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Donnerstag, 15. November 2007

Vom zellularen Gedächtnis

Von der Papierform her kann sich jeder nur an das erinnern, was er selbst erlebt hat. Beispielsweise kann man sich generell nicht an Dinge erinnern, von denen man nur gelesen hat, sondern ausschließlich daran, dass man davon gelesen hat. Ebenso weiß man zwar von Ereignissen, die einem erzählt worden sind. Erinnern aber kann man sich ausschließlich an den Vorgang des Erzähltbekommens, nicht an das nicht erlebte eigentliche Ereignis.

Ausgenommen, man ist die US-Kulturkritikerin Naomi Wolf, eine frühere Beraterin des Bush-Vorgängers Bill Clinton und seines inzwischen nobelpreistragenden Vizes Al Gore, die derzeit ein Sachbuch zu verkaufen hat und dazu gern bereit ist, sich an alles zu erinnern, was sie nicht weiß, um sodann George W. Bush - originellerweise - einen neuen Hitler zu nennen und die USA auf dem Weg in den Faschismus zu sehen.

Der "Süddeutschen Zeitung" berichtete die Tochter von Holocaust-Überlebenden von einem ganz besonderen "zellularen Gedächtnis", in dem sich Erinnerungen an Dinge befinden, die ohne ihr Beisein stattgefunden haben. Dieses "zellulare Gedächtnis" erlaube es ihr als 45-jähriger Feministin auch, schreckliche Parallelen zwischen den USA von heute und dem Dritten Reich zu erkennen. Sie als Amerikanerin, aufgewachsen im Haushalt des Horrorliteraten Leonard Wolf, könne sehr wohl sagen, "dass es in Amerika wie im Dritten Reich zugeht."

Wenn man solche Parallelen erkenne, stelle sich ein regelrechtes Gefühl der Panik ein, lässt Wolf wissen. In Goebbels’ Tagebüchern, zitiert sie aus ihren eingebildeten Erinnerungen, habe sie "beängstigende Parallelen zu Pinochets Politik und der des Pakistan von heute" gefunden: "Es gibt bestimmte Taktiken, um Demokratien zu schwächen, Korruption zum Beispiel. Eine andere Methode hat zum Beispiel Pinochet eingesetzt und die Pakistanis benutzen sie: Sie haben den öffentlichen Dienst gesäubert und Linientreue der Mächtigen installiert."

Nein, die wackere Kämpferin für Frauenrechte und eine bessere Welt spricht nicht von Venezuela, Rußland oder Deutschland, sondern von den USA, denen sie eine ganz perfide Verschleierung der zunehmenden Faschistisierung vorwirft: So habe es 1931 auch in Deutschland “legale Abtreibungen, Rechte für Schwule, Menschenrechtsanwälte, Menschenrechtsaktivisten, modernistische Architektur” gegeben und - auch das wohl eine Parallele zu den USA von heute - es habe "nichts darauf hingedeutet, dass sich Deutschland auf dem Weg in die Diktatur befindet.

Die Geschichte hatte bekanntermaßen dann doch anderes vor - und ähnliches droht nun, zumindest wenn wir auf das "zellulare Gedächtnis" vertrauen wollen, auch dem selbsternannten Mutterland der Demokratie. Weitere und weitaus originellere utopische Romane zum Thema: Philip Roth »Verschwörung gegen Amerika« und "Das ist bei uns nicht möglich" von Sinclair Lewis.

1 Kommentar:

panzerbummi hat gesagt…

naomi ist schwer gestört - wer kann ihr helfen?