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Samstag, 20. April 2019

HFC: Der Anfang von etwas ganz Großem

Der Start in dieses erneute Spiel des Jahres, er geht erstmal schief. Die Regie zeigt die falsche Spielernamen auf der Anzeigetafel im halleschen Erdgas-Sportpark, der Stadionsprecher verliest ganz andere, die Regie stoppt und startet neu. Und nun ist alles völlig durcheinander im fünftletzten "Endspiel" (Bentley Baxter Bahn) des Halleschen FC um den Aufstieg in die 2. Bundesliga.

Zum Glück der letzte Fehler, der an diesem Tag im Spiel gegen 1860 München passiert, das vor fast auf den Tag genau 27 Jahren an der Totenbahre der Zweitliga-Ambitionen des HFC gestanden und die Sergej Gozmanov, Frank Schön und Frank Pastor mit einem 2:0 in München einen Schubser Richtung Abstieg gegeben hatte.

Heute sind die Vorzeichen bei strahlendem Frühsommerwetter und einem mit fast 11.000 Zuschauern gefüllten ehemaligen Kurt-Wabbel-Stadion ganz andere. Der Gast mit dem großen Namen, in der 3. LIga gemessen an seinen Ambitionen ein Zwerg, kommt ersatzgeschwächt an die Saale. Die Gastgeber aber, runderneuert in die erste Saison mit Trainer Torsten Ziegner gestartet und kurz vor Ultimo plötzlich ernsthafter Mitspieler im Aufstiegsrennen drei aus vier, haben nach ein paar Wochen voller Minusergebnisse und Nackenschläge gerade noch rechtzeitig auf Attacke umgeschaltet: Der HFC spielt die beste Saison seit 1991, als die Rot-Weißen die letzte DDR-Oberligaspielzeit auf Rang vier hinter Rostock, Dresden und Erfurt beendeten.


Rostock liegt zehn Punkte hinter Halle, Erfurt spielt ein Etage tiefer, Dresden dagegen dort, wo Halle nun wohl wirklich ernsthaft hin will. Druckvoll wie in den besten Momenten der Saison erarbeiten sich Ziegners Männer von der ersten Minute an Chance um Chance. Wieder mit Fetsch-Ersatz Kilian Pagliuca und Schilk für HFC-Denkmal Lindenhahn, gelingt es 1860 kaum einmal, den Ball auch nur über die Mittellinie zu schlagen. Ecke folgt auf Flankenlauf, Kombination auf Balleroberung. Die Gäste müssen sich vorkommen wie die HFC-Elf neulich gegen Wiesbaden, als sie in der Startphase von einem entsichert wirbelnden Gast überrollt worden waren.

Hier rollen sie nun selbst, rackern und kombinieren, dass es eine Freude für jeden ist, der die dunklen Jahre miterleben durfte, als die Gegner Auerbach und Neugersdorf, Ascherleben und Schott Jena hießen. Die Furcht, dass es wirklich ernst werden könnte mit dem Aufstieg, die Baxter Bahn, Landgraf, Ajani und Sohm nach Start der Rückrunde befallen zu haben schien, sie ist verflogen, verschwunden, fort. Selbst der Ausfall von Mathias Fetsch, dem besten Torschützen, und der Umstand, dass der im Winter geholte Routinier Christian Tiffert noch immer nicht die erhoffte Verstärkung ist, scheinen keine Rolle zu spielen: Gegen 1860 wird Björn Jopek, in der Hinrunde die Nummer 12 im Aufgebot, zuletzt aber regelmäßig Startspieler, zum besten Mann auf dem Platz. Und Kilian Pagliuca, der Schweizer, der schon als Fehleinkauf vor der Heimreise stand, macht im dritten Spiel als Fetsch-Vertreter sein zweites Tor.

18. Minute, Ajani setzt sich rechts durch und flankt, abgewehrt, Jopek holt den Ball auf linksaußen und flankt erneut. Pagliuca steigt hoch und trifft wie im Training.

