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Montag, 21. September 2020

Alles nur geklaut: Von Brüdern und Sonne und Freiheit



Bei der SPD wird es am Ende der Parteitage gesungen, auch bei der SED gehörte es zum liturgischen Parteiliedschatz. Hannes Waader hat es interpretiert wie ein Stock, der Chor der Deutschen Volkspolizei füllte es mit männlichem Pathos und Ernst Busch ließ es davon überfließen. "Brüder, zur Sonne, zur Freiheit", heute vor 100 Jahren zum ersten Mal öffentlich auf Deutsch gesungen, ist das Lied eines Jahrhundert voller Sehnsucht, gegründet auf falscher Hoffnung.

Selbst die Arbeiterbewegung selbst ist mehr falscher Schein als echter Hit: Bei der deutschen Version handelt es sich um eine Nachdichtung des russischen Originals "Смело, товарищи, в ногу!", das der - von dieser einen Leistung abgesehen völlig vergessene - russische Revolutionär Leonid Petrowitsch Radin zwischen 1895 und 1896 im Moskauer Taganka-Gefängnis gedichtet haben soll. Zumindest für den Text, der auf Deutsch "Tapfer, Genossen, im Gleichschritt“ heißt, wird angenommen, dass das stimmt, Genossen und Gleichschritt, das passt.

Das Yesterday der Arbeiterbewegung


Doch die Melodie, die wie bei "Yesterday", .... und ... mehr als die Hälfte des Welterfolges ausmacht, bediente sich Radin revolutionär bei einem bereits bekannten Studentenlied. „Медленно движется время“ - „Langsam bewegt sich die Zeit“ - gefiel ihm, war aber wegen nachdenklicher Liedermacher-Zeilen wie "Ehre sei denen, die der Wahrheit dienen", "die Toten sind tot auf der Welt" und "die Zeit bewegt sich langsam, glaube, hoffe und warte" als Untermalung einer Revolution sichtlich nicht tauglich.

Radin entfernte also den Originaltext, den ein Iwan Sawwitsch Nikitin im September 1857 geschrieben hatte, und er remixte die Melodie, indem er aus dem Walzer einen Marsch machte. Genossen! Gleichschritt! Humpapa.

Das Ergebnis gefiel und wurde der Legende nach erstmals 1898 von - natürlich - politischen Gefangenen auf dem Marsch in die sibirische Verbannung gesungen. Radin starb 1900 mit nur 39 Jahren, den Aufstieg seines Kampfgesangs zur Welthymne, der mit der russischen Revolution von 1905 und mit der Oktoberrevolution 1917 noch lange nicht endete, erlebte er ebenso wenig wie den Export der auch bei SED, SPD und DGB meist in C-Dur über die Rampe gerumpelten Schlachtfantasie.

Rumpelnde Schlachtfantasie


Der deutsche Dirigent Hermann Scherchen, seines Zeichens Leiter eines Arbeiterchores, brachte die Nummer aus russischer Gefangenschaft mit und textete 1918 eine deutschsprachige Fassung mit neuen Versen. Die "Genossen" wurden in Erinnerung an Schillers "alle Menschen werden Brüder" zu "Brüdern". Von Radins sieben Strophen blieben nur drei, gipfelnd im finalen Vers "Brüder, in eins nun die Hände, / Brüder, das Sterben verlacht! / Ewig, der Sklav’rei ein Ende, / heilig die letzte Schlacht!"

Ein Gassenhauer der Arbeiterbewegung, der auch die Nazis nicht widerstehen konnte. Mit Hilfe der neuen vierten Strophe "Brechet das Joch der Tyrannen, die uns so grausam gequält! Schwenket die Hakenkreuzfahne über dem Arbeiterstaat" verwandelten sie den Hit erst behelfsmäßig in ein Lied der Hitlerjugend. Später wurde es als "Brüder in Zechen und Gruben" mit dem Finale "Hitler treu ergeben, treu bis in den Tod, Hitler wird uns führen, einst aus dieser Not" zu einem der bekanntesten Propagandalieder der NSDAP und parallel als "Brüder formiert die Kolonnen" zu einem Kampflied der SA.

Ein Jahrhundertwerk


Ein Werk für ein Jahrhundert, vielfältig verwendbar und immer schmissig. Obwohl die SED es sang, intonierten es auch die Streikenden am 17. Juni 1953, noch einmal hatte es einen großen authentischen Auftritt, als Montagsdemonstranten 1989 in Leipzig es angestimmten. Ein bisschen wurde gepfiffen und gebuht, weil nicht jeder gleich begriff, dass man denen, die etwas weggenommen haben, auf keine andere Art mehr wehtun kann, als wenn man es ihnen einfach wieder wegnimmt.

Doch die Zeit, die der größte musikalische Hit der Arbeiterbewegung noch gesungen werden kann, neigt sich seitdem unaufhörlich ihrem Ende entgegen. "Brüder" kann es in Bälde nicht mehr heißen, denn das schließt alle Schwestern aus. "Sonne" hingegen ist durch den Klimawandel kein Glücksversprechen mehr für den einfachen Mann, sondern eine Drohung.

Und "Freiheit" geht ja schon gleich gar nicht.

Klimaforscher: Haustierverbot spart 17,9 Millionen Tonnen CO2

Der Hund ist ein Liebling der Deutschen, obwohl er für Millionen Totten CO2-Ausstoß pro Jahr steht.

Schön mit dem Hund in den Wald, nett mit der Katze auf dem Sofa abhängen – das geht europaweit und auch in Deutschland. Das Bundesumweltschutzamt (BUSA) hat nun aber neu berechnet, was ein Ende der Haustierhaltung in Deutschland und der Welt dem Klima bringen würde.

Klimaschutz schnell und kostenlos – oder unnötige Gängelung? Mit neuen Berechnungen facht das Klimawatch-Institut (CLW) den Streit um ein Haustierverbot in Deutschland weiter an. Wie die Forscher im mittelsächsischen Grimma mitteilten, würde eine generelle Haustierbremse – also ein fließendes Verbot, das nach dem natürlich Absterben der derzeitigen Generation an Hunden, Katzen, Mäusen, Hamstern und Sittichen greift - rund 11,9 Millionen Tonnen Kohlendioxid (CO2) im Jahr einsparen.

Haustierverbot ist mehrheitsfähig


Im politischen Berlin nutzten Klimaschützer die Vorlage, um für eine neue Position der Bundesregierung zu werben: "Im Verkehrs- und im Haustiersektor gibt es beim Klimaschutz den größten Handlungsbedarf – und ein solches Haustierverbot ist auch in der Gesellschaft mehrheitsfähig", schrieben Kritiker der als bisher unzureichend eingeschätzten Klimapakete der großen Koalition auf Twitter. Nur eine Minderheit der Deutschen halte Haustiere, die Mehrheit aber lehne das für sich selbst ab. Viele seien sogar der Meinung, dass es Hunden und Karten gar nicht gut tue, bei Nachbars auf beengtem Raum zu leben.

Weiter skeptisch zeigte sich dagegen das Ressort von Bundesumweltministerin Svenja Schulze. Die SPD-Politikerin, die nach Recherchen des Berliner "Tagesspiegel" kurzzeitig zu den Grünen gewechselt war,  inzwischen aber wohl zur ältesten deutschen Partei zurückgekehrt ist, hat sich trotz der drängenden Problematik bislang mit keinem Wort zu einer Haustierbremse geäußert. Schulze wird von Kritikern unterstellt, selbst haustieraffin zu sein, seit sie selbst öffentlich als Hund auftrat.  Die neuen Berechnungen kommentierte ihr Ministerium nicht, man müsse sich erst mal anschauen, was die zahlen genau besagten, hieß es inoffiziell.

