Montag, 5. Januar 2026

Vulkangruppe: Terror für den guten Zweck

Der Moment der Erlösung: Franziska Giffey hatte gute Ratschläge mit in den Krisenstab gebracht.

Die Szene, die Berlins Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey in den sozialen Netzwerken teilte, hatte etwas Beruhigendes. Fünf Männer am Tisch im Krisenzentrum "unserer Stromnetz Berlin" (Giffey), zwei ringen die Hände, alle fünf schauen hilfesuchend auf zur Bürgermeisterin, die auch für Energie und die volkseigenen Betriebe der deutschen Hauptstadt zuständig ist.  

Geteilte Bananen 

Giffey, wie in jedem guten "Tatort" farblich Ton in Ton kostümiert mit den Männern am Tisch, hat offenbar gute Ratschläge dabei. Zu sehen ist, dass sie spricht. Die Fachleute, die von den zusammengestellten Tischen aus den größten Stromausfall managen, den Berlin seit 1945 erlebt hat, wirken zufrieden. Gleich wenn Giffey geht, werden sie sich die Bananen teilen, die auf dem Tisch an der Wand liegen.

Viele mehr kann von hier aus nicht getan werden. Die Lage ist verzweifelt, aber hoffnungslos, keineswegs aber Anlass zur Sorge. Nachdem die berüchtigte Vulkangruppe zum Jahresstart einen Brand an einer Kabelbrücke in der Nähe des Heizkraftwerks Lichterfelde gelegt und "fünf Hochspannungsleitungen und 10 Mittelspannungsleitungen schwer beschädigt" (Giffey) hatte, hätte gut und gern große Aufregung im Lande ausbrechen können. 

Terrorzentren ohne Terror 

Dass sich kritische Infrastruktur, eine Neuentdeckung seit Russlands Angriff auf die Ukraine, so einfach zerstören lässt, obwohl  Deutschland sich mit dem "GIZ" genannten "Gemeinsame Internetzentrum" des Verfassungsschutzes und dem "Gemeinsamen Terrorismusabwehrzentrums" (GTAZ) der Polizeibehörden gleich mehrere neue Beobachtungsbehörden zugelegt hat, spricht nicht für einen Erfolg der bisherigen Strategie. Doch ein Misserfolg ist sie auch nicht. 

Seit 15 Jahren schon zerstört die Vulkangruppe immer wieder Teile der kritischen Infrastruktur. Die Begründungen wechseln, die Ziele sind meist unauffällige, leicht angreifbare Trafohäuser, Strommasten oder Kabelschächte. Die Folgen sind jeweils verheerend - der Bahnverkehr kommt zum Erliegen, in ganze Stadtvierteln fällt der Strom aus, Industriebetriebe müssen die Produktion herunterfahren.

Beharrliche Systemfeinde 

Bemerkenswert ist dabei weniger die Beharrlichkeit, mit der die Täter*innen daran arbeiten, dem verhassten demokratischen System Schäden zuzufügen, die weder den Kapitalismus stoppen noch das Klima retten werden. Bemerkenswert ist eher, wie entspannt der Rechtsstaat seit Jahren mit der RAF-ähnlichen Gruppe umgeht, die erklärtermaßen anstrebt, die "Funktionsweise des kapitalistischen Alltags zu durchbrechen und Menschen zum Innehalten zu bewegen".

Seit dem Anschlag der anonymen Täter auf einen Strommast, der das Tesla-Werk in Grünheide bei Berlin versorgt, leitet der Generalbundesanwalt die Fahndung nach den Verursachern. Erfolge aber kann Deutschlands oberste Strafverfolgungsbehörde auch nach fast zwei Jahren nicht melden: Mit einem Brandanschlag auf ein Trafohäuschen in Berlin verhöhnte die selbsternannte "Gemeinwohlorientierte Aktion" Generalbundesanwalt Uwe Rommel, dem die "Vulkan-Phantome" (TAZ) mitteilten, dass "wir  uns diese Reichen nicht mehr leisten" könnten. Deshalb müssten sie "Villenviertel lahmlegen" und "tausend Vulkane Schutt und Asche regnen" lassen.

