Mittwoch, 30. September 2026

Der Ampel-Indikator: Am Ende der Geduld

Mit Hilfe des sogenannten Ampel-Indikators können Wissenschaftler die Länge des Geduldsfadens in verschiedenen Ländern messen und vergleichen.

Sie stehen am Straßenrand, die Augen starr auf ihr Handy gerichtet. Sie scharren mit den Füßen, zumeist aber unbewegt, allein im Geiste. Gegenüber steht der Feind, eine Lichtsignalanlage, die stur Rot zeigt. Weit und breit ist kein Auto zu sehen. Objektiv betrachtet gibt es für niemanden, der auf beiden Seiten der Straße wartet, einen Grund, nicht den ersten Schritt zu machen und seinen Weg fortzusetzen. Doch die Menschen stehen. Sie warten, Sie folgen einer tief eingeprägten Erziehungsmuster, dass sie moralische Schuld fühlen lässt, wenn sie den Farbsignalen der automatisch schaltenden Lampen nicht folgen.

Im Ampelatorium 

Ampeln sind ein zivilisatorische Errungenschaft der westlichen Gesellschaften, die nicht nur informiert, sondern auch kanalisiert. Doch Frauke Hahnwech beobachtet in dieser Erscheinung eine Ausprägung des sogenannten Ampelphänomens. Mit dessen Hilfe misst die Wissenschaft die Duldsamkeit einzelner Staatsbevölkerungen. Herangezogen werden dazu Zahlen zum Verhalten von Menschen an Ampelkreuzungen ohne Straßenverkehr. "Hier liegt Deutschland mit einem Anteil von 20 Prozent der Fußgänger, die an einer roten Ampel auch nach zwei Minuten noch geduldig auf dem Bürgersteig ausharren, weltweit weit vorn", sagt die Expertin.

In der verkehrspsychologischen und verkehrswissenschaftlichen Forschung wird das Verhalten von Fußgängerinnen und Fußgängern an Ampeln intensiv untersucht. Gerade der Umstand, dass das global als "Jaywalking" bekannte Phänomen es erlaubt, das Maß der Regeltreue und die  Regelverstoßbereitschaft in freier Wildbahn zu beobachten, reizt Forscherinnen und Forscher. Werte sogenannte Regelcompliance lassen sich erfahrungsgemäß auf andere gesellschaftliche Bereiche übertragen: Wer an der Ampel schnell die Geduld verliert, so glauben Wissenschaftler, hat auch im Leben jenseits des Straßenverkehrs keine lange Zündschnur.

Enttäuscht von allem 

Die Daten sprechen eine deutliche Sprache. Nach anderthalb Jahrzehnten voller Finanzkrise, Überforderung durch den "Zustrom" (Angela Merkel), die Pandemie und die beständig wachsenden Erfolge der EU haben Millionen die Lust verloren, auf ein zweites Zeitalter voller Rettungspakete zu warten. Seit mit der Corona-Pandemie erstmals eine Bedrohung aufschimmerte, die zeigte, wie nah am Abgrund die moderne Gesellschaft gebaut ist und wie schnell Staaten bereit sind, ganze Bevölkerungsgruppen als "Störer" und "Schwurbler" auszusortieren, schlurft auch das deutsche Gemeinwesen über dünnes Eis. 

Spätestens nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine und der Ausrufung der "Kriegstüchtigkeit" als neuem Gesellschaftsziel herrscht Skepsis allerorten, ob "die da oben" noch wissen, was sie tun. Schon ein kleiner Schritt führt in einer solchen Situation direkt an die Kante und darüber hinaus: Gehorsame Bürger werden zu Rotlichttrampler. Besonnene Bürgerinnen schrecken nicht davor zurück, eindeutige Lichtsignale zu ignorieren.

Im psychischen Ausnahmezustand

Die aus dem sächsischen Bitterfeld stammende Gebärdendolmetscherin Frauke Hahnwech beobachtet die gesellschaftlichen Erosionsprozesse bereits seit Jahren. Sie führt Protokoll darüber, wie die Zuversicht schwindet und ganze Familienverbände die Hoffnung aufgeben, ihre Kinder und Enkel könnten es einmal besser haben. 

Hahnwech, die in Lyon und Klagenfurt Körpersprache studiert hat und für die EU seit langem politische Grundsatzreden aus dem Propagandistischen ins Deutsche übersetzt, sieht die deutsche Gesellschaft mittlerweile in einem psychischen Ausnahmezustand, befeuert durch sich selbst verstärkende Echo-Effekte aus den Medien. "Angst ist für Medien wie Blut für Raubtiere", sagt die Pathopsychologin. Durch das Übermaß an verbreiteter Untergangsszenarien in den vergangenen Jahren sei ein Abstumpfungseffekt eingetreten. "Menschen riechen die Lüge und glauben dann nichts mehr."

Wenn nichts mehr heilig ist


In diesem Klima hält die gefragte Gesichtausdrucktrainerin das wenig bekannte, aber hoch aussagekräftiges Alltagsphänomen der Gefolgschaftstreue an Ampelkreuzungen für einen idealen Indikator, die nachlassende Bindungskraft der demokratisch regierten Regelgesellschaft zu messen. "Wir betrachten damit im Grunde die Duldsamkeit einzelner Staatsbevölkerungen", sagt sie.

Herangezogen werden ausschließlich Zahlen zum Verhalten von Menschen an Ampelkreuzungen, an denen wenig bis gar kein Straßenverkehr herrscht. "Nur hier können wir wirklich sehen, wie sich Menschen mit einer Situation umgehen, in der ihnen ein unnatürliches, irrationales und unlogisches Verhalten abverlangt wird." 

Ehemals lag Deutschland weit vorn 

Keine Überraschung sei es in den 50er Jahren gewesen, als Deutschland bei den ersten internationalen Vergleichsstudien überaus gut abschnitt. "Hier lag Deutschland damals mit einem Anteil von 20 Prozent der Fußgänger, die an einer roten Ampel auch nach einer Minute noch geduldig auf dem Bürgersteig ausharren, weltweit weit vorn", erläutert die Expertin. Nur Taiwan erreichte mit 57 Prozent einen höheren Wert. In Frankreich lag der entsprechende Anteil bei lediglich acht Prozent.

Seitdem aber sei etwas "ins Rutschen gekommen". Aktuelle wissenschaftliche Langzeitstudie zur gesellschaftlichen Akzeptanz von Ampeln zeigen eine sich beschleunigende Erosion über die letzten 50 Jahre. Hahnwech hält das für eine grundstürzende Veränderung. 70 Prozent der an Ampeln wartenden Bürgerinnen und Bürger in Deutschland zögerten heute nur noch knapp weniger als anderthalb Minuten, ehe sie bei fehlendem Autoverkehr entgegen der staatlichen Vorgabe eine abweichende Entscheidung treffen und loslaufen. 

Selbstbewusste Rotgänger 

Drei Viertel dieser Rotgänger argumentieren sogar, dass es aus ihrer Sicht keine Gefahr gebe und sie sich deshalb im Recht wähnten, schon nach weniger als 30 Sekunden in Bewegung zu setzen. Als Begründung diene den meisten die eigene Lebenserfahrung: "Von ihrer Warte aus betrachtet handelt es sich um eine sichere, überschaubare Situation ohne offensichtliche Gefährdung", schildert Frauke Hahnwech. Von den Forschenden auf ihre Beweggründe angesprochen, argumentierten sie mit selbst durchgeführten Versuche oft über Jahrzehnte hinweg. "Die schaffen in den Menschen das verfestigte Wissen, dass ihnen nichts passieren kann.

Die verkehrspsychologische und verkehrswissenschaftliche Forschung bestätigt die Beobachtung. Eine der bekanntesten kulturvergleichenden Studien, veröffentlicht im Fachjournal "Royal Society Open Science", beobachtete Fußgänger in Straßburg und Nagoya. In Japan überquerten nur etwa zwei Prozent der Menschen die Straße bei Rot, in Frankreich knapp 42 Prozent. Waren keine anderen Personen anwesend, stieg die Missachtungsrate in Frankreich auf 67 Prozent, in Japan lediglich auf sieben Prozent. Die Angst vor sozialer Missbilligung wog oft schwerer als die Verkehrsregel selbst, auch in Deutschland.

Der Lack ist ab 

Doch diese dünne zivilisatorische Lackschicht ist abgeblättert. "Viele  Menschen fühlen sich zur Selbstermächtigung berechtigt", fasst Hahnwech zusammen. Das Ende der Geduld ist mittlerweile für viele schon nach wenigen Augenblicken erreicht. Neuere Untersuchungen, die am Climate Watch Institut (CWI) im sächsischen Grimma vorgenommen wurden, zeigen eine klare Schmerzgrenze: Die meisten Fußgänger sind bereit, 20 bis 30 Sekunden zu warten. Dauert die Rotphase länger und ist kein Fahrzeug in Sicht, bricht die Compliance massiv ein. "Der Staat schafft es nicht mehr, mit seinen Regeln zu überzeugen", sagt Studienleiter Herbert Haase vom CWI.  

Studien aus China, Südkorea und Australien belegen, dass auch dort die Missachtungsraten ansteigen, sobald die visuelle Information "freie Straße" vorliegt. Doch Zündschnur brennt dort in der Regel immer noch über eine Minute bei Anwesenheit anderer. Wirkt der Social Proof, also die Gegenwart anderer Wartender, als Korrektiv, erhöht das die Regeltreue erheblich. Bis zu vier Minuten hätten Probanten gestanden, den Blick starr auf ihr Handy gerichtet.

Hemmschwelle Null 

"Steht man allein, sinkt die Hemmschwelle gegen Null", so sehe das in Deutschland aus,  sagt Herbert Haase. Staatliche Vorgaben würden nur noch befolgt, wo anderenfalls Strafe oder die gesellschaftliche Ächtung drohe. Hahnwech liest aus diesen Zahlen mehr als bloße Ungeduld. Das Ampelphänomen sei der Kanarienvogel im Kohlenbergwerk einer Gesellschaft, deren Zündschnur immer kürzer werde. 

"Menschen, die sich an einer zu kurzen Leine geführt fühlen, nutzen die Augenblicke an Ampeln zu unbeobachteten und überwiegend straffreien Freiheitsausübungen", analysiert sie. Der Staat, der in Steuern, Abgaben, EU-Vorgaben und wechselnden bundespolitischen Eingriffen in Meinungsfreiheit und Eigenverantwortung immer stärker als Über-Solidarisierer erlebt werde, verliere an den roten Ampeln seine symbolische Autorität. Die Bürger entzögen ihm dort, wo es risikolos und meist folgenlos bleibe, sofort den Gehorsam.

Auch in Gegenwart von Kindern 

Mir schweren Folgen für künftige Generationen. Besonders auffällig sei der Rückzug einer lange selbstverständlichen zivilisatorischen Angewohnheit: "Aber nicht bei Rot, wenn Kinder in der Nähe sind." Diese Selbstbeschränkung, einst Ausdruck eines kollektiven Verantwortungsgefühls, erodiere. Wer sich ohnehin vom Staat bevormundet und zugleich im Stich gelassen fühle, der sehe auch in der Rücksichtnahme auf Schwächere zunehmend eine Zumutung, die er nicht mehr bereitwillig erbringe. 

Die von oben verordnete Über-Solidarität erzeuge unten zunehmende Entsolidarisierung. Die Langzeitschäden sind absehbar. "Wo die Älteren sich heute an Ampeln weigern, Jüngeren mit ihrem Beispiel das richtige Verhalten zu lehren, fehlen die gesellschaftlichen Vorbilder, die zeigen, wie man korrekt funktioniert."

Der Staat steuert gegen

Die Zahlen zur Entwicklung der Zahl der Lichtsignalanlagen untermauern den Befund indirekt. Seit am 20. Oktober 1924 am Potsdamer Platz in Berlin die erste Ampel eingeweiht wurde, ist die zahl der automatischen Verhaltensanweiser auf bis zu 50.000 gestiegen. Die Akzeptanz ist dabei jedoch hoch differenziert: Autofahrer missachten Rotlicht nur in etwa 1,6 Prozent der Fälle, Fußgänger und Radfahrer in rund acht bis 8,5 Prozent, E-Scooter-Fahrer in über 14 Prozent. Das aber sind offizielle Zahlen. Bei völlig freier Sicht und fehlender sozialer Kontrolle verschieben sich die Werte dramatisch – und der Ampel-Indikator erweist sich als unbestechliches Stimmungsbarometer.

Für die Expertin ist das Ampel-Phänomen kein Verkehrsproblem. Es zeigt eine Gesellschaft, die sich zunehmend entsolidarisiert und individualisiert. Hohe Abgaben, staatliche Gängelung, eingeschränkte individuelle Freiheiten und das Gefühl, dass der Staat einerseits alles regeln wolle und andererseits nichts mehr im Griff habe, erzeugten eine latente Wut, die sich an den unscheinbarsten Orten entlade. "Die rote Ampel wird zum Schauplatz eines stillen Aufstands", sagt Frauke Hahnwech, "hier kann man ohne großes Risiko einmal über sich selbst entscheiden".

