Mittwoch, 5. Juni 2019

Schreckensland im Osten: Die Zivilisationsverweigerer


Es ist ein in Jahrzehnten antrainiertes Ritual der von durchweg altbundesdeutschen Medien dominierten Nachwahlberichterstattung, dass die Ergebnisse aus dem deutschen Osten in den Tagen und Wochen nach dem Urnengang mit bekümmertem Kopfschütteln bestaunt und dann lauthals beklagt werden müssen. Diesmal kurzfristig überschattet von den Ereignissen in der SPD, die ein Ausmaß an Zerrüttung offenbarten, das vielen Beobachten in den westdeutschen Leitmedien nun doch spannender erschien als der seit 30 Jahren anhaltende Rechtsruck im Osten, ließ sich doch hervorragend über den Verfall der Sitten und den Untergang aller Moral in Ostdeutschland sinnieren.

"Wir sind ein Land. Ihr ein anderes", feierte die Taz eine deutsche Teilung, die rückabwickelt, was 1990 schiefgegangen war, als sich Amerikaner, Russen und selbst die Briten bereiterklärt hatten, wieder ein einiges Deutschland in der Völkerfamilie zu dulden. Der Osten wurde angeschlossen, ein zusätzliches Absatzgebiet, auf dessen Willen es seitdem so wenig ankommt wie auf sein Wirken. Die undankbaren Bürgerinnen und Bürger dort wählten anfangs dennoch demokratisch, wie sie es im Westfernsehen gelernt hatten: Bei der Bundestagswahl 1990 kamen NPD und Republikaner in altbundesdeutschen Ländern wie Bayern und NRW auf zwei bis vier Prozent der Stimmen. In Sachsen reichte es gerademal für 0,2 Prozent.

Nein, damals lebten dort keine Un- und Böswilligen Verächter der Freiheit, keine jammernden, nach Faschismus rufenden Feinde unserer Ordnung, die ihrer Meinung mit "Aufmärschen" (DPA) Ausdruck verleihen und dabei kaum Rücksicht nehmen auf die feinen Gepflogenheiten des politischen Berlin. Erst die"Schule der Demokratie" lehrte Sachsen, Thüringer, Brandenburger und den Rest, dass Wahlversprechen wie Schaufensterauslagen in der DDR funktionieren. Dass es sie gibt, heißt nie, dass man wirklich bekommen kann, was sie in Aussicht stellen. Eher ist sicher, dass nach dem Wahltag niemals wieder von ihnen die Rede sein wird.

Die Fähigkeit der rundherum westdeutsch geprägten und westdeutsch besetzten medialen Klasse, die Lage zu eigenen Gunsten zu interpretieren, steht dem der politischen Blase in nichts nach. "Die Europawahl zeigt erneut, dass das Misstrauen gegen die als westdeutsch empfundene Parteiendemokratie noch immer groß ist", schreibt eine "Parlamentsredakteurin" der ehemals zumindest ehrlich einheitsfeindlichen "Taz", als sei die Entfremdung zwischen Wahlbürger Ost und politischem Establishment West seit Jahren auf dem Weg der Besserung, habe aber schon bedeutende Fortschritte gemacht.

Wie auf Knopfdruck interessieren sich kurzzeitig auch die ganz großen, rein westdeutsch besetzten Magazine für die Krisengebiete in Vorpolen. Selbst die Verharmlosung des "historischen Nationalsozialismus" (Spiegel) störe die ostdeutschen Anhänger offensichtlich nicht, staunt Severin Weiland, geboren in Niedersachsen, aufgewachsen in Chile. Alarm im Sperrbezirk, die Wölfe streifen. Braucht es Uno-Friedentruppen? oder reicht ein neuer Sheriff?