Der Anfang von etwas ganz Großem, bei dem die von engagiert singenden und trommelnden Fans begleiteten 60er leidenschaftlich in die Opferrolle schlüpfen. Nach vorn vollbringt die Elf von Daniel Bierofka gar nicht, hinten wehren sie sich am liebsten mit Fouls. Sebastian Mai, wie stets der lauteste auf dem Platz, obwohl er die weitesten Wege geht, hätte in der 32. Minute eigentlich davon profitieren müssen, als ihn ein Münchner im Strafraum von hinten umstößt, als er den Ball aus kurzer Distanz nur noch an 60er-Keeper Hiller vorschießen muss.

Aber der Pfiff bleibt aus.

Nach Wiederanpfiff scheint dann sogar die ganze Veranstaltung zu kippen. Seit dem in letzter Sekunde verlorenen Cottbus-Spiel sind die Hallenser traumatisiert, die zweitbeste Abwehr der Liga wackelt dann gelegentlich, vor allem, wenn der Vorwärtsdrang der Mittelfeldkollegen Lücken für Konter reißt.

Die allerdings nutzt 1860 nicht. Und wenn doch, dann sind Landgraf, Heyer und Schilk zur Stelle. Nur ein einziges Mal droht der Euphorie, die auch angesichts der Zwischenergebnisse in Jena und Karlsruhe beim zwischenzeitlich nur noch einen Punkt von Tabellenplatz 2 entfernten Gastgeber herrscht, ein jähes Ende. Nach einer Ecke von links fährt Eisele den Arm gegen einen Schuss aus nächster Distanz aus, vielleicht noch vor, vielleicht auf, vielleicht aber auch knapp hinter der Linie. Den zweiten Schussversuch eines 60ers haut Landgraf von der Linie.


Es ist wie ein Signal, dass diese Veranstaltung noch nicht beendet ist. Denn nun verschiebt sich das Spiel wieder weiter nach vorn, der HFC attackiert, 1860 verliert erst die Übersicht und nach einer Flanke von der rechten Seite, die Baxter Bahn mit dem Kopf verlängert, schiebt Sturmtank Mai aus vier Metern unbedrängt ein.

2:0 und die größte Angst vor einem dumm eingefangenen Ausgleich ist weg. Bei den Gästen in Hellblau gehen nun auch die Köpfe runter, es häufen sich Frustfouls und Gemecker. Marvin Ajani, der gern in der 2. Liga spielen würden, aber zuletzt nicht so wirkte, als könne er das, macht den Deckel drauf. Drei Minuten nach dem 2:0 verzettelt er sich bei einem Dribbling auf links, beinahe schon scheint er Ball und Übersicht verloren zu haben. Dann kommt die Flanke doch noch, lang und länger segelt sie an allen möglichen Empfängern vorüber. Und schlägt im langen Eck ein, als habe sie von Anfang an ein Kunststoß sein wollen.

3:0 und damit zweithöchster Saisonsieg, viertes Spiel ohne Niederlage seit der Schlappe gegen den härtesten Konkurrenten Wiesbaden, der in Jena zum selben Zeitpunkt 2:0 hinten liegt (Endergebnis 3:1). Der Hallesche FC bringt den Rest von Fußballfest auch noch über die Bühne und erobert damit Relegationsplatz 3 zurück. Nun warten noch die Spiele gegen Großaspach, Münster, Braunschweig und Karlsruhe, den zweiten direkten Gegner im Aufstiegsrennen.

In der Hinrunde holte der HFC gegen die vier Vereine neun Punkte. Wiesbaden schaffte in seinen letzten vier Hinrundenpartien nur vier, Karlsruhe dagegen zwölf.

Kommt es wieder so, hieße das am 18. Mai Relegationsplatz 3 für den HFC.

Machtwort zum Brexit von Elmar Brok: Wir machen weiter wie bisher



Da ist er aber immer noch, der ewige Elmar, der als letzte Zeitgenosse Breshnews die Fahne der Fantasie im europäischen Parlament hochhält, stets unbeeindruckt von den Wirren aktueller Geschehnisse, allwissend, und wissend, was andere müssen müssen. Brok hat schon die Ukraine befreit, die Flüchtlingskrise mit einer in Kürze in Kraft tretenden europäischen Lösung beendet und Prinzipien angeprangert, die klar gegen die der Europäischen Union verstießen.