Der letzte Rest Freiheit

Hahnwech warnt vor einer Fehlinterpretation. Wer das Phänomen lediglich als Zeichen schwindender Disziplin deute, übersehe die tiefere Ursache. "Die Menschen warten nicht mehr, weil sie dem Staat nicht mehr glauben, dass er es besser weiß." Mit der einst so bereitwillig gezeigten Geduld an der Ampel sei der letzte sichtbare Rest eines Vertrauensvertrags zwischen Bürger und Staat still und leise gekündigt worden. Die wenigen Sekunden an einer roten Ampel, bei völliger Übersicht und Null Verkehr, würden alles empfunden, was in einer durchregulierten Welt noch an Autonomie geblieben ist. "Eine straffreie Insel der Eigenmächtigkeit."

Dienstag, 29. September 2026

Trabiduft in der Luft: Das deutsche Plunderwunder

Die Stadt, der Müll und der schleichende gesellschaftliche Tod: Irgendwann hat Deutschland die Kontrolle über sich selbst verloren.  

Wer aus dem Ausland kam, spürte sofort: Hier liegt was in der Luft! Bis 1989 war es der Trabi-Duft, den nur Fremde, Westdeutsche und längere Zeit über abwesende hatten schnuppern können. Die Einheimischen in der DDR waren gewöhnt an den süßen und zugleich beißenden Geruch aus dem Zweitakterauspüffen. Ihre Riechmuskeln waren verödet und vollkommen unempfindlich geworden gegen den Hauch unverbrannten Restbenzins, schwerer Benzolrückstände und giftiger flüssiger Feinstäube, in der Heizsaison ergänzt um die schwefelhaltige Abluft hunderttausender Brikettöfen.

Stinkt es immer so? 

Nur wer aus der Ferne zurückkehrte, erschrak für einen Moment. Stinkt es hier wirklich schon immer so? Ist das noch Luft oder schon reiner Rauch? Der Horror, der jeden Menschen ereilt, der aus Dänemark, aus Österreich, Polen oder Tschechien die Grenze Richtung nach Deutschland übertritt - mit ein wenig Glück unkontrolliert, wie ist das Schengenabkommen ursprünglich bestimmt hatte - erleidet spätestens an der ersten Raststätte einen Realitätsschock. 

Wo in den Staaten ringsum Toiletten wie geleckt aussehen, beheimatet in hübschen kleinen Bauten mit Backsteinfurnier und versehen meist mit automatischer Warmwasserzufuhr, stehen in Deutschland traurige Hütten. Sie sind in der Regel von oben bis unten beschmiert. Sie wurden von reisenden Fußballfanhorden und anderen Interessengruppen, die ihre Mitwelt wissen lassen wollen, wofür sie stehen, zentimeterdick mit Aufklebern verziert. Und ergänzend im Freibereich flächendeckend mit Müllbergen abgedeckt.

Die Masse als Message 

Verständlich für Außenstehende sind die Parolen nie, die auf Bänken, Papierkörben und auf jeder sich bietenden glatte Oberfläche kleben. Doch ihre Masse allein ist Message genug: Was Friedrich Merz in seinen Tagen als Oppositionsführer noch das "Stadtbild" nannte, zeigt sich hier als Gesicht eines neuen Deutschland. "FCK MRZ" steht da und "FKC GRN", "Gegen Nazis", "THC statt AfD" und "Stoppt die AfD", aber auch "ACAB" und "AFA", zwei Abkürzungen, mit denen 95 Prozent der Bevölkerung nichts anfangen können.

"ACAB" ist der verbotene Code dafür, dass alle "Bullen" angeblich Bastarde sind. "AFA" dagegen bedeutet "Antifaschistische Aktion" und markiert den Herrschaftsbereich von Antifaschisten wie Urin das Revier eines Hundes. Damit es nicht zu einfach wird, tarnt sich "AFA" gelegentlich auch als "161" - eine Verschlüsselung nach dem Muster der DDR-Zigarettenmarke F6. Leicht genug zu verstehen für die Vordenker der Szene. 

Warum nur nichts klappt


Deutschlands Regierung mag ratlos sein und rätseln, weshalb ihr nun schon seit fast zwei Jahren partout nichts gelingen will. Die Wirtschaft ist natürlich im Begriff, ganz gegen den Rat des früheren Umweltwirtschaftsministers Robert Habeck einfach den Bach hinunterzugehen. Kommunen sind pleite, der Handel zieht sich nicht mehr nur aus der Fläche, sondern auch aus den Innenstädten zurück. 

Doch wirklich prägend für das neue Deutschland ist die aller orten zu bestaunende Verluderung. Als Merz "Stadtbild" sagte, meinte er zwar ausdrücklich nicht die Stadt, den Müll und den Tod der gepflegten deutschen Sauberkeit, sondern bestimmte Bevölkerungsgruppen, die Deutschland ein bisschen dunkler und ein wenig abenteuerlicher erscheinen lassen. Doch wer heute eine deutsche Innenstadt besucht, ein Jahr nach der Kampfansage des Kanzlers, erlebt sein buntes Plunderwunder.

Städte wie die Bronx der 80er

Von Frankfurt bis Berlin, von Rostock und Görlitz bis nach Wiesbaden erinnern die ehemals hübsch gekämmten Städte an die New Yorker Bronx der 80er Jahre. Überall ist Gekritzel an den Wänden, alles ist beschmiert, verdreckt und vergammelt. Das Frankfurter Bahnhofsviertel belagern Heerscharen von  Drogengebrauchenden wie sie auf Politisch offiziell heißen. 

Die alteingesessenen Dealer aus Marokko, die das Heft des Handelns Jahrzehnte in der Hand hatten, halten sich nach Einbruch der Dunkelheit möglichst weit draußen aus der Messerverbotszone. Die wurde von neuen Clans Albanien und Syrien mit handfesten Methoden und nach den Vorgaben Peter Scholl-Latours umgestaltet: "Wer halb Kalkutta aufnimmt, rettet nicht Kalkutta, sondern wird selbst Kalkutta".

Narrenhände in Golghata 

Der Spruch passt längst in jede deutsche Stadt.

Kalkutta, heute in Kolkata umbenannt, ein Name, der fast wie Golgatha klingt, ist überall. "Plagwitz bleibt dreckig", haben Narrenhände in der angesagten sächsischen Metropole Leipzig stolz an eine Wand gepinselt. Die stolze Selbstbeschreibung der Bewohner des größten City-Slums von Sachsen passt auf jede deutsche Stadt, je weiter nördlich, desto mehr. 

Natürlich haben auch die im Süden ihre sogenannten sozialen Brennpunkte. Schlimmer für das Auge als diese Inseln völliger Verwahrlosung aber ist der allgemeine Verfall. Der kontrastiert in den bürgerlichen Vierteln interessant mit den Resten von Außenstuck, schmiedeeisernen Gartenzäunen und denkmalgeschützten Villen, deren Eigentümer eloxiertes Glas und Edelstahl in Menge verbaut haben. 

Nur wer beschmiert, existiert 

Draußen in den Vorstädten ist jede Straße eine kleine Müllhalde, zugestellt mit Einkaufswagen, Bettgestellen und Beuteln voller Windeln und undefinierbaren Habseligkeiten. In den Stadtzentren aber fällt der allgemeine Niedergang stärker auf. Vor Jugendstilvillen ein mit Abfall vollgestellter Gehweg. An Gründerzeithäusern mannshohe Graffitikrakeleien. Nur wer etwas beschmiert, existiert, Nur seinen traurigen, schmutzigen Trödel anderen in einer Kiste mit der Aufschrift "Zu Verschenken" vor die Füße legt, erspart der Gesellschaft Müllkosten und ein schlechtes Klimagewissen.

Stockig und schmandig, angemodert und verschimmelt liegen dort "zum Mitnehmen" Wollsocken und Bücher, kaputtes Spielzeug und Tassen ohne Henkel. Was genau Müll ist und was in den besseren Wohnvierteln der größeren Städte als durchaus noch brauchbar für den Pöbel betrachtet wird, bleibt oft unklar. 

Als Zeichen des Verfalls nicht nur der Sitten aber sind die guten Gaben aus ausgelatschten Turnschuhe, selbstgebrannten CDs, kaputten Tischstaubsauger und dem regelmäßig angebotenen wilden Gewölle aus Gestricktem ideal. Wer schließlich braucht im "reichsten Land der Welt" (ZDF) keinen Computerschrott, keine leeren Marmeladengläser ohne Deckel und keine Döschen mit eingetrockneten Hautpflegelotionen? Wo die Idee der Nachhaltigkeit mehrheitsfähig ist, fliegt nichts mehr in den Müll. Der Müll kommt stattdessen vor die Tür. "Zum Mitnehmen!"

Verboten wie die illegale Einreise 

Das alles ist verboten etwa auf der Ebene einer illegalen Einreise ohne Pass und Erinnerung an das eigene Geburtsdatum. Jeder macht es, alle sind dabei, denn wo die Gehwege ohnehin holprig und die Fassaden zugetaggt sind mit Vorschlägen, Hinweisen und Protestsprüchen aller möglichen Gruppen von Engagierten, fällt das bisschen Dreck auch nicht mehr auf. Wer hier wirklich lebt, für den guckt sich das weg wie die Hundehaufen, Spritzen und Kondome im Stadtpark. 

Nein, dieses Deutschland riecht natürlich nicht mehr nach Trabant. Fährt einer vorbei, rümpfen die Zustromleute von 1990 die Nasen. Wie konnten wir das früher nur nie bemerken? Diesen Gestank!Schonlängerhierlebenden nicken. Sie haben das damals bei jedem Besuch sofort bemerkt. Bekommen heute aber auch nichts mit. So wie die Dinge sind, sind sie eben. Deutsch sein heißt auch Verantwortung vor der Geschichte übernehmen und bereit zu sein, das Schlampige und Vernachlässigte anzunehmen. 

In der letzten Wohnung 

Auf Besucher von außerhalb hingegen wirkt das Land oft wie die Wohnung eines sehr alten Menschen, der nicht mehr in der Lage ist, für sich selbst zu sorgen. Hier ist etwas kaputt, dort viel zu alt, um noch repariert zu werden. Überall liegt Staub aus den Jahren der Reglosigkeit unter der Ägide einer Kanzlerin, die das "beste Deutschland, in dem wir gut und gerne leben" bereits errichtet zu haben glaubte. 

Einmal durchkehren und wischen reicht hier nicht mehr. Bereits unweit der aus Marmor, Edelstahl und Spiegelglas erbauten Paläste von Regierung und Verwaltung beginnen Landstriche, in denen Vielfalt allein an Schmierereien herrscht. Deren Dimension sprengt die Grenzen jeder Vorstellung. Etwa drei Millionen Gebäude stehen in den deutschen Großstädten, den Epizentren des schleichenden zivilisatorischen Zusammenbruchs. In der Regel ist mindestens jedes zehnte Haus beschmiert - im Durchschnitt bedeckt Farbe etwa zwei Quadratmeter.

Übersetzt in Zahlen ergibt sich daraus ein Monumentalwerk unbestellter Kunst: Der halbe Quadratmeter hier, der schnelle Tag dort, die komplett bemalte Fassade: Aufsummiert auf 300.000 Gebäude verwandelt sich sichtbarste Zeichen der Kapitulation vion Staat und Gesellschaft vor einem Phänomen ohne Sinn und Zweck in einen Sprühnebel kosmischen Ausmaßes.

Hintergrundrauschen der Verwahrlosung


Tags sind das Hintergrundrauschen der Verwahrlosung, die zerbrochenen Fensterscheiben der einstmals so ordnungsliebenden Deutschen. Sie kleben an Regenrohren, Stromkästen, Klinkerfassaden und Altbausockeln, sie verunstalten Wände und Türen und kehren zurück, sobald Hausbesitzer sie überstrichen haben. Zusammengerechet sind in Deutschland schätzungen zufolge 125.000 Quadratmeter Wandfläche verunstaltet. Das entspricht der Fläche von fast Fußballfeldern, die lückenlos mit Pigmenten und Bindemitteln überzogen sind.

Und immer wieder neu werden. 75.000 bis 85.000 Spraydosen im Standardformat von 400 Millilitern braucht es, um die Schichten beständig mit neuen Krakeln aufzufrischen und die Wunden auszuweiten.  Die Sprayer investieren Jahr für Jahr zwischen einer und zwei Millionen Euro in rund 30.000 Liter flüssige Chemie, die durch eine ausgeklügelte Düsentechnik fein zerstäubt mit einem Druck von etwa vier bis sechs Bar dafür sorgt, dass ganze Stadtviertel ästhetisch zum Äquivalent einer verranzten Schultoilette werden. Würde die Kleckse und Parolen zu einem Bild zusammengesetzt, wäre das einem Kilometer lang und 125 Meter hoch. 

Kunstwerk des Verfalls 

Ein Kunstwerk des Verfalls, ein kollektives Riesendokument der Regression. Dadurch passt dann alles zusammen. Die überlaufenden Bahnhofsklos, die abgedeckten Pissbecken an der Autobahnrastsätte, der mit "Außer Betrieb" markierte Defibrillator auf dem Flughafen. st ein dynamisches Dokument dauerhaften Ansturms. Während Eigentümer und Kommunen Millionen aufwenden, um die Pigmente mit Sandstrahlern, Hochdruckreiniger und Chemie wieder aus dem Stein zu brennen oder zu überstreichen, arbeitet die Gegenseite mit den gleichen physikalischen Gesetzen – nur in die andere Richtung.

