Mittwoch, 30. September 2026

Der Ampel-Indikator: Am Ende der Geduld

Mit Hilfe des sogenannten Ampel-Indikators können Wissenschaftler die Länge des Geduldsfadens in verschiedenen Ländern messen und vergleichen.

Sie stehen am Straßenrand, die Augen starr auf ihr Handy gerichtet. Sie scharren mit den Füßen, zumeist aber unbewegt, allein im Geiste. Gegenüber steht der Feind, eine Lichtsignalanlage, die stur Rot zeigt. Weit und breit ist kein Auto zu sehen. Objektiv betrachtet gibt es für niemanden, der auf beiden Seiten der Straße wartet, einen Grund, nicht den ersten Schritt zu machen und seinen Weg fortzusetzen. Doch die Menschen stehen. Sie warten, Sie folgen einer tief eingeprägten Erziehungsmuster, dass sie moralische Schuld fühlen lässt, wenn sie den Farbsignalen der automatisch schaltenden Lampen nicht folgen.

Im Ampelatorium 

Ampeln sind ein zivilisatorische Errungenschaft der westlichen Gesellschaften, die nicht nur informiert, sondern auch kanalisiert. Doch Frauke Hahnwech beobachtet in dieser Erscheinung eine Ausprägung des sogenannten Ampelphänomens. Mit dessen Hilfe misst die Wissenschaft die Duldsamkeit einzelner Staatsbevölkerungen. Herangezogen werden dazu Zahlen zum Verhalten von Menschen an Ampelkreuzungen ohne Straßenverkehr. "Hier liegt Deutschland mit einem Anteil von 20 Prozent der Fußgänger, die an einer roten Ampel auch nach zwei Minuten noch geduldig auf dem Bürgersteig ausharren, weltweit weit vorn", sagt die Expertin.

In der verkehrspsychologischen und verkehrswissenschaftlichen Forschung wird das Verhalten von Fußgängerinnen und Fußgängern an Ampeln intensiv untersucht. Gerade der Umstand, dass das global als "Jaywalking" bekannte Phänomen es erlaubt, das Maß der Regeltreue und die  Regelverstoßbereitschaft in freier Wildbahn zu beobachten, reizt Forscherinnen und Forscher. Werte sogenannte Regelcompliance lassen sich erfahrungsgemäß auf andere gesellschaftliche Bereiche übertragen: Wer an der Ampel schnell die Geduld verliert, so glauben Wissenschaftler, hat auch im Leben jenseits des Straßenverkehrs keine lange Zündschnur.

Enttäuscht von allem 

Die Daten sprechen eine deutliche Sprache. Nach anderthalb Jahrzehnten voller Finanzkrise, Überforderung durch den "Zustrom" (Angela Merkel), die Pandemie und die beständig wachsenden Erfolge der EU haben Millionen die Lust verloren, auf ein zweites Zeitalter voller Rettungspakete zu warten. Seit mit der Corona-Pandemie erstmals eine Bedrohung aufschimmerte, die zeigte, wie nah am Abgrund die moderne Gesellschaft gebaut ist und wie schnell Staaten bereit sind, ganze Bevölkerungsgruppen als "Störer" und "Schwurbler" auszusortieren, schlurft auch das deutsche Gemeinwesen über dünnes Eis. 

Spätestens nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine und der Ausrufung der "Kriegstüchtigkeit" als neuem Gesellschaftsziel herrscht Skepsis allerorten, ob "die da oben" noch wissen, was sie tun. Schon ein kleiner Schritt führt in einer solchen Situation direkt an die Kante und darüber hinaus: Gehorsame Bürger werden zu Rotlichttrampler. Besonnene Bürgerinnen schrecken nicht davor zurück, eindeutige Lichtsignale zu ignorieren.

Im psychischen Ausnahmezustand

Die aus dem sächsischen Bitterfeld stammende Gebärdendolmetscherin Frauke Hahnwech beobachtet die gesellschaftlichen Erosionsprozesse bereits seit Jahren. Sie führt Protokoll darüber, wie die Zuversicht schwindet und ganze Familienverbände die Hoffnung aufgeben, ihre Kinder und Enkel könnten es einmal besser haben. 

Hahnwech, die in Lyon und Klagenfurt Körpersprache studiert hat und für die EU seit langem politische Grundsatzreden aus dem Propagandistischen ins Deutsche übersetzt, sieht die deutsche Gesellschaft mittlerweile in einem psychischen Ausnahmezustand, befeuert durch sich selbst verstärkende Echo-Effekte aus den Medien. "Angst ist für Medien wie Blut für Raubtiere", sagt die Pathopsychologin. Durch das Übermaß an verbreiteter Untergangsszenarien in den vergangenen Jahren sei ein Abstumpfungseffekt eingetreten. "Menschen riechen die Lüge und glauben dann nichts mehr."

Wenn nichts mehr heilig ist


In diesem Klima hält die gefragte Gesichtausdrucktrainerin das wenig bekannte, aber hoch aussagekräftiges Alltagsphänomen der Gefolgschaftstreue an Ampelkreuzungen für einen idealen Indikator, die nachlassende Bindungskraft der demokratisch regierten Regelgesellschaft zu messen. "Wir betrachten damit im Grunde die Duldsamkeit einzelner Staatsbevölkerungen", sagt sie.