Das gilt offenbar für die gesamte Bundesregierung, die generell für entschiedene Maßnahmen gegen Klimasünder eintritt, dabei aber vor scharfen Einschnitten zurückschreckt, die Wählerstimmen kosten könnten. Wie Markus Söder, der mögliche Kanzlerkandidat der Union im kommenden Jahr, der  mit seiner Labradorhündin Fanny und dem Zwergpinscherweibchen Bella gleich zwei klimaschädliche Hunde hält, gelten auch eine Reihe anderer Minister und Staatssekretäre als Lobbyisten der Haustierhaltung. Ihr Einfluss ist groß, bislang haben Bundestag und Bundesrat ein klimaschonendes Haustierverbot nicht einmal diskutiert, obwohl es etwa zehnmal mehr CO2 sparen würde als das immer wieder bemühte Tempolimit.

17,9 Millionen Tonnen CO2 weniger


Überraschend sind die neuen Zahlen des CLW nicht, aber für Anhänger der Haustierbremse hilfreich – denn die letzte entsprechende Berechnung stammte aus dem Jahr 1999 und bezog sich nur auf Hunde und Karten. Nun sind die Daten frischer und von einer Wucht, die die Verantwortlichen aufrütteln sollte: Die 17,9 Millionen Tonnen CO2, die aus reiner Bequemlichkeit gehaltene Haustiere ohne Ernährungs- oder sonstigen Nutzen in Deutschland produzieren, entsprechen rund zehn Prozent der 163 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente – eine Einheit, in die alle Treibhausgase umgerechnet werden – des Verkehrsbereichs in Deutschland im Jahr. Während ein Tempolimit auf 130 km/h nur  rund 1,9 Millionen Tonnen CO2-Reduktion brächte, griffe eine Haustierbremse dadurch viel weiter: Sie brächte satte zehn Prozent Minderung.

Sicher ist, dass sich im Haustierbereich etwas tun muss. Seit 1990 sind die Emissionen hier mit der Anzahl der gehaltenen Tiere beständig gestiegen, so dass Deutschland EU-Ziele reißt und vermutlich bald Strafzahlungen fällig werden. Im Klimaschutzgesetz sind die CO2-Ziele künftig genau vorgegeben – und wer es nicht schafft, muss Sofortprogramme vorlegen. Allerdings hat es Umweltministerin Schulze vermieden, für die Haustierhaltung Ziele vorzugeben - der Bereich wurde wohl aufgrund hartnäckiger Lobbyarbeit von Qualzüchtern, Futterproduzenten und anderen interessierten Kreisen etwa von Jägern und Rassekatzenhaltern gänzlich ausgespart.

Zum Einstieg ein Haustierlimit


Fridays for future aber hat klargemacht, dass aus ihrer Sicht auch das Haustierverbot oder zumindest ein Haustierlimit auf den Tisch gehört. Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) hatte in der Diskussion um ein Tempolimit angekündigt, es zeichne sich ab, dass "deutlich mehr Dynamik" nötig sei, um die Klimadebatte voranzutreiben. Scheuer nannte zwar kein Haustierverbot als Ziel, erinnerte aber unter anderem an die Möglichkeit, die Kfz-Steuer stärker nach dem CO2-Ausstoß zu staffeln. Eine Strategie, die auch im Haustierbereich angewendet werden könnte, indem Finanzminister Olaf Scholz (SPD) sogenannte Stinker unter den Lieblingstieren der Deutschen deutlich höher besteuert.

Sonntag, 20. September 2020

Für Kinder erklärt: Warum niemand mehr gegen Rassismus protestiert

Im Juni war Rassismus das Thema der Stunde, inzwischen ist die Protestbewegung allerdings sanft entschlafen.
Wer glaubt, Rassismus zu erleben, wenn er wieder einmal an einer Mohrenapotheke vorbeigehen muss oder im Supermarkt erschrocken vor einer Büchse Zigeunersauce oder Deutschländerwürstchen steht, kann sich ohnmächtig fühlen. Den Opfern solcher gezielten Beleidigungen bleiben kaum Möglichkeiten, sich dagegen zu wehren, allenfalls ein Eintrag bei Twitter oder ein Aufschrei bei Facebook versprechen kurzzeitig Erleichterung. Hier gibt PPQ.li Tipps für Betroffene, aber auch für Kinder, die den Beleidigten, Verfolgten und Marginalisierten helfen wollen.


Was kann ich tun, wenn ich denke, dass ich Ziel einer rassistischen Bemerkung geworden bin?

PPQ.li: Wenn man den Eindruck hat, dass man von Rassismus betroffen sein könnte, etwa, weil die Apotheke nebenan oder die U-Bahn-Station immer noch nach dem mittelalterlichen M-Wort heißt oder auf der Landkarte von Afrika das N-Wort steht, fühlt sich das schrecklich an. Man ist konsterniert, man ist erschrocken und oft ratlos, was man tun könnte. Es kann deshalb helfen, sich für immer wiederkehrende Beleidigungen eine Strategie zurechtzulegen.

Beim Vorübergehen an einer M-Apotheke kann man zum Beispiel gezielt ausspucken. Sieht man eine rassistische Grillsauce, stellt man sie außer Sicht nach hinten ins Regal. Und auf die Frage, "Wo kommst du her?", kannst man zum Beispiel antworten "von Arbeit" oder "von Zuhause". Dann hat dein rassistisches Gegenüber keine Chance weiterzufragen, aus welchem Land du oder deine Eltern genau kommen und dir damit zu signalisieren, dass ihn das interessiert, weil er aufgrund deiner körperlichen Merkmale annimmt, dass Du oder deine Familie vielleicht woanders gelebt haben.


Warum demonstrieren zurzeit niemand mehr gegen Rassismus? Warum war "Black LIves Matter" so schnell vorüber?

PPQ.li: Das ist ein Phänomen der modernen Erregungsgesellschaft, das immer wieder auftritt. Bedeutsame Ereignisse spülen besondere Themen nach oben, zuweilen werden sie sogar eigens zum Zweck der thematischen Fokussierung auf eine bestimmte gesellschaftliche Frage zu bedeutsamen Themen erklärt. Allerdings bestimmt das zweite Gesetz der Mediendynamik, dass die Haltbarkeit selbst sogenannten A1-Themen begrenzt ist: Das Publikum verlangt nach etwa vier bis sechs Wochen zwingend nach neuen Unterhaltungsangeboten.

Oft oder sogar meist immer ist es dann so, dass das ursprünglich mit dem Ziel der Lösung eines bestimmten Problems angetretene Diskussionsangebot noch gar nicht bis ans Ende ausgeschneufelt wurde. Die Lust und die Bereitschaft, sich weiterhin an einer Debatte darüber zu beteiligen, schrumpft jedoch zurück auf den Ausgangswert, so dass kaum noch Talkshow besetzt und Brennpunkte vollgefilmt werden könne.


Wie kann man selbst Rassismus vermeiden?

PPQ.li: Das kommt eigentlich auf deine eigene Hautfarbe an. Sieht die hell aus - was als "weiß" bezeichnet wird - kannst du Rassismus eigentlich gar nicht vermeiden. Er steckt dann überall in dir, in deinen Genen, in vielen Büchern, die du gelesen hast, in der Sprache, die du sprichst und in den vielen Dingen, die du besitzt, weil schon deine Urgroßväter und Ururgroßväter andere Menschen ausgebeutet und sich der von ihnen hergestellten hochwertigen Waren bemächtigt haben.

Versuche deshalb einfach, dir vorzustellen, dass du als weißes deutsches Kind in Afrika lebst, unter lauter Menschenleuten mit voll schwarzer Hautfarbe. Dir wird dann gesagt werden, dass du nicht gut Suaheli sprichst, du wirst gefragt, wo du herkommst, und viele werden dich für einen Ausländer halten oder dich darauf ansprechen, dass Straßen nach deutschen Rassisten benannt werden. Bist du blond, fassen sie dir sogar ins Haar! Das ist das Schicksal, das Menschen erleiden, die hier bei uns Opfer rassistischer Übergriffe werden.

