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| Ein gefälschtes Schmähbildchen soll Zweifel an der EZB-Führung wecken. |
Da stand sie auf einmal, grell beleuchtet, der Blick entsetzt wie eine Kuh beim Donnern. Christine Lagarde wirkte wie gegen ihren Willen sins Licht gezerrt auf ihrem Abschiedsvideo. War die Chefin der Europäischen Zentralbank gegen ihren Willen vor die Kamera geschoben worden? Ist sie ein Opfer der Erpressung durch eine fremde Macht?, fragten sich Beobachter. Hat ihr klarer, aber seit Jahren erfolgloser Kurs auf die Etablierung des Euro als weltweite Leitwährung vielleicht gar innere Feinde auf den Plan gerufen, die sie genötigt haben, die Sachen zu packen?
Ein einzigartiger Abgang
Betrachter sahen jedenfalls eine bizarre Szene. Eine Frau, dreimal auf Platz zwei in der Liste der mächtigsten Frauen der Welt gewählt, präsentierte sich mit zwei großen Pflastern im Gesicht. Hinter ihr das Gemälde einer Weltraumszene und eine Holzkommode. Ein Mikrofon an die Bluse geclipst. Gepudert, aber kaum überschminkt. Ein Abgang mit einem in der Geschichte der EZB einzigartigen Auftritt. Denn der Text, den sie aufsagte, war noch schräger: Lagarde erklärte sie, sie glaube, gute Arbeit geleistet zu haben.
An ihren Leistungen kann es also nicht gelegen haben. Die 70-Jährige frühere französische Wirtschafts-, Finanz-, Landwirtschafts-, Fischerei- und Außenhandelsministerin hat in den sieben Jahren, die sie der EZB vorstand, durchweg eine schrecklichere Bilanz vorzuweisen gehabt als alle ihre Vorgänger. Nicht ein einziges Mal gelang es ihr, das offiziell ausgerufene Inflationsziel von zwei Prozent zu erreichen.
Immer wieder schoss ihr die Geldentwertung über oder sie wollte sich nicht ausreichend einstellen. Lagarde tat stets das Richtige zur falschen Zeit und das Falsche zur rechten. Sie kam zu spät mit Zinssenkungen oder aber zu früh. Sie errang sich damit den Ruf, noch mehr als jeder ihrer Vorgänger versagt zu haben.
Fachkenntnisse sind ein Hinderungsgrund
Doch als der Franzose Emmanuel Macron und die deutsche Kanzlerin Angela Merkel 2019 beschlossen, Christine Lagarde in Frankfurt am Main zu platzieren, konnte das niemand ahnen. Die Geschäfte liefen noch wie auf Schienen. Alle Probleme ließen sich mit Geld lösen. Der Chefposten der Zentralbank konnte ruhig auch mit einer Kandidatin besetzt werden, die von Sozial- und Arbeitsrecht Ahnung hatte, nicht aber von Finanzökonomie. Die war im passenden Moment freigeworden. Angela Merkel hatte eine angeschlagene Verteidigungsministerin zu versorgen. Macron wünschte sich einen direkten Draht zu Europas Geldwächtern.
Quid pro quo. Der Franzose bekam Lagarde in Frankfurt. Merkel die EU-Präsidentenschaft für ihre Freundin Ursula von der Leyen. Auf Sachverstand in Gelddingen ließ sich verzichten. Die Zinsen lagen bei Null. Alle Vorwürfe, die EZB-Aufkaufprogramme für Staatsschulden, eingeleitet mit ein paar ausgebufften Tricks über die Grenzen des EZB-Mandats hinaus, würden Schaden anrichten, waren verstummt. Christine Lagarde, ein paar juristischen Schwierigkeiten in Frankreich einige Jahre beim Internationalen Währungsfonds in New York geparkt, war die Idealbesetzung als Frühstücksdirektorin einer Bank, deren Unabhängigkeit es ihr erlaubt, sämtliche Wünsche ihrer Anteilseigner freiwillig zu erfüllen.