Herangezogen werden ausschließlich Zahlen zum Verhalten von Menschen an Ampelkreuzungen, an denen wenig bis gar kein Straßenverkehr herrscht. "Nur hier können wir wirklich sehen, wie sich Menschen mit einer Situation umgehen, in der ihnen ein unnatürliches, irrationales und unlogisches Verhalten abverlangt wird." 

Ehemals lag Deutschland weit vorn 

Keine Überraschung sei es in den 50er Jahren gewesen, als Deutschland bei den ersten internationalen Vergleichsstudien überaus gut abschnitt. "Hier lag Deutschland damals mit einem Anteil von 20 Prozent der Fußgänger, die an einer roten Ampel auch nach einer Minute noch geduldig auf dem Bürgersteig ausharren, weltweit weit vorn", erläutert die Expertin. Nur Taiwan erreichte mit 57 Prozent einen höheren Wert. In Frankreich lag der entsprechende Anteil bei lediglich acht Prozent.

Seitdem aber sei etwas "ins Rutschen gekommen". Aktuelle wissenschaftliche Langzeitstudie zur gesellschaftlichen Akzeptanz von Ampeln zeigen eine sich beschleunigende Erosion über die letzten 50 Jahre. Hahnwech hält das für eine grundstürzende Veränderung. 70 Prozent der an Ampeln wartenden Bürgerinnen und Bürger in Deutschland zögerten heute nur noch knapp weniger als anderthalb Minuten, ehe sie bei fehlendem Autoverkehr entgegen der staatlichen Vorgabe eine abweichende Entscheidung treffen und loslaufen. 

Selbstbewusste Rotgänger 

Drei Viertel dieser Rotgänger argumentieren sogar, dass es aus ihrer Sicht keine Gefahr gebe und sie sich deshalb im Recht wähnten, schon nach weniger als 30 Sekunden in Bewegung zu setzen. Als Begründung diene den meisten die eigene Lebenserfahrung: "Von ihrer Warte aus betrachtet handelt es sich um eine sichere, überschaubare Situation ohne offensichtliche Gefährdung", schildert Frauke Hahnwech. Von den Forschenden auf ihre Beweggründe angesprochen, argumentierten sie mit selbst durchgeführten Versuche oft über Jahrzehnte hinweg. "Die schaffen in den Menschen das verfestigte Wissen, dass ihnen nichts passieren kann.

Die verkehrspsychologische und verkehrswissenschaftliche Forschung bestätigt die Beobachtung. Eine der bekanntesten kulturvergleichenden Studien, veröffentlicht im Fachjournal "Royal Society Open Science", beobachtete Fußgänger in Straßburg und Nagoya. In Japan überquerten nur etwa zwei Prozent der Menschen die Straße bei Rot, in Frankreich knapp 42 Prozent. Waren keine anderen Personen anwesend, stieg die Missachtungsrate in Frankreich auf 67 Prozent, in Japan lediglich auf sieben Prozent. Die Angst vor sozialer Missbilligung wog oft schwerer als die Verkehrsregel selbst, auch in Deutschland.

Der Lack ist ab 

Doch diese dünne zivilisatorische Lackschicht ist abgeblättert. "Viele  Menschen fühlen sich zur Selbstermächtigung berechtigt", fasst Hahnwech zusammen. Das Ende der Geduld ist mittlerweile für viele schon nach wenigen Augenblicken erreicht. Neuere Untersuchungen, die am Climate Watch Institut (CWI) im sächsischen Grimma vorgenommen wurden, zeigen eine klare Schmerzgrenze: Die meisten Fußgänger sind bereit, 20 bis 30 Sekunden zu warten. Dauert die Rotphase länger und ist kein Fahrzeug in Sicht, bricht die Compliance massiv ein. "Der Staat schafft es nicht mehr, mit seinen Regeln zu überzeugen", sagt Studienleiter Herbert Haase vom CWI.  

Studien aus China, Südkorea und Australien belegen, dass auch dort die Missachtungsraten ansteigen, sobald die visuelle Information "freie Straße" vorliegt. Doch Zündschnur brennt dort in der Regel immer noch über eine Minute bei Anwesenheit anderer. Wirkt der Social Proof, also die Gegenwart anderer Wartender, als Korrektiv, erhöht das die Regeltreue erheblich. Bis zu vier Minuten hätten Probanten gestanden, den Blick starr auf ihr Handy gerichtet.

Hemmschwelle Null 

"Steht man allein, sinkt die Hemmschwelle gegen Null", so sehe das in Deutschland aus,  sagt Herbert Haase. Staatliche Vorgaben würden nur noch befolgt, wo anderenfalls Strafe oder die gesellschaftliche Ächtung drohe. Hahnwech liest aus diesen Zahlen mehr als bloße Ungeduld. Das Ampelphänomen sei der Kanarienvogel im Kohlenbergwerk einer Gesellschaft, deren Zündschnur immer kürzer werde. 

