Freitag, 26. Oktober 2012

Ein Herz für Heuchler

Was für eine Aufregung! Was für ein Skandal! Da hat doch der Sprecher einer süddeutschen Regionalpartei wirklich die Chuzpe gehabt, in der Zentrale eines bundesdeutschen GEZ-Konzerns anzurufen, um "die Berichterstattung zu beeinflussen". Unerhört! Unerträglich! Was ist nur in CSU-Sprecher Hans Michael Strepp gefahren? In wessen Auftrag handelte er? Wer steckt wirklich hinter seinem unmoralischen Ansinnen, das ZDF möge nicht vom Parteitag der bayrischen SPD berichten?

Wollte Strepp den Landtagswahlkampf in Bayern im kommenden Jahr schon vorab entscheiden? Gar die Bundestagswahl entscheidend beeinflussen? Immerhin soll die rechte Hand von CSU-Chef Seehofer ernste Drohungen ausgestoßen habe: Für den Fall, das ZDF sei ihm nicht zu Willen, könne es "Diskussionen" geben, kündigte er einem Gedächtnisprotokoll zufolge an.

Ein blutiger Amateur. Dem ZDF und ARD un der ganze Rest der Sendernation ebenso dankbar sein müssen wie sämtliche 400 Zeitungen. Denn Strepp bietet Gelegenheit für eine öffentliche Exorzismus, aufgeführt auf der ganz großen Bühne. Als sprächen Sprecher und Berichterstatter, Interviewer und Interviewte, Parteivorsitzende und Intendanten nicht beständig ab, was wann wie und wo berichtet wird, inszenieren sich die deutschen Leitmedien im Fall Hans Michael Strepp, als hätten sie davon nie gehört und könnten sich das auch im Leben nicht vorstellen. Wacker steht eine ganze Branche auf gegen einen Popanz, entschieden weisen mutige Reporter, Schnittassistenten und Intendanten den versuch zurück, per Anruf und - im Fall der ARD - in ihre Themenplanung einzugreifen.

Man muss ein Herz für Heuchler haben, um angesichts dieser Schmierenkomödie nicht in Lachen auszubrechen. "Strepps schwer erklärbarer Fauxpas" sieht die "Zeit", "Strepps Verhalten war dumm", meint der "Focus", "Wer gab CSU-Sprecher Strepp den Auftrag?", rätselt die Süddeutsche Zeitung mit Blick auf Parteichef Horst Seehofer.

Immerhin ein Fingerzeig darauf, worum es hier geht: Nicht um die Sauberhaltung eines Journalismus, der alle Tage im schmutzigen Kleidchen von absichtsvoll durchgestochenen Interna, verabredungsgemäß unterdrückten Fakten und gemeinsam geplanten Themenoffensiven herumläuft. Sondern um ein Stück politischen Armdrückens, bei dem ein Beeinflussungsversuch, wie er jeden Tag dutzendfach vorkommt und dutzendfach erfolgreich ist, als Waffe gegen den politischen Gegner dient.

Kaum jemals war die Sache offensichtlicher. Strepp hat beim ZDF angerufen, wo Strauss Augstein noch hat inhaftieren lassen. Der ARD hat der subalterne Parteiarbeiter gar nur eine SMS geschickt. Man kann sich die Angst in beiden Sendern vorstellen, die darob ausbrach. "Ein unerhörter Versuch der politischen Einflussnahme auf die Pressefreiheit? Skandal?", fragt die "Wirtschaftswoche", eines der wenigen Blätter, die die Tragweite der "Affäre" eher amüsant als bedrohlich und das mediale Echo eher peinlich als gerechtfertigt finden.

Wenn so hart mit möglichen „Diskussionen“ gedroht werde, "müssen den öffentlich-rechtlichen Kollegen vor Angst die Beine geschlottert haben", heißt es. Umso verdienstvoller, dass der - sicherlich fundamental wichtige Beitrag zum SPD-Parteitag - dann trotzdem ungefiltert in sämtliche deutschen Haushalte verklappt wurde.

Die Medienwelt ist seitdem eine andere. Draußen an den Empfängern glauben sie nun vielleicht, dass im Fernsehen das Richtige und Wichtige gezeigt, das Unwesentliche aber beiseite gelassen wird.

Im Zweifelsfall ist es natürlich andersherum, denn dank der hierzulande historisch gewachsenen Medienstruktur und -kultur gelingt es beinahe wöchentlich, eine neue Sau im ganzen Trupp durchs Dorf zu jagen. Und das völlig unabhängig von der objektiven Relevanz.

Alle machen mit, alle natürlich völlig unabhängig sowohl voneinander und von denen, die das jeweilige Spektakel mit Hilfe von vorab lancierten Pressemitteilungen, zugespitzten Interviewäußerungen oder durchgesteckten "Geheimnissen" inszeniert haben. Der Fall Strepp funktioniert nun einfach nur ebenso und dazu kommt er wie gerufen, denn im Licht der kleinen Flamme des Anrufers aus der CSU-Zentrale lässt sich wunderbar, das Gegenteil der Wahrheit vorzeigen. Chefredakteur Peter Frey jedenfalls ist laut "Wirtschaftswoche" stolz auf die gelungene Aufführung: „Die ‚heute‘-Redaktion hat ihre Unabhängigkeit bewiesen“, verkündet er.

4 Kommentare:

  1. Nein, derartig bedrohen läßt sich die Presse nicht, so etwa auch nicht die BLÖD vom Bundeswuffi. Wenn, dann müssen Absprachen bilateral geschehen, schließlich ist es ein Geben und Nehmen: Der eine besorgt die Kohle (Haushaltsabgabe), der andere die entsprechende Propaganda.

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  2. Das ist ein typischer Anlass für einen Artikel in der Rubrik "Was Oma noch wußte". Oma wußte noch, daß die Massenmedien der BRD nur der Volksverdummung dienen. Diese Massenmedien sind nur dazu da, die Werktätigen von den wahren Problemen abzulenken.

    Was Oma nicht wußte, ist, daß die Massenmedien heute keine kapitalistischen mehr sind, sondern sozialistisch.

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  3. Dieser Strepp ist ein PR-Gag der dpa, oder?

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  4. wenn alle 30 Sekunden ein Strippenzieher
    anruft, um Einfluß auf das Programm zu nehmen, dann wird halt auch der linientreuste und phlegmatischste
    Chefredakteur zur Bestie!

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