Montag, 6. Mai 2024

Brutale Politik: Niederschlag als Höhepunkt

Ihn kannte bisher niemand, sie niemand mehr.

Großer Auftritt eines Unsichtbaren: Noch vor zwei Tagen ein Sachse, den niemand kennt, auf einmal Impulsgeber einer Neuauflage der Debatte um bedrohte, eingeschüchterte und angegriffene Politiker. Matthias Ecke hat die typische Laufbahn eines SPD-Funktionärs absolviert, er studierte Politikwissenschaft, schrieb Abschlussarbeiten über die Beschäftigungspolitik der Europäischen Union den magischen "EU-Wiederaufbaufonds", arbeitete dann im sächsischen Wirtschaftsministerium und nebenher als stellvertretender Bundesvorsitzender der SPD-Jugend.  

Der unauffällige Nachrücker

Für das EU-Parlament kandidierte Ecke auch, doch ohne Erfolg. Erst als die altgediente EU-Abgeordnete Constanze Krehl mitten in der Legislaturperiode beschloss, ihren Wählerauftrag zurückzugeben, glückte dem Mann aus Meerane als Nachrücker der Sprung nach Brüssel. In anderthalb Jahren gelang es ihm dort, seine Vorgängerin absolut gleichwertig zu ersetzen: Wie die Frau aus Leipzig hinterließ auch der Wahl-Dresdner keinerlei Spuren in der öffentlichen Aufmerksamkeit. Ganze achtmal wurde der einzige sozialdemokratische Vertreter Sachsens in der Sächsischen Zeitung seiner Heimatregion erwähnt. Fünfmal gelang ihm das bei der ebenso teilweise zum SPD-Medienimperium zählenden LVZ im fernen Leipzig.

Die politische Bilanz eines Unsichtbaren aber reichte, um den 41-Jährigen zum Spitzenkandidaten seiner Partei für die anstehende EU-Wahl zu machen. Die SPD, die in Sachsen ein Nischendasein fristet, setzt auf einen. Und der ist nun auf einmal deutschlandweit in den Schlagzeilen. Seit Ecke beim Plakatieren überfallen und brutal zusammengeschlagen wurde, ist er das Aushängeschild einer Aufregungswelle, die die grüne Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckhardt mit ihrer Schilderung eines Blockadeversuchs durch Wählerinnen und Wähler im brandenburgischen Lunow-Stolzenhagen ausgelöst hatte.

Mit dem Schrecken davongekommen

War Göring-Eckhardt noch mit dem Schrecken davongekommen, belegt Eckes Schicksal nun, wie recht die SPD-Vorsitzende Saskia Esken mit ihrer Warnung vor der AfD als neuer Nazipartei hatte. Cornelia Lüddemann, grüne Fraktionsvorsitzende im Magdeburger Landtag, fühlte sich unmittelbar "an die Sturmeinheiten der Nazis" erinnert, die sozialdemokratische Bundesinnenministerin plante sofort ein Sondertreffen mit den Innenministern der Länder, um "über Schutzmaßnahmen" (Tagesschau) zu beraten. Eine Zusammenkunft, für das es vor einem Monat noch keinen Anlass gegeben hatte, als die Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) einen Anstieg der "Gewaltkriminalität" (MDR) im Land um 8,6 Prozent in einem Jahr ausgewiesen hatte.

Nun ist aber gut. Nicht die Masse der Taten, sondern dieser eine ist "ein Angriff auf uns alle" (Morgenpost), nicht der verrohte Alltag zwischen den Wahlkämpfen sind Attacken auf die Demokratie. Was sich nach der Vorlage der PKS wie üblich binnen weniger Stunden versendet hatte, ist diesmal gekommen, um zu bleiben. Die eingeschlafenen Demonstrationen gegen rechts melden sich zaghaft zurück, niemand ist "überrascht" (FAZ), jeder entsetzt und mit "Weimar" (FAZ) könnte ein Schlagwort gefunden sein, mit dem sich ein emotionaler Wahlkampf führen lässt, der ohne sonstige Inhalte auskommt.

Neue Dimension

Für Matthias Ecke ist es ein plötzlicher und unerwarteter Popularitätsschub. Für andere schon wieder eine "neue Dimension antidemokratischer Gewalt", wie Nancy Faeser den Angriff eines 17-Jährigen auf den sächsischen Spitzenkandidaten nennt. Diese eine Körperverletzung unter den vielen markiert die nächste Zeitenwende, die nach dem Brandanschlag auf einen Rüstungsmanager noch ausgeblieben war. Saskia Eskens Assoziationen sind auf einmal überall: Ehe noch irgendetwas zum Tatgeschehen bekannt ist, interviewt das ZDF eine "Augenzeugin" , die von "SA-Schlägertrupps" berichtet. Die FAZ sieht "Schlägertrupps in SA-Manier" (FAZ), die Schwäbische Allgemeine sieht die "Schlägertrupps" als Früchte einer "Saat der Gewalt", die "uns alle trifft". Nun heißt es "Nazis zur Strecke bringen".

Die Schicksalswahl steht vor der Tür.

5 Kommentare:

  1. Hab da flüchtig was im Netz dazu gelesen, weil ich das Stück und die Rollen schon lange kenne, und dachte wirklich der heißt mit Nachnamen 'Gleiwitz'.

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  2. SpaziergängerMai 06, 2024

    Dabei hat dieser Sozi auch noch Glück gehabt, daß er nicht in Paderborn in den Mai getanzt hat.

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  3. Es wird jetzt einen Wettbewerb geben, wer am schlimmsten gehasst und verprügelt wird oder wurde.
    Gern in den letzten 30 Jahren. Genau so wie bei "Metoo". Mal sehen, ob es bis zur Europawahl
    anhält. In einem Monat kann noch viel passieren.

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  4. weil ich das Stück und die Rollen schon lange kenne ...

    Sind Sie dessen sicher?
    Der angebliche Angriff auf den Sender Geilwitz wurde bei Kriegsausbruch von keiner Seite auch nur andeutungsweise erwähnt. Was lernt uns das?

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