Montag, 5. Oktober 2026

Einheitsparty als Pflichtübung: Unter sich

Eine rein westdeutsche Runde, die den Zustand der inneren Einheit symbolisch zeigt: In Bremen feierte Deutschland den 36. Jahrestag seiner wiedergewonnenen Gemeinsamkeit als traurige Partysimulation.

Scharfschützen auf den Dächern. Polizeiabsperrungen auf dem Platz vor der Bremer "Glocke". Ein roter Teppich, den die amtliche "Tagesschau" in ihrer offiziellen Bilderstrecke zum 36. Tag der Deutschen Einheit vorzeigt, als gehöre er zu den größten Errungenschaften von dreieinhalb Jahrzehnten wiedergewonnener deutsch- deutscher Gemeinsamkeit. Flankiert wird dieses bisher wohl traurigste Einheitsfest mit den üblichen schmucken Schablonen: Politiker-Besucher in Bremen, Männer in Anzügen, die einander freundlich zuschmunzeln. Frauen daneben, die Kostüme in zarten Farben tragen. 

Simulierte Bewegtheit 

Sie standen vor Foyers. Sie saßen in Kirchen. Sie gaben vor, andächtig zu lauschen, als der Bundespräsident ein weiteres Mal Anlauf nahm, wenigstens einmal im Leben eine historische Rede zu halten. Sie simulierten emotionale Bewegtheit und lieferten den angereisten Berichterstattern damit die gewünschte Vorlage, das Volk darüber informieren zu können, dass die Spitzen von Staat und Gesellschaft der neuerlichen Warnung des früheren SPD-Kanzlerkandidaten "vor Extremismus" mit großer Dankbarkeit angehört hätten. 

Wie jedes Mal forderten die Kirchen mehr Zusammenhalt. Wie üblich waren die Überreste der Klimabewegung unter Anleitung staatlich finanzierter NGOs unterwegs, um die nachrichtenarme Zeit für ihre eigenen Zwecke zu nutzen. "Es brennt" behaupteten "bundesweite Menschenketten". Stimmung statt Bedenken dagegen in Bremen. Jan Meier-Wendte , der für die "Tagesschau" aus Deutschlands Partyhauptstadt Bremen berichtete, klang geradezu euphorisch, als er auf die Frage, ob die Menschen in der Hansestadt denn "in Feierlaune" seien, eingestand, das könne man "durchaus so sagen".

Einheitsparty mit strikter Trennung: Während die "Spitzen des Staates" im engsten Kreis feierten, blieb dem Volk hinter Polizeiabsperrungen die Rolle als "Tagesschau"-Kulisse.


Gähnende Leere vor der "Glocke" 

Der nächste Kameraschwenk schon strafte den eifrigen Lokalreporter von Radio Bremen Lügen. Hinter Meier-Wendte  gähnende Leere auf dem streng abgeschirmten Platz vor der "Glocke". Eine Polizeikette hielt die wenigen Schaulustigen auf hundert Meter Abstand zu den "Spitzen des Staates und weiteren geladenen Gästen" (Tagesschau), die den gewohnten Marathon aus ökumenischem Gottesdienst, andachtsvollen Reden und Dankesworten und klassischem Gegeige routiniert über sich ergehen ließ. 

Der offizielle Festakt im Konzerthaus "Die Glocke", zu dem alle gekommen waren, die bei solchen Anlässen gesehen werden müssen, fand hinter verschlossenen Türen statt. Die Schauspielerin Katja Riemann moderierte. Kirchenvertreter riefen zum Zusammenhalt auf. Spalter warnten vor einer Spaltung der Gesellschaft. So-yeon Schröder-Kim und ihr Ehemann Gerhard Schröder (SPD), nahmen als Vertreter Russlands teil. Tino Chrupalla, AfD-Bundes- und Fraktionsvorsitzender, war auch gekommen. 

"Das Einende wird betont", beschrieb Reporter Jan Meier zusammenfassend. Beim "Bürgerfest in der Bremer Innenstadt" konnten Tanzbegeisterte die "Schwuhplattler" (Radio Bremen) bewundern oder selbst bei der Tanzaktion "Wir. Zusammen. – Deutschland tanzt" mitmachen. Als Motto hatte sich Bremen für "Viele Stärken - ein Land" entschieden.  Ein Nachbau der technisch bereits drei Jahre nach ihrem Erststarts überholten "Ariane"-Rakete diente als stylische Kulisse für die Simulation eines rauschenden Festes. 

