Dienstag, 4. August 2026

Orange is the new Black Hasi: Im Kostüm des Wutbürgers

Seine Botschaften für den Wahlkampf wollte CDU-Spitzenkandidat Sven Schulze sich direkt von den Wählerinnen und Wählern diktieren lassen. Allerdings ist es russischen Desinformanten offenbar gelungen, die finale Kampagne zu sabotieren.

Er ist überall in diesen entscheidenden letzten Tagen, das weiße Hemd oben offen, die Hände andere Hände schüttelnd, umgeben von einem Troß aus Stichwortlieferern und Hausfotografen. Sven Schulze kämpft den Kampf seines Lebens, der zum Überlebenskampf geworden ist. Der Schweiß, den sich der 46-jährige Ministerpräsident des Bundeslandes Sachsen-Anhalt gelegentlich von der Stirn wischt, verdankt sich dem hitzigen Klima. Doch Parteifreunde, die auf die laufenden Umfragezahlen schauen, sehen durchaus Gründe für Angstschweißausbrüche.

Die CDU sackt weiter ab 

Es ist wie verhext. Vor Wochen schon hat Sven Schulze das Regieren eingestellt hat, um Wahlkampf zu machen. Seit ebensolanger Zeit sackt seine Partei bei den Demoskopen weiter ab und der Rückstand zum führenden AfD-Schwiegermuttertraum Ulrich "Ulli" Siegmund vergrößert sich. 17 Punkte sind es mittlerweile. Kommt es, wie es kommen muss, wird der Wahlsieg der demokratischen Mitte darin bestehen, dass CDU, SPD, Linkspartei, Grüne und FDP mit letzter Kraft eine absolute Mehrheit der Faschisten verhindern. 

Dabei hat Sven Schulze nichts unversucht gelassen. Seit er Anfang des Jahres von seinem Vorgänger inthronisiert wurde, nachdem die CDU festgestellt hatte, dass ihre Wahlchancen bedenklich schwinden, gibt der neue Mann im Magdeburger Palais am Fürstenwall alles. 

Sven Schulze hat für von der Pleite bedrohte Industrieunternehmen eine Galgenfrist bis nach dem Wahltag ausgehandelt. Er tingelt durch Dörfer und lässt sich mit bekannten Politikern filmen. Er hat sogar eine Fahrraddtour durchs Land unternommen, um volkstümlich zu wirken, und mit dem Volksschauspieler Diddi Hallervorden einen Prominenten gewonnen, der ihm für Wahlkampfauftritte Publikum zuführt.

Der Mann, der Fragen ignorierte 

Zu Lande, zu Wasser und in der Luft war er unterwegs, damit jeder sehen konnte, wie bürgernah der Mann geworden ist, der Fragen aus dem Volk früher stur ignorierte. Jetzt fragt ihn kaum mehr jemand etwas und Sven Schulze muss sich Tag für Tag selbst eine neue Sau ausdenken, die er durchs Dorf jagen kann. Die Hofffnung, eines seiner Themen könnte vielleicht doch viral gehen, stirbt zuletzt und spätestens am Wahltag um 18 Uhr. Bis dahin will Schulze präsent sein, kompetent wirken, auf allen Kanälen signalisieren, dass er einer ist, den man kennen und lieben muss. 

Inhaltlich ist die Christdemokratie auch in Sachsen-Anhalt so blank, dass ihrem Spitzenkandidaten kaum eine Möglichkeit bleibt, die überall spürbare Wechselstimmung fürt sich zu nutzen. Sobald Schulze mit Begriffen wie "Neuanfang" und "Reform" zu arbeiten versucht, bekommt er in der Regel zu hören, dass seine Partei dazu ja nun wohl Jahrzehnte Zeit gehabt hätte.

In den sozialen Netzwerken konzentriert sich die Schulze-Kampagne infolgedessen notgedrungen auf Kalendersprüche. "Wer sein Land jeden Tag schlechtredet, holt kein einziges Kind zurück", lässt Schulze da etwa wissen. Andere Botschaften lauten "Unser Strom senkt Deine Rechnung" und "Ihr Plan hisst Fahnen, unserer zahlt Gehälter".

