Donnerstag, 29. Juli 2021

Zitate zur Zeit: Die Währung der Selbsttäuschung

Glaube ist die Währung der Selbsttäuschung. Donald „Ducky“ Horatio Mallard, Navy CIS

Fake News: Wie sich der Mensch aus dem Tierreich erhob

Dank des weitverbreiteten Glaubens an fake news gelang dem Menschen sein unvergleichlicher Aufstieg.

Wenn die CDU sich siegesgewiss gibt, egal, wer den Kanzlerkandidaten macht, ist das Wahrheit oder Pflicht? Wenn Mediendeutschland den neuen amerikanischen Präsidenten Joe Biden, einen gebrechlichen älteren Herrn, als Hoffnungsträger feiert, ist das objektiv oder verdankt er die Ehre nur seinem Vorgänger? wenn aber ja, dann warum machen alle mit? Und wenn nein, wieso nicht? es sieht doch jeder, wie sich die Dinge in Wirklichkeit zueinander verhalten. Und es nicht Aufgabe von Medien, zu sagen, was ist?  

Die Realität der Unwirklichkeit

Es ist eines der interessantesten Phänomene der Jetztzeit, dass ein Zusammenhang zwischen Realität und Berichterstattung wenig bis kaum zu spüren ist, weil die Realität der Berichterstatter sich durchgreifend von der Realität der wirklichen Wirklichkeit unterscheidet. Doch die Erklärung für dieses sogenannte Differenzwunder, wie es der umtriebige Medienforscher Hans Achtelbuscher nennt, liegt auf der Hand: Die kognitive Revolution hat dem Menschen die Möglichkeit gegeben, sich Dinge komplett auszudenken, sie aber anschließend zu behandeln, als wären sie tatsächlich vorhanden. 

Achtelbuscher, der am An-Institut für angewandte Entropie der Bundeskulturstiftung auf Usedom lehrt, verweist auf Millionen von Kirchenbauten weltweit, bei denen sich große Gruppen geeinigt haben, sie als Sakralbauten für einen "Gott" anzusehen, der nicht existiert, aber Realität ist. Kein anderes Lebewesen ist in der Lage, eines Geistesleistung aufzubringen, die ihm ermöglicht, Nichtvorhandenes, Unsichbares und Nichtnachweisbares für bare Münze zu nehmen und damit zu zahlen. 

Nur der Mensch sieht, was nicht da ist

Nur der Mensch kann sich und seinesgleichen einreden,  etwas existiere - und dann darüber reden, als wäre es wahr. Schon der nächste Verwandte des Menschen, der Schimpanse, scheitert beim Versuch: Er lebt in kleinen Gruppen mit wenigen Dutzend Artgenossen zusammen, pflegt enge Freundschaften und kämpft Seite an Seite mit seiner Sippe gegen Paviane, Geparden und feindliche Schimpansen. Doch das geht nur so lange gut, wie sein Rudel so überschaubar bleibt, dass es sich hierarchisch organisieren lässt, weil das Leittier, fast immer ein Männchen, von allen als Alphatier anerkannt wird.

Wäre die Gruppe größer, zerfiele sie sofort, weil ihr ein übergreifendes Gemeininteresse fehlen würde. Hier und dort würde das Alphatier abgelehnt, dieser oder jener würde es bei Abwesenheit infragestellen  oder seinen Machtanspruch auf sich selbst übertragen wollen. Dem Schimpansen fehlt die Fantasie, ein übergreifendes Konzept zu entwickeln, das auch da ist, wenn das Alphatier sich nicht in Sichtweite befindet - einen unsichtbaren Stellvertreter der Macht, der nicht wirklich existiert, die Mitglieder der Gemeinschaft aber auf sich, also auf die aktuelle Herrschaft verpflichtet.

Mit der Kraft der fake news

Dem Menschen dagegen ist es schon vor Tausenden von Jahren gelungen, dergleichen herbeizuzaubern. Der Donnergott, der mit Blitzen straft, Jesus, der aus Liebe stirbt, die Nation, die Partei, die EU als Staatenfamilie - illusorische Konzepte aus reiner Vorstellungskraft dienen als Ordnungsrahmen für große Gemeinschaften, deren einzelne Mitglieder weder den Donnergott noch Ursula von der Leyen, weder Jesus noch die CDU jemals gesehen haben. Die ordnungsschaffende Kraft der Illusion lässt "Staaten" entstehen und Aktiengesellschaften, sie schafft Respekt für "Gesetze" und Institutionen, sie sorgt dafür, dass Menschen Bußgelder bezahlen und zu Wahlen gehen.

