Dienstag, 15. Oktober 2019

Klimakampf: Offensive gegen korpulente Steakliebhaber


Wir haben alle solche Tage, keiner weiß das besser als ich. Manchmal scheint morgens die Sonne, die Welt sieht aus, wie wir sie aus Büchern kennen. Man greift aus dem Bett nach dem Limi, schaut, rechnet, legt den Kopf vielleicht noch einmal zurück. Zwei Stunden später steht man schon an der Schranke, grell von Energiesparlampen beleuchtet. Und tut seine Arbeit.

Wir versuchen, über all das nicht nachzudenken. Wer nachdenkt, kann den Job nicht tun, das sage ich ihnen gleich. Sie haben hier kein Blut, natürlich nicht, keine Schreie, keine Gewalt. Aber wenn wir mit einem fertig sind, dann ist der nicht mehr da, dann ist der weg, dann tut der keinem mehr was, das ist Fakt.

Ich habe damit leben gelernt, das haben wir alle. Aber wie gesagt, jeder von uns hat Tage, da geht es besser, und Tage, da geht es schlecht. Der Junge war mir ja bis dahin nicht mal aufgefallen, muss ich gestehen. Von einem Moment auf den anderen hüpft er los und brüllt und reißt sich den Limiter raus und springt über die Absperrung. Was hätten wir machen sollen? Exceeter-Koller, aber akut!

In solchen Fällen gibt es klare Vorschriften. Da wird nicht einmal mehr auf den Stand des Limiters geschaut, da wird nur noch schnellstens gehandelt. Das Weltklimaregime verträgt keine Querschüsse mehr, das ist wie eine Brücke, die gerade noch so die trägt, die ganz langsam auf ihr langschlurfen. Aber niemanden, der hüpft und springt.

Den Jungen haben wir also gedeckelt, das heißt zugemacht. Sie verstehen, was ich meine. Dazu, das wissen Sie sicherlich, haben wir Stickstoffpistolen, die klimaneutral einen Lähmpfeil verschießen. Da klappen Sie ab, als wären Sie vor eine Wand gelaufen. Ist Routine für uns, immer wenn hier jemand ankommt, dessen Limiter im Rot ist, läuft das so. Zumachen. Abschleppen. Exciting-Room. Röntgen. Ende.

Das ist notwendig. Man muss ja bedenken: Wer joggt, raucht, Fleisch isst, viele Kinder hat, lange Strecken mit Auto fährt oder Flugreisen in den Urlaub unternimmt, muss sich darauf einstellen, dass sein CO2-Plus schnell dahinschmilzt. Betroffen sind aber auch Konsumenten: Wer viel einkauft, haftet mit seinem eigenen Konto für einen Teil der CO2-Kosten, die bei der Herstellung von Waren anfallen.

Dringend nötig ist das: Im Durchschnitt produziert ein Mensch schon beim Atmen vier Prozent CO2 pro eingeatmetem Liter Sauerstoff. Während in Ruhe ungefähr vier Liter Luft pro Minute die Lunge passieren, steigert sich dies bei körperlicher Belastung auf über 50 Liter pro Minute. Um in der verbleibenden Zeit bis 2050 – das sind mit Stand heute nur drei Jahre mehr als bisher zur Verfügung standen – dreimal mehr Reduktion zu erreichen, muss der Mensch selbst den Unterschied machen.

Was aber, wenn das Konto sich leert wie ein normales Giro-Konto?, fragen Sie sich? Was, wenn der Kontoinhaber sich trotz leerer CO2-Kassen immer noch ganz gut fühlt und eigentlich noch nicht daran denkt, abzutreten und Platz für neue Weltklimaverbraucher zu machen? Christian Lindner, der wagemutige Führer der deutschen Liberalität,  hat die Frage kürzlich gestellt, aber noch nicht abschließend entschieden. Aber "ein solches Limit macht natürlich nur Sinn, wenn die Einhaltung durchgesetzt wird", hieß es damals bei mit der Angelegenheit vertrauten höheren Mitarbeitern.

Während einige wenige liberale Umweltpolitiker auf einen privaten CO2-Rechtehandel setzen, bei dem Vielflieger, Shoppingopfer, Autofahrer, Fleischesser und Freizeitsportler die benötigten zusätzlichen Kontingente an Verbrauchsrechten von asketischen Stubenhockern, Komapatienten und den Inhabern von Baumschulen kaufen könnten, machen sich die ordnungspolitischen Kräfte für eine entschiedenere Lösung stark.  Harte Maßnahmen, durchgreifend, ein Limiter und ein Exceeter, klare Strategie, klares Ziel. Danach endet mit dem Auslaufen des jeweiligen CO2-Vorrats eines Menschen auch dessen Leben, leider. Klingt hart, ist aber für das Überleben der Menschheit notwendig.