In den Wochen vor dem angesagten Exit der Briten war der Senior unter den europäischen Kostgängern Experte für den Brexit geworden, ein Mann, ein Wort, auf allen Kanälen genoss der Insider seine letzten Tage im Licht historischer Bedeutung. Nach den gescheiterten Verhandlungen um den Austrittsvertrag schöpfte der langjährige Lobbyist des Bertelsmann-Verlages klare Worte für das, was die Briten von der EU noch zu erwarten hätten: Nichts! Kein Nachgeben, keine Verlängerung von Fristen, eine harte Hand, Kompromisslosigkeit. "Sie müssen eine Vereinbarung treffen", sagte Brok, London müsse mit London sprechen "und eine Verlängerung gibt es nur, wenn ein klares Konzept dahintersteht". Die Briten müssten "in den nächsten Tagen liefern".

Aber wie oft ist, wenn Brok ein Prinzip reitet: Das Pferd ist ein toter Esel, der Reiter nackt, die Kavallerie trabt in eine ganz andere Richtung. Es kam ein Aufschub und noch einer und als Notre Dame brannte, erinnerte sich schon kaum noch jemand, dass die EU, die sich angewöhnt hat, von sich als "Europa" zu sprechen, gerade noch vor dem Untergang stand. Brok, ein Vordenker dieses Europas, das sich selbst für das Ganze hält, wurde nun kurzzeitig zum Experten für Urheberrecht, dann war schon beschlossen, was er "nicht lustig" zu finden angekündigt hatte.

Elmar Brok hat das nicht mehr kommentiert. Er hat alles erreicht, was ein Mann erreichen kann: Nach dem Große Bundesverdienstkreuz, dem Großen Goldenen Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich, der Verdienstorden „Großoffizier von Luxemburg“, dem Kommandeurskreuz des Verdienstordens Litauens, dem estnischen Verdienstkreuz II. Klasse des Ordens von Terra Mariana und dem Titel "Pfeifenraucher des Jahres 2007" erhielt der 72-Jährige Anfang März auch noch mit dem Karnevalsordnen der Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker.

Ein Lebensziel ist erreicht, ein Lebenswerk hat sich vollendet.

Gesucht: Der beste Hitler aller Zeiten


Bruno Ganz starb, und im Moment seines Todes wurde der große Schweizer wieder zu dem Österreicher, dem er seinen größten Kinoerfolg in Deutschland verdankte. Ganz, so hieß es in Nachrufen andächtig, habe "Hitler gespielt". Als könne und dürfe dank ausreichendem zeitlichen Abstand mit diesem Kapitel deutscher und Weltgeschichte einfach so herumgespielt werden.

Doch Hitler ist ein Schicksal, das auch anderen großen und kleinen Mimen nicht erspart geblieben ist. Wurde der erste Hitler-Film "Hitler’s Reign of Terror" 1934 noch im Dienst der guten Wirtschaftsbeziehungen zwischen den USA und dem Deutschen Reich unmittelbar nach der Premiere abgesetzt, obwohl der echte Hiutler die Hauptrolle spielte, waren es danach so unterschiedliche Darsteller wie Richard Basehart, Alec Guinness, Helge Schneider und Tom Schilling, die dem Bösen ein Gesicht gaben, das nicht unbedingt immer dem von Adolf Hitler ähnelte. Aber im Bereich der sogenannten Hitler-Filme - vergleiche: Cowboy-Filme, Zirkus-Filme, Sandalen-Filme - gilt als Grundregel: So lange der Bart sitzt, so lange passt das historisch.