Ich verstehe das, will aber dabei nicht mitmachen. Was soll ich tun?

PPQ.li: Das ist eine sehr gute Entscheidung. Mittlerweile setzen sich viele Menschen dafür ein, dass unsere Geschichte umgeschrieben wird. Rassismus wird stärker betont, er gilt nun als eigentliche Triebfeder der verhängnisvollen Entwicklung, die die Menschheit genommen hat.

Aber so können wir ihn bekämpfen, weil alle dann genau wissen, was wir sagen können und was nicht, wir wir gucken müssen und wie wir schlechte Gedanken vermeiden, die zu rassistischen Fragestellungen führen, etwa, wenn du deine Freunde, die anderer Hautfarbe oder Religion sind als du, fragst, ob sie  davon betroffen sind. Prüfe dich immer selbst, denn der Staat und seine zuständigen Organe können nicht überall sein: Könnten andere Menschen auf die Idee kommen, ich wolle sie beleidigen oder verletzen? Dann besser mal den Mund halten!

Was kann ich tun, wenn ich denke, ich habe einen Fall von Rassismus beobachtet?

PPQ.li: Sofort zur Polizei! Zwar weiß nicht jeder Rassist, dass er einer ist, aber manche Menschen handeln rassistisch und wissen dabei ganz genau, was sie anderen antun, wenn sie die Frage nach der Herkunft stellen oder auf die Hautfarbe anspielen. Nur in seltenen Fällen handelt man rassistisch, ohne es unterbewusst zu wollen.

Wer Begriffe wie "Negerkuss", "Zigeunersoße" oder Mauretanien verteidigt, die einen rassistischen Ursprung haben, macht sich gemein mit dem braunen Rand, der bis in die Mitte der Gesellschaft reicht. Es ist wichtig, sie nicht mehr zu benutzen, denn sie können Menschen glauben machen, dass sie sie verletzen. Mache dir am besten eine kleine Liste, auf der du Worte notierst, die du nicht mehr sagen willst - "Busch", "Dritte Welt", "Dschungel", "Einheimische", "Ethnie", "Häuptling", "primitiv" oder "schwarzer Kontinent"  gehören unbedingt drauf!

Aber wie kann ich dann noch sprechen?

PPQ.li: Keine Angst, das geht. Durch den Verzicht auf rassistische Begriffe wird man nicht sprachlos. Man kann Begriffe finden, die vielleicht zunächst Irritationen auslösen und damit die Diskussion über Sprache und Rassismus mit neuen Spannungsmomenten anreichern. Aus dem N-Wort oder dem Begriff ‚Farbige‘ wurden zuletzt zum Beispiel etwa Begriffe wie ‚Schwarze Deutsche‘ oder ‚People of Colour‘ geschaffen. Dabei muss man das eigentliche Adjektiv ‚schwarz‘ unbedingt groß schreiben und entsprechend betonen, damit der Respekt, den man diesen Menschen entgegenbringt, spürbar wird.



Wie können Kinder gemeinsam gegen Rassismus kämpfen?

PPQ.li: Kinder aller Hautfarben können sich gemeinsam und zusammen mutig gegen Rassismus verbünden und zusammen gegen ihn kämpfen. Denn gegen Ungleichheit sollten nicht nur Menschen kämpfen, die selbst davon betroffen sind – sondern auch alle, die es nicht sind, aber man muss vorher fragen, ob man mitmachen darf.

Gibt es in deinem Umkreis keinen richtigen akuten Fall, könntest du dich zum Beispiel mit deinen Freunden dafür einsetzen, dass Rassismus zu einem Thema bei euch im Unterricht wird. Oder wenn du Sendungen siehst, in denen immer nur weiße Kinder vorkommen, schreib eine Nachricht an den TV-Sender und sag, dass du lieber Kinder unterschiedlicher Herkunft und Hautfarbe sehen willst. Auch wenn du ein Buch liest, das nur von Kindern einer Farbe handelt, dann kannst du beim Schriftsteller protestieren, dass er das umschreiben soll.


Liebe Eltern,

dieser Text erschien zuerst bei PPQ.li, dem woken Kindermagazin von PPQ. Dort lesen smarte und clevere junge Menschen, die die Welt verstehen möchten. Sie interessieren sich für Natur, Menschen und Technik, so lange sie nachhaltig ist. Sie stellen Fragen, die nach Antworten suchen. Und sie geben sich nicht mit den erstbesten Ausflüchten zufrieden. Bei PPQ.li, dem ersten eigens für dynamische Tageswahrheiten designten Leseangebot für junge und jungebliebene Leserinnen und Leser ab drei Jahren, finden sie spannende, in einfacher Sprache geschriebene Geschichten aus aller Welt, Interviews und News aus Politik und Gesellschaft. Für noch mehr Spaß sorgen große Bilder, fetzige Comics, lösbare Rätsel und kreative Ideen zum Mitmachen in Küche, Bad und Keller.

t-online: Geheimer Staatssender im Netz

Mit gesunder Staatsbeteiligung: T-Online ist ein privates News-Portal, bei dem der deutsche Staat größter Fremdanleger ist.
Der geheime Staatssender im Internet liegt weit vor focus.de, bild.de und spiegel.de, er ist hinter den beiden E-Mail-Briefkästen GMX und web.de sogar die erfolgreichste Internetseite aus Deutschland in Deutschland. Doch niemand kennt ihn, keiner weiß, wer hinter der beliebtesten einheimischen Webadresse der Deutschen steht.

Dabei ist die Geschichte des Internetportals t-online (Eigenschreibung) die einer Enttäuschung für Millionen. Einst als Tochter des Staatskonzerns Deutsche Telekom für 27 Euro pro Aktie an die Börse gebracht, kostete die Beteiligung an der Gesellschaft, die eigentlich schon vor dem Börsengang allen Deutschen gehört hatte, jeden Privataktionär über die gesamte Haltezeit rund 20 Euro pro Aktie.

Den Rest verbuchte der Bundesfinanzminister als Gewinn, die Deutschen aber als Lehrgeld: War es der Bundesregierung doch gelungen, ihnen ein prosperierendes Unternehmen in einer Wachstumsbranche zu verkaufen, in der Börsengänge Erstaktionäre in der Regel reich machen. Wer beim Börsengang 2.700 Euro in Google investierte, kann seine Aktien heute für ein Vielfaches verkaufen. Bei Facebook sind sprängen immerhin das Zehnfache heraus. Und bei Amazon läge der Wert der für 2.700 Euro gekauften Aktien bei etwa einer halben Million Euro.

Bei T-Online lief es andersherum. Wer zum Beispiel 100 Aktien für 2.700 Euro gekauft hatte, bekam bei der Rückführung der Tochter in die Mutter Telekom 130 Telekom-Aktien. Im Gegenwert von 670 Euro. Doch dem Erfolg des Internetportals tat das keinen Abbruch, so dass die Telekom die begehrte Adresse schließlich an den Werbevermarkter Ströer weiterverkaufte. Die Transaktion erfolgte auf dem Wege einer Kapitalerhöhung; die Deutsche Telekom erhielt dabei einen Anteil von 11,6 Prozent an Ströer. Seitdem ist der deutsche Staat über seine Telekom der größte außenstehende Aktionär der reichweitenstärksten Nachrichten-Website Deutschlands.

Eine ideale Kombination, denn T-Online ist damit wichtiger Teil einer öffentlich kaum beachteten staatlichen Nachrichteninfrastruktur. Der frühere Internetanschlussverkäufer tritt heute wie seine privaten und öffentlich-rechtlichen Konkurrenten auf, ohne irgendwo zu verraten, dass der Bund über den Bundesfinanzminister selbst Miteigentümer ist.

20 Jahre nach dem Börsengang versorgt t-online jeden Monat rund 30 Millionen Menschen mit Nachrichten, gemacht von Profis, die ehemals bei privaten Medienhäusern arbeiteten.