Der Betroffene wird von uns nach einer klimaschädlichen Mallorca-Reise, wenn er daheim ankommt, auf dem Flughafen schon beim Einchecken gestellt, ihm wird deutlich gemacht, dass sein "Live-Limit" mit Beendigung des Fluges erreicht sein wird und dass dann die nächste Klimaschutzstufe greift: Die CO2-Polizeikollegen am Zielflughafen wird von uns alarmiert, die den sogenannten "Exceeter" direkt nach der Ankunft in Empfang nimmt und ihn in einem speziellen "Exciting-Room" würdevoll eliminiert.

Ich bin ja einer der Älteren hier in der Truppe, noch ein Stück weg von Rot, aber auch nicht im Grün wie früher, als wir alle jung waren und die Limiter eingeführt wurden. Das war, wenn ich mich richtig erinnere, vier Jahre nach der Klimanotkonferenz in Rangoon, die einberufen worden war, weil im Jahr davor bei der Klimakonferenz in Durban nichts weiter rauskam. Abgesehen von diesem Vorschlag des späteren deutschen Klimakanzlers Merz, ein einheitliches CO2-Budget für jeden Menschen festzulegen. Der hatte sich das so überlegt, als Baustein einer „globalen Wettbewerbsordnung zum Schutz des Klimas." Merz ist ein Mann des Wettbewerbs, ein Wirtschaftsliberaler. Er wusste, dass es nur so gehen wird.

Anfangs haben alle gelacht über sein Endziel, "ein Pro-Kopf-Budget für die Emission von Treibhausgasen für jeden Menschen auf der Welt" einzuführen, um die Vorhersagen zu verhindern, die es damals gab. Also dass die wahr werden. Zwölf Meter Meeresspiegelanstieg. Immer Regen und Dürre und sagenhafte Hitze. Und nur wegen dem CO2.

Widerstand gab es. Sowas könne man weder kontrollieren noch durchsetzen, hieß es, es sei ja schon schwer gewesen, das Glühbirnenverbot, die Dämmungsvorschriften und die Sperrung der Innenstädte für den Autoverkehr durchzusetzen. Bis Merz die Details seines Plans einer Endlösung für das Weltklima öffentlich machte, clevererweise direkt nachdem ein Tsunami im Sommer 2013 im Indischen Ozean zehntausende Opfer gefordert hatte.

Egal, ob Amerikaner, Europäer, Asiate oder Afrikaner – auf einmal haben alle zugehört. Röttgen war so ein junger, weißhaariger Typ mit randloser Brille, ein Deutscher, der aussah, als könnte er in jedem Hollywood-Film den kulturbeflissenen SS-Mann spielen.

Der saß dann da, ich glaube, bei der Uno in New York war das, New York war ja damals noch bewohnt, und erzählte, dass es ganz klar technische Möglichkeiten gebe, die Obergrenze durchzusetzen. Jeder Mensch weltweit bekomme ein technisches Instrument, klein, praktisch und so gut wie unzerstörbar, die ersten waren dann ja von Siemens, das werde von einem ambulant implantierten Messfühler gespeist und zeige just in time, wieviel von seinem CO2-Lebenslimit der Träger noch hat.

Ist das Limit durch, der Mensch also im roten Bereich, müsse eine Regel greifen, dass Klimaschäden eine höhere Rangigkeit haben als ein Schaden am Menschen. Röttgen meinte, es sei an der Weltgemeinschaft, entsprechende Verfahren zu finden, mit denen Klimaschädlinge ausgeschaltet werden könnten, ohne die Allgemeinheit moralisch zu belasten. Moral müsse sein, was den Planeten erhalte, auch auf Kosten von Partikularinteressen Einzelner.

Der Aufschrei war gigantisch, das kann ich ihnen sagen. Eine Empörung. Nazimethoden, hieß es, Menschenverachtung, Mord und so weiter. Als die ersten Limiter eingeführt wurden, ging das Geschrei sogar noch einmal los. Aber Röttgen sagte immer nur, der Limiter sei gerecht, weil er alle gleich behandele. Das hat auch viele überzeugt. Bei der Uno hatten sie da ja schon die Schlüsselzahlen berechnet, wieviel CO2-Rechte der Mensch nach dem Durchschnittsverbrauch und den Notwendigkeiten des Klimaregimes gutgeschrieben bekommen könnte.

Namenspate des Messgerätes, das heute alle den „Limi“ nennen, wurde dann der Umwelterzähler Frank Schätzing, der ein Buch namens "Limit" geschrieben hatte. Ich hab es nicht gelesen und später gab es ja dann keine Bücher mehr. Aber ich erinnere mich noch genau an die Werbekampagne für die Limitierung. Günter Jauch und Gottschalk machten mit, auch Daniela Katzenberger und in den USA hatten sie sogar eine 3D-Kopie von Michael Jackson, die „Thriller“ neu einsang. "Killer" hieß das dann und der Text handelte von der Vergiftung der Erde durch den Menschen. War toll. Killahaha, wissen Sie. Starkes Video.

