Donnerstag, 28. Mai 2026

Wüstes Gerücht: Der Alternative für Deutschland

Neben der "Fußballlegende Luks Podolski" präsentiert der "Stern" den kommenden Kanzler. Umfragen zufolge würde Podolski allerdings mehr Stimmen holen.

Eigentlich saß Daniel Günther ganz vorn auf der Ersatzbank. Der smarte Privatmann aus Schleswig-Holstein versteht es wie kein anderer, seine Hüte je nach Situation zu wechseln. In einem Satz ist er noch Ministerpräsident, im nächsten Parteipolitiker und im dritten kann er bei Bedarf schon das Gewand eines ganz gewöhnlichen Bürgers tragen. 

Genau so einen vermissen sie in Berlin, seit es mit den Beliebtheitswerten der Koalition abwärts geht. Abwärts zumal von einem Startniveau, bei dem frühere Regierungsbündnisse als "unbeliebt" bezeichnet worden wären.

Bis die Balken sich biegen

Doch alles über Null lässt sich messen und aus allem über Null lässt sich Hoffnung saugen. Peter Altmaier, inzwischen neben Ruprecht Polenz bestes Ruhestandsross im digitalen Pferdestall der Unionsfluencer, schlug neue Umfragen vor, bis die Balken sich biegen. Die Alternative wäre ein umfassendes Umfrageverbot, forderten Stimmen aus der Wissenschaft. 

Demoskopen schüfen "Raum für toxische Rückkopplungen". Wähler wählten, um zu gewinnen. "Wenn die Stimmung ist, wie sie ist, dann liegt das oft auch einfach daran, dass sie sich ungebremst verbreitet", warnte Soziologin Laura Sommerletz. Die Zeit aber, sie wird zu knapp. Weder neue Verbote noch ein rasches Rentenpaket, weder Kürzungen beim Kindergeld noch eine Erhöhung der Umsatzsteuer versprechen den ersehnten "Stimmungswechsel bis zum Sommer", den Bundeskanzler Friedrich Merz schon im vergangenen Jahr so knapp verpasst hatte.

Wie Helmut Kohl in besseren Tagen 

Plan B war Daniel Günther, nach zwei Jahren als Projektbetreuer bei der Wirtschaftsförderungsgesellschaft "Kieler Initiativen" in den zurückliegenden 25 Jahren atemberaubend aufgestiegen vom Kreisvorsitzender der Jungen Union Rendsburg-Eckernförde zum erfolgreichsten CDU-Ministerpräsidenten der Republik. 

Günther holte daheim in Schleswig-Holstein Wahlergebnisse wie in Helmut Kohls besten Tagen. Günther steht für eine Union, die die Einheitskanzler nicht mehr mit der Zange anfassen würde. Er ist ein Landesvater, der genau weiß, was den Menschen gut tut. Und seine Menschen wissen, dass er es gut meint, selbst wenn es mal schlecht läuft.

Selbst sein Parteikollege Hendrik Wüst, der andere ambitionierte Merkelianer in der langsam dahinschwindenden CDU,  kann vom Rhein aus nur neidisch nach Norden schauen: Günthers letzte Landtagswahl endete mit einem Ergebnis von mehr als 43 Prozent der Stimmen. Grüne, SPD und FDP kamen zusammen so eben in die Nähe. 

Dickes Drittel am Rhein

Wüsts knapp 36 Prozent, in Nordrhein-Westfalen als "dickes Drittel" gefeiert, steht in Merz gemessen auch gut da. Aber ein enges Rennen um den Nachfolger des glücklosen Kanzlers der "Vertrauenskoalition" sahen Beobachter der Berliner Blase bisher nicht.

Seit Günthers sagenhaft vielfältigen Auftritt bei Markus Lanz ist der Gestaltwandler Favorit für den Nach-Merz. Der Kieler spricht die Dinge aus, die alle hören wollen. Er hat keine Angst vor falschen Zungenschlägen. Er würde sie verbieten, ausmerzen und die Betreffenden hart bestrafen. Und sobald er in Bedrängnis gerät, windet er sich geschickt aus jeder Bredouille. 

Hendrik Wüst wirkt neben ihm groß, aber steif. Auch der zwei Jahre jüngere Münsterländer nutzt zwar jede Gelegenheit, sich ins rechte linke Licht zu setzen. Oft geht ihm dabei aber alles schief. Mal verschreibt sich ein Mitarbeitender. Mal gelingt es nicht, die passende Tonalität zu finden, um die schlimme deutsche Geschichte für eigene Zwecke zu instrumentalisieren. 

Weg vom marktradikalen Merz-Kurs 

Wüst, mit 20 in seine politische Karriere gestartet, mit 30 Landtagsabgeordneter und mit 46 Ministerpräsident, überstand eine Zuschussaffäre und den Skandal um an Sponsoren verkaufte Gesprächstermine mit dem damaligen Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers. Nach Berlin gehen hätte er schon gern gewollt, schon allein, um die Brandmauer durch einen Kurswechsel weg vom marktradikalen Merz-Fokus aufrecht zu erhalten. 