Montag, 28. September 2026

Die SPD-Kaderschmiede: In der Fabrik für gute Genossen

Der sogenannte "Gebetssaal" der Genossenfabrik. Hier lernen Nachwuchskader, endlose Stunden lang inhaltsfreien Reden zuzuhören.

 „Nicht die Politik verdirbt den Charakter.
Schlechte Charaktere verderben die Politik.“
Johannes Rau
 

Die Fassade des Schlosses wirkt finster und bedrohlich im Herbstregen. Dunkelgelblich wirken die Sandsteinquader, mit denen die Wände furniert wurden. Hoch oberhalb der Eingangstür, zwischen zwei von schmalen, schießschartenartigen Fenstern, prangt bescheiden ein Steinrelief, das das traditionelle Signet der deutschen Sozialdemokratie zeigt. Ein roter Quader, der die Quadratur des Kreises versinnbildlicht: Mit mehr Staat mehr Gerechtigkeit schaffen. 

Sozialismus durch die Hintertür 

Besucher wissen sofort: Hier geht es zum Sozialismus durch die Hintertür. Doch vom Vorplatz aus hat man einen grandiosen Blick über die vor dem Haus liegenden gepflegten Rasenflächen mit ihrem wogendem Baumbestand. In der Ferne, jenseits der hohen Zäune, flüstert ein Bach, der über kleine Steine und Felsen rauscht.

Hier sind sie alle schon gewesen, die Hoffnungsträger der SPD. Hierher delegiert die frühere Arbeiterpartei ihren Führungsnachwuchs, den sie in einem speziellen Milieu findet. Meist sind es sogenannte Politikstudierende, die schon vor dem Abitur in die Partei eingetreten sind, eifrig bemüht, ihren Weg zu machen. Während des Studiums finden sie dann Beschäftigung bei einem Abgeordneten. Sofort im Anschluss beginnt eine Wartezeit im Stadt- oder Ortschaftsrat. Ehe schließlich nach angemessener Wartezeit eine Karriere mit Partei- und politischen Wahlämtern startet.

Die Alleskönner 

Die neuen Nomenklaturkader kommen aus dem Parteiapparat, er zeugt sie und säugt sie, bis sie in die Ämter gelangen, von denen aus sie alles regieren können. Eine Behörde, ein Amt, eine Stadt, ein Bundesland, eine Partei, eine Fraktion, einen Staat. Woher aber haben die Auserwählten eigentlich ihre überragenden Fertigkeiten? Wie haben sie die Fähigkeit erworben, ohne jeden direkten Kontakt mit der Wirklichkeit auf einen so reichen Fundus an Lebenserfahrung zurückgreifen zu können, dass sie so krisenfest in jeder Lage sind? 

Ein Besuch in der Führungsakademie der sozialen Demokratie (FSD) oder auch Akademie für Soziale Demokratie wie die SPD ihre Parteischule selbst nennt, finden sie erfahrene Dozenten und Professoren, die ihnen im Rahmen eines Fellowship-Programms zeigen, wo Hammer und Sichel hängen. Neun Lernmodule werden hier geboten. Ziel der umfassenden Unterrichtungen ist es, die Führungskompetenz im Kontext der Organisations- und Kommunikationsstrukturen auszubauen und die Handlungsfähigkeit in komplexen sozialen Prozessen zu erhöhen.  

Mit den Besten vernetzen 

"In die SPD-Führungsakademie kommt, wer sich mit den Besten vernetzen, von den Klügsten lernen
und sich selbst langfristig positionieren will", wirbt die Sozialdemokratische Partei Deutschlands selbst für ihren einzigartigen "geschützten Lernraum für die Persönlichkeiten mit politischen Führungsaufgaben". Der hat seit seiner Gründung im Sommer 2007 eine Erfolgsgeschichte geschrieben. 

Allein bis 2020 besuchten 420 Persönlichkeiten die Bundesparteischule, 192 von ihnen waren Frauen,  228 Männer. 14 schafften  den Aufstieg bis in ein Ministeramt, 22 weitere übernahmen Ämter in Landesregierungen, 62 rückten auf verantwortungsvolle Plätze in Partei- und Fraktionsführungen auf Landes- und Bundesebene. 

Nachschub für die zweite Reihe 

Weitere 77 konnten zwar nicht in der ersten Reihe verwendet werden. Doch als Nr. 1 in ihrer Stadt oder ihrem Landkreis zeigen sie, dass das "Bündel personalentwickelnder Maßnahmen", mit denen ihre Partei ihnen auf die Sprünge half, nicht nur Spitzenpolitikerinnen und -politikern eine solide Grundausbildung bietet. Anke Rehlinger, die derzeit das Saarland leitet, war hier. Manuela Schwesig, Wahlsiegerin und letzte sozialistische Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, ebenso. Lars Klingbeil natürlich, der SPD-Parteichef. 

Die Weiterbildung ist innovativ, die Professionalisierung umfassend. Anwärter auf eine Ausbildung - hier "Fellows" genannt - bekommen methodische Handreichungen und die Anwendung kompetenzorientierter Methoden vermittelt. Der Einsatz in der Praxis ist kein Fremdwort und in Musterveranstaltungen wird der Umgang mit Wählerinnen und Wählern geübt. 

Lehrgänge in Händeschütteln 

Jeweils zwei Jahre dauert ein Ausbildungsprogramm inklusive umfassender Lektionen in Geschichte der Arbeiterklasse, wissenschaftlicher Marxismus und Tipps zum richtigen Händeschütteln. Platz im SPD-Schloss ist für 85 Fellows – zumeist Bundes- und Landtagsabgeordnete, Oberbürgermeisterinnen und Oberbürgermeister sowie hochrangige Parteirepräsentantinnen und -repräsentanten.

Auf die handverlesenen Teilnehmer wartet ein Booster für "persönliches und politisches Wachstum", wie es die SPD nennt, die voller Stolz auf die schon 20 Jahre alte "neue Lernkultur in der Partei" ist. Die wirkt längst beispielgebend. Die Grünen unterhalten mit der Weiterbildungsakademie der Heinrich-Böll-Stiftung  unter dem Namen "GreenCampus" eine eigene Kadettenschule. Die CSU unterhält seit Sommer 2007 eine eigene Akademie, die sich gezielt um die Förderung von Nachwuchspolitikern kümmert. Und auch die CDU will die Anzucht des politischen Nachwuchses nicht dem Zufall überlassen. Sie hält sich die Zukunftsakademie NRW und ähnliche Programme in Niedersachsen und Hessen.

Vorbild August Bebel 

Vorbild aller Nomenklaturschulen aber ist die 1906 von August Bebel selbst eröffnete SPD-Parteischule, deren Erbe die "Akademie für Demokratie" angetreten hat. Was sich reimt ist gut: Unter Leitung eines vierköpfigen Trainerstabes werden hier "aus den Guten die Besten" und aus willigen Bürgern echte Genossen. Für den Lernprozess wurde eine eigene Systematik entwickelt, die auf Prozesshaftigkeit, Heterogenität sowie individueller und kollegialer Reflexion basiert. Das Curriculum bündelt Fachwissen, Methodenkompetenz und politische Orientierung zu einer produktiven Einheit. 

Nichts wird dem Zufall überlassen. Schon wenn die Teilnehmer am Eingang von alten Sozialisten aus der Ära von Beck, Müntefering und Nahles empfangen werden, weht ein Hauch von sozialdemokratischer Ära mit stabil zweistelligen Wahlergebnissen. Nach der Einkleidung der neuen Fellows findet noch am gleichen Tag um acht Uhr ein Abendessen und anschließend eine Begrüßung durch den Leiter der Akademie statt. 

Gemeinschaftsräume am Foyer 

Die Zimmer werden danach bezogen - jeweils zwei Genossen in einem Raum, Toilette und Gemeinschaftsbad auf dem Flur. Die Genossinnen wohnen in Zimmern im ersten Stock, die Genossen ein Stockwerk höher. Gemeinschaftsräume finden sich unten in Räumlichkeiten neben dem Eingangsbereich, darunter auch ein Billardsalon, ein Dartsroom und eine kleine Turnhalle und eine Bibliothek voll klassischer Literatur der Arbeiterbewegung. 

Die Inneneinrichtung ist im Gegensatz zum äußeren, fast klassisch wirkenden Erscheinungsbild des als "Rotes Schloss" bekannten Baus überraschend modern. LED-Spots, Lichtleisten, spärliche, sachliche Möblierung, keine Designermöbel aus schwarzem Stahl und schwarz lackiertem Holz - so signalisiert die Universitätsleitung neuen Studenten vom ersten Moment, dass sie nur sehr bescheidenen Luxus zu erwarten haben. 

Es fehlen die Arbeiterfahnen 

Wer von den neuen Fellows Arbeiterfahnen, enteignete feudale Wandteppiche, lederbezogene Lehnstühle oder in Öl gemalte Bilder von berühmten Arbeiterführern erwartet, liegt falsch. In der FSD  geht es um Inhalte, um Methodenstudium und Übungen am elektronischen Staatssimulator. Vermittelt wird der umfangreiche Stoff in lockeren Runden. Es geht hier in erster Linie darum, hoffnungsvolle Anschlusskader auf den richtigen Weg zu bringen, ihr Sprechverhalten, aber auch für ihr soziale Beweglichkeit zu schulen und sie für Führungsaufgaben zu sensibilisieren.

Die Teilnehmer sitzen in der Regel in Sesseln und Sitzgruppen im Kaminzimmer, multimediale Helfer sind in den Wänden versteckt. Im Kamin prasselt ein Holzfeuer, das dem Raum eine wohlige Atmosphäre verleiht. Hin und wieder springen knackend Funken hervor, die auf den Fliesen vor der Feuerstelle verglühen. Die Flammen spiegeln sich in den vor Aufregung geröteten Gesichtern der jungen Leute, die andächtig lauschen, wenn sie grundlegende Lehren empfangen wie: "Die Parteien haben das Monopol, Menschen für Wahlen zu nominieren."

Ein handverlesener Kreis 

Die meisten von ihnen sind unter dreißig. Die meisten  haben ein oder zwei Studien der Politologie oder der Juristerei zumindest einmal begonnen. Sie alle gehören zu einem ausgewählten Kreis von illustren Teilnehmern, die von alten Genossen vorgeschlagen oder von höheren Parteigliederungen delegiert wurden.

Zum Simulationstraining geht es ins Kellergeschoss, wo die Hightech-Rechner stehen. Eine aufgespielte 3D-Software erlaubt es Akademieabsolventen, sich das Rüstzeug für spätere Missionen in der echten Welt zu holen: Welche Steuern kann ich wie erhöhen? Wie lassen sich neue Abgaben unauffällig einführen und als Maßnahme zur Schaffung von mehr Gerechtigkeit framen? Schließlich die Königsdisziplin: Was muss ein SPD-Führungskader sagen, wenn er am Wahlabend eine Niederlage erklären soll.

Eng eingebundene Parteispitze 

Die Parteiführung ist in die Entwicklungsprozesse der künftigen Führungsriege kontinuierlich eingebunden. Immer wieder nimmt sich der Generalsekretär, obwohl selbst erst 34 Jahre alt und ohne jede Berufserfahrung, persönlich Zeit, die Fellows kennenzulernen. Auch der Parteivorsitzende, obschon im Nebenberuf Bundesfinanzminister, schaut vorbei, was dem Projekt zusätzliche Aufmerksamkeit und Sichtbarkeit verleiht.

Hier sind die künftigen Entscheidungsträger unter sich. Hier ist "Nomenklaturkader" kein Schimpfwort, sondern Ausweis künftiger Fähigkeiten. Die Türen zu allen Zimmern stehen immer offen. Eine Besonderheit, die fresh fellows anfangs verwundert zur Kenntis nehmen. Oft haben sie kaum ihren kleinen Koffer abgestellt und aus dem Fenster auf den weitläufigen Park geschaut, das fragen sie schon: "Wo bekomme ich meinen Schlüssel?" 

Abseits bewohnter Gegenden  

Doch Schlüssel braucht hier niemand. Das Rote Schloss liegt abseits bewohnter Gegenden und es wird rund um die Uhr bewacht. Das Personal ist absolut zuverlässig, die Fellows sind Verbündete mit einer gemeinsamen historischen Mission, mitgebrachte Wertsachen können im Safe des Hauses hinterlegt werden. Eine wissenschaftlich fundierte Evaluation zeigt, dass die Trainings die Fellows bereits nach den ersten zwölf Monaten deutlich gestärkt und ihre Führungskompetenzen erhöht haben.

Absolventen müssen ihre Teilnahme nicht streng geheim halten, werden aber gebeten, mit dem erfiolgreichen Abschluss nicht bei den Medien hausieren zu gehen. Sie alle wissen, dass es eine besondere Auszeichnung ist, ins Rote Schloss eingeladen zu werden. Sie alle sind dankbar, ihre hervorragenden fachlichen Fähigkeiten um eine Komponente ergänzen zu dürfen, die in der herkömmlichen Politikerausbildung gewöhnlich viel zu kurz kommt. 

