Mittwoch, 30. Juni 2021

Ende gut, alles gut: Das Beste zum Schluss

Gemeinsam gelebte Bunkermentalität: Merkel und Löw prägten eine Ära.

Als es endlich vorüber ist, vom Mann auf der Bank erlebt wie gelähmt, beginnen die Rituale. ARD-Moderatorin Jessy Wellmer steht am Spielfeldrand des Wembley-Stadions, das erfüllt ist von den Delta-Aerosolen der 43.000 begeisterten Engländern. Sie hält sicheren Abstand zu Bundestrainer Joachim Löw, der nach dem 0:2 verlorenen Achtelfinalspiel der Europameisterschaft im Männerfußball nun nur noch seine schwerste Mission zu erledigen hat: Wie erkläre ich einer enttäuschten Nation, dass trotzdem alles richtig war? Vieles? Oder immerhin genug?

Katastrophe als Betriebsunfall

Löw zieht Luft, wie nur er es kann. Er ordnet ein und schildert die sich seit Monaten, ja, Jahren anbahnende Katastrophe als Betriebsunfall. Hätte der Müller. Hätte der Werner. Wellmer, nach deutscher Fußball-Berichterstattungstradition begleitet von Bastian Schweinsteiger, einem früheren "Schützling" Löws, fragt fröhlich nach. "Also Ende gut, alles gut?" Joachim Löw ist für einem Moment nun doch konsterniert. Ende gut? Alles gut?

Dieses Finale des Finales der Ära Löw passt wie gemalt zur Laufbahn des Fußballlehrers, der seinerzeit auf den Disruptor und Revolutionär Jürgen Klinsmann folgte wie auf dem politischen Spielfeld die bräsige, behäbige Angela Merkel auf ihren reformverliebten Vorgänger Gerhard Schröder. Wie Merkel übernahm Löw ein bestelltes Feld, auf dem er Jahr um Jahr erntete. Noch acht Jahre später, als Löw mit dem Gewinn der Fußballweltmeisterschaft in Brasilien sein Lebenswerk krönte, standen drei Spieler aus der Klinsmann-Ära auf dem Platz.

Mit der Erfindung von "Die Mannschaft" hob Löw ab.
Zwei der drei wussten danach, dass es Zeit war, zu gehen. Löw nicht. Wie die Bundeskanzlerin, die am Ende ihrer ersten acht Jahre im Amt selbst glaubte, die mächtigste Frau der Welt zu sein, hatten Titel, Verdienstkreuze und die mafiöse Zustimmungskultur im DFB auch Joachim Löw überzeugt, dass es niemand besseren gebe, nun auch noch einen zweiten oder gar dritten Titel zu holen. Wie in Berlin war auch in Frankfurt niemand mehr da, der eine neue Weichenstellung hätte empfehlen können. Löw war wie Merkel auf seinem Feld zu einem Alleinherrscher geworden, umgeben von einem engsten Kreis aus Beratern und Unterstützern, deren Schicksal mit dem des Cheftrainers auf Gedeih und Verderb verbunden war. 

Auf Gedeih und Verderb

Die besten Voraussetzungen, eine gesunde Bunkermentalität zu entwickeln. Wie Merkel 2011 mit dem über Nacht beschlossenen Atomausstieg ohne jeden Plan, wie die Energieversorgung des Landes dauerhaft, stabil, bezahlbar und klimagerecht sichergestellt werden soll,  stolperte auch der gern "Jogi" genannte Bundestrainer in die zweite Hälfte seiner Amtszeit. Der Weltmeister-Titel hinterließ einen Kater, dem Fußballlehrer der Nation aber fiel nun nur ein Ausstieg aus der deutschen Art des Spieles ein. So lähmend langweilig wie Spanien wollte er künftig zaubern lassen. Immer den Ball haben, "zirkulieren" (Löw) sollte der, bis der Gegner aufgab.

Löw nahm sich einen Sprechlehrer. Er zog in Interviews kaum noch Nebenluft. Bei der Europameisterschaft in Frankreich ging es im Halbfinale nach Hause, aber Löw versicherte, so viel habe nicht gefehlt. Die inzwischen in "Die Mannschaft" umbenannte Truppe hatte den Systemfußball für sich entdeckt - und schneidig sah sie auch wieder aus, als sie nach Russland aufbrach, um ihren Weltmeistertitel zu verteidigen. Es wurde ein Desaster, das ebenso ohne jede Konsequenz blieb wie Angela Merkels Energieausstieg, ihr Flüchtlingssommer oder ihre Entscheidung, die EU im Sinne des Hades-Planes ganz ernsthaft zu einer Schuldenunion weiterzuentwickeln.

Im Bunker der Bequemlichkeit

Im Bunker der Bequemlichkeit eines Postens, der keine Regulativer mehr kennt, war der innerlich seit Jahrzehnten vermoderte DFB ebenso froh, Löw zu haben, wie die CDU sich glücklich schätzte, die Kanzlerinnenpartei zu sein. Wenn nichts im Laden ist, macht ein tolles Schaufenster umso mehr her. Niemand anderes als die Amtsinhaber bestimmten, dass sie weitermachen würden - Merkel wegen Trump, sie musste die Welt retten. Löw, weil er so nicht abtreten wollte, mit einem letzten lausigen Spiel in einer Vorrunde.

Quälend langsam schleppten sich die beiden Protagonisten der eingebildeten Weltmacht von da an über die letzte Strecke ihrer Karrieren. Löw verlor, er reformierte zaghaft, er verlor und zog die Reformen zurück. Merkel ging vom Regieren zum Verwalten über, wo die Säge klemmte, wurde mit Geld geschmiert. Als die Pandemie kam, wechselte die Kanzlerin auch sichtbar ins Home Office: Angela Merkel hielt sich  nun dauerhaft fern vom Volk, ihr Lebensraum war der Kanzlerbunker, den sie nur verließ, um gelegentliche Gipfel zu absolvieren oder aber, in Stunden der höchsten Erklärungsnot, in einer Talkshow darzulegen, dass Taktik und Aufstellung sehr wohl hervorragend seien, es aber doch noch ein Stück Geduld brauche, bis die Ergebnisse auf der Anzeigetafel zu sehen sein würden.

Textbausteine aus dem Spruchbeutel

Textbausteine, wie sie Joachim Löw bei Bedarf identisch aus seinem Spruchbeutel zog. Wenn er dies tat, war das richtig. Tat er das Gegenteil, war es das auch. Dass er in Interviews wieder mehr Nebenluft zog, deuteten Löw-Aficionados als Zeichen dafür, dass der Bundestrainer die Phase der bemühten Künstlichkeit, der Sehnsucht nach dem spanischen Spiel und dem Betteln um Anerkennung hinter sich gelassen habe. Er sei jetzt wieder er selbst, ein in sich ruhender Pol wie Merkel, frei durch völlige Unabhängigkeit von der umgebenden Wirklichkeit. 

Auf dem Platz sah es so aus. Vom Versuch, spanisch zu spielen, wechselte Joachim Löw zu einer Taktik, die für niemanden mehr erkennbar war. Systemfußball ohne System, später aber dann mit den Rückkehrern Thomas Müller und Mats Hummels, die beiden Spieler, die Löw symbolisch geopfert hatte, um ein Signal für den ausgerufenen Neuaufbau zu setzen. Löw war nun so lange im Dienst, dass er wirklich glaubte, die Fans liebten ihn und nicht die Männer auf dem Platz. So wie Merkel sich selbst davon überzeugt hatte, dass es ihre erratischen Ein- und Ausstiegsentscheidungen waren, die die Deutschen so lieben. Nicht der Wohlstand, der sich Schröders Reformen und der Entwicklung der Weltwirtschaft verdankt.

Marketingpaket Mannschaft

Schnurstracks marschierte das vom Sportdirektor Oliver Bierhoff stromlinienförmig zugeschnittene Marketingpaket "Mannschaft" beim Pandemieturnier zur Delta-Verbreitung ins nächste Desaster. Selbstbild und Fremdbild fielen auseinander wie zuletzt in der DDR, deren Führung noch in der Überzeugung starb, die Arbeiter- und Bauernrepublik sei das zehntgrößte Industrieland der Welt. Für Löw und das ihn umgebende Milieu aus Medienarbeitern, alle Duzfreunde, alle abhängig vom Erfolg des Bundestrainers, waren nach der Vorrundenniederlage gegen Frankreich Petitessen wichtig. Kimmich in die Mitte? Goretzka hinter die Spitzen? Der Sieg gegen Portugal schien die Weichen gestellt zu haben zu einer Rückkehr zu alten Stärken. Mit dem Remis gegen Ungarn rettete Löw seinen Kopf. Nur um im Achtelfinale sang- und klanglos an England zu scheitern.

Dabei hatten sie doch alles versucht. Regenbogenbinde, Regenbogenlicht. Knien für Floyd George. Keine Diskussion mehr ums Mitsingen der Hymne. Fußballnationalismus ohne Nation und Arroganz ohne innere Überzeugung. Wie katatonisch erlebt der Joachim Löw die letzten Momente seiner Amtszeit: Als seine Elf in Rückstand gerät, reagiert er gar nicht, es dauert und dauert, ehe er frische Leute bringt, um wenigstens so zu tun, als wolle er alles tun. Einer der Eingewechselten ist dann eine Defensivkraft, die vermutlich den Rückstand in Grenzen halten soll, die letzten paar Minuten. Eine andere kommt 90 Sekunden vor Abpfiff, das nimmt noch mal wertvolle Zeit von der Uhr.

