![]() |
| Für eine Woche war der Kampf um Grönland für deutsche Medien und Politik das wichtigste Thema überhaupt. Dann verschwand es noch schneller, als es aufgetaucht war. |
Es war nichts weniger als die größte Geschichte des Jahres. Eine Insel im Nordmeer, alter Kolonialbesitz eines traditionell sozialdemokratisch geführten EU-Staates. Kaum verteidigt, ohne Truppenmassierung. Weit abseits aller Talkshows und Parlamentsdebatten gelegen und unbeachtet. Aber plötzlich der Bedrohung ausgerechnet des Verbündeten ausgesetzt, der dort als einziges Nato-Land Militäreinrichtungen von einiger Bedeutung unterhält.
Die Antwort eines kleinen, aber entschlossenen Teils Europas war geprägt von "Entschiedenheit, Kontaktarbeit, Bereitschaft und Einheit", wie EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen die lauwarme Militärexpedition einiger Bewaffneter aus einer Handvoll von Mitgliedsstaaten nach Grönland beschrieb. Flankiert von einem Bittbrief ans Weiße Haus machte Europa deutlich, wie einfach es sich auseinanderdividieren ließ.
Erschrecken vor dem eigenen Mut
Die Teilnehmer an der Rettungsmission Arctic Endurance erschraken, als Donald Trump ihnen erneut hohe Zölle androhte. In aller Eile mühten sie sich, das Missverständnis auszuräumen, das ihr anti-amerikanischer Aufmarsch im hohen Norden nun sein sollte.
Die übrigen Länder, die sich bei der urplötzlichen Sicherungsaktion der GIUK-Lücke zwischen Grönland, Island und dem Vereinigten Königreich nicht hatten sehen lassen, duckten sich still in die Deckung. So bedeutsam der maritime Engpass im Nordatlantik sein mag, so sei er doch nicht die Knochen eines einzigen pommerschen Grenadiers wert, befand die Regierung in Warschau.
Abgesagtes Kräftemessen
Nachdem sich Nato-Chef Mark Rutte - im Unterschied zum deutschen Bundeskanzler Friedrich Merz - mit Erfolg um einen Gesprächstermin bei Donald Trump beworben hatte, ging dann aber alles ganz schnell. Die Konfrontation zwischen den beiden eng verbündeten Weltmächten USA und EU endete mit einem Eintrag Trumps auf seiner Plattform Social Truth. Er habe gemeinsam mit dem Generalsekretär des Militärbündnisses "den Rahmen für ein künftiges Abkommen in Bezug auf Grönland und tatsächlich die gesamte Arktisregion geschaffen", verkündete Trump. Wie dieser Rahmen aussehen wird, erfuhr niemand.
Welche Rechtsstellung den Niederländer Rutte in den Stand versetzte, Teile Grönlands an die Amerikaner abzugeben, blieb unklar. Hat er überhaupt? Was er genau versprochen hat, weiß bis heute niemand. Geht es nur um Pachtrechte an Flächen für neue Militärstützpunkte? Oder um die Übertragung von grönländischem Staatsgebiet an die USA? Was weiß die Regierung in Kopenhagen? Welches Verhandlungsmandat hat sie erteilt? Und mit welcher Verfügungsgewalt bestimmt sie über Grönland, das nach Auffassung aller Europäer den Grönländern gehört?
Globaler Moment voller Wandel
Es sind Fragen, die unbeantwortet blieben. Und doch war der von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen zuvor beschworene "Moment des globalen Wandels voller Gefahren" mit einem Schlag vorüber. Beide Seiten feierten sich. Die EU, weil sie Trump gebremst hatte, ohne dass ihre Soldaten einen einzigen Schuss abfeuern mussten. Der Amerikaner, weil er bekommen hatte, weswegen er in den verbalen Krieg gezogen war.
Trump machte sich einen Spaß daraus, die düpierten Verbündeten zu verhöhnen. "Vielleicht hätten wir die Nato auf die Probe stellen sollen", witzelte er. Er hätte sich auf den berühmten Beistandsartikel 5 berufen und die Verbündeten damit zwingen können, "hierherzukommen und unsere Südgrenze vor weiteren Invasionen illegaler Einwanderer zu schützen". Eine große Anzahl von Grenzschutzbeamten wäre so für andere Aufgaben freigeworden. Und, das blieb unausgesprochen, die Partner hätten sich gewunden und gedrückt, gebückt und ein Sperrfeuern an Ausreden gefunden.