Sonntag, 27. September 2026

Zuversicht wird Wirklichkeit: Der KI-Kommunismus

Die Wurzeln des globalen Cyberglaubens liegt in der sogenannten Kybernetik der 60er Jahre.

Für den wissenschaftlichen Kommunismus war die Sache von Anfang an klar. Eine Wissenschaft, die behauptete, komplexe Systeme seien in der Lage, sich selbst zu steuern, konnte nichts anderes sein als eine Pseudo-Wissenschaft. Nirgendwo bei Marx oder Engels, aber auch nicht bei Lenin  stand etwas von selbststeuernden Systemen. Zum Glück. Denn für die Steuerung war noch immer die Partei zuständig. Und die Partei machte das sehr gut.

Wie heute die KI 

Diese sogenannte Kybernetik, vor 60 Jahren ein ähnlich angesagtes Buzz-Word wie heute AI und KI und Algorithmus, hielten die führenden Genossen für eine Erfindung des Westens, mit der sie hinterlistig in eine Falle gelockt werden sollten. Die wissenschaftlichen Büttel der Imperialisten hatten sich die Computerdinge eigens ausgedacht, um zu beweisen, dass Leitung und Führung der Gesellschaft durch die fortschrittliche Arbeiterpartei eines nicht allzu fernen Tages überflüssig sein werden. Eine Katastrophe wie autonomes Fahren heutzutage für die EU.

Eine These, die nicht weniger an den Grundfesten der entwickelten sozialistischen Gesellschaft rüttelte als Thilo Sarrazin Jahrzehnte später mit seiner populistischen Beschwörung, Einwanderung sei von Schaden, geschehe sie ungebremst und unkontrolliert, an den Pfeilern der freiheitlich-demokratischen Grundordnung.

Freigabe aus Moskau 

Es musste erst der sowjetische Admiral Aksel Berg kommen, von Haus aus Elektroniker. Der Sohn eines finnlandschwedischen Vaters und einer italienischen Mutter genoss trotz seiner zweifelhaften Herkunft hohes Ansehen in der kommunistischen Führung. Und als er seiner Obrigkeit im Kreml wie eben erst Mario Draghi der seinen im Berlaymont-Palast in einem Geheimbericht zu verstehen gab, dass die Führung einer Armee ohne die bis dahin als "Seuche" definierte Kybernetik bald nicht mehr möglich sein werde, tapperte Angst durch die düsteren Kremlflure. 

Ruckartig - vieles erinnert an die jüngste europäische Blitzliebe zur unbegrenzten Aufrüstung nach JD Vance' Münchner Rede Anfang 2025 -  änderte sich die Einstellung aller sozialistischen Staaten. Vor allem aber, auch als sozialistischer Arbeiter- und Bauernstaat blieb die DDR vor allem deutsch -änderte sie sich in Ostdeutschland. Die Kybernetik, eine Lehre, die der US-Mathematiker Norbert Wiener im Zweiten Weltkrieg begründet hatte, war auf einmal die Parole der Stunde. Selbst Nikita Chruschtschow, ein Spezialist für landwirtschaftliche Fragen, lobte die rätselhafte neue Sache. Aus Lenins Theorie, Sozialismus sei Elektrifizierung plus Sowjetmacht, wurde ein Sozialismus, der aus Sowjetmacht und Großrechnern bestehen sollte.

Gefolgschaftstreue unter Freunden 

Nach dessen Empfehlung von Rinderoffenställen und dem Mais als "Wurst am Stengel" hätte es jeder besser wissen können. Beide Ratschläge aus Moskau hatte verheerende Folgen gehabt. Doch Gefolgschaftstreue unter Freunden, ohne viel oder überhaupt zu fragen, das wurde damals noch großgeschrieben. Statt über die jähe Wendung in Moskau zu meckern und hinhaltenden Widerstand zu leisten, forderte der wendige DDR-Staatschef Walter Ulbricht, das ganze neue Zeugs "allumfassend anzuwenden." Die DDR, ein Staat voller fürchterlich fossiler Industriebetriebe aus den 30er Jahren, nahm Anlauf zu einem großen Sprung zur Hochtechnologie.

Walter Ulbricht, der zum Unwillen der Russen schon länger versucht hatte, den immer größer werdenden Rückstand zum Westen durch gefährlich marktwirtschaftliche Experimente zu  verringern, glaubte nun, das sperrige zentrale Planungssystem werde dank Kybernetik sein ersehntes Wirtschaftswunder schaffen. 

Die staatliche Bürokratie in Brüssel und Berlin beschwört heute die Kraft der Künstlichen Intelligenz, die alle wissenschaftlich begründeten Fehler und falschen Weichenstellungen wiedergutmachen wird. Walter Ulbricht lebte damals im festen Glauben, seine Dampflok aus ideologischen Illusionen werde mit einer paar aufgeklebten Leiterplatten, Transistoren und Kabelbäumen zu einer Wachstumswunderrakete, die direkt ins Reich der klassenlosen Cyber-Gesellschaft fliegen könne.

Keine Ahnung, aber eine Hightech-Agenda 


Ulbricht war von Beruf Tischler, damit zwar höher qualifiziert als viele Spitzenpolitiker heute, doch von Kommunikation und Steuerung in maschinellen oder elektronischen Systemen hatte der Sachse sich nie beschäftigt. Für den 70-Jährigen war Kybernetik ein ähnlich mächtiges Schlagwort wie für den 70-jährigen Friedrich Merz der Begriff KI. Der hat heute eine "Hightech-Agenda", die Deutschland "im Wettlauf um Zukunftstechnologien mit Innovation an die Weltspitze" katapultieren wird. Ulbricht nannte das "die wissenschaftlich-technische Revolution meistern".

Beide könnten höchstwahrscheinlich nicht genauer werden als Friedrich Merz vor einiger Zeit bei einem Unternehmensbesuch. "Gefällt Ihnen ihre Arbeit" eröffnete er dort lässig ein geplantes Socialising mit einem einfachen Arbeiter im Weinberg der deutschen High-Tech-Branche. Die Antwort "ähhhh, ja" beendete den Dialog. Mehr hatte der Mitarbeiterstab dem Kanzler nicht aufgeschrieben. Was soll der CDU-Vorsitzende denn da machen.

Noch kein Backstein ist bewegt

Die Kybernetik in der DDR hatte ein längeres, schöneres Leben. Während die EU mehr als ein Jahr nach der Ausrufung ihrer gigantischen Initiative "InvestAI" zum Bau einiger kleiner "KI-Fabriken" noch keinen Backstein in Bewegung gesetzt hat, ging in der DDR die High-Tech-Sonne auf, noch ehe in Prag die Panzer rollten. 

Die ideologischen Hürden wurden beherzt beiseitegeräumt wie in der Coronazeit die Grundrechte. Der Dresdner Philosoph Georg Klaus gemeindete die bürgerliche Pseudowissenschaft im Parteiauftrag kurzerhand in die marxistische Weltsicht ein. Er erklärte die kommunistische Partei dazu einfach auch zu einem selbstlernenden System. Nicht die Kybernetik war jetzt neu, sondern die Erkenntnis, das sie alt war, weil es sie gab, seit es die Partei neuen typus gab.

Wissenschaft durfte jetzt als Waffe im Klassenkampf verwendet werden. Jeder wusste von einem Tag auf den anderen, dass der wahre Sozialismus nur entstehen würde mit Hilfe von immer mehr Forschung, die ideologisch auf Linie sein musste, deren Ergebnisse aber durchaus pragmatisch angewendet werden durften. 

Zu spät an der richtigen Stelle 

Der sozialistische Staat, wie immer spät wie heutzutage seine Erben von der EU-Kommission, aber doch an der richtigen Stelle, lockte Tausende ins Studium naturwissenschaftlicher Fächer wie die Bundesrepublik heute junge Leute zum Mitreisen an die Ostflanke wirbt. Der Plan war bestechend: Diese Investitionen in smarte Menschen, die smarte Produktionsmitteln erfinden würden, werde die Wirtschaftskraft des Staates in ungeahnte Höhen katapultieren.

Später, nicht gleich. Gleich mussten die Arbeiter und Bauern  den Gürtel erst einmal ähnlich engerschnallen wie die Melkbürger heute. Das Angebot an Konsumgütern wurde schlechter. Es gab weniger leckere Dinge zu essen. Und als die ersten Studenten der überbesetzten Jahrgänge abgingen, stellte sich heraus, dass so viele Akademiker etwa so sehr gebraucht wurden wie heute all die Genderforscher, Germanisten und Politikwissenschaftler beim Aufbau der geplanten resilienten europäischen Intelligenzfabriken. Ein Planungsfehler, bedauerlich.

Überflüssige Akademiker 

Schuld war natürlich nicht die Partei, sondern die Kybernetik. Sie hatte nicht halten können, was sich Walter Ulbricht versprochen hatte. Als Erich Honecker seinen Ziehvater in einer Nacht- und Nebelaktion stürzte, musste er die Kybernetik-Mode nicht einmal mehr offiziell beerdigen. Sie war schon vorbei, in aller Stille verstorben, unbetrauert. 

Mit ihr endete auch der letzte Versuch der DDR, sich durch Konzentration aller Energien als dynamische Wirtschaftsnation neu zu erfinden. Beim Flugzeugbau war diese Strategie gescheitert. Auch die Konzentration auf die Großchemie hatte keinen Erfolg gehabt. Später würde noch einmal alles in den altertümlichen Ein-Megabit-Chip gesteckt werden - ein Unternehmen, das von Anfang an ähnlich aussichtsreich war wie der EU-Plan, mit 50 Milliarden KI-Investitionen knappe 700 Milliarden US-Investitionen im gleichen Bereich im Staub hinter sich zu lassen.

Ein Zombie bei der Arbeit 

Der Tod der Kybernetik war allerdings kein vollständiger. Als Zombie wurde die revolutionäre Technologie weiter geduldet. Bis zum letzten Tag verließ sich die zentrale Planbehörde in Berlin auf elektronische Systeme, mit deren Hilfe sie versuchte, Milliarden Teile zu Millionen Produkten zusammensetzen, verteilen und verkaufen zu lassen. Alles war vergebens. Niemals stimmten die Zahlen mit den Plänen überein. Aber die Mangelwirtschaft wurde hochmodern monitored.

Von Selbstorganisation war freilich nicht mehr die Rede. Die Wissenschaft, die Werkzeug beim Aufbau des Kommunismus hätte sein sollen, galt nun als Verwaltungshelfer.Sie fand sich zurückgestutzt auf die Rolle, die Chat-Bots heute bei Hotlines spielen. Kein Thema, mit dem Politiker eine Vision auspolstern können.

Kybernetik für den Kommunismus


Ulbrichts Erbe Honecker wusste, dass auch Kybernetik den Kommunismus nicht aufbauen wird, wenn das Volk auf dem Weg zum Ziel von der sozialistischen Stange geht. An die Stelle des "so wie wir heute arbeiten, werden wir morgen leben", trat die Parole "Wir leisten was - wir leisten uns was".

Jedem nach seinen Bedürfnissen, dieses Wahlversprechen der Kommunisten, an dem Linkspartei, SPD und Grüne bis heute festhalten, garantierte spätkapitalistisch-dekadenten Konsum, wenn auch auf bescheidenstem Niveau. Weder für das eine noch für das andere hatte Honeckers Staat Geld. Letztlich aber, die Gegenwart zeigt das, kommt es darauf zuallerletzt an. 

Untergang mit modernster Technik 

Der Untergang, er war mit modernster Technik nicht aufzuhalten. Und er auch ohne sie näherte er sich langsam, aber stetig. Honecker und seine Genossen, allesamt mehr Gesichter als Köpfe, hatte verstanden, dass dem die Menschen davonlaufen, der sie immerzu nur auf morgen vertröstet. In den letzten anderthalb Jahrzehnten ihrer Diktatur erfuhren sie dann, dass der, der ihnen heute mit Hilfe von Sondervermögen, die damals "Milliardenkredit" hießen, gibt, was er nicht hat, morgen nackt im kalten Wind der Wirklichkeit steht.

Samstag, 26. September 2026

Hässlichkeit: Volkskörper in Lumpen

Es ist eine Mode, die zu ihrer Zeit passt. Sie ist nicht elegant, sie ist nicht sehenswert, sie macht selbst hübsche Menschen hässlich  und junge Männer zu ihren eigenen Großvätern. Sie ist kein Stil, aber der Stil ihrer Zeit: Zusammengeschraubt aus Versatzstücken, die sichtlich nicht aus Modeläden stammen, nicht einmal mehr aus denen mit der heißen Schnellmode. Sie wehrt sich gegen jeden Anflug von Eleganz. Sie verweigert die Dienstbarkeit, hübsch oder sehenswert zu sein.  