Gelassen bleiben ohne Strom 

Die Reaktion von Politik, Medien, Behörden und Öffentlichkeit blieb stets gelassen. Verglichen mit anderen staatsfeindlichen Gruppierungen erschien die "Vulkangruppe" wie ein Stück linker Gewaltfolklore. Nie gelang es den unbekannten Tätern auch nur annähernd so viel Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen wie die Rollator-Gang des Putschisten-Prinzen Heinrich XIII. Reuß. Umso erstaunlicher, als die ihre Umsturzvorbereitungen noch nicht über die Phase der Planung eines "militärischem Arms" samt "Heimatschutzkompanien" und der Beschaffung von Vorderladern und Armbrüsten hatten vorantreiben können.

Die Feder war hier mächtiger als das Schwert. Der "Einsatz militärischer Mittel und Gewalt gegen staatliche Repräsentanten" musste nur erwogen und die "Begehung von Tötungsdelikten" in Betracht gezogen werden, um den Kern des Netzwerks aus "Prinzen, Richtern, Politikern, Soldaten, Anwälten und Polizisten mit viel Geld" inzwischen im vierten Jahr in Untersuchungshaft sitzen zu lassen. 

Mit Pyrotechnik ins Vierte Reich

Ähnlich entschlossen ging die Bundesanwaltschaft auch gegen die "Letzte Verteidigungswelle" vor, eine Teenagertruppe aus Thüringen, Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Hessen, der vorgeworfen wird "durch Gewalttaten gegen Migranten und politische Gegner einen Zusammenbruch des demokratischen Systems in der Bundesrepublik Deutschland herbeiführen" zu wollen. 

Aus der Planungsphase war der Trupp schon heraus. Konkret wirft der Generalbundesanwalt den Beteiligten vor, versucht haben, ein Flüchtlingsheim in Schmölln im Altenburger Land mit Pyrotechnik anzuzünden. Als das nicht glückte, hätten die jungen Männer "nationalsozialistische Symbole und Schriftzüge an die Wände der Unterkunft gesprüht", um "ein nationalsozialistisches Deutschland zu errichten".

Wille bestimmt die Wahrnehmung 

Da schrillen die Alarmglocken immer lauter, als wenn 50.000 Berliner Haushalte mitten im Winter ohne Strom zurechtkommen müssen. Der Wille bestimmt die Wahrnehmung: Wäre dieser Berliner Blackout Ergebnis eines Reichsbürgerangriffs, hätte nicht einmal Donald Trumps Operation "Absolute Resolve" zur Ergreifung des venezolanischen Präsidenten Nicolas Maduro genug Wucht entwickelt, um die Bedrohung des demokratischen Gemeinwesens aus den Schlagzeilen zu verdrängen. 

Demos gegen rechts wären unterwegs, die Zivilgesellschaft wäre in Alarmbereitschaft, die üblichen Fernsehrunden würden in Permanenz tagen. Bundeskanzler samt Vize stünden mit besorgten Minen vor Kameras und Mikrophonen, um harte Maßnahmen, strenge Strafverfolgung und die baldige Ausweisung von bundesweiten Brandstiftungsverbotszonen anzukündigen. Die großen Nachrichtenmagazine, Demokratiehüter und hellwachen Watch Dogs der öffentlich-rechtlichen Fernsehlandschaft  hätten sich auf die Spur der Feinde der verfassungsmäßigen Ordnung gesetzt.

"Gier nach Destruktion" 

Nach dem Anschlag der Vulkangruppe sieht es anders aus. Dem früheren Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" ist der größte Anschlag auf kritische deutsche Infrastruktur seit der Sprengung der Nord-Stream-Pipeline zwei dürre Texte wert. Einer erläutert, warum das Bekennerschreiben wohl "glaubhaft" ist, was immer das bedeuten soll. Der andere beklagt, dass "zehntausende Haushalte nach einem mutmaßlichen Anschlag ohne Strom" blieben. Ein Experte nennt die lange Dauer bis zur Reparatur "in einer Metropolregion nicht akzeptabel". Der "Spiegel" fragt: Tut die Politik zu wenig?

