Dienstag, 7. Juli 2026

Berge von Raketenpapier: Auf der Cookie-Richtlinie ins All

Ursula von der Leyen fliegt auf Bergen von Rapetenpapier ins All. Vor drei Jahren eröffnete sie persönlich höchst feierliche den Esrange Spaceport als "europäisches Tor zum Weltraum". Gestartet ist dort seitdem nichts.

Als Ursula von der Leyen sich jetzt entschloss, die bittere Wahrheit auszusprechen, stand die Zeit für einen Augenblick still. "Europa muss um seinen Platz in der Welt kämpfen", sagte die 67-Jährige, die für ein Europa steht, das kein Mensch jemals gewählt hat. Es ist zerstritten, marode, unbeweglich. Es lebt von der Hoffnung, eines Tages würde alles besser werden, wenn man nur fest daran glaube. 

Es ist, ganz wie die Mütter und Väter des Hades-Planes es vorgesehen hatten, ein größeres Deutschland, gebaut nach dem Muster des früher so bewunderten Stehaufmännchen-Landes mit seinen Wirtschaftswunderschuftern. Nichts dreht sich, nichts bewegt sich. Selbst der Stillstand erscheint langsam. Es ist ein schwerer Fall, anfangs in Zeitlupe. Inzwischen unaufhaltsam.

"Europa" heißt immer "EU" 

In Brüssel habe  sie das gut verstanden. Ursula von der Leyen hat ihren Berlaymont-Palast zu einer Wagenburg umbauen lassen, aus der ein Strom an Durchhaltebefehle an die nachgeordneten Nationalstaaten geht. Monat für Monat produziert der Generalstab der früheren deutschen Verteidigungsministerin neue Pläne für Europas Endkampf, wobei mit "Europa" stets nur die Europäische Union gemeint ist. 

Mal sind es Giga-KI-Fabriken, die das Kriegsglück wenden sollen, mal ist es der Rückbau der Bürokratie, mal sind es neue Milliarden für die Vorneverteigung  der Gemeinschaft an der Ostfront.

Auch den Weltraum, den zu erobern Europa vor lauter Beschäftigung mit der Verwaltung der eigenen Verwaltung ganz vergessen hatte, stand schon auf der Agenda. Drei Jahre ist es her, die Älteren erinnern sich, als die EU-Kommissionspräsidentin selbst daranging, die europäische Raumfahrt durch ein "EU-Weltraumgesetz" voranzutreiben. Es war ein "großer Moment für europäische Raumfahrtindustrie", als die studierte Medizinerin ins schwedische Esrange nördlich von Kiruna eilte, um dort persönlich einen "Weltraumbahnhof für Satellitenstarts" (EU) zu eröffnen. 

Eine Startrampe mit strategischer Bedeutung 

Der hatte den Worten der EU-Chefin nach "strategische Bedeutung": Von der Leyen nannte die Einweihung "einen wichtigen Moment für Europa und für die europäische Raumfahrtindustrie". Denn "als erster orbitaler Startplatz auf unserem Festland bietet Esrange Spaceport ein unabhängiges europäisches Tor zum Weltraum". Nichts, was Kritiker kleinreden können: "Die Zukunft der EU als eine Weltraum-Macht wird auch in Schweden geschrieben."

Knapp dreieinhalb Jahre später wird das auch niemand wollen. Es ist einfach unnötig. Der im Januar 2023 feierlich eingeweihte neue Komplex für orbitale Satellitenstarts - in EU-Englisch schick als "Spaceport Esrange" bezeichnet, wartet bisher vergebens auf seinen allerersten Raketenstart. Die schwedische Raumfahrtbehörde war bisher nur damit beschäftigt, gelegentlich suborbitale Starts genehmigen zu müssen. 

Studenten schafften es bis auf ein drittel V2-Höhe 

Ein bis zwei Genehmigungen pro Jahr waren zu prüfen, ehe etwa die von Studenten gebastelte Hybridrakete HEROS 3 einen Höhenweltrekord für Amateur-Raketen aufstellen konnte: Der stolze siebeneinhalb Meter lange Flugkörper schaffte es bis auf 32 Kilometer Höhe. Das ist mehr als ein Drittel der Höhe, die die von Wernher von Braun entwickelte V2-Rakete (Aggregat 4) bei ihren ballistischen Testflügen im Oktober 1942 erreicht hatte.

