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| Die Leugnung von Klimaanlagen gehörte viele Jahre lang zur Basis deutscher Vorbereitungen auf Hitzeereignisse. |
Immer ausgerechnet dann, wenn etwas ist, muss dringend etwas getan werden. Rasch! Sofort! Unverzüglich! Erst ewig ein Winter, der nicht enden wollte. Dann ein viel zu warmer Mai, der niemand bemerkte. Und auf einmal erst 37 Grad Celsius, dann 41 und mehr. Deutschland schwitze. Erstmals fiel auf, dass kein Krankenhaus, kein Seniorenheim und sowieso kaum eine Wohnung im Land klimatisiert ist.
Nackt im Pflegebett
Alte, Kranke und Vulnerable lagen bei 38 Grad nackt im Pflegebett. Wackere Bürokraten schwitzten bei 36 im Home Office. Alarm selbst bei der EU-Kommission. Ursula von der Leyen wies an, die Klimaanlagen auf den unteren Etagen im Berlaymont-Palast abzuschalten, um ein Signal der Solidarität in die aufgeheizte Gemeinschaft zu schicken. In Belgien werden die Kühlanlagen allerdings mit Atomstrom betrieben. Deshalb war eine Teilabschaltung ausreichend, von der Leyens Zimmerflucht unterm Dach blieb kühl.
Die Reflexe der Politik, sie funktionieren auch bei großer Hitze. Ältere erinnern sich an die leidenschaftlichen Debatten nach den Hochwassern im Ahrtal und in Ostdeutschland. So viel Leid. So viel Elend. So hoher Schaden! Nie wieder würde Deutschland auch nur ein Haus im Überflutungsgebiet bauen. Nie wieder vergessen, mit welch zerstörerischer Macht Mutter Natur sich rächt, wenn man sie reizt! Vernunft würde einziehen. Resilient würde man werden.
Das Maß an Anpassungsfähigkeit
Der Begriff meint in der Systemtheorie die Beschreibung der Fähigkeit eines Systems, sich inmitten geänderter äußerer Verhältnisse selbst zu erhalten. In der politischen Psychologie aber beschreibt er das Maß an Anpassungsfähigkeit, das ein Politiker zu zeigen vermag, um auf Probleme und Veränderungen mit der Anpassung seines Kommunikationsverhaltens Kompetenz zu simulieren.Was in den Zeiten der "zerstörerischen Fluten" (DPA) das Bauverbot für Überflutungsflächen war, verwandelte sich in den Tagen der Pandemie in das verbale Bemühen um Lieferketten. Die waren die ersten Opfer der Lockdowns geworden. Sie verdeutlichten schlagartig, was außerhalb von Brüssel und Berlin jeder wusste: Europa ist auch bei Medikamenten und medizinischen Hilfsmitteln von Importen abhängig. Die Resilienz liegt bei etwa vier Tagen. Dann geht dem Kontinent selbst das Salzwasser aus.
Nähen auf eigener Scholle
Masken war schon vorher nicht da. Sollten aber jetzt bald überall in eigenen Fabriken genäht werden. Politisch war das unumstritten. Wirtschaftlich ein riesiger Erfolg, den die Übersichtskarte des Maskenherstellerverbandes Deutschland einprägsam zeigt. Alle konnten sich auf die Schultern klopfen. Das EU-Programm einer Gesundheitsversorgungsunion namens "Hera" hatte ebensolchen Anteil an diesem kleinen, aber feinen Triumph wie das Wirken mehrerer Bundesregierungen.
Aber immer ist etwas. Nie ist es zu Ende. Bei 41 Grad und angesichts tausender Hitzetoter zählt nicht mehr, wie viel Retentionsfläche die Parteien haben neu schaffen oder zubauen lassen können und nicht, was aus der Maskenproduktionsanlage von Fraunhofer IPT, IBF Automation GmbH und Druckerei Moss Lennestadt-Altenhundem geworden ist. Die hatte nach nur fünf Wochen 50.000 MNS-Masken täglich herstellen können, ehe die Moss GmbH das temporäre Projekt zur Sicherung von Arbeitsplätzen wieder einstellte.