Lagarde sprang immer ein
Fehlte Geld, warf die EZB die Druckmaschinen an. Wurde ein Mitgliedstaat seine Anleihen nicht los, sprang Lagarde mit einem voluminösen Aufkaufprogramm ein. Im Gedenken an ihren Vorgänger Mario Draghi galt "whatever it takes" als Grundlage aller Entscheidungen. Mit unübersehbaren Wirkungen: Über sieben Jahre verfiel die Kaufkraft des Euro in einem Tempo, das noch zehn Jahre zuvor unvorstellbar gewesen wäre. Aus durchschnittlich 1,1 Prozent im Jahr wurden 3,4. Aus Draghis kumulierter Gesamtleistung von acht Prozent machte Lagarde mehr als 25.
In enger Zusammenarbeit mit den Regierungen der Nationalstaaten und den angeschlossenen Sendeanstalten aber gelang es, den Wertverfall der Einheitswährung auf äußere Einflüsse zu schieben. Corona wurde abgelöst von Trump, Trump von Putins Ukrainekrieg, der von Trumps Zöllen und die von Trumps Irankrieg. Alle waren schuld, nur die Königin der europäischen Geldwertstabilität war es nie.
Sperrangelweit offene Geldschleusen
Um die Wirtschaft anzukurbeln, hielt die die Geldschleusen sperrangelweit offen. Doch zur Überraschung des Expertenkreises im EZB-Vorstand verschwand der Zunder, der einen selbsttragenden Aufschwung hatte entfachen sollen, mit unbekanntem Reiseziel. Europäisches Geld hatte aus den Erfahrungen des deutschen Dumb money früherer Jahre gelernt. Statt in Deutschland neue Maschinenfabriken zu bauen oder in Frankreich neue Charaktermanufakturen, floss es vorzugshalber in den amerikanischen Aktienmarkt, um dort die Kurse aufzublähen.
Überraschenderweise hielten das viele Anleger für verlockender, als in die Realwirtschaft in Europa zu investieren. Dort locken vier Prozent Rendite, wenn auch nur so lange, bis die EU-Kommission und die Regierungen der Mitgliedsstaaten es mit neuen Auflagen, Gesetzen und bürokratischen Pflichten langsam angehen lassen. In Übersee hingegen locken die KI-Hyperscaler mit zehn, 20 oder 200 Prozent.
Unabhängig von Ärmelschonerbeamten
Die Vorteile für jeden Kleinanleger liegen auf der Hand. Kein endloses Warten auf zehn Jahre Abschreibung und dabei abhängig zu sein von einer Armada an anonymen Ärmelschonerbeamten in Brüssel und deren Kollegen in Berlin und in den zahllosen untergeordneten Prüfungsinstanzen bei den Ländern, Landkreisen und Kommunen, verschwand die ganze Pracht wie Schnee bei 40 Grad. Weil viel nicht viel half, ließ Christine Lagarde die Gelddruckmaschine laufen, wie noch nie irgendwo in Euro-Europa Gelddruckmaschinen gelaufen waren. Ein endloser Strom an neuen Werten ergoss sich übers Land. Doch aus der Ökonomie im Euroraum schossen keine frischen Triebe.
Es war wie in Deutschland schon seit einem Jahrzehnt. Keine Innovationen. Keine Steigerung der Produktivität. Draghi, Lagardes Vorgänger, fasste es nach einer monatelangen Untersuchung zusammen: Zwischen der EU und den USA habe sich "eine große Lücke im Bruttoinlandsprodukt aufgetan". Mit der Folge, dass das "verfügbare Pro-Kopf-Einkommen in den USA seit 2000 fast doppelt so schnell gestiegen sei wie in der EU und die europäischen Haushalte den Preis in Form eines entgangenen Lebensstandards gezahlt" hätten.