Es fake news, auf die sich eine Mehrheit geeinigt hat, die den Menschen in die Lage versetzen, sich aus dem Tierreich zu erheben und eine menschliche Gesellschaft zu bilden. Woran er glaubt, das muss nicht stimmen, es muss nur Konsens sein: Ob Halbmond oder Kreuz, Alltagsmaske oder FFP2, die wachsende Armut oder die Energiewende, sie alle zusammen erst haben den Menschen zum Menschen gemacht.

Mittwoch, 28. Juli 2021

Evakuierung: Nach Buchfund in altem Baumbestand

Sieht harmlos aus, kann aber für Aufregung sorgen: Ein Buch aus der fortschrittlichen DDR.

250 Gramm nur wiegt es, fest gebunden in ein frühzeitliches Leinen und versehen mit einem kindlich-verspielten Schutzumschlag. Doch war einige Halbwüchsige jetzt im bayerischen Tansbach in einem Gebüsch am Rande einer Kleingartenanlage fanden, sorgte denn doch für Aufruhr. Direkt in Bahnhofsnähe lag das explosive Relikt einer vergangenen Zeit: Ein vorgeblich vom kommunistischen Schriftsteller Ludwig Renn geschriebenes Buch mit dem Namen "Der Neger Nobi", das Unbekannte ohne ersichtlichen Grund in der kleinen Grünanlage platziert hatten.  

Ein ungewöhnlicher Fund

Unmittelbar nach der Meldung des ungewöhnlichen Fundes schrillten in der kleinen Stadt die Alarmsirenen. Kurz darauf mussten mehr als 2.500 Menschen ihre Häuser verlassen, um eine gefahrlose Bergung des Fundes zu ermöglichen. Mehr als 80 THW-Kräfte aus sechs Ortsverbänden unterstützten die Evakuierung, Hand in Hand mit Beamten von Feuerwehr, Buchbergungskommando dem polizeilichen Staatsschutz. Uniformierte Beamte sicherten das Gelände, Psychologen kümmerten sich um die verstörten Neun- bis Zwölfjährigen, während der Staatsschutz erste Spuren sicherte.

Es war schon dunkel, als endlich die Entwarnung kam: Um 22 Uhr verkündete der Buchbergungsmeister, dass die provokative Schrift entschärft und sichergestellt worden sei. Das 250 Gramm Machwerk, ersten Ermittlungen zufolge ursprünglich wohl wirklich vom damaligen Sekretär im Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller und Herausgeber der kommunistischen Literaturzeitschriften Linkskurve und Aufbruch verfasst, konnte schadfrei und ohne weitere Öffentlichkeitswirkung abtransportiert werden. 

Professionell gemachtes Machwerk

Der Hintergrund der Aktion, die das Stadtzentrum den gesamten Tag über lahmgelegt hatte, ist bislang unklar. Einsatzkräfte vermuten, dass rechtspopulistische Provokateure hinter der Auslegung des professionell gemachten Machwerkes stecken könnten. Die Bergung zu sichern, sei eine große Aufgabe gewesen, hieß es. Ehrenamtliche Helfer waren von Tür zu Tür gegangen, um Zeugen zu suchen und die 2.500 Menschen in einem festgelegten 500-Meter-Sicherheitsradius zu evakuieren. Anwohnerinnen und Anwohner wurden informiert und in Notunterkünfte geleitet. Gleichzeitig transportierten sie mit ihren Einsatzfahrzeugen Personen und leiteten den Verkehr um. 

Trotz des großen Ausmaßes des Einsatzes gelang es dem Krisenstab jederzeit, den Überblick zu behalten. Über Verbindungspersonen im betroffenen Gebiet wurde auf die Gefahren einer Annäherung an das Bergungsgebiet aufmerksam gemacht, ohne Einzelheiten zu nennen, die Teile der Bevölkerung hätten irritieren können. Vier Fachberaterinnen und Fachberater waren im Einsatz, die zwischen den verschiedenen Stellen vermittelten. Erst nach mehr als 10 Stunden kam Entwarnung und die Menschen konnten sicher in ihr Zuhause zurückkehren.