Weg mit der Eleganz 

Wer heute unter 30 ist, der lehrt nicht nur die sektselige Eleganz ab, mit der Popper vor 40 Jahren provozierten, sondern auch die  mutwillig harte Anzugsordnung der Punks. Der liebste Kleiderladen der Jugend ist die "Zu Verschenken"-Kiste mit  dem staubigen Trödel aus abgeranzten Oma-Kleiderschränken. Der "Gen Z-Style", mangels eines passenderen Ausdrucks oft einfach als "Streetwear" umschrieben, beleidigt das Auge. Er verzichtet auf Klasse und konzentriert sich ganz darauf, seinem Träger ein bequemes Gefühl von Nachhaltigkeit und Individualität zu geben, die das Kollektiv der Träger teilt.

Mit Ästhetik, wie sie Mode einst hatte ausstrahlen wollen, haben die Kombinationen auf Gefundenem, Unpassenden und Abgelegtem nichts zu tun. Gerard P. Samunt, der bis vor einigen Jahren selbst, schaut heute "angewidert", wie er sagt, auf den Verfall einer Kulturtugend, die viele Jahrhunderte lang als "Mode" bezeichnet wurde. "Damit gemeint ist nicht haute couture", sagt der 43-jährige gelernte Schneider und Lederschuhmacher, "gemeint ist, was von den Laufstegen im Alltag ankam."

Verbreitete Anti-Ästhetik 

Samunt, geboren im Grenzland zwischen Hamburg und der Schleswiger Scholle, wo seiner Meinung nach "der Geist von Karl Lagerfeld bis heute umgeht", wollte schon als kleiner Junge in Mode machen. Sein Aufstieg war schnell, seine Ideen brachten ihn bis nach Mailand, Paris und New York, aber auch nach Schanghai und Tokio. 

Samunt arbeitete vielfach mit Größen der Szene, er hatte eigene Schauen und große Fotostrecken in namhaften Magazinen. Bis es zum Bruch kam, als ihn klarwurde, "dass soziale Medien wie TikTok für die rasche Verbreitung von bestimmten Anti-Ästhetiken sorgen, die bewusst eine Abkehr sein wollen von allen Grundwerten, die der Mensch in der Vergangenheit an seine Bekleidung gestellt hat".

Der Tod der Mode 

Die im Szeneslang "Cores" genannten Kostüme sind für den Fachmann ein Tort. "Mir tut das Hinschauen weh", sagt er einmal während des Gesprächs mit PPQ-Kolumnistin Svenja Prantl, als eine Gruppe junger Mädchen am Straßencafé vorübergeht. Gerard P. Samunt verweist auf monströse Silhouetten und auf die ungeschlachte Umrisse. 

"Sie tun sich keinen Gefallen damit", sagt er, "und das ist nicht einmal beabsichtigt". Nach drei Jahren, die der frühere Modezar ausgiebigen Forschen zur Frage des Todes der Mode gewidmet hat, ist er sich: "Die Berater dieser Frauen, aber auch der Männer in diesem Alter ist pure Achtlosigkeit."

Jeder ziehe sich an, wie alles sich anzögen. Die Jogginghose, von Karl Lagerfeld vor Jahren noch zum Symbol der Verlust der Selbstkontrolle angeprangert, sei zur Uniform einer Generation geworden, die in der Hässlichkeit Schutz vor Blicken und Schutz vor Bewunderung suche. Prominente kleideten sich wie Mülleimer, das viel zu kleine Sakko aus der Kinderabteilung werden mit knöchelfreien Socken und dem Standardsportschuh aus Erdölderivaten kombiniert. "Junge Frauen tragen traurige Omakleider, junge Männer hüllen sich Hemden, die an südamerikanische Paramilitärs erinnern."

Aufschrei des Augenscheins 

Samunts  Buch "So schön hässlich" (Mastodon-Verlag, 430 Seite, 39,99 Euro ) ist der Aufschrei einer von Augenschein in den Innenstädten gequälten Seele. Auf 430 Seiten rechnet der Aussteiger aus der Modeszene ab mit einer Zeit, in der es unmöglich scheint, dass Menschen früher Freude daran hatten, nach einem im gesellschaftlichen Konsens getroffenen Maßstab "gut" auszusehen. "Schauen Sie sich heute einen Film mit Humprey Bogart und Ingrid Bergman an", sagt er, "Sie werden nicht glauben, dass diese Menschen dort Tiere vom gleichen Geschlecht sind das uns heute mit Athleisure, Oversize und Passformen beleidigen, als hätte niemand mehr einen Sinn für Proportionen."

Svenja Prantl  hat mit dem empörten Ästheten über eine Zeitenwende gesprochen, der im Schatten der großen Aufrüstungs- und Klimaprojekte stattfindet, aber zumindest seiner Ansicht nach kaum weniger Einfluss auf die Zuversicht vieler Menschen hat als so manches Panzerbau- und Jagdflugzeugentwicklungsvorhaben. 

PPQ: Herr Samunt, Sie haben ihr Buch "So schön hässlich" genannt und ihm ein Zitat der Dichterin Marie von Ebner-Eschenbach vorangestellt. Die Freifrau aus Österreich, die für ihren strengen Stil bekannt war, soll einmal geschrieben haben, an dürfe anders denken als seine Zeit, aber man dürfe sich nicht anders kleiden. Ist das so überliefert?

Samunt: Ja, das hat Ebner-Eschenbach in ihren "Aphorismen" im Jahr 1884 so formuliert. Ein Zufallsfund, den gemacht habe, als ich für mein Buch recherchierte. Ich fand es sehr erstaunlich, wie sich das in den 150 Jahren seitdem komplett herumgedreht hat. Heute müsste man ja sagen, man darf nicht mehr anderes denken, aber anders kleiden, das ist Vorschrift. Zumindest so lange, dass niemand anders gekleidet ist (lacht).

PPQ: Aus Ihrer Argumentation, die sie im Buch über einen noch längeren Zeitraum herleiten, das geht zurück bis an die mittelalterlichen Höfe, erschließt sich, dass Sie sehr unzufrieden sind mit der aktuellen Lage. Erklären Sie uns, was läuft da falsch?

Samunt: Aus meiner Sicht haben wir es mit einem Verlust des Bedürfnisses nach Attraktivität zu tun. Das steht zentral im Mittelpunkt der Erkenntnisse, die ich glaube gewonnen zu haben. Man kann das einfach nicht schön finden, was Menschen heute tragen, wenn sie das Haus verlassen. Aber ich fürchte eben, und ich hoffe inständig, dass ich das vielleicht doch nur fürchte, dass darin nicht einmal eine Absicht liegt, also der Versuch, die Gesellschaft mit einer widerborstigen Interpretation gängiger Schönheitsideale zu provozieren.

PPQ: Sondern?

Samunt: Achtlosigkeit. Gleichgültigkeit. Das Bedürfnis, lieber auszusehen wie die eigene Oma als sich ein Kompliment machen lassen zu müssen. Aus objektiver Sicht ist nichts Schönes anderer Art, wie sich junge Menschen heute kleiden. Es ist alles billig, es ist alles gleich, es ist auf eine Art kombiniert, dass sich einem die Fußnägel aufrollen. Für mich ist das alles nur erklärlich, wenn wir diese Methode, sich als abstoßend zu verkleiden, in einen größeren Zusammenhang stellen.

PPQ: Der wäre dann...

Samunt: Vielleicht ist es der in der öffentlichen Diskussion so allgegenwärtige Hass, der die Jugend, es ist ja doch vor allem die Jugend, veranlasst, sich so hässlich zu machen. Sehen Sie, in keiner Phase der Menschheitsgeschichte gab es eine ähnliche Episode, dass Menschen sich ohne Not gekleidet haben wie Clochards. Sicher, nach Kriegen und in Notzeiten kam das vor. Auch hatten Jugendbewegungen öfter den Drang, sich von der Erwachsenengesellschaft abzusetzen, in dem sie bewusst eingeprägte Codes missachtet und gebrochen haben. 

PPQ: Was ist diesmal anders?

Samunt: Von diesen bewussten Provokationen blieb der gemeinsame Sinn des Gemeinwesens für Schick und Style unbeeindruckt. Das musste ja auch so sein, weil eine Provokation nur gegen ein herrschendes System möglich ist. Sobald das System die Provokation adaptiert und verschlingt, wie das in einem konkurrenzgeprägten Wirtschaftssystem auf beständiger Suche nach neuen Trends immer der Fall ist, funktioniert das nicht mehr.

PPQ: Wer sagt uns denn aber, dass die von Ihnen beklagte achtlose Hässlichkeit, Sie nennen sie die "careless ugliness", nicht auch nur ein solcher Versuch ist?

Samunt: Dazu fehlt dieser Bewegung der Bedeutungskern. Sie besteht ausschließlich daraus, dass sie jedes Bemühen vermeidet, gut auszusehen, und sei es zumindest nach eigenen zuweilen subjektiven Maßstäben, wie sie frühere unmodische Aufwallungen wie von Pettycoat bis Bomberjacke hatten. Sie lösen die Individualität der Wahl der Kleidung auf in einem Säurebad aus Second Hand-Lumpen, die aussehen, als würden sie riechen. Es ist eine Trägödie. Eine Menschheitstragödie.

PPQ: Das mag nun manchem etwas zu hoch gehängt erscheinen. Es sind sind doch nur Hosen, Jacken und Schuhe? Was kann daran so weltbewegend sein?

Samunt: Die Missachtung anderer, die ich ausdrücke, wenn ich mich kleide wie ein Müllsack. Stil, das war für viele Generationen zu verschiedenen Zeiten nie nur Pflicht, weil man eben ohne Hose nicht aus dem Haus ging. Es war auch Spaß, Freude im Gedanken, dass man eine gute Figur macht, wie es früher voller Achtung hieß. Schauen Sie sich heute um. Da ist nur noch dumpfe Vermassung. Millionen tragen dieselbe Art weißen Sneaker, einen Sportschuh! Ganz egal, wo. Ich bitte Sie. Dazu hängen zwei Sorten Hosen um die Hüften: Die Jogginghose, am besten in meliertem Grau. Oder eine Jeans, die vorher ein Elefant getragen hat. Dazu gern einen bunten Pulli, am liebsten nach dem Vorbild eines Originals in Bangladesch gestrickt, wie es bulgarische Leichtathleten in den 70er bei Olympia in Mexiko tragen mussten. Und eine aus der Outdoorabteilung von Lidl.  

PPQ: Sie schimpfen, aber Sie schimpfen nicht nur. An dieser Hemden- und T-Shirt-Frage entscheide sich, wer wir sein wollen, sagen Sie. 

Samunt: Davon bin ich überzeugt. "Mens sana in corpore sano" sagten die alten Lateiner, und sie meinten, dass nur in einem gesunden Körper ein ein gesunder Geist wohnen will. ich sage "Mens sana et corpus sanum in vestibus elegantibus resident", also: Ein gesunder Geist und ein gesunder Körper wohnen nur in schicken Kleidern. Kein Mensch, der Selbstachtung hat, läuft in Zwergenanzügen oder ballonartigen Kleider herum. 

PPQ: Warum tun es die Menschen trotzdem?

Samunt: Weil sie keine Selbstachtung haben. Ja, das klingt hart, aber anders lässt sich diese üble Phänomen nicht erklären. Das korrespondiert ja mit der Wirkung dieser Kleiderordnung. Sie ist darauf ausgerichtet, den Träger möglichst unsichtbar zu machen. Er will nicht gesehen werden, er will unter den Blicken hindurchschlüpfen.

PPQ: Warum sollte das jemand wollen? 

Samunt: Weil das fehlende Selbstbewusstsein auch mit einem neuen Körpergefühl nicht aufgeglichen werden kann. Nur  weil jemand dick ist, muss er sich nicht fett fühlen. Aber wer sich fett fühlt, neigt dazu, das unter unansehnlichen Kleidern zu verstecken. 

PPQ: Sie werten Menschen aufgrund von Äußerlichkeiten ab.

Samunt: Aufgrund von Äußerlichkeit, die sie selbstbestimmt zeigen. Denken Sie mal zurück an frühere Tage. Mädchen und Jungen flochten sich Blumen ins Haar, die brachen gesellschaftlichen Normen mit Sicherheitsnadeln und Hakenkreuzen, sie trugen bauchfrei und hauteng. Das ist alles verschwunden. Geblieben ist uns eine Armee aus grauen Mäusen mit großen Brillen, die ihre oft enormen Leiber unter Jacken verbergen, die Umhängen ähneln.

PPQ: Was meinen Sie, steckt dahinter?

Samunt: Faulheit, Bequemlichkeit, Unlust. Nennen Sie es, wie Sie wollen. Aber bedenken Sie: Wir haben es mit einer Generation zu tun, die zersissen wird von der Erwartung an sich, gut zu sein, genügsam und tolerant. In der aber nicht mehr auf drei bis vier sportliche Altersgenossen eine unsportliche Figur kommt, sondern umgekehrt. Ich nennen sie ja die Generation Pommestüte.

PPQ: Warum das?

Samtur: Wenn Sie so eine Pommestüte auf den Kopf stelen, kommt die Silhouette vieler junger Leute heraus. Oben ein kleiner Kopf, drunter ein mächtiger Bauch darunter ein noch mächtigeres Gesäß.Wir sprechen hier nicht mehr von Sanduhrfiguren, sondern Sandburgen, geformt von "Bodypositivity", einem diskriminierenden und unrealistischen Schönheitsideal, bei dem die Schönheit nicht im Auge des Betrachters liegt, sondern tot am Boden.

