Mittwoch, 1. Juli 2026

Deutsche Todesspirale: Tabellenführer in der Trottelliga

Ein Kapitän sucht nach Freiwilligen. 

Es war ein typisch deutscher Anfang und ein typisch deutsches Ende, das die DFB-Elf in den Vereinigten Staaten erlebte. Pünktlich hatte sie angefangen, anfangs pünktlich ihre Tore geschossen, dann war sie gestolpert, gestürzt, schließlich gefallen und ausgeschieden. Und der einzige, der den Hut zog vor einer Leistung, die vielen anderen erbärmlicher erschein als vieles, was sie in den vergangenen Jahren hatten anschauen müssen, war der Bundeskanzler. Friedrich Merz spürte den Schmerz des Ausscheidens. Doch mit ihrem Einsatz und Teamgeist bei der WM habe die ehemalige "Mannschaft" doch "unser Land begeistert".

Meckerei über den größten Erfolg 

Merz war "stolz auf euch", konnte aber eine Welle an Meckerei und Kritik nicht verhindern. Obwohl die deutsche Fußballnationalmannschaft den größten Erfolg bei einer Weltmeisterschaft seit dem Titel vor zwölf Jahren feiern  darf - erstmals seitdem erreicht sie wieder die K.-o.-Runde - beckmessert es daheim als wäre alles vorbei. Keine Glückwünsche an die Mannschaft. Kein Lob für ihren tapferen Versuch, sich gegen die Pleite zu stemmen. Kein Mitgefühl. Nur Hass.

Nur ganz wenige wussten die Situation realistisch einzuschätzen. Ruprecht Polenz etwa, der erfolgreichste Influencer der Union, geworden, forderte, die Lage zu akzeptieren, wie sie nun mal ist. "Es wird Zeit, dass wir aufhören, bei jeder WM zu erwarten, dass Deutschland sie gewinnt", forderte der 80-jährige Nestor der deutschen Misere. 

Wichtig ist jetzt, sich im Jammer einzurichten, sich abzufinden damit, dass auch der deutsche Fußball allenfalls noch viertklassig ist. Dann ist der Schmerz gleich gar nicht mehr so schlimm, den der Bundeskanzler bei seinem Kurzbesuch in der Wirklichkeit empfunden hatte. "Erfolge feiern wir gemeinsam", schob er später nach, "und in der Niederlage stehen wir zusammen". Das mache uns "stark" (Merz).

Nicht stark genug 

Stark genug für Curacao und die Elfenbeinküste, aber eben nicht mehr stark genug für Männer aus Südamerika, denen es an Spielkultur genauso mangelt wie an Stars. Für Merz ist das dritte frühe Ausscheiden bei einem Fußball-Weltturnier kein Beinbruch. "Wer den Adler auf der Brust trägt, hat unseren Rückhalt verdient und nicht unseren Spott", hat er den amerikanischen Leitspruch "My Country - right or wrong" ins Sauerländische übersetzt.

Der Mann, dessen Regierungsbilanz genauso aussieht wie die Erfolgsbilanz des Bundestrainers Julian Nagelsmann, weiß genau, dass es immer nur zu hohe Ansprüche sind, die Erfolge verhindern.

Wie Nagelsmann bei DFB hat auch Merz in der  Koalition mit Worten schon sehr viel erreicht. Deutschland ist nicht nur zurück auf der Weltbühne, endlich wieder eine respektierte Macht, die Frieden schafft und Wirtschaftskraft, die als strahlende Vorbild für den richtigen Weg taugt. Merz hat schon Trump gewarnt  und die Nato-Verbündeten, er hat Putins "imperialistische Pläne" (Die Welt) aufgedeckt, der EU-Kommission mehrere Bittbriefe geschrieben und seinen Verteidigungsminister beauftragt, die Bundeswehr in die stärkste konventionelle Armee Europas zu verwandeln. 

Das Gesicht der Katastrophe 

Jeden Tag geht die Sonne auf. Jeden Tag schaut der Vorsitzende der CDU dem eigenen Scheitern in Gesicht. Doch keine Katastrophe vermag ihn davon abzuhalten, die Lage schönzufärben. Merz ist der Julian Nagelsmann der Politik: Wendig toppt er verpasste Ziele, indem er neue ausruft. Sind wir nicht Europameister geworden, dann werden wir eben Weltmeister! Haben wir immer noch keine Ahnung, wie wir der Niedergang stoppen können? Dann sagen wir halt, es fehlen nur noch ein paar Einzelheiten im großen Puzzle.

Parallelen zu ziehen zwischen den ratlosen, tatlosen und behäbigen Auftritten der früheren Fußballmacht bei drei Weltmeisterschaftsturnieren hintereinander und den deprimierenden Aufführungen, die Merz als dritter Kanzler hintereinander bietet, ist nicht mehr besonders originell. Schon vor drei Jahren sah "Der Spiegel" "Fußball-Deutschland in der Krise" und die Frankfurter Rundschau  wähnte "Fußball-Deutschland am Boden". 