Sogar abgesehen von den Lehrfilmen aus der Werkstatt des Guido Knopp ist der "Führer" (Spiegel) eine der meistverfilmtesten Figuren der Weltgeschichte. Um die 50 Werke der Filmkunst nehmen sich offziell des Lebenswerkes des Mannes an, der heute seinen 120. Geburtstag feiern würde, im Kreise anderer Gruselfiguren, die aus bis heute nicht geklärten Gründen alle Namen trugen, die mit G, H, R oder S anfingen. Hitler selbst begann mit A, sein Ende im Führerbunker, noch bevor ihn die Alliierten vor Gericht stellen und aburteilen konnten, hat nicht zur Entmystifizierung beigetragen, sondern  den Deutschen Gelegenheit gegeben, dem Toten und seinen toten Helfern die Gesamtverantwortung für alles überzuhelfen, was zwischen 1933 und 1945 an Verbrechen begangen wurde.

Ein Muster, das sich wiederholt. So sehr sich Deutschland demokratisiert zu haben meint, vor allem im ersten Jahrzehnt des neues Jahrtausends, als die Zahl der Hitler-Filme von bis dahin durchschnittlich drei pro Jahrzehnt auf sagenhafte 16 hochschoss, so sehr bleibt Deutschland auch als betont bescheiden vom Rücksitz lenkende Zentralmacht der Europäischen Unionein Gemeinwesen, dem es nicht gelingt, aus dem Schatten des Mannes zu treten, der seit 70 Jahren tot ist. Der "Deutsche Gruß", mittlerweile als "Hitlergruß" von der Pflicht zum Verbrechen gewandelt, dient noch immer als Erkennungsmerkmal, ein Fall für den Generalbundesanwalt, der deutlich macht, was bei der Aufarbeitung der Vergangenheit durch Verbote versäumt wurde: Hitlergrüße sind nur in der Öffentlichkeit verboten. Daheim dagegen kann sie jeder zeigen, so oft er will.

Darf das? Geht das? Welches Signal sendet das in eine Welt, die von Deutschland aus gesehen, genauer: Vom Regierungsviertel in Berlin aus, jeden Morgen nach Deutschland schaut, um zu sehen, welches "Signal" (Nahles) oder "deutliches Zeichen" (Merkel) die ehemalige Reichshauptstadt den Völkern der Erde heute zu bieten hat?

So böse, so gut. So missbraucht und verführt und doch so Täter, willige Helfer, die sich das Hitlergesicht in die Gegenwart holen, als um die zwölf Jahre immer wieder zu erleben: Diese Größe! Diese Grausamkeit! Diese Gefahr, sich gemein zu machen! Würde man Deutschland von innen betrachten wollen, müsste man den Volkskörper obduzieren. Weil das nicht geht, wird immer wieder Hitler obduziert, der neben Stalin einzige Politiker der Welt, dem es gelungen ist, ein Volk dauerhaft umzuerziehen: 2016, schreibt der "Spiegel", sei das "beste Hitler-Jahr" gewesen. Der "beste Hitler aller Zeiten" wird aber weiterhin gesucht. Bewerbungen (m,w,d)

Freitag, 19. April 2019

Fake News in der "Zeit": Wenn der Hass die Feder führt

Qualität, an der gar nichts stimmt:Die Deutsche Wohnen besitzt zehnmal so viele Wohnungen in Berlin, die Haupstadt zählt 50 Prozent mehr Haushalte.
Falschbehauptungen, Zahlen ohne Kontext, ausgedachte Statistiken - seit Donald Trump die Fake News erfand und damit so erfolgreich war, gehört es zum guten Ton auch in früheren Qualitätsblättern, aufs Geratewohl zu reportieren und falsche Behauptungen auch mal mit falschen Behauptungen zu belegen. Die Hamburger "Zeit", eine Wochenschrift, die den bekannten Aktivisten Claas Relotius in dessen frühen Tagen zu ihren Autoren zählte, zeigt das gerade beispielhaft in einem Beitrag, der das Immobilienunternehmen Deutsche Wohnen der unrechtmäßigen Ausbeutung von Mietern überführen soll.