Weit ist es von dort aus nicht zur Forderung, "alle Nazis nach Sachsen" auszusiedeln, also "sie paar, die noch nicht dort sind", wie eine Twitter-Nutzerin namens @Snake_Kaa vorschlägt. Man könne dann anschließend noch "alle Nicht-Nazis evakuieren, Mauer wieder hochziehen" und "dann möge ein großer Arsch am Himmel erscheinen und dieses Bundesland zuscheissen!" 30 Jahre Beieinanderleben haben in Ost und West und West und Ost das Gefühl wachsen lassen, ein Land zu sein. Nur eben jeweils eins.

Jedes Wahlergebnis ist dann immer der "Ernstfall Ost", orgelt ein Autor der Hamburger "Zeit", der in Ostdeutschland geboren wurde, sich den Westdeutschen aber an der Abendschule perfekt draufgeschafft hat. "Hätte am Sonntag nur der Westen gewählt, dann wäre die AfD bei nur knapp neun Prozent gelandet, die Grünen bei über 22 Prozent", analysiert der frühere Wahlkämpfer der Grünen sehnsuchtsvoll. Schade eigentlich, verdammt schade, dass es diesen Osten immer noch gibt. Denn wie schön wäre eine Welt ohne das "Pack" (Sigmar Gabriel) dort.

Das sich irgendwie ja auch unbelehrbar gebärdet. "Nichts hat die Radikalisierung von Cottbus bis Chemnitz aufgehalten"", staunt der "Zeit"-Mann, der ausgebildeter Ethnologe ist und die Fördermittelzapfanlage "stoerungsmelder.org" mitbegründet hat. Verheerend! da hat man nun geschrieben und gepredigt und ermahnt und gedroht. Und doch "färbte sich die politische Landkarte blau bis tiefblau", je weiter man nach Osten schaut. Der harte Kern der AfD-Wähler wolle „das System“ nur noch loswerden, staunt der Analyst, der "das System" in Anführungsstriche setzt, um anzudeuten, dass es ein System ja gar nicht gibt, egal, was die da im Osten in ihrer Verblendung glauben.

So schlimm steht es. Erzieher und zu Erziehende sprechen nicht einmal dieselbe Sprache. Das nach der Bundestagswahl wie eine Stichflamme aufflackernde "neue westdeutsche Interesse am Osten" (Die Zeit), die von westdeutschen Blättern und westdeutschen Politikern untereinander geführte künstliche Debatte über eine "Ostquote" und die öffentliche Erregung über typisch ostdeutsche "rassistische Exzesse" - Stichwort "Hase, Du bleibst hier! -  sie haben, staunt das Fachblatt für fremde Völker, "bei vielen ostdeutschen Wählern nicht verfangen".

Was nun? Was tun? Das ist ja "im Osten nichts Neues" (RP), denn dass der "Osten auf der Kippe" steht, (FAZ), lernt der Medienarbeiter West in der Vorschule für Welterklärer. "Ist der Osten noch zu retten" (Zeit)? Im Augenblick ist es doch so, dass da ein innerdeutscher Riss klafft, "der noch tiefer geht als jener, den die jüngste Bundestagswahl offenbarte": Hier die westdeutsche Normalität, grün und fröhlich, ein wenig getrübt von den Schwierigkeiten der SPD, aber insgesamt eine feine Sache. Dort drüben aber eine Versammlung notorischer Zivilisationsverweigerer, ländliche Regionen, die zurückfallen in die atavistischen Lebensgewohnheiten von Römerfeindlichkeit und Skeptizismus gegenüber  einreitender Befreier, die wie einst Albrecht der Bär in bester Absicht kommen, um die Zukunft zu bringen.

Nein, dieser "Osten darf nicht sich selbst überlassen werden", heißt es in der "Zeit", dieser Osten braucht Lenkung, Leitung, Coaching und, ja, perspektivisch wohl auch frisches Blut, das hilft, ihn aufzuwesten.

