Sonntag, 25. Juni 2023

Beim Wagneraufstand am Spielfeldrand: Hund beißt Mann

Jewgeni Prigoschin dirigierte eine Wagner-Oper, die Europa für einen Tag beben ließ.

Der Koch verwandelte sich für ein paar Stunden zum Hoffnungsträger. Jewgeni Prigoschin marschierte nach Moskau, der Hund schickte sich an, die Hand seines Herren zu beißen. Das kam so unerwartet, dass der Gemeinsinnfunk für Stunden wie paralysiert am Spielfeldrand stand. Die bei Regenfällen, Sturmböen und komplizierten Ampel- und EU-Konflikten üblichen Laufbänder, über die die Schlagzeilen stolpern, bis die "Kuh vom Eis" (DPA) geführt worden ist, Prigoschin bekam sie nicht. In der ARD lief das Normalprogramm, im ZDF ebenso. Phoenix, der ehemalige "Ereignissender", diskutierte weiterhin den Arbeiteraufstand vom 17.Juni und ganz aktuell den Sommer in den schwedischen Schären. ZDF Info war beim "Streitfall Wehrmacht".

Unbehelligt von den Ereignissen

Für ein paar Stunden noch heile Welt. Wer nicht zum Privatsender n-tv umschaltete oder den Ereignissen bei Mario Nawfal auf Twitter folgte, blieb unbehelligt von den Ereignissen eines Tages, die ohnehin alle Seiten überforderten. Vor dem Frühstück hatte Prigoschin noch als einer vom Putins schlimmsten Schergen gegolten, ein blutiger Büttel, dem es nicht darum ging, den Krieg zu beenden. Sondern darum, ihn mit größerer Brutalität zu führen. Um die Mittagsstunde aber kamen die ersten Stauffenberg-Vergleiche. Der "Gerechtigkeitsmarsch" (Prigoschin) der Söldner war kein Appell der Kerzenmacher mehr, die eigentlich nur mehr wollen, mehr Waffen, mehr Munition, mehr Krieg. Sondern eine Art Aufstand des Gewissens.

Eine Befreiungsarmee, die Spartakus' Marsch auf Rom in Schützenpanzerwagen wiederaufführte. "Tagesschau" und "Heute" vermieden vorerst alle Irritationen, indem sie bis in die hintersten Verästlungen ihrer Spartensender ganz hinten auf den deutschen Fernbedienungen beim Normalprogramm blieben. Das Studio Moskau blieb stumm, das Neun-Milliarden-System der Grundversorgung der Gebührenzahler mit Informationen lieferte "Die Tierärzte - Helfer mit Herz" und "Bares für Rares". Keine Wagner-Oper mit Panzerketten als Bass.

Prigoschins kurzer Aufstand wurde so zur Medienrevolution: Ausgerechnet Elon Musks Kurznachrichtendienst Twitter, der Höllenpfuhl des Internets, in dem sich allen medialen Bekundungen zufolge der Bodensatz der Informationsgesellschaft tummelt, übernahm die Berichterstattung. Mario Nawfal, ein eigentlich eher mit Wirtschaftsthemen und amerikanischer Innenpolitik beschäftigt, hatte bereits 40 Millionen Empfänger am Gerät versammelt, als die "Tagesschau" ihre Leitungen geordnet und ein paar Experten herantelefoniert hatte, die die unklare Lage als unklar beschrieben und die Konsequenzen als nicht absehbar.

Die kürzeste Wagner-Oper 

Aufatmen überall, als Prigoschin seinen Marsch schließlich stoppte und seine Truppen zurück in die Stützpunkte und Feldlager beorderte. Enttäuschung überall, als die Kolonne der Aufständischen umkehrte. Der Putsch, der in Echtgeschwindigkeit nur einen Tag dauerte, bei ARD und ZDF aber nur ein paar Stunden, war vorbei. Putin, seit drei Jahren todkrank, hatte es noch einmal geschafft, seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Seine Armee, seit fast einem Jahr unter akuten Munitionsproblemen leidend, kann ihren Krieg weiterführen. Prigoschin darf nach Belarusdemfrüherenweißrussland auswandern, er hat Straffreiheit ausgehandelt und das Wort des Präsidenten darauf, lebt aber nun auf Abruf, denn Putin steht nicht unter Verdacht, seinen Gegnern einen gemütlichen Lebensabend zu gönnen.