"Die Deutsche Wohnen besitzt sehr viele Wohnungen in der Stadt, rund 11.500", heißt es da, und dann auch noch "zirka jeder zehnte Hauptstadthaushalt wohnt also in ihren Beständen". Nun scheint ein Berlin, gebildet von nur knapp 120.000 Haushalten, dem unvorbereiteten Leser recht klein zu sein. Ist es denn wirklich so, dass 3,6 Millionen Berliner so gedrängt wohnen müssen?was ist da los, was tut die Regierung dagegen?  Ist das vielleicht der Grund dafür, warum die seit Jahren zumindest medial boomende deutsche Hauptstadt trotz beständigen Zuzugs noch fast eine Million Einwohner entfernt von der Menge Mensch ist, die sie vor hundert Jahren beherbergte?

Was die "Zeit" betrifft, ist die Sache klar. Die "börsennotierte Aktiengesellschaft Deutsche Wohnen" (Zeit) ist schuld, denn sie hat die Mietpreise in ihren Beständen - also nach "Zeit"-Rechnung in zehn Prozent aller Berliner Wohnungen - "um 27 Prozent in zehn Jahren" nach oben getrieben. In derselben Zeit verdoppelten sich die Berliner Mietpreise zwar insgesamt sogar, so dass die Preistreiberei des Konzerns, den Berliner Wutbürger gern enteignen würden, eher bescheiden wirkt. Aber wenn sich ein Zeuge findet, der versichert, dass "die Einkommen der meisten Mieter seit 2010 nicht entsprechend zugelegt haben dürften", dann kann es keinen Zweifel mehr daran geben, dass die "Wut auf Wohnungsriesen wie die Deutsche Wohnen steigt". Die sei nämlich "alles andere als mieterfreundlich". Sondern habe nur "ein Herz für Aktionäre" (Die Zeit).

Nun könnte jemand behaupten, dass doch niemand, nicht einmal der Berliner Senat oder die Bürgerinitiative zur Enteignung, daran gehindert sei, Aktionär der verdammenswerten "börsennotierten Aktiengesellschaft" (Die Zeit) zu werden. Für nicht einmal 14 Milliarden Euro wären die knapp 357 Millionen Aktien zu haben. Es gibt keinen Großaktionär, der Wert des Anlagevermögens minus Schulden liegt höher als der aktuelle Börsenwert und mit mehr als einer Milliarde Gewinn, die die Firma im Jahr macht, ließe sich ein Kredit zur Finanzierung der Übernahme binnen 15 Jahren abzahlen.

Doch wer das schriebe, würde die ganze schöne Geschichte vom Riesenmultimegaabzock-Konzern zerstören, dem in Berlin natürlich nicht 11.500, sondern fast 120.000 Wohnungen gehören. Der aber deshalb noch immer keineswegs "jeden zehnten Hauptstadthaushalt" beherbergt, weil Berlin
knapp 1,8 Millionen Haushalte zählt und nicht nur 1,2 Millionen.

Doch wenn der Hass die Feder führt, kommt Qualität eben von quälen.

25 Jahre schwacher Staat: Das beste Land der Welt


Eben war noch Hochkonjunktur und der Logik der politischen Parteien zufolge überhaupt nicht der richtige Moment, Steuern zu senken. Jetzt muss investiert werden, denn die schlechten Zeiten kommen wieder! Und der beste Investor, das war immer noch der Staat. Sind die guten Zeiten dann wirklich vorbei, wechselt zuverlässig die Begründung dafür, warum für Steuersenkungen jetzt gerade der allerübelste Moment wäre. Denn das bleibt Grundlage allen Regierungshandeln: Nimmt der Staat zu wenig ein, kann er davon nicht abgeben, sondern er muss dafür sorgen, dass er mehr einnimmt. Nimmt er dann mehr ein, kann er davon nichts abgeben, weil er vorsorgen muss für die Zeit, wo er nicht mehr so viel einnimmt. Ist es soweit, muss er dann allerdings dafür sorgen, dass er mehr einnimmt. Und so weiter.

