Samstag, 11. Juli 2026

Deutscher Fusionsreaktor: Schneller als die Physik erlaubt

Bausätze für Fusionsreaktoren sollen ab 2032 an die Kommunen und private Haushalte ausgeliefert werden.

Der deutsche Superbahnhof Stuttgart 21 wird doch erst 2031 fertig, nach 36 Jahren. Mit dem Bau des noch von Angela Merkel erfundene "Zukunftszentrum" im ostdeutschen Halle ist noch nicht begonnen worden, da hängt die Fertigstellung dem ursprünglichen Zeitplan bereits drei Jahre hinterher. Das ist wenig, zumindest verglichen mit den großen Autobahnprojekten, die noch befeuert worden waren mit dem Verkehrswegeplanungsbeschleunigungsgesetz (VerkPBG), das Deutschland im Nachgang der Wiedervereinigung fit machen sollte für eine neue Dynamik. 

Deutschland kann langsam sehr gut 

Der Traum verging in aller Eile. Was Deutschland gut kann, ist gaaanz langsam machen, Hinterherhinken und Zögern. Wie ein alter Mann kein D-Zug ist, ist das "Team D", wie die deutsche Olympiaauswahl sich nannte, keine Mannschaft, die einen Begriff wie Eile kennt. Was geht, geht in aller Ruhe voran. 

Wenn ein Kanzler die Stimmungswende im Sommer ausruft, muss keiner der Sommer gemeint sein, die in laufenden Jahrzehnt liegen. Und wenn die größte Partei im Land verspricht, sie werde Bürokratie abbauen, jetzt aber wirklich, dann ist das "jetzt" ein deutsches: Es meint nicht "gleich" wie das englische "now", sondern irgendetwas Unbestimmtes zwischen "bald" und "dann".

Überall im Hintertreffen

Überall im Hintertreffen. Nirgendwo ein Lichtblick. Nirgendwo? Falsch. Im Freistaat Bayern, aus eigener Sicht das bessere, flinkere, weil dynamischere Deutschland, arbeitet eine kleine Firma an Deutschlands Energieversorgung der Zukunft. Das Miniunternehmen Proxima Fusion will nichts weniger als das erste deutsche Magnetfusionskraftwerk ans Netz bringen. Das Start Up, selbstverständlich nicht in einer Garage gegründet, sondern aus dem Max-Planck-Instituts für Plasmaphysik (IPP) heraus, tritt damit gegen eine globale Konkurrenz an, die in China sitzt, in Frankreich und den USA. 

Die Beschlusslage aber ist klar. In Deutschland solle, so haben es CDU, CSU und SPD im Koalitionsvertrag festgelegt, das erste Fusionskraftwerk kommerziell Strom liefern. Nach einem  Demonstrator, erfahrungsgemäß eine Art Skizze aus Pappmache, wird alles schnell gehen.  Der "Aktionsplan Fusionskraftwerk" wird die "Energie der Sonne" Bundesregierung) auf der Erde nutzbar machen und "in Zukunft ein wichtiger Teil unserer Stromversorgung" sein. 

Die keine Rechnung stellen 

Die beruht zwar perspektivisch auf Erneuerbaren aus Wind und Sonne, die keine Rechnung stellen. Doch sollte der von Bundeswirtschaftsministerin Katharina Reiche im Zuge der Elektrifizierung von Heizung und Verkehr und Aufbau ein großen KI-Industrie prognostizierte sinkende Stromverbrauch doch nicht eintreten, wären die neuen Gaskraftwerke nicht ganz allein beim Versuch, das Land am Laufen zu halten.

Bisher war nur unklar, wann der Durchbruch gelingt. Theoretisch ist die Kernfusion ein Kinderspiel: Zwei Wasserstoffkerne müssen nur zu einem Heliumkern verschmolzen werden. Schon wird Energie frei, die abgezapft und genutzt werden kann. Das Problem dabei ist die Frage, wie sich die kalte Fusion praktisch organisieren lässt. 

Bei der Fusion entsteht zwar keine Radioaktivität. Sie muss abgeschirmt stattfinden, damit sie überhaupt stattfinden kann. Möglich wäre ein Ablauf in einem Magnetkäfig oder einer im Schutz von Laserstrahlen. Bei beiden Lösungen liegt das Problem darin, dass die Aufrechterhaltung der Abschirmung bisher mehr Strom verbraucht als im Fusionsprozess erzeugt wird.

Der 18-Minuten-Rekord 

Bescheidene 18 Minuten  schafften es der chinesische Tokamak-Reaktor mit ausreichend Energie von außen versorgt, Energie im Inneren herzustellen. Wendelstein 7-X in Deutschland schaffte immerhin 360 Sekunden. das entspricht etwa einem Hunderttausendstel des Jahres. Zum Dauerbetrieb fehlen noch etwa 31,5 Millionen Sekunden. 