Der grüne Bundestagsabgeordnete Jnosch Dahmen ging auf Nummer sicher und griff zu einer Verschwörungstheorie. "Seit Monaten gibt es Sabotageakte an kritischer Infrastruktur, dubiose Bekennerschreiben, keine Täter", schrieb er und die Jahre der Umtriebe der Vulkangruppe wurden zu "Monaten". Die Bedrohungslage sei bekannt, was getan werden muss auch, passiert sei "nix". Dass "Menschen in Berlin nun frieren & im Dunkeln sitzen, ist Folge der Innenpolitik der Union", urteilt Dahmen auf der Suche nach einer möglichen Instrumentalisierung des terroraktes für die eigenen politischen Bewerbchen.

Von der "Gier nach Macht, Gier nach Energie, Gier nach Destruktion", die die Attentäter als ihre Beweggründe für den Angriff auf das Gaskraftwerk als einen "Akt der Notwehr und der internationalen Solidarität mit allen, die die Erde und das Leben schützen" ausgeben, ist nicht die Rede. Die Vulkangruppe mutmaßt Zensur: Die abgegebene Erklärung sei "aus politischem Kalkül nicht öffentlich gemacht worden". Selbst die bei Radio Eins verbreiteten "Zitate verschwanden auf Intervention". 

Zynische Glaubenskrieger 

Das schreiben Glaubenskrieger, die sich auf einer Mission sehen, die jeden Schaden rechtfertigt. Man habe "zu jedem Zeitpunkt die Gefährdung von Menschenleben ausgeschlossen", behaupten die Täter, die vorgeben Infrastrukturen zerstört zu haben, "die dem technologischen Angriff dienen und der Zerstörung der Erde Vorschub leisten". Das wirre Geschreibsel setzt inhaltlich fort, was schon Bewegungen wie Fridays for Future und Letzte Generation  für sich in Anspruch genommen hatten: Man ist die Elite, die nicht nur weiß, dass "fossile Energiegewinnung gestoppt werden" kann. Sondern sie eigenhändig stoppt, um "Smartcity-Metropolen, wie Berlin eine werden soll" zu verhindern.

Die Anmaßung ist grenzenlos, die Überschätzung der eigenen Bedeutung ist keine geringere als die der Rebellentruppe des greisen Prinzen Reuß oder die der Kinderterroristen der Letzten Verteidigungswelle. Wie Hohn muss es für die Betroffenen klingen, wenn die Täter sich zynisch für "die Unannehmlichkeiten des nicht wohlhabenden, auf Hilfe angewiesenen Teils der Bevölkerung noch einmal ausdrücklich entschuldigen". Sie seien "nicht Ziel der Aktion". Kollateralschaden. Ein bisschen Schwund ist immer. 

Einfach Taschenlampen tauschen 

Man bitte die Bevölkerung deshalb "um gegenseitige solidarische Hilfe, insbesondere um Unterstützung für pflegebedürftige Menschen und deren Angehörige, den mittellosen Menschen dieser Stadtteile und den zurückgezogenen, mit der Situation überforderten Menschen". Wenn alle keinen Strom und keine Heizung mehr haben, für fast eine Woche, können immerhin noch Taschenlampen und Strickjacken getauscht werden. 

Das Mitleid der Täter "für die Besitzer:innen der vielen Villen, für die Immobilienfirmen, die Botschaften und andere elitäre Reiche in der Gegend" halte sich dagegen in Grenzen. "Die Reichen und ihre egozentrische, unsoziale Lebensweise zerstören gerade den Planeten." Jeder Tag, an dem 50.000 Berliner im Dunkeln sitzen, spart Kohlendioxid. Selbst wenn Villenbesitzer und elitäre Reiche sicherlich nicht bis Donnerstag in kalten Wohnzimmern ausharren, sondern kurzerhand in ein Hotel ziehen werden.