Zeit und Gelegenheit, Steuern zu senken, ist so weder, wenn viel, noch wenn wenig Steuern eingenommen werden. Bei ihrer Einführung in Deutschland im Jahr 1918 lag die von sachkundigen Politikern mit marxistischer Vorbildung gern "Mehrwertsteuer" genannte Umsatzsteuer bei 0,5 Prozent. Seitdem stieg sie auf 19 Prozent - eine Verachtundreißigfachung in nicht ganz 100 Jahren. Noch 1968 hatte der Satz zehn Prozent betragen; die Gesamteinnahmen aus der Umsatzsteuer beliefen sich damals auf umgerechnet 13 Milliarden Euro und 1969 war der Bundeshaushalt ausgeglichen. Wie seitdem nie wieder, obwohl der Umsatzsteuersatz auf 19 Prozent stieg und der Ertrag aus der Steuer sich auf 170 Milliarden Euro verdreizehnfachte.

Schnell viel mehr, aber beim Ausgeben ist der Staat immer noch schneller. Ob Struck von der SPD im Jahr 2009 oder Bouffier von der CDU anno 2011, ob Schäuble im Jahr 2007 oder Merkel 2010, 2013, 2015 und 2018: „Steuersenkungen, die zu weniger Einnahmen des Staates führen würden, sind auf absehbare Zeit ausgeschlossen" (Struck, 2009) finden sie alle, immer, und dann selbstverständlich auch eine passende Begründung dafür.

Eine "Steuersenkung birgt Risiko", das Staatsdefizit sei immer noch zu groß, die Spielräume seien nicht da und bei der Bildung müsse noch investiert werden, bei der Verteidigung, im Digitalen, für neue Regierungsflugzeuge und Staatssekretäre und Regierungsterminals und Schlösser.

Die Bilanz aber und noch mehr der Ausblick zeigen, dass die Richtung stimmt. Fleißig, wie sie nun einmal sind, machen die Deutschen ihren Staat - und damit selbstverständlich auch sich selbst - reich und reicher. In der Amtszeit Angela Merkels wuchsen die Steuereinnahmen um 77 Prozent - das sind durchschnittliche 5,5 Prozent im Jahr - die Reallöhne schafften im selben Zeitraum ein Plus von durchschnittlich 0,73 Prozent jährlich.

Das kann sich sehen lassen, zumal es kaum jemand bemerkt hat. Mittlerweile ist Deutschland fast absolute Weltspitze bei Steuern und Abgaben, die die Menschn tragen, nur Belgien liegt noch vor Merkelland, allerdings nur, bis die erste Stromrechnung kommt, mit der sich jeder deutsche Haushalt leicht und locker zur Tabellenführung schiebt.

Und die Aussichten sind fantastisch. Daran gibt es keinen Zweifel.


2005
Steuereinnahmen 452 Mrd €
Durchschnittseinkommen: 26.765 €
Steuern pro Kopf 6.519 €
Staatsverschuldung 1.489 Mrd €

2017
Steuereinnahmen 732 Mrd €
Durchschnittseinkommen 34.199 €
Steuern pro Kopf 8.926 €
Staatsverschuldung 2.200 Mrd €

2019
Steuereinnahmen 804,6 Mrd €
Durchschnittseinkommen: 35.490  €
Steuern pro Kopf 11.600 €
Staatsverschuldung 1.900 Mrd €

2023
Steuereinnahmen 940,7 Mrd €
Durchschnittseinkommen:  36.934
Steuern pro Kopf 13.600 €
Staatsverschuldung 1.820 Mrd €

2030
Steuereinnahmen 1.423 Mrd €
Durchschnittseinkommen:  45.072
Steuern pro Kopf 20.600 €
Staatsverschuldung 1.520 Mrd €


Plus bei Steuereinnahmen: 314 Prozent
Plus bei Steuerbelastung: 315 Prozent
Staatsverschuldung: +/- null

Plus im Realohnindex 2007 bis 2018: 11 Prozent
Plus im Reallohnindex 2007 - 2030 (Prognose Trendverlängerung): 22 Prozent

Wer für die Kosten aufkommt?
"Der Steuerzahler jedenfalls nicht - der Bund hat gut gewirtschaftet!"