Bangemachen aber gilt nicht. Mit dem Mut der Verzweiflung und ohne jede Furcht vor Gelächter hat Bundesdigitalminister Karsten Wildberger, ausgebildeter Festkörperphysiker und jahrelang als Unternehmensberater und Manager in verschiedenen Positionen unterwegs, vor Monaten schon seiner Überzeugung Ausdruck verliehen, dass der "Aktionsplan Fusion 2040" im Unterschied zu nahezu sämtlichen hochfliegenden Plänen bisher nicht nur überhaupt, sondern sogar vier Jahre früher umgesetzt werden wird.

Wildbergers Visionen 

Es wäre ein Wunder, das die gesamte Welt bestaunen würde. Bisher steckt die Arbeit an der Kernfusion noch im Grundlagenstadium fest. Die Umsetzung der Prognose von Karsten Wildberger, verkündet aus mit der Selbstverständlichkeit eines Elon Musk, der das Datum der ersten Marslandung bekanntgibt, würde das lahme Deutschland auf einen Schlag an die Weltspitze katapultieren. Ausgerechnet Deutschland, den Staat, der sich die Zukunft bisher mit der Vision schöngerechnet hatte, dass Sonne, Wind und andere Zufallslieferanten schon irgendwie ausreichen werden, die immer noch drittgrößte Volkswirtschaft der Welt zu betreiben.

Wildberger hat keine Einzelheiten genannt. Dem Digitalminister erscheint es ausreichend, dass Bundeskanzler Merz die Fusionsforschung zur nationalen Priorität erklärt hat. Die kalte Fusion soll die technologische Souveränität sichern. Der Schritt bisher nicht gelungene schritt von der nachgewiesenen physikalischen Machbarkeit, also der gelungenen Erzeugung eines Energieüberschusses im Millisekundenbereich, bis zur kommerziellen Nutzung im industriellen Maßstab, erscheint wie ein belangloses Detail. 

Nicht vor 2045 

Dabei gehen die meisten Experten für die Magnetfusion immer noch von einem kommerziellen Betrieb nicht vor 2045 oder 2050 aus. Selbst amerikanische "New Fusion"-Unternehmen wie Commonwealth Fusion Systems oder Helion Energy haben zwar  bereits Verträge mit Microsoft abgeschlossen, die Energielieferungen ab 2028 vorsehen. Doch die auch die Umgehung technischer Hürden durch eine kompaktere Bauweise und die Verwendung neuartiger Supraleiter ändert nichts daran, dass zwei Jahre vor dem Termin noch keine Bagger rollen, weil noch niemand sagen kann, wie ein Kernfusionskraftwerk aussehen müsste, um zu funktionieren. 

Selbst kleinere, schnellere und mutigere Reaktoren können die physikalischen Gesetze nicht brechen.  Materialprobleme, Abschirmungsfragen – alles ist bisher ungelöst. Wer behauptet, in zehn Jahren stünden Fusionsmeiler bereit, eine KI-Infrastruktur stützen, der hat entweder eine geheime Erfindung im Keller oder keine Ahnung.

Es gibt keine Praxislösung 

Es gibt die Theorie. Aber es gibt keine Praxislösung. Dass ausgerechnet Deutschland, das Land der Nabu-Klagen und Umwelthilfe-Einsprüche, zusätzlich abhängig von EU-Genehmigungen und der Zustimmung aller Anwohner, bei der Fusion als Erster durchs Ziel gehen wird, ist ähnlich wahrscheinlich wie eine Fertigstellung von Stuttgart 21 in der laufenden Legislaturperiode. 

Wildberger hofft auf die "Kernfusion als neue klimaneutrale Energiequelle" (Wildberger), um die Energieversorgungskrise, in die Deutschland taumelt, zu vermeiden. Und er tut das vollkommen vergeblich. Als Verantwortungsträger aber kann er das so nicht sagen.

Haltlose Hoffnungen 

Es gilt, Hoffnungen zu nähren und seien sie auch vollkommen haltlos. Der "Aktionsplan Fusionskraftwerk" gleicht in seiner Beschwörung eines Wunders verblüffend all den anderen verrückten Visionen, mit denen die Politik aller paar Monate neue Mohrrüben auslegt, um die Menschen an der Nase herumzuführen. 

Sollte es anfangs die Solarenergieindustrie sein, die mit Milliarden gepäppelt und gestopft ein klimaneutrales Wirtschaftswunder vollbringen würde, folgte später die Biospritbranche, deren stinkende Meiler am Dorfrand nach nachhaltiger Zukunft schnupperten. Windmühlen und Balkonkraftwerke, Elektroautos und Wärmepumpen - immer verband sich mit den Technologien von morgen das Versprechen, sie würden schon heute nicht so viel kosten wie sie nützen würden.