Als Jessy Wellmer Löw Minuten später nicht etwa danach fragt, sondern nach seinen Gefühlen, "Ende gut, alles gut", schaut der Gescheiterte irritiert. Selbst Joachim Löw hatte angesichts der historischen Pleite wohl Prügel erwartet, ein Scherbengericht, irgendeine Art Abrechnung.

Buchautorin Baerbock: Pfau mit fremden Federn

Annalena Baerbock behauptet jetzt auch noch, ein Buch geschrieben zu haben.

Nur wer dreist ist, richtig dreist, überlebt im Geschäft mit der eigenen Popularität und schafft es sogar, sie auszubauen.Menschen ohne Schamgrenzen tun sich am leichtesten im Beruf des Öffentlichkeitsarbeiters, sie bringen den Drang mit, sich zu äußern, ihr Gesicht zu zeigen, Bewunderung zu empfangen und angehimmelt zu werden. Im Showgeschäft und in der Politik kommen die groß heraus, die sich entäußern, die sich nackt machen für jedes neue Album, die ihre - oft verheerten - Züge in die Kamera halten und zu allem immer etwas zu sagen haben.  

Gern wird das dann auch niedergeschrieben, die Protagonisten mit den siebzehnstündigen Arbeitstagen, die Außenminister, die vielbeschäftigten Weltenretter in den Chefredaktionen und Parteiarbeiter schaffen es wie nebenher, Ratgeber und Biografien zu verfassen, dicke Analysen zur Lage der Zeit, programmatisch nach vor weisend wie die Schulz-Bibel oder bewegungstherapeutisch wie Anja Reschkes "Rückenschule gegen rechts". Der Normalbürger ist generell uninteressiert an all diesen Werken, er ignoriert die Mutaufrufe, die Ruckreden und die Versuche, die eigenen Wurzeln vor aller Augen zu gießen. 

Man schreibt nie selbst

Doch es gehört sich so. Wer nichts wird, wird Wirt und wer politisch etwas werden will, der wird ein Buch schreiben müssen, wenigstens. Selbstverständlich nicht selbst, dazu reicht die Zeit ja nicht. Wie Martin Schulz, der damals als Gottkanzler der Medienrepublik an seinem Grundsatzmanifest "Was mir wichtig ist" erklärtermaßen jeden Federstriche selbst erledigt hat, war die vielbeschäftigte Grünen-Chefin Annalena Baerbock gezwungen, ihr erstes Buch von einem Helfer schreiben zu lassen. 

Das ist Usus in der Branche, das ist allgemein akzeptiert. Dort, wo der Prominente, der dem Werk seinen Namen aufpappt, Respekt vor der Arbeit anderer hat, kommt in der Regel ein Miniaturverweis auf den echten Buchautoren aufs Cover. Dort, wo der Schein das Bewusstsein bestimmt, unterbleibt auch das. es muss dann ein Hinweis im Kleingedruckten reichen, dass da noch jemand gewesen sei: Einen "Mitwirkenden" nennt ihn Bundesaußenminister Heiko Maas.

Wie bei Baerbocks "Jetzt: Wie wir unser Land erneuern", einen 240-seitigen Buch, das Baerbock das ihre nennt und das von den Medien auch durchweg als "ihr" Buch vorgestellt wird. Hier erkläre die Kanzlerkandidatin der Grünen, "wie sie Deutschland verändern will und worauf es ankommt, wenn wir es in eine gute Zukunft führen möchten", heißt es da. Welchen Eindruck würde es da machen, gäbe sich die Tatfrau aus Niedersachsen, zuletzt wegen ihrer aufgehübschten und sorgfältig geschönten Biografie Zielscheibe zahlloser Anfeindungen, nicht als alleinige Verfasserin aus? Der, der das Buch geschrieben hat, nach deutschem und europäischen Recht der Urheber, taucht auch bei ihr nur im Kleingedruckten auf.

Kein Autorenname auf dem Cover

Aber Mchael Ebmeyer, ein Autor der "Zeit", der auch schon Heiko Maas' Weltwerk "Aufstehen statt wegducken. Eine Strategie gegen Rechts" verfasst hat mitbewirkte, wird sich nicht beklagen, denn er wird gut bezahlt dafür, das, was ihm Baerbock in "Gesprächen" (Freitag) erzählt hat, aufzuschreiben. Nach deutschem und EU-Urheberrecht ist er zwar der Autor. Sie aber hat den Vermarktbaren Namen. Und Medien fragen nicht, zumindest war darauf bisher Verlass: Warum sie ein Buch geschrieben habe, wird sie von einem freundlichen Werbebotschafter gefragt, als habe sie das tatsächlich. Und dankbar für die Adelung antwortet sie auch so, als gebe es daran keine Zweifel. 

Die Welt aber hat sich weitergedreht. Frechheit und dreiste Falschbehauptungen bleiben nicht mehr unwidersprochen, nur weil sie von einem dröhnend lauten Chor unisono behauptet werden. Nach Baerbocks eitel verfälschter Biografie hat sich der Plagiatschecker Stefan Weber deshalb auch Baerbocks politische Belletristik vorgenommen, die alles hat, was ein Buch braucht, um den Verdacht von Konjunkturliteratur zu erregen: Die üblichen etwas über 200 Seiten, für die der Verlag um die 20 Euro nehmen kann. Den üblichen Doppeltitel. Und den Aufkleber "Spiegel-Bestseller", der schon aufgepappt wird, noch ehe das erste Exemplar im Laden ist. Und auch draufbleibt, wenn die politische Belehrungsliteratur auf wie üblich auf Amazon-Verkaufsrang 1.300 die Stunde ihrer größten Popularität erlebt.

Ein Werk voller Abschreibübungen

Folklore mit fremden Federn, die bei Baerbock aber noch eine weitere Dimension hat. Konnten sich Politiker, die Bücher unter ihrem Namen schreiben ließen, bisher stets darauf verlassen, dass nicht einmal die, die über ihre Bücher schrieben, sie zuvor lasen, hat Stefan Weber Baerbocks Buch nun nicht nur gelesen, sondern auf Abschreibübungen geprüft. Baerbock für ihr Buch abgeschrieben. Aber sie war es nicht selbst. Sie hat keine Urheberrechte verletzt, sondern geglaubt, sie könne welche kaufen, um sich mit fremden Federn zu schmücken. Sie wusste sicherlich nicht einmal, wo ihr Zulieferer sich überall bedient hat.

Aber siehe da: Alles voller Plagiate, unmarkierter Textkopien und geborgter Absätze fremder Autoren. Baerbock klaut sätzelang vom amerikanischen Politikwissenschaftler Michael T. Klare, sie bedient sich wörtlich beim Blog „Klimawandel – Challenge Accepted“ des Verbands der Wirtschaft für Emissionshandel und Klimaschutz und selbst dort, wo sie vorgibt, persönliche Erinnerungen zu schildern, stammen "wesentliche Formulierungen wiederum nicht von ihr, sondern von einem Rückblick der Bundeszentrale für politische Bildung aus dem Jahr 2019", wie Weber analysiert.

Das alles passt natürlich zur Persönlichkeitsstruktur einer Frau, der es wichtig ist, den richtigen Eindruck zu machen und das richtige Bild abzugeben. Annalena Baerbock ist mehr Theodor zu Guttenberg als ernsthafte Politikerin, sie lebt allein für den schönen Schein, nicht von der eigenen Leistung, und sie vertraut auf die Tarnung, die ihr medial so großzügig und solidarisch gewährt wird. "Annalena Baerbock hat ein Buch geschrieben", startet der "Tagesspiegel" seine Eloge an die junge Nachwuchsautorin. "Annalena Baerbock hat ein Buch geschrieben", beginnt der "Spiegel" seine Buchempfehlung. "Annalena Baerbock hat ein Buch geschrieben", betont auch die Taz im ersten Satz.

Alle drei Eingangssätze sind wörtlich und ohne Quellenangabe aus der Verlagsankündigung kopiert. Als müsse und solle ein Verdacht, es könne nicht so sein, wie es doch in Wirklich natürlich ist, vorbeugend ausgeräumt werden.

Dienstag, 29. Juni 2021

Zitate zur Zeit: Schlachten zwischen Reklametafeln

Die Älteren erinnern sich an den Aufstand des Gewissens vom letzten Quartal.

In Friedenszeiten war alles diffus; hier gab es weder das Adrenalin des Kampfes noch die Klarheit. TV-Sprecher redeten lautstark in den Nachrichten. Jeder schien sich in einem Wettkampf zu befinden, von irgendeinem politischen Skandal oder sozialen Problem besonders angegriffen oder erzürnt zu sein. 

Die Schlachten fanden zwischen den Reklametafeln und Werbefilmen einer Trillionen Dollar starken Werbeindustrie statt, die Designerklamotten, Fast Food und Arzneimittel verhökerte. Die Menschen schienen ihre eigene Identität und die von anderen mit ihrer entsprechenden Social-Media-Präsenz zu vermischen. 

 

Jason Kasper, Shadow Strike: Der Anschlag

Die Volksbelehrenden: Fantasiesprache für Nachrichtenagenturen

Die sowjetische Nachrichtenagentur TASS war immer nur ermächtigt, im traditionellen Russisch zu erklären. Die deutschen Nachrichtenagenturen dagegen haben jetzt eine eigene Sprache.