Als Grönland verschwand
Mit diesem letzten gespielten Witz war Grönland aus den Nachrichtenspalten verschwunden, noch deutlich schneller als es dort aufgetaucht war. Wie ein Spuk erschienen die sieben Tage des Nordland-Dramas, in denen jede Nachrichtensendung mit Grönland begann und jede Talkshow ihre üblichen Stammgäste zur Schicksalsfrage ins Gebet nahm: Soll die Bundeswehr die Insel besetzen? Und soll sie das tun, auch wenn Trump den zarten Aufschwung, den Deutschlands Wirtschaft gerade nimmt, dann mit seinen Strafzöllen zertritt?
Eine Mehrheit rief dazu auf, jetzt, nach dem Einknicken, nicht einzuknicken. Der Kampf gegen die amerikanische Vorherrschaft müsse als Guerillakrieg weitergeführt werden. Die EU müsse handeln und ein eigenes Windows 11 erfinden. Ein eigenes X, ein eigenes Facebook, Instagram, Android dazu und auch eine eigene KI. Mit dem Verkauf aller US-Staatsanleihen könne dem Präsidenten gezeigt werden, wo seine Grenzen liegen. Wer stirbt schneller, wenn Europa seine Bestände auf den Markt wirft? Und die europäischen Verbraucher ein Flankenmanöver fahren, indem sie US-Waren boykottieren?
Das kollektive Verstummen
Was ist da los, wie kommt das alles? Weshalb verstummen hunderte Medien von einem Tag auf den anderen zu einem Thema, das eben noch ihr wichtigstes war? Der Medien- und Konsumforscher Hans Achtelbuscher untersucht seit Jahren, wie sich das Themensterben in Leit- und Großmedien vollzieht und wie Dunkelbereiche in der Berichterstattung über geopolitische Krisen sich auf die allgemeine Stabilität des Wertewestens auswirken.
Am An-Institut für Angewandte Entropie der Bundeskulturstiftung beschäftigt sich der Experte für Medienforscher auch mit Sprachregelungsmechanismen und dem Einfluss subkutaner Machtkämpfe auf die berichterstattete Realität. Im Gespräch mit PPQ-Kolumnistin Svenja Prantl äußert sich der Wissenschaftler zu neuen Forschungsergebnissen, die Themenschwund und Themensterben als Symptom einer gesellschaftschaftlich Fatique deuten lassen.
PPQ: Herr Achtelbuscher, wie konnte es geschehen, dass die Auseinandersetzung um die größte Insel der Erde binnen weniger Stunden zur Existenzfrage des Wertewestens wurde, schon sieben Tage später aber vollkommen aus allen Nachrichtensendungen und Schlagzeilen verschwunden war?
Achtelbuscher: Ja, das ist eine gute Frage, die wir auch noch nicht abschließend beantworten können. Die sogenannte Grönlandkrise wurde sicher am Anfang als vor allem als Chance gesehen, die Europäer zu einen und gegen Trumps Amerika in Stellung zu bringen. Die Eskalation mit der Entsedung von sozusagen EU-Truppen auf die Insel und Trumps barsche Reaktion hat uns dann aber vor Augen geführt, wie abhängig wir am Ende von der Gnade der Amerikaner sind. Sagen wir es so: Der Aufstand brach zusammen, der Sturm im Wasserglas, der sich ja wirklich nur in den Medien abgespielt hatte, endete mit eine Flucht vom Schlachtfeld. Jeder war nur noch froh, nicht dabeigewesen zu sein. Und die dabei waren, nehmen Sie Herrn Pistorius, sagen, sie waren es auch nicht.
PPQ: Das Ganze war also ein rein mediales Narrativ, ein Konflikt, der aufgebauscht und dann wieder fallengelassen wurde?
Achtelbuscher: So könnte man es sagen. Ein Manöver für die Zuschauer. Sie glauben doch nicht eine Sekunde daran, dass jemand wie Herr Merz auch nur eine Sekunde daran denkt, Europa von den USA abzukoppeln? Der Mann ist vielleicht eigenartig, aber ja nicht dumm. Das Gute an dem grandiosen Scheitern dieser Rebellion ist, dass die kleine Krise all diese Fehlentwicklungen gnadenlos aufgedeckt hat. Europas vollkommene technische Abhängigkeit. Deutschlands Verlorensein, wenn der Onkel aus Übersee die schützende Hand wegnimmt.