Bis ins Weltall schafften es die Studenten nicht. Raketen in den Weltraum fliegen zu lassen, niemand weiß das besser als Deutschland, dessen Tüftler derzeit noch reihenweise am Endgegner Gravitation scheitern, sind eine ganz andere Baustelle als die Tiefflieger, die vom neuerdings in "SSC Space Center" umbenannten Weltraumbahnhof starten. Es geht hoch hinaus, über Ländergrenzen hinweg und - sollte der Spaceport Esrange" eines Tages in Betrieb gehen, ist mit bis zu 20 Anträgen auf Startgenehmigung zu rechnen. Das würde hektisch. Das würde jeweils nur zweieinhalb Wochen Zeit zur Prüfung lassen. 

Erstmal umbenannt 

Keine Eile ohne Weile. Auch in Schweden kennen sie die europäischen Abläufe: Erst jetzt, drei Jahre nachdem Ursula von der Leyen gemeinsam mit König Carl XVI. Gustav und dem schwedischen Regierungschef Ulf Kristersson feierlich ein Band durchschnitt und so den symbolischen Startschuss für Europas neuen Weltraumbahnhof gab, hat Schweden sein Budget aufgestockt, um das nötige Personal für die neue Weltraumbürokratie einzustellen.

Akuter Bedarf herrscht allerdings nicht. Am "Space Center" - zu Deutsch "Mittelpunkt des Weltalls" - drohen auf Sicht keine echten Raketenstarts bis in den Erdorbit. Das SSC hat keine Raketen, weil Europa keine Raketen hat. Es gibt Partnerschaften mit der US-Firma Firefly Aerospace und mit Perigee Aerospace aus Südkorea. Doch obwohl die Startrampen bereitstehen, verzögern sich die ersten  Starts in den Orbit nun schon so lange, dass niemand mehr Termine für "erste Testflüge mit wiederverwendbaren Raketenstufen wie dem europäischen Demonstrator Themis" nennen will. 

Mondlandung, aber kein Start 

Firefly Aerospace etwa gelang im vergangenen Jahr zwar eine spektakuläre Mondlandung. Doch schon der nächste darauffolgende Startversuch einer Alpha-Rakete missglückte, weil die Düse des Zweitstufentriebwerks kurz nach der Stufentrennung versagte. Erst im März gelang es dem Unternehmen, wieder eine Rakete in den Orbit zu bringen. Der Einfachheit halber aber startete man den Versuch vom Space Launch Complex 2 auf der kalifornischen Vandenberg Space Force Base. 

Bei Perigee Aerospace sieht es kaum besser aus. Die "Blue Whale 1" Rakete der Südkoreaner sollte ursprünglich bereits 2020 ihren Jungfernflug erleben. Der Termin verschob sich dann auf 2024, später auf 2025. Derzeit wird kein Termin mehr genannt, an dem das "most efficient launch vehicle for orbital transportation of small satellites" erstmals abheben könnte, um seine 200 Kilogramm auf einer Umlaufbahn abzuladen. Ein erfolgreicher Start in Südkorea aber ist Vorbedingung für eine Startgenehmigung in der EU. 

Nullnummer mit Verzögerung 

Auch bei der "Themis" genannten wiederverwendbaren ESA-Rakete, die als Europas Antwort auf Elon Musks unverschämte Raktenlandungen gilt, herrscht tiefes Schweigen. Der als "Demonstrator" bezeichnete Prototyp schaffte es bisher bei einem Test auf einem Gelände der Ariane-Group im französischen Vernon, sein "Prometheus" genanntes Triebwerk zwölf Sekunden  am Laufen zu halten. 