Im Kampf gegen das Thermometer
Bei 41, 43 und "bald 47 °C" (Golem) braucht es auch andere Dinge viel dringender. Nahezu umstandslos haben alle Parteien bereits in den ersten warmen Stunden des spät einsetzenden Sommers die Klimaanlage als neues Referenzprodukt zum Nachweis des eigenen Engagements ausgemacht. Ein akuter Mangel wurde erkannt und umgehend thematisiert. Tatkraft im Kampf gegen hohe Thermometerstände. Hitzeschutz für die, die nicht warten können, bis der deutsche Kampf gegen den CO₂-Ausstoß beginnt, sich auf die globalen Hitzetemperaturen auszuwirken.
Bis dahin war Deutschland zwar weltweit europaweit das einzige Land, das über die ausgeklügelte Deutsche Anpassungsstrategie an den Klimawandel (DASK) verfügt, deren "übergreifendes Ziel ist es, Gesellschaft und Wirtschaft, Natur und Infrastruktur in Deutschland klimafest zu gestalten".
Doch die unter der Ägide der grünen Umweltministerin Steffi Lembke entworfene Strategie benennt dafür zwar "33 Ziele und über 180 Maßnahmen für die Vorsorge vor Extremereignissen wie Hitze, Dürre, Starkregen und Hochwasser". Das Wort "Klimaanlage" aber kommt im "vorerst letzte Baustein eines umfassenden Updates der Klimaanpassung in Deutschland" (Steffi Lembke) nicht vor.
Statt Kälte erschaffen sie Hitze
Klimaanlagen gelten nicht nur bei den Grünen, sondern über die SPD bis weit in den Günther-Flügel der Union als Klimakiller. Die umgekehrten Wärmepumpen werden in Medienkampagnen für die Erderwärmung verantwortlich gemacht. Öffentlich-rechtliche Sender rechneten aus, um wie viel Grad die Verwendung von Klimaanlagen die Rekord-Hitzewelle weiter anschwellen lassen würden. Jedes einzelne Klimagerät ist ein Akt der Entsolidarisierung: Die "Kälte im Innenraum hat einen Preis", fand der MDR heraus, "wärmere Nächte draußen", es wird "noch heißer als im Rest von Deutschland".
Als Karl Lauterbach, der so umsichtige und beliebte Gesundheitsminister von der SPD, in seinem zweiten Aktionsplan Anpassung zur Umsetzung der Deutschen Anpassungsstrategie anwies, überall im Land Hitzeaktionspläne (HAP) zu erstellen, war er sich mit der beratenden Bund/Länder-Arbeitsgruppe "Gesundheitliche Anpassung an den Klimawandel" (GAK) einig.
Keine Waffe unserer Wahl
In den amtlichen "Handlungsempfehlungen für die Erstellung von Hitzeaktionsplänen zum Schutz der menschlichen Gesundheit" verzichtete der Minister auf jeden Hinweis auf die Existenz einer ausgereiften Technologie, die in wärmeren und heißen Regionen die Waffe der Wahl zum Erhalt von Bedingungen ist, die Menschen das Überleben ermöglichen.
In Deutschland, dem von der Klimaerwärmung am schlimmsten betroffenen Gebiet, sollte künstliche Kälte niemanden von der Dramatik der Situation ablenken. Jeder Hitzetote war bedauerlich. Doch sein Opfer keineswegs umsonst: Er lieferte ein Argument, sich weiter anzustrengen beim Energieausstieg.
Deutschland setzte auf Dämmung und Sonnenschirme, auf Fächer für Alte und hitzefrei für Kinder. Das Konzept "Schwammstadt", das vorsieht, versiegelte Flächen in Städten und Gemeinden aufzubrechen, um Rasen zu säen, der die immer wieder ausbrechenden Dürrewellen aufnimmt, wurde populär. Kosten hin, Kosten her. Besser als die Idee, das hochgelobte Wärmepumpenkonzept auch dann zu nutzen, wenn ohnehin Unmengen an ungenutztem Solarstrom die Leitungen verstopfen.