Umweltschutz: Der Kampf um den deutschen Auto-Schrott

Was ich hier draußen jeden Tag erlebe, ist Krieg, richtiger Krieg. Da geht es um Profit, um Gewinn, darum, beim Chef besser dazustehen. Du drehst Dich um, und schon hat Dir einer die Arbeit kaputtgemacht. Nicht weil er denkt, dass er dadurch selbst einen besseren Schnitt macht. Das ist es nicht. es geht nur darum, dem anderen, den Konkurrenten, alles zu versauen.

Als ich anfing, war das alles noch anders. Damals hatten wir noch polnische Auftraggeber, auch aus der Ukraine kamen Leute, die etwas vom Geschäft verstanden und anständig bezahlt haben. Es ging darum, die Leute bei der Hand zu nehmen und sie mit der Nase auf ihre Chancen zu stubsen, ganz vorsichtig. Du, mein Lieber, dein altes Auto, das ist doch noch richtig was wert! Wir hatten diese bunten Visitenkarten, anständig Zahlen drauf, unwiderstehliche Angebote. Das lief. Bin ich einen halben Tag über so einen Riesenparkplatz an einem Einkaufszentrum getigert, riefen danach bestimmt drei, vier Leute bei Pawel an, das war damals mein Chef.

Pawel ist nach Hannover weiter, als die Polen den Import von älteren Autos verboten haben. Es wurde ihm alles zu umständlich, kann ich auch verstehen. Jedes aufgekaufte Auto musste vor der Grenze mühsam auseinandergebaut werden, dann ging es als Ersatzteillieferung rüber, und hinter der Grenze wurde es wieder zusammengesetzt. Das frisst natürlich an den Renditen.

Ich habe ja mal BWL studiert, Ökonomie hieß das damals noch, SozÖk um genauer zu sein. Ich weiß, wovon ich rede. In Hannover hat Pawel einen Platz aufgemacht, da kauft er auf und vertickt an die Schwarzafrikaner. Die bringen die Karren nach Hamburg und dann gehts per Schiff nach Senegal, Elfenbeiküste, Obervolta. Da ist noch Geld zu machen, mehr jedenfalls als auf unserer Seite hier. Hier fressen sich alle gegenseitig die Haare vom Kopf: Stecke ich meine Karten auf seinem Großparkplatz eine Runde rum überall rein, bin ich heute noch nicht ganz durch, da hat einer meiner sogenannten Kollegen schon die Hälfte wieder rausgezogen, auf die Erde geschmissen und seine eigenen platziert.

Es ist manchmal zum Verzweifeln. Morgens ziehe ich mit 1000 oder 2000 Kärtchen los, habe ich die ausgeteilt, bringt das aller Erfahrung nach vier bis sechs Anrufe von Leuten, die ihre alten Autos loswerden wollen. Nun rechnen Sie ruhig mal mit: Klemmt mir einer die Hälfte der Karten, rufen auch nur noch halb so viel Leute an. Dann fällt meine Provsion so dünn aus, dass ich nur die Pauschale habe. 40 Euro am Tag. Ich bitte Sie!

Als BWLer kann ich Ihnen das alles erklären. Die Arbeit ist leicht, man braucht ja nichts weiter als ein gutes Auge für Autos, die nicht mehr ganz neu sind. Und dann flinke Füße, um schnell rumzukommen. Das würden viele gern machen, auch wenn das Verteilen bei Regen und Kälte manchmal kein reiner Spaß ist. das sehen die Neuen natürlich nicht, wenn sie anfangen. Die sehen nur das schnelle Geld, leicht gemacht.

Als Aufkäufer findest du also immer Typen, die als Zettelstecker gehen wollen, auch für viel weniger Geld als wir früher bekommen haben. Die Aufkaufplätze in unserer Ecke gehören ja inzwischen alle Kurden und Schwarzafrikanern, die Polen und Ukrainer sind weg, kaum einer arbeitet noch im Ostexport. Damit ist eine ganz neue Mentalität in die Szene gekommen - ich habe schon von Kollegen gehört, die sind angegriffen worden, weil sie angeblich im "Revier" irgendeines Ali gesteckt haben.