An der DaDa-Kunst geschult 

Vieles erinnert an Textbücher für Kabarett oder absurdes Theater und die an der DaDa-Kunst des Ernst Jandl geschulten absurden Wortinstallationen des Berliner Benzinpolitikers Sepp Müller. "Fünf Versprechen, mehr kriegt ihr nicht, die kriegt ihr aber wirklich", versichert Sven Schulze in einer seiner rätselhaften Tiktok-Kacheln. Service vom Chef: man könne die fünf Versprechen, die er herausgegriffen habe, "alle fünf im Regierungsprogramm nachlesen". Schulze legt sich fest: "Schreibt sie Euch auf. Und haltet mich dran."

Hans Achtelbuscher, der bekannte Regressionsforscher vom An-Institut für Angewandte Entropie in Frankfurt an der Oder, hat sich die bisherigen Werbebemühungen der CDU in Sachsen-Anhalt angeschaut. 

Durch die Brille des wissenschaftlichen Beobachters, der als Brandenburger zudem keinerlei direkte Berührungspunkte oder Interessenkollisionen mit dem ausgewiesenen Armenhaus Sachsen-Anhalt habe, stelle sich die Kampagne der bislang größten Partei des Landes als eine Art Offenbarungseid dar. "Im ersten Moment", fasst Achtelbuscher seinen Eindruck zusammen, "war ich wirklich überzeugt, dass es russischen Desinformanten gelungen ist, die Kampagne zu sabotieren".

Im Grunde keine Kampagne 

Ein Fehlschluss, wie der erfahrene Medien- und Politikexperte inzwischen feststellen musste. Achtelbuscher lächelt das müde Lächeln eines Mannes, der schon zu viele Wahlkämpfer beim Scheitern beobachten musste. "Das ist im Grunde keine Kampagne", sagt er über die in Orange gehaltenen Versuche der "Sachsen-Anhalt-Partei" CDU, sich bei Wählern beliebt zu machen, deren Wünsche sie jahrelang ignoriert hatte. Achtelbuscher urteilt hart: "Wir sehen hier eine Flucht nach innen."

Dafür spreche das Bemühen, keinerlei konkrete Politikangebote zu machen, es aber auch zu vermeiden, als Teil der noch unbeliebteren Bundes-CDU identifiziert zu werden. Seit Sven Schulze im Januar auf den Stuhl des Ministerpräsidenten rücken durfte, betreibt er auch einen Kanal beim chinesischen Spionageportal Tiktok, denn so will es das Gesetz. 

Der Mensch im Mittelpunkt 

Der alte Black Hasi.
Zugleich aber zeige sich der Spitzenkandidat dort nicht nur als "Mensch" (Sven Schulze), sondern auch als einer, der eine ganze eigene Art "Klartext" (Sven Schulze) spreche, wie Hans Achtelbuscher analysiert. Heute schon wolle er die "richtigen Weichen stellen" heiße es da etwa. "Das ist wirklich nur  knapp vorbei am wahrscheinlich gemeinten "die Weichen richtig stellen", lobt der Regressionsforscher. 

Ein anderes Beispiel für ein überzeugendes Nonsensangebot sieht er in Schulzes offenherzigen Bekenntnis, "ich stehe dafür, dass dieses Land nicht gespalten wird". Damit, so habe der Ministerpräsident erklärt, sei gemeint, dass darum gehe, "Unterschiede aushalten, ohne einander auszugrenzen". Ein Vorhaben, das Hans Achtelbuscher einem Mann hoch anrechnet, der immer wieder glaubhaft versichert, nach seinem Wahlsieg dafür sorgen zu wollen, dass die von zwei Fünfteln seiner Landeskinder gewählten Abgeordneten weiterhin hinter eine Brandmauer verbannt bleiben.

Kompass als Körperhaltung 

Schulze verkörpert diesen "klaren Kompass" im Merzschen Sinne auch mit seiner Körperhaltung. Ein wenig moppelig, versinnbildlicht er die guten Jahre, die hinter Deutschland liegen. Der Blick offen und leer, irgendwo zwischen entschlossenem Nachdenken und gequältem Lächeln. Seine Schultern zieht Sven Schulze häufig leicht nach vorn, um den Wohlstandspeck zu straffen.