Danach versicherte der Leiter des Bereichs "Zukünftige Raumtransportsysteme" der ESA, dass "Themis" bis 2025 anwendungsbereit sein werde. Der erste Flugversuch war entsprechend für das vergangene Jahr angesetzt. Dabei sollte die Rakete nur einige wenige Meter abheben und anschließend an ihren Startplatz zurückkehren. Mittlerweile aber erfolgte eine weitere Verschiebung, diesmal auf "Anfang 2026". 

Flieg nicht so hoch... 

Auch dieser Termin, ehrgeizig angesetzt auf einen Tag nur sieben Jahre nach dem Beginn des "Themis"-Programms,  darf inzwischen als knapp verpasst angesehen werden. Doch Europas Raumfahrtpioniere sind von solchen Rückschlägen nicht zu erschüttern. 

Offiziell heißt es, dass die neuerliche Verzögerung der ersten Themis-Startkampagne frustrierend sei, die nachgelagerten Folgen aber nur minimal. Die einzige direkte Anwendung der im Rahmen des Themis-Programms entwickelten Technologie sei die erste Stufe der zweistufigen MaiaSpace-Rakete, eines weiteren Falcon-Miniaturnachbaus, der nach erfolgter Mission wieder auf der Erde landen soll.

Maia ist kein Thema 

Die Maia-Rakete, gebaut von einem französisches Tochterunternehmen der Ariane-Group, das schon "Europas SpaceX" genannt wird, soll bis zu 500 Kilogramm ins All befördern können - 120 Maia-Starts könnten damit genau so viel Fracht in den Weltraum bingen wie eine von Musks "Falcon Heavy". Nur ab wann ikst noch unklar: Der erste echte Startversuch Testflug der Maia wurde eben wegen "Anpassungen im Test- und Entwicklungsablauf" von 2026 auf 2027 verschoben. Gleich anschließend aber soll, der Erfolg des Tests gilt als sicher, wrde der kommerzielle Betrieb starten.

Nicht aber von Europa aus, nicht durch Europas Tor in die unendlichen Weiten. Wie die große Ariane startet auch die kleine lieber vom Guiana Space Centre in der französischen Kolonie Französisch-Guiana. Andere europäische Kleinstunternehmen weichen nach Norwegen aus, um ihre Böller auf dem dortigen Weltraumbahnhof Andøya zu zünden. 

Auch der "SaxaVord Spaceport" auf den Shetland-Inseln und der "Space Hub Sutherland" liegen wohlweislich außerhalb der Legislative der Europäischen Union, die sich zuletzt mit dem "EU Space Act" genannten "ersten Weltraumgesetz" (von der Leyen) der Menschheitsgeschichte  anschickte, eine Art Cookie-Verordung für die Unendlichkeit zu erarbeiten. 

Per Verordnung und Papier 

Ein sinnbildliches Unterfangen in allen Dimensionen: Die größte Staatengemeinschaft aller Zeiten, die es mit ihrer einzigen Rakete auf sieben bis höchstens acht Starts in diesem Jahr bringen wird, macht sich auf, per Verordnung "die Genehmigung und Registrierung von Weltraumaktivitäten sowie deren Aufsicht harmonisieren", wie es vor einem Jahr in Brüssel hieß, als die EU-Kommission ihren Entwurf für den "EU Space Act" vorlegte. 

Die mächtige Präsidentin selbst hatte das Gesetz zu einer weiteren ihrer unzähligen jeweils für zwei, drei Tage wichtigen Prioritäten gemacht. Es sollte Standards für Sicherheit, Nachhaltigkeit und Resilienz im "europäischen Orbit" (EU-Kommission) setzen und "Weltraumkapazitäten nutzen, um europäische Interessen und Sicherheit zu gewährleisten".

Auf die Medien ist Verlass 

Damals war die Kommissarsriege entschlossen, "bisherige Regulierungslücken im Weltraumrecht" zu schließen und der "uneinheitlichen Regelung auf nationaler Ebene zu begegnen". So lange war das Thema Weltraum verschlafen worden, im Grunde genommen genau so lange wie das Thema Künstliche Intelligenz, Internet, Gentechnik, Kernkraft oder was sonst noch so an High Tech modern geworden ist. So eilig war es vn der Leyen dann, voranzukommen. 