ARD und ZDF haben umgehend zurückgeschaltet auf Normalbetrieb. Am Tag danach läuft bei ZDF Info der lange Tag der vergessenen Mordfälle in der DDR. Der ARD-Nachrichtensender Tagesschau24 ist zurück bei John F. Kennedy und Tipps, wie sich im eigenen Garten Energie aus Windkraft erzeugen lässt. Die Luft ist raus, die Lage wieder stabil. Prigoschin gibt auf, aber Sesselmann marschiert noch auf Sonneberg. Inzwischen hat man vieles auch vorher gewusst. Spätestens am Dienstag wird auch der Bundesnachrichtendienst im Geheimdienstausschuss des deutschen Bundestages ausdrücklich vor der Möglichkeit warnen, dass Prigoschin seine Privatarmee zu einem Aufstand anstacheln könnte.

5 Kommentare:

  1. >> Spätestens am Dienstag wird auch der Bundesnachrichtendienst im Geheimdienstausschuss des deutschen Bundestages ausdrücklich vor der Möglichkeit warnen

    Wagner-Aufstand in Russland

    BND informierte Bundesregierung erst Samstagvormittag
    -----
    Abgesehen davon, daß kein Wagner aufstand, den BND kann man ja wirklich knicken, wenn deren Internetverbdindugn so lausig ist, daß die keinen Röper, keine Lipp oder andere einschlägige Portale auf dem Telegram reinkriegen.

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  2. Ich hatte ja vermutet, dass ihm jemand eine Platinkarte o.s.ä. angeboten hatte, aber wenn das vom Westen dirigiert gewesen wäre, hätte man alle Kanäle von Anfang instruiert. Interessant allemal, wie die Medien ohne Trigger aus dem Deepstate arbeiten: So gut wie gar nicht. lol

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  3. Das die Leistungen unser Öffis und des BND wieder einmal Unterirdisch waren, geschenkt. Hat hier irgendjemand etwas anderes erwartet?

    Aber was hat Prigoschin denn geritten? Wenn ich einmal aus dem Handbuch des kleinen Putschisten zitieren darf:

    1. Das allerallerallerwichtigste ist den bisherigen Obermuffti in die Finger zu bekommen, damit der Schlange das Haupt fehlt und keine koordinierten Gegenmaßnahmen eingeleitet werden können. Damit verbunden wäre in diesem speziellen Fall auch die Ausschaltung seiner beiden Lieblingsfeinde Gerassimow und Schoigu.

    2. Medien. Wenn ich nicht das Fernsehen und möglichst große Teile der Internetgemeinde im Sack habe, die alle berichten wie wunderbar der Putsch ist, wird das nichts.

    3. USA. Wenn ich denen, geheim natürlich, mitteile, dass ich Putin abservieren, den Krieg beenden und dann ein geläuteter, braver Verbündeter gegen China sein werde, der US-Firmen ganz tolle Konditionen für die Ausbeutung meiner Bodenschätze anbieten würde, würde sich sicher ein ganzes Füllhorn an finanziellen Möglichkeiten, Aufklärung und geheimdienstlicher Hilfe auftun. Rate ich jetzt mal so ins Blaue.

    4. Korruption. In einem Land, in dem ohne Korruption praktisch gar nichts geht, muss ich mir doch vor dem Putsch möglichst viele Unterstützer an wichtigen Stellen einkaufen, damit die wenigstens die Füße stillhalten, während ich den Laden übernehme.

    Bei einem Putsch geht man doch All-In. So etwas blase ich nicht nach einem Tag ohne jeden nennenswerten Kampf und wenigstens ernsthaft versuchtem Griff nach der Macht einfach ab. Tod bin ich doch so oder so. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Lebenserwartung für Ex-Putschisten im weißen Belarussland besonders hoch ist. Da müsste man mal einen Statistiker befragen. Was hatte Prigoschin denn bei seinem Marsch auf Moskau erwartet? Dass alle am Straßenrand stehen und Rosenblätter streuen? Dass Putin einfach kampflos abhaut und sich für die bisher gute Zusammenarbeit bedankt? Einen so naiven Eindruck macht der Mann doch nicht.

    Ich werde aus dem Ganzen nicht schlau. Ich hoffe die ARD sendet bald einen Brennpunkt, der erzählt, warum exakt alles genau so kommen musste, wie es gekommen ist und dass sie es eigentlich schon immer gewusst haben, ohne das Wieso auch nur zu streifen.

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  4. Tod bin ich doch so oder so ...

    Autsch! Bei "Standart" oder "Apartheit" sarick ja schon ja nüscht mehr. Aber solches ...

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  5. Leicht OT

    Das Polen, das seine Grenzen mit Russland scheinbar noch nicht akzeptiert hat, dessen Volk und Regierung bis 1928 selbst mehrere Progrome an Juden beging ...


    Autsch, autsch! Ausgerechnet Aphachamber, allerdings am 28.April schon.
    "So was hätte nicht dürfen!" (bei Börries von Münchhausen)

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