Als "Top-15-Nachrichtenseite" in Deutschland bezeichnet das ebenfalls zu Ströer gehörende Statistikportal Statista T-Online, das Werbung für staatliches Lotto ohne Spielerschutzhinweis macht und daneben Gastbeiträge gleich von "14 EU-Außenministern" (T-Online) "exklusiv" anbietet. Die Ströer-Schwester Statista hat hier ihre eigene Ecke.

Und der Miteigentümer Bundesregierung ebenso.



Samstag, 19. September 2020

Zitate zur Zeit: Das Böse und die Moral


Es ist die Moral, die das Böse hervorruft, nicht umgekehrt.

Jean-Christophe Grangé, Die Fesseln des Bösen

Angela Merkel: Geschichte eines Kunstwerks

Gemälde Kanzlergalerie
Wenn Kümram malt oder zeichnet, dann immer nur ein Motiv: Angela Merkel. Doch der Maler weigert sich, von Liebe zu sprechen.

Es sollte eigentlich nur als Illustration eines Nachrichtenbeitrages dienen, damals im Februar, als sich Annegret Kramp-Karrenbauer nach der Niederlage gegen Angela Merkel im Weisungskampf um Thüringen eingeschnappt von der CDU-Parteiführung zurückgezogen hatte und die letzte deutsche Volkspartei in eine Sinnkrise stolperte.

Streit und Hader bestimmten die Atmosphäre an der Parteispitze, der Diadochenkampf der Egomanen, allesamt Männer, brach aus und spaltete eine ohnehin zerrissene Partei weiter. Angela Merkel schien für einen langen Moment lang erneut als das einigende Band, das die widerstreitenden Kräfte der Zerstörung in der CDU bannen kann. Sie, die beliebteste Politikerin der Deutschen, hätte es zweifellos vermocht, auch dieser unguten Entwicklung mit ein paar beherzten Worten voller Optimismus ein Ende zu bereiten.

Doch es war dann nicht der aufrüttelnde Text, der für Aufsehen sorgte. Sondern allein das Bild, das die PPQ-Fotoredaktion aus dem üblichen Überangebot der Agenturen als Illustration herausgesucht hatte. Ein Mann, sichtlich dankbar, küsst eine von begnadeter Hand gefertigte Zeichnung der Kanzlerin - was für ein Motiv, welche Tiefe,welche Stärke, so lauteten einige der Zuschriften, die nach der Veröffentlichung in der Redaktion eingingen.

Es war dann PPQ-Kolumnistin Svenja Prantl, die sich aufmachte, den Küsser zu finden, um ihn über seine Gefühle zu befragen. Und die von dem jungen Mann schließlich weitergeschickt wurde zu einem Künstler, der kein Hehl aus seiner Aufgabe macht: Severin Jagenberg, der sich als Maler eigentlich "Kümram" nennt, malt und zeichnet seit sieben Jahren ausschließlich Bilder der Bundeskanzlerin.

Mit diesem Bild eines Mannes, der eine Kümram-Zeichnung dankbar küsst, begann es.
"Eine Mission nennt er es selbst, die ihn "gerufen" habe, ohne dass er wusste, was ihm geschah", berichtet Prantl aus ihrer Begegnung mit dem Maler, Zeichner und Illustrator. Kümram weigert sich eigentlich, mit Medien zu sprechen, er ist misstrauisch, fühlt sich falschverstanden und falsch interpretiert.  "Was er mit erzählt hat, geschah unter dem Siegel absoluter Verschwiegenheit", berichtet Svenja Prantl, die sich unter dem Vorwand, einige großformatige Werke kaufen zu wollen, ins sauerländische Atelier des Meisters von Pinsel, Feder und Stift schlich.

Dort sah sie "die meisten Merkel-Bilder meines ganzen Lebens" (Prantl), beeindruckende große Arbeiten in Öl, Pastellfarben und Kohle, aber auch Drucke und Holzschnitte. Sogar kleine Skulpturen fertige Kümram, aus Kupfer zumeist, manche aber auch aus Gips und Brotteig. "Beeindruckend ist, dass man bei allen stets seine Handschrift erkennt", sagt Svenja Prantl, "es hat klare Linien, ist aber auch verspielt und zeigt immer die tiefe Sympathie des Künstlers für sein Werk."

Dieses Moment tief innewohnender Menschlichkeit ist es wohl auch, das den Erfolg des monothematischen Malers ausmacht. Niemand kann sich so gut in Angela Merkel hineinfühlen wie der gebürtige Thüringer, niemand kennt die kleinen Lachfältchen, den Bogengang der Oberlippe und den Fall der Kanzlerfrisur so genau wie der 58-jährige Meisterschüler von Walter Janus, dem während der Sowjetjahre in Ungnade gefallenen führenden Vertreter des realpolitischen Zeichenwesens.

Fotos als Vorlage braucht Kümram so wenig wie spezielle Modell-Sitzungen der vielbeschäftigten Kanzlerin. "Ich habe ihm zuschauen dürfen, wie er ein Ölgemälde grundierte", berichtet Prantl, "und das dauerte bei ihm keine Stunde."

Schon nach dieser kurzen Zeit habe man deutlich spüren können, dass da ein neues Meisterwerk der Kanzlermalerei entstehe. "Dennoch ist Kümram bisher noch nicht gefragt worden, ob er das Merkel-Bild für Kanzlergalerie im Bundeskanzleramt liefern wolle", schüttelt Kunstkennerin Prantl den Kopf.

In dieser Ausstellung im ersten Stock des Bundeskanzleramtes sind alle bisherigen Bundeskanzler mit einem Gemälde verewigt. Konrad Adenauer wurde von Hans Jürgen Kallmann gemalt, das Gemälde Willy Brandts erstellte der Düsseldorfer Maler Oswald Petersen, Helmut Schmidt wurde vom ostdeutschen Maler Bernhard Heisig porträtiert und Gerhard Schröder ließ sich von Jörg Immendorff malen. "Man merkt schon, das sind alles Männer", kritisiert Svenja Prantl, "Kümram wäre also ein idealer Kandidat, diese lange Reihe fortzusetzen." Das Signal dazu müsse jedoch aus dem Kanzleramt kommen. "Ich glaube, Kümram wäre bereit."

Freitag, 18. September 2020

Zitate zur Zeit: Gesetze als simuliertes Handeln

Überwachung Gesetze Bundesblogampelamt
Offline erlaubt, online verboten: Das Mitbringen von "Hass".

Der Gesetzestitel wankt einmal mehr im Nebel freier Assoziation, denn "Antisemitismus" ist zwar eine idiotische Gesinnung, aber als solcher nicht strafbar, und der Begriff "Hasskriminalität" meint gar nicht definierte Kriminalität aus Hass, sondern versucht, Hass-Äußerungen - oder was man dafür hält - als Kriminalität zu definieren. Straftaten, die "aus Hass" begangen werden, sind durchweg gar nicht Gegenstand des Gesetzentwurfs.

Wer aus Hass auf Polizisten Pflastersteine auf 22-jährige Menschen in Uniform wirft, ist kein "Hasskrimineller", sondern im Zweifel ein provozierter Moralist. Wer dagegen seinem Bürgermeister schreibt, dieser sei ein Idiot, begeht ein "Hassverbrechen".

Es ist also einmal mehr irgendwie kompliziert und unklar, wo man es auch einfach und klar hätte machen können. Aber alle denken, dass sie schon irgendwie wissen, was gemeint ist; und allein darauf kommt es bei Symbolgesetzen ja an.

Der frühere Bundesrichter Thomas Fischer sinniert über die vielschichte Bedeutung von Symbolgesetzen

Nachrichtenagentur DPA: Wenig regulierter Ort für wilde Theorien

Platz für Notizen: Je nach Bedarf und geltender Tageswahrheit können hier Forderungen der Demonstranten eingetragen werden.

