Freitag, 2. Dezember 2022

Klimaschutz: Kernige Arbeiter solidarisieren sich mit der Letzten Generation

Die Initiatoren der Solidaritätserklärung an die Letzte Generation. John Karow
Die Initiatoren der Solidaritätserklärung an die Letzte Generation. John Karow 83.v.l.) mit seinen Kolleg*innen Walter Eichenberg, Hans Gerber (v.l:) und Birte Schreinebaker (4.v.l.)Daneben Daniel Sandmann, Ralf Ast und Jens-Uwe Casper.

Sie sind Hetze und Hass leid, die der Klimabewegung "Die letzte Generation" aus vielen Teilen der Gesellschaft, aus Politik, Verwaltung, Behörden und aus Sachsen entgegenschlägt. Die "neue RAF", extremistische Störer, Querdenker, Weltuntergangsprediger - was ist den jungen und junggebliebenen Aktivistenden aus der radikalen Fraktion der Regierungskritiker*innen nicht alles nachgesagt worden. Nichts davon aber sei wahr, so schreiben jetzt mehr als 312 Handwerkende, Bauarbeitende, Verkäuferinnen und Verkäufer, Psychotherapeuten, Pflegende, Bus- und Bahnfahrer, Kellner+innen und Verwaltungsmitarbeiter in einer gemeinsamen Erklärung, die sich ausdrücklich als Solidaritätsadresse an die „Letzte Generation“ versteht.

Versprechen sind kein Klimaschutz

Unter dem Titel "Klimaschutz ist kein Versprechen - Versprechen ist kein Klimaschutz" setzen die Unterzeichnenden ein klares Zeichen für den Erhalt der Möglichkeit, in einem demokratisch verfassten Rechtsstaat auch den Versuch unternehmen zu dürfen, die Regierung zu erpressen. Das könne jeder, niemand aber dürfe automatisch mit einem Erfolg rechnen, erklären sie. Der Letzten Generation gelte es Respekt zu zollen für den Mut, mit dem Mitgliederinnen und Mitglieder ungeachtet persönlicher Nachteile alles unternähmen, die unzureichenden Bemühungen der Ampel-Koalition zur Eindämmung der Erderhitzung zu demaskieren und die Ausflüchte von Kanzler, Vizekanzler und Finanzminister bei 9-Euro-Ticket und Tempolimit zu delegitimieren.

Wir rechnen es ihnen hoch an, dass die Aktivist*innen der ,Letzten Generation‘ Hass, Gewalt und Bestrafung hinnehmen, um unser aller Leben zu retten", heißt es in der Petition, die PPQ vorliegt. Aus der Sicht der unterzeichnenden Kauffrauen, Schlosser, Kran- und Baggerführer, Klempner, Automechaniker, Elektriker, angestellten Backenden und Küchenmitarbeiter*innen rechtfertige die Klima-Notlage gewaltfreien Widerstand, auch wenn er Gewalt gegen Sachen anwende. Handeln sei das Gebot der Stunde, Tun statt dulden die Notwendigkeit der Zeit.

Rufe von der Kellertreppe der medialen Aufmerksamkeit

Initiiert wurde die Erklärung ganz unten auf der Kellertreppe der medialen Aufmerksamkeit. Federführend war der Schlüsseldienstmitarbeitende John Karow, der in den Schlosser*innen Walter Eichenberg, Hans Gerber und Birte Schreinebaker erste Mitstreiter*innen fand. Schnell scharte sich um den harten Kern der LG-Unterstützer*innen ein bundesweiter Kreis aus engagierten aller Altersklassen. Kevin Schnitte etwa ist Unternehmer, hat mit der Parfümmarke "Hi Malaya" Millionen gemacht. Daniel Sandmann dagegen kellnert im Berliner Wedding, Josaline Wegner ist Reinigungsfachkraft bei Sanifair, Ralf Ast pflegt ältere Mitmenschen und Jens-Uwe Casper arbeitet seit Jahrzehnten als Trucker in rollender Schicht.