Datenblatt: Europaabgeordnete mit Wohnsitz in Ostdeutschland (ohne Berlin)
CDU: 4 von 29
Linke: 2 von 5
SPD: 1 von 16
Grüne: 1 von 21
AfD: 1 von 11
FDP: 0 von 5
Sonstige: 0 von 9
Gesamt: 9 von 96 (9.4 Prozent)
Anteil Ostdeutscher an der Gesamtbevölkerung: 19 Prozent

5 Kommentare:

  1. Wie früher schon gepostet:

    (Zitat)
    „Nachdem sich die Weltbolschewisierung im Konflikt „Soffjets gechen Gringos“ = Kalter Krieg, quasi festgefressen hatte (Bolschewisierung zu rabiat, zu offensichtlich, zu kontrovers rezipiert, ergo zu polarisierend), wurde rothschildplanetarerseits ein „Paradigmenwechsel“ eingeläutet. – Nunmehro sollte jenner „Prozess“ offenbar langsamer, auf eine „weichere Tour“, klandestiner und wirklich global angeschmissen werden. –

    Das hiess: Die alten Ost-West-Blöcke wech (samt ihren ideologischen Fronten), und dann vor allem neue Katechismen für den nun global naszuführenden Pöfel, als da wären: Holograuss-Ismus, Ozon-Loch-Ismus, Zeh-Oh-Zwoh-Ismus, sodann Global-Ismus, Femin-Ismus, Hollywood-Ismus, Öko-Ismus, MuKu-Ismus etc., etc., und woraus die tagtäglich von den Medien infundierten Mantras und zelebrierten Rituale stammen. (Also vorwiegend repressive, knieschlotter-generierende, apokalypsoide Horror-Disney-Land Szenarien, womit der Pöfel in Dauer-Muffesaus-Stupor gehalten, bzw. auch einige wenige paradisoide Szenarien, womit er fein chloroformiert werden kann.“
    (Zitatende)

    Nun sind aber den Oschtlern „dank ihres 40 jährigen Dä-Dä-Ärr-Genusses“ die perfide Rhetorik, die heuchlerischen Rituale (der damaligen Machthaber), mit ihren zynischen Verdrehungen, impertinenten Verarschungen und infamem Lug und Trug noch zu frisch in Erinnerung, um sie nicht in Diktion und Verhalten unserer heutigen „demokratischen Parteien“ eindeutig wiederzuerkennen. –

    Ergo ist ihre Brechreiz-Schwelle viel niedriger angesiedelt, und entsprechender Reflex triggert viel eher an, sollten sie mit den sattsam bekannten Phrasen aus dem grossen, bolschewistischen Füllhorn zugetextet werden. –

    Die bolschwestische Chuzpe, mit der die globale Versklavung des Pöfels vorangetrieben werde soll, ist eben die immergleiche, sollte sie sich auch mit noch so aktuellen Gutmenschen-Allüren (Klimaaa-Rettung, Frau.Innen-Befreiung, MuKu-Beweihräucherung, etc.) camouflieren, auf eine noch so „leisetreterische und sanftere“ Tour daherkommen. –

    AntwortenLöschen
  2. Florida RalfJuni 05, 2019

    ^ ich erinnere mich. ich las es damals das erste mal und dachte nur: meskalin.

    AntwortenLöschen
  3. @Florida Ralf

    Klar, mehr an Gedanken bekommen Hirnvollwaschbär.Innen in fascho-weichgeprügelten Matschbirnen nicht mehr zusammen. -

    (Ausserdem sind mir all die Mode-Gifte, mit der sich eine blasierte, dekadente Intellektualinski-Schickeria vollzudröhnen beliebt(e), völlig unbekannt.

    Was ausserhalb der Lügen-Matrix liegt, wird entweder ignoriert, ridikülisiert, marginalisiert, kriminalisiert oder als psychopatisch tituliert. -

    Indes, selbst dagegen wird man immun, denn, was kümmert es die deutsche Eiche, so sich ein (was auch immer für 'n Viech) daran scheuert. -


    @all die Rotstiftschwinger und ad personam statt ad rem Kommentierer:
    Eure typisch theutsche, besserwisserische Altklug-Attitüden gehen mir sowas von am Südpol vorbei, und von mir aus könnt ihr kotzen, oder euch einpissen vor lachen, iss mir alles ober-wurscht geworden.