Halb Wahrheitsagentur, halb Nachrichtenfabrik, halb Monopolist: Die im August 1949 gegründete Nachrichtenagentur DPA versorgt Deutschland zuverlässig mit täglich Tausenden von Nachrichten, die von ebenso vielen kleinen und großen Medienhäusern ungeprüft als reine unverfälschte Wahrheit weiterverbreitet werden.

Bei etwa 80 Prozent der von der Hamburger Firma verbreiteten Meldungen fungiert DPA nur als Transmissionsriemen, über den wörtlich übernommene  und zu Werbezwecken erstellte Pressemeldungen von Zeitungen, Zeitschriften und Fernsehsendern weiterverbreitet werden. Die wiederum können aufgrund des sogenannten Agenturprivilegs, einer besonderen Nichthaftungsregel im deutschen Presserecht, die es Journalisten erlaubt, Agenturmeldungen in der Presseberichterstattung zu übernehmen, ohne dass der Inhalt auf Richtigkeit überprüft werden muss, als "Nachrichten" übernommen werden.

Der Medienforscher Hans Achtelbuscher untersucht beim An-Institut für Angewandte Entropie der Bundeskulturstiftung seit Jahren, wie sich die Vereinheitlichung von Medienmeldungen auf die allgemeine Informationslage auswirkt. Als Experte für Phänomene für das Themensterben in  deutschen Medien und strengen Sprachregelungsmechanismen auf die berichterstattete Realität hat Achtelbuscher  eine "Einheit für einheitliche Empörung" (Emp) entwickelt, mit der die Haltbarkeit von Schwerpunktthemen gemessen werden kann.

Im PPQ-Interview erklärt der Entropologe und profunde Fakenews-Spezialist, was hinter der beinahe unregulierten Plattform steckt.

PPQ: Jede Menge Verschwörungsmythen zirkulieren gerade in der Welt, fast wie ein eigenes Virus. Was eben noch heftig als Fake News bekämpft wurde, kann morgen schon als neue Tageswahrheit ausgereicht werden, so dass Zweifel daran kaum noch möglich sind. Einer der Orte, an denen viele dieser wilden Theorien entstehen, ist das sogenannte Zentralbüro der Nachrichtenagentur DPA, das, so die Eigenbeschreibung, „unparteiisch und unabhängig von Einwirkungen und Einflüssen durch Parteien, Weltanschauungsgruppen, Wirtschafts- und Finanzgruppen und Regierungen“, mitteilenswerte Neuigkeiten in alle angeschlossenen Funk- und Druckhäuser verteilt. Herr Achtelbuscher, wie schätzen Sie Rolle und Bedeutung von DPA für das Informationsgefühl der Bürger ein?

Achtelbuscher: Gefühlt handelt es sich bei DPA um den Ursprung von fast allem, was wir wissen. Hier werden Nachrichten für alle produziert, umgeschrieben oder einfach weiterverteilt,  die sich selbst eine umfassende Nachrichtenproduktion und eigene Recherchen nicht mehr leisten wollen und das Angebot anderer Agenturen, die zumeist im Ausland sitzen, nicht umfassend genug finden.  DPA ist beliebt bei öffentlich-rechtlichen Sendern, bei privaten Radios und bei Tageszeitungen, aber auch bei Newsseiten aller Art, weil der Name für Glaubwürdigkeit steht.

PPQ: Aber für diese Plattform gelten anscheinend andere Regeln als für Medienhäuser, die noch selbst Nachrichten herstellen?

Achtelbuscher: Ja, die Deutsche Presse-Agentur GmbH ist die bei weitem größte Nachrichtenagentur der Bundesrepublik Deutschland mit Sitz in Hamburg und einer Zentralredaktion in Berlin. Sie ist in etwa 100 Ländern der Welt vertreten und unterhält in Deutschland 13 Landesdienste mit den entsprechenden Büros. DPA beschäftigt etwa 1000 Angestellte und  Beschäftigte, deren Produktion als privilegiert gilt, so dass niemand in den Ausspielstationen die gelieferten Informationen noch einmal aufwendig überprüfen und nachrecherchieren muss.

DPA-Meldungen dürfen grundsätzlich ohne weitere Nachprüfung übernommen werden. DPA beliefert nahezu alle deutschen Medien, die bei der Übernahme beliebiger Meldungen stets von der Haftung für die Verbreitung von unwahren Tatsachenbehauptungen freigestellt sind. Das spart einerseits Arbeit, andererseits Ärger, denn wenn falsche Darstellungen einer übernommenen Agenturmeldung enthalten sind, haftet nicht der Endverbreiter, sondern der Lieferant. damit gehört DPA natürlich gerade in der Corona-Krise zu den großen Gewinnern.

PPQ: Wieso denn das?

Achtelbuscher: Die notwendig Einschränkung einer Grundrechte machte es einerseits schwerer, vor Ort eigene Nachrichten zu produzieren, andererseits steigt der Informationsbedarf in der dynamischen Pandemielage beträchtlich. DPA profitierte davon, weil die Agentur für ganz viele ihrer Nutzerinnen und Nutzer eine Art Heiligenstatus hat. Obwohl ein Großteil der übermittelten Nachrichten seinerseits aus Nachrichten besteht, die von kleineren Medienhäusern, Talkshow-Redaktionen oder Unternehmen als Pressemitteilungen eingereicht und von DPA ungeprüft weiterverbreitet werden, nehmen die Redaktionen draußen im Land dem Marktführer alles voller Vertrauen ab.

Agentur heißt, es wird schon stimmen, denn eine Alternative gibt es nicht. Man kann das nicht alles selbst machen, andere Agenturen wie Reuters oder AFP liefern nicht dasselbe. Und stärker regulierte Wettbewerber, die nicht einfach eine "Spiegel"-Vorabmeldung als Eigenrecherche aussenden, gibt es nicht.

PPQ: Wer steckt hinter dieser vielen Menschen ja weitgehend unbekannten Macht?

Achtelbuscher: Das ist interessant. Die 179 Gesellschafter von DPA sind ausschließlich Medienunternehmen wie Verlage und Rundfunkanstalten, also die Häuser, die auch Kunden bei DPA sind. Anteilseigner und Kunden der Agentur sind also größtenteils identisch. Es gibt damit niemanden, der direkt hinter dem Unternehmen steckt oder besser gesagt, es sind alle. Wenn DPA also zum Beispiel ein Gerichtsverfahren in eigener Sache verliert, dann muss der "unabhängige Dienstleister für multimediale Inhalte" (DPA-Eigenwerbung) nicht fürchten, dass eine Meldung darüber überall breitgetreten wird.

PPQ: Und wer sind die Leute, die für die Plattform arbeiten und mit welcher Zielrichtung tun sie das?

Achterbuscher: Alles richtet sich nach dem sogenannten DPA-Statut, das aber selbst auf der Internetseite der Firma nur schwer oder gar nicht zu finden ist. Wer genau aus welchen Beweggründen dort was verbreitet, ist ebenso schwer nachvollziehbar. Im "DPA-ID- Partnerprogramm" können beispielsweise externe Anbieter ihre Dienste auf dem Marktplatz der DPA anbieten. Automatisiert werden diese Angebote dann weiterverbreitet, ebenso automatisiert wie seinerzeit die exklusive Nachrichte, dass wohl viele Ehec-Tote nicht mehr gesund werden.

Der Vorteil ist, dass Meldungen in der Regel in einem gleichförmigen Textdesign  durch Land ziehen, andererseits, dass eine DPA-Meldung immer den Grundton der Berichterstattung festlegt. Kritisch oder tolerant-solidarisch, hier entscheidet sich bei den meisten Themen, was gelesen und geglaubt werden wird.

PPQ: Die Plattform sage von sich selber, dass sie unabhängig von Weltanschauungen, Wirtschaftsunternehmen oder Regierungen ist und nicht das Ziel habe, Profit zu erwirtschaften. Ist das nicht ideal?