Dass ich nicht lache. Revier. Wir sind ein freies Land, sage ich immer, da respektiert man auch die Zettel der anderen. Zumindest war das früher so. Heute, das muss ich zugeben, zerre ich auch aus dem Scheibenschlitz, was irgendwelche anderen da reingestopft haben. Tut mir leid, ich kann mir den Luxus der Toleranz nicht mehr leisten. Es geht ums Überleben, jeden Tag. Und nun muss ich wieder los.

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Dienstag, 27. Juli 2021

Elektrisierend: Nicht nur sauber, sondern rein

Der ökologische Fußabdruck der Herstellung der neuen Elektromobilität wird mächtig sein.

Voll auf Strom, alles auf Spannung, so wird sie aussehen, die elektromobile Zukunft, die im Herbst gestartet wird. Neun Jahre bleiben dann noch bis zum Ausstiegsdatum, das das grüne Wahlprogramm setzt, ehrgeiziger als dass der aktuellen Bundesregierung, die sich nach den letzten Bekundungen von Verkehrsminister Andreas Scheuer bis zum Jahr 2035 Zeit lassen will. Ab 2030 nur noch emissionsfreie Autos neu zulassen, das ist eine Hausnummer, die keine Zeit mehr für lange Vorbereitungen lässt: Wer heute noch einen Verbrenner fährt, im deutschen Durchschnitt 9,6 Jahre alt, sitzt jetzt schon in seinem letzten Diesel oder Benziner.  

Schluss mit Nachschub

In neun Jahren dürfen ist Schluss mit Nachschub. Wer dann noch flüssig tankt, betankt ein Auslaufmodell, das allenfalls eine Zukunft als gesuchter Gebrauchter hat. Wenn Neuwagen mit Benzin- oder Dieselmotor nicht mehr zugelassen werden, bleibt als Alternative zum Umstieg auf Elektrofahrzeuge nur der Gebrauchtwagenmarkt: Je jünger das Angebot dort, desto höher die Preise. Erst recht, wenn der Ausbau der Ladeinfrastruktur für die neue Elektroautoflotte ähnlich rasant vorangeht wie der Breitbandausbau oder die Modernisierung der Bahn.

Zehn Jahre bis zum Ende einer Technologie, und das in einem Land, in dem zuweilen schon der Bau eines 13 Kilometer langen Autobahnteilstückes mehr als ein Jahrzehnt dauern kann, hört sich überaus ehrgeizig an. Immerhin müssen ab spätestens 2030 mehr als 60 Millionen Kraftfahrzeuge ersetzt werden - beim derzeitigen Tempo ein Vorhaben, das eher 300 als 30 Jahre verspricht: Im Jahr 2020 wurden dank massiver Förderung 194.200 Pkw mit reinem Elektroantrieb zugelassen - so viele wie nie zuvor. Nötig, um bis 2040 sämtliche Fahrzeuge durch elektrisch angetriebene zu ersetzen, wären ab sofort zwei Millionen pro Jahr.

260 Milliarden mehr

Zwei Milliarden Euro wird der Bund bis Ende diesen Jahres ausgeben, um Neuwagenkäufern die Anschaffung von Fahrzeugen mit einem Listenpreis bis 40.000 Euro mit einer "Innovationsprämie" von 9.000 Euro zu versüßen. Um auf die notwendige Gesamtzahl von verkauften E-Autos zu kommen, müsste der Fördertopf leicht aufgebohrt werden: 260 Milliarden Euro wären nötig, um alle E-Fahrzeug-Käufer bis zum Verschwinden des letzten Benziners den Nutznießern des augenblicklich laufenden  "Regierungsprogramm Elektromobilität" gleichzustellen.

Das Geld ist da, es muss nur gedruckt werden. Doch der ökologische Fußabdruck, den der Umstieg auf elektrisch getriebene Mobilität hinterlassen wird, ist mächtig. 4.000 Liter Wasser benötigt die Herstellung allein der Batterie eines Tesla. Die Umstellung insgesamt wird 240 Millionen Kubikmeter brauchen - etwas mehr als der Edersee bei Bad Wildungen fasst, ein 28 Kilometer langer Stausee von 1,2 Kilometern Länge.