Sie alle machen keinen Hehl aus ihrer Überzeugung, dass die Klimakatastrophe nicht in der Zukunft liegt, sondern längst begonnen hat. "Sie tötet durch Überschwemmungen in Pakistan, durch Hunger in Ostafrika und durch Hitzewellen in Europa, sie tötet massenhaft, weltweit", schreiben sie. Die Kinder und Jugendlichen, die vollkommen unschuldig an dieser Situation seien, weil sie den klimaschädlichen Wohlstand weder miterarbeitet noch freiwillig gewählt hätten, zahlten den bittersten Preis: "Sie werden eines Tages alles verlieren." Diejenigen dagegen, die die Krise durch den Wiederaufbau nach dem Krieg, durch Doppelschichten und Schlafverzicht, Schuften am Wochenende und bedingungslosen Konsumismus verschuldet hätten, "sind dann sicherlich nicht mehr da, wenn abgerechnet wird."

Menschen aus der klimasensiblen Mitte

Die Petendenten, die sich selbst als "Menschen aus der klimasensiblen Mitte" bezeichnen, wollen das nicht länger hinnehmen. "Die Wissenschaft ist sich einig: Mit den derzeit geplanten Maßnahmen ist der Kollaps nicht abzuwenden", formulieren sie. Das Zeitfenster, um noch etwas daran zu ändern, schließe sich in wenigen Jahren. Deutschland als viertgrößter Emittent von Klimaschadstoffen, auf denen der Wohlstand, in dem wir leben, basiere, sei gefordert, ungleich härter und deutlicher auf die Lage zu reagieren. Statt die Erschließung neuer Gasfelder zu finanzieren, LNG-Terminals bauen zu lassen und mit fragwürdigen Regimes wie dem in Katar Verträge über die Verlängerung des fossilen Zeitalters abzuschließen, müsse sie eine Wachstumsökonomie auf der Basis umfassender Klimaschutzverordnungen ausrufen. 

Dass Deutschland keines seiner vielbeschworenen Klimaziele erreiche sei blamabel. "Verständlich, dass sich die „Letzte Generation“ seit Monaten mit Kleber und Kartoffelsuppe gegen das kollektive Versagen stemmt." Unmoralisch sei nicht, dass Menschen im Notstand  zum Mittel der Nötigung von Verfassungsorganen greifen. Sondern "die Reaktion in weiten Teilen der deutschen Öffentlichkeit: Hohn, Hetze und Diffamierung der Proteste". Eine Hexenjagd, die an dunkelsten Momente der deutschen Vergangenheit erinnere. Man sage, die „Letzte Generation“ sei extremistisch, doch was sei "extremer als eine Gesellschaft, die sich mit Klimazielen zufrieden gibt, wenn es doch gilt, Klimagerechtigkeit sofort herzustellen".

Arbeitern der Hand begehren auf

Als Gruppe von Menschen aus Arbeitern der Hand, die die Gesellschaft im Innersten zusammenhalte, könne man nicht länger schweigen. Gemeinsam mit der Letzten Generation stehe man in der größten Krise seit dem zweiten Weltkrieg dafür ein, schnell umfassende Klimaschutz-Maßnahmen auf den Weg zu bringen. Ein Ende des nach wie vor fossil geprägten Alltags sei unumgänglich, doch es müsse umgehend kommen, um das Überleben aller zu sichern. "Wir haben keine Zeit mehr, abzuwarten." Bewusst adressiere man seinen Protest an das Macht-Zentrum der Entscheidungen, die Bundesregierung, nicht an den Bundestag oder das EU-Parlament. "Nötig sind Notstandsentscheidungen, die sofort greifen." 

Dazu könne ein Herunterfahren der Wirtschaftstätigkeit überall dort helfen, wo nicht unmittelbar lebenswichtige Bereiche betroffen seien. "Schließt die Kaufhäuser, die Theater, die Kinos und Konzertsäle", heißt es, niemand brauche in der aktuellen Situation Schwimmbäder, Sporthallen und Schulen. "Wozu senden zig Fernsehsender und noch mehr Rundfunkstationen, die alle Energie verbrauchen, nur um uns rund um die Uhr zu erzählen, dass etwas getan werden muss?" Abgesehen von den Strukturen der kritischen Infrastruktur könne Deutschland als wohlhabender Staat viele Luxuseinrichtungen abschalten, bis eine Versorgung durch Wind und Sonne durchgehend gewährleistet sei. 