Achtelbuscher: Es ist ein Ideal. Wir haben allerdings über Jahre hinweg DPA-Medlungen analysiert und festgestellt, dass etwa bei den DPA verbreiteten Fotos viele Fragen offen bleiben. Man sieht das oft, bemerkt es aber nicht: Doch geht es nach dem, was DPA als Quelle von Fotos angibt, saß beispielsweise ein Agenturfotograf bei den Terroristen der NSU auf dem Rücksitz im Auto, ein anderer war beim Skandalauftritt der russischen "Band" Pussy Riot in der Erlöser-Kathedrale dabei und ein dritter fotografierte den damaligen Terrorfürsten Bin Laden in seiner Felshöhle im afghanischen Bergland. Muss man da nicht vermuten, dass es eine besondere Nähe gibt?


PPQ: Ein weiterer Punkt, der zuweilen diskutiert wird, ist, dass DPA zahlreiche Fake News liefert, zugleich aber ein großer Player im Faktenchecker-Business ist. Wie geht das zusammen?

Achtelbuscher: Das eine bleibt vom anderen unberührt. Dadurch kann einerseits verbreitet werden, dass das eine richtig ist, andererseits besteht die Möglichkeit, auch das Gegenteil als gecheckten Fakt zu verbreiten. Die einzige Unterschiedsquelle dazwischen ist die Zeit, man wird also kaum erleben, dass zwei widersprüchliche Wahrheiten am selben Tag ausgeliefert werden. Praktiziert man das so, und DPA macht das sehr professionell, dann lässt sich dieser Effekt ganz gezielt nutzen, ohne dass Fragen gestellt werden.

PPQ: Die Tradition der DPA bei Fake News ist aber schon eine große und reiche?

Achtelbuscher: Oh ja. Die bekanntesten Beispiele waren die Nachricht vom Tod Chruschtschows am 13. April 1964 und ein frei erfundenes Zitat Kossygins zur Wiedervereinigung Deutschlands im Dezember 1966. Schon 1969 wurde der Agentur auch große Regierungsnähe und eine entsprechende Färbung der Berichterstattung vorgeworfen.

Öffentlich entschuldigen musste sich die Agentur, die wir in der Forschung auch die "Danachrichtenagentur" nennen, weil sich alle danach richten, unter anderem für Falschmeldungen über die Proteste gegen den G8-Gipfel in Heiligendamm (2007)[23] und über den damaligen Wirtschaftsminister zu Guttenberg (2009).[24] Im Einzelfall führte das zu neuen Regelungen über die Quellenangaben der verbreiteten Nachrichten, man stellte sich damit dann also frei von Vorwürfen, man habe Falschnachrichten verbreitet, indem man strenger darauf verwies, dass man sich diese Fake News nicht selbst ausgedacht hatte.

PPQ: Was können Medienkonsumenten tun, um der gewaltigen Marktmacht der DPA auszuweichen?

Achtelbuscher: Das ist schwierig, wenn nicht fast unmöglich, Man könnte sagen, Vorsicht, wenn das Kürzel irgendwo auftaucht, das heißt eben nicht, dass alles stimmt, was dort steht.  Aber das Kürzel taucht nicht einmal überall dort auf, wo DPA drin steckt, denn gelegentlich fantasieren Medienhäuser auf der Basis von DPA-Meldungen auch einfach eigene Nachrichten zusammen.

Medienkonsumenten müssen sich diese Entwicklung eben stets bewusst sein und lieber einmal weniger etwas glauben. Man muss diese Plattform kennen und verstehen, aber wer diese Probleme wirklich ursächlich angehen will, der hat, fürchte ich, noch viel mehr zu tun, als sich nur mit dieser Verbreitungstechnik auseinanderzusetzen. Da geht es dann um Präventions- und Bildungsarbeit. Und gerade wenn wir über Verschwörungstheorien reden, auch ganz stark darum, dass die Gesellschaft wissen muss, dass DPA eben auch bei Facebook als Gatekeeper arbeitet, sondern die Falschmeldungen, die in dieser Funktion enttarnt werden, zuweilen aus dem eigenen Haus stammen.

Donnerstag, 17. September 2020

Weswegen warum, weshalb wieso?


Wozu diese Fragen? Weshalb eine Antwort? Warum aber keine? Weswegen sollte es wichtig sein? Wieso aber nicht? Nach Grimms Wörterbuch kommt weswegen vom inzwischen ausgestorbenen "weshalben", das sich von  "wessen halber", also von "von wessen Seite her" ableitete.

Unsinnigerweise, denn die Präposition "halber" bedeutet eigentlich auch schon "wegen" und ist mit "halb" zumindest halb verwandt. Schon das althochdeutsche "halba" bedeutete "Hälfte, Seite" und daraus machten Menschen früher das Wort meinethalben, das als "von meiner Seite her" zu verstehen war. Verwendet wird es heute nur noch von älteren weißen Männern, die zuweilen auch mit "weswegen" nach dem sichtbaren äußeren Gegenstand fragen, der etwas hervorruft, "unter dem ein Mensch leidet" (Grimm)

Gebräuchlich ist mittlerweile aber nur noch das Warum, die direkte Frage nach dem Beweggrund, der nicht sichtbar ist, der verursachenden Kraft. Weswegen warum? Und weshalb nicht wieso? Nun, die Gegenwartsgesellschaft kommt mit oft mit der einfachsten weil-Antwort aus: Der Löffel ist krumm. Warum? Darum! Wieso dagegen fragt gezielt danach, wie kommt es so kommt, wie es der Frager beobachtet hat, weshalb der Löffel Löffelform hat und weswegen nicht die einer Blumenschale.

Eine fast schon wissenschaftliche Fragestellung nach dem Erklärungsgrundsatz, dem Auslöser einer Ursache-Wirkung-Beziehung, das auf einem Naturgesetz beruhen muss, einer Regel, der die Beobachtung gehorchen muss, weil sie nichts anderes beobachten kann, als was passiert. Warum betrieb früher, im Althochdeutschen, als wār umbe und später im Mittelhochdeutschen als warumbe gleichermaßen wie das lautmalerisch ähnliuche worum Ursachenforschung:  Warum ist der populäre Bruder von weshalb.

Wozu dagegen, von Grundschülern kaum noch verwendet, ist zweckgerichtet: Das, was geschieht, hat eine Ursache, aber eben auch ein Ziel - wozu will den erfahren, nicht aber seinen Grund, während warum und weswegen genau diesen wissen wollen. Offiziell wird selbst in weiterbildenden Schulen meist jeder Unterschied zwischen den so gleichen und zugleich so unterschiedlichen Fragewörtern "wieso", "weshalb", "weswegen" und "warum" geleugnet. Die vier Kausalfrageadverbien - nicht betroffen sind wann, wo, wer, wer, wie und nur zum Teil was - gelten als Synonyme, die keinerlei semantischen Unterschiede aufweisen.

Warum als Frage nach dem Grund oder dem Motiv, wieso als Frage nach der Ursache und weshalb wie weswegen als Fragen nach dem Zweck werden als Vokabeln exakt gleicher Bedeutung anerkannt, obgleich weshalb und weswegen Dinge zu tun imstande sind, die warum und wieso nicht vollbringen können: Ein Satz wie "Wir waren dann früher fertig geworden, weshalb wir schon gegangen sind" lässt sich mit warum oder wieso einfach nicht bilden.

Bundespasswortherausgabestelle: Nie mehr neue Passworte


Die Herausgabe von sicheren Passworten an die Bevölkerung hatte die eigens dafür gegründete Bundespasswortvergabestelle (BPVS) bereits im vergangenen Jahr übernommen. Jetzt wird die Bundespasswortsicherheit weiter erhöht: Eine neue Bundespasswortherausgabestelle (BPHS) fungiert künftig als Treuhänder zwischen Klarnameninhabern und Fahndungsbehörden.