Es ist ein Durchbruch jenseits des Dudens, die Erfindung einer neuen Sprache mit neuen Möglichkeiten zur Zähmung von Widerspenstigen und Erziehung zum Besseren. Die deutschsprachigen Nachrichtenagenturen DPA, AFP, APA, EPD, Keystone-sda, KNA, Reuters und SID wollen der gesellschaftlichen Entwicklung hin zu mehr Inklusion, einfacher Sprache und geschlechtsneutralen Atempausen nicht mehr nur einfach zuschauen, sondern sich an die Spitze einer Entwicklung setzen, die nicht mehr nur beschreibt, was ist, sondern sagt, was sein soll.

Agenturen als Sprachlehrer

Angeführt von der Nachrichtenfabrik DPA, derzeit in Deutschland Quelle von zirka 64 Prozent aller Nachrichteninhalte, die Bürgerinnen und Bürger zu sehen, zu lesen und zu hören bekommen, haben die Weitervermittler von Regierungsansichten, Pressemitteilungen und selbstabgeholten Wortmeldungen zu allen gesellschaftlichen Fragen ein gemeinsames Vorgehen vereinbart, um künftig noch gerechtere, neutralere und nachhaltigere Meldungen über den Ticker jagen zu können. Statt sich an den überkommenen Vorgaben der Kultusministerkonferenz zur deutschen Rechtschreibung, am Duden-Monopol oder am Sprachgebrauch der Bevölkerung zu orientieren, werden Agenturmeldungen ab sofort diskriminierungssensibel geschrieben und gesprochen, wie es in einer DPA-Meldung in eigener Sache heißt.

Ein Signal, denn auch der Schlüsselbegriff "diskriminierungssensibel" ist eine Eigenentwicklung der führenden deutschen Wahrheitsquelle, die dank des sogenannten Agenturprivilegs in einer Position ist, die es ihr erlaubt, Wirklichkeiten frei zu erfinden. Dank der besonderen Nichthaftungsregel im deutschen Presserecht muss kein Weiterverbreiter solcher Falschmeldungen fürchten, als Mitstörer haften zu müssen. Agenturmeldungen dürfen übernommen werden, ohne dass der Inhalt zuvor auf Richtigkeit überprüft werden muss.

Selbstausgedachte Fantasiesprache

Galt das bisher nur inhaltlich, denn auch Agenturen waren an Rechtschreibung, Gramattik und Zeichensetzung gebunden, eröffnet die Ankündigung, ab sofort in einer selbstausgedachten Fantasiesprache berichterstatten zu wollen, nun eine zusätzliche Dimension für die auch als "Lehranstalter der Demokratie" geltenden Großunternehmen der Medienbranche. Künftig soll das sogenannte generische Maskulinum, das als Ursache für Gender-Pay-Gap, Gewalt gegen Frauen und berufliche Benachteiligung bis in wokeste Kreise gilt, aus Agenturmeldungen schrittweise zurückgedrängt werden.

Anstelle von im überkommenden allgemeinen Sprachgebrauch verwendeten Begriffe wie "benachteiligte Schüler", "rechtsextreme Soldaten", "verletzter Feuerwehrmann", "Lehrermangel" oder "Politikerversagen" werden die deutschsprachigen Nachrichtenagenturen sprachlich neu ausgerichte. Diskriminierungssensible Formulierungen wie "benachteiligte Lernende" oder "benachteiligte Beschulte", "rechtsextreme Bundeswehrangehörige", "verletzter Feuerbekämpfender", "Lehrendenmangel" und "Politikbetreibendeversagen" sollen diskriminierende Sprache vermeiden und zur Sichtbarmachung von Diversität beitragen, aber vor allem nach außen ausstrahlen und Bürgerseiende langsam an den Sprachumbau gewöhnen.

Gegen die Uneinsichtigen

Denn noch herrschen im Lande viel Unverständnis und Uneinsichtigkeit. Pionierseinde der neuen Art, zu sprechen, werden verlacht und verhöhnt, wegweisende Vorschläge zum gerechten Sprachwandel und dem Maskulinumausstieg werden selbst in den Gemeinsinnsendern noch nicht konsequent genutzt. Hier setzten die Nachrichtenagenturen an, die über die Verwendung der traditionellen Doppelformen von "Schülerinnen und Schüler" über geschlechtsneutrale Pluralformen wie "die Feuerwehrleute" oder "die Angestellten" langsam zu einem neuen deutschen Idiom kommen wollen, in dem substantivierte Partizipien wie "die Studierenden", "die Radfahrenden" oder "die Fernsehenden" Standard sein werden.

Die männliche Form der Benennung von Dingen oder Personen fällt samt aller Ableitungen weg, die Neutralisierung geschieht durch den Rückgriff auf Funktionsbezeichnungen - statt "Vorsitzender" heißt es "Vorsitz", statt "Mitarbeiter" Personal, statt "Streikende" wird auf "Imstreikseiende" zurückgegriffen. Nach Rücksprache mit der Bundesworthülsenfabrik (BWHF), deren Grundsatzpapier  "Geschlechtersensible Sprache - ein Leitfaden*In" als Ratgeber fungierte, sind auch syntaktische Lösungen erlaubt: So heißt es dann vorschriftsmäßig nicht mehr, "Raucher haben eine geringere Lebenserwartung, sondern "wer raucht, hat..."

Frauen sterben aber später

Frauen sind keine Raucher, Frauen haben zudem eine höhere Lebenserwartung als Männer, sind daher auch dauerhafter konfrontiert mit einer Sprache, die die allzuoft "der" oder "jeder" sagt, wo sie auch  "alle" oder "die" nutzen könnte, ohne gar nicht mehr verstanden zu werden. kein informationsverlust tritt zum Beispiel ein, wenn eine Umschreibung mit Infinitiv genutzt wird, so dass ein "Antrag  vollständig auszufüllen" ist, wo bisher ein "Antragsteller" das Formular vollständig ausfüllen hatte.

Jeden mitnehmen in eine Welt der neuen Sprache, die klingt wie Polizistendeutsch. Adjektiv statt Substantiv, in einer für später geplanten Etappe dann auch Genderstern, Unterstrich, Doppelpunkt oder Slash. Hier sei "noch ist unklar,  welches der Sonderzeichen, die auch nicht-binäre Geschlechtsidentitäten abbilden sollen, sich im allgemeinen Sprachgebrauch durchsetzen wird".

Montag, 28. Juni 2021

Würzburger Vorurteile: Der unschuldige Terrorist

Schnell bei der Hand: Die Falschübersetzung des Begriffes "Dschihad" als Keule gegen psychisch Kranke.

Die Feinde von Frieden und Völkerverständigung haben sich schon immer bemüht, aus einer interpretativen Übersetzung einen Graben zu machen, der Völker, Religionen und unterschiedliche Kulturen voreinander entfremdet. "Dschihad", das zu den muslimischen Grundpflichten gehörende Streben, nach dem islamischen Glauben zu leben, wurde von den Anschärfern und Zuspitzern vom 12. September 2001 an als "Heiliger Krieg" verkauft - im Dienst einer quotenträchtigen Angstmache, die außer Acht ließ, das der Islamismus darunter eigentlich die religiöse und ethische Pflicht zur Selbstbeherrschung und Selbstvervollkommnung versteht.  

Ein Kommentar von Svenja Prantl

Die Saat der geistigen Brandstifter

Nach 20 Jahre aber trägt die Saat der geistigen Brandstifter überreiche Ernte. Nicht nur das Publikum, sondern auch die Berichterstatter und sogar die in aller Regel psychisch erkrankten Gewalttäter sind heute überzeugt, dass "Dschihad" den Heiligen Krieg gegen die Feinde der ummah meint, jenes in sich zerstrittenen, miteinander in permanentem Krieg lebenden und jedes Fortschritts abholden Gläubigenkreises, dessen höchster Beitrag zur Entwicklung der Menschheit vor 1.400 Jahren im Abbasiden-Kalifat gelang, als korangläubige Wissenschaftler die Speerspitze der Welterkenntnis bildeten.

Bis auf die arabische Vorsilbe al- bei Fachrichtungen wie Algebra und Alchemie ist davon nichts übrig, nur Vorurteile. Der frühere Moslem, nach einer bindenden Empfehlung der Bundesworthülsenfabrik  (BWHF) in Berlin unmittelbar nach dem 11. September in englischsprachige "Muslim" umbenannt, gilt heute als das unerzogene, schwererziehbare Kind der modernen Industriegesellschaft, äußerst anspruchsvoll, aber quengelig, dazu eifersüchtig und über die Maßen gewalttätig.  Es ist sehr schwer, dieses Kind im Zaum zu halten

Freiheit, Frieden, Völkerfreundschaft

Selbst anderthalb Jahrzehnte nach dem Tag, an dem der so oft als "Terror" missverstandene Schrei nach Liebe zum ersten Mal unüberhörbar in Europa erklang, fällt es Beobachtern nicht leicht, verständlichen Unmut über rassistische Vorurteile über die Religion des Friedens zu unterscheiden von legitimen Forderungen Zurückgesetzer und Unterdrückter nach Freiheit, Frieden und Völkerfreundschaft.

Gerade Deutschland, in seiner Historie lange mit dem Rechtsnachfolger des Abbasiden-Kalifat verbündet und später Seite an Seite mit dem Mufti von Jerusalem, Haj Amin al-Husseini, für eine Zweistaatenlösung im Nahen Osten kämpfend, müht sich hier um Differenzierung, verletzt aber gleichzeitig auf eklatante Art seine Fürsorgepflicht, indem es anknüpft an die vorurteilsbeladene Art der Berichterstattung über Vorfälle mit jungen Männern, bei denen es zu tragischen Todesfällen kam. Auch im Zusammenhang mit den Ereignissen von Würzburg ist dabei wieder vom "Dschihad" die Rede: Obwohl nach wie vor völlig unklar bleiben wird, ob der Mann von Würzburg ein von Al Kaida oder dem IS anerkannter Terrorverdächtiger ist, reichen auch als seriös geltenden Medienhäusern Andeutungen über "Alahu akba"-Rufe und Hörensagen über Dschihad-Erwähnungen, um den Tatverdächtigen in eine bestimmte Ecke zu schieben.

