Mittwoch, 30. Januar 2019

Tempolimit: Wie eine "Spiegel"-Ente am Straßenrand starb

Objektiv betrachtet gibt es viele Parameter, die die Sicherheit im Verkehr beeinflussen. Relotiustechnisch nur eine: Geschwindigkeit.
Kaum angeschossen und erlegt, legte der Relotiusbote gekränkt nach, um sein ersehntes Tempolimit gegen sachliche Vorwürfe zu verteidigen, er, der frühere Dampfplauderer der Demokratie, betreibe heute nur noch peinliche, weil schlechtgemachte Propaganda. Also wenn sich schon ein Zusammenhang zwischen der Zahl der Verkehrstoten in Frankreich und dem französischem Tempolimit nicht herstellen lässt, weil die Zahl der deutschen Verkehrstoten trotz fehlendem Tempolimit sehr viel niedriger als der französische Vergleichswert liegt, warum dann nicht einfach ein beliebiges Einzelbeispiel nehmen und behaupten, es gebe doch einen Zusammenhang? Ist nicht Helmut Schmidt 96 geworden, obwohl er geraucht hat? Und beweist das nicht, dass Rauchen gesund sein muss?

Wenn es der "Spiegel" will


"130 km/h auf Autobahnen - Tempolimit senkt Unfallzahlen drastisch" titelte der "Spiegel" darob, spürbar pikiert wegen des Vorwurfs, journalistische Grundregeln wie das Einordnen, Kontextualisieren und Vergleichen vorgelegter Fakten mittlerweile regelmäßig nicht nur zu unterlassen, sondern geradezu zu vermeiden. Christian Frahm und Emil Nefzger, die beiden Autoren von "Tempolimit senkt Unfallzahlen drastisch", ordnen nun aber mal gleich richtig ein. Nicht im Großen und Ganzen. Aber im Detail.

Helmut Schmidt und seine Mentolkippe sozusagen als Gesundheitsausweis einer ganzen Generation. Ein "62 Kilometer langer Abschnitt der A24 zwischen den beiden Autobahndreiecken Wittstock/Dosse und Havelland" beweise nämlich: "Mit Tempo 130 reduziert sich die Zahl der Unfälle, der Verletzten und der Toten erheblich." Müsste ´nicht die Bundesregierung deshalb jetzt? Tempolimit für das Klima, ähm, die Verkehrstoten?


Sicherheit für die sichersten Straßen


Und das, obwohl Autobahnen in Deutschland schon ohne Tempolimit mit Abstand die sichersten Straßen sind. Hier wurden anno 2017 etwa ein Drittel aller Kraftfahrzeugkilometer gefahren, dabei starben aber nur rund 12 Prozent aller Opfer von Verkehrsunfällen. Dabei ereigneten sich auf Abschnitten ohne Tempolimit nicht mehr Unfälle als auf Strecken mit Tempolimits von 120 oder 130 km/h. Eine höhere Unfallschwere (Getötete je 1000 Unfälle mit Personenschaden), wie es der ADAC nennt, lässt sich zudem ebenso wenig feststellen.

Viel gefährlicher sind Landstraßen, auf denen etwa 40 Prozent der Fahrbewegungen stattfinden - stets mit Tempolimit. Wo aber dennoch knapp 60 Prozent aller Verkehrstoten ihr tragisches Ende finden.
Die Gefahr, auf einer mit Tempolimit versehenen Landstraße zu sterben, ist nach diesen Zahlen viermal höher als die, bei einem Unfall auf der einer tempolimitfreien Autobahn zu Tode zu kommen.

Noch deutlicher wird der Unterschied in der Gefahrenlage jenseits dessen, was der "Spiegel" propagiert, in internationalen Statistiken. Die zeigen, dass 162 Staaten mit Tempolimit in der Rangliste der Verkehrstoten je 100.000 Einwohner vor Deutschland liegen und gerademal zwölf besser abschneiden. Und unter denen befinden sich dann auch noch sechs verkehrsberuhigte Ministaaten wie die Malediven, Mikronesien, St. Vincent und die Grenadinen, Andorra, San Marino und Island, in denen zusammen kaum halb so viele Fahrzeuge gelassen sind wie in Moers, Siegen oder Iserlohn.


Kommentare:

  1. Den Diskurshoheiten und Dressureliten isses doch exkremental egal, um welche Thematik es sich handelt, denen geht es ausschliesslich darum, sich als weise und weitsichtige Lenker zu gerieren, auf die der doofe Pöfel gefälligst ehrfürchtig zu hören hat, und das ständig und unablässig. –
    Das Hirnvollwaschprogramm darf sich nämlich keine Pausen oder Leerlauf-Phasen leisten, soll der Pawlow-Köter-Pöfel doch keine Gelegenheit bekommen, mal über den dauer-oktroyierten Dummfug zu reflektieren und selbigen alsbald als den Rotz zu entlarven, der er ist.

