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Montag, 30. März 2020

Gefährliche Fake News: Nähtipps von #maskeauf


Die "Tagesschau" warnte zum Glück frühzeitig vor den verhängnisvollen Folgen des Bedürfnisses, eine Maske zu tragen.

Als das Coronavirus Deutschland erreichte, wurde Gesundheitsminister Jens Spahn deutlich: Deutschland würde diese Krise mit offenem Visier abreiten und Gesicht zeigen gegen das tückische Virus. Bangemachen gilt nicht und Staaten, die mit Hilfe einer Maskenpflicht gegen die Ausbreitung der Seuche anzutreten versuchten, irrten gründlich. Spahn wurde deutlich: Statt sich mit einer Atemmaske vor der Tröpfcheninfektion zu schützen, sei es viel besser, sich immer mal die Hände zu waschen.

Klare Worte, die in eine klare Strategie mündeten. Auch acht Wochen nach dem Beginn der heißen Phase der Durchseuchung meidet die Bundesregierung jede Empfehlung an die Bürgerinnen und Bürger, sich mit Mundschutz-Masken auszustatten. Masken gelten als Verursacher unschöner Bilder, die die Bundeskanzlerin nicht sehen möchte. Passanten mit Masken in deutschen Städten könnten Teile der Bevölkerung beunruhigen und dadurch mehr Schaden am gesellschaftlichen Klima anrichten als ein paar Infizierte mehr oder weniger, die von einem hervorragend vorbereiteten deutschen Gesundheitswesen schnell und sicher wieder in die Wertschöpfungskette reintegriert werden.

Die Elite wird unruhig


Ausgerechnet Deutschland Kunst-, Kultur- und Wissenschaffende aber, traditionell treu zur rechtsstaatlichen Ordnung stehend, haben jetzt eine Fake-News-Kampagne losgetreten, die alle Bemühungen der Bundesregierung um "Transparenz und Offenheit" (Spahn) in der Maskenfrage zunichte zu machen droht. Unter dem Hashtag #maskeauf fordern Prominente, Fernsehstars und Influencer wie die Talkshowleiterin Anne Will (Foto unten) ultimativ dazu auf, Schutzmasken zu tragen. Obwohl die gegen die Ausbreitung des Coronavirus gar nichts nützen, "weil sie nicht vor einer Infizierung schützen", wie die staatliche Nachrichtenagentur DPA noch einmal rekapituliert.

Was ist da los? Fehlt es inmitten der "größten Bewährungsprobe seit dem Zweiten Weltkrieg" (Merkel) jetzt nicht nur an Beatmungsbetten, Gummihandschuhen und Klopapier, sondern auch an der bewährten engen Abstimmung zwischen der Geschäftsführerin der Will Media GmbH und der Chefin der Deutschland AG? 

Unwidersprochen  selbst von den unermüdlichen Falschmeldungsjägern der Meinungsfreiheitsschutzabteilungen des Bundesblogampelamtes (BBAA) im mecklenburgischen Warin verbreiten seit Tagen unzählige bekannte und weniger bekannte Namen über Fakenews-Schleudern wie Twitter, Facebook und Instagram irreführende Parolen, nach denen "der Schutz für Nase und Mund kann tatsächlich helfen" könne, "die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen". Deshalb sei "das Tragen eines Mundschutzes keineswegs eine übertriebene Vorsichtsmaßnahme", heißt es da. Dabei würde ein weltweiter Mangel an medizinischen Mundschutzmasken, den kein deutscher Politiker zu vertreten hat, zweifelsohne noch verschärft, statteten sich 83 Millionen Deutsche mit Masken aus, obwohl wissenschaftlich bisher gar nicht endabschließend erwiesen ist, dass oder inwiefern Masken vor einer Infektion mit dem Coronavirus schützen oder sie im Gegenteil befördern.

"Hinreichend" und "deutlich"



Auch das Robert Koch-Institut (RKI), die oberste deutsche Instanz bei der Beobachtung der Seuche, betonte vor seinem vorübergehenden Verschwinden aus der Öffentlichkeit, dass es keine hinreichenden Belege dafür gebe, dass gesunde Menschen, die einen Mund-Nasen-Schutz tragen, ihr Ansteckungsrisiko damit deutlich verringern. Die Betonung liegt auf "hinreichend" und "deutlich", denn weil es keine Masken gibt, müssen alle so tun, als ob sie nicht wichtig wären, wie der Fernsehmeteorologe Jörg Kachelmann feststellt. "Dieses Ausmaß der Verarsche ist schon sehr unangenehm, auch wenn ich die Motivation dahinter verstehe, dass der Staat lieber nicht gefragt werden möchte, warum es keine Masken nicht gibt."

Zu den wichtigsten und effektivsten Schutzmaßnahmen für die Allgemeinbevölkerung zählen nach offizieller Lesart wie vor gute "Händehygiene" (von der Leyen) sowie Abstandhalten. Daran kann immerhin kein Mangel ausbrechen.

Doch nun schießen die Selbstdarsteller quer: Der Virologe Alexander Kekule fordert eine Maskenpflicht, sein Konkurrent Christian Drosten stellt plötzlich fest, dass "Krankheitsübertragungen durch das Tragen von Masken reduziert werden". Und selbst die Bundesärztekammer stellt sich gegen die Regierungslinie und empfiehlt Bürgern das Tragen "einfacher Schutzmasken", weil jede Art von Tuch herumfliegende Tröpfchen abfingen.

Rechtspopulistische Masken-Panikmache


Dabei handelt es sich um eine ganz neue Eigenschaft des Virenträgerstoffes, der im Gegensatz zu allen Versicherungen von Experten und Politikern aus den  vergangenen acht Wochen steht. Statt dass sich Deutschlands Prominente, die intellektuellen Leuchttürme aus Schauspiel, Ansagerbranche, Gesang, Tanz und Influencing, nun kompakt und kollektiv gegen die Art rechtspopulistischer Panikmache engagieren, wird Angst geschürt. Wer niese, verteile Tröpfchen, wer ein gekaufte Maske oder auch nur einen Schal oder Ähnliches vor Mund und Nase hat, fange die Tröpfchen damit ab, heißt es in einer brandneuen Erkenntnis aus der Raketenwissenschaft.

In die Praxis umsetzen soll diese grundstürzende Erkenntnis ein Virus-Volkssturm, der landauf, landab behelfsmäßige Masken näht. Es gebe "sinnvolle Gründe, selbst gebastelte Masken zu tragen" heißt es nun in einer Volte, die mit dem Vorurteil aufräumt, Virologie sei eine mehr oder weniger exakte Wissenschaft  und Politik ein Gewerbe, das mit dem Vertrauen von Wählerinnen und Wähler wirtschaften muss. Die Maske, selbst gebastelt, von Rentnern, Schülerinnen oder gesellschaftlich engagierten Häftlingen genäht, ist nun eine „Höflichkeitsgeste“, die "Menschen, die das Virus bis heute nicht ernst nehmen, daran erinnert, dass die Lage sehr ernst ist", wie Christian Drosten meint.
Ein Vorteil beim Tragen des Mundschutzes sei es seit wenigen Tagen auch, dass man sich weniger mit möglicherweise kontaminierten Fingern an Mund oder Nase berührt und so Schmierinfektionen vorbeuge.

Aufruf von Prominenten


Die Funktion der Masken wäre damit geklärt: Die Initiative „#maskeauf“ zielt augenscheinlich direkt darauf ab, die Legitimität  der Entscheidungen der Bundesregierung zu unterminieren und unberechtigte Zweifel an der wissenschaftlichen Fundiertheit von Aufrufen zum Vermeiden des Tragens von Masken zu wecken. Stattdessen legt es die gesellschaftliche und künstlerische Elite aus Sängerinnen wie Lena Meyer-Landrut, der Autorin Charlotte Roche, dem Moderator Jan Köppen und dem CDU-YouTuber Rezo darauf an, im Land apokalyptische Szenen heraufzubeschwören, indem Menschen zu Millionen dazu verleitet werden, mit selbst gebastelten Maske aus T-Shirt-Stoff, Staubsaugerbeuteln und Damenslips auf die Straße zu gehen.

Ziel ist es, Unruhe zu schüren, die gemeinsamen Anstrengungen im Kampf gegen das neuartige Virus zu unterminieren und der kleinen, aber gefährlichen Minderheit in die Hände zu spielen, die noch nicht verstanden hat, dass es jetzt mehr denn je gilt, die Reihen zu schließen, zusammenzustehen und Gesicht zu zeigen.

Sonntag, 29. März 2020

Zitate zur Zeit: Nun leben die Menschen eingepfercht



Frühe Warnungen vor falscher Angst: Für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk war Corona gleich ein großes Thema.

China hat im Kampf gegen das Coronavirus mehr als 50 Millionen Menschen unter Quarantäne gestellt. Dass die Weltgesundheitsorganisation diesen schweren Eingriff in die Freiheitsrechte von Millionen ohne Weiteres unterstützt, ist eine Schande. Niemand will gerne krank werden. Aber China ist in der Lage, eine solche Entscheidung zu treffen, weil die Menschen kein Mitspracherecht haben.

Kaum ein Experte hält die Isolation einer Stadt für hilfreich.

Bei einer Quarantäne isoliert man Kranke, um gesunde Menschen zu schützen. Nun leben die Menschen eingepfercht in einer Stadt, in der die Lebensmittel knapp werden. Sie wissen nicht, wann ihre missliche Situation endet. Die Quarantäne war zudem nicht der letzte Ausweg. Peking hat die Abschottung genutzt, um Handlungsfähigkeit zu beweisen; als sie verhängt wurde, war der Ausbruch drei Wochen her.

Es gab in Asien bereits zahlreiche Fälle. Die Quarantäne über Wuhan kam viel zu spät. Die Entscheidung hat zu Panik geführt. Sinnvoll wäre es gewesen, die Menschen aufzufordern, zu Hause zu bleiben. Nun stürmen sie die Krankenhäuser, weil sie nicht mehr einschätzen können, wie gefährlich das Virus wirklich ist. Die Isolation hat die Menschen nicht geschützt. Sie hat sie in Gefahr gebracht.


Süddeutsche Zeitung, 27. Januar 2020

Krisenblazer der Kanzlerin: Warum Frau Merkel nur noch eine Farbe trägt

Corona Krise Bundeskanzlerin Bekleidung
Die Krisenuniform der Bundeskanzlerin ist blau. Anders verkleidet tritt Angela Merkel derzeit nicht auf.

Lange überließ sie ihrem jungen Gesundheitsminister Jens Spahn die große Corona-Bühne, wie Vertraute der Kanzlerin sagen, damit der Nachwuchsmann sich profilieren kann. Oder, wie böse Zungen nicht müde werden zu behaupten, auf dass er scheitere und wertvolle Meter im Rennen um den begehrten CDU-Vorsitz verliere. Als Bundeskanzlerin Angela Merkel dann endlich doch noch auftauchte und mit mehreren gefeierten Auftritten (("So geht Führung!", Bild) Mut machte und Trost spendete, fiel auf, dass sie das stets im gleichen Outfit tat: Ein blauer Blazer, wie immer im Stil einer Mao-Jacke geschnitten, im Farbton leicht variierend, mal mit Brusttaschen, mal ohne. Aber immer blau, kragenlos und einreihig geknöpft.