Jahrelang hatte die staatliche Passwortbehörde BSI gefordert, Internetnutzer sollten ihre Passworte „regelmäßig ändern". Das sei zwar mühsam, aber sicherer, weil es wirksam verhindere, dass Hacker und russische Trolls sich in deutsche Accounts einschleichen und Waren bestellen oder Schicksalswahlen manipulieren können. Jetzt aber steuert das Bundessicherheitsamt um: Eine regelmäßige Änderung von Passworten sei kein sinnvoller Ratschlag, sondern vielmehr gefährlich, heißt es in der 2020er-Ausgabe des BSI-Grundschutz-Kompendiums im Kapitel zur Regelung des Passwortgebrauchs (ORP.4.A8).

Neues Passwortherausgabegesetz


Hintergrund des Richtungswechsels dürfte das neue Passwortherausgabegesetz sein, das Bundesjustizministerin Christine Lambrecht plant. Das regelt künftig abschließend, welche Zu – und Durchgriffsrechte deutschen Sicherheitsbehörden vom MAD über den Verfassungsschutz bis zu den kommunalen Ordnungsämtern auf Postfächer und Netzwerkaccounts gewährt werden muss. Die Bundespasswortherausgabestelle (BPHS) wird danach als zwischengeschaltete Mittelinstanz darüber wachen, dass als sogenannte Hashs gespeicherte Passworte in den Bundespasswortdatenbanken im Klartext hinterlegt werden. Eine Empfehlung, Passworte regelmäßig zu ändern, so heißt es im politischen Berlin, mache damit keinen Sinn mehr.


Lediglich für den Fall, dass ein Passwort in fremde Hände geraten sein könnte, muss man sein Passwort gemäß BSI-Richtlinien noch ändern. Auch die dort bisher aufgeführte Verpflichtung, feste Regeln für Länge und Komplexität vorzuschreiben, ist verschwunden. Damit soll der Aufwand für die BPHS minimiert werden, die so eingelagerten und gespeicherten Passworte nicht fortlaufend aktualisieren muss, wenn Bürgerinnen und Bürger (im Gesetz "Klarnameninhaber" oder KNI) beschließen, ihre Passworte aus falschverstandenen Sicherheitserwägungen zu erneuern.

 Nur berechtigte Behörden haben Zugriff



Bereits seit Jahren kristallisiert sich in Sicherheitskreisen der Geheimdienste ein Konsens heraus, dass solche Regeln eher schaden als nützen, weil ein gutes Passwort, ist es erst einmal sicher und nur für berechtigte Behörden einsehbar bei der Bundespasswortherausgabestelle hinterlegt, bedenkenlos über Jahre und Jahrzehnte hinweg genutzt werden kann.

Das regelmäßige Ändern führt aller Erfahrung nach eher dazu, dass im Falle einer Herausgabeforderung  berechtigter Behörden falsche Passwörter geliefert und Ermittlungen behindert werden. Deshalb soll die bisher propagierte Verpflichtung zum regelmäßigen Passwortwechsel ersetzt werden durch ein Bundespasswortwechselverbot (BPWV). Auch der "Ändere dein Passwort"-Tag der Bundeszentrale für Passwortsicherheit fällt damit weg.

Die US-amerikanische Standardisierungsbehörde NIST, die das regelmäßige Passwortwechseln ursprünglich festgeschrieben hatte, nahm bereits 2017 von derartigen Regeln Abstand, das britische Pendant CESG sogar schon 2016.Deutschland zieht hier nun nach - im Dienst der Sicherheit aller.

Mittwoch, 16. September 2020

Die Hoffnung stirbt zuletzt


Quelle: Bild-Zeitung vom 23.02.2007

Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Wasserstoff: Der lange Traum vom Öko-Sprit


Knapp anderthalb Jahrzehnte nach dem Start der nationalen Wasserstoff-Strategie hat die Bundeskanzlerin jetzt eine nationale Wasserstoff-Strategie angekündigt.
Es war im Jahre 2006 und Angela Merkel war noch kein Jahr im Amt, als die Bundesregierung Pflöcke einschlug, dass die Erde bebte. Mit der "NOW GmbH Nationale Organisation Wasserstoff- und Brennstoffzellentechnologie" gründete die Bundesregierung eine bundeseigene Gesellschaft, die den erst Jahre später verkündeten Energieausstieg vorbereiten sollte. Der Bund machte darum nicht viel Tamtam, kleine Firmengründung, bisschen Stammkapital, ein Firmensitz in der feinen Berliner Fasananstraße. Fertig. Zwei Geschäftsführer wurden eingestellt, gute Leute, die gut bezahlt werden müssen. Seitdem läuft das Geschäft wie am Schnürchen.

300.000 Euro Gehalt


Jahr für Jahr kassieren  die beiden Firmenchefs zusammen um die 300.000 Euro Gehalt, aber dafür leisten sie auch einiges. Bis heute konnte die NOW GmbH Millionen und Abermillionen "echte Zuschüsse bzw. Einnahmen aus Zuwendungen sowie Mittelzuweisungen" für "Ziele im Bereich Mobilitäts- und Kraftstoffstrategie"ausgeben, wie es im Bundesbeteiligungsbericht heißt.

Die Öffentlichkeit nahm davon nie Kenntnis, denn NOW arbeitete über Jahre weitgehend im Verborgenen. Gerademal als einer der beiden erfolgreichen Geschäftsführer aus seinem halben in ein volles Staatsamt aufrückte, machte das Schlagzeilen in der Fachpresse.

Fast 15 Jahre lang feilte und schliff die Nationale Wasserstoffinitiative so am Treibstoff der Zukunft. Jahre, in denen Elon Musk Tesla gründete, Jahre, in denen die deutsche Automobilindustrie ihre Rolle als Technologievorreiter verlor. Der Erfolg war so groß, dass sich NOW zuletzt fast vollständig darauf konzentrierte, statt der Wasserstofftechnologie Elektrotankstellen zu fördern und die Anschaffung von Elektroautos zu finanzieren. Wasserstoff? Die Idee von Brennstoffzellen-Hausheizungen oder einer bundesweiten Infrastruktur zum Wasserstofftanken war irgendwo unterwegs verloren gegangen. Die Schweden betrieben das. Aber wir doch nicht.Der ursprüngliche Geschäftszweck "Wirtschaftsförderung im Rahmen der Koordination und Umsetzung des „Nationalen Innovationsprogramms Wasserstoff- und Brennstoffzellentechnologie“ der Bundesre-gierung, kurz NIP" wandelte sich auch offiziell. Zum Schwerpunkt wurde nun  "die Gestaltung, Koordination und Umsetzung nationaler Strategien und öffentlich-privater Programme im Technologiefeld nachhaltige Antriebe".

Aber Hauptsache, NOW lebt weiter, auch wenn das Jetzt eher Prozesscharakter angenommen hat. Mehr als fünf Millionen Euro hat die Bundesregierung bis heute allein an Vorstandsgehältern für die beiden Firmenchefs gezahlt, die Zahl der Mitarbeiter ist auf 30 gewachsen, die Personalkosten stiegen dadurch allein im letzten Jahr um 35 Prozent. Der gute Zweck heiligt die Mittel, wenn er auch nicht mehr der ursprünglich anvisierte ist. Alles kann und alles wird sich wieder ändern, das ist sicher.

Und wie. Mitten in Corona und EU-Energieausstieg verkündete Angela Merkel, bis zum Jahresende eine "Wasserstoff-Strategie" (Merkel) vorlegen zu wollen. Denn Wasserstoff sei, so die Kanzlerin, der "vielleicht interessanteste Energieträger". Das vor 15 Jahren geborene „Nationale Innovationsprogramms Wasserstoff- und Brennstoffzellentechnologie“, kurz NIP, scheint Angela Merkel ebenso gründlich vergessen zu haben wie die Existenz der seinerzeit eigens dafür gegründeten NOW GmbH Nationale Organisation Wasserstoff- und Brennstoffzellentechnologie. Die Bundesregierung wird nun ein neues NOW gründen für eine neue NIP.