Bundeshass-Kommission: In der Gutegefühlemanufaktur

 

Das Bild ist dunkel, die Personen im Video sind kaum zu erkennen. Finsternis liegt im Raum, der ein großer Saal zu sein scheint, ein großer Saal in einer düsteren Zeit. Doch was ein Whistleblower da in einer der wöchentlichen Beratungen der Bundeshass-Kommission (BHK) aufgezeichnet hat, verbotenerweise, gibt doch einen guten Einblick in die Arbeit der Frauen und Männer, die dort tagtäglich daran arbeiten, die Spaltung der Gesellschaft zu stoppen.  

Deutschland heilen

Deutschland heilen, das ist hier die Devise. Dazu gehört es aber eben auch, Feinde zu erkennen, Gegner auszumachen und klare Kante gegen die zu zeigen, die abweichen, nörgeln, durch Dauerkritik und aufrührerische Reden auffallen.Wo das Bundesblogampelamt (BBAA) vom mecklenburgischen Warin aus darüber wacht, die den gesellschaftlichen Akteuren die rechte Anleitung im Kampf gegen rechts zu geben, und die Meinungsfreiheitsschutzabteilungen etwa bei der Kolonne Kahane oder beim Faktenanfertiger Correctiv ihre traditionell im demonstrativ öffentlichen Vorgehen gegen Meinungsfeinde und Abweichler haben, geht es bei der Arbeit der Bundeshass-Kommission um die Grundsätze der gesellschaftlichen Hassarbeit.

Die sind vor ziemlich genau fünf Jahren neu geschrieben worden, als aus dem bis dato als vollkommen legal geltenden Gefühl des Hasses binnen von nur wenigen Wochen eine wenn nicht kriminelle, so doch rechtmäßig kriminalisierte Emotion wurde. "Hass" verwandelte sich mit Hilfe einer mit Millionen Euro finanzierten wichtigen staatlichen Informationskampagne vom eher unsympathischen Gegenstück zur allseits beliebten Liebe in eine auszumerzende Emotion, die, wenn sie schon nicht durch sogenannte Kahane-Chirurgie aus dem Menschen herausoperieren lässt, wenigstens so eingedämmt werden muss, dass der womöglich innerlich hassende Mensch aus seinem Herzen eine Mördergrube macht und seinen Hass für sich behält.

Als gäbe es kein Morgen

Wenigstens gilt das für Hass, der sich nicht gegen die Verhältnisse, die Ungerechtigkeit des Kapitalismus oder die Chancennachteile der 3. Welt, nichtbinär lebender Mitbürgx und Impfvorteile für Millionäre richtet. In der Bundeshass-Kommission, in den ersten Jahres der der Bundeshass-Kapagne aufgrund einer EU-Verordnung gegründet, widmen sich 17 Mitglieder aus 19 Institutionen, Bundesländern, Behörden und gesellschaftlichen Vorfeldorganisationen in Vollzeit der Ausmerzung von Hassbekundungen. Leitlinie der Arbeit, die vom Bundeshass-Beauftragten Henning Eigenstein geleitet wird, ist dabei das Kahane-Theorem, nach dem gesunde Demokratie bedeute, dass man „alles sagen könne, einfach alles“, aber nicht „öffentlich hassen, als gäbe es kein Morgen“.

Die aus Hass-Schutzgründen namentlich unbekannt bleibenden Mitglieder der BHK unterscheiden fein zwischen nicht erlaubten Gedanken und Bekundungen, die als Drohung, Beleidigung, üble Nachrede oder Volksverhetzung“ identifiziert werden können und damit strafbar sind. Und anderen Äußerungen, die als „virtuelles Gezeter“ (Eigenstein) erkennbar sind und provokativ behaupten, „es gebe ein natürliches Recht darauf, jemanden hassen zu dürfen“. 

Trotz Meinungsfreiheit

Dem ist „trotz des hohen Verfassungsguts der Meinungsfreiheit“ (Eigenstein) bekanntlich keineswegs so - umso wichtiger, das wird aus der Grundsatzrede des Vorsitzenden der BHK (Video oben) deutlich, ist es, "herauszufinden, wer uns gefährdet und wer gegen uns ist". Henning Eigenstein, früherer Experte für Geistesgesundheit in der schwäbischen Zweigstelle des Bundesamtes für interne Aufsicht und Überwachung (BAiAÜ), weiß, dass es hier kein Tabu geben darf. "Womöglich ist es ein Nachbar, womöglich jemand, den ihr kennt, ein Mitglied eurer Sippe, ein Bruder, gar ein Sohn". 

