Freitag, 29. Mai 2026

Klimakrise: Der hitzekranke Mann Europas

Je mehr Wärme, desto mehr Wirtschaftswachstum. Doch was bisher galt, wird zukünftig nicht mehr richtig sein.
Zuerst war die Pandemie schuld, dann kam auch schon der Russe, und kaum hatten sich alle daran gewöhnt, verunsicherte das Heizungsgesetz der Ampel-Koalition Wirtschaft und Verbraucher dermaßen, dass das Wirtschaftswachstum in Deutschland weiter "lahmte" (DPA). Als Friedrich Merz endlich ins Kanzleramt einzog, um alles wieder in Schwung zu bringen, irritierte Donald Trumps Zollpolitik ganz Europa so heftig, dass die große Wirtschaftswende einmal mehr ausblieb wie nach der Ausrufung von "Wumms" und "Doppelwumms" durch seinen sozialdemokratischen Amtsvorgänger.

Die Hitze als Hemmschuh

Guter Rat war teuer. Hilfe nicht in Sicht. Als dann der amerikanische Präsident dann auch noch beschloss, dem Iran ein für allemal den Zugang zur Atombombe zu verbauen, schlitterte Deutschland aus der noch lange nicht beendeten Krise direkt in die nächste. Und nachdem sich herausstellte, dass die in den Volkswirtschaften ringsum kaum zu der Art tiefer Bremsspuren führte, die anfangs erwartet worden waren, stand die größte Aufgabe von allen auf der Tagesordnung: Wer oder was könnte Schuld haben daran, dass Deutschland nun "im siebten Jahr" wie es die Wirtschaftsweisen ausdrücken nicht auf die Strümpfe kommt?

Es musste etwas Passendes sein, nicht zu groß, nicht zu klein, auf jeden Fall aber dem Einfluss der Verantwortlichen in Brüssel und Berlin entzogen. Zwar ist die Klage über regulatorische Hemmnisse, über Bürokratie und hohe Steuern und Abgaben inzwischen der Grundton allen Jammers. Keinesfalls aber durfte das Ausbleiben jeder Bemühung, mit der Kettensäge ans Auslichten der 1.700 Bundesgesetze und fast 3.000 deutschen Rechtsverordnungen und der weit über 7.000 EU-Richtlinien und Verordnungen zur Regelung des Wirtschaftslebens zu gehen, auf deutsche oder europäische Gesetzgeber zurückfallen.

Zum Glück ist das Klima schuld

Die Wahl fiel wieder einmal auf das Klima. Die Hitze könne "die Wirtschaft mehr als 100 Milliarden Euro kosten", zitieren die führenden Organe aus einer Untersuchung des weltweit führenden Kreditversicherers Allianz Trade. Andere gehen noch weiter und interpretieren die Prognose als "Hitze kostet Deutschlands Wirtschaft Milliarden".  Eine Woche ist es warm und so teuer wird es schon. "Jedes zusätzliche Grad über 30 vernichtet Produktivität, während der Energiebedarf steigt", folgert die Nachrichtenagentur DPA aus der Studie. Das "schmälere" das Bruttoinlandsprodukt. So sehr: "Die Folgen sind größer als in Südeuropa."

Extreme Hitze entwickele sich damit "zu einem immer größeren Problem für die deutsche Wirtschaft" - und das, obwohl es 2026 nur regional ganz wenige tage mit mehr als 30 Grad gab. Und der Rückblick auf die Jahre seit 2020 bei den Hitzetagen mit einer Höchsttemperatur von mehr als 30 Grad zwiespältig ausfällt. 2020 gab es deren elf, 2021 nur vier, 2022 dann 17, 2023 wieder elf, 2024 nur acht und 2025 zwölf.