PPQ: Wen hat das denn aber nun genutzt?
Achtelbuscher: Trump sicherlich, auch Putin, Deutschland und Europa eher nicht, den Medien nur insoweit, als sie vielleicht auch diesmal darum herumgekommen sind, mit Fakten zu hantieren, aber sonst keinen Schaden nehmen konnten. Unser Informationsmodell ist ja schon so kaputt, dass Vertrauen in die Medien nicht mehr sinken kann. Dadurch wirkt die Situation vergleichsweise stabil.
PPQ: Alles, was wir als vernetzte Gesellschaft tun und denken, entpuppt sich als falsch, als verletzlichen Wahrheit, die interpretiert werden kann. Deutschland schickt Soldaten, meint es aber nicht so. Trump stellt ein Ultimatum und binnen Stunden wird daraus die Existenzfrage für die Nato. Ist das alles noch normal?
Achtelbuscher: Das ist es schon, nur ist alles deutlich schriller und schneller als früher. Wir hatten immer schon diese Tradition, dass wichtige Themen alles andere überlagert haben - denken Sie zuletzt an die Brandmauer, die Rentendebatte, das Messer- und das Verbrennerverbot oder den Boomersoli. Immer hängt alles am seidenen Faden, immer muss alles jetzt für alle Ewigkeit entschieden werden. In der Regel, das wissen wir aus unseren Analysen, ist aber alles nach sieben Tagen weg. Verschwunden. Weil die Narrativ-Zyklen in den Medien wie ein Hamsterrad auf Speed laufen: Aufbau, Höhepunkt, Absturz.
PPQ: Grönland war also was?
Achtelbuscher: Jedenfalls keine reale Krise. Man hat das Thema aus einer Überraschung heraus in einer nachrichtenarmen Zeit aufgegriffen und zu einer Schicksalsfrage gemacht. Es war letztlich ein Testballon in der Aufmerksamkeitsökonomie. Dafür spricht auch der Umstand, dass alles ungelöst beendet wurde. Sobald der "Framework-Deal' verkündet war, verabschiedeten sich alle von diesem schönen und exotischen Konflikt. Keine Klicks mehr, keine Panik. Wir als Forscher sehen das als Symptom: Die Welt dreht sich nicht um Fakten, sondern um Frames, die Einordnung, den Nutzen.
PPQ: Was bedeutet das? Kann das wieder passieren?
Achtelbuscher: Jederzeit, auch ohne Analss. Wir als Forscher können bis heute keine Antwort auf die Frage geben, was wirklich wichtig ist, weil Medienwichtigkeit und Medienwirksamkeit nichts zu tun haben mit der objektiven Bedeutung von Dingen. Die Arktis, die Schmelze, die Ressourcen, die Globalisierung, die Russen, Trump, das sind alle Tatsachen, die einen Einfluss haben. Können! Klar ist, dass Medien nie auf Eskalationsnarrative verzichten werden, weil nur Eskalation Aufmerksamkeit erzeugt.
PPQ: Konflike sind also im Grunde genommen die Bausteine der Medienökonomie?
Achtelbuscher: Das ist zutreffend. Sie müssen sich das vorstellen wie eine Medienkriegswirtschaft, die permanent bereitsteht und fehlende Großkrisen auch selbst schaffen kann. Themen werden aus einem Block gefeilt, Experten stehen in Bereitschaft gehalten, unter den Politkbetreibenden finden sich immer welche bereit, mit der eigenen Aufregung hausieren zu gehen. Wer weniger Krisen hat, sage ich meinen Studenten immer, hat auch weniger zu berichten. WSer berichten will, braucht Krisen und zur Not muss er sie sich selbst machen.
PPQ: Das klingt erschreckend nüchtern, erklärt aber einiges. Was unterscheidet denn aber nun Information und Aufregungsentertainment?
Achtelbuscher: Kürzere Narrativ-Ketten haben eine geringere Eskalationstiefe, objektiv ernsthafte Informationen hingegen schweben immer länger im Raum, ganz unabhängig vom Aufmerksamkeitsniveau. Es stellt sich also ein höheres Maß an Erkennntisgewinn ein, nur auf einem viel niedrigeren Niveau. Populär gesprochen, liefert die halbe Krisenleistung eine doppelte Portion Panik, ohne dass es zu Störungen im Gesamtbild kommt. Der Zuschauer wird je mehr König, je weniger Themen überleben.