Was will die Kanzlerin damit sagen? Welche Botschaft versteckt sich hinter dem fortgesetzten Rückgriff auf Spektralbereiche aus dem hexadezimalen Farbcode #0000ff / #00f, die im RGB-Farbmodell um die hundert Prozent Blauanteil changieren und im HSL-Farbraum ausgehend von #0000ff um einen einen Farbtonwinkel von 240 Grad bei 100 Prozent Sättigung und 50 Prozent Helligkeit fluktuieren?

PPQ-Kolumnistin Svenja Prantl hat mit Sören Alba Jahns gesprochen, der Angela Merkel seit Beginn der 90er Jahre in Modefragen berät und mittlerweile als Vorsitzender der staatlichen Bundeskanzlerinbekleidungsberatungskommission (BKBBK) fest im Bundeskanzlerinnenamt angestellt ist.

Jahns, gelernter Änderungsschneider, Textiltechnologe und zu Hochzeiten der Technoszene erfolgreich mit einer eigenen veganen Modelinie, steht für einen klaren Linienschnitt, sparsame Applikationen und eben für subkutane Farbbotschaften. Im Interview mit Svenja Prantl, die als Teenie selbst gemodelt hat, verrät der 33-jährige gebürtige Suhler das Geheimnis von Angela Merkels oft als "Pokemon-Jacken" belächelter Uniformierung - und er beantwortet die Frage nach dem derzeit so beharrlichen Blau und seiner Botschaft.


PPQ: Herr Jahns, Sie sind seit mehr als einem Vierteljahrhundert der persönliche Style-Coach unserer Bundeskanzlerin und sitzen inzwischen auch der Bundeskanzlerbekleidungsberatungskommission (BKBBK) vor. Was tut man da eigentlich genau?

Jahns: da kann ich nur für mich sprechen, denn viele Beratungsinhalte in der Kommission wie auch deren genaue Zusammensetzung sind aus gründen des Staatswohls geheimzuhalten, das ist so festgelegt, das ist keiner böser Wille von mir oder irgendejemandem. Aber Sie müssen verstehen, wir arbeiten direkt mit und an der deutschen Bundeskanzlerin, mithin an der mächtigsten Frau der Welt. Es gibt viele ausländische Mächte, Stichpunkt Russland, Stichpunkt CVhina, die nur zu gern so nahe dran wären.

PPQ: Nah dran bedeutet für Sie?

Jahns: Hautnah, wenn Sie so wollen. Wir legen wöchentlich den Bekleidungsplan für die Bundeskanzlerin fest, das heißt, sobald Termine feststehen und Anlässe, schauen wir, was haben wir da, was passt, was kann sie tragen. Dann wir ausgewählt, wobei die Kanzlerin natürlich das letzte Wort hat. Ich attestiere ihr da nach so vielen Jahren so enger Zusammenarbeit auch ein untrügliches Modegefühl. Sie weiß einfach, was ihr steht.

PPQ: Modegefühl wäre nun nicht der Begriff, der den meisten zuerst einfallen würde. Sie trägt doch stets dasselbe?

Sören Alba Jahns (r.) mit seinem bekannten Strohhut.
Jahns: Nun, das mag so scheinen und aus unserer Sicht soll es das auch. Als wir damals zusammensaßen, die ersten paar Begegnungen wzischen mir, dem jungen Modemacher, und ihr, der aufstrebenden Politikerin aus Hamburg, da haben wir beim Urschleim angefangen. Was soll ihr Mode, was passt zu ihr, was brandet sie am besten? Von Anfang an war klar, das kann nichts Exaltiertes sein, und es darf auch nichts sein, wo sich Menschen ständig neu einstellen müssen. Wir brauchen ein Layout, das variierbar ist, aber in den Grenzen dessen, was in einer sich ständig immer schneller verändernden Welt als wohltuend stabil empfunden wird.

PPQ: Es heißt, Sie selbst hätten dann die erste dieser an Mao-Uniformen erinnernden Jacken geschneidert, die die Kanzlerin bis heute trägt?

Jahns: Wenn es so heißt, will ich das nicht kommentieren. das ist lange her und spielt keine Rolle. wenn Sie aber heute schauen, war es nicht die schlechteste Entscheidung. Diese gerade geschnittenen Jacken wirken nicht sexuell aufreizend, sie sind aber auch keine männlichen Anzugjacken, weil sie schon feminin rüberkommen. Viel kann man mit Knöpfen und Taschen originalisieren und damit für Abwechslung sorgen, die nicht verstärkt, sondern beruhigt.

PPQ: Und über Farbe...

Jahns: Und über Farbe, ja, Da steht uns die ganze Palette zur Verfügung -wir haben diese Jacken in Rot, Gelb, Grün, Weiß, Silber und Gold, was immer Sie wollen, es ist da. Drei Viertel der Kollektion haben übrigens drei Knöpfe, ein Fünftel hat vier, der Rest nur zwei.

PPQ: Und wird ausgesucht nach welchen Gesichtspunkten?

Jahns: Nun, normalerweise soll die Kanzlerin dieselbe Farbe nicht gehäuft tragen, um draußenj in der Welt, vor allem im Ausland, nicht den Eindruck zu erwecken, die deutsche Regierungschefin habe nur eine einzige Jacke und trage die auf, bis sie auseinanderfällt. So ist es ja nicht, wir haben mehrere hundert Jacken im Fundus und beinahe täglich kommen neue dazu, damit wir für jede Situation gerüstet sind, und sei sie auch noch so außergewöhnlich. Wir schauen also nach den Anlässen, wir wissen durch die Vorabbabklärung, welches Farbumfeld es wo geben wird. Und wir empfehlen danach nach ausgiebiger Beratung in der BKBBK, welchen farbraum die Kanzlerin bespielen sollte. Das ist ja immer eine Frage von Harmonie oder Kontrast oder von beidem, da sind in der Kommission alle Fachleute, ausgebildete Spezialisten, bekannte Influencer sind dabei und Leute, die direkt aus der Farbindustrie kommen und Farbpaletten quasi blind bestimmen können.

PPQ: Erklären Sie unseren Leserinnen und Leserern doch bitte, wie es überhaupt zur Entscheidung kam, Angela Merkel immer gleich zu verpacken, das ist doch kein Zufall?

Jahns: Im Gegenteil. Wir haben damals, ich sagte es ja schon, darüber nachgedacht, wie wir sie branden können, also wiedererkennbar machen als eine Art Figur, neckisch gesagt wie sie Simpsons oder die Comicfigur Mario oder - daran wir damals zuerst - die drei helden aus dem Film "Olsenbande". Man gibt Dingen eine Kontur, hält an ihr fest und prägt damit ein Muster. Wir haben einmal den Fehler gemacht, von dieser Masterplan abzuweichen. Ich sage Ihnen, bei dem anschließenden Donnerwetter hätten Sie sicher nicht zugegen sein wollen. seitdem ist klar: Merkel, das ist diese Frisur, diese Jacke, diese Silhouette, Punkt.

PPQ: Was genau war denn damals geschehen? Erklären Sie es doch bitte für unsere vielen jüngeren LeserInnen, die jetzt hier mitlesen, weil sie nicht mehr zur Schule dürfen oder zur Uni.

Jahns:  Damals wollten wir Frau Merkel, oder wie ich sage Angela wegen der Finanzkrise ein wenig menschlicher, ein wenig unterhaltsamer und auch ein wenig  fraulicher designen. Wir haben sie deshalb in ein Kleid mit recht offenherzigem Ausschnitt und dann Bilder ihres Auftrittes machen lassen, wie das üblich ist. Aber das Echo war niederschmetternd, denn es stellte sich heraus, dass die Menschen, die Bürgerinnen und Bürger, das Verlässliche wollen, keine Experimente. Sie hätte  hochgeschlossen bleiben können, meinten die meisten. Zwar waren andere hellauf begeistert von unserer neuen Merkel, allen voran mehrere besonders merkeltreue Zeitungen. „Wie eine Königin“ sei Merkel aufgetreten, urteilte zum Beispiel das kleine Boulevardblatt BZ.

PPQ: Ist das nicht ein schöner Erfolg?

Jahns:  Um Gottes Willen! Erstens ist eine Zeitung wie die BZ für uns irrelevant, das liest kein Mensch mehr, nicht mal in Berlin. Und zweitens wollten wir ja keine ,Königin' erschaffen! Auch kein neues Sexsymbol wie es anderswo hieß. Wir haben Experiment sofort abgebrochen, obwohl einige sehr fantasiebegabte Kollegen von Ihnen sogar schwärmten, die Macht habe Frau Merkel schöner gemacht oder jubelten „So war sie als Kanzlerin noch nie zu sehen."

PPQ: Das war ein Kulturbruch?

Jahns: Das war ein schwerer Rückschlag für uns. Sie müssen wissen, dass es bei der Einführung einer Marke, einer Silhouette, einer Figur, die ins kulturelle Gedächtnis implantiert werden soll, vor allem auf Beharrlichkeit ankommt. Bekleidungskünstler wie Karl Lagerfeld, der einer meiner Lehrer war, haben das früh verstanden. Es geht darum, feste Linien zu wiederholen, Umrisse, einen Schattenriss. Nehmen Charlie Chaplin mit seiner Melone oder Churchill mit der Zigarre, dahin wollen wir letztlich auch mit Frau Merkel. Sie soll unverkennbar sein, nicht nur, wenn sie ihre Raute mit den Händen faltet, sondern schon, wenn sie in einem ihrer Blazer von Bettina Schoenbach oder Anna von Griesheim erscheint.


PPQ: Seit die Corona-Krise ausgebrochen ist, haben Sie ihre Strategie aber offenbar gewechselt. Angela Merkel trägt seit dem Beginn ihrer öffentlichen Beschäftigung mit dem Thema ausschließlich Blau. Was hat das für einen Grund?

Jahns: Wir senden Signale. Blau steht für Treue, aber auch für Traurigkeit, feeling blue, sagt der Amerikaner nicht umsonst. Die Kanzlerin in ihren blauen Jacken zeigt also einerseits Mitgefühl, die Menschen sehen, sie fühlt sich "blue", sie fühlt wie wir, sie kauft da dieses Toilettenpapier und sie redet uns ins Gewissen, und sie trägt blau, das Verlässlichkeit, Treue, Standhaftigkeit, Sachlihckeit und Kompetenz signalisiert.

PPQ: Und Sie sind sicher, dass das so aufgefasst wird?