Freitag, 25. September 2026

Menschenrechtsinstitut: Stiller Alarm

Mit dem Deutschen Institut für Menschenrechte in Berlin unterhält Deutschland eine Mahn-Institution, die den Finger immer wieder in die Wunde legt, ohne dass es jemanden interessiert.

Sie sitzen in bester Lage, direkt am Checkpoint Charlie. Falls mal schnell eine Frage klären ist, sind es nur zehn Radminuten bis zum Reichstag und zum Kanzleramt. Das Deutsche Institut für Menschenrechte, oft bündig "Menschenrechtsinstitut" genannt, siedelt in Berlin Mitte, im Zentrum der moralischen Welt.  

Von hier aus beachten 130 hauptamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die Menschenrechtslage in Deutschland. In Monitoring-Stellen für die UN-Behindertenrechtskonvention, die UN-Kinderrechtskonvention und Berichterstattungsabteilungen für Menschenhandel und geschlechtsspezifische Gewalt erstellen sie Analysen, Stellungnahmen und Empfehlungen für den Bundestag, die Bundesregierung und die Bundesländer.

Doppelt hält besser 

Wozu ein ausgewiesener Rechtsstaat wie Deutschland eigens ein zusätzliches unabhängiges Menschenrechtsinstitut benötigt, wird nicht auf Anhieb klar. Deutschland gilt gemeinhin als Staat, in dem die Wahrung der Menschenrechte Verfassungsgrundsatz ist und die Gewaltenteilung funktioniert. Die Gesetzgebung ist keinerlei Zwängen ausgesetzt. Die Justiz ist unabhängig. Die Medien können zusätzlich frei und meist ohne Einschränkung in jede dunkle Ecke leuchten. 

Dennoch finanziert der Deutsche Bundestag die Institution in der Zimmerstraße. Das muss nicht so, aber irgendwie müsste es: Nach Pariser Prinzipien der UN - nicht zu verwechseln mit dem Pariser Klimavertrag - sind Unterzeichnerstaaten der NMRI-Resolution der UN-Generalversammlung von 1993 verpflichtet, "Nationale Menschenrechtsinstitutionen" (NMRI) nach internationale Mindeststandards zu gründen und zu unterhalten. 

Genau nach Vorschrift 

Deutschlands Menschenrechtsinstitut erfüllt die Vorgaben. Es ist bei der UN mit dem sogenannten A-Status akkreditiert. Damit darf es "Politik und Gesellschaft beraten, Bildung fördern" und "Defizite bei Inklusion, Diskriminierung oder Schutz vulnerabler Gruppen" dokumentieren. UN-Vorschrift ist, dass jedes Menschenrechtsinstitut über "eine ausreichende Infrastruktur und Finanzierung" verfügt. Es soll schließlich "die Zivilgesellschaft und alle mit Menschenrechten befassten Berufsgruppen" einbinden.

Worin, das wird nicht so recht klar. Von 84 Millionen in Deutschland lebenden Menschen haben bis heute schätzungsweise über 80 Millionen noch nie vom "Menschenrechtsinstitut" gehört. Kein Wunder. Als die Menschenrechtswächter einmal "Reformvorschläge für Barrierefreies Bauen" veröffentlichten - "Barrierefreies Bauen" wurde im wissenschaftlichen Original, gelangte die Anregungen einzig und allein über die Seite "Kobinet-Nachrichten" an die Öffentlichkeit. 

Mutige Warnung vvor der AfD 

Auch die Beantwortung der Frage, ob "Ökozid eine Straftat in der Ukraine" ist, traf öffentlich auf keinerlei Interesse. Nur die Bundeszentrale für politische Bildung erbarmte sich - womöglich aus aus behördlicher Solidarität -, die vom Menschenrechtsinstitut veröffentliche Anklage gegen die russischen Verbrechen weiterzutragen. 

Allenfalls konnte die mutige Warnung der Institutsmitarbeiter vor der AfD als "Gefahr für Menschen mit Behinderung" als medialer Erfolg gezählt werden: Die "Frankfurter Rundschau" griff die Idee auf, der Partei "Parallelen zur nationalsozialistischen Ideologie" Selbst der Abschlussbericht zum Forschungsprojekt "ABRAKA – Abwehrreaktionen in der rassismuskritischen Bildungsarbeit" verpuffte.

Abwehrreaktionen in der Medienlandschaft 

Menschenrechte sind nicht sexy, nicht einmal für den "Spiegel" In dessen Onlineausgabe schafften es die Forschenden von Direktorin Beate Rudolf vor drei Jahren zuletzt, damals mit der Erstausgabe der in diesem Jahr wiederholten inständigen Warnung vor der AfD. 

Deutschlands unabhängige Nationale Menschenrechtsinstitution arbeitet offensichtlich eher hinter den Kulissen. Politikberatung, Menschenrechtsbildung, Information und Dokumentation, anwendungsorientierte Forschung zu menschenrechtlichen Themen und Zusammenarbeit mit internationalen Organisationen finden aus leise Weise statt. Selbst der feierlich begangene 25. Jahrestag der Gründung des Institutes im März hinterließ in der öffentlichen Wahrnehmung keine einzige Spur.

Nicht auf Aufmerksamkeit bedacht 

So bescheiden sind sie da, hart in der Sache, aber nicht auf Aufmerksamkeit bedacht. Die kurz und knapp auch als "DIMR" unbekannte Institution aber ist gerade dadurch ein Monument deutscher Ernsthaftigkeit bei der Umsetzung eingegangener Verpflichtungen: Menschenrechte sind hierzulande ohnehin geltendes Recht. Sie bilden gemeinsam mit den im Grundgesetz formulierten Grundrechten und der EU-Menschenrechtscharta das Fundament der freiheitlichen Gesellschaft. 

Doch die weiß eben auch: In der Praxis garantieren Gesetze allein nicht ihre Umsetzung. Die Pandemiezeit hat gezeigt, dass sich selbst Grundrechte leichterhand durch einfache ministerielle Verordnungen aushebeln lassen. 

Später hat der Bundesverteidigungsminister sich daran ein Beispiel genommen, und das gerade erst vom Parlament verabschiedete neue Wehrdienstgesetz mit ein paar Federstrichen um eine Passage bereinigt, die öffentlichen Unmut hervorgerufen hatte. Die Wissenschaftlichen Dienste des Bundestages bescheinigte ihm später, die Aussetzung der gesetzlichen Genehmigungspflicht für Auslandsaufenthalte nach § 3. Abs. 2 Wehrpflichtgesetz verfassungswidrig gewesen, weil ein Minister den "Vollzug von Gesetzen nicht aussetzen" dürfe.

An Anweisungen gebunden 

Der Aufschrei blieb aus. Niemand klagte. Gerichte entscheiden Einzelfälle, können das aber nur, wenn jemand sie anruft. Parlamente setzen Recht, müssen sich aber darauf verlassen, dass Behörden sie umsetzen. Verwaltungen sind an Anweisungen gebunden. Beamte tun, was ihnen von Vorgesetzten gesagt wird, auch heute noch.

Gut, dass es ein Menschenrechtsinstitut gibt, das in solchen Momenten einen Finger in die Wunde legt. In der Pandemiezeit etwa fanden Forscher des DIMR heraus, dass "jeder Mensch das Recht auf einen sicheren und wirksamen Corona-Impfstoff" hat und "Kinder bei der Entwicklung staatlicher Maßnahmen gehört werden" müssen.

Rechtewahrende Einschränkungen 

Das Institut empfahl Bund und Ländern zudem gleich am Anfang der Pandemie, alle Freiheitsbeschränkungen zur Eindämmung so zu gestalten, dass die Rechte Älterer gewahrt blieben. Zu den Rechten aller anderen Menschen äußerten sich die Experten nicht. Auch zur Pandemie später nie mehr. Direktorin Beate Rudolf beschrieb stattdessen: "Es ist unsere Aufgabe, mit Forschung, Politikberatung und Menschenrechtsbildung den Respekt für Menschenrechte und eine Kultur der Menschenrechte in Politik und Gesellschaft zu fördern". 

So viele gesellschaftliche Entwicklungen bedürfen "menschenrechtlicher Antworten". Da sind die Strategiefelder "Gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken", "Wandel der Lebensgrundlagen menschenrechtlich gestalten" und "Menschenrechtsschutzsystem stärken, zivilgesellschaftliche Freiräume schützen", wie die gelernte Völkerrechtlerin Richter anfzählte. 

Aus diesem Grund wohl beerdigten auch die Menschenrechtler Das Corona-Thema schnell, gründlich und endgültig. Seit fünf Jahren schon ist das Thema tot und begraben. Die letzte Wortmeldung war ein Appell, den "Wiederaufbau in der EU an den wirtschaftlichen und sozialen Menschenrechten" auszurichten.

 "Menschenrechte und Klimawandel"  

Ist es dazu gekomen? Ist die Mahnung verhallt? Die Menschenrechtsforschung kann es noch nicht sagen. Es ist so viel, was zu erledigen ist. Da müssen die "menschenrechtliche Sorgfaltspflicht von Unternehmen" die "Akutversorgung nach sexualisierter Gewalt", die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention in Deutschland, die "Arbeitsausbeutung in der häuslichen Betreuung", "inklusive Bibliotheken", der "Gewaltschutz in Unterkünften für Geflüchtete" beoabchtet werden. Und dann ist da auch noch der "Schutz von Menschenrechten an den EU-Außengrenzen", gar nicht zu reden von "Menschenrechte und Klimawandel" sowie "Menschenrechtsbildung und Demokratie". 

Fast zu viel für nur 130 Leute, die zur regelmäßigen Berichterstattung an nationale und internationale Gremien über die Menschenrechtslage im Land verpflichtet sind, um die "strukturellen Lücken" bei der Durchsetzung der Menschenrechte zu füllen. Wenigstens aber lässt der Bundestag sich bei der Finanzierung nicht lumpen: Lag das Budget des DIMR 2002 noch bei bescheidenen 1,5 Millionen Euro, kletterte der Etat zuletzt auf mehr als zehn Millionen Euro. Die jährliche Wachstumsrate liegt knapp über neun Prozent. Zum vergleuch: Selbst der durchschnittliche jährliche Anstieg der Bundestagsdiäten für den Zeitspanne von 2001 bis 2026 lag nur bei 2,26 Prozent.

Vorsicht vor KI 

Für ein "Frühwarnsystem", das meist zu spät anschlägt, ist das eine Stange Geld. Für ein Haus mit "Brückenfunktion zwischen Staat, Zivilgesellschaft und internationalen Gremien" kann es gar nicht teuer genug sein. Das DIMR agiert außerhalb des tagespolitischen Drucks, unabhäging von Relevanz und gesellschaftlicher Bedeutung von erkannten Defiziten, die auch Parteien oder Ministerien scheuen. 

Hier reagiert auch aufkommende Tendenzen, um "den Einsatz von KI so zu regulieren, dass die Risiken begrenzt werden". Der Staat müsse sich nicht bei jedem pandemiebedingten, aber "bei jedem technologiebezogenen Eingriff an den verfassungsrechtlichen Grundsätzen des Rechtsstaats und der Demokratie messen lassen".

Beim Menschenrechtsinstitut ist das Phänomen des abnehmenden Grenznutzens gut zu beobachten, das immer auftritt, wo der Staat etwas mit vollen Händen fördert. Anfangs reichten anderthalb Minuten, zusammengetragen nur von einigen Steuerbürgern, um Büroräume und Arbeitsplätze in der Zimmerstraße entstehen zu lassen. Dochnicht lamnge, und es brauchte mehr. Immer neue Steuerzahler müssen Geld ins DIMR buttern, das zugleich imemr weniger erreicht.

Am Tag der Gründung des Deutschen Instituts für Menschenrechte rügte die in Deutschland vor allem für den Zustand von Pflegeheimen und der Gefahr der Benachteiligung von Frauen, Familien, Älteren in den sozialen Sicherungssystemen . Eine Etatsteigerung von 600 Prozent sspäter ist die Menschenrechtslage "starken Spannungen ausgesetzt". Kritisiert werden "zunehmende Gefahren für den Rechtsstaat, die Einschränkung von Versammlungsfreiheiten, Abschiebungen sowie Stigmatisierungen von Minderheiten und Geflüchteten". 

"Kommissar für Grundrechte" 

Doch dass der Institutsetat sich inflationsbereinigt mehr als vervierfachen musste, während Löhne und selbst Abgeordnetendiäten deutliche weniger schnell stiegen, kann als Zeichen gelesen werden, wie ernst Deutschland seine internationalen Verpflichtungen nimmt. Italen etwa, ebenfalls Unterzeichner der Pariser Resolution, hat gar kein Menschenrechtsinstitut. 

Dort erledigt das der Regierung unterstellte interminsterielle Comitato Interministeriale per i Diritti Umani (CIDU). Auch Belgien verzichtet auf den A-Status und hält sich nur das "Föderale Institut zum Schutz und zur Förderung der Menschenrechte" (FIRM/IFDH). Ebenso wie Ungarn, dessen "Kommissar für Grundrechte" wegen seines B-Status kein uneingeschränktes Rederecht vor dem UN-Menschenrechtsrat hat.