Mental herausgefordert

Wie schwer es für mental herausgeforderte junge Männer in einem fremden Land ist, sich zu behaupten, und wie leicht es ihnen gemacht wird, durch die Allgegenwart etwa von Messern eine durchaus verständliche Übersprungshandlung zu begehen, wird hingegen nur sehr selten wirklich überzeugend herausgearbeitet. Eine "Propaganda der Inhumanität macht es sich leicht" (Stephan Hebel, FR), der Bundeskanzlerin und ihrer Politik der offenen Grenzen die Verantwortung zuzuschieben: "Wäre der Mann aus dem Krisenland Somalia nicht in Deutschland gewesen, hätte er hier auch niemanden umbringen können", heißt es dann. 

Unbeachtlich bleibt dabei aber die eigentlich wichtige Frage, die die Frankfurter Rundschau vollkommen zu Recht stellt:  "Was, wenn die Verkäuferin, die der Täter erstach, nicht ausgerechnet an diesem Tag an dieser Stelle Dienst getan hätte? Was, wenn die anderen Opfer ein paar Minuten früher oder später am Tatort gewesen wären?"

Was suchten all diese Leute im Stadtzentrum?  Was trieb die Menschen vor das Messer des bekanntermaßen psychisch herausgeforderten jungen Mannes? Wo war die Polizei? Wo waren die Psychologen? Die Behörden? Der Staat? Wer trägt die Verantwortung dafür, dass Einmann hier keinen anderen Ausweg sah? Der Fall Würzburg, ehe er in aller gebotenen Eile dort begraben wird, wo all die anderen Übergriffe einer vorurteilsbeladenen Mediengesellschaft auf das Integrationsbemühen Nochnichtsolangehierlebender beerdigt wurden, stellt Fragen nach den "Versäumnisse in Deutschlands Umgang mit jungen Männern aus Kriegsgebieten" (RND). 

Vom Täter zur Tat

Ist nicht Einmann, der solches tut, mit derselben Konsequenz immer schwer psychisch krank und für seine Tat nicht verantwortlich wie ein anderer Mann, der andere Menschen aus anderen Gründen ermordet, stets Herr seiner Sinne und Kontrolleur seiner geistigen Gesundheit ist? Muss nicht wie bei der Zählung ideologisch motivierter Gewalttaten und Morde schon seit einem Jahrzehnt üblich vom Täter auf die Tat geschlossen und eine "religiöse Fixierung" (SZ) als das erkannt werden, was es ist: Ein mildernder Umstand, der eine gewisse "Neigung, Mordtaten zu begehen" nicht vermindern könne, so lange das "Asyl- und Gesundheitssystem tickende menschliche Zeitbomben aus Kriegsregionen" nicht zu entschärfen lerne, wie der spd-nahe RND abschließend erklärt.

Absichtliches Missverständnis

Dass der Islam als Friedensreligion selbst nichts mit dem Missverständnis zu tun hat, "Dschihad" bedeute "Heiliger Krieg", sollte in einer aufgeklärten Gesellschaft ebenso Konsens sein wie die einst von dem - leider so früh verstorbenen - SPD-Politiker Thomas Oppermann im Bundestag geäußerte Überzeugung, dass auch unter Islamisten, Terroristen und Dschihadisten Menschen sind, über die sich schnelle Pauschalurteile einfach verbieten.  

Die helfende Hand, der offene Arm und die Einladung, sich um den wahren Dschihad zu bemühen - das muss der Weg sein, den eine verantwortungsvoll handelnde Gesellschaft geht, gegen alle Widerstände, gegen die schnellen Vorurteile und den quotenträchtigen Rückgriff auf die von Faktencheckern längst widerlegte Falschübersetzung des Begriffs "Dschihad" als Keule gegen psychisch Kranke.

Wie die Pest: In der Petitionsgesellschaft

Für alles, gegen alles: An Petitionen herrscht kein Mangel nirgendwo.
Ein Klick, und du bist gut. Noch einer, und schon wird es die Welt auch. Sich zu "engagieren" (Steinmeier), "Gesicht zu zeigen" (Schröder) und dem Fortschritt der Menschheit eine Stimme zu geben, kostet nichts mehr, seit virtuelle Wutmaschinen wie change.org den Ansichten der schweigenden Minderheit den Anstrich von Majorität geben. Ob es gegen den Fernsehmoderator Markus Lanz geht, den das ZDF vor Jahren vom Sender nehmen sollte, ob Pfeifen in der Nähe von Frauen unter Strafe gestellt oder Klimafreiheit durch die Beanspruchung von Cloudkapazitäten hergestellt werden sollte - Petitionen sind die Waffe der Wahl einer Gesellschaft, die das Bittstellen bei Hofe als befreienden Akt vor eigener Verantwortung begreift.

Der organisierte Aufschrei

Was Frédéric Bastiat vor anderthalb Jahrhunderten in der "Petition der Kerzenmacher" ausführte, als er die Kerzenhersteller sich bei der Regierung über die Sonne beschweren ließ, die als üble ausländische Konkurrentin mit ihrem kostenlosen Scheinen den Absatz der eigenen Produkte behinderte, ist heute ernst gemeint.  Petitionen, Lateinisch petitio von "Bittschrift", "Gesuch" oder "Eingabe" sind der große Trend der Zeit: der Souverän kniet vor denen, die er zum Regieren gewählt hat. Und bettelt darum, gehört und erhört zu werden.

Petitionen sind das "Mittel der Engagierten", der instituionalisierte organisierte Aufschrei der selbsternannten  Zivilgesellschaft als Chor des Guten. selbst im Corona-Jahr 2020 fraß sich die petitionale Pest weiter ins Zusammenleben: Change,.org, der Marktführer auf dem Markt der Bettelbriefe an die Obrigkeit, zählt inzwischen mehr als 7.097.278 registrierte Nutzer, Menschen also, die angemeldet sind, um bei jeder sich bietenden Gelegenheit per Klick klarzumachen, was sie richtig finden.

Kampfform der Klickgemeinsamkeit

Als "Partizipationsform der digitalen Zivilgesellschaft" lobt die Friedrich-Ebert-Stiftung das  "Engagement der Petitionsstarter*innen" auf den privaten Plattformen Change.org und OpenPetition und beim Petitionsausschuss des Bundestages, obwohl die Kampfform des Klickgemeinsamkeit gelegentlich auch mal so schief geht, dass Petitionen wegen drohenden Erfolges vorzeitig geschlossen werden müssen. Den Menschen aber, im Zeitalter des Subsidiaritätsabbaus nur noch Wähler, aber nicht mehr Entscheider, drängt es dazu, seiner Herrschaft Mitteilung zu machen über seine Wünsche: Ob "Abwendung der Rasterpsychotherapie", ein Appell an einen Ölkonzern, Einwegbecher abzuschaffen oder die Forderung nach einem Rücktritt von Jens Spahn - jeder darf, alle können, klick und weg.

Der Petitionsausschuss des Bundestages zählte zuletzt 14.314 neue Petitionen, 785 mehr als im Jahr zuvor.  Mit 3,7 Millionen Nutzern ist das Petitionsportal das erfolgreichste Online-Angebot des Parlaments, am heftigsten macht sich hier der Wunsch Luft, ein wegen Corona ein Grundeinkommen einzuführen, Kinderrechte nicht gesondert ins Grundgesetz auf zunehmen und eine Studie zum racial profiling bei der Polizei zu erstellen. Im Normalfall drohen Konsequenzen aus den digitalen Bittbriefen allerdings nicht: Obwohl die Zahl der gestarteten wie auch die der erfolgreich abgeschlossenen Unterschriftensammlungen seit Bastiats Zeiten geradezu explodiert ist, wurde auch aus jüngerer Zeit kein Fall bekannt, in dem das plattformgestützte Sammeln von rechtsgültigen Unterschriften für Bürger- und Volksbegehren" (change.org)  ernsthafte Konsequenzen zeitigte.

Sonntag, 27. Juni 2021

Der Trend geht zur Diktatur: Katarina die Große


Was kostete es den Amtsinhaber früher nicht alles, ein Diktator zu sein. Im alten Rom hieß es, die sechs vorgesehenen Monate nicht nur überstehen, sondern sich die Amtszeit verlängern. Spätere Diktatoren traten dann gleich unbegrenzt an, waren aber beständig gezwungen, zu morden und wegzusperren, was immer ihre macht bedrohte. Diktatoren sind, über die Geschichte der Menschheit hinweg, für mehr Tote und größeres menschliches Leid verantwortlich als die Pest. Von der Französischen Relolution über Hitler, von Stalin über Idi Amin bis zu Fidel Casto, Mao und Hi Chi Minh leisteten unzählige Männer Unglaubliches, um sich ihre Macht zu erhalten.

Wie schwer es für sie alle war, am Abend Schlaf zu finden, wie unangenehm es ihnen war, von jedermann immer ängstlich angeschaut zu werden und wie schwer es gerade ihnen gefallen sein muss, das eigene Scheitern am Ende zu akzeptieren - kaum jemand weiß es, denn die Geheimnisse eines jeden Diktators sind das Geheimste überhaupt auf der ganzen Welt. Mit dem Siegeszug der Demokratie endete eigentlich auch das Zeitalter der Diktatoren: Zu ineffektiv, zu behäbig, zu abhängig von der Form und den Ideen eines einzigen Menschen.  