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  2. "Dabei ereigneten sich auf Abschnitten ohne Tempolimit nicht mehr Unfälle als auf Strecken mit Tempolimits von 120 oder 130 km/h." Ausgerechnet hier fehlt die Einordnung, wieviel Prozent der Fahrleistung auf Strecken ohne Limit entfallen. Fällt doch oft die Aussage, es gäbe in D kaum noch solche, bedingt durch jahrelange Baustellen und straeflicher Vernachlässigung der Instandhaltung (ein Schild ist billiger als die Reparatur). Auch die Angabe von Quellen wäre hilfreich, gerade wenn man einem angeblichem Qualitaetsmedium zeogen will, wie man es richtig macht.

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  3. "Viel gefährlicher sind Landstraßen, auf denen etwa 40 Prozent der Fahrbewegungen stattfinden - stets mit Tempolimit. Wo aber dennoch knapp 60 Prozent aller Verkehrstoten ihr tragisches Ende finden."
    Ich gehe mal davon aus, das mit Landstraßen alle anderen Strassen ausser Autobahnen gemeint sind. Nun gibt es ein paar Regeln, die eben verhindern, das bestimmte Gruppen Opfer der Autobahn werden : Fußgänger, Radfahrer und Rollerfahrer haben nix auf der AB zu suchen, Opfer sind absolute Einzelfälle. Rastplatzgaeste oder Strassenarbeiter fallen in die Kategorie "unspezifisch". Ausgehend von 3206 Opfern 2016 und Deinen Angaben starben 1924 auf der LS und 1282 auf der AB. 27,6% aller Opfer waren Fußgänger und Radfahrer, weitere 18,8% sind 2-3-Raeder, von denen maximal die Hälfte AB-tauglich ist. Insgesamt also mindestens 37% Opfer, die nicht auf AB geschehen können. Das sind 1186 Opfer, die aus der LS-Statistik rausgerechnet werden müssen. Wir haben also 738 Opfer auf der LS oder 18,5 pro % Fahrleistung. Und 21,4 pro % FL auf AB. Addiert man nun noch die Risikofaktoren von Landstraßen hinzu - entgegenkommender Verkehr, schlechte bis keine Beleuchtung, Bäume statt Leitplanken, häufigere Glätte durch Wälder, Wildwechsel, mehr junge Fahrer (die wenigsten reissen als Pendler Hunderte Km die Woche runter, dafür jedes WE die 5km zur Disco...), muss man sich wundern, das es so wenige sind - das Tempolimit scheint also zu funktionieren. Zu dem Schluss kommt übrigens auch die WHO, auf denen Deine Quellen beruhen.

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  4. @jonas: die quelle ist das statistische bundesamt. https://www.destatis.de/DE/PresseService/Presse/Pressekonferenzen/2016/Unfallentwicklung_2015/Pressebroschuere_unfallentwicklung.pdf?__blob=publicationFile

    beim rest hast du sicher recht, das rechne ich jetzt nicht nach, darauf kommt es auch gar nicht an. knackpunkt ist, dass es es eben zahlreiche einflußgrößen gibt, nicht nur eine, wie der "spiegel" suggeriert. du zählst sie ja alle schön auf.

    faktisch sind und werden landstraßen u.a. durch den gegenverkehr immer gefährlicher sein als autobahnen, das sagt einem schon der gesunde menschenverstand. das ist so mit tempolimit dort, das wäre so ohne, das wäre vermutlich sogar so, wenn das tempolimit auf bundesstraßen nur noch bei 80 km/h läge.

    dass deutsche autobahnen ohne tempolimit sicherer sind als französische mit, kann auch nicht am tempolimit liegen - das war ja der ausgangspunkt der kleinen recherche, die keinesfalls den anspruch erhebt, umfassend zu sein. das müsste die sein, die die profis (etwa beim relotiusboten) liefern.

    die aber verweigerneben gänzlich jede bemühung, ihre eigenen grundtehsen durch recherche zu gefährden.


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  5. Diese Studie zu Brandenburg bezieht sich zwar nur auf eine Autobahn, ist aber immerhin eine Studie mit wissenschaftlichem Anspruch und nachvollziehbarer, solider Methodik. Stellt sich mir die Frage: Gibt es denn Studien, die zu einem anderen Ergebnis kommen, die also belegen, dass es Autobahnabschnitte gibt, an denen es durch ein Tempolimit keine Reduktion der Unfälle gab?

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