Solche Menschen versuchten beständig, anderen einzureden, dass andere ihr Feind seien. "Dabei sind sie der Feind", analysiert der studierte Gefühlsfachwirt Henning Eigenstein die angespannte Gefühlslage der Nation. fest zusammenzustehen und den Staat und seine führenden Repräsentanten als "Freund, Geliebte und Beschützer" zu verteidigen, sei das Gebot in der Stunde der Gefahr."

Montag, 26. Juli 2021

All die guten Jahre verschwendet und verbraucht

Es waren wunderbare Jahre, Jahre der Mast, der Bequemlichkeit, der spätrömischen Dekadenz. Deutschland, nach eigener Überzeugung Kern- und Gründungsstaat einer künftigen Welt voller Gerechtigkeit, Gleichheit und klimaneutralen Wohlstands, schwamm im Strom eines weltweiten Wirtschaftsaufschwungs, der nach der letzten Finanzkrise eingesetzt hatte und dank kostenloser Kredite ein Leben in Saus und Braus' für alle versprach. Die Wirtschaft boomte, der Export fuhr Billionen ein, die Beschäftigungsquoten stiegen, die Börsenkurse hoppelten hinterher und der Finanzminister wusste irgendwann schon gar nicht mehr, wohin mit dem ganze Geld, das ihm die Steuerzahler Monat für Monat überwiesen.  

Wunschkonzertbesucher

Regieren war ein Wunschkonzert. Das bisschen Last durch den "Flüchtlingszustrom" (Merkel), das Zwei-Prozent-Ziel der Nato und die Gerechtigkeitsrente schulterte ein Kabinett aus erfahrenen Schönwetterkapitänen mit lauter Gute-Laune-Gesetzen. Wo Vater Staat ein Jammern hörte über immer noch anzutreffende Ungerechtigkeiten oder irgendein Leid in fernen Lieferketten-Ländern, eilte er herbei, "Ich bin Arzt, ich bin Arzt!" rief er. Es folgte jeweils ein wenig Kulissenstreit um die Förderhöhe bei Projekten gegen rechts, neuen Stellen für den Verfassungsschutz und Elektrobusse für Indien. Mit der absehbaren Einigung: Wenn versehentlich zu viel Gips im Eimer gelandet ist, schüttet man mehr Wasser drauf. Ist es dann zu viel Wasser, gibt man Gips nach. Und so weiter.

Anstrengungsloser Wohlstand

Und das Geld war ja da, irgendwo, die EZB wurde es gar nicht mehr los, seit man ihr gesagt hatte, sie soll drucken, was geht, egal, was es spätere Generationen einst kosten möge. Man hatte nicht gut gewirtschaftet, aber kein normalen Mensch draußen auf der Straße verstand noch, was eigentlich Sache war. Sie verstanden es ja selbst nicht mehr, die Minister und Staatssekretäre, Parteiführer und Fraktionseinpeitscher. Irgendwie waren sie in einen Honigtopf gefallen, Geld wie süßer Brei floss ihnen zu, anstrengungsloser Wohlstand. Und niemand musste das alles natürlich nicht bezahlen. 

Die beste aller Welten, das Morgen schon im Heute. Alle waren allen dankbar. Immer wieder wählten die Deutschen ihre Mutti, die Frau, die das alles bewirkt hatte, allein dadurch, dass sie Hände faltete und sagte "Wir schaffen das". Dass es anderswo durchaus besser lief, von der Interneterschließung über die Rentenrücklagen, das Gesundheitswesen, die Einsatzfähigkeit der Armee, die Höhe der Abgaben und den persönlichen Wohlstand, das war schon klar. Aber unwesentlich. Gut war es doch auch hier irgendwie und wer weiß, wenn es anders wäre, könnte es nicht nur besser, sondern durchaus auch schlechter laufen. 