Aber trotz der größeren Hausmacht, die NRW einst in die Lage versetzte, den sogar bräsigen Landesvater Armin Laschet zum Spitzenkandidaten der Union zu machen, hielt sich Hendrik Wüst an die alte Regel des politischen Mikado-Spiels: Wer sich zuerst bewegt, ist raus.

Arm in Arm mit Luks Pdolski 

Das ist nun offenbar Daniel Günther. Ankündigungslos hat die Illustrierte "Stern" den Juristen aus Rhede auf den Schild gehoben. Ende die tiefe Krise, zu der sich die Kanzlerschaft Merz entwickelt hat, im Spätsommer mit einem Desaster bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin, sei es vorbei mit Friedrich Merz. Hendrik Wüst sei als "Einwechselkanzler" vorgesehen, heißt es da, versehen mit einem Aufmacherbild, das den 50-Jährigen strahlend neben einer "Fußballlegende Luks Podolski" (Stern) zeigt.

Immer öfter fällt der Name von Hendrik Wüst, raunt der Text. Das komme "weil der amtierende Regierungschef in der Krise steckt". Beim "Stern", von Kritikern gelegentlich als "Organ der organisierten Infamie" beschimpft, sehen sie bei Friedrich Merz keine grundsätzlichen Versäumnisse. Da seien allerdings "handwerkliche Patzer, Ungeschick im Regierungshandeln, miese Stimmung in der schwarz-roten Koalition" – Dinge, die Hendrik Wüst im Handumdrehen besser machen würde, wenn er könnte.

Ein wüstes Gerücht 

Wüst als Alternative, das ist ein wüstes Gerücht. Doch so werden Diadochenkämpfe seit Jahrtausenden geführt. Schießen aus dem Hinterhalt. Genehmen Protokollanten Propaganda in den Block diktieren. "Nach einem knappen Jahr im Amt wirkt die Regierung unkoordiniert und ohne klare Leitidee", legt "Stern"-Reporter Julius Betschka den Finger in Wunden, die der Mehrzahl der Wähler vermutlich kaum bis gar nicht Sorge machen.

Betschka, bekannt geworden mit dem Merksatz "Jede Häme zeugt von der Uneignung als Mensch",  ist allerdings näher dran an den Nöten der Mächtigen, die er als "Reformstau", "Pleite im Bundesrat bei der 1000-Euro-Prämie" und "Managementfehler im Kanzleramt" buchstabiert. Der Text ist solidarisch. Er rechnet Friedrich Merz noch einmal vor, dass seine geistig-moralische Wende zurück zum Neoliberalismus mit langsamerem Staatsausbau, Kürzungen bei der Finanzierung der Zuvielgesellschaft und vorsichtigem Bremsen beim Klimaschutz in eine Richtung führt, die in Hamburg nicht gefällt.

Wüst, Führer einer schwarz-grünen Regierung in NRW, gilt ihm als "telegener, moderater und erfolgreicher Landespolitiker mit breiterer Akzeptanz". Wüsts Auftritte mit Luks Podolski zeigten ihn als "frischere, geschicktere Figur, die möglicherweise besser durch schwierige Zeiten steuern" könne, mutmaßt er. Es ist ein Balanceakt, denn wer sich zu früh aus der Deckung schiebt, der steht schon auf der Bühne und kann von der Parteibasis nicht mehr gerufen werden.

Ein gewiefter Mikadospieler 

Man muss sich dennoch anbieten. Man muss den eigenen Namen nennen lassen. Man muss den doppelten Schwächeanfall von Merz und Günther nutzen, ehe die Sommerpause beginnt und mit der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt dann schon das Grande Finale. Als Wüst im Januar sagte, das "Jahr 2026 kann der Beginn einer Aufholjagd für Deutschland sein" und mit dem alten Koalitionsgruß "Kopf hoch, Deutschland" schloss, stecke vielleicht schon mehr dahinter. 

Fünf Jahre nach Angela Merkel und eins nach der Aktentasche Olaf Scholz sehnen sich die Leute wieder nach Politik aus einer Hand, Ansagen von oben und ein Ende der endlosen Diskussionen. Wüst, ein gewiefter Mikado-Spieler, steht offiziell loyal zu Merz. Alles andere würde seine Chancen auf die Thronfolge sofort zerstören. 

Kein Problem mit SPD-Ideen 

Doch er zeigt bei jeder Gelegenheit, dass er kein Problem mit den Reformideen der deutschen Sozialdemokratie hätte. Spitzenverdiener, die deutlich über dem Durchschnittseinkommen liegen, könnten zur Kasse gebeten werden, deutete er an. Auch die Erbschaftssteuer sei nicht heilig, sagte Wüst zu den Plänen der SPD im Bund zur höheren Besteuerung von reichen Erben und der Vererbung von Unternehmen. 

Klüger aber erscheine ihm, sich vom Bundesverfassungsgericht Anweisungen zur Wiedereinführung geben zu lassen. Jetzt finde die  "Debatte zur Unzeit" statt. "Man muss höllisch aufpassen, dass man gerade in dieser Situation nicht die falschen Signale setzt", warnte Hendrik Wüst seine Partei vor dem Volkszorn. 

