Sonntag, 26. April 2026

Informationsdesign: Der hässliche Bruder der Lüge

Gutes Informationsdesign schafft es, gezielt am eigentlich Thema vorbeizuberichten und aus Tatsachen Meldungen anzufertigen, die Menschen dümmer machen. 

Putin todkrank. Trump dement, und das schon seit neun Jahren. Elon Musk pleite. Aber einmal ist kein Mal und so lange eine Chance besteht, dass eine Vorhersage eintrifft, kann  sie nicht falsch sein.  Wladimir Putin etwa wurde in den zurückliegenden vier Jahren bereits dreimal für tot erklärt, sechsmal als unheilbar krank bezeichnet und ein Dutzend Mal wurde behauptet, ihm seien die Waffen und Soldaten ausgegangen. 

Bei Donald Trump, einer weiteren medialen Lieblingsfigur, weiß jedes deutsche Medienhaus, dass man ihm straflos nachsagen kann, was immer man will. In regelmäßigen Abständen wird berichtet, er sei dement, nicht mehr amtsfähig, verrückt oder nicht zurechnungsfähig. Meist sind es Hautflecken oder andere äußere Merkmale, die angeblich auf mehrere lebensbedrohliche Krankheiten hindeuten.  

Sorgen um Donald Trump 

Um die sichtlich angeschlagene Gesundheit seines Vorgängers Joe Biden haben sich deutsche Medienschaffende nicht ein Promille der Sorgen gemacht, die sie bei Trump mit unübersehbarer Vorfreude auf ein baldiges Ende verbreiten. Angeblich soll er einen Schlag­anfall erlitten haben. Er wirkte "seltsam und abwesend" an seiner geistigen Gesundheit bestanden ernst Zweifel in Hamburg und Berlin. Es war "eine Persönlichkeits­störung" oder doch Krebs. 

Man wusste es nicht genau, aber ganz genau. Als Elon Musk vor anderthalb Jahren begann, sich politisch zu engagieren, wurde nicht nur ihm, sondern sämtlichen seiner Unternehmen der nahe Tod vorhergesagt. Der reichste Mann der Welt werde in Kürze pleitegehen, jubelten die Postillen von Frankfurter Rundschau über den im selben Textvertrieb erstellten Münchner Merkur bis zu den großen Pressehäusern, die nur noch ihren guten Ruf aus längst vergangenen Tagen ausweiden.

Der feuchte Traum aller Reichenfeinde 

Die klammheimliche Freude war nicht zu überlesen: Sollte der feuchte Traum aller Reichenfeinde endlich in Erfüllung gehen? Würde sich das Imperium selbst zerstören? Sicher war, dass es so kommen würde – ungewiss nur, wann genau es nicht passiert. Wenigstens aber dauert es jedes Mal eine gewisse Zeit, bis sich herausstellt, dass die mit viel Fantasie und reichlich Raunen hergestellten Informationen keineswegs der Wahrheit entsprechen. Dann liegt so viel Staub auf den haltlosen Behauptungen des vergangenen Jahres, dass man selbstbewusst sagen kann: Es hat sie nie gegeben. 

Doch wieder und wieder erreichen diese Märchen eine recht hohe Reichweite. Manches Altmedium hat 50.000 Abonnenten mehr als der rechte Youtuber Weichreite. Und DPA, die größte deutsche Nachrichtenagentur, erreicht Menschen weit darüber hinaus. Was aus den Schreibsälen der Nachrichtenfabrik kommt, landet ungefiltert und ungeprüft in nahezu jedem deutschen Haushalt. 

Die "Tagesschau"-Methode 

Die Deutsche Presse-Agentur arbeitet nach der sogenannten "Tagesschau"-Methode: Als unvollständig verstandenen, falsch interpretierten und vorsorglich nur teilweise weitergeleiteten Informationen werden Nachrichten gemacht, nach deren Lektüre die Leser in jedem Fall dümmer sind als zuvor. Wer mit der Wahrheit lügen will, macht es so wie die "Tagesschau" im Umgang mit dem Vorhaben der Bundesregierung, die verfassungswidrige Vorratsdatenspeicherung nun endlich doch an den Bürgern vorbeizuschmuggeln. 

Als Ziel der "IP Adressenspeicherung", wie das Vorhaben nach einem Vorschlag der Bundesworthülsenfabrik (BWHF) in Berlin jetzt nur noch genannt werden soll,  wird die "bessere Verfolgung von Cyberkriminalität und leichtere Ermittlung von Straftätern und Terrorverdächtigen" genannt. Und das Ganze überschrieb die "Tagesschau" mit der Zeile "Daten sollen länger gespeichert werden".

Es geht doch um nichts 

Länger. Kein Ding. Sicher nur ein bisschen. Dass Daten in Deutschland mit gutem Grund gar nicht gespeichert werden dürfen, abgesehen, abgesehen von der kurzen Frist, die die Provider benötigen, um ihre Abrechnungen zu erstellen, erfährt der Zuschauer nicht. Er soll den Eindruck bekommen, da werde nichts neu eingeführt, sondern nur ein wenig gestreckt. 

