Freitag, 1. Mai 2026

Drei Damen vom Klimagrill: Es sind immer die Frauen

Die neue Generation der Kronzeuginnen für unumgängliche Einschnitte ist älter als es die kindlichen Klimakriegerinnen waren. Doch auch die Titaninnen der neuen Belehrungsphase sind unerbittlich in ihren Forderungen an alle anderen.

Sie waren die Billy-Regale der entwickelten Demokratie der Nachpandemie, sie standen überall, in jeder Zeitung, sie saßen in allen Talkshows und meldeten sich schrill und nachdrücklich zu jedem Thema zu Wort. Junge, oft hysterisch wirkende junge Frauen mit halber Bildung und voll entwickeltem Selbstbewusstsein prägten die Ära der Jahre von "Wir haben Platz" bis "Wir haben nur eine Erde".

Sie hießen Greta Thunberg, Luisa Neubauer, Carla Reemtsma, Ricarda Lang und - in der finalen Phase - Jette Nietzard. Niemals wusste jemand, wie sie dorthin geraten waren, von wo sie mit vor Eifer glänzenden Wangen Verzicht predigten und Ablass verkauften. Niemand wagte sich zu fragen, wer die Püppchengeneration des Populismus gewählt oder berufen hat. 

Modebewusste Predigerinnen 

Die jungen Mädchen, modebewusst und sichtlich gebauchpinselt von der Rolle, die ihnen Päpste, Präsidenten, Kanzler und Medienschaffende zubilligten, waren das Antlitz einer außer Rand und Band geratenen Gesellschaft. Wo früher Professoren, Ingenieure, Militärs oder in Jahrzehnten politischer Diadochenkämpfe gestählte Machtmenschen über die Richtung bestimmt hatten, in die sich das Land entwickeln sollte, waren es jetzt fröhliche Schulmädchen. Die beschäftigten sich jugendtypisch an einem Tag mit dem Weltklima, am anderen mit der Herbeischaffung globaler Gerechtigkeit. Dazwischen passten die eine oder andere Modestrecke für ein großes Magazin.

Das war alles andere als seriös, so weiß man heute. Vieles wurde falsch gemacht, alles andere nicht richtig. Viel Schaden ist entstanden, den die zentralen Planungsbehörden in Brüssel und die ausführende Regierung in Berlin nun mit großer Anstrengung unter sogenannten Reformbemühungen verstecken müssen. Die Preise sind zu hoch, die Grenzen doch zu offen, die Mitmenschlichkeit ging zu weit und das Klima ist doch gar nicht wichtig. 

Glaubwürdige Kurswechsel 

Um die Glaubwürdigkeit des Kurswechsels hin zu einem "klaren Kompass" zu stärken, hat nahezu unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit ein Stabwechsel auf der Begründungsbühne für die notwendigen Maßnahmen stattgefunden. Statt der über Jahre als Kronzeugen für die Notwendigkeit für Deindustrialisierung, Degrowth, Nachhaltigkeit und regionales Gemüse auftretenden jungen Aktivistinnen haben Frauen in den besten Jahren übernommen. 

Die neuen Stars im Kronzeugenstand für alternativlose und irreversible Richtungsänderungen traten jetzt Wissenschaftlerinnen wie Claudia Kemfert und Monika Schnitzer auf. Auch die Philosophin Eva von Redecker ist dabei, die in ihrem  "Bleibefreiheit" schon einmal "eine neue Sichtweise auf den Freiheitsbegriff entwickelt" (Deutschlandfunk) hatte, taucht auf, begleitet von weiteren Forscher*innen wie Isabella Weber und Isabel Schnabel. 

Auf in "die andere Klimazukunft" 

Sie alle sind Wirtschaftsweise, gehören einem "Ethikrat" an oder haben wegweisende Entdeckungen vorzuweisen. Schnitzer etwa wurde schon 2005 mit dem Bundesverdienstorden am Bande ausgezeichnet. Kemfert empfahl schon 2008 in einem Buch "Die andere Klima-Zukunft: Innovation statt Depression", sie wollte in einem weiteren 2009 "Jetzt die Krise nutzen", begründete 2017 "Warum wir die Energiewende jetzt verteidigen müssen" und hat in ihrem jüngsten Werk "Kurzschluss" aufgezeigt "Wie wir unsere Energiezukunft verspielen".

Die Damen vom Klimagrill sind die neuen Titaninnen der Zeitenwende. Was für die Vorgängergeneration der Aktivistinnen ein Spiel mit selbstausgedachten Projektionen war, die zum Erstaunen der Aktivistinnen auf breite mediale Zustimmung trafen, ist für die neue Beraterelite der Berliner Republik ein ernsthaftes Geschäft, in dem es um die persönliche Reputation, den Absatz von Büchern und die Nähe zur Macht geht. 