Forderung nach dem strengen Staat

Private Mobilität auf Kosten der natürlichen Lebensgrundlagen sei ein Verbrechen an künftigen Generationen, das nicht mit Tempolimit und Neun-Euro-Ticket entschuldigt werden könne. "Wir brauchen mehr Weniger und das nicht irgendwann, sondern gleich", heißt es. "Wir als Frauen und Männer, die mit Hand und Herz auf Baustellen stehen, Brücken bauen, Straßen pflastern, Motoren ölen und Haare schneiden sind traditionell stolz darauf, Haltung zu zeigen, politisch zu sein." aus dieser klaren Haltung heraus, die schon die Sansculotten und Jakobiner beseelt habe, wende man sich gegen das Primat des Ökonomischen und gegen die Menschenfeindlichkeit, für das Klima und die Zukunft.

"Das sind die Maßstäbe, an denen wir uns in dieser entscheidenden Phase der Menschheitsgeschichte messen lassen müssen. Der drohende Kollaps gefährdet nicht zuletzt unsere Demokratie und damit die freiheitliche Gesellschaftsordnung, die wir als Handwerker, Servicemitarbeiter*innen und Call-Center-Agents für unsere Arbeit brauchen." Man erkläre sich deshalb solidarisch mit allen Klimagerechtigkeitsbewegungen weltweit, auch mit der „Letzten Generation“. "Wir glauben, dass eine demokratische Gesellschaft angesichts der drohenden Zukunft auch massive, gewaltfreie Störaktionen ertragen muss, weil Handeln gegen das Gesetz das Gebot der Stunde ist." 

Erstunterzeichnet von:

John Karow (Schlossernder), Walter Eichenberg (Dreher), Hans Gerber (Monteur), Birte Schreinebaker (Schlosserin), Kevin Schnitte (Unternehmender), Daniel Sandmann (Kellner), Josaline Wegner (Reinigungsfachkraft), Ralf Ast (Pflegender), Jens-Uwe Casper (Kraftfahrender), Helge Basser (Klempner), Andreas Heilstein (Masseur), Jana Laschband (Autoschlosserin) Hans-Hermann Schreinemeier (Elektrotechniker), Harald Emserck (Verkaufender), Janine Zehetmeier (Zugehfrau), Manuela Maier (Werkzeugausgeberin), Markus Walther (angesteltter Bäcker), Johannes Bauer (Milch-lieferfahrender, Winterdienstmitarbeiter), Hans-Christian Eiliog (Elektrotechniker), Sophie Jehnemann (Schmiedin), Carola Hensel (ADAC-Helferin), Marie-Claudia Bauerlein (Zerspanerin), Beatrice Becker (Stadtwirtschaftsangestellte), Andrea-Lina Lessmann (Strickwaren-Verkaufende), Walter "Aljoscha" Kämpf (Reifendienst-Monteur), Rainer Behrensen (Bauarbeiter), Katrin Beaier (Bauarbeiterin), Jörg Schulte (Baggerfahrer), Jan-Erik Regenswald (Disponent), Felicitas Becker (Callcenter-Agent), Nuran Arim (Elektriker), Regine Dahme (Fahrzeugelektronikerin), Karoline Käsmann (Baustellenlogistikerin), Thomas Meyer (Ingenieur für Umweltanlagen), Christoph Beick (Schlosser), Oliver Federer (Golfplatzmaschinenvertrieb), Vladen Fraljić (Elektriker), Cary Guper (Maler), Julia Gerlach (Raumgestalterin, Messe-Hostessin), Jessica Gaberfeld (Bauarbeiterin), Jens Goltze (Ordnungsamtsmitarbeiternder), Tanja Feenwald (Schlüsseldienstmonteurin), Walter Jens (Schweißer), Annalise Jäger (Friseurin)

3 Kommentare:

  1. Das Anonymus-Jugendkollektiv 'Ernst Thälmann' hat sich dem Aufruf angeschlossen, wie das Neue Deutschland berichtet.

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  2. Johanna HolmsDezember 02, 2022

    Da müsste ich echt den Link anklicken um zu sehen, von welcher Seite der Schwachsinn kommt.
    Ich würde nicht enttäuscht.

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  3. Ganz links die beiden, sind das nicht die Arbeiterfußballer Joachim Streich und Jürgen Croy?

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