Kein Wort darüber, dass den Providern erneut eine Pflicht auferlegt wird, die höchste deutsche und europäische Gerichte schon mehrfach verworfen haben. Kein Wort davon, dass schon ein halbes Dutzend Versuche gescheitert sind, in die zum innersten Kern der Privatheit zählende Kommunikationsfreiheit einzugreifen. 

Der Trick funktioniert immer 

Das Wörtchen "länger" suggeriert, hier passiere nichts Wesentliches. Alles normal. Alles zu unserem Besten. Dass es bei der "IP Adressenspeicherung" um die diese anlasslose Speicherung von Daten von Millionen Menschen geht, die niemals in Verdacht geraten werden, eine kriminelle Tat begangen zu haben, spielt keine Rolle. Der Trick funktioniert immer und immer wieder. Wie ein Torero, der mit einem roten Tuch winkt, zwingen die Meister der Informationsillusion die Blicke der Öffentlichkeit in eine andere Richtung. Dort ist das Vögelchen! 

Es handelt sich bei der Methode ausdrücklich nicht um Lügen. Sogenanntes "Informationsdesign" besteht darin, dass einer Nachricht unpassende Teile hinzufügt oder passende rückstandslos entnommen werden. Versehen mit einer irreführenden Überschrift, lässt sich aus fast jeder Tatsache deren Gegenteil machen. Es ist nicht falsch, aber richtig ist es auch nicht. Die Meister des Metiers können Menschen nicht nur ein X für ein U vormachen. Sie schreiben es auch noch mit O.

Die brachiale Variante 

Wer nicht hellwach ist und aufpasst wie ein Schießhund, wird in Bockshorn gejagt, ohne es überhaupt zu bemerken. Natürlich gibt es die brachiale Variante von Informationsdesign, wie sie die Meisterwerkstatt für mediale Manipulation (MMM) beim ZDF in Mainz pflegt. Hier wird mit teuren Grafiksystemen aus  Faktenmaterial die erwünschte Wahrheit machen, selbst wenn der Fakt genau das Gegenteil dieser Wahrheit belegt. Wenig kann viel sein, noch weniger noch mehr. 

Es gibt kein Oben und kein Unten, kein Richtig und kein Falsch. Der Zuschauer glaubt entweder oder er verzweifelt. In beiden Fällen gelingt es in der Regel, beim Publikum das Gefühl zu erzeugen, es wisse zwar immer noch nichts, sei aber ausreichend gut informiert, um sicher sein zu können, dass alles auf einen guten Weg gebracht ist.

Backautomat für Regierungspropaganda 

Wie die Methode wirklich funktioniert, zeigt ein aktuelles Beispiel aus dem DPA-Backautomaten für Regierungspropaganda. Nachdem ein Gesetzentwurf aus dem Bundesinnenministerium vor einigen Tagen für böses Blut gesorgt hatte, weil Alexander Dobrindt den treuen Beamten trotz leerer Kassen 3,5 Milliarden Euro mehr zustecken wollte - angeblich die unumgängliche Konsequenz eines Urteils des Bundesverfassungsgerichts - musste schnell öffentlich gegengesteuert werden. 

Das Urteil war nun doch nicht mehr irreversibel und unverzüglich vollstreckbar. Das Bundesinnenministerium versicherte über DPA, dass man die geplante Besoldungsanhebung für Spitzenbeamte reduzieren werden. Es sei Dobrindt "besonders wichtig", dass die Anhebung der Besoldung der Bundesbeamten  geringer ausfalle als ursprünglich geplant und Großverdiener "keine Besoldungsanpassung über die reguläre tarifliche Anpassung hinaus" bekämen. 

Ein besorgter Minister

In seinem Abwehrkampf gegen die Kritik an seiner geplanten Fütterung der Staatsdiener hat Dobrindt noch mal eine neue Besoldungstabelle durchgesteckt. Wie geplant zitiert die Deutsche Presse-Agentur nur was abgesprochen war. Die neue Gehaltsstruktur sehe für "Beamte der Besoldungsgruppe B3 ein monatliches Grundgehalt von 10.572,91 Euro vor – statt der eigentlich geplanten Erhöhung auf 10.854,48 Euro", heißt es da. Und "in der Besoldungsgruppe B10 sollen es 16.530,96 Euro pro Monat sein, anstatt des zunächst vorgesehenen Grundgehalts von 17.946,70 Euro." Auch die Besoldung von Richtern und Staatsanwälten in Spitzenpositionen werde "etwas weniger üppig ausfallen, als dies der ursprüngliche Plan vorsah".