Brunnen, Bäume, Trinkanlagen
Lembke und Lauterbach waren einig. Es würden Brunnen und Trinkanlagen gebaut werden, Kirchen müssten für überhitzte Alte ihre Türen öffnen, Städte und Gemeinden Kellerräume als Zuflucht für Hitzeopfer zur Verfügung stellen. Viel trinken!, lautete ein anderer guter Rat. Wer es ab und zu vergaß, konnte die Hitzehotline anrufen und sich praktischerweise daran erinnern lassen. Der gute Rat beim bundesweiten Hitzeschutztag: Nicht ohne Hut in die Sonne! Immer eincremen!
Das alles waren Erkenntnisse, die das ReFoPlan-Forschungsprojekt "Deutsche Anpassungsstrategie an den Klimawandel" (DAS) in aufwendiger Arbeit zutage gefördert hatte. Über Jahre hatten die besten deutschen Hitzewissenschaftler bei umfassenden "Wirksamkeitsanalysen" (Karl Lauterbach) herausbekommen, dass der beste Hitzeschutz darin besteht, Bäume zu pflanzen, Schottergärten zu verbieten, die Wetterkarten im Fernsehen röter zu färben und die Zahl der vom Deutschen Wetterdienst ausgelösten Interventionskaskaden weiter zu erhöhen.
16.000 Mal "gefährliches Wetter"
16.370 Mal warnte der DWD im Jahr 2024 vor "gefährlichem Wetter", insgesamt kommt der amtliche Warndienst Jahr für Jahr auf bis zu 200.000 regionale Warnhinweise. Etliche davon liefen ins Leere, könnten sich Bürgerinnen und Bürger in klimatisierten Büros und klimatisierten Wohnungen auch den schlimmsten Hitzewellen aller Zeiten ausweichen. Das wäre "nicht gut für unseren Planeten" und musste deshalb verhindert werden. Klimaethiker argumentierten sachlich. Heutige Opfer retten zukünftige Generationen.
Doch die beste Verteidigung hält nur so lange, bis der Feind durchbricht. Am letzten Juni-Wochenende war es so weit. Die "alle Rekorde brechende Hitzewelle" brannte die ideologischen Probleme weg, die bis dahin zwischen vernünftigen Anpassungsmaßnahmen an veränderte Temperaturen und Hitzeaktionsplänen mit Baumpflanz- und Feuchte-Tücher-in-den-Nacken-Empfehlungen gestanden hatten.
In der Hitze des Gefechts
In der Hitze des Gefechts entdeckten die eingeschworenen Gegner von Klimaanlagen ihre Liebe zur Technologie. Die epochale Fehleinschätzung, man könne Hitze mit Bäumen und Trinkbrunnen bekämpfen, wich innerhalb einer einzigen Tropennacht lauten Forderungen, man brauche jetzt umgehend ein "Abkühl-Sofortprogramm für Klimaanlagen". Denn "das Wichtigste wäre, dass man alte Menschen und Kinder besser schützt mit Klimaanlagen - in Pflegeeinrichtungen, in Krankenhäusern, in Schulen", sagte die grüne Parteivorsitzende Katharina Dröge.
Die Frau ist Hitzeexpertin. Im Sommer des vergangenen Jahres hatte sie noch gefordert, der arbeitenden Bevölkerung doch ab 26 Grad plus hitzefrei zu geben. Klimaanlagen hat sie nie zuvor erwähnt. Ganz im Gegenteil, noch 2023 lehnte ihre Partei den Einbau klimaschädlicher Kühltechnik selbst in Krankenhäusern ausdrücklich ab. Wirksame Anpassungsmaßnahmen, diese Auffassung war in der grünen Partei ebenso wie in der SPD Konsens, lenken ab von der historischen Hauptaufgabe, das Klima zu retten.
Die EU und die Klimakiller
Beide
Parteien sendeten damit auf derselben Wellenlänge wie die
EU-Kommission. Die hatte sich regulatorisch bisher ausschließlich mit
der Frage von Lecks in Pkw-Klimaanlagen befasst.
Eine "Förderung von stationären Kälte- und Klimaanlagen" erlaubte sich
mit ihrer "Verordnung (EU) Nr. 517/2014 des Europäischen Parlaments und
des Rates vom 16. April 2014 über fluorierte Treibhausgase"
ausschließlich im gewerblichen Bereich. Vorausgesetzt, es handelt sich
nicht um neue, zusätzliche Kälteerzeuger, sondern um Kälte- und
Klimatechnik, die dem modernsten Stand der Technik
entspricht und ältere Anlagen ersetzt, die halogenierte Kältemittel verwenden.