Nach dem Vorbild des "Nazi"

Zugleich aber geschah dem Diktator, was zuvor schon dem "Nazi" passiert war. Je weniger es gab, desto mehr wurden es. Je geringer die gesellschaftliche Akzeptanz wurde, desto größer wurde die mediale Aufregung. Die Nazi-Bewegung, zu der 1945 sich allein in Deutschland noch 7,5 Millionen Parteimitglieder bekannten, schrumpfte in den darauffolgenden Jahrzehnten auf etwa 3.500. Nun aber war die "Bedrohung durch rechts überall" (ND). der Innenminister, eine ehemaliger Rechter, bekennt sich mittlerweile offensiv zum Rechtssein als größter Gefahr für die welt, womöglich größer noch als die Klimakrise. Millionen werden in den Abwehrkampf investiert, Millionen und Abermillionen. Und es wirkt, als würde jeder Cent die Gefahr nur immer noch weiter erhöhen.

Genauso verhält es sich mit den Diktatoren. Wie sich Rechte zuerst in Rechtsradikale, dann in Rechtsextreme und schließlich in Rechtsextremisten verwandelten, sank die Definitionsschwelle für ernstgemeinte Diktatoren beständig ab. Und die Zahl der amtierenden Diktatoren stieg steil. Putin und Xi, Lukaschenko, Erdogan, Bolsonaro, sogar Trump: Zum Diktatorenjob gehörte nicht mehr nur eine Machtübernahme, eine Gewaltherrschaft und die Ermordung jeder Opposition. Nein, es reichte nun schon, abseitige Ansichten zu Europa, der EU, demokratischen Prozessen oder dem Selbstbestimmungsrecht der Völker zu vertreten.

Faschistenblock mit feigem Diktator

Katarina Barley, von der damaligen SPD-Vorsitzenden Andrea Nahles nach Brüssel verfrachtet, der durch die Vorsitzende eingeleiteten Erneuerung der Partei nicht länger im Wege zu stehen, hat den derzeitigen Diktatorenboom eben bei Twitter auf den Punkt gebracht: Mag der regenbogenfeindliche Ungar Viktor Orban auch demokratischer gewählt sein als sie selbst, die ihr EU-Mandat bei der nur eingeschränkt demokratischen EU-Abstimmung errang. Er war schuld am "Faschistenblock" (Barley) im Stadion. Und er ist ein "feiger Diktator".

Abgeschossen von einer Frau, die innerhalb der SPD schon geraume Zeit als Expertin gilt, die wie nebenher alles erklären kann, ist das ein spitzer Pfeil, der Orban tief getroffen haben dürfte. Eben noch galt der frühere weißrussische Präsident Lukaschenko, der jetzt an der Spitze Bjelorusslands steht, als "letzter Diktator Europas" (Spiegel). Alle anderen Demiurgen und Despoten ringsum waren als "Machthaber", "Alleinherrscher" oder auch "lupenreine Demokraten Zwinkersmiley" (Martin Sonneborn) zu bezeichnen.  

Warnerin im Glashaus

Barley aber hat nun das Tabu gebrochen: Die Europa-Chefin der Partei, deren unüberschaubares Medienimperium tagtäglich sieben bis neun Millionen Deutsche mit der Tageswahrheit versorgt, deren Vertreter in den Gremien der Gemeinsinnmedien jahrzehntelang verfassungsfeindlich eigene Ansichten protegiert haben und deren Parlamentarier seit mehr als einem Jahr ihre Aufgabe, die Regierung zu kontrollieren, der Einfachheit halber an die Regierung übertragen haben, führt genau aus, was sie für die Merkmale einer Diktatur hält: Orban habe die Medienfreiheit abgeschafft, das Wahlrecht zu eigenen Gunsten verändert, die Arbeit der Opposition werde durch Regierungspropaganda erschwert, "eine unabhängige Justiz, die die Regierung tatsächlich kontrolliert, gibt es schon lange nicht mehr".

In Ungarn rechtlich gegen die Entdemokratisierung des Landes vorzugehen, hat daher keinerlei Aussicht auf Erfolg, denn Orban drücke seine Verfassungsrichter durch. Viele Ämter dürften in Ungarn auch nur besetzt werden, "wenn eine Nachfolge mit 2/3 Mehrheit bestätigt wird", klagt die SPD-Politikerin aus Köln. 

Eine Methode, die einer erfahrenen Demokratin wie Katarina Barley, die vor Jahren die Ansicht vertrat, man könne auf das Grundgesetz pfeifen und deutschen Staatsbürgern je nach Laune deren Staatsangehörigkeit einfach mal so entziehen, nur allzu bekannt ist. Wegen genau dieser Praxis ist die Riege der Vizepräsidenten des Deutschen Bundestages ja seit nunmehr fast vier Jahren nicht ganz komplett.

 

Team Türkei: Schulterschluss unterm Regenbogen

Der Homophobiker aus Ankara ist vorwurfstechnisch vom Haken, seit das Böse allein in Budapest wohnt.

Moralische Maßstäbe sind ja so wichtig, gerade in der heutigen Zeit des Sittenverfalls und des allgemeinen Kulturverfalls. Gut, wenn man gleich mehrere davon hat! Der ungarische "Diktator" (Katharina Barley) Viktor Orban hat in diesen Tagen schmerzlich erfahren müssen, was in der Wertegemeinschaft EU geschieht, wenn sich ein Mitgliedsstaat entschließt, ein Gesetz zu verabschieden, mit dem 16 der 26 übrigen Mitglieder nicht einverstanden sind. Für mehrere Stunden katapultiert man sich auf den Trump-Thron der größten Menschheitsbedrohung, man wird zum Mediengespenst mit blutigen Reißzähnen, Balaton-Hitler und Menschenfeind Nummer 1.

Die Deutschen und ihr Balaton-Hitler

Alle gegen Orban, das passt, denn damit ist Recep Erdogan, früher heißer Anwärter auf den Titel Rechteschlächter von Ankara, für den Moment vom Haken. So wichtig, wo doch gerade ein neuer "Flüchtlingsdeaal" Marke keine Menschen gegen Milliarden verhandelt werden muss zwischen der Wertegemeinschaft und dem Mann, der alle Werte mit Füßen tritt, wenn er nicht gerade "Zicken fickt" wie der Gemeinsinnmoderator Jan Böhmermann in seinem legendären Grundrechte-Gedicht beschrieben hat.

All eyes on Budapest, kein Auge mehr für den Bosporus. Der alte Trick der Jahrmarktsgaukler, er funktioniert doch immer wieder. Während die "Tagesschau", der "Spiegel" und der Rest der cis-weiß-mann-dominierten Leitmediendivision fasziniert über die führende Rolle der Bedeutung des Regenbogens für Ungarns Zukunft sinniert, lässt Erdogan lukaschenkoartig Systemkritiker aburteilen und andere einschüchtern. Doch nirgendwo ein Ton wie damals, als ganz Mediendeutschland wie ein Mann aufstand, um die Freilassung des Journalisten Deniz Yücel zu erwirken. Die Bundesregierung handelte pragmatisch. Im Tausch gegen deutsche Waffen kam  Yücel auf freien Fuß. Wie einen kostbaren Beweis für die Überlegenheit der freiheitlichen Moralgesellschaft ließ die Bundesregierung ihre Beute in einer Regierungsmaschine heim ins Reich fliegen.

 Freiheit im Tausch gegen deutsche Waffen

Triumph! Und Schablone. Im Stolperstart der neuen Groko und dem vergeblichen Bemühen, Europafeinden in Warschau und Budapest die Geldpipeline abzudrehen, lieferte die Yücel-Affäre wie bestellt. Tagelang nichts anderes mehr. Das Unregierbare überschaubar zusammengefaltet. Die Türkei bekam 31 Kaufgenehmigungen für Bomben, Torpedos, Raketen und Flugkörper, um ihren Kampf gegen die Kurden fortsetzen zu können. Deutschland bekam den Eindruck, seine Regierung lasse so nicht mit sich umspringen.

Auch Viktor Orban hat das jetzt zu spüren bekommen. Ungarn, das beim Pokern um den "Wiederaufbaufonds" der EU so lange pokerte, bis das von Corona weitgehend verschonte Land eine milliardenschwere Zustimmungsprämie herausgeschlagen hatte, rutscht nach dem Ausfall von Trump, Johnson, Xi, Putin, Lukaschenko, Netanjahu und Bolsonaro auf zum Völkerfeind Nummer 1, ein Alleinherrscher, der über seine steinzeitlichen Vorstellungen von LBGTOIIPTZ versucht, die Fundamente des gemeinsamen Europa zu unterminieren. Erdogan dagegen verwandelt sich vom bösen Mann von Bosporus in einen netten, hilfreichen Nachbarn, den man nur zu gern dafür bezahlt, dass er ein Auge auf den gemeinsamen Gartenzaun wirft.

Der homophobe Sultan wird Moralweltmeister

Den hat der neue Sultan in den vergangenen Jahren auf eine Art ausgebaut und ausgeweitet, die Europa seinem US-Pendant Donald Trump niemals hätte durchgehen lassen. Im Fall der Türkei aber ist jeder Mauerstein, jedes Stück Stacheldraht ein Investment der EU gegen rechts und jeder Mensch, den Erdogan nicht reinlässt, aus Berliner Sicht ein Stück Sicherheit für deutsche Fußgängerzonen. Moralisch muss man sich das leisten können. Das Gegenteil aber kann sich eben niemand leisten. Also muss die Erdogan-Kritik verstummen. Im Handumdrehen ist sie ersetzt vom Entsetzen über Orban. Deutschland wechselte ins Team Türkei, kaum dass jemand so schnell gucken konnte.