Jahns: was ist schon sicher in diesen Zeiten (lacht). Aber ja, so weit es geht, sind wir sicher. Schauen Sie sich doch die Alternativen an: Soll sie Rot tragen? Gelb oder Orange? Das würde nur beunruhigen. Schwarz? Ein Trauerspiel! Grau und Weiß verbieten sich ebenso, wir müssen hier auf Trauertraditionen anderer Religionen Rücksicht nehmen. Braun, naja, das wissen Sie selbst. Grün, das haben wir zuletzt aufgrund der politischen Großwetterlage ja am häufigsten getragen, ist derzeit dem Ernst der Lage nicht angepasst. Silber und Gold, das wir oft zu festlichen Anlässen empfohlen haben, ist auch nicht das Richtige im Augenblick, für exaltierte Experimente in Violett oder Rosa gilt dasselbe. Also bleibt nur Blau, in bunten Nuancen, durch die wir alles zeigen, was die Bevölkerung wissen muss. Merkel ist da, sie steht stabil, sie klärt das für euch, für uns, für alle.

PPQ: Gelingt das? Sind Sie zufrieden?

Jahns: Das muss ich wolh, schließlich trage ich als Chef der BKBBK die Verantwortung (lacht). Aber ich finde wirklich,  Angela Merkel hat eine beispiellose Entwicklung durchgemacht und ist heute am Markt etabliert als eine seriöse Frau, die auch gerne einmal auffälligere Farben trägt, aber immer für sich selbst steht. Daran kann sich jede Frau, egal in welcher Position, ein Beispiel nehmen.

Samstag, 28. März 2020

Pandemie-Poesie: Gebet eines guten Bürgers


Als es hieß, man soll nicht Hamstern,
bin ich nicht Hamstern gewesen.

Es würde stets immer alles da sein,
haben sie gesagt.

Als es hieß, man soll nicht mehr rausgehen,
das sei erste Bürgerpflicht,

war ich bereit.
Wir alle müssen verzichten.

Ich sah die Notwendigkeit ein.
Ich wollte ein guter Bürger sein.

Dann stand ich vor meinem Kühlschrank.

Und es war nichts drin.


Dieser Beitrag ist eine Zusendung unseres Lesers Eliah L., mit dem wir die neuen PPQ-Krisenreihe "Seuchengedichte" eröffnen. Eigene Beiträge in freier Form, gereimt oder gesungen können an PPQ gesendet werden

Endlich echter Sozialismus: Ein Volk von Staatsdienern

"Kein Arbeitsplatz geht wegen Corona verloren"
Dank der pfiffigen Ideen der Bundesregierung wird Deutschland berührungslos durch die Krise schlüpfen.

Es war wieder einmal Christian Linder, der Chef der Nazi-Helferpartei FDP, der quertrieb und Wasser in den Wein der großen Corona-Rettung goss. "Irgendwann einmal wird auch jemand dafür bezahlen müssen", war sich der FDP-Chef nicht zu schade zu ätzen, als der Bundestag gerade im Begriff stand, den Tagesordnungspunkt mit dem rätselhaften Namen "COVID 19 - Kreditobergrenzen, Nachtragshaushalt, Wirtschaftsfonds" in einem gemeinschaftlichen nationalen Kraftakt durchzuwinken.

Ein Moment seltener Klarheit, denn ungeachtet der liberalen Unkenrufe stimmten nur drei Abgeordnete gegen den großen Plan zur Bewältigung der Tagesaufgabe, die neue wirtschaftliche Dynamik in den Ruinen der früheren Exportmacht entfachen soll. Selbst die AfD unterwarf sich dem kollektiven Willen und stimmte im Stil der Thüringer CDU bei der Ramelow-Wahl durch Enthaltung zu.

Unnütze Wirtschaft


Allerdings gilt das Bemühen aller Parteien einer wirtschaftlichen Dynamik, die kaum noch gebraucht wird. Seit zwei Wochen schon ruhen nun Arbeit und Geschäfte im Lande, das Leben ist auf höchste Erholung entschleunigt, die Straßen sind leer, das oft hektische spätkapitalistische Jagen nach der Wurst ist nahezu vollkommen zu Erliegen gekommen. Und es geht!

Und wie! Mieten müssen nicht mehr zwingend gezahlt werden, Rechnungen können offen bleiben. Einkäufe sind dank rechtzeitiger Aufforderungen der Bundesregierung zu privater Vorratshaltung nicht nötig, was über den Konsum von Waren des täglichen Bedarfs hinausgeht, ist Einkaufen ohnehin nicht mehr möglich, weil sämtliche Ladengeschäfte geschlossen wurden. Diesem Umstand zu verdanken ist ein Ausbleiben von nervenden Werbebotschaften, sich doch nun noch dies und das anzuschaffen, da oder dort hinzureisen oder Kinos, Konzerthallen und Schwimmbäder zu besuchen.

Dessenungeachtetnd doch scheint die Sonne, den Bürgerinnen und Bürgern geht es gut, weil der Staat sich kümmert und die Demokratie sich stark wie nie zeigt und Hilfspakete geschnürt hat, deren festlich geknotete Schleifen den Mond berühren. Die himmelhohen Kredite aber werden nicht einfach verteilt, denn das wäre zwecklos in einer gesellschaftlichen Entwicklungsphase, in der sich zweigt, dass das Glück, Klopapier zu ergattern, nicht käuflich ist, und der Weg, Toilettenpapier der marktwirtschaftlichen Willkür zu unterwerfen, falsch war.  Sie werden ausgereicht, um die Gemeinschaft zu immuniseren gegen die Versuchung, zurückzukehren auf den falschen Pfad von Wachstum und Klimatod.

Ein Volk von Staatsdienern


Nur Gemeinsinn, gegründet auf kostenloses Geld für alle, kann Genügsamkeit auslösen, die nicht nach Höherem, Weiterem und Schnellerem drängt. Die Volkseigene Papierfabrik Heiligenstadt, einst stolzer Betrieb im VEB Kombinat Zellstoff und Papier Heidenau, hatte die DDR stabil versorgt, zwar mit dem Klopapier der harten Tatsachen, aber die Gewöhnung daran war allgemein. Die freie Marktschaft aber vermag das nicht, nicht einmal das - ein Signal, das nicht nur in diesem sensiblen Teilbereich des gesellschaftlichen Lebens für das Primat des Staates spricht. 

Er allein, das zeigt sich in diesen schweren Stunden der Seuche, ist in der Lage, die unmittelbaren Pandemiefolgen wegzubremsen, indem er der Erwerbsgesellschaft eine Erholungspause verordnet, in die Haftung für Mieten und Rechnungen geht und denen, die deshalb die Löhne ihrer Mitarbeiter nicht mehr zahlen können, ein Ablöhung der Gehälter direkt aus der Staatskasse verspricht. Das bedingungslose Grundeinkommen, um das so viele Karrusellbremser, Hafenclowns und Rostradnutzer so lange zu engagiert gekämpft haben, es kommt über Nacht und es kommt für fast alle.

Königsweg in den Kommunismus


Das ist der Königsweg in eine Zukunft, in der klimazerstörendes Herumschuften, Ressourcen verbrauchen und Dinge herstellen, um sie zu exportieren, als Tätigkeiten anerkannt sein werden, die jede Ächtung  verdient haben. Eine moderne Gesellschaft, das zeigt diese Krise, benötigt weder Verwaltungen noch Fabriken, keine Straßen, keine Läden, sie benötigt nicht einmal Geld.

Was den Theoretikern des Sozialismus seinerzeit niemand hatte glauben wollen, weil es ihnen nie gelang, den Tatsachenbeweis für ihre Versprechen eines anstrengungslosen Wohlstandes durch kompromisslose Gleichheit anzutreten, liefert die Praxis jetzt als Beleg. Ein Leben ohne  Erwerbsarbeit nicht nur denkbar, sondern möglich ist und zudem sozialverträglicher und "klimaneutraler" (AKK) als der bisher gewohnte Trott.

Der Staat kann sich das locker leisten, denn der Bund hat gut gewirtschaftet hat. Lindners hetzerische Frage, wer das bezahlen soll, erübrigt sich. Jedenfalls nicht der Steuerzahler! Das Geld ist da, und sollte doch noch etwas fehlen, dann wird einfach neues gemacht.

Freitag, 27. März 2020

Tiefkühltruhenindikator: Ein Rest Vertrauen

Stromversorgung Vertrauen Bürger
Eine leere Supermarkt-Tiefkühltruhe verrät Wissenschaftlern, dass die Menschen weiterhin großes Vertrauen in das Handeln der Regierung haben.
Diese Tage sind düster, trotz Sonnenschein. Die Welt geht unter, die Menschen leben in Furcht und Sorge. Was wird aus meiner Zukunft? Was wird aus meinem Arbeitsplatz? Was wird aus meiner Rente, was wird, wenn ich krank werde? Wie hilft mir die Regierung, die mittlerweile im Tagesrhythmus Maßnahmen verkündet und verschärft und die verschärften Stunden später weiter verschärft und Gesetze erlässt, als wäre das Land im Krieg, obwohl doch die Lage nach Aussage führender Vertreter der größten Regierungspartei "im Griff" (Laschet) ist?




Großartige Führung in der Krise


Hamsterer, Prepper und Vorsorger, die zum falschen Zeitpunkt unmissverständlichen Regierungsanweisungen folgten, stellten sich als Volksschädlinge heraus. Nur dank einer Medienmaschine, die unter Volllast betonte, wie gut und großartig die Führung des Landes durch die Krise manövriert, gelang es, die beunruhigte Bevölkerung auf dem Boden zu halten. Erst als es dann hieß, es werde in Deutschland immer Klopapier, Seife und Mehl geben, taten sich Lücken im Angebot auf, die vermuten ließen, dass nicht mehr alle Volksgenossen an den Endsieg über das Virus glauben.

So schlimm, wie die leeren Regale vermuten lassen, ist die Situation aber lange nicht. Zwar mehren sich außerhalb der leeren Großraumbüros der führenden Medienhäuser Zweifel daran, ob die Pandemie-Strategie der Großen Koalition, die ganz auf Repression, Überwachung und strengere Gesetze setzt, wirklich absolut perfekt ist.

Doch wie der Medienforscher Hans Achtelbuscher jetzt anhand eines ungewöhnlichen Indikators nachgewiesen hat, ist das Grundvertrauen der "Bevölkerung" (Hans Haacke) in die Bundesregierung auch nach mehr als 25.000 Covid-19-Erkrankten im Land nahezu ungebrochen. Achtelbuscher, der am An-Institut für Angewandte Entropie der Bundeskulturstiftung zu aktuellen Phänomenen wie dem Themensterben in den deutschen Medien, Sprachregelungsmechanismen und dem Einfluss subkutaner Wünsche auf die berichterstattete Realität forscht, zieht den sogenannten "Tiefkühltruhenindikator" heran, um unabhängig von propagandistischen Sinngebungsübungen das tatsächliche Maß des in der vierten Krisenwoche noch vorhandenen Vertrauens der Bürgerinnen und Bürgern in das zuweilen erratisch wirkende Regierungshandelns zu messen.

