krieg beschlossene Kürzung der EEG-Umlage?

Nina Scheer, als Tochter des langjährigen SPD-Bundestagsabgeordneten Herrmann Scheer Teil einer altbundesdeutschen Arbeiterführerdynastie, widerspricht da sicherlich nicht. Auch der Rest der Runde bleibt stumm. Im Reich der Besser- und Bestverdienenden, die sich hier versammelt haben, kommt es sicher nicht darauf an, ob 300 Euro Energiepauschale erst angekündigt oder schon ausgezahlt sind. "Das wird schon", erwidert Göring-Eckhardt auf eine Nachfrage Wills, die bei Angela Merkel nie so dreist nachgefasst hätte. Plan oder Praxis, das ist doch alles eins.

Verlässliche Vergesslichkeit

Und alles eine große Show. Niemand will mehr irgendetwas gewesen sein, alle haben schon immer gewarnt und längst Vorschläge gemacht, wie das Land im Handumdrehen umgebaut werden müsste, um Putin eine lange Nase zu drehen. Wenn Röttgen nach einer Sparstrategie ruft, verweist Göring-Eckhardt auf ausverkaufte Sparduschköpfe. Ist das etwa nichts? Kopfnicken in der Runde der überschminkten Mitfünfziger. Die als Journalistin verkleidete Aktivistin Petra Pinzler, die in ihrem Buch "Immer mehr ist nicht genug" schon vor zehn Jahren erläutert hatte, warum Wirtschaftswachstum keine Zukunft haben darf, ruft zum Mitmachen beim Energieausstieg. 

Alexander Graf Lambsdorff, als Neffe des früheren Bundesministers Otto Graf Lambsdorff Teil einer altbundesdeutschen Dynastie von Liberalen, hat bemerkt, dass seine Nachbarn sich mittlerweile alle Ölradiatoren gekauft haben. Nina Scheer, die sich "für die umfassende Einführung Erneuerbarer Energien" einsetzt, ist sicher, dass schon total viel auf den Weg gebracht worden ist. Göring-Eckhardt hält die Entfernungspauschale, die sie "Pendlerpauschale" nennt, für eine ganz besonders schlimme Fehlentwicklung. Sie sorge dafür, dass es sich besonders lohne, weite Strecken zu pendeln: "Sie fördert, dass man besonders weit zur Arbeit fährt", sagt sie, "dann hat man nämlich einen besonderen Vorteil davon." Göring-Eckhardt weiß, wovon sie spricht, denn ihr Wahlkreis Gotha liegt 325 Kilometer von ihrer Wohnung in Berlin-Wedding entfernt.

Der Tanz der Dreisten

Noch vor zwölf Monaten hatte KGE, wie sie sich gern nennen lässt, einem grünen Wahlprogramm zugestimmt, das zum Ausgleich für abzuschaltende Kohle- und Atommeiler ein dichtes Netz von recht klimafreundlichen Gaskraftwerken zu errichten versprach. Heute schon aber erinnert sich Göring-Eckhardt nur daran, dass es Norbert Röttgen gewesen sei, der als Umweltminister ganz doll schlimm auf Gas gesetzt habe. Gas auch aus Leitungen wie Nord Stream 1, deren Existenz sich Beschlüssen verdankt, die Katrin Göring-Eckhardt als Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag in den Jahren der rot-grünen Schröder-Regierung gestützt und durchgewunken hat. 

Petra Pinzler von der "Zeit" solidarisiert sich natürlich mit den Gleichgesinnten in den anderen Sesseln. Die 57-Jährige, die Verschwörungstheoretiker mit ihrem Buch "Der Unfreihandel. Die heimliche Herrschaft von Konzernen und Kanzleien"vor Jahren schon 288 Seiten mit jeder Menge raunender Vermutungen lieferte, hat einen ganzen Strauß eigener Ideen dabei, mit denen sich ein festes Klimaregime aufbauen ließe. Tempolimit nicht nur auf der Autobahn, sondern auch auch höchstens 80 auf der Landstraße und "jede zweite Freizeitfahrt verhindern" will sie, um die betreuungspflichtigen Bürgerinnen und Bürger endlich richtig fest an die Klimakandare zu nehmen.


5 Kommentare:

  1. Carl GustafJuli 25, 2022

    Früher war alles besser: https://www.youtube.com/watch?v=Q3Rw58yakSQ

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  2. "Nina Scheer, als Tochter des langjährigen SPD-Bundestagsabgeordneten Herrmann Scheer"

    Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Hermann Scheer war ein ganz großer der alternativen Abzockmafia. Der Demagoge schlechthin.
    Zum Milliardär (wie Asbeck) haben sie es zwar nicht geschafft. Aber so wie die sich an diese Umverteilungsfutterkrippe klammern, scheinen die auch ganz gut abzufassen.

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  3. @Volker

    so ungefähr schob ich es dem NSU ins Stammhirn
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    https://nsu-leaks.freeforums.net/post/95933/thread

    Was der Röhl nicht sagt. Scheer war eine charmanter, ruhiger älterer Herr von beeindruckender Statur, mit körperlicher Präsenz, die anders wirkt als die eines Altmeiers. In seinem Universum wußte er sich redegewandt und logisch durch den Dschungel der Elektroenergie zu hangeln, schon alleine im Wissen, daß alle anderen auch keine Ahnung vom Gegenstand haben, über den er referiert.

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  4. schäär war ein ganz übler und rücksichtsloser Jakobiner und Freizeitmaurist

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