Gern schaut er an der Kamera vorbei, als habe er gerade etwas Unangenehmes gehört und beschlossen, es für den Moment zu ignorieren. Die Farbgebung mit einem unangenehmen Signalorange setzt den Landesvater, der zwei Jahre jünger ist als seine Landeskinder im Durchschnitt, brutal ab vom Berliner Politikbetrieb. Schulze ist nicht "Black Hasi", wie sich sein Vorgänger nannte. Aber Orange is "the new black", das anstelle des faden Türkis der Bundespartei Assoziationen zu Baustellenabsperrungen, Warnwesten und Notfallleuchten wecken soll. 

Kontrollierte Alarmbereitschaft 

Achtelbuscher nennt es "die Farbe der kontrollierten Alarmbereitschaft" und er glaubt, sie sei gewählt worden, um den größtmöglichen optischen Abstand zwischen Magdeburg und Berlin zu legen. Dafür spreche auch, dass Schulzes Kampagne den Parteinahmen CDU gelegentlich in Schwarz auf schwarzem Untergrund zeigen. Auf einer Online-Kachel verschwindet der Parteiname halb im Anzug des Kandidaten.Vielleicht Absicht, vielleicht ein Fehler. "Aber psychologisch gesehen auf jeden Fall ein Zeichen dafür, dass man sich schämt, dazuzugehören."

Auch auf den Plakaten mit dem zentralen Leersatz "Zuhören. Verstehen. Machen" ist das CDU-Logo so geschrumpft, dass es auf zehn Meter Entfernung für ein Druckfehler gehalten werden kann. Schulzes Kopf hingegen haben seine Designer als stärkstes Asset der Kampagne ausgemacht und deshalb per Photoshop leicht vergrößert – ein klassischer Trick, um Präsenz zu erzeugen und Potenz zu beweisen. Achtelbuscher weist allerdings auf den Pferdefuß einer solchen optischen Strategie hin.

Im Kostüm des Wutbürgers 

Wer etwas großziehe, verkleinere notgedrungen etwas anderes. Auf ihn wirke der Schulze im Kostüm des Wutbürgers (Bild oben links) wie ein Mann mit gesundheitlichen Problemen. "Ich denke da unwillkürlich an den Wasserkopf, den die CDU auch in Sachsen-Anhalts Verwaltung über Jahrzehnte herangezüchtet hat", bekennt Hans Achtelbuscher unumwunden. 

Und so sehr er verstehen könne, dass die CDU versuche, sich von der Bundes-Partei und dem unbeliebten Bundeskanzler abzusetzen, "weil dessen Zustimmungsrate von 13 Prozent noch entsetzlicher ist das die von Sven Schulze", sei aus wissenschaftlicher Sicht kaum nachzuvollziehen, dass ein ohnehin kaum bekannter Kandidat selbst Zweifel an seiner Ehrlichkeit wecke, indem er mit offenkundig manipulierten Bildern in den Wahlkampf ziehe. "Wer sich so präsentiert, weckt womöglich sogar den Verdacht, gezielt gegen die KI-Kennzeichnungspflicht der EU zu verstoßen."

Wut als billiger Treibstoff 

Hans Achtelbuscher sieht Sven Schulze auch gern im Kostüm des Wutbürgers, das er in einem seiner Posts trägt. Die Bundes-CDU ohne CSU steht bei 17,6 Prozent, seine Landespartei kaum besser. "Das kann einen wütend machen, wenn man so lange warten musste, an die Macht zu kommen." Schulze bekennt sich zu seiner Wut und sagt, er "mache was daraus". 

Was genau, bleibt allerdings ungesagt. Die Leerstelle sei Absicht, mutmaßt Achtelbuscher: "Wut ist der billigste Antriebsstoff der Politik, man kann mit ihm weit kommen, man weiß nur nie, in welche Richtung". Schulzes Wutformel funktioniere wie ein leerer Behälter – jeder dürfe hineinfüllen, was ihn persönlich ärgert. Migration, Preise, Bürokratie, Brüssel. "Der Kandidat aber muss nichts versprechen, was er später ohnehin nicht halten kann."