Die Frau aus Hannover räumt Versäumnisse immer so ab: Gibt es erst einmal ein EU-Gesetz dagegen, eilt sie weiter, um den nächsten peinlichen Brandherd mit pathetischen Reden und umfassenden Regulierungsankündigungen abzulöschen. Auf ihre Leitmedien, öffentlich-rechtlich-staatlich wie privat, kann sich die ausgebuffte Taktikerin dabei verlassen: Von der Leyen überlädt die Protokollanten einfach mit so viel neuen Null-Informationen, dass deren Kraft nicht reicht, sich an früherer Mitteilungen zu erinnern.

Von der Leyen und das Schweigen 

Der Erfolg gibt ihre Recht. Seit ihrer großen Einweihungsreise nach Esrange, die vor drei Jahren auch medial ein Knaller war, hat  kein einziges deutsches Leitmedium jemals gefragt, was eigentlich aus der Ankündigung wurde, von Nordschweden aus "Minisatelliten und Zwergraketen in den Weltraum zu schicken" (Der Spiegel). Nicht einmal die Umbenennung der einzigen EU-europäischen Startrampe wurde bisher gemeldet. Geschweige denn der Umstand, dass von dort aus exakt so viele Raketen ins Weltall fliegen wie aus der Innenstadt von Neubrandenburg.

Ein Jahr nach der Verkündung des "EU Space Act" ist auch der kein Thema mehr. Es läuft wie immer auf die Umbenennung und den Ausbau einer Behörde hinaus. Mit ihrem aktuellen Vorschlag für eine neue "Verordnung über die Agentur der Europäischen Union für Weltraumdienste" zielt die Kommission darauf, die EUSPA genannte EU-Agentur für das Raumfahrtprogramm  zu einer "Freiraumorganisation der Europäischen Union" zu ernennen.

Mehr Raketen und mehr Weltraumkapazität als sie das traurige "Weltraumkommando" der Bundeswehr  (WRKdoBw) hat, wird das Europa nicht bescheren. Aber besser verwaltet wird der Mangel sein, wenn der Kommissionsvorschlag "die derzeitige Rechtsgrundlage der EUSPA gemäß der Verordnung (EU) 2021/696" erst ersetzt hat. Berge von Raketenpapier werden in Brüssel produziert. Die EU nicht ins All fliegen, sondern auf Aktenbergen hinaufklettern zum Firmament. 

Nichts umgesetzt, aber optimistisch 

Nichts, rein gar nichts  von dem, was Ursula von der Leyen in der kurzen Phase ihrer frischen Verliebtheit ins Weltall angekündigt hatte, wurde umgesetzt. Doch an ihrer hochfliegenden "Vision für die Europäische Weltraumwirtschaft" (Ursula von der Leyen) lässt die 67-jährige EU-Chefin nicht rütteln: Den "EU Space Act" hat sie erst kürzlich zur "umfassenden Strategie zur Stärkung der Autonomie sowie Technologieführerschaft Europas im Weltraum" ernannt. Sie ziele zudem darauf ab, die "europäische Weltrauminfrastruktur sicherer und nachhaltiger zu machen, die Satellitennutzung für zivile und militärische Zwecke zu stärken und Weltraummüll zu reduzieren".

Bei letzterem Punkt ist die EU vorbildlich. Während Elon Musks Firma SpaceX im vergangenen Jahr 170 Raketen durch die Atmosphäre bis ins All trieb, begnügte sich Europa mit sieben. Jeder einzelne ist unfassbar teuer, denn verglichen mit der Falcon 9 kostet der Start einer Ariane 6 sagenhafte 75 bis 85 Millionen Euro mehr. Während SpaceX mit jedem Start 60 Millionen US-Dollar einnimmt - eine rendite von fast 80 Prozent - ,  findet die einzige brauchbare europäische Rakete überhaupt nur Kunden, weil sie ihre durch staatliche Subventionen von 340 Millionen Euro im Jahr unter Einstandskosten fliegen kann.

1 Kommentar:

  1. Wenn erst eine EU-KI die Regulierung optimiert und dringend benötigte Richtlinien im Sekundentakt produziert, dann wird's auch mit dem Weltall.

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