Eine goldene Verheißung 

Sie schaffen es, die brutalen Klassenkampf-Parolen der Taz-Redakteurin Ulrike Herrmann wie eine goldene Verheißung klingen zu lassen. Weniger für alle, davon aber mehr, das ist keine Drohung mehr, mit der die Elite die hart arbeitende Mitte verunsichert, sondern wissenschaftlich bewiesene Notwendigkeit.

Es mag sein, dass es dem Weisenrat von Schnitzer in den vergangenen 20 Jahren nie gelungen ist, die wirtschaftliche Entwicklung in der Bundesrepublik korrekt vorherzusagen. Doch wer seine Lektion aus dem Scheitern des Kinderkreuzzuges für das Klima gelernt hat, weiß das kein Beinbruch ist. Vorhersagen lassen sich im Nachhinein begradigen, bis es passt. Greta Thunberg, als grüne Nostradamus der Klimabewegung über Jahre hinweg unumstrittene Instanz beim Spüren von CO2 und Wasserdampf, hatte ihre fehlgeschlagenen Vorhersagen letztlich einfach gelöscht, als sie sich als falsch erwiesen.

Richtig ist immer jetzt 

Das ist heute nicht einmal das mehr nötig. Die Gesellschaft steht unter dem Dauerstress tagtäglich neu eintreffender Hiobsbotschaften. Was gestern, vorgestern oder gar im vergangenen Jahr richtig war, wird auch heute nicht falsch, weil sich niemand mehr daran erinnert. 

Natürlich war eines nicht allzu fern in der Vergangenheit liegenden Tages die Rede davon, dass alle nach Deutschland geflüchteten Syrer nach Hause zurückkehren würden, sobald der Bürgerkrieg daheim vorüber ist. Aber natürlich ist der Bürgerkrieg jetzt vorbei und die Wissenschaft hat bewiesen, dass die 113.000 Mitarbeiter der Bundesagentur für Arbeit ohne die Geflüchteten kaum auskommen können.

Kapazitäten mit Kalendersprüchen

Als Zeugen für die Wahrheit des Moments treten drei Frauen hervor, die den Takt der Zukunft in einer Welt zwischen Klimakollaps und ökonomischem Umbruch vorgeben. Sie haben Kalendersprüche dabei wie "Handeln ist billiger als Nichthandeln" und "Regulierung erzeugt Innovation. Ihre Welt ist des "Heizungshammers" und der "Energiewende", sie lehnen ab, was von "Verbotskultur" und "Dunkelflaute" raunt.

Aus ihrer Sicht ist Zukunft planbar. Vielleicht nicht auf der individuellen Ebene, denn nicht jedes Eigenheim wird eigen blieben könne. Aber ganz allgemein schon, für das ganze Kollektiv auf jeden Fall: Jedes Ereignis irgendwo auf der Welt spricht für ein Tempolimit.  Jeder Ressourcenkrieg ist ein Argument für das 1,5-Grad-Ziel. Selbst die kaum mehr tragbaren Kosten für die große Transformation bestätigen nur, dass ein kein zurück gibt.

Claudia Kemfert hat zuletzt aufgedeckt, dass viele Behauptungen über Deutschlands und ganz Europas Rückfall bei der Wettbewerbsfähigkeit zwar richtig sind, aber falsch verstanden werden. Ein schneller Gasausstieg würde Deutschland zum Technologie-Weltmarktführer machen. Das Klima würde die Wirtschaft mitreißen, hin zu dem schon von Olaf Scholz vorhergesagten grünen Wirtschaftswunder.

Die Kapelle der Deutschland-"Titanic"

Neben Kemfert ist auch Eva von Redecker ist einer der Dirigentinnen des Orchesters, das die Bühne auf der Deutschland-"Titanic" bespielt. Von Redecker stammt aus Kiel, sie wuchs auf einem Biobauernhof auf, studierte in Kiel, Tübingen, Cambridge und Potsdam Philosophie, Germanistik, Geschichte, Medizin und Lehramt und brachte der Welt später ein neues Revolutionsverständnis bei. Radikaler Wandel, so bewies sie, "vollzieht sich prozessual über die sukzessive Übertragung von abseitiger Praxis zu neuen Paradigmen".

Die Frau in der Schnittstelle 

Das ist Klartext. Das ist das intellektuelle Pendant zu Walter-Steinmeier-Reden und des Kanzlers braven Bittbriefen nach Brüssel. Auf die Frage der Wochenschrift "Die Zeit", worüber sie gerade nachdenke, hat Eva von Redecker eine überraschende Antwort geliefert. "Ich denke gerade über Energie nach",m sagte sie, "denn mir scheint, dass wir immer noch unterschätzen, wie wichtig das Thema ist." 

Hellwach. In Gedanken weit vor allen anderen. Von Redecker füllt die Schnittstelle zwischen kritischer Theorie, feministischer Philosophie und Gebrauchsanweisungen für Machtpolitiker aus. Sie erzählt Dinge, die niemand verstehen muss, sie schreibt nicht für den kleinen Mann, sondern für die, die den kleinen Mann handhaben müssen. 