Entwurf des Innenministeriums

Aufatmen im Land. Wer das so liest, von wahren Künstlern des modernen Informationsdesigns nach allen Regeln des Handwerks zusammenmanipuliert, wird nicht bemerken, was mit ihm geschieht. Denn von den zahlen geht es jetzt gleich zu Dobrindt, dem Auftraggeber, von dem es heißt, er habe "vor einigen Tagen einen Vorschlag für eine neue Besoldungsstruktur der Beamten im Bund vorgelegt", der Mehrausgaben von mehr als drei Milliarden Euro pro Jahr zur Folge gehabt hätte. Hätte. War. Das ist vom Tisch.

Danach aber folgt der verwirrende Satz "Der Entwurf sieht insgesamt eine stärkere Anpassung an die wirtschaftliche Entwicklung, die allgemeine Lohnentwicklung und die Lebenshaltungskosten vor" - die Informationsdesigner sorgen hier durch die Zeitform Präsenz dafür, dass kein Leser mehr weiß, welcher Entwurf gemeint ist. Der alte, teure? Oder der neue, der "etwas weniger üppig ausfällt"?

Gezielte Informationsverdünnung 

Darum geht es. Informationsdesign dient der Informationsverdünnung. Im Fall der Erhöhung der "Dienst- und Versorgungsbezüge im Bund", mit der die Bundesregierung versucht, im allgemeinen Stimmungstief wenigstens die Beamtenschaft folgsam und treu zu halten, zielt das Wortgeklingel mit den springenden Zeitformen und den aufgeführten Beispielzahlen allein auf einen Zweck: Niemand soll fragen, um welche Beträge die Vergütung von Spitzenbeamten denn nun am Ende wirklich steigen wird.

Das nämlich könnte Teile der Bevölkerung beunruhigen. Derzeit beziehen Angehörige der  Besoldungsgruppe B10 im Bund nämlich beispielsweise ein monatliches Grundgehalt von 15.612 Euro. Schon ab Mai sollen es 16.530 Euro pro Monat sein - ein Gehaltssprung von fast 12.000 Euro im Jahr. 

Kaum vermittelbare Zahlen 

Eine Zahl, das hat das Bundesministerium erkannt, die angesichts der Stimmungslage kaum vermittelbar ist. Die DPA-Informationsdesigner aber schafften das unmöglich geglaubte: Sie brachten die wirklichen und viele Millionen Menschen empörenden zahlen unter die Leute, ehrlich und unverfälscht. Verglichen sie aber nicht mit den bisherigen Gehaltshöhen, sondern mit höheren, die irgendwo irgendwann geplant waren. Durch das Weglassen einer Zahl, um wie viele Milliarden der Unterhalt der Beamtenkaste künftig teurer werden wird - weniger als 3,5 Milliarden, aber wie viel? - relativierten sie so ausreichend Unschärfe ins Bild.

Tausend Euro mehr für alle 

Auch die Besoldungsgruppe B3 sieht goldenen Zeiten entgegen: Hier steigt das monatliche Grundgehalt zwar nur auf "10.572,91 Euro anstatt wie zunächst vorgesehen auf 17.946,70 Euro." Verglichen mit dn 9603 Euro, die B3-Beamte derzeit beziehen, sind das auch 969 Euro pro Monat mehr - ein Anstieg von fast zehn Prozent. Für die B11-Bundesbeamten, anderen Besoldung sich die Amtsgehälter der Regierungsmitglieder orientieren, klettert das monatliche Grundgehalt von Höhe von 16.000 auf 17.030,76 Euro.

Das sieht vom Olymp der Staatskunstausübung nicht nach viel aus. Doch es entspricht der Grundsicherung  Regelbedarfsstufe 2 für zwei Ehegatten. 

Keine Erhöhung für Minister

Damit lässt draußen im Land, wo sie von ihrer neuen Regierung enttäuscht sind, erschüttert und vielerorts geradezu entsetzt, keine Sympathiewerbung betreiben. Dobrindt hat der DPA deshalb aufgetragen, wie wichtig es ihm sei zu betonen, dass er und die anderen Kabinettsmitglieder "von der Anpassung ohnehin nicht profitieren". Er sagt: "Eine Gehaltserhöhung für Minister und Bundeskanzler  war zu keinem Zeitpunkt vorgesehen und findet auch nicht statt."

Weil das Bundesministergesetz vorsieht, dass der Bundeskanzler von der Gehaltsentwicklung der Besoldungsgruppe B11 "in Höhe von einzweidrittel und die Bundesminister in Höhe von eineindrittel" direkt partizipieren, wird die Bundesregierung folglich in Kürze eine Gesetzesnovelle in den Bundestag einbringen, die das verhindert. Oder sie wird darauf setzen, dass es mit Hilfe der kurzen, knappen und bundesweit ausgerollten Kampagne zur neuen Besoldungsstruktur gelungen ist, das Thema totzutreten. 

1 Kommentar:

  1. "Sollte das ZDF in der heutigen Sendung Bilder unseres Mandanten veröffentlichen und sollte ihm oder seiner Familie deshalb etwas zustoßen, werden Jan Böhmermann und ZDF-Intendant Norbert Himmler hierfür zur Verantwortung gezogen. "

    Im Falle dass, bekommen sie einen Tadelstrich ins Muttiheft.

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