Kein hoch, kein runter 

Auch bei den Tropennächten, in denen die Temperatur nicht unter 20 Grad fällt, ist eine klare Tendenz nicht auszumachen: Vor zehn Jahren noch waren es elf, vor neun Jahren 14, vor fünf stieg ihre Anzahl auf sagenhafte 20, ehe sie wieder auf 15 fiel, auf 17 und schließlich dramatisch auf vier. Seit 2022 registrierten Meteorologen zwischen 14 und 16 solcher besonders warmen Nächte in Deutschland. es wird nicht weniger. Aber es wird auch nicht sprunghaft mehr.

Allianz Trade schickt denn auch eine Bedingung vorweg. Sollten sich die Hitzewellen des vergangenen Jahrzehnts wiederholen, geht der Kreditversicherer bis zum Jahr 2030 von wirtschaftlichen Verlusten in Deutschland in Höhe von rund 112,5 Milliarden Euro aus. Bei großer Hitze sinke die Produktivität pro zusätzlichem Grad über 30 Grad um etwa drei Prozent. Gleichzeitig stiegen die Energiekosten um etwa 1,2 Prozent pro Grad durch einen höheren Kühlbedarf. Dadurch drohten beim Bruttoinlandsprodukt in den kommenden vier Jahren Einbußen von bis zu drei Prozent."  

Der unsichtbare BIP-Killer 

Sie ist nicht auf den ersten Blick zu sehen, nicht einmal in Statistiken, die über ein Jahrzehnt reichen. Doch "extreme Hitze ist längst kein kurzfristiges Wetterphänomen mehr, sondern ein struktureller wirtschaftlicher Schock", sagte der Allianz-Trade-Chef in Deutschland, Österreich und der Schweiz, Milo Bogaerts. 

Der größte Schaden entstehe aber nicht heute, sondern morgen, denn sinkende Renditeerwartungen bremsten Investitionen - und damit die künftige Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit.Die sind, seit der frühere EZB-Chef Mario Draghi seinen verheerenden Bericht zur Lage der Wirtschaftslage der EU vorgelegt hat, ist das sagbar, ohnehin Kummerkinder der Staatenfamilie. Und mit der Hitze kommt nun auch noch eine "doppelte Belastung für Unternehmen": Einerseits senkten steigende Temperaturen die Produktivität, andererseits stiegen gleichzeitig die Energiekosten.

Deutschland ist dabei einmal mehr das am schlimmsten betroffene Gebiet. Die als "kühler" beschriebenen nordeuropäischen Ländern wie Irland oder Finnland erwischt es auch hart. Aber Deutschland härter als die traditionell wärmeren südeuropäischen Staaten. Hierzulande sei man "historisch auf Kälte ausgelegt und auf Hitze bis heute schlecht vorbereitet - obwohl Hitzewellen in den letzten Jahren nichts Neues sind." 

Bloß keine Klimaanlagen 

Daran soll sich nach dem Willen der Bundesregierung um Gottes Willen auch nichts ändern. Im aktuellen Hitzeplan -  mit der Deutschen Anpassungsstrategie an den Klimawandel (DASK) ist Deutschland das einzige EU-Land, das über einen klaren Kompass für den Klimakampf verfügt - findet sich das Wort "Klimaanlage" nicht. 

Deutschland plant mit Trinkwasserspendern und Baumpflanzungen, mit Hitzeaktionspläne (HAP), mit Leinenkleidung, Sportverboten zur Mittagszeit und öffentlichen Kühlräumen zum Schutz vor Hitzeschlägen. Nicht aber mit künstlicher Kühlung, die wegen ihres Energiebedarfes und der Umweltgefahren durch die verwendeten Kältemittel Propan oder Isobutan als unökologisch und klimafeindlich gilt. Nicht einmal Krankenhäuser und Altenheime  sollen so aufgerüstet werden. Ihnen empfiehlt die DASK Siesta, Alkoholverzicht und feuchte Tücher, die Wasser auf natürliche Weise verdampfen. 