Dass die Türkei die Antidiskriminierungsgesetze, die Ungarn nicht respektiert, nicht kennt, die homosexuellen Partnerschaften, die in Ungarn als eingetragene Lebensgemeinsschaften beurkundet werden können,  staatlich in keiner Weise anerkennt und die „Erklärung der Vereinten Nationen über die sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identität“, die Ungarn 2008 unterschrieb, von der Türkei bis heute nicht unterzeichnet wurde,ist kein Gegenstand weiterer Erörterung, denn solche unappetitlichen Details würden der guten Sache nur schaden. Unterm Regenbogen des Symbolfights des Guten gegen das Böse in Budapest steht der Schulterschluss der Wertegemeinschaft mit dem homophoben Sultan, der selbst den höchsten Repräsentanten  der Brüsseler Bürokratie gegenüber nie ein Hehl aus seiner Frauenfeindlichkeit gemacht hat.

Neue Milliarden am Ende für alle

In Kürze wird sich Recep Erdogan über neuen Milliarden aus der EU freuen dürfen, wenn er nur zusichert, Hilfesuchende und Asylbegehrende, Kriegsflüchtlingen und Menschen, die vor dem Hunger in Afrika davonlaufen, an seinen Grenzen aufzuhalten. Viktor Orban wird seine EU-Milliarden dessenungeachtet behalten können, es wird dann längst schon ein neuer Oberböser als Spiegel dienen, in dem Europa sich selbst als unbestechliche und vitale Kraft von Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit sieht. Deutsche Moral ist zum Glück nicht nur weltweites Vorbild für viele noch unzureichend demokratisierte und bundeszentral politisch ausgebildete Völker. Sondern auch flexibel wie ein Akkordeonbalg: Es kann sich hierhin biegen und dorthin, es kann gepresst werden und gezogen. Und wird doch immer Töne hervorbringen, von denen sich im Kreis von tauben behaupten lässt, es ein Hochgenuss, sie hören zu dürfen.

Samstag, 26. Juni 2021

Zitate zur Zeit: Harte Eingriffe in die Freiheiten

Wir sollten also einmal grundsätzlich erwägen, ob wir nicht das Regime ändern müssen, so dass harte Eingriffe in die Bürgerfreiheiten möglich werden, um die Pandemie schnell in den Griff zu bekommen.

Winfried Kretschmann 

Corona: Im Delta des Schreckens

In der Nachhut kämpft sich noch, die Delta-Variante. Aber im Grunde genommen ist das Interesse erlahmt. Selbst der Ängstlichste verweigerte die Maske, wenn in seiner 100.000-Einwohner-Stadt nur noch null Neuinfektionen am Tag notiert werden. Selbst in "Tagesschau" und "Heute" rutscht die globale Lage von nationaler Tragweite immer weiter nach hinten.

Schon rangiert sie hinterm Regenbogen, hinter den Fußballschlachten der deutschen "Mannschaft" und hinter dem aktuellen Ostfeldzug ohnehin. Selbst der Bundeswarnbeauftragte Karl Lauterbach, der das allergrößte Interesse hat, die Leiden der Pandemie bis zum Wahltag im Herbst zu verlängern, um anschließend als Bundesgesundheitsminister ins neue Kabinett einzuziehen, beugte sich in einem schwachen Moment  den Realitäten: "Ich glaube, die große Zeit der Pandemie ist vorbei", sagte Lauterbach bereits Mitte Mai, ein wenig traurig, ein wenig trüb.

Delta, das frühere Indien

Hoffnung für Deutschlands Corona-Erklärer Nummer 1 kam dann aus Delta, einem Staat, der frühen als "Indien" bekannt war. Knapp hinter dem Druckpunkt der erfolgreichen Bundesnotbremse griff die neue Untergangsdrohung. Lauterbach bekam wieder Talkshow-Einladungen. Beunruhigt ließen die Führer des freien Europa ab von ihrer G7-Gewohnheit, sich ohne Maske und ohne Abstand zu begegnen wie beim CDU-Parteitag. Man trugt demonstrativ wieder Mundschutz, wenn auch nicht immer nahverkehrstauglich: Bunt gemischt präsentierten die Staatschefs und Ministerpräsidenten FFP2-Masken mit individuellen nationalistischen Aufdrucken, selbstgenähte Notvermummungen und medizinische Masken, die bei Bundesbahn bußgeldpflichtig sind.

Ein Signal an die Welt, der Schrecken ist vorbei, die große Krise vorüber.  Trotz noch bestehender Einreiseverbote ist Ursula von der Leyen unterwegs mit der großen Rettungsgeldschütte, um denen, die gaben, einen Teil zurückzubringen, und denen, die immer brauchen können, großzügige Geschenke zu machen. Die "gütige Gabenbringerin aus Brüssel" (FAZ)  hat es wirklich geschafft, die von den einen gefürchtete, von den anderen ersehnte Schuldenunion zu einer Realität werden zu lassen, die nicht mehr weggehen wird.

Aus den Ruinen der Seuche

Europas Hamilton-Moment, wie ihn der deutsche Finanzminister Olaf Scholz begeistert genannt hat, verspricht eine Auferstehung des Kontinents aus den Ruinen der Seuche in neuer Form: Wo vorher ein Staatenbund war, der sich selbst bei relativ überschaubar schwierigen Vorgängen wie dem ungarischen Regenbogen-Komplex nicht auf eine gemeinsame Sichtweise einigen kann, soll in Bälde ein Bundesstaat sein, ohne gemeinsame Sprache, ohne gemeinsame Öffentlichkeit, ohne allgemein genutzte Medien, überall wählbare Parteien, ein demokratisch gewähltes Parlament und gemeinsame Werte. Aber unauflöslich zusammengeschnallt von der gemeinsamen Schuldenlast und gemeinsamen Feinden, die die innere Identifikation ersetzen durch die alte Tradition des gemeinsamen Feindbildes.

Wenn gerade mal 16 von 27 EU-Staaten waren bereit, ein deutliches Zeichen gegen Viktor Orban zu setzen und den von Angela Merkel und Emmanuel Macron verfassten gemeinsamen Protestbrief nach Budapest zu unterzeichnen, dann ist das noch peinlicher als die zwei gemeinsamen Positionen der Europäischen Union zu Venezuela. Dass die Unterzeichnerstaaten trotzdem beschlossen, ihr Schreiben abzuschicken, zeigt, dass sie viel mehr von der laveden Gemeinschaft der Fördermitteljäger gar nicht erhoffen. Geld und gute Worte und schnelles Vergessen zu den Umständen des europäischen Impfdesasters, das tausende Menschen das Leben gekostet hat, mittlerweile aber weit genug vergessen wurde, um als wahrer Triumph europäischen Zusammenhalts ausgegeben werden zu können.

Frech kommt weiter

Frech kommt weiter, das ist das Grundgesetz des europäischen Mikadospiels. Die EU hat es geschafft, den anfänglichen Vier-Wochen-Vorsprung Großbritanniens bei den Corona-Impfungen binnen eines halbes Jahres nicht nur um nicht einen einzigen Tag einzuholen, sondern auf zweieinhalb Monate zurückzufallen. Aber Berlin und Brüssel können sich darauf verlassen: Kein Faktenchecker, kein eifernder Volksverpetzer, keine "Tagesschau"-Wahrheitsredaktion wird je am Selbstbewusstsein rühren, mit dem die EU sich selbst längst verziehen und sich zum wahren Corona-Besieger ernannt hat.

Es geht ja weiter, es ist ja nicht vorüber, wenn es vorbei ist. Schon hat die Bundesregierung vorgesorgt und den Bundestag versteckt im Gewand des Stiftungsrechts Möglichkeiten schaffen lassen, auch ohne die Notstandsgesetze aus der pandemischen Lage von nationaler Bedeutung weiter durchregieren zu können. Die "Grundrechte der körperlichen Unversehrtheit, der Freiheit der Person, der Freizügigkeit und der Unverletzlichkeit der Wohnung stehen nun dauerhaft unter Infektionsvorbehalt, künftig sogar, ohne dass es einen fluiden Maßstab gibt wie den R-Wert, die Inzidenz oder die Fantasiebelegung der Intensivbetten.

Hoffnung auf die vierte Welle

Ungnade vor Recht, denn selbstverständlich wird es „eine vierte Welle geben“, wie Karl Lauterbach schon angekündigt hat. Der SPD-Mann mit der Sehnsucht, es mit Hilfe von Furcht, Angst und Verunsicherung doch noch in ein Ministeramt zu schaffen, hatte bis Mitte Mai ein Bedeutungshoch erreicht, die ihn berechtigte, alles zu erklären: Warum alle Inder sterben und warum sie dann doch nicht gestorben sind, weswegen die Bundesnotbremse sein musste, viel zu spät kam und alle rettete. Weshalb so "viele Kinder jetzt ihre Eltern verlieren" (Lauterbach) und mit einem "baldigen Abflauen diesmal nicht zu rechnen" sei, obwohl die Zahlen der Erkrankten in den Staaten mit funktionierender Impfstrategie etwas ganz anderes sagten.