Dienstag, 15. September 2020

"Abwandlungen eines Raunens": Lustig war das Zigeunerleben

Das N-Wort signalisiert Sprachkundigen: Una negra dura el doble que una corchea.

"Lustig ist das Zigeunerleben, faria, fariaho, brauchen dem Kaiser kein Zins zu geben, faria, fariaho.
Lustig ist's im grünen Wald, wo des Zigeuners Aufenthalt, faria, faria, faria, faria, Faria, fariaho", so sang Mara Kayser einst in ihrem sinti- und romafeindlichen Machwerk "Lustig ist das Zigeunerleben", einem Dauerbrenner bis heute, den sich Youtube störrisch zu löschen weigert, obwohl er Klischees aneinanderreiht wie zehn Regalmeter Knorr's Zigeunersoße.

Korrekturbedarf im Brockhaus


Ein Skandal, der bisher unaufgedeckt geblieben ist, obwohl die woke Zivilgesellschaft zumindest so lange auf die Suche nach rassistischem Verpackungsverdachtsfällen ging, wie die Kraft reichte. Die "Zigeunersauce" erwischte es. Neben Knorr kündigten auch Rewe, Kühne, Homann und Werder an, die traditionelle Bezeichnung von ihren Verpackungen zu entfernen. Künftig heiße das laut großem Brockhaus "Kochkunst" aus "Garnitur à la zingara" übersetzte Gericht "Paprikasauce Ungarische Art" also "Hungarian condimentum style paprika". Der Brockhaus muss dringend korrigiert werden.

Nur ein Anfang, wenn auch ein vielversprechender. Nick Cave etwa, der australische Dunkelmann, der eben noch störrisch jedes Ansinnen zurückgewiesen hatte, Wirklichkeit nachträglich zu begradigen, hat sich jetzt bereiterklärt, alte, heute als problematisch empfundene Liedtexte zu ändern. Die Zeile "ein Schwuler in einem Walknochenkorsett drückt seinen Schwanz in meinen Nacken", die Cave 1992 in "Papa Won’t Leave You, Henry" voll jugendlichem Leichtsinn sang, geht heute nicht mehr.

Aber "Lustig ist das Zigeunerleben"? Und "The Night They Drove Old Dixie Down"? Was ist mit "Black Boys on Mopeds"? "A Woman is the Nigger of the World"? "Brown sugar"? Oder "One in a Million"? Faria, faria, faria, faria, Faria, fariaho.

Anpassungen an der Vorgeschichte


Die Welt verlangt mehr denn je nach Anpassungen ihrer Vorgeschichte. Erst nachholend kann überhaupt noch gesagt werden, was richtig und was falsch, was zulässig und was uns unerträglich erscheinen muss. Sind es aktuell noch die Kunst- und Kulturschaffenden, die sich an der Tageswahrheit abarbeiten, denen der Furor der Besserwissenden nacheilt, um "Abwandlungen eines Raunens" zu notieren, das einen "Triumph des Mittelmäßigen" ankündigt, fordert die neue Normalität des normierten guten Geschmacks das Verantwortungsbewusstsein von morgen schon im Heute.

Wisse, was eines Tages richtig sein wird, dann nur dann vermeidest du, heute etwas Falsches zu denken, zu sagen oder gar zu schreiben.

Einfach draufloskünstlern wie früher, als alles erlaubt oder wenigstens nicht verboten war, empfiehlt sich nicht, soll nicht späte Feme den Kunstschaffenden  seinen Platz im Pantheon der Giganten kosten. Vorsicht ist die neue Mutter der Kunstaustellung, denn das Raunen, und es kann durchaus ein gefühltes, nicht hörbares sein, bestimmt über den Nachruhm.

Energieausstieg: Nullwatt für die Transformationsgesellschaft

Casus-Institut Görlitz
Weit draußen in der Wildnis der Lausitz siedelt die Bundesregierung im Kampf gegen rechts jetzt funkelnagelneue Bundesinstitute an.


Die Folgen des Klimawandels, der Aufbau des Sternensystems, der Kohleausstieg oder der Rückbau der Mobilität – diese Themen haben eines gemeinsam: Es handelt sich um komplexe Systeme aus vielen unbekannten Größen und einem undurchschaubaren Ursache-Wirkung-Geflecht. Mit Hilfe neuartiger digitaler Methoden, Riesenrechnern und einem im Zuge der Ansiedlungsinitiative der Bundesregierung in der Lausitz neugegründeten Fotschungsinstitutes für künstliche Intelligenz (KI), Grubennachnutzung und Mobilitätsumstieg wollen Wissenschaftler des neugegründeten Kohleersatz-Instituts (KEI) in Görlitz für diese Phänomene Zukunftslösungen entwickeln.

Datenintensive Systemforschung


Zur Eröffnung des KEI-Zentrums für datenintensive Systemforschung kam auch Bundesblogampelamtschef (BBAA) Herrfried Hegenzecht in die weitgehend menschenleeren Weiten der Lausitz. "KEI wird zeigen, welche Chancen im überwachten Energieausstieg für unsere Gesellschaft liegen", sagte der Experte für die Neumodellierung der Gesamtgesellschaft. "Es ist ein fach- und grenzüberschreitendes Leuchtturmprojekt, das in der deutschen Transformationslandschaft dringend gebraucht wird. Dieses Wissenschaftszentrum des 21. Jahrhunderts ist eine Chance für Görlitz, die Lausitz, Europa und die Welt."

KEI steht für Kohle-Ersatz-Institut, weil hier in den kommenden Jahren hunderte ehemaliger Bergarbeiter einen neuen Job bei der Erforschung des sogenannten Advanced Understanding of Transformation (AUoT) finden werden. Im Forschungszentrum werden zu Mathematikern, Computer- und Datenwissenschaftlern und wissenschaftlichen Grenzgängern wie Biomaten, DNA-Ingenieuren und Zeitreisenden umgeschulte frühere Förderbrückenfahrer, Kantinenfrauen und Brigadiere interdisziplinär und multilingual zusammenarbeiten.

Bereits Ende des Jahrzehnts sollen die ersten 15 Experten ihre Arbeit für das Projekt aufnehmen, für das weit draußen in einer inzwischen von Wildwuchs bevölkerten ehemaligen Braunkohlebarackensiedlung ein neues Forschungszentrum aus klimaneutralen Nullwattgebäuden hochgezogen wird.

Die Idee eines solchen Instituts an der Neiße entstand vor gut zwei Jahren in der University of California in Berkeley, die vor Ort Partner im Klimawatch-Institut im sächsischen Grimma fand. "Wir wollen, dass das heutige Spezialwissen der Bergarbeiter morgen für alle nutzbar ist, zum Beispiel durch neue Codes, die nicht nur auf Großrechnern arbeiten, und innovative Software-Methoden", sagt Forschungsleiter Herbert Haase, der auf eine ähnlich erfolgreiche Aufbauarbeit daheim in Grimma verweisen kann.

Der Aufbau des KEI-Zentrums wird mit rund elf Millionen Euro aus Bund- und Land gefördert, davon entfallen etwa 1,1 Millionen auf Kunst am Bau. Für Sachsen ist das Forschungszentrum ein konkreter Schritt für den Strukturwandel in der Lausitz, denn hier zeigt sich erstmals, welche investive Kraft sich entfaltet, wenn kluge Köpfe nicht in eine entleerte Region importiert und Chefsessel mit Auswärtigen besetzt, sondern einheimische Ressourcen genutzt werden, um bisher abgehängte Lagen als Forschungsstandort zu etablieren. Haase nennt das Forschungszentrum einen "Meilenstein für die Entwicklung von Görlitz als Stadt der Forschung und der neuen Technologien". Er strahlt dabei, denn er ahnt, dass hier ganz Großes wachsen wird.