Dort, so Achtelbuscher, ließen sich wie mit einem Fieberthermometer Zukunftserwartungen der Menschen im Lande ablesen, die, abgeglichen mit anderen Daten, etwa aus dem Regal für Hygieneartikel, der Nachfrage nach Toilettenpapier und nach Dosennahrung, ein exakten Abbild der gefühlten Veränderungen des Alltagsleben in den kommenden Monaten und Jahren ergeben. "Leere Klopapierregale, fehlende Gummihandschuhe und Abgabebegrenzungen bei Milch, Erbsensuppe und Mineralwasser belegen eine kurzfristig höhere Nachfrage, die uns verrät, dass Menschen versuchen, sich auf Eventualitäten vorzubereiten, die sie noch nicht konkret überschauen", sagt Achtelbuscher.

Je leerer die Truhe, desto größer das Vertrauen


Beunruhigen aber müssten dergleichen Phänomene nicht, so lange der Tiefkühlindikator Hoffnung verbreite. "Ist die Tiefkühltruhe im Supermarkt leergekauft, wissen wir, dass die Menschen an eine gute Zukunft glauben und der Regierung zutrauen, dass sie die Sache im Griff behält." dabei gelte als Grundlehre, dass das Vertrauen umso größer sei, je mehr Tiefkühlware gekauft werde. Achtelbuscher leitet diese Erkenntnis aus dem Umstand ab, dass sich Tiefkühlkost nur sehr begrenzt hält, sobald es zu Stromausfällen kommt. "Eine Ende der Energieversorgung oder auch nur regelmäßige Ausfälle, wie sie in jedem Fall auftreten würden, verschärfte sich die Krise weiter, sind also derzeit noch nichts, was die Bevölkerung in ihre Überlegungen zur Vorsorge einbezieht."

Vielmehr versorgten sich zahlreiche Haushalte flächendeckend mit gefrorenen Vorräten für erwartete schwere Zeiten, die es erfordern, daheim eine Tiefkühltruhe zu betreiben. "Man ist überzeugt, dass die Versprechen der Regierung, die Stromversorgung sicherzustellen, keine leeren Worte sind." Dieser feste Glaube, den frühere Enttäuschungen nicht haben erschüttern können, bildet nach  Überzeugung des Medienforschers das Grundkapital, mit dem durch die dunklen Tage regiert und Voraussetzungen für ein Kurshalten nach dem Abflauen der akuten Krise  geschaffen werden könne.

"Ein Volk, das an das Vermögen seiner Regierung glaubt, in einem befürchteten Zusammenbruch der öffentlichen Versorgungsinfrastrukturen die Stromversorgung sicherzustellen, glaubt auch daran, dass es weiterhin Wasserversorgung und Müllentsorgung geben wird." Je leerer die Tiefkühlregale im Supermarkt, desto größer das Vertrauen der Bürger, dass eine Verschärfung der Situation ausbleiben werde. Diese Hoffnung sei mit Blick auf frühere Weltuntergänge zwar womöglich nicht gerechtfertigt, helfe aber in der Frühphase der Krise zu wirtschaften."

Hans Achtelbuscher, der selbst vor allem mit Büchsennahrung für seine Familie vorsorgt, empfiehlt einen kritischen Blick in die Tiefkühlabteilung, um zu einer Bestimmung der jeweiligen Krisenphase kommen zu können: "Sind die Tiefkühltruhen in ihrem Supermarkt eines Tages voll, obwohl sich die allgemeine Lage nicht verbessert hat, sollten Sie ins Grübeln kommen."

Geldpressen unter Hochdruck: So funktioniert die Trilliardenbombe

Der geheime Eingang zur Geldfabrik der EZB.
286 Milliarden! Plus 411 Milliarden. Und noch mal 750,3 obendrauf! Dazu ein Rettungspaket der EZB, finanziert aus der Ausschöpfung der Differenz zwischen italienischer Schuldenbremse und EU-weitem Notwendigkeitskoeffizienten als sogenannte „Enhausted chaotic credit line“ (ECCL), für die Eurogruppe persönlich mit mit zwei billionenschweren Pappmünzen aus kaltgewalztem Panzerstahl bürgt. Verrückte Welt!

Mit der neuen  Lombardpolitik der Corona-Rettung werden alle Maßnahmen der europäischen Partner zu einer riesigen Bombarde zusammengefasst, die wie die berüchtigte Daisy-Cutter-Bombe wegrasiert, was an hinderlichen Regulierungsmaßstäben für die der Geldmenge der europäischen Volkswirtschaften zwischen den Menschen und den Moneten steht. Dazu planen die Staaten, durch die Verpfändung von Steuereinnahmen diesseits des Jahres 2130 genug freie Werte zu mobilisieren, alle anstehenden Forderungen aller gegen alle in  beleihungsfähige Sachen und Rechte zu verwandeln, ohne dass der Goldpreis steigt.

Epochale Geldschwemme


Was aber bedeutet diese epochale Geldschwemme für die, die sie praktisch produzieren müssen? was heißt es für die Gelddrucker der EZB, für die Auslieferungsfahrer, die Buchalter, Geldzähler, Banknotennummernstatistiker? Fragen, die in der Schlacht gegen das Virus oft untergehen, weil viele Leitmedien zwar gern die Summen nennen und die Idee durchgreifender Monetarisierung auf Kosten kommender Generationen loben, die harte Knochenarbeit der Praktiker vor Ort aber häufig nur allzu gering schätzen.

Männer wie bei Karsten Kunze, der als Geldschneider bei einer der über ganz Europa verteilten geheimen Geldquellen der EZB arbeitet, kennen es nicht anders. Als der gebürtige Köthenen (Ostdeutschland), der nach einer Lehrzeit in den Ruinen der DDR-Staatsdruckerei über die Bundesbank zur EZB wechselte, am Montagmorgen die ersten Nachrichten über die größte Rettungsaktion hörte, die Zentralbanker jemals gestartet haben, trank er in Ruhe seinen Kaffee aus.

"Was das für uns bedeutet, interessiert doch keinen", war er sich gleich sicher. Griechenlandpoker. Kunze ging die übliche Runde mit dem Hund, das ist auch im ländlichen Sachsen-Anhalt noch erlaubt. Der Hund heißt Schänzi und sein Herrchen, der als junger Mann als Rettungsgeldreferent bei der EZB begonnen hatte, ist seit der sechsten endgültigen Rettung Europas im Frühjahr 2010 oberster Geld-Logistiker der Hauptgeldfabrik der Eurostaaten.

Eine Veranwortung, die man ihm keineswegs ansieht. Kunze ist ein agiler Mann mit leicht angegrauten Locken, unter ihm dienen mittlerweile 311.300 Mitarbeiter. 24.965 allein in der riesigen unterirdischen Fabrik,  die die EZB aus Sicherheitsgründen in der Umgebung von Kunzes Heimatstadt in die weitgehend entvölkerte Landschaft hat graben lassen. Keiner weiß besser als der CFO der Gemeinschaftswährung Euro, was die neuen Trillionen-Anforderungen aus Frankfurt, Berlin und Brüssel bedeuten.

Druckerpresse trotz Dunkelflaute


"Unsere Maschinen und Druckerpressen laufen ohnehin seit Jahren bereits 24 Stunden am Tag, bei Dunkelflaute sogar mit Notstrom", lässt er ins Nähkästchen blicken. Mit der Corona-Rettung aber gelte es nun, nicht mehr zu kleckern oder zu klotzen, sondern aus allen Rohren zu ballern. "Wir müssen eine Feuerwalze entfesseln, die alle Krisenflämmchen niederdrückt."

Zwölf-Stunden-Schichten, wie sie derzeit die Norm sind, werden dazu nicht mehr reichen, obwohl es den Gelddruckern durch die zunehmende Beliebtheit bargeldloser Zahlverfahren inzwischen schon möglich ist, Geld an rund 1,76 Millionen Kassenterminals europaweit elektronisch just in time bei Abforderung durch Kunden in Supermärkten und - derzeit leider geschlossenen - anderen Verkaufsstellen zur Verfügung zu stellen. Auf diese weise könne täglich etwa drei Milliarden Euro hergestellt werden, dazu kommt der normale Ausstoß der 66 Drucklinien. Doch das reicht nicht - Europa benötigt derzeit täglich etwa 16 Milliarden frische Euro.

Kunze weiß, wie erschöpft seine Mitarbeiter durch die enorme Belastung aufgrund der im Grunde seit zehn Jahren anhaltenden Rettungspolitik heute schon sind. Häufig schlafen sie in der Fabrik ein, weil sie zu lange gearbeitet gehaben, der Krankenstand ist hoch, Verschleißteile an wichtigen Gelddruckoffsetmaschinen müssen unablässig gewechselt werden, obwohl die Lieferketten aus China im Moment unterbrochen sind. Die Lufthansa springt zwar ein und holt notwednige Kleinteile für die gewaltigen Geldpressen schon mal über Nacht aus Hanzong,. der Weltmetropole der Banknotenwesens. "Doch viel müssen unsere Haushandwerkerbrigaden auch mit Improvisation am Laufen halten."

In normalen Zeiten eine große, verantwortungsvolle Aufgabe, zumal alles in der Großgeldquelle der EZB unter Luftabschluss und seit Corona zusätzlich auch unter erhöhten Hygienevorgaben erfolgen muss. Die Aufgabe, zur Sicherung der Zukunft des Kontinent ein Plus zum Plan von etwa 1,7 Billionen Scheinen herzustellen, scheint kaum lösbar - die schiere Menge, rechnet Kunze vor, würde den Mond sechsmal komplett bedecken. "Doch wir sind ein Dienstleistungsbertieb", sagt der gelernte Pragmatiker, "was muss, das muss."

Als Giralgeldlogistiker, der mit einer Österreicherin verheiratet ist, schreckt ihn Größe nicht. "Wer, wenn nicht wir", sagt Kunze selbstbewusst. Man habe bereits beim Ausbruch der Corona-Seuche in China begonnen, die Papierspeicher bundesweit zu füllen, um absehbaren späteren Großanforderungen nachkommen zu können. Im Neurerwesen des europaeigenen Unternehmens begannen bereits zur Weihnachszeit die ersten Überlegungen, wie sich die erforderliche Geldmenge noch effektiver und schneller herstellen lässt. "Wir brauchen mehr Papier, mehr Farbe, mehr Trucks, aber das ist ja nicht alles", beschriebt Kunze. Seine Alarmanrufe in Frankfurt, aus einem Reflex heraus getätigt, "weil niemand hier bei uns glauben konnte, wie wir diese Planauflagen bewältigen sollen", wurden bei der EZB gelassen angenommen. "Es hieß, das würde alles schon, erstmal müsse Corona ja ankommen."

Geld, das hält


Doch Zeit will sich Karsten Kunze nicht mehr lassen. Er weiß, dass seine Druckmaschinen schnell heißlaufen, dass Schmieröl und Transmissionsriemen schnell verbraucht sind. "Wir möchten Qualität bieten", sagt er, "Geld, das hält, was es verspricht." Finanziert durch einen Millionenkredit der Kreditanstalt für Wiederaufbau über 613 Millionen Euro, der kofinanziert wurde durch einen Schuldschein des Rettungsschirms ESM, gelang es den in der Öffentlichkeit weitgehend unbekannten Helden der Geldherstellung, den Geldausstoß auf eine Vertausendfachung vorzubereiten. "Uns war dabei besonders wichtig, den Überblick über die abfließenden Trilliarden dennoch nicht zu verlieren", gesteht Kunze mit Blick auf die endlosen Lkw-Kolonnen, die Tag und Nacht in die tiefliegenden Geldschächte der Hauptproduktionsstätten einfahren, um anschließend schwer beladen zu in Not geratenen Mittelständlern, kleinen Gewerbetreibenden und kurzarbeitenden Doppelerziehern auszuschwärmen.