Nie, nicht einmal in den 18 Monaten der Pandemie, ist es irgendwo um Erkrankte gegangen. Bis heute weiß niemand, zumindest nicht offiziell, wie hoch der ungefähre Anteil der Infizierten ist, die gar nicht, nur sehr leicht, etwas schwer, schwer oder sehr schwer an Covid-19 erkranken. Etwa 2,4 Prozent der Infizierten sterben, zumindest in Deutschland, weltweit ist die Todesrate mit 2,16 Prozent niedriger, im Delta-Todesgebiet Indien ist sie mit etwa 1,3 Prozent nur knapp über halb so hoch wie hierzulande. Zahlen und Daten aber über die Schwere der Symptome bei den etwa 96 bis 98 Prozent der Überlebenden, über die Dauer der Bettlägerigkeit der nicht in Krankenhäuser eingelieferten Patienten und der nicht Beatmeten gibt es nicht, auch Karl Lauterbach hat sich zu diesem Punkt noch nie geäußert.

Vermutlich einfach vergessen, nun aber ganz günstig: Dass die "Delta"-Mutante für höhere Infektionszahlen sorgt, lässt sich so dunkel raunende als nächste Vernichtungsstufe der Viruspandemie verkünden. Dass die Zahl schwerer Fälle offenkundig trotz steigender Infektionszahlen auf einem sehr niedrigen Niveau verharrt, muss sich der Neugierige aus den Todeszahlen der Johns-Hopkins-Statistik zusammenpuzzeln.


Freitag, 25. Juni 2021

Vorgefiltertes Netz: Der Iran-Plan


Das betreute Leben, die Vermeidung von Konfrontation und dem Eindruck, es könne andere Meinung als die eigene nicht nur geben, sondern sie könnten womöglich sogar ihre Berechtigung haben, sie haben Hochkonjunktur in einem Land, das sich nach Bullerbü sehnt, je näher es Büllerbü kommt. Mit dem Netzwerkdurchsetzungsgesetz und einer ganzen Armada an Hassbekämpfungsverordnungen ist Deutschland zum Vorbild fragwürdiger Nacheiferer geworden - doch die angeordneten Einschränkungen der Freiheiten reichen nicht, denn sie reicht nie, so lange noch ein Rest von Unwägbarkeit bleibt.

Im Doppelschatten durchregieren

Wie beim Pingpong geht es hin und her, mal verschärft der Bund, mal fordert ein Land härtere Gesetze, mal ordnet die EU als oberste Oberbehörde an, was durchzusetzen ist, um virtuelle Gewalt, hochgerechnete Fake-News-Fluten und schamlos schimpfende Andersmeinende einzuhegen. Eben erst ging der nächste Anlauf zur Einführung des ersehnten Staatstrojaner glatt durch, im Doppelschatten von Seuche und Fußballtheater aber geht noch mehr: Diesmal sind es die Bundesländer, die mit Hilfe des Jugendmedienschutzes vorschreiben wollen, dass digitale Endgeräte künftig nur verkauft werden dürfen, wenn sie mit vorinstallierten Porno- und Jugendschutzfiltern ausgeliefert werden.

Eine ganz neue Dimension staatlicher Anmaßung. Nicht der Schaden soll repariert und der Schadende bestraft werden, sondern der Hersteller verpflichtet, vorausschauend dafür zu sorgen, dass von staatlichen Institutionen als schädlich erkannte Informationen gar nicht mehr zu Nutzern gelangen können. was nach einer totalitären Vision klingt, neben der "1984" an ein Sandkastenspiel erinnert, ist vollkommen ernst gemeint: Alle Anbieter von Betriebssystemen für PCs, Laptops und Handys würden per Gesetz dazu verpflichtet, sogenannte "Jugendschutzfilter" vorzuinstallieren und ab Werk Voreinstellung alle Webseiten zu blockieren, die nicht für unter 18-Jährige geeignet oder nicht mit einer Altersfreigabe nach deutschen Recht versehen sind. 

Globales deutsches Recht

Nun ist dieses deutsche Internetrecht weltweit eher unbeachtlich. Abgesehen von einigen US-Nachrichtenseiten, die seit der Einführung der Datenschutz-Grundverordnung alle Nutzer als der EU aussperren, haben sich tatsächlich nur Staaten wie China, Vietnam, Pakistan und Russland entschlossen, sich die deutschen Sperr- und Meldevorschriften zum Vorbild zu nehmen. Doch die Bundesländer, seit der Erfindung des www immer wieder grandios gescheitert mit dem Versuch, Teile des Netzes zu sperren, irritiert das keineswegs. Obwohl eine entsprechende Formulierung in der neuen Novelle des Jugendmedienschutz-Staatsvertrags (JMStV) dafür sorgen würde, dass schlagartig die Mehrzahl der Internetseiten der Welt mangels deutscher Alterseinstufung von Deutschland aus nicht mehr zugänglich wären, steht der Iran-Plan: Entweder, Seitenbetreiber aus den USA, Australien, Kanada, Schweden, Spanien und so weiter bewerben sich um eine Alterseinstufung ihrer Angebote nach deutschen Recht. Oder die neuen Zwangsfilter sperren ihre Angebote, bis die entsprechende Altersverifizierung erledigt ist. 

Vordergründig geht es um Pornoseiten, doch letztlich trifft der Hammer alle. Wenn ein Betriebssystem auch für den deutschen Markt bestimmt sei, müsse es "technische Programme" besitzen, die ab Werk so eingestellt sind, als wäre der Käufer, Besitzer und Nutzer ein Kind. Natürlich kann er dann später "ein höheres Alter nachweisen", so viel Freiheit bleibt denn doch. Seine entsprechende Altersidentifizierung müsse dann bei jedem Besuch einer Seite an den Seitenbetreiber übermittelt werden, so dass der sehen kann, ob der Nutzer sich legal bei ihm umschaut.

 Kindernet statt Internet

Datenschutztechnisch ein Alptraum, zumal selbst "Anbieter von Telemedien mit redaktioneller Verantwortung" ab 100.000 Nutzer pro Monat eine "Softwareschnittstelle" parat halten sollen, die mit den Geräten der Besucher aushandelt, wer was zu sehen bekommt. Und wer was nicht. Kein Internet mehr, sondern ein Kindernet, dessen Vorschriften nicht nur im Inland und für inländische Seitenbetreiber, sondern nach dem Willen der Bundesländer global gelten. Am deutschen Wesen wird das Netz genesen, diesmal ganz bestimmt, denn die Filter seien "mit überschaubarem Aufwand technisch umsetzbar ist", wie heise.de einen sächsischen Beamten zitiert.

Kreative Gesetzversteckung: Wie die Grundrechte stiften gehen

Nachts geändert, ganz unauffällig.

Mitten in der Nacht, aber diesmal immerhin nicht nach Mitternacht. Mitten in einem großen Fußballturnier, aber diesmal immerhin nicht an einem Spieltag, sondern kurz danach. Das Land noch im Regenbogenrausch, die Medien fixiert auf allerletzte letzte große Rede der Kanzlerin. Das Klimaschutzbeschleunigungsgesetz. Der nächste deutsche Gegner. Und was macht Orban?

Das Stiftungsrecht als Tarnnetz

Eine wunderbare Gelegenheit, das Stiftungsrecht zu vereinheitlichen, eines der großen Wahlversprechen, mit denen die Große Koalition vor vier Jahren angetreten war. Wie mit der Schrumpfung des Bundestages, einem Auftrag des Verfassungsgerichtes, war es auch mit dem Stiftungsrecht nicht recht vorangegangen über all die Monate. Immer war was anderes. Erst musste die Braunkohle ausgestiegen werden, dann war Europa, Trump sowieso. Schließlich kam Corona, es galt, Grundrechte wegzumähen und Europazuzsammenzuhalten.

Kurz vor knapp aber klappte es nun zur Erleichterung vieler Stifterinnen, Stifter und Stiftenden doch noch: Die ersehnte Gesetzesänderung zur Vereinheitlichung des Stiftungsrechts stand am beinahe letzte Tag der Legislaturperiode auf der Tagesordnung des Bundestages. Nun, nicht direkt auf der Tagesordnung, denn es sollte gegen zehn Uhr abends werden, ehe die wenigen verbliebene Arme absprachegemäß hochgingen. Erleichterung bei denen, die etwas davon mitbekommen hatten. Ganz wenige waren das nur, denn die letzte Medienmeldung zur wegweisenden Novelle datiert vom Mai. Und der besondere Clou, den der Gesetzgeber in der Änderung des Stiftungsrecht versteckt hatte, war da auch nicht erwähnt: Auf Seite zwei der Vereinheitlichung fand sich  eine "Änderung des Infektionsschutzgesetzes", mit der die gerade langsam genesenden Grundrechte ein weiteres Mal stiften gehen. 

Mit 412 zu 212 Stimmen bei zwei Enthaltungen beschloss der Bundestag letzte Nacht um 23 Uhr 16, dass die seit Monaten ausgesetzten Grundrechte auch "nach der Aufhebung der Feststellung der epidemischen Lage von nationaler Tragweite" weiterhin ausgesetzt bleiben können. Eine nationale Notlage, wie sie bisher als Begründung gebraucht wurde, ist künftig nicht mehr Voraussetzung für Ausgangssperren, Berufsverbote, Schulschließungen oder die Einschränkung der Bewegungsfreiheit, Ein- und Ausreiseverbote, Hausarreste oder Kontaktsperren.