Dort aber muss die Stimme erheben, wer menschenrechtliche Antowerten geben will, denn dort sitzen Kuba, Pakistan und Katar, der Irak und China, dazu Ägypten, Angola und der Kongo, allesamt Staaten, die keine oder keine unabhängigen Mneschenrechtsinstitute unterhalten. 

Donnerstag, 24. September 2026

Im Lotto-Loch: Wie der Staat Milliarden Euro Steuern hinterzieht

Der Staat beim Süchtigmachen: Er lockt mit schnellem Geld und steuerfreiem Gewinn.


Sie kassieren, ohne schlechtes Gewissen, ohne Angst vor Steuerfahndern und ohne einen einzigen Cent an die Solidargemeinschaft abgeben zu müssen. Lottogewinner sitzen in Deutschland in einem vom Gesetzgeber geschaffenen und geduldeten Regelungsloch, das sie weidlich ausnutzen.  

Jahr für Jahr schütten allein die staatliche Lottogesellschaftend er Bundesländer vier bis viereinhalb Milliarden Euro an Gewinnen aus. Und in vollem Wissen, dass keiner der gewinnner das ihm zufließende Geld in seiner Steuererklärung angeben wird, dulden die Finanzbehörden einen Zustand, der keinerlei Begründung hat. Es sind Milliarden, die so verlorengehen. Etwa eine bis anderthalb Milliarden Euro wären Jahr für Jahr bei Lottogewinnern zu holen.

200 neue Millionäre 

Allein die bis zu 200 neuen Millionäre, die Jahr für Jahr von besonders hohen Ausschüttungen profitieren, müssten nach den Regeln des für alle anderen Bürgerinnen und Bürger geltenden Steuerrechts Millionen zahlen. Doch während die SPD das Erbschaftsteuerrecht reformieren will, um dem Staat zusätzliche Einnahmequellen zu verschaffen, wagt sich seit Jahrzehnten keine Partei an das Privileg der Glücksspieler.

Egal, ob einer zehn Euro oder 140 Millionen einstreicht - alle Parteien gönnen ihm den warmen Geldregen. Selbst wenn ein Überreicher im Lotto gewinnt, lässt ihn der an allen anderen Fronten und mit jedem Mittel um jeden Euro kämpfende Staat in Frieden. Was sich im Fall von hart arbeitenden Kleinverdienern, die hier und da mal ihren Einsatz zurückgewinnen, einer hohen gesellschaftlichen Akzeptanz erfreut, wird bei der genaueren Betrachtung solcher Problemfälle zu einer ungeheuerlichen Verletzung der für  die Stabilität jeder Gesellschaft unerlässlichen inneren Solidarität. 

Keine Klärung eines  Sachverhalts

Der Arme wie der Überreiche, der milliardenschwere Familienunternehmer und der Obdachlose - kein Finanzminister hat sich je an die Klärung eines Sachverhaltes gewagt, der selbst im berühmt komplexen deutschen Steuerrecht besonders bizarr wirkt. Wie alle Spielgewinne legt der Gesetzgeber auch beim Freistellen von Lottogewinnen keineswegs eine besondere Großzügigkeit an den Tag. Ganz im Gegenteil. Spielgewinne müssen in Deutschland nur deshalb nicht versteuert werden, weil die Finanzbehörden sich seit Jahrzehnten außerstande sehen, finanzielle Zuflüsse aus Glücksspielen einer der sieben sogenannten "Einkunftsarten" zuzuordnen.

Gewinne sind keine "Einkunft", so ist es beschlossen. Der Gesetzgeber hierzulande kennt nach § 2 Abs. 1 Einkommenssteuergesetz (EStG) nur Einkünfte aus Land- und Forstwirtschaft, aus landwirtschaftlichen Betrieben, Tierzucht, Weinbau,  Forstwirtschaft, Gewerbebetrieben, Einkünfte aus Handel, Handwerk und Industrie, Selbstständige Arbeit oder in Freien Berufen. Dazu kommen die aus Nichtselbstständiger Arbeit, Kapitalvermögen, Vermietung und Verpachtung. Ganz zuletzt gibt es noch Sonstige Einkünfte. Aber auch zu denen zählen Glücksspielgewinne nicht.

Angeblich "nicht steuerbar" 

Die gehören nach Überzeugung  aller Parteien nirgendwohin. Glücksspieleinnahmen seien "nicht steuerbar", behaupten Lotto-Lobbyisten, die im Hinterkopf die Attraktivität der staatlichen Lottogesellschaften haben. Die schütten heute die Hälfte der Einsätze der durch staatliche Glückversprechen zum Mitmachen bewegten Spielerinnen und Spieler aus. 

Der Rest dient dazu, eine Art graue Kasse zu füllen, aus der Politiker die guten Gaben finanzieren, die sie in ihren Wahlkreisen außer der Reihe verteilen wollen. Mehr als vier Milliarden können so Jahr für Jahr für gute Zwecke ausgegeben werden, ohne dass die Öffentlichkeit jemals erfahren muss, warum hier etwas verschenkt wird, dort aber nicht. 

700.000 Euro Gewinn, kein Cent Steuer 

Auch der erste große Lotto-Gewinner dieses Jahres, ein Mann aus dem deutschen Armenhaus Vorpommern, streicht umstandslos 700.000 Euro ein, ohne einen Cent Steuern zu zahlen. Wäre ihm das Geld durch Arbeit oder eine andere regelgerechte Einkommensart zugeflossen, würden auf die Summer Einkommensteuer und Solidarzuschläge in Höhe von 320.000 Euro fällig werden. Kirchenmitglieder müssten sogar mehr als die Hälfte des Gewinns abgeben.

Lottogelder sind unerlässlich zur Landschaftspflege in den Ländern, die mit dem Geld der Spielsüchtigen kleinteilige Projekte in den Bereichen Verkehr, Stadtentwicklung, Wohnen und Landesplanung. Sonst müsste "niederschwellige, auf das Gemeinwohl gerichtete soziale, humanitäre, kulturelle und sportliche Maßnahmen" aus dem allgemeinen Haushalt finanziert werden. 

Gewaltige Gerechtigkeitslücke 

Im Gegensatz zu nahezu allen anderen Aspekten des deutschen Steuerrechts ist das Freistellungsprivileg für Dauer- und Gelegenheitsspieler in Deutschland unumstritten. Niemand  muss seinen Lottogewinn versteuern. Niemand fordert, diese Praxis der Privilegierung einer einzigen Art der Vermögensvermehrung nach dem Vorbild der Schweiz zu reformieren. Dort freut ein hoher Lotto-Jackpot nicht nur die Spieler, sondern auch die Steuerkassen der Kantone, die Lotterie- oder Glücksspielgewinne steuerrechtlich durchaus als Einkommen werten.

Eine Reform der deutschen Gesetzgebung täte dringend Not, sagt der in Sachsen ansässige Vermögensforscher Herbert Haase. Der Gründungsdekan und Direktor des Climate Watch Institutes (CWI) in Grimma hat gemeinsam mit einem fachgebietsübergreifenden Forscherteam Pläne für eine gerechte Reform der Glücksspielgewinnbesteuerung vorgestellt. Es sei Zeit, der nach jahrzehntelangen Kämpfen erst durch europäische Gerichte durchgesetzten Legalisierung von Glücksspielen in Deutschland für die Sozialgemeinschaft nutzbar zu machen.

Die bisher geltende globale Freistellung für Gewinne würde dabei wegfallen. Lottotreffer würden mit dem übrigen Einkommen versteuert. Um Härten auszugleichen, plädieren die Wissenschaftler für einen lebenslangen Grundgewinnverschonungsbetrag von 10.000 Euro. 

Sonderklausel für Kleingewinner 

"Viele Menschen gewinnen nicht einmal so viel", begründet Haase diese Sonderklausel, nach der Spielgewinne weiterhin deutlich besser behandelt würden als etwa Gewinne aus Börsengeschäften oder dem Verkauf selbstgezüchteten Gemüses. Grund für die Beibehaltung einer Teilfreistellung sei die bisher generelle, vom Gesetzgeber geduldete Steuerbefreiung von Wett- und Lottogewinnen. "Unsere Steuerexperten sagen uns, dass es im Moment rechtlich zu kompliziert wäre, den sieben definierten Einkunftsarten eine achte hinzuzufügen, auf die der Staat Einkommensteuer erheben könnte."

Teil des Reformvorschlages ist es deshalb, Gewinne aus Glücksspielen nicht nur wie bisher an der Quelle, also bei den Lottogesellschaften, mit Abgaben für den Gemeinnutz heranzuziehen. Sondern die vermeintlich "nicht steuerbaren" Ausschüttungen gerechter zur Finanzierung der Grundaufgaben des Gemeinwesens heranzuziehen.

Haase hält das für alternativlos, auch wenn Vorschläge komplett  mit dem bisherigen System der Glücksspielbesteuerung in Deutschland brechen. Es gehe mehr Steuergerechtigkeit, sagt er und verweist auf den Bereich der Erbschaftssteuern. Dort schaue das Finanzamt heute schon genau hin. Beim Glücksspiel aber würden alle Augen zugedrückt. "Der Staat hinterzieht sich selbst Steuern in Millionenhöhe, indem er das duldet."

 Sogar Überreiche bleiben steuerfrei

Bisher könnten sich sogar Überreiche und Erben großer Vermögen sicher sein, Lottogewinne steuerfrei einstreichen zu können. "Das sind aber die Leute, die Geld genug haben, nicht nur einen Schein bei 6 aus 49 zu spielen." Hier zeige sich eine Bevorzugung Bessergestellter. Über höhere Spieleinsätze könnten die ihre Gewinnchancen vermehren. Deutlich wahrscheinlichere Gewinne aber blieben trotzdem von der Versteuerung verschont. "Ein Trick, mit dem sich Tausende künstlich arm rechnen", sagt Herbert Haase.

Sein Team schlage vor, die Lottogewinnbesteuerung grundlegend zu reformieren, dabei aber mit dem Lebensfreibetrag von 10.000 Euro eine Schwelle einzubauen, die es für ärmere Schichten weiterhin lukrativ erscheinen lässt, an Glücksspielen teilzunehmen. "Nur für Wohlhabendere wird es dann weniger attraktiv", ist sich der Nachhaltigkeitsforscher sicher. Der Lebensfreibetrag, den die CWI-Experten vorschlagen, setzt sich zusammen aus 9.000 Euro Freibetrag für Gewinne bei staatlichen Lottoveranstaltungen und zusätzlichen 1.000 Euro, die bei Pokerrunden, an Spielautomaten oder in Casinos steuerfrei gewonnen werden dürfen.

Überwachung durch Glücksspielbehörde 

Diese Modifizierung des bisherigen Freibetrags müsse einhergehen mit der Abschaffung der Regel, dass sämtliche Spielgewinne lebenslang von der Steuer freigestellt sind. Auch die Überwachung der Einhaltung der Verschonungsregel bei Einnahmen aus Glücksspielen haben sich die Wissenschaftler Gedanken gemacht.

Die erst vor wenigen Jahren im Zuge von Angela Merkels Behördenansiedlungsinitiative gegründete Gemeinsame Glücksspielbehörde der Länder (GGL) könne die Aufsicht über das Gewinngeschehen übernehmen, glauben sie. Nach Ansicht von Herbert Haase wäre damit sichergestellt, dass die Finanzbehörden den Überblick über anfallende Gewinne und Gewinner haben. Erst ab einer Gewinnsumme von über 9.000 und 1.000 Euro würde Steuern fällig. Der Freibetrag aber werde auch durch fortlaufende kleine Gewinne beansprucht. "Wir wollen ja, dass am Ende auch etwas herausspringt", sagt Haase. 

Höhe der Steuer noch unbekannt 

Auf die Höhe des künftigen Glücksspielsteuersatzes will der Forscher sich jetzt noch nicht festlegen. Es gehe vorerst darum, eine Debatte über das sogenannte Lotto-Loch anzustoßen, das inmitten eines "sonst weitestgehend perfekten Steuersystems" (Haase) klaffe. Fakt sei, dass Gewinner großer Beträge stärker in die Pflicht genommen werden müssten, um ausreichend Mehreinnahmen zur Stärkung des Bildungssystems, zur Modernisierung von Schulen und Hochschulen und für die Senkung der Energiesteuern aufzubringen. 

Das CWI-Papier spricht von möglichen Mehreinnahmen in Höhe von dreistelligen Millionenbeträgen im Jahr, auf zehn Jahre gesehen "reden wir von Milliarden", sagt Herbert Haase. Im Laufe der Jahre würden die Einnahmen zudem weiter steigen, weil die auch Verkaufspreise für Lottoscheine der allgemeinen Inflation folgen. Niemandem werde etwas weggenommen, argumentiert der Gerechtigkeitsforscher. "Es geht uns ausschließlich darum, auch die Menschen, die leistungslos von Lottogewinnen profitieren, zur Finanzierung wichtiger Gemeinschaftsaufgaben heranzuziehen."