An die Limis hat man sich, das muss ich sagen, auch schnell gewöhnt. Und 52 Tonnen, ich frage Sie: Ist das nichts? Wenn man sich das gut einteilt, kommt man damit gut durch bis zum Schluss. Schlecht ist es natürlich für korpulente Steakliebhaber, Vielflieger, Sportler, die paar letzten Raucher oder Leute, die viel trinken oder überhaupt essen und sich bewegen. Aber Vegetarier, schlanke Frauen, Menschen, die bei der Arbeit sitzen und nach der Arbeit nicht viel ausgehen? Kein Problem.

Zu Air Limit Control hier am Flughafen bin ich dann gekommen, als die Leute suchten. Am Anfang war nicht ganz klar, wie das laufen würde, also uns war das nicht klar. Aus dem Verkehr ziehen, hieß es, alle aus dem Verkehr ziehen, bei denen der Limiter anzeigt, dass sie im Rot sind. Klare Sanktionen, regeln durchsetzen, darum ging es.

Wie wir die kriegen, die auf Kosten der anderen weiter die Umwelt verschmutzen wollen, muss ich erklären – rot sind die ja noch nicht, nein. Wenn sie rot wären, also wir nennen die Exceeter eigentlich nur die Roten, würden wir sie ja nicht mehr so einfach zu fassen kriegen. Aber es gibt das so eine Art Hintertür in den Limitern, da können wir ferndrehen, jaja, sagen wir dazu, ferndrehen. Der Rote denkt dann, okay, noch Platz. Dabei warten wir schon. Zumachen. Abschleppen. Exciting-Room. Killswitch. Ende.

Nach einer Weile fing das mit den Exciting Rooms an. Man sagte, Entschuldigung, können Sie kurz mitkommen. Und kam dann, vorsichtig ausgedrückt, eben allein zurück. Das ist nicht angenehm, wenn Frau und Kinder von dem da am Schalter stehen. Aber besser als morgens früh um fünf eine Tür einzutreten und einen völlig übernächtigten Roten da rauszuholen, wie die Kollegen von der City Limit Control das machen müssen, das versichere ich ihnen.

Was mit dem Jungen war, kann ich mir deshalb immer noch nicht erklären. Irgendeine Psychose. Vielleicht hatte er eine versteckte Krankheit, Liebeskummer, was weiß man schon.

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3 Kommentare:

  1. Später wird man wieder einmal sagen können, bei ppq haben Sie es zuerst gelesen.
    Wenn es dann noch was zu sagen gibt.
    Vielen Dank für die vorab Information. Ich esse heute wohl ein Steak. Es weiß ja keiner was Morgen ist.

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  2. SchweinepestOktober 15, 2019


    Unsere kreativen Fähigkeiten, das durch Alltagsdummheiten regelrecht herbei gewurschtelte Dystopia in der Fantasie literarisch blümerant auszugestalten, in Ehren. Das alles wird jedoch im allgemeinen Kannibalismus-Chaos jener Überbevölkerung gefressen werden, die als nicht verhandelbare Katastrophe unter den nicht nur Orientteppich gekehrt wird.

    Meine Generation durfte eine mehr als Verdoppelung der Weltbevölkerung von einst ca. 3 auf heute bereits 7,7 Mrd Mitesser einschließlich aller dadurch ausgelösten Endzeitprobleme miterleben.

    Dazu die wolstandsverwöhnten halbgaren Neunmalklugscheißer, die - kaum ihren Windeln entwachsen an ihren Handys hängend wie Junkies an der Nadel - uns Alten Hasen erklären wollen, wie wir richtig zu rammeln haben. Nix gelernt, nix geleistet, aber eine Utopiaforderung nach der anderen gröhlen, ohne auf den eigenen von Mammi und Pappi erarbeiten Lebensstandard verzichten zu wollen, das können diese Rotzgören. Was für eine missratene Brut, die nur dauerpubertär hysterisch kreischen kann, wenn sie ihren naiven Tagträumerwillen nicht bekommt. Eigentlich biologisch auf das sogenannte Trotzalter beschränkt, wurde es zur Grundhaltung des gesamten Micheljungvolkes.

    Gegen diese Vollhonks und sonstiges unterbelichtetes Nichtnutzpack ist jeder "korpulente Steakliebhaber", der Jahrzehnte seine gesellschaftstragende oft schwere Arbeit verrichtete, doch ein sonnig strahlender Gottessohn.

    Egal, die schattengraue Mehrheit will unbedingt ihre Mutti-Merkel-Idiokratie.

    Sie wird sie bekommen, denn erste Erfolge der totalen Massenverblödung gibt es bereits.

    Daneben wirkt ein Goebbels wie ein Dilettant.

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