"Politikergrößen hautnah" 

Am Weser-Stadion konnte, wer wollte, "Politikergrößen" (Radio Bremen) hautnah erleben. Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD, 1,80 Meter), sprach über Deutschlands Sicherheit in unsicheren Zeiten. Bundesdigitalminister Karsten Wildberger (CDU, 1,78 Meter) über die Modernisierung des Staates. Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD, 1,96 Meter) über "Investitionen" und Bundesjustizministerin Stefanie Hubig (SPD, 1,72 Meter) über Rechte im Alltag.

Selbst der Kanzler, unbeliebt wie keiner seiner Vorgänger, hatte ankündigen lassen, dass er sich "volksnah" zeigen werde. Als es so weit war und Merz eine "kleine Führung auf dem Marktplatz" bekam, waren Passanten bass erstaunt, dem menschgewordenen Partygift in freier Wildbahn zu begegnen. Aufgeregt angesichts des unerhörten Vorgangs eines Regierungschefs, der wie seine Amtsvorgänger einen minutenlangen "Spaziergang auf dem Bremer Marktplatz" (DPA) unternahm, sagte ein Mann, der eine Frau im Rollstuhl schob, verdutzt: "Und da ist unser Bundeskanzler!" 

Die Westdeutschen unter sich 

Der CDU-Chef wurde - warum auch immer - "von zahlreichen Sicherheitskräften begleitet". Dennoch aber "konnten interessierte Menschen relativ nah an ihn heran", ehe sich die Runde der Auserwählten für ein Gruppenfoto auf dem Marktplatz versammelte. Neben Merz nahmen auch Julia Klöckner (CDU), deren Lebenspartner Jörg Pilawa, Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU), Baden-Württembergs Ministerpräsident Cem Özdemir (Grüne) und Schleswig-Holsteins Regierungschef Daniel Günther (CDU) für das zentrale Zeichen des gemeinsamen Treffens Aufstellung. 

Es wurde dann auch ein wahrhaft symbolisches Bild. Selbstbewusst präsentierte sich ein weiteres Mal eine rein westdeutsche Runde. Ostdeutsche waren beim gemeinsamen Abfeiern der "Besiegelung der Deutschen Einheit am 3. Oktober 1990" durch "mutige Menschen, die sich gegen die SED-Diktatur aufgelehnt" hatten, wie Walter Steinmeier das Ende der DDR knapp zusammenklitterte, nicht zugegen. Bremens Bürgermeister Andreas Bovenschulte erläuterte seinen durchweg bundesdeutsch sozialisierten Gästen dennoch gern die "Geschichte der Bremer Roland-Statue", die ein "Symbol für die Freiheiten und Rechte der Stadt" sei, wie Radio Bremen behauptete. 

Hauptsache Zeichen 

Historisch steht der "Roland" für Marktrecht, städtische Gerichtsbarkeit und die Unabhängigkeit gegenüber den Ansprüchen des ehemals erzbischöflichen Stadtherrn, Dinge also, die schon seit Jahrhunderten obsolet geworden sind. Doch wen kümmert das, wenn händeringend nach einer anlassbedingten Anschlussfähigkeit eines Austragungsortes gesucht werden muss, der mit der Deutschen Einheit etwa so viel zu tun hatte wie Barcelona, Buenos Aires oder Belgrad? 

In Bremen wurde geheuchelt und gesungen, bis niemand mehr wusste, warum eigentlich. Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU) und die Initiative "Deutschland singt und klingt" luden für den Einheitsnachmittag zum Tanz ein. Am Abend dann folgte der Höhepunkt: Ein kostenloses Konzert der Fantastischen Vier auf dem Domshof, an dem teilnehmen durfte, wer das Pech hatte, ein Ticket gewonnen zu haben. Mit der Verlosung stellten die Einheitsveranstalter sicher, "dass nicht zu viele Menschen auf den Domshof kommen".  

Trauriger als in Saarbrücken 

Trauriger waren selbst die letzten Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit in Saarbrücken nicht ausgefallen, die schon trist gewesen waren wie ein regnerischer Februarvormittag in Vorpommern. In der Hansestadt half nichts mehr einem besseren Eindruck auf die Beine. Ausschnitte von den Besuchern des Bürgerfests, geschickt per Teleobjektiv angereichert, Bilder aus der Bremer Innenstadt und die Formulierung der Reporter, die Stimmung in der Stadt sei "gelöst" - alles erzählte nur von der erstarrten Routine einer bloßen Pflichtübung. 