Ein Erfolgsmanager 

Ein Macher, ein Erfolgsmanager, ein Mann, wie ihn die malade Union sich herbeisehnt, seit mit Angela Merkel die Frau abgetreten ist, die die Dinge laufen ließ, bis nichts mehr lief. Die Bilanz, die Wüst in NRW vorzuweisen hat, spricht eine klare Sprache. Die Schulden im Land, das dank der ehemaligen Hauptstadt Bonn weiterhin Sitz von unzähliger und bedeutender Behörden ist, sind hier um ein Drittel höher als im Rest der Republik. Auch die Arbeitslosigkeit liegt mit 7,8 Prozent nicht nur deutlich über dem Bundesschnitt, sondern auch über dem Durchschnitt in Frankreich und der gesamten EU. 

Dafür allerdings wächst das bevölkerungsreichste Bundesland selbst verglichen mit dem lahmenden Gesamtdeutschland noch langsamer. Trotz eines Zuzuges von 3,38 Millionen Menschen aus dem Ausland seit 2015 und einer Nettozuwanderung von mehr als einer Million Neubürger im gleichen Zeitraum zeigen die Wirtschaftsdaten aus Düsseldorf keinen Zuwanderungsgewinn. NRW profitiert demografisch stärker als andere Bundesländer vom Massenzuzug des vergangenen Jahrzehnts. Wirtschaftlich aber deutlich unterdurchschnittlich.

Ein Rückfall namens Wüst 

Nach vier Jahren Hendrik Wüst in der Staatskanzlei liegen die 17 Millionen Nordrheiner und Westfalen beim Bruttoinlandsprodukt pro Kopf weiter hinter Bayern, Hessen, Baden-Württemberg und  - sogar - Berlin zurück als damals unter Armin Laschet. Dass der Organisator der ernüchternden Bilanz in der CDU als Retter gehandelt wird, "da Merz massiv an Autorität verliert", wie es im "Stern" heißt, sagt mehr über die Union aus als über Hendrik Wüst.

Der beste Mann als Eintauschkanzler, aus der Kulissen geschoben nach den "schrecklichen Wochen", wie Julius Betschka das Jahr unter Merz immer noch rücksichtsvoll nennt. "Wenn von Nachfolge geredet wird, dann gibt es erfahrungsgemäß kaum noch eine Chance, den Übergang ohne Hauen und Stechen über die Bühne zu bringen", hat der bekannte Regressionsforscher Hans Achtelbuscher im Zuge der  Diskussionen um Merkels 5. Amtszeit erklärt. In postdemokratischen Systemen der vollentwickelten korporativen Parteiendemokratie finde die geordnete Besetzung von Posten durch deren Inhaber statt, nicht auf der Basis von Beliebtheitsrankings oder Parteitagsbeschlüssen.

Abweichungen von der Vorschrift verweisen auf einen angeschlagenen Amtsinhaber. Wilde Zuschreibungen, die Hendrik Wüst als "liberal-konservativer Politiker" anpreisen, zeigen allerdings auch, dass allen an der gezielt veröffentlichten Spekulation Beteiligten klar ist, dass die Ablösung des hölzernen Sauerländers mit dem Händchen für das Brechen von Versprechen durch einen  Hoffnungsträger mit klarem rot-grünen Profil die Lage dauerhaft kaum bessern dürfte.

4 Kommentare:

  1. muß das nicht heißen:

    erklärte unser Experte Hans Achtelbuscher, Regressionsforscher aus Niederdübelingen an der Warteschleife ...

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  2. Merz, Wüst und der Typ ohne Nachname verschwimmen vor meinem inneren Auge zu ein und derselben Person, irgendwie. Die könnten auch alle drei gleichzeitig als Kanzler auf die Ochsen vorm Karren eindreschen.

    'Uneignung als Mensch'? Untermensch? Ja klar.

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  3. OT antisemitische Klavierkonzerte sind mal 'ne schöne Abwechslung (via Achse)

    https://www.berliner-zeitung.de/article/elfen-im-sperrfeuer-thielemann-und-levit-fuehren-klavierkonzert-von-hans-pfitzner-auf-10036995

    Da schreibt ein Peter Uehling (Musiker und Musikkritiker) '... was er [Pfitzner] über die Shoah zusammenrülpste, wäre in der Bundesrepublik, ... , bestraft worden.'

    Anders als Rülpsjournalismus, der ist immer willkommen gegen rechts.

    P.S. Pfitzner & Thielemann gibt es auf Youtube, spätromantisches Emo-Geschrammel, nix für unserein

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  4. OT << US-Medien enthüllen: Vierjährige Warteliste für neue Superjachten wegen riesiger Nachfrage von ukrainischen Beamten >> -
    Mutmaßlich keine "Ukrainer" sensu strictu.

    <<< ... was er [Pfitzner] über die Shoah .... >>> Die was? Ist das was zum Essen, wennde reinbeißt bimmelts?

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