In der Rolle des abschreckenden Beispiels 

Die linke Seite ganz schwach, die Mitte zu dicht besetzt, rechts außen läuft niemand. Keine Taktik, keine Strategie, keine Stürmer, keine Resilienz. Aber der Eindruck täuscht eben nicht: Dass Deutschland auf dem internationalen Parkett allenfalls noch die Rolle des abschreckenden Beispiels spielen darf, überrascht niemanden mehr.

Und die schleichend geschwundene Bedeutung des Landes spiegelt sich perfekt auf dem Rasen wider: Miroslav Klose, ein Held aus besseren Zeiten hat undiplomatisch beschrieben, was er in Boston sehen musste: "Eine der enttäuschendsten Leistungen der deutschen Mannschaft, es fehlt an Dringlichkeit, an Intensität und an Charakter."

Es kommt wie überall nichts nach und was da ist, reicht nicht mehr. Das letzte große Hightech-Unternehmen, das in Deutschland gegründet wurde, heißt SAP, es ist 54 Jahre alt. Der letzte Torwart, dem der scheidende Bundestrainer Wunderdinge zutraute, wurde 1986 geboren, als Helmut Kohl Bundeskanzler war. "Ehrlich gesagt kann ich nicht glauben, was ich hier sehe", hat Klose gesagt. Die Spieler wirkten völlig verloren. Die Pässe seien schlampig, die Bewegung schwach."

Wo die Bahn nicht fährt 

Nichts, was sich nicht auf das gesamte Land übertragen ließe. Wo die Bahn nicht fährt, sich die Autobahnen bei 41 Grad Klimahitze wölben und die Wirtschaft nach sechs Jahren Wachkoma in Fluchtfantasien Rettung sucht, müsste "der Trainer Verantwortung übernehmen" (Klose). Denn "Deutschland kann nicht so weiterspielen und erwarten, zu überleben."

Merz aber wirkt nicht nur vor der Kamera wie Nagelsmann. Immer ein bisschen beleidigt, immer ein bisschen barsch. Krise ist nicht, wenn Krise ist, sondern wenn das böse K-Wort benutzt wird. Wie beim  DFB, der mit dem neuen Mann auf der Bank einen Aufbruch zu neuen Ufern anvisierte, ist auch  taktische Restrukturierung unter Friedrich Merz komplett ins Leere gelaufen. 

Statt die AfD zu halbieren, hat Merz die Mitte geschrumpft. Statt eine Stimmungswende einzuleiten, die zu einem selbsttragenden Aufschwung führt, haben der Kanzler und seine Helfer von der SPD das Zeitspiel perfektioniert: Sie zanken und streiten und warten auf Kommissionen, deren guter Rat die eigene Orientierungslosigkeit beenden sollen. Auf dem Platz aber tut sich seit 420 Tagen nichts. 

Sieger in der Trottelliga

Es ist Hydration Break im Kanzleramt. Das WM-Aus nach gefühlten 130 Minuten deutschen Ballgeschiebes ohne jede Zielabsicht gleicht dem Verhandlungsmarathon, den CDU, CSU und SPD seit der Bundestagswahl nie beendet haben. Das neue Muster der Spielauffassung, die den viermaligen Fußballweltmeister in den USA zur Lachnummer machte, findet sich auch auf der politischen Ebene wider. Warum noch siegen wollen, wenn viel einfacher verlieren kann? Warum noch Tore schießen, wenn sich die Ballbesitzquote am Computer in Expected Goals umrechnen lässt, auf die man ebenso stolz sein kann?

Punkte, Titel, Pokale, Wachstum, Wohlstand – das sind Konzepte von gestern. Ewiggestrig, wer der Idee anhängt, die große Transformation sei weniger wichtig als eine Wirtschaft, die die Voraussetzungen schafft, sie zu finanzieren. Die deutschen Fußballfunktionäre sind nicht allein mit ihrer Vision vom Fußball als "einfaches Spiel: 22 Männer jagen 90 Minuten lang einem Ball nach, und am Ende gewinnen die Deutschen", wie der englische Spieler Gary Lineker noch glaubte. Auch Friedrich Merz ist überzeugt, dass die Welt auf Deutschlands großes Comeback wartet. 

Irgendeinem Vorbild wollen doch alle nacheifern.