Wärmer und wachstumsstärker 

Ob sich diese kühne Strategie bewähren wird, muss sich erst zeigen. In den USA wie in den Mittelmeerländern, am arabischen Golf oder in Australien, aber auch in Indien, China oder Taiwan setzen Regierungen und Wirtschaft auf ungeachtet der ökologischen Folgen auf künstliche Kühlung. In Australien etwa ist es im Durchschnitt heute schon zehn Grad wärmer als in Deutschland. Das Bruttoinlandsprodukt wuchs zuletzt dennoch um 1,8 bis 2,6 Prozent pro Jahr, während es in Deutschland komplett ausblieb. 

Ähnlich sieht es in Taiwan aus, einer Insel mit subtropischem Klima, die noch wärmer ist als Australien, aber dank einer boomenden Halbleiter- und Hightech-Industrie um dreieinhalb bis fünf Prozent im Jahr wuchs.

Wie nur wie machen die das 

Wie machen die das? Wie schaffen die das nur? Deutsche Statistiken aus der Vergangenheit zeigen zumindest, dass höhere Temperaturen kein Wachstumshemmnis sind. Abgesehen von den Corona-Jahren, als die Politik der Wirtschaft eine Zwangspause verordnete, marschierten Erderwärmung und nominales BIP im Gleichschritt nach oben (Grafik oben).

Auch das Beispiel von wirtschaftlich starken Regionen wie Kalifornien und Texas legt die Vermutung nahe, dass es nicht der Einfluss der Klimaerwärmung ist, der die drittgrößte Wirtschaftsnation daran hindert, erfolgreich zu bleiben. Die Durchschnittstemperatur im US-Bundesstaat Kalifornien liegt mit zwischen 15 und 17 weit über den deutschen knapp elf Grad und auch weit über den 13 oder 14 Grad, die hierzulande als Ergebnis des schlimmsten denkbaren Erderhitzungszenarios gelten. Das BIP-Wachstum liegt dennoch bei fünf oder sechs Prozent, zehnmal höher als im vergleichsweise kühlen Deutschland. 

Doppelt so warm, zehnmal so erfolgreich 

Die Zahlen aus Texas bestätigen das: Auch dort ist es mit 18 bis 20 Grad im Durchschnitt fast doppelt so warm wie in Deutschland. Auch dort liegt das Wachstum seit Jahren nie unter drei, zuweilen aber sogar über sechs Prozent. 

Selbst Spanien, nicht ganz so heiß, aber allemal wärmer als Deutschland,  kam in den vergangenen Jahren regelmäßig auf 2,5 bis drei Prozent Wachstum. Von Ägypten gar nicht zu reden: Mit einer Jahresdurchschnittstemperatur von  22 bis 24 Grad dank des überwiegend heißen Wüstenklimas ist das Land aus deutscher Sicht bereits weitgehend unbewohnbar. Seit 2021 aber gab es kein einziges Jahr, in dem die Wirtschaft weniger als zwei Prozent wuchs, im  Durchschnitt waren es sogar vier Prozent.

Der hitzekranke Mann Europas 

Vielleicht sind es doch nicht die Temperaturen, auch nicht die steigenden, die Deutschland wieder zum kranken Mann Europas machen. Immer noch herrscht ja hier ein vergleichsweise gemäßigtes Klima, selbst gelegentliche Hitzespitzen können die anhaltende Stagnation nicht schlüssig erklären. Womöglich liegen die Gründe doch jenseits dessen, was Regierungen nicht beeinflussen können: Es fehlt an modernen Industrien ebenso eklatant wie an der Umsetzung der Anpassungsstrategien, die noch der inzwischen zum Raumfahrtexperten beförderte Gesundheitsminister Karl Lauterbach ausbaldowert hatte.

In den USA sind fast 90 Prozent der Haushalte, Werkhallen und Büros klimatisiert, in der EU liegt die Quote der Allianz-Studie zufolge bei gerademal 19 Prozent. Dazu kommt die Beschwörung höherer Temperaturen als "stiller Killer" (RND): "Hitze" wird zugeschrieben, Jahr für Jahr Zehntausende zu töten, wird es warm - mit Temperaturen, die anderswo als lau gelten, kämen "Kopfschmerzen, Krämpfe, Erbrechen, Schwindelgefühle bis hin zu Halluzinationen", erzählt das SPD-Newsportal RND. Es folgten dann "Gehirnschäden, Organversagen und im schlimmsten Fall: der Tod". 