    AntwortenLöschen
  4. Dichte der Tennisplätze :) Richtig sympathisch, der Osten. Wird Zeit, wieder dahin zurückzukehren, in die bockige Tristesse (Ellen Kositza)

    AntwortenLöschen
  5. Es geht um die Gleichmacherei, die im Osten nicht mehr zieht.

    „Über die Jahrzehnte konnte man beobachten, dass – auch gerade nach der Wiedervereinigung – der Wert der Freiheit im Vergleich zum Wert der Gleichheit in der Bevölkerung an Ansehen verloren hat. Doch seit 2011 können wir bei den unter 30-Jährigen, gerade aus den östlichen Bundesländern, eine Trendwende zugunsten von Freiheit und Selbstbestimmung feststellen.“

    https://www.bpb.de/apuz/166651/freiheit-und-gleichheit

    Tocqueville schrieb im „De la démocratie en Amérique“, das Prinzip der Gleichheit führt tendenziell zu einem starken, zentralistisch organisierten Staat, gegen den sich das Individuum nicht mehr wehren kann." Die Repräsentanten dieser Macht werden sich ihrer Gewalt allmählich bewusst und fördern diese Position aus Eigeninteresse. Die Regierenden können schließlich „alle Vorgänge und alle Menschen verwalten“. Für Tocqueville entsteht dadurch ein Transfer von Verantwortlichkeiten. Unter „Regieren“ verstehen die Führer dieser Staaten nicht mehr nur die Regentschaft des gesamten Volkes, sondern auch die Verantwortlichkeit für das Wohlergehen jedes Einzelnen. Sie sehen ihre Aufgabe nun auch darin, den Bürger „zu leiten und zu beraten, ja ihn notfalls gegen seinen Willen glücklich zu machen“. Umgekehrt übertragen die Einzelnen immer mehr ihre Selbstverantwortung auf die staatliche Gewalt. Letztlich befürchtet Tocqueville ein Abrutschen in die Unfreiheit, wenn die Gleichheit zum einzigen großen Ziel wird. Die Abwehr des Verlusts individuellen Freiraums durch Gleichmacherei ist schwierig, da diese sowohl den Neigungen der Masse der Bürger entspreche als auch dem Staat gelegen komme.“

    Dieses Dilemma besteht seid dem Aufbruch in die Demokratie im 19. Jahrhundert: die Kollision des Werts der Freiheit mit dem Wert der Gleichheit – ein Konflikt, der bis heute unsere Debatten befeuert. Alexis de Tocqueville warnte vor dem "verderblichen Gleichheitstrieb" der Menschen, der dazu führe, dass sie "die Gleichheit in der Knechtschaft der Ungleichheit in der Freiheit" vorziehen würden. Auch heute stellt sich die Frage, ob die Menschen zugunsten der Gleichheit auf Freiheit verzichten wollen oder umgekehrt den Wert der Freiheit höher schätzen und dafür Ungleichheit in Kauf nehmen? Sie schafft damit soziale Ungleichheit, die erst Vielfältigkeit ermöglicht und sich in der Pluralität der Lebensstile manifestiert. Gerade darin liegt die Voraussetzung für die Produktivität und Innovationskraft einer Gesellschaft. Uniformität und soziale Gleichheit würden hingegen Stillstand der historischen Entwicklung bedeuten.“

    Genau diese Uniformität ist dem Osten zuwider, wir hier im Westen sind bereits zu dekadent – wir merken nichts mehr.

    AntwortenLöschen

Richtlinien für Lesermeinungen: Werte Nutzer, bitte beachten Sie bei ihren Einträgen stets die Maasregeln und die hier geltende Anettekette. Alle anderen Einträge werden nach den Vorgaben der aktuellen Meinungsfreiheitsschutzgesetze entschädigungslos gelöscht. Danke.