"Menschen, die sich an einer zu kurzen Leine geführt fühlen, nutzen die Augenblicke an Ampeln zu unbeobachteten und überwiegend straffreien Freiheitsausübungen", analysiert sie. Der Staat, der in Steuern, Abgaben, EU-Vorgaben und wechselnden bundespolitischen Eingriffen in Meinungsfreiheit und Eigenverantwortung immer stärker als Über-Solidarisierer erlebt werde, verliere an den roten Ampeln seine symbolische Autorität. Die Bürger entzögen ihm dort, wo es risikolos und meist folgenlos bleibe, sofort den Gehorsam.

Auch in Gegenwart von Kindern 

Mir schweren Folgen für künftige Generationen. Besonders auffällig sei der Rückzug einer lange selbstverständlichen zivilisatorischen Angewohnheit: "Aber nicht bei Rot, wenn Kinder in der Nähe sind." Diese Selbstbeschränkung, einst Ausdruck eines kollektiven Verantwortungsgefühls, erodiere. Wer sich ohnehin vom Staat bevormundet und zugleich im Stich gelassen fühle, der sehe auch in der Rücksichtnahme auf Schwächere zunehmend eine Zumutung, die er nicht mehr bereitwillig erbringe. 

Die von oben verordnete Über-Solidarität erzeuge unten zunehmende Entsolidarisierung. Die Langzeitschäden sind absehbar. "Wo die Älteren sich heute an Ampeln weigern, Jüngeren mit ihrem Beispiel das richtige Verhalten zu lehren, fehlen die gesellschaftlichen Vorbilder, die zeigen, wie man korrekt funktioniert."

Der Staat steuert gegen

Die Zahlen zur Entwicklung der Zahl der Lichtsignalanlagen untermauern den Befund indirekt. Seit am 20. Oktober 1924 am Potsdamer Platz in Berlin die erste Ampel eingeweiht wurde, ist die zahl der automatischen Verhaltensanweiser auf bis zu 50.000 gestiegen. Die Akzeptanz ist dabei jedoch hoch differenziert: Autofahrer missachten Rotlicht nur in etwa 1,6 Prozent der Fälle, Fußgänger und Radfahrer in rund acht bis 8,5 Prozent, E-Scooter-Fahrer in über 14 Prozent. Das aber sind offizielle Zahlen. Bei völlig freier Sicht und fehlender sozialer Kontrolle verschieben sich die Werte dramatisch – und der Ampel-Indikator erweist sich als unbestechliches Stimmungsbarometer.

Für die Expertin ist das Ampel-Phänomen kein Verkehrsproblem. Es zeigt eine Gesellschaft, die sich zunehmend entsolidarisiert und individualisiert. Hohe Abgaben, staatliche Gängelung, eingeschränkte individuelle Freiheiten und das Gefühl, dass der Staat einerseits alles regeln wolle und andererseits nichts mehr im Griff habe, erzeugten eine latente Wut, die sich an den unscheinbarsten Orten entlade. "Die rote Ampel wird zum Schauplatz eines stillen Aufstands", sagt Frauke Hahnwech, "hier kann man ohne großes Risiko einmal über sich selbst entscheiden".

Der letzte Rest Freiheit

Hahnwech warnt vor einer Fehlinterpretation. Wer das Phänomen lediglich als Zeichen schwindender Disziplin deute, übersehe die tiefere Ursache. "Die Menschen warten nicht mehr, weil sie dem Staat nicht mehr glauben, dass er es besser weiß." Mit der einst so bereitwillig gezeigten Geduld an der Ampel sei der letzte sichtbare Rest eines Vertrauensvertrags zwischen Bürger und Staat still und leise gekündigt worden. Die wenigen Sekunden an einer roten Ampel, bei völliger Übersicht und Null Verkehr, würden alles empfunden, was in einer durchregulierten Welt noch an Autonomie geblieben ist. "Eine straffreie Insel der Eigenmächtigkeit."

4 Kommentare:

  1. Bitterfeld ist immer noch sachsen-anhaltinisch. Auch wenn das die Bitterfelder vielleicht anders hätten.

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  2. Der Legende nach könnte Berlin das Haushaltsloch stopfen wenn man einen Tag lang Rotgänger abkassierte.

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  3. War mal mit der Klicke vor Jahren für zwei Wochen im Elsaß. In Straßburg, in Straßburg, der wunderschönen Stadt, standen wir an einer relativ schmalen Straße an der Ampel bei Rot herum (wir sind im Urlaub und nicht auf der Flucht) - die Eingeborenen haben uns mit sehr seltsamen Blicken beäugt, da schämten wir uns dann doch ein wenig ... also ich habe seither nimmer so getan. Die Luft muss
    natürlich rein sein.
    (Das Gegenstück sind die Hirnis, die es zu Fuß oder zu Fahrrad noch wissen wollen, obwohl die Rechtsabbieger schon angerollt sind - da wäre ich für Züchtigung mit dem Rattanstock.)

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  4. "Fazit oder die fehlende Strategie"
    Helmut Mueller ist, noch sehr höflich ausgedrückt, einfältig. Genau DAS ist die Strategie.
    Es läuft ...

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