Es trifft die Falschen 

Es trifft die Falschen, die aber richtig. Und aus den richtigen Gründen. So nachsichtig die Medien mit dem Anschlag umgehen, so nachvollziehbar wird das angesichts der romantischen Vorstellungen einer gesunden Öko-Diktatur, die die Vulkangruppe in ihrem Manifest verbreitet. "Wir füttern mit unseren Daten die wolkig genannten Clouds, die nichts anderes als gigantische, energiefressende Rechen- und Serverzentren sind", heißt es da. 

Die großen Cloudspeicher würden "außerdem unser Trinkwasser saufen und Zahlen ausscheiden, die uns auf unseren Bildschirmen mit vielem nutzlosen, vermeintlich wichtigen Spam bombardieren, bis wir verlernt haben unserer Nachbar:in in die Augen zu schauen".

Die Angebote "an Teilhabe einer verbrannten Welt weisen wir mit unserer militanten Aktion zurück". Deshalb habe man "die Aktion auf das Gaskraftwerk in Lichterfelde gemacht". Man verhindere "dadurch nicht unsere eigene Verstrickung in eine imperiale Lebensweise auf Kosten anderen Lebens, aber wir setzen ein Signal", schreiben die modernen Maschinenstürmer. Sobald sie gefasst werden, falls es eines Tages so weit kommt, dürfen auch sie sich der warmen Solidarität des Kollektivs gewiss sein. 

7 Kommentare:

  1. Was tun (von rechts nach links)?
    1 keine Ahnung
    2 keine Ahnung
    3 keine Ahnung
    4 keine Ahnung
    5 keine Ahnung
    6 keine Ahnung
    (Pause)
    1 Jemand Kantine wenn der Fotograf weg ist?
    2-5 klar

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  2. Falls die Uhr an der Wand richtig ging, waren um 17:24 Uhr noch fünf Personen anwesend. Schon daran sieht man doch, daß sich die Verantwortlichen bis zur Verschleißgrenze abrackern, um die Krise zu bewältigen.

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  3. Die Szene ist eindeutig gestellt. Da steht kein Faxgerät auf dem Tisch.

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    1. Dafür haben sie frisch gedruckte Namensschilder mit korrekter Dienststellungsbezeichnung hinter den Notizbüchern aufgestellt. Der Personenkreis trifft sich wohl zum ersten Mal und macht grad einen kleinen Pausenplausch.

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  4. Es wird nichts frommen: Siehe das Wahlverhalten nach dem Ahrtal-Hochwasser. Die werden eher noch mehr Die Linke und Die Grünen Khmer wählen. Nebenbei, beim Antisemitismusbeauftragten (Wat dat nich all gift, Kinnings ... ) ist bloß der Schuppen etwas angekokelt. Und das Flugzeug (har, har), als welches das Pentagon angegriffen hätte (und sich dann in Feinstaub auflöste), hatte nach einer 270-Grad-Kurve genau DEN Teil des Gebäudes erwischt, der gerade renoviert wurde ...

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  5. Heimreisender on Januar 5, 2026 at 4:26 p.m. Antworten
    Wer finanziert und steuert diese Terroristen?
    Ich KÖNNTE dem Heimreisenden da durchaus weiterhelfen, aber ich KANN nicht, vor allem aber DARF nicht. Aus Gründen.
    Die von Danisch erwähnte / zitierte Annahme eines "Lastabwurfs" ist nicht völlig von der Hand zu weisen. Nur, ich kannte EINIGE, die sind tatsächlich so und noch schlimmer bescheuert.

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  6. Aber irgendwie ist es ja schon rührend, daß die Berliner tatsächlich versuchen das Problem mit Ortskräften zu lösen. Bis Donnerstag. Na ja. Sicher, man hätte auch in Peking anrufen können, dann wären nicht nur Leute gekommen, die wirklich etwas können, sie hätten auch ausreichend viele Generatoren mitgebracht, weil sie ihre nicht in die Ukraine verschenkt haben.

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