Mittwoch, 1. Februar 2023

Erster "Tatort" aus der KI-Retorte: „Powerful Femininity“

Sabaluna Harermann spielt im ersten "Tatort", der von einer Künstlichen Intelligenz geschrieben wurde, ein powerfulle Hooligannin.

Das war eine wirklich gelungene Überraschung im ehemaligen Ersten! Der "Tatort" um das faszinierend verstörte Saarbrücken-Team mit dem Titel "Die Kälte der Erde", beworben als brutaler Thriller aus dem westdeutschen Hooligan-Milieu, entpuppte sich als Übersetzung kraftvoller Weiblichkeit in eine Bildsprache, die es so zuvor im deutschen fernsehen noch nie gegeben hatte. Denn die 90 Minuten aus der rauen Hooligan-Welt stellten Frauen und Mädchen als mächtige Akteure in den Mittelpunkt: Neben den beeindruckend agierenden weiblichen Kriminalistinnen, die hartnäckig daran arbeiteten, eine*n mutmaßlichen Mörder*in aufzuspüren, agierten Frauen auch als Gewalttäter Sport. Hellblau bekleidet, imitierten sie glaubhaft die Verzweiflung wurzelloser junger Männer. Und richteten die gesamtgesellschaftliche Aufmerksamkeit dank einer klug gewählten Tatwaffe auf einen Brennpunkt der eben noch aktuellen Debatte: Messer und psychische Erkrankungen.  

Messer im Mittelpunkt

Was kaum jemand angesichts des raffinierten Drehbuchs mitbekam: Das gesamte, auch den Zuschauernden immens herausfordernde Script war von einer neuartigen Künstlichen Intelligenz entworfen worden, die ARD-intern nach dem englischen Kürzel AI "Ardi" genannt wird. Der selbst lernende Großrechner  kennt alle bisherigen 14.000 Tatorte auswendig, er hat über Jahre auch andere erzieherisch wertvolle Krimikost studiert und ist nun seit vergangenem Jahr in der Lage, überaus fantasievolle Plots auszuwerfen, die die Schauspielenden allesamt wenigstens doppelt besetzen. So war eine der Ermittlerinnen in "Die Kälte der Erde" zugleich als eingefleischter Fan eines obskuren  Fußballvereins zu sehen, der seine Freizeit in dunklen Fußballkneipen verbringt. Die Wirtin der Destille trat parallel als Hooligan-Richterin auf, die Fehlverhalten einzelner Brutalos durch das Abschneiden von Fingern bestraft. Weitere Polizeibeamte spielten nicht nur sich selbst, sondern auch Söhne von Bankräubern, Mitwisser von Schwarzgeldbeständen aus Überfällen und besorgte Bürger*innen, denen der Korpsgeist in der Polizei zu weit geht.

Gleich der erste Streich von Ardi war damit ein Volltreffer. Die aufgefahrenen Verdächtigen reichten von anderen Fußballfans, die bei sogenannten "Ackermatches" gewalttätige Auseinandersetzungen suchen, bis hin zu einem modernen Paar schwuler Väter und ihrer Tochter, die sich zugleich als Tochter eines der Hooligans herausstellte, der auch Mordopfer gab. Geschickt verstand es der ARD-Rechner, aus dem Vorrat verdächtiger Algorithmen genug Fährten zu legen, die eine Auflösung des Falles über mehr als 80 Minuten ausschlossen. Statt zu arbeiten, mussten die Ermittelnden viele private und persönliche Probleme lösen, zugleich wurde Deutschland als hochmodernes Land gezeigt, in dem nicht nur Frauen, sondern auch Familien auf eine Art leben, die in der Tatort-Welt eines Horst Schimanski oder unter Horst Tappert noch nicht vorstellbar gewesen wäre.

Debüt mit bunter Palette

Es geht Ardi bei ihremseinem Debüt als Drehbuchautorender offenkundig weniger um Kriminalität und irrationales Verhalten durch mangelnde Intelligenz als um Themen wie Loyalität, Identität und Gerechtigkeit. Dass in einem Kriminalfilm ein Mörder gesucht werden muss, ist eher Folklore, wichtiger erscheint aber, dass der Fall als Gelegenheit genutzt werden kann, "Powerful Femininity" darzustellen: In der kunterbunten Welt der Sozialarbeiterinnen, Rummelboxer, Reinigungskräfte, Ärzte, Väter und Staatsbeamten wird der Mörder zur Nebensache. Es gilt, die Verwandschaftsverhältnisse im Blick zu behalten, das erhöht die Spannung, während die engagierten Kriminalisten miteinander streiten.

Das Publikum wird bis zum Ende im Ungewissen gehalten, ob die erwartbare Lösung das ist, was herauskommt, wenn eine Künstliche Intelligenz die üblichen Drehungen und Wendungen einer Handlung programmiert, die in der jüngeren "Tatort"-Tradition nicht zwingend fesseln muss. Das ist hier zweifellos rundherum gelungen, denn auch diese Tatort-Folge aus dem Elektrolabor stellt wie üblich traditionelle Erwartungen und Annahmen in Frage und das Streben nach Gerechtigkeit in den Mittelpunkt. das Gute siegt zum Schluss, das Böse aber ist nicht böse, sondern wird noch gerettet werden. Es ist für jeden Zuschauernden ein Gewinn gewesen, das alles miterlebt zu haben.

4 Kommentare:

  1. Und da heißt es immer, die KI werde niemals den Geist der Menschen haben. Anhand des geschilderten Tatorts wird diese Behauptung, die von vielen auch als Angst erlebt wird, eindrucksvoll widerlegt. Die KI kann Drehbücher auf Augenhöhe mit menschlichen Krimischriftstellern schreiben, man erkennt keinen Unterschied zwischen Mensch und Maschine. Jetzt kommt es noch darauf an, dass die KI auch Krimis anguckt und sich an ihnen erfreut. Dann ist der Mensch endlich von der Pflicht des Krimischauens entbunden und kann ohne Angst vor den gezeigten Bösewichten ins Bett gehen.

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  2. Wenn eine AI Tatort gucken müsste, würde sie sich sicher selbst löschen. Davon abgesehen hat die AI keine Stimme bei Wahlen, es gibt also keinen Grund, sie mit Tatorten zu foltern.

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  3. OT
    @ Anmerkung: Nimm Momethason-Nasenspray (Nasonex), inhaliere bis zum Beckenboden. Gegebenenfalls als Antihistaminikum Desloratadin (Aerius), zur Not bis 4x1. Macht nicht müde - dagegen von Cetirizin liege acht Stunden im Koma.
    Die Nasendusche, bin ich oft zu faul für - hat übrigens der Kleine Muck (1942 - 2008) erfunden.

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  4. @Anonym

    Vielen Dank, ich nehme seit Anfang des Jahres Mometason Pulver AIO (also mit noch viel mehr Zeugs). Für mich hat sich Levo als das beste aller Antis bewährt. Bis 4 Mal werde ich sicher auch noch probieren. Da ich es falsch berechnet hatte, mußte ich im Atlantik in einen Drogenschop und Nachschub holen. Auch hier will der Apotheker jeden Samstag dem Bäcker die Torte fürstlich entlohnen und langt bei den Billigpillen ordentlich zu.

    Momentan ist alles prima. Auch das Klima. Endlich keine Wind mehr und somit eitel Badewetter.

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