Was die frischen Trillionen bewirken, kann Karsten Kunze auf einem Flachbildschirm an der Wand seines kleinen, aber geschmackvoll eingerichteten Büros im 16. Tiefgeschoss in Echtzeit sehen: "Wir haben durch unsere ausgeweitete Produktion 17 Prozent Kaufkraftverlust in den ersten zehn Jahren erreicht", erläutert er, "und wir rechnen mit weiteren 23 bis 27 Prozent in den fünf Jahren bis 2027".

Der Bargeld-Euro wäre dann knappe 30 Jahre alt und wieder genau soviel wert wie die vormalige D-Mark. Kunze schmunzelt. "What goes up must come down", gibt er in kantigem Englisch zu. Doch wird die finnische Baummühle, aus der der Grundstoff für das europäische Geld kommt, ihren Ausstoß wirklich dauerhaft vertausendfachen können? Können die unterirdischen Produktionshallen in den kommenden Wochen so weit aus- und umgebaut werden, dass Platz wird für die neuen 23.234 Mitarbeiter geschaffen wird, die nach ersten Berechnungen Kunzes eingestellt werden müssen, um Corona auch an der wirtschaftlichen Front zu besiegen?

Karsten Kunze weiß es selbst nicht. "Aber wir werden alles geben", verspricht er.

Donnerstag, 26. März 2020

Die Arroganz des Abendlands: Der teuerste Irrtum der Geschichte

Armin Laschet, ein Mann gegen die Seuche: Bis heute ist in NRW nur jeder 7.200. Einwohner infiziert.

Die Zeichen standen an der Wand, monatelang. Doch die deutsche Politik ignorierte, was unausweichlich sein würde, wenn man es ignoriert. Der Normalbetrieb sollte in Gang gehalten werden, keine Unruhe gestreut und kein Problem aufgeworfen, dass man dann vielleicht nicht wie üblich durch Vertagung, höhere Steuern oder symbolische Verbote ausräumen kann. Sehenden Auges rutschte Deutschland in die größte Gesundheitskatastrophe der letzten Jahrzehnte und in die tiefste Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg. Und nicht nur Deutschland ging es so, sondern durchweg allen Staaten, die sich selbst zur westlichen Wertegemeinschaft zählen.

Ein erstaunlicher Vorgang, der auf gemeinsame Werte auch bei der Konfrontation mit Krisen hindeutet. Statt frühzeitig vom chinesischen Umgang mit dem Corona-Virus zu lernen, etablierte sich von Italien über Deutschland, Großbritannien, Frankreich bis hin in die USA der tröstliche Erklärung, die Probleme dort hätten ihren Ursprung nicht in einem gefährlichen Virus, sondern in allerlei Vertuschungen der chinesischen Regierung, in drakonischen Maßnahmen gegen die Bevölkerung und einem unzureichenden Ausbau der medizinischen Versorgung.

Käme, was nicht anzunehmen sei, dasselbe Virus nach Deutschland, nach Europa oder in die USA, würde die überlegene abendländische Gesundheitsversorgung ihm binnen kurzer Zeit den Garaus machen, so beteuerten Politiker vom deutschen Gesundheitsminister Jens Spahn über den Italiener Conte bis hin zu US-Präsident Donald Trump.

Miteinander stark


Eine Annahme, die sich als teuerster Irrtum der Geschichte herausstellen wird. In aktuellen Preisen gerechnet, ist die Corona-Katastrophe bereits jetzt absehbar kostspieliger als der gesamte Zweite Weltkrieg. Dabei ist ein Großteil der Kosten, die der nahezu weltweite Shutdown entstehen lassen wird, noch gar nicht bekannt. Und die langfristigen Verwerfungen, die die Suspendierung grundlegender Bürgerrechte in Deutschland verursachen wird, kann derzeit nicht einmal abgeschätzt werden.

Im Normalfall würden Regierungen, die solche gravierenden Fehler machen, in demokratischen Staaten aus dem Amt gewählt. Wo Menschen zu Millionen ihre Jobs verlieren, ihr Einkommen, ihre sicher geglaubte und oft hart erarbeitete Zukunft, ihre Altersversorgung und ihre Bewegungsfreiheit, verlieren sie meist auch die Geduld und die Bereitschaft, sich vertrösten zu lassen. Meist, aber nicht immer, denn aktuelle Umfragen zeigen, dass die Deutschen wie die Amerikaner sich in der Stunde der Not hinter den Regierenden versammeln. Selbst wenn es sich um dieselben Personen handelt, die durch ihr breitbandiges Versagen erst dafür gesorgt haben, dass die Krise zu der wurde, die sie ist.

Miteinander paradox



Das erscheint paradox, ist aber naheliegend. Einerseits wechselt niemand freiwillig auf der Flucht aus einem brennenden Haus die Schuhe. Andererseits teilen die Wählerinnen und Wähler in den Abendländern die grundsätzlichen Bedenken ihrer Regierenden gegenüber allen Staaten, die nicht zum eigenen Kulturkreis gehören. China-Schelte hat gerade in Deutschland eine große Tradition. Das Land, an dessen Wesen einst die Welt genesen sollte, lebt bis heute in der festen Überzeugung, immer und überall besser zu wissen, was gut, richtig und moralisch ist, wie wer am anderen Ende der Welt handeln müsste und weshalb ausschließlich deutsche Politiker und Medienschaffende berufen sind, Richtig und Falsch situativ zu erkennen und anderen entsprechende Mahnungen mit auf den Weg geben zu können.

Es ist keine Überheblichkeit, denn wer überheblich ist, hält sich bewusst für besser oder klüger als andere. Hier hingegen tritt eine so tiefsitzende Überzeugung davon zutage, dass andere dumm, unmoralisch und fehlgeleitet sind, dass es der Vorwurf der Überheblichkeit fehl ginge.

Miteinander arrogant


Wie ein britischer Kolonialoffizier vor 150 Jahren gegen einen Afrikaner nicht überheblich sein konnte, weil ein Afrikaner aus seiner Sicht einfach nicht zur selben Art gehörte, und ein ostpreußischer Gutbesitzer seine wasserpolnischen Tagelöhner selbstverständlich nicht als gleichrangige Wesen begriff, kann ein deutscher Politiker nicht dafür kritisiert werden, dass andere Sichten auf die Welt, andere Meinungen und abweichende Lösungsvorschläge für Probleme in seiner Gedankenwelt nicht vorkommen.

Sie können es nicht. Es ist eine Art adlige Arroganz, die jenem Menschenschlag sagt, er sei das Salz der Erde, der Schaum der Welt und die endgültige Essenz vieler tausend Jahre menschlicher Evolution. Berufen, zu führen, zu leiten und zu lehren, ist ihm lange vor allen anderen klar, welche Fehler wo gemacht, welche verantwortungslosen Führer anderswo sich an ihren Völkern vergangen 
und wie schädlich falsche Weichenstellungen für primitive Völkerschaften sind, die in wirklich  demokratischen Staaten mit einer hochentwickelten Diktaturtoleranz aber durchaus sehr segensreiche Wirkungen entfalten können.

Dort, wo die Welt so funktioniert, ist die Seife im Griff, selbst wenn sie schon lange am Boden liegt. Abschätzigkeit tarnt sich als Mitgefühl, Misstrauen in die Fähigkeiten Anderer, Fremder, versteckt sich hinter der plakativen Beteuerung,  jeder Mensch sei gleich. Man setzt überall Betreuungsbedarf voraus und sieht sich selbst stets als Betreuer, die ganze Welt ein Kindergarten und aus Lehrerzimmer erklingt Kinderlachen mit verstellter Stimme. Ein Bass soll das sein. Ein Bass.

Corona als Kollektivstrafe: Vom Wir zurück zum Ich

Der Medienwissenschaftler Hans Achtelbuscher hat bereits ein erstes Buch zur Rückkehr der Individualität geschrieben.


Es ist am Ende keine neue Steuer, es ist keine EU-Richtlinie und es wird auch kein weltweites Abkommen gewesen sein, das die globale Gesellschaft zurückdrückt in eine Vorklimakampfphase, in eine Wirzuerst-Stimmung und in eine Politik, die sich sorgt, dass die, um die sie sich sorgen soll, den Eindruck bekommen, sie sorge sich nicht. Es ist ein Virus, unsichtbar, ungreifbar, für deutsche Politiker unbesiegbar.

Über Jahrzehnte hinweg hatte die Welt des Westens nur eine Richtung gekannt, es ging um Arbeitsteilung, Spezialisierung und Globalisierung, der Mensch war nur noch als Masse ein Faktor, er sollte gemeinschaftlich denken, freiwillig teilen und einsehen, dass er vom Fortschritt nur selbst profitieren könne, wenn er ihn nicht komplett selbst vereinnahme. Dass an alle gedacht ist, wenn jeder an sich denkt, galt als neoliberaler Hirnfurz, der angeblich schon mathematisch nicht nachvollziehbar war: Wer, bitte, würde denn dann an die denken, denen es schwer fällt, überhaupt zu denken?

Sharing Wohlstand


Die Welt begann strikt, eine größere Gemeinschaftlichkeit zu suchen. Die einen taten das, um unter dem Deckmantel der Sorge für andere selbst in einer bessere Position zu kommen. Die anderen taten es, weil sie zumindest eine Zeit lang überzeugt waren, dass das, was sie in ihren Zeitungen lasen, die Realität sein und sie so handeln müssten, um die nach mehr Solidarität, geteiltem Reichtum und sharing Wohlstand lechzenden eigenen Wähler nur so zu befrieden wären. Dass Donald Trump eine Wahl mit dem Slogan "America first" gewann, war ein Affront, der unverzeihlich schien, hatte man doch längst untereinander abgemacht, dass nur noch mehr Vernetzung, noch mehr Gemeinsamkeit und Diskussionen mit einer Stimme die Welt in eine goldene Zukunft führen können.

Staaten wie die Schweiz, Norwegen, Japan, Russland oder die USA, die mehr oder weniger dreist für sich selbst wirtschafteten, waren von gestern, kein Zukunftsmodell. Das lag, zumindest aus Berlin, Paris und Brüssel gesehen, in immer größeren Runden, die in immer langwierigeren Verhandlungen immer unverbindlichere Vereinbarungen miteinander trafen, um überhaupt irgendetwas zu vereinbaren. Man kam nirgendwo voran, nicht beim Handel, nicht beim Klima, nicht bei der Migration. Aber man schaffte es doch, den Eindruck zu vermitteln, als liege das nicht an den mit der Zahl der Teilnehmer immer komplexeren Entscheidungsstrukturen. Sondern daran, dass diese Entscheidungsstrukturen immer noch nicht komplex genug waren.