Walter Steinmeier hat beim zentralen Festakt zum Tag der Deutschen Einheit wie immer vor einer zunehmenden Bedrohung der Demokratie durch Extremismus gewarnt. "Die unerträgliche politische Demagogie extremistischer Kräfte, die eine Lust an der Zerstörung ausleben und andere Menschen verhöhnen und bedrohen, gefährdet heute nicht nur Freiheit und Demokratie. Sie gefährdet unsere Einheit", sagte der frühere Kanzleramtsminister, in dessen Amtszeit die Verschleppung deutscher Staatsangehöriger durch US-Stellen fiel. Das Bundesverfassungsgericht bescheinigte Steinmeier später,  "zum Teil verfassungswidrig" gehandelt zu haben, als er versuchte, Unterlagen darüber geheim zu halten.

Tadelloser Ruf 

Dem Ruf des Sozialdemokraten hat das nicht geschadet. Neun Jahre später gilt Steinmeier als einer, der dem Missbrauch demokratischer Freiheitsrechte scharf widerspricht, "Vulgärdemokraten" anprangert und den Niedergang der eigenen Partei sehr gut erklärt, wenn er versichert, die "politischen Ränder" (Steinmeier) seien schuld daran. Sein rednerisches Schaffen fasste die "Tagesschau" schon vor einem Jahr gut in dem Satz zusammen, Steinmeier habe "vor der größten Bedrohung der deutschen Demokratie seit der Wiedervereinigung" gewarnt. Es sei, hieß es damals, an der Zeit "sich einzumischen und für die Freiheit einzustehen".

Jeder ist gefragt. Aber nicht alle. Ostdeutsche etwa hatten diesmal beim großen Einheitsfest nichts verloren. Deutlich überwog unter den prominenten Ehrengästen die Zahl der Vertreter von Parteien, die  wie SPD und Grüne vor 37 Jahren entschieden gegen ein Beitritt der DDR zur Bundesrepublik gekämpft hatten. Politiker wie Joschka Fischer und Oskar Lafontaine fochten 1990 für die Position, die Ostdeutschen sollten mal schön allein weiterbüßen für die deutsche Schuld am Zweiten Weltkrieg und den Massenmord der Nazis. Alles andere werde viel zu teuer.

Feinde der Einheit auf dem Familienfoto 

Auf dem Familienfoto zur Fete fehlen Ostdeutsche, dafür stehen da Andreas Bovenschulte, 1990 Mitglied im Sozialistischen Hochschulbund, der die "kapitalistische Einverleibung" der DDR ablehnte, weil sie den "Verlust sozialistischer Errungenschaften" bedeute. Auch Cem Özdemir ist da, 1990 im Grünen-Landesvorstand von Baden-Württemberg, der entschieden auf die "enormen finanziellen Risiken" der Wiedervereinigung hinwies. Besser sei es, die DDR zu erhalten, um die "ungesteuerten Kosten des Einigungsprozesses nicht auf Mieten, Wohnungsbau und Sozialsysteme im Westen durchschlagen zu lassen.

Stolz stehen die Herren nun dennoch vor der Kamera,  als hätten sie das alles bewirkt. Die ostdeutschen Ministerpräsidenten dagegen fehlen. Weder die in Mecklenburg-Vorpommer mit dem zweiten Platz bei den Landtagswahlen siegreiche Manuela Schwesig noch deren in wackligen Koalitionen oder geschäftsführend regierende CDU-Kollegen aus Thüringen, Sachsen, Brandenburg und Sachsen-Anhalt  sind anwesend.

Feier ohne Fahnen 

Sie werden auch nicht gebraucht bei der großen Sause, bei der die aus Ostberlin stammende Sängerin Mieze Katze neben Tino Chrupalla einsamer ostdeutscher Exot ist. Die handverlesenen Ehrengäste aus  Schwaben, dem Saarland, Schleswig-Holstein und Rheinland-Pfalz bleiben unter sich, unbehelligt von der Wirklichkeit gehen sie ihren Feierpflichten nach, ungestört auch von Deutschlandfahnen. Auf den Bildern der Staatsparty an der Weser ist nur eine einzige zusehen, mittig gehisst am historischen Bremer Rathaus und flankiert von der EU-Flagge und dem Bremer Stadtfähnchen. 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Richtlinien für Lesermeinungen: Werte Nutzer, bitte beachten Sie bei ihren Einträgen stets die Maasregeln und die hier geltende Anettekette. Alle anderen Einträge werden nach den Vorgaben der aktuellen Meinungsfreiheitsschutzgesetze entschädigungslos gelöscht. Danke.