Mittwoch, 23. September 2026

Sex, Drugs & Rock'n'Roll: Gefährder über 55

Oma muss das Klima zerstören, weil die Enkel nicht genug erwirtschaften, um ihr eine Wärmepumpe dorthin zu stellen, wo früher der Berliner Ofen bollerte.

Junge Menschen trinken weniger Alkohol, sie rauchen nicht, sie haben weniger Spaß im Bett, in das sie früher gehen, um deutlich länger zu schlafen. Dafür aber sind sie häufiger traumatisiert, verunsichert und getriggert, wenn das Leben sie mit unangenehmen Umständen konfrontiert. Wo frühere Generationen staatlich verordnete Dienstpflichten etwa im Militär als lästige Übergriffe einer ungeliebten Obrigkeit aus Überzeugungsgründen ablehnten, fühlen sich die Nachgewachsenen eher in ihrer Bequemlichkeit belästigt.  

Weniger Freunde als früher 

Es sind harte Zeiten angebrochen. Wer heute jung ist, hat weitaus weniger Freunde als Jugendliche in den 70er, 80er und 90er Jahren typischerweise hatten. Die Vernetzung durch soziale Medien hat die Anzahl der sozialen Kontakte schrumpfen lassen. Alle sind öfter in Kontakt miteinander. Aber nicht mehr so intensiv wie früher. Beziehungen werden lieber unverbindlich gehalten. 

Ansichten hinter dem Berg. Die Gesellschaft der Jüngeren gleicht dem Weltall. Alles strebt von allem weg. Jeder ist sein eigener Stern. Sämtlich sind sie auf einem Kurs, der fortführt von den anderen. In der Kosmologie wird das als Rotlichtvberschiebung beschrieben. Auch gesellschaftlich ist das zutreffend.

Aus dieser Freundschaftsrezession resultiert eine größere Bedeutung des wenigen, was geblieben ist. Statt unmittelbarer Begegnungen erleben jüngere Generationen mehr und mehr nur mittelbare. Sie leben in einer Filterwelt, die sie daran hindert, schmerzhafte Erfahrungen zu machen und sich das zuzulegen, was als "Resilienz" erst bekannt wurde, als sich herausstellte, dass große Teile der Jugend über diese ehemals selbstverständliche Fähigkeit, mit unangenehmen Erlebnissen klarzukommen, nicht mehr oder nur eingeschränkt verfügen.

Mimosen im Kinderzimemr 

Die Mimosen, die von einer zumindest in Teilen noch illusionslos aufgewachsenen Elternkohorte aufgezogen wurden, hat heute nicht mehr nur keine Lust auf den Kater nach der Clubnacht, sie ist oft sogar noch stalz darauf, "nüchtern feiern" zu gehen. Sie trinken alkoholfreien Wein oder alkoholfreies Bier. Sie rauchen Shisha statt Zigarette. Und tragen in Konzerten Gehörschutz. 

Aufgewachsen in einem westdeutschen Wohlstandsbunker, dessen Nachbauten  mittlerweile auch im Osten zu finden sind, beargwöhnen sie ihre als "Boomer" bezeichneten Vorgenerationen. Deren Hang zu Ekstase und Entgrenzung, zu politischen Paukenschlägen und Prinzipien gilt unter Jüngeren als peinliches Überbleibsel einer brutalistischen Party-Ära. Unvorstellbar erscheint es heute, dass noch vor 30 Jahren Hunderttausende bei der "Love Parade" grundlos euphorisiert und halbnackt auf den Straßen tanzen. Dass junge Erwachsene nicht Lachgas schnüffelten, sondern ihre Köpfe zu Heavy-Metal-Musik so lange schüttelten, bis der berauschende Effekt auf natürliche Weise eintrat.

Kein Alkohol in Strömen 

Die Jugend von heute ist meist nie Teenager gewesen. Als Jungerwachsene treten sie oft direkt ein in eine Lebensphase, in der sie eine verzweifelte Sorge um die Welt derart niederdrückt, dass sie keinen Gedanken daran verschwenden, Familien zu gründen oder gar Kinder zu bekommen. Das Leben besteht aus Enttäuschungen. Das Leben besteht aus Entfremdung. Es gibt weniger Scheidungen, aber nur, weil es weniger Ehen gibt. Es fließt kein Alkohol in Strömen und seit der Legalisierung sind selbst Drogen langweilig. 

Mit einigem Abscheu schauen die Jüngeren auf die steinzeitlichen Sitten ihrer Väter und Großväter. Geschlechtskrankheiten. Aschenbecher. Laute Musik mit Melodien. Gespartes als ETFs auf dem Konto. Ruhige Jobs und politische Ansichten, von den man besser nichts Genaues wissen will. Der Midlife-Crisis begegnen diese Menschen durch einen  plötzlichen Hang zu Fernreisen, Kreuzfahrten und Wohnmobilen, in denen sie ihre kompletten Haushalte miniaturisiert mit sich führen, wenn sei zum Nordkap fahren. Will man so werden? Man würde schon. Aber dagegen steht eine innere Aversion gegen den Verlust der Kontrolle.

Herrschaft der Maschinen 

Das Zeitalter der Herrschaft der Maschinen ist angebrochen. Es hat die Menschen verändert. Die Nachwachsenden sind reserviert, weil man ihnen gesagt hat, sie müssen resilient sein. Sie sind kontrolliert, weil sie zuletzt im Pandemie-Lockdown gelernt haben, dass ihnen alles jederzeit mit einem Fingerschnipsen genommen werden kann. Sie hoffen und bangen, trauen sich aber nichts. Sie möchten nicht mehr Rocksänger werden, Kinostar oder wenigstens Chef einer eigenen Cateringfirma. Sie bescheiden sich damit, von einem schönen Plätzchen in der Verwaltung zu träumen. Vielleicht sogar Beamter? Toll wäre es.

Ein Riss geht durch das Land, den Politik und Medien rigoros ignorieren. Nur die Älteren nehmen noch Drogen. Nur die Boomer fallen noch mit lauten weinseligen Gesang auf nächtliche Straßen auf. Faltige Greise haben ungeschützten Sex, sie trinken und werfen das Geld zum Fenster hinaus. Sie schleppen dicke Wurstpakete zu ihren Gartenpartys. Und Steaks, die sie nicht mehr wie früher glühenden Kohlen verbrennen, sondern neuerdings mit Hilfe von High-Tech-Smokern.

Die wahre letzte Generation 

Die Babyboomer sind die einzig wahre letzte Generation. Ihre Erfahrungen aus dem kalten Krieg haben sie gelehrt, dass man Spaß nicht kaufen kann, sondern haben muss. Als sie jung waren, haben sie nicht erwartet, sehr alt zu werden. Und schon gar nicht, dass ihnen die damals Älteren gebratenen Tauben in den Mund schieben. 

Sie finden ihre vielen schlechten Angewohnheiten bis heute gut. Für sie grausame Praktiken wie das Angeln, Rauchen in geschlossenen Räumen und das Nacktbaden Teil eines Selbstbildes, das sie bitter entschlossen verteidigen. Die meisten von ihnen sind nicht glücklich, aber zufrieden. Früher war manches besser, sagen sie. Aber so gut wie heute sei es ihnen nie gegangen, wenn man ehrlich ist.

Die traurigen Gestalten unter 30 sehen das mit Argwohn. Sie hätten sich gewünscht, dass ihnen eine Welt ohne Probleme übergeben wird. Das aber hätten die Altvorderen versäumt. Trotzdem benähmen sie sich, als hätten sie allerlei geleistet. Obwohl Klima. Obwohl Krieg. Obwohl Rechtsruck und transatlantisches Zerwürfnis. 

Neid spielt große Rolle 

Es spielt Neid dabei eine große Rolle, Neid darauf, das man selbst vermutlich nie haben wird, was Mutter und Oma hatten. Es zeigt sich aber auch eine perfekt anerzogene Ratlosigkeit. In der Welt der Influencer möchte niemand entscheiden. Am liebsten ist es allen, wenn Anweisungen von oben erteilt werden. Und es soll doch ein möglichst weit oben sein, möglichst weit weg. 

Brüssel kommt dem Ideal recht nahe. So unsinnig die bizarre Menge an Vorschriften, Regeln und Richtlinien auch ist, die der nimmermüde Apparat der Überregierung produziert, einfach weil er es kann, so leise ist der Widerspruch ausgerechnet aus den Alterskohorten, die noch Jahrzehnte unter Green Deal, AI Act und Aufrüstungseifer leiden werden. 

Roaming und USB-C 

Man ist Pro-Europäer und stolz darauf, ohne genau zu wissen, was das bedeutet. Reflexhaft werden die drei großen Errungenschaften der Lenkung und Leitung des Kontinents durch eine von niemandem gewählte Kommission betont. Ihr sei es gelungen, die heimischen Handypreise auf die ganze EU auszudehnen. Und sie habe USB-C durchgesetzt. Dazu komme auch etwas Drittes, das aber immer gerade niemandem einfällt. 

Die Wirklichkeit geht brutal mit den Jungen um, die - vor allem am Arbeitsplatz - mit älteren Kolleginnen konfrontiert werden. Eine Studie im Auftrag der Krankenkasse DAK zeigt, dass vor allem Erwerbstätige unter 30 Jahren - die sogenannte Generation Z - häufig von Generationskonflikten betroffen ist. 28 Prozent der in den besten Jahren der Republik Aufgewachsenen berichten von entsprechenden Erfahrungen. Ein Viertel von ihnen fühlt sich dadurch stark oder sehr stark belastet. 

Schuldgefühle im Altersheim 


Das belastet die Älteren. Sie sehen sich gezwungen, Schuldgefühle zu hegen. Spüren sie aber nicht.  Eigentlich geht es den meisten blendend. Verglichen mit der Vergangenheit, die sie durchlebt haben, steht die Gruppe der zwischen 1960 und 1980 Geborenen in der Blüte ihres Wohlstands. Schlecht gelaunt ist sie vor allem, weil ihr schwant, dass es das schon gewesen sein könnte. Der Peak Wohlstand liegt hinter dem Land und den Leuten. Kinder und Enkel werden es einmal nicht besser haben, aber deutlich schlechter. 

Die Menschen, die die 70er, 80er und 90er Jahre als Jugendliche und junge Erwachsene erlebt haben, erinnern sich noch gut an Massenarbeitslosigkeit, kalten Krieg und Ozonloch. Die Kindheit fand statt im Schatten von rauchenden Schloten. Vater qualmte am Abendbrottisch. Bier wurde aus der Tulpe getrunken, wegem dem Stil nämlich. Wohlstand waren Farbfernseher und Kleinwagen.  

"Lehrjahre sind keine Herrenjahre" 

Es waren Zeiten, in denen eine gute Ausbildung nicht unbedingt zu einem guten Job verhalf. Diese Erfahrung hat aus vielen Boomern Menschen gemacht, die vieles leicht nehmen, was Nachgeborenen sehr schwer zu sein scheint. Sprüche wie "Lehrjahre sind keine Herrenjahre" und "wir wurden auch nicht Eselsmilch gebadet" haben sie gehasst. Aber in Erinnerng behalten. Jetzt, wo laut Geburtenstatistik  pro Jahrgang rund eine halbe Million Menschen weniger um die begerhten Druckposten in den - deutlich größeren - Verwaltungen konkurriert, scheinen sie auf einmal zu passen.

Das macht die Älteren zu den Problembürgern eines Landes, das inzwischen weitgehend aus  Unbehagen besteht. Die Alten machen sich Sorgen um ein Morgen, das sie nicht mehr erleben werden. Jedoch nicht so sehr, dass sie auf die Idee kämen, sich auf Straßen zu kleben, einen Asienurlaub weniger zu machen oder sich mehr Gedanken um Mülltrennung. 

Die Jungen dagegen werden von einer Verunsicherung erdrückt, die mehr Dimensionen hat als der Bundestag Parteien. Krieg, Frieden, Karriere, Klima, Rente und Anschlussvertrag oder nicht. Die große Zeit der unbeschwerten Feiern ist vorbei. Und sicher scheint nur, dass sie so wenig wiederkommen wird wie ein eben, das es einem Durchschnittsverdienerpaar erlaubte, ein Haus zu bauen und zwei Kinder großzuziehen.

Funktion als Schuldige  

Kein Wunder, dass die Generation Z weniger zufrieden mit ihrem Job als frühere Jahrgänge. Und infolgedessen auch weniger zufrieden mit dem Leben ansich. Nur 26 Prozent geben an, "voll und ganz" mit sich und der Welt im Reinen zu sein – 2010 waren es noch 43 Prozent der damals Jungen.

Immerhin wirkt die Anwesenheit der Älteren und Alten psychisch entlastend. Für alles, was in die Binsen geht, ist ein Schuldiger zur Hand. Mit viel Geschick spielen die Parteien, die seit Anbeginn der  Bundesrepublik regiert haben, Jung gegen Alt aus. Spalten über Spalten überall. Raucher gegen Nichtraucher, Partypeople gegen Depressive. Männer gegen Frauen, Land gegen Großstadt, Ost gegen West, Längerhierlebende gegen Ausländer, Familien gegen Kinderlose. So lange es so läuft, läuft es nach Plan.