Tritt außer Kraft und bleibt


Paragraph 36 Absatz 12 des Infektionsschutzgesetzes vom 20. Juli 2000 (BGBI. I S. 1045) wird dadurch wie folgt geändert: "Eine aufgrund des Absatzes 8 Satz 1 oder des Absatzes 10 Satz 1 erlassene Rechtsverordnung tritt spätestens ein Jahr nach der Aufhebung der Feststellung der epidemischen Lage von nationaler Tragweite durch den Deutschen Bundestag nach § 5 Absatz 1 Satz 2 außer Kraft. Bis zu ihrem Außerkrafttreten kann eine aufgrund des Absatzes 8 Satz 1 oder des Absatzes 10 Satz 1 erlassene Rechtsverordnung auch nach Aufhebung der epidemischen Lage von nationaler Tragweite geändert werden." Und in Artikel 10 zur "Einschränkung von Grundrechten" werden die in Artikel 9 eingeschränkten "Grundrechte der körperlichen Unversehrtheit (Artikel 2 Absatz 2 Satz 1 des Grundgesetzes), der Freiheit der Person (Artikel 2 Absatz 2 Satz 2 des Grundgesetzes), der Freizügigkeit (Artikel 11 Absatz 1 des Grundgesetzes) und der Unverletzlichkeit der Wohnung (Artikel 13 Absatz 1 des Grundgesetzes)" als "Artikel 11, Absatz 2 "wie folgt gefasst: ..(2) Die Artikel 1, 2, 6, 7 Nummer 1, 2 und 4 sowie Artikel 8 treten am 1. Juli 2023 in Kraft."

Das zu beschließen, bleibt dem künftigen Parlament also erspart.  Alles schon da, alles einsatzbereit.  Man wird künftig keine nationale Lage von Tragweite brauchen, um Grenzen zu schließen, Bürgerrechte außer Kraft zu setzen. Zu tun, was immer man tun will. 

Und böse gemeint, verborgen durchgezogen gar, war nichts daran: Dass der ganze Beschlusskram unter  der Überschrift "Stiftungsgesetz" läuft, versteckt weiter Heimlichtuerei und ist schon gar kein Versuch, etwas zu verbergen. Sondern eine neue Form von Transparenz: Wer nach § 10 Absatz 1, der "wie folgt geändert" wird "aa) Satz 1 wird wie folgt geändert: aaa) In Nummer 1 das Komma durch das Wort „und“ ersetzt. bbb) In Nummer 2 wird das Wort „und“ durch einen Punkt er setzt. ccc) Nummer 3 wird gestrichen. bb) In Satz 2 werden nach dem Wort „bekannten“ die Wörter „Vornamen, Namen und“ eingefügt" weiter liest, gelangt zu "§ 20 Absatz 3 wird wie folgt geändert: aa) Satz 2 wird wie folgt geändert: In Nummer 1 wird das Komma durch das Wort „und“ ersetzt. bbb) In Nummer 2 wird das Wort „und“ durch einen Punkt ersetzt. Nummer 3 wird gestrichen" und wenn er dann noch immer weiter nach unten scrollt, kommt "Artikel 9 Änderung des Infektionsschutzgesetzes". 

Alles öffentlich, irgendwie. Alles vertrauenerweckend bürgernah. Kann der Bundestag doch nicht dafür, wenn niemand bei der "Tagesschau" so weit kommt, bis auf die letzte Seite durchzublättern.

Donnerstag, 24. Juni 2021

CO2-Verbrauch: Bugwellen für Bangladesh

Am Kuakata Sea Beach in Bangladesh schlagen die Bugwellen der Kreuzfahrer aus der Antarktis an Land - weil der CO2-Verbrauch nicht in Gang kommt.

D
eutschland gerettet, der ungarische Unhold aus dem Land geschlagen unterm Regenbogen aus gebrochenem Licht, während der Himmel über München weinte, weil es nur zu Papierfähnchen an verbotenen Plastikröhrchenträgern gereicht hatte im Endkampf gegen Viktor und Willy Orban. Doch Sieg! Das Unentschieden als Triumph eines Neues Deutschlands, das geduldig ist, bunt und noch an das eigene Weiterkommen glaubt, wenn es schon zweimal eingeschlagen hat im eigenen Kasten.

Deutschland, ein Sommermärchen

Alles wird gut und Sie kennen ihn, den Bundestrainer mit den unorthodoxen Wechselmomenten. Tröstend: Der Bundestag hat diesmal nicht getagt, während die Nation dem Drama ihrer Besten zuschaute. Es wurden keine neuen Steuern beschlossen, keine ersten Enteignungsschritte, keine flächendeckende Überwachung, ja, nicht einmal die Fusion aller EU-Staatshaushalte. Angela Merkel beließ es in ihrer letzten Rede vor dem Hohen Hause dabei, das ungarische Parlament milde zu rüffeln, das ein falsches Gesetz verabschiedet hatte, ähnlich wie Thüringen 2020 einen falschen Ministerpräsidenten wählte.

Etwas Klimaschutz gab es, nicht in München, nicht im Umfeld der Kulttempel der Freizeitgesellschaft mit ihren Millionen von Tonnen Beton, Stahl und Glas, 99 Prozent der Zeit ungenutzt wie ein privater Pkw. Sondern in Berlin, das sein Stadion, einen Bau von Hitlers Lieblingsarchitekten Albert Speer, errichtet für die Leistungsschau des deutschen Sports 1936, regenbogenfarbig erleutete. Gleich nebenan, dort, wo der Führer sein Leben im Bunker aushauchte, trat Carola Rackete vor eine Protokollführerin der Tageszeitung "Taz", um Klage zu führen über dies und das vom Südpolarmeer bis Klimagerechtigkeit, Geostrategie, Gletscher und russisches Fischräuber. 

Comeback der Kapitänin

Zur Stellenbeschreibung einer Als "Kapitänin und Klimaaktivistin" gehört das, Gehör aber findet Rackete im Fußballtrubel kaum: Ihre Sorgen um das Südpolarmee, ihre Warnung, dass dort ein Flughafen gebaut wird und Australien eine böse, böse Rolle spielt, sie sind Spreu im Wind eines Landes, dessen Sommersturm die Namen Havertz, Sane und Werner trägt.

Vollkommen untergangen ist so eine Grundsatzentscheidung in der feministischen Klimaforschung, die sich so bereits seit längerer zeit angekündigt hatte. Malu Dreyer, die sozialdemokratische Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, die im Nebenberuf als Klimaschützerin agiert, war es vor zwei Jahren gewesen, die den ersten Vorstoß unternahm zu einem völlig neuen Verständnis des Umgangs der Menschheit mit dem gefährlichen "Klimagas" (DPA). Dreyer, in einem interregnum an der SPD-Spitze seinerzeit gerade kommissarische Führerin der ältesten deutschen Partei, sprach damals als Erste überhaupt von der der Möglichkeit des Menschen, CO2 zu "verbrauchen", statt immer mehr davon zu erzeugen.

Durchbruch dank Dreyer

Was ein Durchbruch hätte sein können, verpuffte jedoch. Die Fachwelt ignorierte Dreyers Vorschlag, nicht die Produktion von CO2 kräftig zu besteuern, sondern dessen Verbrauch, um mit einer Klimaprämie Menschen "mit niedrigem CO2-Verbrauch, typischerweise Menschen mit geringeren Einkommen zu belohnen. "Wer wenig CO2 verbraucht, wird kräftig profitieren."

Es dauerte fast zwei Jahre, ehe Annalena Baerbock, die grüne Kanzlerinnenkandidatin, den Vorschlag aufgriff. und zur Einschränkung des CO2-Verbrauchs aufrief. Bis heute ist CO2 nur mit einem Anteil von etwa 0,04 % (etwa 400 ppm) fürwahr ein rares Gut in der Atmosphäre. Baerbock leuchtete Dreyers Idee ein: Menschen mit geringem Einkommen, die "meist weniger CO2 verbrauchen" (Baerbock), seien von den grünen Plänen zur Besteuerung des CO2-Verbrauchs nicht so betroffen wie Reiche, denn sie bekämen mehr Geld aus der neuen großen Klimakasse zurück als andere, die weniger zurückbekommen.

Der CO2-Verbrauch der Bangladeshis

Ein verlockender Vorschlag, dem sich nun eben auch Kapitänin Carola Rackete unumwunden angeschlossen hat. Die wahre Klimaschlacht, sie wird nicht in Deutschland geschlagen, nicht in der USA oder in China. Sondern von auf Kreuzfahrtschiffen in der Antarktis. Ein Ticket für einen solchen Trip "kostet locker 10.000 Euro und verursacht inklusive Flug zum Startpunkt fünfeinhalb Tonnen CO2 pro Person", hat Rackete errechnet und diese Zahl macht ihr offenkundig Angst: "Das ist so viel wie acht Bangladeschis pro Jahr verbrauchen."

Denn weil es derzeit nur 161 Millionen Bangladeshis gibt, die beim CO2-Verbrauchen mithelfen, können Jahr für Jahr nur knapp 900 Millionen Tonnen CO2 in Bangladesh verbraucht werden. Das entspricht in etwa dem CO2-Verbrauch Deutschlands nach dem Dreyer-Satz, addiert sich aber wegen der Festlegungen des Pariser Klimaabkommens nicht, sondern muss substrahiert werden. 

Mit bedrohlichen Folgen: Die Bangladeshis "spüren schon jetzt die Folgen des Luxusurlaubs durch den Anstieg des Meeresspiegels und können sich gleichzeitig nicht gegen den Tourismus einsetzen, weil sie nicht Teil des Antarktisvertrags sind", warnt Carola Rackete. Während die Bugwellen der Luxuskreuzer bei am Kuakata Sea Beach an Land schlagen, "zeigt sich, dass Klimagerechtigkeit keine Rolle spielt".