Ausgefallene Wirtschaftswunder 

Es war immer falsch. Schon weil Kosten gleich anfallen, der Nutzen sich aber selbst im besten Fall über Jahre verteilt, mussten die vielen Wirtschaftswunder ausfallen. Widersprochen worden ist Karsten Wildberger dennoch nicht. Die krude These des 56-Jährigen, ausgerechnet in einem Land, das für die Sanierung eines Museum 14 Jahre veranschlagt und für den Bau von 155 Kilometern Autobahn ein halbes Jahrhundert, werde eine heute noch nicht existierende Technologie binnen von nur zehn Jahren umgesetzen, ging problemlos durch. 

Dabei ist vollkommen klar: Gäbe es die technische Lösung morgen und einen Bauplan für den ersten Fusionsreaktor nächste Woche, würden allein die Planung, die Genehmigung, die archäologische Untersuchung der Baustelle, der Austausch des Mutterbodens und die Umsiedlung von Hamstern, Feldlerchen und geschütztem Trockenrasen ein Jahrzehnt in Anspruch nehmen.

Pleiten als Qualitätsnachweis 

Jeder weiß das. Niemand sagt es. Im Zeitalter der postfaktischen Behauptungen in der Politik kann Annalena Baerbock Grönland zum EU-Gebiet erklären, der Bundeskanzler die Reste der Bundeswehr ohne Wehrpflicht zur mächtigsten Armee Deutschlands ausbauen wollen und die EU-Kommissionspräsidentin die endlose Abfolge ihrer Pleiten, Pannen und Falschbehauptungen als Beweis ihrer hervorragenden Arbeit vorzeigen. 

Es ist egal. Es kommt nicht mehr darauf an. Jeden Tag verliebt sich ein "Spiegel"-Journalist in eine Propaganda-Platzpatrone aus Berlin. Bei einem "der kühnsten Energieprojekte Europas" werden "die Vorbereitungen für den späteren Bau des ersten kommerziell nutzbaren Fusionsreaktors Stellaris" gefeiert wie ein Kindergeburtstag.

Das große Ding solle "weitgehend identisch zum kleinen Demonstrator Alpha sein und ermöglichen, mittels Magnetfusions-Technologie nutzbare Energie zu erzeugen", heißt es, als bedeute das etwas. Dass "Alpha2 gar nicht funktioniert, ist nebensächlich. Der Hinweis, dass bisher noch immer mehr Energie in den Fusionsprozess hineingesteckt werden muss, als am Ende herauskommt, erschwindet ganz hinten im Kleingedruckten. 

Die Verschiebung ist eingespreist 

Besser ist es. Wer an Wunder glaubt, darf nicht nach Fakten fragen. Sollte die Fusion 2036 nicht liefern, wird Wildbergers Nachfolger einfach auf 2046 verweisen. Das Energie-Dilemma, in den Leitmedien gern als "hohe Energiepreise" umschrieben, wird die Deindustrialisierung bis dahin deutlich vorangetrieben haben. Der Bedarf wächst dem Angebot entgegen.

Auch die erhofften KI-Rechenzentren, die die EU "Giga" nennt, obwohl sie verglichen mit ihren US-Wettbewerbern nur die Kapazität von Taschenrechnern haben, werden dort gebaut worden sein, wo es gleich billigen Strom gibt und nicht erst, wenn der "Aktionsplan Fusion 2040" umgesetzt ist.

Wildbergers wilde These, schon in zehn Jahren werde die Kernfusion "in Größenordnungen" Strom liefern, "klimaneutral, sicher und unerschöpflich", ist von einer so ausgesuchten Absurdität, dass nur der Hinweis auf das sogenannte Fusionsgesetz das Fenster zur Wirklichkeit wieder öffnen kann. Diese Regel besagt, dass das erste Fusionskraftwerk immer genau 30 Jahre entfernt in der Zukunft angefahren werden wird. Ganz egal, in welchem Jahr man sich gerade befindet. 

2 Kommentare:

  1. Ach wir haben einen Wissenschaftsminister, und ach, der heißt Wildberger. Man lernt jeden Tag was neues.

    Das wäre natürlich keine kalte Fusion, sondern heiße, aber geht so oder so nicht.

    AntwortenLöschen
  2. Könnte eine Finte sein, um "Meckerer und Miesmacher" aus der Deckung zu locken. Registrieren, bei Bedarf eliminieren. Aber da traue ich denen wohl zuviel an Intelligenz zu.

    AntwortenLöschen

Richtlinien für Lesermeinungen: Werte Nutzer, bitte beachten Sie bei ihren Einträgen stets die Maasregeln und die hier geltende Anettekette. Alle anderen Einträge werden nach den Vorgaben der aktuellen Meinungsfreiheitsschutzgesetze entschädigungslos gelöscht. Danke.