In der Pandemiezeit gelang es ihr, die regierungsamtlich verfügten Lockdowns mit einer kühnen Volte zu einer neuen Ausprägung von Selbstbestimmung zu erklären: Von Redeckers neuer Freiheitsbegriff setzt an die Stelle der bislang als Freiheit wahrgenommenen Möglichkeit, jederzeit gehen zu können, das Konzept der "Bleibefreiheit".  Dabei handele es sich um die Möglichkeit, auf staatliche Weisung an einem Ort verweilen zu dürfen, ohne reisen zu müssen. 

Urteil aus überlegener Ortskenntnis 

Solche Mahnerinnen mit solchen Ideen braucht das Land, das auf der Suche nach einer resilienten Form der Demokratie ist, die der drohenden Diktatur einer Mehrheit nur dann nachgibt, wenn die politische Klasse auf Basis ihrer überlegenen Ortskenntnis zum Schluss kommt, dass das hilfreich sein wird. Womöglich müssen alle alles verlieren, um alles zu gewinnen. Denn "die autoritäre Versuchung beginnt beim Eigentum", hat von Redecker gerade erst auf "die Zumutungen des Alltagskapitalismus, die Faszination rechter Erzählungen und den neuen Faschismus" geantwortet. 

Ein logischer Schluss: Wer nichts hat, der wird nichts rechts. Der bleibt als Mündel der Linken angewiesen auf Solidarität, die gebende Hand des Staates und dessen Almosen. Selbst Monika Schnitzer, die Frau, die den Vorsitz im Rat der Weisen, der zweimal jährlich Prognosen zur gesamtwirtschaftlichen Entwicklung verkündet und sie später jeweils scharf korrigiert, kann mit die der philosophischen Wucht von Redeckers Rätselreden kaum mithalten. 

In diesen trüben Tagen des Untergangs

Geboren 1961 in Mannheim, Tochter eines kaufmännischen Angestellten und später Stipendiatin der Studienstiftung des deutschen Volkes, ist Schnitzer in diesen trüben Tagen des Untergangs des Abendlandes der Superstar der Gürtelenger-Politik. Eben erst saß sie in einem Fernsehstudio, Zuschauer entdecken Sneakers für 430 Euro an ihren Füßen, doch Schnitzer sagte es trotzdem, wie es ist: An den paar Euro, die Benzin jetzt mehr kostet, geht doch kaum jemand pleite! Man müsse nur einige Pullover weniger kaufen und vielleicht auch mal 25 Kilometer mit dem Rad zur Arbeit fahren. Ist doch so.

Man könnte das abkürzen: Wenn, darauf hat Boris Pistorius die Bürgerinnen und Bürger bereits eingestimmt, 2029 der Russe einmarschiert, samt der Soldaten, Panzer und der Munition, die Kreml-Diktator Wladimir Putin nun schon seit drei Jahren ausgehen, werden Benzin- und Pulloverpreise das kleinste aller deutschen Probleme sein. 

Radikale Dauerpräsenz 

Schnitzer fühlt das heute schon. Mit ihrer radikalen Dauerpräsenz auf allen Kanälen wirbt sie nahezu ohne Ruhepause für den Erhalt der Stabilität des Gesamtsystems auf Kosten derer, die sich am wenigstens wehren können. Sie liefert den metaphysischen Überbau für den Wandel innerhalb der  Leitplanken einer modernen Planwirtschaft. 

Die Politik hat sie auserwählt, der Politik Ratschläge zu erteilen sollen. Ihre Zwischenrufe bestätigen die Legitimität des politischen Handelns. Wie ihre Kolleginnen trägt sie schwer an der Last, einer Nation gut zuzureden, die zwischen Tradition und Transformation zerrieben wird. Schnitzer scheut sich nicht, auch unpopuläre Positionen zu vertreten, sobald sie spürt, dass sie sagbar werden. 

Reiner Wein für alle 

Als Friedrich Merz den Deutschen jetzt brutal offen reinen Wein über jahrzehntelang aufrechterhaltene Rentenlüge einschenkte, fand er Monika Schnitzer schnell an seiner Seite. Bei der Altersvorsorge seien "in den vergangenen Jahrzehnten durch ineffiziente Instrumente wie die Riester-Rente viel Zeit und Rendite verloren gegangen", klagte sie. 

Die Riester-Rente war 2002 eingeführt worden. Schon 2023 hatte sich Schnitzer erstmals kritisch zu diesem speziellen Vorsorgesystem geäußert. Die Gebühren seien viel zu hoch, sie könnten viel niedriger sein, gäbe es nicht nur private Anbieter, sondern auch einen staatlichen Fonds.

1 Kommentar:

  1. "Niemand wagte sich zu fragen, wer die Püppchengeneration des Populismus gewählt oder berufen hat." Aber jemand hatte ihnen ein Mikrophon gegeben und einen Verstärker angeschlossen. Das fiel erst so richtig auf, als er 2019 Greta nach "How dare you" den Stecker rausgezogen hat. Wer ist dieser jemand ?

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