Entschlossene Hilfen für die Staaten
Immerhin: Wo sie schon die Wirtschaft nicht anschob, inflationierte die EZB wenigstens die explosionsartig wachsenden Staatsschulden weg. Und das so schleichend, dass sich über die Medien immer noch erklären ließ, es gebe gar kein Problem. Jeder Ausbruch der Inflationsrate nach oben war ein kurzer Ausreißer. Jede Annäherung an das eigentliche Ziel von zwei Prozent zeigte, dass es in Kürze ganz bestimmt erreicht und dann für immer eingehalten werden würde.
Christine Lagarde ist das im Unterschied zu allen ihren Vorgängern nicht ein einziges Mal gelungen. 28 Mal gab sie Pressekonferenzen. 28 Mal bestätigte sie, dass man auf dem richtigen Weg. 2021 zischte die zwei kurz vorbei, 2025 noch einmal. Der richtige Weg führte nicht zum Ziel. Folglich wurde das Ziel geändert: Aus "unter zwei Prozent" wurde erst "unter, aber nahe zwei Prozent". Später dann 360-Grad-flexible "zwei Prozent, aber mit akzeptierten Abweichungen nach oben und unten". Zuletzt, bei Inflationsraten in der Nähe von vier Prozent, hob das EZB-Direktorium die Zinsen an. Lagarde gab ihrer Überzeugung Ausdruck, damit werde der Ölpreis nach unten gedrückt.
Abgang als letzter Liebesdienst
Dennoch hat der Abgang der schlechtesten EZB-Präsidentin aller Zeiten überhaupt nichts mit den bemitleidenswerten Leistungen der Tochter eines Literaturprofessors zu tun. Christine Lagarde ist vielmehr Opfer der Verhältnisse, unter denen sie einst installiert worden war. Der französische Präsident, der ihr vor sieben Jahren ins Amt verhalf, steht in wenigen Monaten vor der Abwahl. Seine Nachfolgerin könnte Marine Le Pen werden, eine Schreckensfigur, die Frauen und Männer fürchten, die sich als die wahren Europäer sehen.
In einem Jahr, wenn Lagardes Amtszeit regulär enden würde, dürfte die Rechtspopulistin mitreden bei der Nachfolgefrage. Schwierig. Zwar hatten die Mütter und Väter der europäischen Verträge bestimmt, dass die Regierungschefs der Euro-Staaten über die Besetzung des EZB-Chefpostens bestimmen. Gemeint haben können sie damit eigentlich nur die Regierungschefs, die zum Zeitpunkt bis regulären Endes einer achtjährigen Amtszeit demokratisch gewählt sind.
Die Methode Merz
Doch das moderne EU-Europa kann nicht auf Zufallsmehrheiten gebaut werden, die durch unabsehbare Wahlentscheidungen beeinflusst werden. Europas politische Klasse geht deshalb immer häufiger den Weg des geringsten Widerstands. Unter Angela Merkel wurden reihenweise Gesetze verabschiedet, die unangenehme Entscheidungen automatisierten oder Regeln schufen, die eine spätere, neuerlich unangenehme Beschäftigung damit unnötig machten.
Die Diäten von Parlamentariern steigen mit den Nominaleinkommen. Der Bundestag von 2009 untersagte es allen folgenden Volksvertretungen, mehr Schulden zu machen, als die Maastrichter Verträge erlauben. Er selbst genehmigte sich noch einmal einen kräftigen Schluck oberhalb des Eistrichs. Für ihn galten die Vorgaben ja nicht.
Kein Anflug von politischem Anstand
Es war der Geist jener von jedem Anflug von politischem Anstand abgekoppelten Jahre, der Friedrich Merz zum Sieger über sich selbst werden ließ. Kaum hatte sich der lebenslange Traum des Sauerländers erfüllt, ins Kanzleramt einzuziehen, musste der CDU-Vorsitzende feststellen, dass weder seine Ruckreden noch die leeren Staatskassen dafür sorgen werden, dass der von ihm vorhergesagte große Aufschwung ausbricht.