Die Bitten von Krankenhäusern, ihnen im Interesse der Patienten bei der Vorbereitung auf die vorhergesagten rekordbrechenden Hitzewellen zu helfen und so Tausende Leben zu retten, hat die Kommission unerhört gelassen. Unbeeindruckt hielt die polititische Klasse in Deutschland und Brüssel an ihrer Vision fest: Begrünte Fassaden, "Cooling Points" auf Bretterns, Leinenkleidung und Sonnensegel seien allemal ausreichend, um "gewappnet" zu sein.
Parallelen zur Drohnendebatte
Zynisch und menschenverachtend, naiv und abgehoben, so präsentierten sich die Leitungsebenen des am schlimmsten betroffenen Kontinents. Ähnlich wie bei der Debatte um bewaffnete Drohnen für die Bundeswehr, bei der die SPD noch Jahre nach dem russischen Überfall auf die Ukraine darauf beharrte, es sei nicht ritterlich, wenn deutsche Soldaten nicht persönlich an der Front zu sterben erscheinen, wurde die einzig wirksame Technologie zum Hitzeschutz beiseitegeschoben.
Schlimm genug, dass 90 Prozent der Haushalte in den USA, Japan oder Südkorea sie nutzen. Schlimm genug, das in Europa 20 Prozent darauf zurückgreifen können. Offiziell galt "Schatten" (Stern) als besserer, weil natürlicher Ausweg aus der Hitze.
Bis zum Kipppunkt
Bis zum Kipppunkt Ende Juni. Seitdem sind nicht nur die Grünen glühende Verfechter der energieintensiven Klimakiller-Status. Auch die die CDU fordert jetzt eine "effektive Klimatisierung statt grüner Hitzedogmen" - beide Parzeien bedienen sich dabei an einem "Masterplan" (SZ), mit dem die französische Rechtspopulistin Marine Le Pen im vergangenen Jahr versprochen hatte, ihr Land radikal abzukühlen.
Die Parallele zur Drohnen-Verweigerung ist frappierend. Immer wieder verweigerte der Bundestag die Zustimmung zur Ausrüstung der deutschen Dtreitkräfte mit Kampfdrohnen, obwohl der Krieg in der Ukraine zeigte, welche Revolution das Kriegshandwerk durch billige, massenhafte Drohnen erlebt. Schließlich bekam die Truppe ihre Drohnen. Ohne dass der Bundestag noch einmal darüber abstimmte.
Die Realität der Hitzewellen hat auch bei den Klimaanlagen über die ideologisch begründete Ablehnung gesiegt. Was zwischen dem nächsten Hitzeschwall und einem klimatisierten Deutschland steht, ist nicht mehr die eingeschworene Technikfeindlichkeit, sondern die bekanntermaßen große Vergesslichkeit der Politik. Sobald es nicht mehr glühend heiß ist, wird sie das Thema abheften wie die Flutgefahren, die Gesundheitsunion und den großen Plan, wichtige Medikamente doch besser wieder daheim herzustellen.


Ich frage mich manchmal, wo diese 'Vulnerablen' herkommen. Hatten wir doch früher nicht. Hat sicher die Merkel mit reingeholt. Blöde K... anzlerin.
AntwortenLöschenAriane Middel auf stern.de
In der Gluthitze von Phoenix zeigt eine deutsche Forscherin, wie Schatten zur Rettung vor extremen Temperaturen wird – und was unsere Städte daraus für die Zukunft lernen
Das rate ich jetzt mal nur:
99% der Wohnungen in Phoenix mit Klimaanlage
99% der Garagen in Phoenix mit Klimaanlage
100% der Indoor-Arbeitsplätze mit Klima
100% der Autos mit Klima
Die Chinesen haben die Europäer verhöhnt: Sogar ihre Schweine kriegen Klimaanlagen.
Aber warum sollten wir besser oder wichtiger sein als chinesische Schweine.
https://www.euractiv.com/news/red-thread-beijings-cool-new-pitch/