Es steigt immerzu 

Das alles nimmt immerzu zu (RND), auch wenn es das nicht tut. 2016 und 2021 langen die Schätzungen der Zahl der Hitzeopfer bei 1.200 und 2.000, im besonders heißen Jahr 2018 sollen "bis zu 8.500 Menschen" hitzebedingt gestorben sein.  2019  brachte dann den bis heute gültigen Allzeit-Hitzerekord von 42,6  Grad, doch die zahl der Hitzetoten sank auf nur noch 7.000. 2024 registrierte das RKI dann sogar nur noch 3.000 Todesfälle wegen hoher Temperaturen. Dabei war ausgerechnet dieses Jahr das mit Abstand wärmste jemals registrierte mit einer Rekord-Jahresmitteltemperatur von 10,9 Grad.

Starben die Menschen an oder mit Hitze? Kamen sie beim Versuch um, sich abzukühlen? Arbeiteten die die Menschen in Europa zwischen 2020 und 2023 wirklich wegen hoher Temperaturen jährlich 24 Stunden weniger als im historischen Durchschnitt, wie es der  Lancet Countdown Europe Report behauptet? Oder war in deiser Zeit noch irgendetwas anderes?  

8 Kommentare:

  1. Noch ein hitzekranker Mann
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    meinung•Anstrengende Rockkonzerte
    Das Gitarrensolo ist tot. Bitte belebt es nicht wieder!
    Ein Kommentar von Wolfgang Höbel

    Ich halte das Gitarrensolo für einen Irrtum der Kulturgeschichte.
    Heute scheinen die meisten Menschen ähnlich zu denken.
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    Weiß jemand, wozu dieses Fischblatt gut ist?

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    1. Welches? Dreck ist inzwischen alles, die NZZ eingeschlossen. Sollte ich ich aus irgendeinem Grund festlegen, welches das übelste sei, würde ich den Tagessudel wählen.

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    2. Also mein Liebstes ist immer noch t-online. Die eilen jetzt schon seit Jahren in der Ukraine von Sieg zu Sieg. Das wird bestimmt noch was.

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  2. Nein! Protest! Habe mir gerade eben den Tag retten lassen von der Bridge in "The Wind Cries Mary". Den Höbel an den Ohren auf Kurzwelle (6070 kHz) zerren, auf dass er's begreife!

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  3. Was nützt es. Der Pöbel glaubte und glaubt alles, was ihm mit der nötigen Vehemenz vorgesetzt wird. Schon Anfang der 90er war zu bemerken, dass die klarsten Vernunftargumente abperlen wie Regentropfen am ladenneuen Ostfriesennerz.
    Die Energiekosten steigen, weil uns der Putin aus nackter Bosheit den Gashahn zugedreht hat, und wenn es hier rumsen wird, derselbe, ebenfalls nur aus Bosheit.

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    1. Wenn die Russen uns wieder zusammenfalten, stehen wir diesmal aber auf der richtigen Seite der Geschichte. Immerhin.

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  4. Bei EIKE: Von Peter Panther
    Auch Carsten Schneider (SPD) hat sich nun zum Ende des drastischen Klimaszenarios RCP 8.5 verlauten lassen. Der Bundesumweltminister deutet die Entwicklung als Erfolg bisheriger Klimapolitik. Dass das Szenario nicht eintrete, zeige, dass die bisherigen Massnahmen Wirkung entfaltet hätten.
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    Wichtig ist, was hinten herauskommt, sagte einer. Der Pöbel wird das dankbar annehmen.

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  5. "fast doppelt so warm" - is jut ... Spassvogel

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