Der verlorene Mut 

Doch die Schlussszenen des WM-Debakels erzählten davon, wie schwer es ist, zurückzukommen, wen einem der Mut verlorengegangen ist. Gramgebeugt tapperte Joshua Kimmich von einem Kollegen zum anderen und suchte nach zusätzlichen Elfmeterschützen. Offenbar war der Optimismus, ohne die letzte Prüfung in die nächste Runde zu ziehen, im Trainerstab so groß gewesen, dass vorab niemand festgelegt worden war. Hatten sie Elfmeter geübt? Hatte Standardtrainer Mads Buttgereit ausgesiebt, wer infrage kommt und wer lieber erst ganz  zuletzt? 

Der bettelnde Kimmich jedenfalls schaute in Augen voller Angst. Wenn schon verlieren, dann  wenigstens nicht schuld sein. Es traf Jonathan Tah, der das Tor der Paraguayer in der 102. Minute vergeblich getroffen hatte. Noch einmal gelang es ihm nicht. Er jagte den Ball auf die Tribüne.

Das rosa Schweinchentrikot

Nichts geht mehr. Schon ein Gruppenphasen-Spiel bei einer WM ist für deutsche Nationalspieler so schwer zu bestehen wie für Friedrich Merz ein Besuch im Weißen Haus. Eine Bewährungsprobe unter höchstem psychologischem Druck. Selbst emsige Propagandisten können die traurigen Auftritte nicht mehr mit Volksfestcharakter überschminken. Beim DFB waren es die Regenbogenbinde, das rosa Schweinchentrikot und die behauptete "gute Stimmung in der Truppe". Bei Merz sind die Gastspiele auf der Weltbühne mit den Reden über Matchplänen im Zeichen der Moderne. 

Die Fans bei den Medien lieben den Moment, in dem neue Versprechen verkündet werden. Die Umsetzung interessiert in der Regel weniger. Dass das Klimageld nie gezahlt wurde, die Stromsteuer nie gesenkt und der Industriestrompreis nur als 2befristete Kompensationszahlung für die Jahre 2026, 2027 und 2028" beschlossen wurde, stört niemanden. Ab 2029 ist der Russe da. Soll der doch dann sehen.  

Der Ruf der Vergangenheit 

Wie der deutsche Fußball lebt auch die deutsche Wirtschaft vom Ruf der Vergangenheit. Der ist noch gut genug, um sich noch eine schöne Zeit zu machen. Der Alt-Internationale Lothar Matthäus, der es als Bundestrainer auch nicht schlechter hätten machen können, hat mit dem Instinkt eines Vollstreckers direkt nach Abpfiff durchgesteckt, dass in der Mannschaft Zwist nicht darüber herrschte, wer im Falle eines Falles die Elfmeter schießt. Sondern darüber, wessen Mutter im Privatjet mitfliegen darf und welche Linie nehmen muss. 

Fußball ist wie im richtigen Leben. Die Transformation der Industrie hinkt, die milliardenteuren Nachwuchsakademien des DFB liefern so viele Superstars wie Deutschlands Solarzellen Strom bei Nacht. Die Bürokratie wächst und die Trainerstäbe ebenso. Beckenbauers Trainerstab bei der Weltmeisterschaft 1990 in Italien bestand aus ihm selbst, Co-Trainer Berti Vogts und Torwarttrainer Sepp Maier. Julian Nagelsmann hatte 23 Personen in seinem "sportlichen Führungsteam". Darunter waren drei Co-Trainer und zwei Torwarttrainer.

Vollnakose als Normalzustand 

Alle mitnehmen, keinen zurücklassen. Ein grünes Wirtschaftswunder steht immer bald vor der einen Tür, ein fußballerisches Sommermärchen-Revival alle Jahre wieder vor der anderen. Die Katatonie ist das gemeinsame Spielsystem, die Vollnarkose der Normalzustand. Dynamik tarnt sich als  Bewegungsmangel. Niemand glaubt noch, dass das große Turnier noch eine Wendung zum Guten nehmen könnte. Julian Nagelsmann hat sofort nach Spielende gesagt, dass er als Bundestrainer weitermachen wolle. Friedrich Merz lässt bisher nicht erkennen, dass er den Weg für einen Neuanfang freimachen will. 

"Das ideenlos verwaltende Ballgeschiebe, die permanenten Stockfehler und die plötzlichen Geschwindigkeitsnachteile hochgehandelter Profis werden also weiter zu bewundern bleiben, hat die FAZ die Misere zusammengefasst. Das alles sei "nicht anders erklärbar, als mit dem totalen Zerfall einer verunsicherten Gemeinschaft, die nicht mehr weiß, wofür sie steht, was sie kann, und deren Schicksal inzwischen überall in der Welt mitleidig zur Kenntnis genommen wird". 

2 Kommentare:

  1. Der Mann, dessen Regierungsbilanz genauso aussieht wie ...

    Der erfüllt seine e i g e n t l i c h e Aufgabe (die so gut wie niemand wahrhaben will) hervorragend, geradezu glänzend.

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  2. Wenn man nicht gewinnen will, gewinnt man auch meistens nicht.

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