Wenn alle so handeln würden, wie alle aus Sicht etwa der deutschen Regierung handeln sollten, wobei auch in der deutschen Regierung stets mehrere Vorstellungen davon existieren, wie zu handeln wäre, dann würde alles gut. Ein Volk, ein Wille, ein Signal für die Welt: Seht her, so wird das gemacht. Vom verantwortlichen Fleischkonsum bis zum freiwilligen Rauchverzicht über das lebenslange Lernen und die nie erlahmende Empathie für andere, ausgenommen reiche alte weiße Männer. Ein Zauberrezept.

Das unwiderstehliche Zauberrezept


Das nun plötzlich als Giftmischung erscheint. Der Bundesgesundheitsminister verbietet Warenlieferungen ins Ausland. Die CSU fordert, die Arzneimittelherstellung zurück in die Heimat zu holen. Alle schließen ihre Grenzen, alle stützen die eigene Wirtschaft.

Globalisierung war gestern. Das Virus, das um die Erde rast, bringt die Lokalisierung zurück. Die Seuche macht Patrioten. Verlasse nicht dein Haus, deine Stadt, deinen Landkreis, dein Land. Versorge dich selbst. Schütze dich, um andere zu schützen! Deutsche Masken für deutsche Ärzte. Feindbilder werden wieder wie früher konstruiert. Man nehme eine Gruppe von Menschen, entindividualisiere sie und bestimme dann, dass deutsche Masken nur für Deutsche sind, dass Schweizer keine Masken aus Deutschland bekommen und französische Maskenmaschinen nur Masken für französische Träger produzieren dürfen.

Es ist das System der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit, das mit Corona als Kollektivstrafe über eine Zivilisation kommt, die sich eigentlich eingebildet hatte, über Dingen wie Selbsterhaltung und Egoismus zu stehen. Wie bei der Abgrenzung durch negativ konnotierten Überbegriffe wie „Sozialschmarotzer“, „Migranten“ oder „alte weiße Männer“ sprudelt der Hass auf das Fremde, auf den US-Präsidenten, der den europäischen Krankheitsherd abzuriegeln versucht, auf die Chinesen, die alles vertuschen, und die Menschen in Singapure und Taiwan, die die Krankheit mit diktatorischen Maßnahmen heilen, denen wir das Sterben unter demokratischen Bedingungen allemal vorziehen.

Lars Schaade vom Robert-Koch-Institut empfiehlt eine "soziale Distanzierung" für den Alltag, auch die Kanzlerin plädiert für Vereinzelung und die Abkehr vom gewohnten Kollektivgeist. Jeder solle für sich selbst sorgen, Junge etwa auf sich aufpassen, dann sei auch an Ältere gedacht.

Das Wir, das über Jahre als gesellschaftliches Ideal galt, war das erste Opfer des Virenangriffs. An seine Stelle rückt das Ich, das der Sozialismus vergeblich hatte ausmerzen wollen, an dessen sturem Beharrungsvermögen nun aber auch die aufgeklärte spätkapitalistische Kollektivwirtschaft scheitert.

Mittwoch, 25. März 2020

Doku Deutschland: In Zeiten des Zorns

Sechsmal nachgefüllt und schon wieder leer: Das Nudelregal im Supermarkt ist das Fieberthermometer der Corona-Krise.

Ich kann sehen,was das für Typen sind, schon wenn sie reingerollt kommen. Leerer Wagen, leerer Blick. Wie Jäger schauen sie sich um. Das geht seit ein paar Wochen so, nicht erst seit ein paar Tagen. Das ganze Geschreibe in den Zeitungen, man solle nicht nervös werden, es gebe immer genug zu essen und Solidarität zeige sich darin, dass man auch mal ruhig bleibe und auf die Regierung vertraue, das haben die Leute keine Sekunde für voll genommen.

Wenn Sie wie ich an der Kasse stehe, ich sage jetzt nicht, in welchem Supermarkt, dann lernen sie ganz schnell, die Angst zu riechen. Schon wenn die Kunden reinkommen, wette ich mit mir, was am Ende im Wagen liegen wird: Zehnmal Nudeln, fünfmal Reis, zehn Packungen haltbares Dauerbrot, 20 Konserven. Das ist ein Kunde, der morgen wiederkommen wird, weil seine Frau daheim durchgezählt hat und der Meinung war, dass das sicher nicht reichen wird.

Wir verkaufen im Moment doppelt so viel von dem ganzen Zeug, das sonst niemand kauft. Diese ganzen Linsensuppen in der Büchse, die Aufbackbrötchen, die in tausend nicht schlecht werden würden. Erbsen, Großpackungen Kaffee, Milch im Zehnerpack. Manchen sieht man an, dass sie sich ertappt fühlen und sich schämen, weil sie eigentlich von sich selber denken, dass sie keine Menschen sind, die für den Weltuntergang planen. Aber wenn du sie freundlich fragst, sagen die wenigsten, dass sie Zelten nach Mongolien fahren und dafür einkaufen. Sondern eigentlich alle sowas wie "besser man hat als man hätte" oder "essen kann man das auch wenn's nicht so schlimm kommt".

Wir Kollegen sitzen auch auf dicken Tüten, das muss man zugeben. Es steckt einen an, diese Vorratssammler an sich vorüberziehen zu sehen, jede Schicht, immer wieder. Sechsmal am Tag füllen wir im Moment das Nudelregal, der Reis ist wenigstens dreimal alle und das Mehl reicht höchstens von Ladenöffnung bis Mittag. "Kommt nach", sagen wir, wenn die ganz Ungeduldigen fragen, das ist auch so. Aber hallo: Im Moment! Was denn, wenn sie die Stadt absperren? Wenn die Kollegin zu husten anfängt?

Ich lebe allein und ich brauche nicht viel. Das habe ich aber langsam zusammengepackt. Ich glaube ja nicht daran, dass es einen Unterschied macht, ob du nach dem Untergang der Zivilisation noch eine Woche lebst, bis Du verhungerst, oder ob du dich drei Wochen halten kannst. Tot ist tot. Aber dumm wäre es doch, wenn du nach acht Tagen abklappst und nach zwölf Tagen verkündet die Kanzlerin, die bestimmt nicht hamstern muss, dass sie ein Impfmittel oder sowas erfunden haben. Das würde ich dann schon gern noch erleben. Deshalb die 20 Packen Reis, der Rindergulasch in der Dose aus dem Angebot und die Stiege Tütensuppen. Das sage ich ganz ehrlich.

Den anderen geht es doch auch so, nur dass die vorhaben, auf einem viel höheren Niveau abzunippeln. Stehen Sie mal hier den ganzen Tag und staunen Sie: Die meisten Kunden holen nicht das Nötigste für den Notfall, sondern schon das Zeug, das sie sonst auch immer holen.

Lecker geht's zu Ende, das sage ich ihnen. Kasten Bier noch dabei für die letzten Tage, drei Flaschen Schnaps, vielleicht kann man sich's schön saufen, dass die Welt vor die Hunde geht. Apfelsinen, Joghurt, Dauerwurst vom Feinsten, Import aus Spanien. Wenn ich's recht bedenke, ist das aber auch irgendwie logisch. Warum sollst du denn irgendwelchen Zwieback kauen und dünne Rinderbrühe dazu schlürfen, wenn du auch ein paar feine Sachen haben kannst.

Am Anfang, ganz am Anfang, als das losging, unauffällig fast, habe ich immer geraten ob das jetzt so ein Typ ist, der da reingefahren kommt und gleich für 250 Euro  Büchsenfraß und Dosenwurst rausschleppen wird. Heute weiß ich das gleich. Ich rate also immer, was sie an Belohnung dabeihaben. Schokolade? Bier? Drei Stangen Zigaretten?

Ich denke ja, das nützt alles nichts. Wenn es kommt, wie die alle glauben,  brauchst du keine volle Vorratskammer, sondern ein paar schnelle Fäuste oder noch besser einen großen Knüppel. Dann gehört das alles dir und denen nichts mehr.

Triumph der Prepper: Wer zuletzt lacht

Untergang Coronakrise Prepper leere Regale
Wenn die Regale sich leeren, lacht der Prepper vor Vorfreude auf das Ende.

Was sind sie verlacht worden. In ihrem Hang, sich vorzubereiten, den Ernstfall zu planen, Vorräte anzulegen und bereit zu sein, wenn alles zusammenbricht. Sie hatten Nudeln, Reis und Wasser gehortet, um prepared zu sein, wenn es zum Äußersten kommt. Der Blackout, das Ende der gewohnten Welt. Prepper pflegten den unerschütterlichen Glauben, hinter der sichtbaren Wirklichkeit verbürgen sich geheime Kräfte, dunkle Schattenwelten, allmächtige Herrscher, die das Leben der einfachen Menschen mehr bestimmten als Angela Merkel, die Uno und Donald Trump zusammen.

Treffpunkt Internet


Das Internet war ihr Treffpunkt, hier tauschten sie ihre Codes, hier verabredeten sie ihre gemeingefährlichen Aktivitäten. Nudeln, Reis, Bier und Löschkalk. Löschkalk für die, die es nach dem Ende nicht mehr lange machen würden, wenn die Bilderberger, die Freimaurer und das Haarp-System die Macht übernommen hätten. Kommt der Russe? Kommt der Chinese? Kommt ein Virus? Zwischen Salon-Antisemitismus und Verschwörung des Großkapitals war stets Platz für Fantasie. Die Mondlandung war erfunden, die Anschläge vom September 2001 verantwortete in Wirklichkeit der amerikanische Geheimdienst, der mit einem weltweiten System namens Echelon sämtliche elektronischen Lebensäußerungen aller Menschen jederzeit auffangen, filtern, ordnen und auswerten konnte.

Sicher auf jeden Fall: Eines Tages wären die Supermärkte leer, der Strom fiele aus, es kommt kein Wasser mehr aus dem Hahn und es wird keine Zeitung mehr geliefert, so dass nicht einmal mehr Notklopapier greifbar ist. Die normalen Menschen würden dann stranden, verzweifelt und überrascht von einer Entwicklung wie die deutsche Regierung, die immer nur bei strahlendem Sonnenschein regiert hatte und nun auf einmal mit einem Ernstfall konfrontiert wäre.

Der weitverbreitete Glaube, dass jeder neue Kanzler von seinem Vorgänger einen atombombensicheren Aktenkoffer mit Papieren übergeben bekommt, in dem alles steht, was die Welt wirklich im Innersten zusammenhält, ist Unsinn. Kein Kanzler weiß etwas, schon gar nicht über Dinge, die man noch nicht wissen kann. Die große Verschwörung der Mächtigen besteht allein darin, dass sie verabredet haben, dass niemals jemand erfahren darf, wie wenig Macht und wie wenig Wissen sie wirklich haben.

Wer vorsorgt, wie zum Feind erklärt


Droht die Lage schwierig zu werden, verbreiten sie Durchhalteparolen. Es gebe keinen Grund zu Beunruhigung. Alles im Griff. Wer jetzt vorsorge, sei eine Feind der Gesellschaft, ein "Hamsterer", der sich am Gemeinwohl vergeht.