PPQ: Aber wie erklärt das ein Phänomen, dass allgemeine Zustimmung ausbricht, wenn ein Nato-Chef aus den Niederlanden den USA bestimmte Rechte auf der zu Dänemark gehörenden Insel anbietet, obwohl nach übereinstimmender Auffassung aller EU-Staaten, die sich dazu geäußert haben, das nur die Grönländer könnten?
Achtelbuscher: Nun, das ist ein klassisches Beispiel für subkutane Machtdynamiken. Mark Rutte bietet Trump 'total access' für Basen und Mineralien an, ohne die Souveränität anzutasten – so die offizielle Linie. Das geht natürlich nicht, ist aber notwendig, um das Thema zu beerdigen. Die EU-Staaten, von Berlin bis Paris, betonen unisono: Grönland gehört den Grönländern! Dänemark hat die Hoheit! Doch Rutte handelt, als wäre es ein Nato-Buffet. Das zeigt, wie Narrative entkoppelt werden. Es ist wie ein kalter Entzug: Hauptsache vorbei, Hauptsache gerettet, was auch immer.
PPQ: Wie konnten dann von der EU über die Regierungen in Paris und Berlin alle Spitzenpolitiker die Einigung begrüßen, ohne die Details der Einigung zu kennen, wie Boris Pistorius bei Miosga verdeutlicht hat?
Achtelbuscher: Das ist das Kunststück. Pistorius sagt bei Caren Miosga klipp und klar: 'Wir begrüßen den Deal, aber Details kennen wir nicht.' Und alle nicken – im Studio, in Paris, in Berlin, in Brüssel. Warum? Weil in der Post-Fakten-Ära Einigungen Narrative sind, keine Verträge. Die Krise eskaliert zu einer 'power play'-Drohung, wie Pistorius es nennt, und die Lösung ist gut, weil sie da ist. Nato-Präsenz verstärkt, Souveränität respektiert, Arktis sicher. Es geht um das große Wir: Multilateralismus siegt, Trump klettert zurück. Langfristig bringt nur der weitgehende Verzicht auf Transparenz Krisenstabilität. So ehrlich, das einzugestehen, sollten wir sein.

Es wurde nichts verlautbart. Das ist die Höchststrafe für die Hinterfrager.
AntwortenLöschenOT Zeller: Gasspeicher sind zu groß ---
Mein lieber Herr Zeller, das sind ganz bestimmt keine Gasspeicher da im Bild.
"Großtanten gegen steuerbord" ist auch goldig.
AntwortenLöschenBleibt die Frage, welche Sau als nächstes durchs Dorf getrieben wird. Aber das werden wir sicher früh genug erfahren.
AntwortenLöschenTrump hat ja die Minnesota-Sau nun eigenhändig erlegt. Man mag bedauern, dass er New Somalia nicht plattgemacht hat wie einst Lincoln die Südstaaten.
AntwortenLöschenOT: "AfD"-Sieg im Arzbebirg - André Barth. Also DAS meinte Dikigoros wohl - dass sich, unter Umständen, (((Leute))) mit hinlänglich Knack im Geldbeutel ab 1934 den Ariernachweis kaufen konnten ...
AntwortenLöschenhttps://journalistenwatch.com/wp-content/uploads/2026/01/aewadawe.jpg
OT: <
AntwortenLöschenWas für eine Wählerverarsche: Doch keine Abschaffung des Habeck-Heizungsgesetzes
d031cbcb4197446caa51125d80d52fd5
So sehen Lügen aus: Friedrich Merz versprach im Wahlkampf das Habeck-Heizgesetz sofort abzuschaffen – jetzt kuscht er vor der SPD und lässt es größtenteils bestehen. >
---------------------------------------------------------------------------------------------------------
Über "Wählerverarsche" schrieb vor etwa einhundert Jahren einer in seinem Buch "Mein Mampf" oder "Kein Krampf", oder so ähnlich. Aber artige Kinder hören auf die Mama oder Nanny und lesen keine bösen Bücher.
es wird noch gebraucht
AntwortenLöschenDie nächste Woche ist Indien Thema. Da ist es schön warm, den Geruch kriegt man im Fernsehen nicht mit.
AntwortenLöschenSo kommt man ein Stück durch den kalten Februar.