Wie seine parteiinterne Gegnerin Angela Merkel aber ist Merz ein Pragmatiker, der keine Grundsätze kennt, sondern nur Nützlichkeiten. Über die "Rücksichtnahme auf kommende Generationen" floskelt es sie billig. Angesichts der Notwendigkeiten muss sie jedoch in der Regel zugunsten der absehbaren Gegenwart auf später verschoben werden. Merz griff zu einer Methode, die sie sich Macron jetzt von ihm abschaut.
Am Ziel des Lebens
Kaum hatte sich der CDU-Vorsitzende im Klimawinter 2024/205 - nach offiziellen Daten des Deutschen Wetterdienstes (DWD) zu mild und zu warm - endlich den Lebenstraum erfüllt, Bundeskanzler zu werden, stieß er auf erschreckende Erkenntnisse. Deutschland war ruiniert. Ohne einen tiefen Griff in die leeren Kassen, um zumindest ein künstliches Strohfeuer aus Zuversicht zu entzünden, würde es nicht gehen. Merz brauchte Geld. Viel Geld. Mehr Geld sogar, als ihm der gerade er frischgewählte Bundestag geben würde.
Zum Glück aber verfügte der seinerzeit noch im Kostüm des knorrigen Konservativen auftretende neue Mann noch über den alten Bundestag. Durch die Indienstnahme der bereits abgewählten Abgeordneten zur Aufnahme verfassungs- und europarechtswidrig hoher Schulden kam er an Geld. Er hoffte, dass das Manöver schnell vergessen sein würde, sobald sich die ersten Erfolge seines gewagten Manövers zeigen.
Ein Stimmungsmacher
Als der Wirtschaftsexperte, für den er sich hält, sah Merz kein echtes Problem. Ein bisschen bessere Stimmung in einem Land, dem es schon länger an innovativen Industrien fehlt, glaubte der Ex-Blackrock-Manager, werde das Spiel drehen. Die gute alte Autoindustrie, der wunderbare Maschinenbau, der Rest der Chemie und was sonst noch übrig war, müssten nur ein wenig angeschoben werden. Und sofort wäre alles wie früher, als Deutschland noch Europas Wirtschaftslokomotive war, unaufhaltsam und Exportweltmeister.
Das Gute daran: Wenn die jungen Leute, heute 14, 24 oder 34, eines Tages bemerken, wie ihnen die Taschen geleert wurden, ehe sie überhaupt in der Lage waren, etwas hineinzustecken, wird Merz wie Merkel, Scholz und alle anderen Beteiligten verschwunden sein. Nicht nur von der Weltbühne, sondern überhaupt. Alles Klagen wird im leeren Raum verhallen. Die drei Kanzler, die in konkludentem Zusammenwirken die Zukunft eines einstmals erfolgreichen Industrielandes verspielt haben, werden tief in der Erde ruhen, mit hoher Wahrscheinlichkeit in Särgen, die bis zum Rand vollgepackt sein werden mit Ehrenzeichen, Großkreuzen und Ordensbändern.
Die Umstände ausblenden
Die Entscheidung um Lagardes Nachfolge wird hart umkämpft sein, aber schlussendlich auf einen guten Mann oder einer noch besseren Frau hinauslaufen. Der oder diejenige muss nicht viel tun. Es gilt, die maroden Haushalte ausgerechnet der größten Euroländer zu ignorieren, die Umstände auszublenden, die die Zinsen für französische Staatsanleihen sehr viel stärker steigen lassen, als die EZB erlaubt. Und der oder die Neue muss an das letzte Asset der EZB glauben: Dass Deutschland, das die Stabilitätskriterien fast beinahe mit Augen zu einhält, für alle die kippelnden Partnerstaaten geradesteht, wenn die Rechnung kommt.

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