Nicht einmal 15 Prozent der Deutschen haben nach einer Untersuchung des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz wenigstens für zehn Tage Vorräte daheim gelagert, weitere 20 Prozent könnten sich im Krisenfall etwa drei tage selbst versorgen. 75 Prozent aber brauchen den Supermarkt an der Ecke, den Bäcker, den Fleischer und den Starbucks nebenan spätestens an Tag 4. Sie verhungern sonst. Prepper wissen das, Medien mühen sich dennoch, gegen die Empfehlungen der Behörden anzuschreiben. Wird schon gut gehen. Ist doch immer gutgegangen.

Prepper mussten standhaft bleiben. Die Vorräte umwälzen, den Keller ausbauen, Tarnkleidung bügeln und sich Waffen verschaffen, denn nicht der mit den größten Vorräten überlebt, sondern der, der im Ernstfall an die Vorräte herankommt. Keine leichte Aufgabe, viele Jahre lang. Was wurde da nicht gelästert! Als Spinner mussten sich die Wackeren veräppeln lassen, als gefährliche Idioten, die dem Staat nicht trauen , also Staatsfeinde sind. Verfolgungswahn wurde ihnen attestiert, Weltuntergangsfantasien und ihr Hang, statt in vermögensbildende Lebensversicherungen einzuzahlen, alles in Krügerrand anzulegen, brachte ihnen Kopfschütteln ein. Gold wirft doch nicht mal Zinsen ab!

Leere Supermarktregale


Doch "nur weil du paranoid bist, heißt das nicht, dass sie nicht hinter dir her", hat der US-Schriftsteller Joseph Heller schon vor vielen Jahren festgestellt. Und wie recht er hatte, zeigt sich jetzt, wo der Corona-Virus den Alltag von Millionen durcheinanderswirbelt. Plötzlich sind die Klopapierregale leer, Reis ist aus, der Berg Wasserflaschen-Sixpacks im Supermarkt deutlich niedriger. "Wir kommen kaum hinterher", stöhnt die Verkäuferin, aber immerhin: Noch kommt der Nachschub.

Prepper warten auf den Tag danach, wenn der Abgrund sich auftut und die Normalität verschlingt. Dann,so wissen sie, ist nichts mehr wie vorher - und die Spinner mit dem Aluhut, der nach einer Idee von Julian Huxley, Bruder des berühmten "Schöne neue Welt"-Autors Aldous Huxley, vor außerirdischen Strahlen und Gedankenkontrolle schützen soll, sind auf einmal die Weitsichtigen, Cleveren. Die, die das alles schon immer gewusst haben. Die, die 300 Gläser Marmelade im Keller haben, 200 Kilo Mehl, sechs vollaufgelade Autobbatterien, 500 Liter Diesel, warme Ersatzsocken für 30 Jahre und Atemmasken, dass es für die ganze Nachbarschaft reichen würde.

In Wirklichkeit lachen sie dann zuletzt. Nur dass es niemand hört.

Dienstag, 24. März 2020

Correktiv: Die Fake-News-Könige

Das neue Blockwart-Tool von Correktiv erlaubt es, Falschmeldungen von Profis prüfen zu lassen.

"Gibt es wirklich eine „Pandemie“ des neuen Coronavirus?", fragte das Faktencheck-Team von Correktiv vor ein paar Wochen und kam zu einem klaren Urteil. Von einer „Corona-Pandemie“ zu schreiben, wie das rechte Propagandisten im Internet täten, sei "übertrieben", arbeiteten die Faktenexperten heraus, die auch im Auftrag von Facebook als Wahrheitsprüfer unterwegs sind. Man könne wohl vom „Ausbruch einer Krankheit" sprechen, wie es die amtliche deutsche Seuchenbehörde Robert-Koch-Institut tue, denn „die Anzahl von Personen mit einer bestimmten Infektionskrankheit in einer bestimmten Region und/oder einem bestimmten Zeitraum übersteige die erwartete Anzahl dieser Erkrankungen“.


Das sei auch laut Weltgesundheitsorganisation WHO beim neuen Coronavirus der Fall. Aber mehr nicht! Das Robert-Koch-Institut schätze die Möglichkeit einer Ausbreitung in Deutschland als gering ein, allenfalls "einzelne Fälle" (RKI) könnten auftreten können. Einen gebe es schon, in Bayern, so Correktiv, das sich mit dieser Darstellungsweise genau an die Leitlinie der Bundesregierung hielt.

Die war seinerzeit mit der rechten Gefahr beschäftigt, mit Anschlägen auf die Demokratie in Thüringen und der Verabschiedung umfassender neuer Steuererhöhungsgesetze. Der Gesundheitsminister hatte zudem alle Hände voll zu tun, um seine Anwartschaft auf eine spätere Kanzlerschaft zu sichern. Für Warnungen von Rechtspopulisten war dadurch ebenso wenig Zeit wie für die von Experten. Die öffentlich-rechtlichen Qualitätsmedien taten ein übriges, die Lage ruhig und die Menschen gelassen zu halten: Die "Dauererregung" wegen Corona sei "eher nicht angemessen", funkte das ARD-Faktenmagazin "Monitor" ins Land. Im Prinzip könne man aber schon absehen, dass die Gefährlichkeit des Virus deutlich geringer sei als ursprünglich angenommen, ließ das Magazin einen angesehenen Tropenmediziner erzählen.

Ein tödlicher Irrtum, mittlerweile für ein halbes hundert Menschen im Land. Aber kein Grund, nicht weiterhin nach einer Wahrheit zu suchen, die in den eigenen Kram passt. Für Correktiv ist nicht das Virus ein Problem, nicht das Versagen  der Staatsführung im Vorfeld und der rasend schnelle Abbau von Grundrechten im Versuch,  frühere Versäumnisse verspätet durch hektischen Aktionismus wiedergutzumachen. Sondern eine angebliche Fake-News-Seuche, die für Correktiv  eine Art neuerliche große Arbeitsbeschaffungsmaßnahme zu werden verspricht.

Wenn nur genug Stoff reinkommt, der sich als "Falschmeldungen zu dem Coronavirus SARS-CoV-2" darstellen lässt, "damit Menschen keinen falschen Versprechungen oder Handlungsanweisungen folgen" (Correktiv). Um das sicherzustellen, hat Correktiv "ein Meldesystem eingerichtet, damit ihr uns verdächtige Nachrichten, Videos oder Bilder melden könnt".

Und das Tool zur Aufdeckung von Desinformationen kommt hervorragend an: So wurden binnen weniger Minuten nach Freischaltung der neuen Mitmachfunktion zur Enttarnung von Falschmeldern und Verwirrern Hinweise auf die "Tagesschau" gegeben, die behauptet hatte, Mundschutzmasken seien wirkungslos, ein Mediziner wurde überführt, der die Corona-Tests als Ursache verstärkter Sterblichkeit ausgemacht hatte, Gesundheitsminister Jens Spahns legendärer Satz „Wir sind gut vorbereitet!“ wurde gemeldet, die Aufforderung der ZDF-heuteshow, nicht auf Corona-Panikmache anzuspringen, das Bundesministerium für Gesundheit und die Bundesregierung mit ihrem Hinweis, es würden nicht bald "massive weitere Einschränkungen des öffentlichen Lebens" angekündigt werden, und Peter Altmaiers Versprechen, kein einziger Arbeitsplatz gehe wegen Corona verloren.

Eine stolze Bilanz, die zeigt, dass die Menschen in der Krise bereit sind, mitzuarbeiten, wenn es um das Gemeinwesen und die Abwehr gefährlicher Falschmeldungen rund um den "Corona-Hype" (ZDF) geht. Schwere Zeiten für fragwürdige Figuren wie den SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach, der Covid-19 als "nicht so ansteckend wie befürchtet" bezeichnet und "offen eingestanden" (Lauterbach) jhatte, dass die Bundesregierung "keine Fehler" im Umgang mit dem Erreger gemacht habe.

Jetzt heißt es Warten. Denn obwohl das Wahrheitsportal für "Recherchen für die Gesellschaft und mit der Gesellschaft" (Correktiv über Correktiv) nun sicher mit Hochdruck an der Prüfung der von freiwilligen Blockwarten anzeigten Falschnachrichten arbeitet, findet sich auf der Faktencheck-Seite bisher kein Hinweis auf einen Faktencheck eines über das Blockwart-Tool eingereichten Falles.

Corona-Spache: Ferientrip in die Apokalypse

Supertram Crisis what crisis
Mit dem Kunstwort "Corona-Ferien" gelang der Bundesworthülsenfabrik ein wirklichkeitsprägender Begriff, der aufgrund der veränderten Krisenlage nun aber hinderlich bei der Durchsetzung der Maßnahmen der Bundesregierung ist.

Sprache definiert Wirklichkeit, und die Bundesworthülsenfabrik (BWHF) designt Sprache für den politischen Gebrauch durch die Klasse der Entscheidungsträger in einem Land, das aufgrund seiner Geschichte sprachbelastet ist wie kein zweites. Seit 50 Jahren sind die Hülsendreher aus Berlin immer dort, das politische Geschehen tobt, wo geframt werden muss, vertuscht, verharmlost oder verschärfte, wo aus der Sprache die materielle Gewalt wächst, die Verhältnisse zum Tanzen zu bringen (Karl Marx), und wo es gilt, dem gemeinen Mann auf der Straße ein X für ein U vorzumachen.

Apokalypse in Zeitlupe


Auch in der Corona-Krise, eine Art zeitlupenhafte Apokalypse des Alltags, kam den Sprachtechnologen aus der BWHF von Anfang an eine entscheidende Rolle zu. Über Wochen hatte die Bundesregierung sich in Absprache mit den Parteiformationen der demokratischen Opposition bemüht, die aus China anschwappende Gefahr kleinzureden. Einerseits galt es, die Bevölkerung ruhig zu halten: Niemand wollte auf den Straßen Menschen sehen, die versuchen, sich mit Gesichtsmasken vor einer Tröpfcheninfektion schützen.

Zwar wäre das gesundheitlich zweifellos nützlich gewesen. Doch gesellschaftlich, so hatte das Kanzleramt beschlossen, sei der mutmaßliche Schaden höher einzuschätzen: Maskenmenschen senden ein beunruhigendes Alarmsignal aus, es bestand die Befürchtung, die Bürgerinnen und Bürger könnten den Ernst der Lage zu früh erkennen und an der Verlässlichkeit des Krisenmanagements der Großen Koalition zweifeln.

Panik und Beunruhigung hätten sich ausgebreitet, die offenen Grenzen wären ebenso infrage gestellt worden wie der Umstand, dass Deutschland offenbar nicht einmal über einen ausreichenden Vorrat an Billigmasken für alle Bürger verfügt. Das Risiko einer Spaltung der Gesellschaft in die, die eine Maske besitzen, und die, die keine haben ergattern können, was gewaltig - also wurden Experten in Marsch gesetzt, die entgegen jeder menschlichen Logik und aller Erfahrungen in anderen Ländern behaupteten, Gesichtsmasken nützen nicht nur nichts, sondern sie seien sogar gefährlich.