Eine Prise Sozialneid


Eine Prise Sozialneid, gewürzt mit Schuldzuweisungen an den Westen gehört ebenso zum Rezept. "Besonders interessant finde ich den Hinweis auf München, also dass dort mit Windstrom aus Sachsen-Anhalt Kaffee gekocht werde." Dahinter evrstecke sich ein deutsches Drama, das CDU, CSU, SPD, FDP und Grüne inszszeniert hätten: Der Osten liefere viel Windstrom und zahle deshalb viele Millionen an Netzentgelt mehr als die Empfänger. 

"Sven Schulze spekuliere sicher nicht darauf, dass das viele Menschen in Sachsen-Anhalt wüssten. Aber Achtelbuscher schätzt, dass das latente Ost-West-Ressentiment auch so ankomme. "Die Wahrscheinlichkeit, dass sich dadurch jemand zur CDU-Stimme bewegen lässt, liegt unter fünf Prozent", sagt er. Aber man hole die Leute in ihrer Aversion gegen den Westen schon ein bisschen ab.

Gewürzt mit Kommafehlern 

Nur nicht zu fest in der Argumentation werden und nur nicht zu genau in der Debatte. Der von vielen Betrachtern als peinlich gelesene Kommafehler auf einer der Kacheln - "ich habe nur keine Zeit, zu filmen" - gehe im Rauschen unter. "Die, die ihn bemerken, lächeln und gehen weiter", sagt Achtelbuscher. Rechtschreibfehler auf Wahlplakaten seien wie Flecken auf dem Anzug eines Politikers: "Man registriert sie, aber sie ändern nichts an der Entscheidung."

Wichtiger erscheine ihm der trotzige Satz "Andere reden über den Osten, ich wohne hier". Achtelbuscher vergleicht ihn mit der Behauptung, nur wer eingesessen habe, dürfe über Gefängnisse sprechen. "Er sagt: Ich bin authentischer als ihr, er meint, ich weiß, wovon ihr nur redet." Den ethnischen Volksbegriff, mit dem er vor kurzem aufhorchen ließ, leite Sven Schulze aus dieser behauptung einzigartiger Lebenserfahrung ab. "Wenn er sagt, er wolle nicht mehr zulassen, dass hier Menschen bei uns leben, die unsere Kultur nicht akzeptieren, dann blinkt er damit dorthin, wo sein Plakatmotiv warnt "Zu weit rechts ist der Graben". 

Die Rückkehr nach rechts 

Gerüchte besagen, dass dieser Satz ursprünglich "Rechts ist der Graben" hatte lauten sollen, um als klare Brandmauer-Botschaft gegen die AfD verstanden zu werden. Dann fiel parteiintern auf, dass die CDU gerade in Sachsen-Anhalt selbst einmal eine rechte Partei war. Adenauer, Strauß, die alten Konservativen, vbon denen aus betrachtet die AfD eine in Teilen linke, sozialistische Partei wäre. 

"Man konnte nicht einfach rechts als den Abgrund definieren, ohne die eigene Geschichte zu negieren." Daher komme das unbeholfen davorgestellte "zu weit" davor. "Das ist der klassische Kompromiss der Mitte: Man distanziert sich, bleibt aber in der Nähe." Zu weit rechts sei jetzt eine typische Kompromissformel: Wir sind auch rechts, aber nicht so weit. "So klingt die Sprache der Unentschlossenen."

3 Kommentare:

  1. Um von Unterbelichteten gewählt zu werden, muss man unterbelichtet wahlkämpfen. Alte Strategie.

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    1. Jau, ich dachte zuerst, sooo blöd können die doch gar nicht sein. Aber nach kurzer Überlegung, doch, wer so blöd war, die Schwatten

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    2. ... bisher zu wählen, lässt sich von diesem bekloppten Zeug eben nicht abschrecken, im Gegenteil, findet er gut.

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