Kampagne gegen Bevorratung


Aus ähnlichen Beweggründen heraus startete eine Kampagne gegen die von der Bundesregierung selbst seit Jahrzehnten propagierte Bevorratung aller Haushalte mit einem Zehn-Tage-Vorrat an Lebensmitteln. Als "Hamstern" verleumdet, wurden die, die für sich und ihre Familien Ernstfallvorsorge betrieben, zu Volksschädlingen erklärt, deren Tun erst die Krise auslöse.

Die Rolle der Bundesworthülsenfabrik, die offiziell nie in die Regierungsarbeit während der Frühphase der Corona-Krise involviert war, bestand zwar auch in Sprachberatung etwa beim Kampf gegen "Hamsterer" - so wurde der aus der Zeit nach den beiden Weltkriegen stammende verunglimpfende Begriff aus dem Tierreich von einer vierköpfigen BWHF-Brigade aus dem hauseigenen Verbalarchiv geborgen und in einer Nachtschicht unter Quarantäne für den erneuten regierungsamtlichen Gebrauch aufgehübscht.

Geniestreich "Corona-Ferien"


Der wichtigste Beitrag der Worthülsendreher aber war zweifellos die Erfindung des Begriffes "Corona-Ferien", der passgenau beschwor, was die Bundesregierung in der Frühphase der Menschheitskrise zu propagieren versuchte: Corona ist nicht so schlimm, wir machen uns jetzt alle ein paar schöne Tage, geht raus, genießt die frische Luft, entschleunigt und überlasst den Rest uns.

Der Weltuntergang als langsames Wegdimmen der zivilisatorischen Errungenschaften des Abendlandes mit umfassenden Urlaubsverboten, Konsumverboten und Unterhaltungsverboten wurde mit Hilfe des von der Bundesworthülsenfabrik im Stile früherer Entwicklungen wie "Rettungspaket“, „Konjunkturspritze“, „Abwrackprämie“ und „Schuldenbremse“ designten Wortes zu einem fröhlichen Versprechen auf anstrengungslose Zeiten.

Ein Geniestreich, der erst mit einer gewissen Verzögerung seine wirklichkeitsprägende Kraft zeigte. Als in Berlin die nächste Stufe der Kriseneskalation eingeleitet werden musste, weil das laissez-faire der tatenlosen Monate seit Jahresbeginn wider Erwarten der Bundesregierung keinerlei Erfolg gezeitigt hatte, war der Gedanke von den Corona-Ferien bereits so fest im Volk verwurzelt, dass der Ernst der Lage kaum eine Chance hatte, Menschen zu verantwortungsvollem Handeln zu verleiten. Wenn man keine Masken braucht, nicht Hamstern muss und Corona-Ferien hat, was soll dann falsch laufen mit dem Leben?

Man sei sich der Spätwirkungen des auf Wunsch der Bundesregierung kreiirten Begriffes sehr wohl bewusst, hieß es dazu inoffiziell aus der BWHF-Chefetage, aber der einstellungsprägende Erfolg des von zwei Nachwuchshülsendrehern entworfenen zusammengesetzten Substantives habe die Verantwortlichen im Hause selbst überrascht. Es sei jetzt Wille und Wunsch der Bundesregierung ebenso wie der BWHF als untergeordneter Behörde, schnell mit einer neuen Wortprägung gegenzuhalten.

BWHF-Chef Rainald Schawidow erklärte gegenüber PPQ, ohne zitiert werden zu wollen, dass "alle da draußen sich schon freuen dürfen, denn wir haben eine ganze Reihe brandneuer Krisenvokabeln in der Mache, die den bisherigen Kurs der Verharmlosung nicht nur beenden, sondern wie ein Konterbier auf alle wirken werden, die immer noch glauben, sie könnten auf Kosten der Gemeinheit einfach Krisen-Urlaub machen."

Montag, 23. März 2020

Kontaktsperre: Eine Worthülse aus dem Knastalltag

Die Halbwertszeit der neuverhängten Krisenmaßnahmen der Bundesregierung liegt derzeit bei 48 Stunden, viel mehr Zeit bleibt auch der BWHF meist nicht, neue bemäntelnde Begriffe wie "einheitliche Beschränkung sozialer Kontakte" zu erfinden.

Es sind harte, arbeitsreiche Tage für Rainald Schawidow und seine Experten von der Bundesworthülsenfabrik (BWHF). Das Kollektiv der Phrasendrescher und Worthülsendreher ist hinter den Kulissen der großen Corona-Krise beinahe täglich gefordert, die Bundespolitik mit den nötigsten Begriffen zur Panikabwehr zu versorgen. Waren es anfangs subtile Satzbausteine wie "im Griff", "keine besondere Gefahr" oder "gut vorbereitet", die aus dem Bundeszentrallager für Beschwichtigungen direkt an die Medienfront geliefert wurden, um  Ruhe und Ordnung im Lande zu wahren, ist die Bundesworthülsenfabrik inzwischen zu ihrem Kerngeschäft zurückgekehrt. Die BWHF hat mit der Serienproduktion von zusammengesetzten Substantiven begonnen, die die Lage bemänteln und symbolisches Handeln als entschiedenes Rezept gegen eine Krise erscheinen lassen sollen. Eigentlicher Zweck der hochgefahrenen Produktion ist es, den Zusammenhalt in der Bevölkerung zu stärken.

Kernstücke der Überzeugungsarbeit


Ein großer Ruck, den die deutschen Leitmedien mit der Kampagne "Wir bleiben zu Hause" begleiten. Kernstück der Überzeugungsarbeit aber sind die in der großen Tradition früherer politischer Signalbegriffe wie "Rettungsschirm", "Energiewende", "Schulden-" und "Mietpreisbremse", "Stromautobahnen" oder "Wachstumspakt" entwickelten neuen Krisenkampfstoffe aus der Verbalwerkstatt. Die hatte in den zurückliegenden Jahren vor allem im Dauerstreit um die lebenswichtige Klimapolitik sprachliche Höhepunkte wie "Heißzeit", "Klimanotstand" und "CO2-Steuer" Volltreffer in Serie geliefert und damit bei der Bundesregierung die Erwartung geweckt, dass sich im Grunde jedes große Problem mit einem Leitbegriff semantisch einhegen und damit so lange auf die lange Bank schieben lässt, bis sich die Gemüter beruhigt haben und die Sache vergessen ist.

Dabei reagiert die BWHF durchaus flexibel auf sich teilweise im Stundentakt verändernde Erfordernisse: Waren eben noch abwertende Vokabeln nötig, um den Kampf gegen volksschädliche Vorsorger zu führen - die BWHF reagierte hier mit einer Reaktivierung des Tiervergleichs "Hamsterer" - stand später die Notwendigkeit, beschreibende Begriffe für die Lage zu finden, die wie das Dauerblau des Krisenblazers der Kanzlerin nonverbal von der Gewissheit erzählen, dass alles halb so schlimm ist. "Corona-Gefahr" (BWHF) löste die von rechtspopulistischen Verunsicherern aus Moskau erfundenen "Corona-Krise", "Corona-Katastrophe" und das denunzierende "Masken-Magel" ab. 

Ein erstes Stück Raumgewinn in der Schlacht um die Deutungsmacht, in der bemäntelnde Begriffe wie "einheitliche Beschränkung sozialer Kontakte" in einem selbst für die hochprofessionellen Worthülsendesigner der BWHF engen Zeitrahmen von zumeist nur 48 Stunden erfunden werden müssen. So lang ist derzeit die Halbwertszeit der neuverhängten Krisenmaßnahmen der Bundesregierung, so viel Zeit bleibt auch nur, die jeweils nächste Verschärfung wenigstens verbal als logisch, unabdingbar und planmäßig erscheinen zu lassen.

Mit "Ausgangssperre" und dem milderen "Ausgangsbeschränkung" ist es Schawidow und seinen Sprachingenieuren zweifellos gelungen, neue Maßnahmen der Bundesregierung zu popularisieren. Dabei legte man vor allem im Rheinland äußersten Wert darauf, ohne das Wort "Ausnahmezustand" auszukommen oder die im vergangenen Jahr breit popularisierte und von zahlreichen Gemeinden genutzte Möglichkeit zu eröffnen, den Notstand auszurufen. Das war zwar in Bayern und im Saarland gut angekommen, wäre aber in anderen, liberaleren Gegenden der Republik wie plumpe Nachahmung erschienen und damit schädlich für den Wahlkampf um die CDU-Spitze gewesen..  Der Rheinländer Armin Laschet, der seine Bürger trotz grassierender Seuche Karneval feiern und wichtige Bundesligaspiele besuchen ließ, verlangte vernehmlich nach anderen sprachlichen Regelungen, die ein fröhlicheres Management des sozialen Todes der Gesellschaft erlauben.


Geniestreich trotz neuer Abstandsregeln


Und wirklich: Mit der Worthülse "Kontaktsperre" gelang es der BWHF tatsächlich, in einer turbulenten Wochenend-Schicht unter erschwerten "Abstandsregeln" (BWHF), einen Begriff zu designen, der die Tarnung weitgehend ausgehebelter Grundrechte mit einem Versprechen freundlicher Strenge verbindet. Dabei mussten die Sinndesigner der BWHF diesmal nicht einmal selbst zur Wortfeile greifen und es war auch nicht notwendig, wie bei "Rettungsschirm" und "Energiewende", "Schuldenbremse", "Wachstumspakt" und "Stromautobahn" mit der Terminus-Heißklebepistole Nomen zu kombinieren.

"Kontaktsperre" fanden Mitarbeiter der BWHF vielmehr im BWHF-Archiv, wo das Substantivum seit Jahren abgelegt und bereits fast vollkommen vergessen war. Laut offizieller Definition war es ursprünglich - mutmaßlich noch im Kaiserreich vom damaligen BWHF-Vorläufer Reichsamt für Worte und Benennungen (RWB - Forschungsbehörde) - für die Verwendung in gesellschaftlichen Randbereichen  entwickelt worden. "Kontaktsperre" stand danach für eine "Unterbindung aller Kontakte bestimmter Häftlinge besonders mit der Außenwelt, solange von solchen Kontakten eine akute Gefahr ausgeht" (Duden) - kurz entschlossen aber verzichtete die Chefetage der BWHF dennoch darauf, Änderungen an dem Nominalkompositum vorzunehmen. 

Der neue Corona-Begriff habe zwar rechtlich keinerlei Grundlage, da die entsprechenden Gesetze erst noch verabschiedet werden müssten. Doch erwecke er den zutreffenden Eindruck, dass er bindend für alle Bürger sei, weil die staatlichen Organe sich entschlossen hätten, ihr Handeln an Erfordernissen auszurichten, statt sich an Gesetze zu halten, hieß es dazu im politischen Berlin. Es gehe jetzt darum, die Bevölkerung auf harte Zeiten einzuschwören, sie zugleich aber nicht zu beunruhigen. Dies werde mit dem Substantivkompositum "auf hervorragende Weise erreicht", lobt ein selbst häufig mit sprachlicher Spurenverwischung befasster Ministerialbeamter.