 Wo wir gerne leben

Dass die selbsternannte Große Koalition aus CDU, SPD und CSU auch im zweiten Anlauf kaum etwas geregelt bekommen hat, was hätte geregelt werden müssen, zeigten die Szenen an der griechischen Grenze, zeigten die CO2-Ausstoßzahlen der Vor-Corona-Jahre, zeigten auseinanderstrebende Einkommenswelten trotz Daueraufschwungs, zeigen Flaschensammler, AfD-Erfolge, die höchsten Strompreise der Welt, das geringste private Immobilienvermögen Europas und die vielleicht schlechteste Stimmung aller Zeiten, die dem Lande herrscht, in dem "wir gerne leben", wie die Kanzlerin selbst vor ihrer allerallerletzten Wiederwahl dekreditiert hatte. 

Mit dem Virus verflog die das Wohlfühlfeeling, mit der sich eigentlich vom ersten Tag an andeutenden Unfähigkeit der Regierenden, ausnahmsweise mal nicht die ferne Zukunft mit kostengünstigen Klimazielen und symbolischen Schuldenbremsen zu regieren, sondern im Hier und Heute akute Herausforderungen zu bewältigen, deutete sich an, wie fürchterlich es werden würde. Das Virus richtete seine Art von Schaden an. 

 Kein Grund, Maske zu tragen

Als wahre Krise aber stellte sich nach und nach die der Abwendung der Regierten von den Regierenden heraus: Mit der ersten regierungsamtlichen Lüge - "nein, es besteht kein Grund, Masken zu tragen" - kündigte das politische Berlin seine Beziehung zur Bevölkerung auf. Alles Folgende war nur noch aus der Not geboren: Verantwortungsträger, die in ihrem ganzen Leben keine andere Verantwortung getragen haben als die für die eigene Karriere, versuchten verzweifelt, den Kopf oben zu behalten. Die Bürgerinnen und Bürger vertrauten sich nun nur noch selbst.

Es ist nicht von der Hand zu weisen: In guten Zeiten sind schlechte Regierungen eine kleine Last für die Regierten, kaum zu bemerken, selbst die Schäden, die sie durch Traumtänzerei, Überambitioniertheit und ideologische Weichenstellungen anrichten, sind nur Kratzer im Lack eines Landes, wenn es erstmal brummt und auf allen Zylinder läuft. Dann kann verteilt werden und verschwendet, dass es eine Lust ist, Politiker zu sein. Doch wir können auch anders und dann können wir nicht: In dem Moment, in dem es ernst wird, merkt man, ob da oben Frauen und Männer in den Sesseln sitzen, für die ihr Sessel das Ziel aller Wünsche ist. Oder ob es Menschen sind, die nicht den Sitz, sondern die Aufgabe sehen.

Religion des Friedens: Wie Christen Christen schlachteten

Gott will es, riefen die Eroberer aller Zeiten.

Herr, öffne meine Lippen, damit mein Mund dein Lob verkünde. Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist, wie im Anfang, so auch jetzt und allezeit und in Ewigkeit. Amen", ruft der Mann auf der Kanzel, ein "Priester" oder "Pastor", der einen der anerkannten Aberglauben des modernen Menschen predigt. Dieser bizarr wirkende Kult folgen, der sich selbst "Christentum" nennt, hat es über zwei Jahrtausende geschafft, sich als "Religion des Friedens" zu inszenieren und alle Zweifel daran auszuräumen, dass es sich faktisch um eine missionierende Bewegung handelt. Vielmehr gilt der Chef der weltweiten Organisation, der sich "Gottes Stellvertreter auf Erden  nennt" als moralischer Mahner und intellektuelle Gewissensinstanz, auf deren Hinweise streng zu achten ist.

Der erfolgreichste Aberglauben

Dabei steht er ausgerechnet einem Aberglauben vor, der im Unterschied zu früheren Glaubenskongregationen zu seiner Macht gelangte, indem er andere Überzeugungen strategisch kühl ausradierte. Bis zur Bekehrung der Römer zum Christentum hatten es Eroberer in aller Welt stets dabei belassen, fremde Länder zu überfallen und auszubeuten, den unterworfenen Völkern aber ihre eigenen Götter zu lassen. Die Besiegten mussten zwar die Götter und Rituale des Imperiums respektieren, da diese das Imperium beschützten und ihm seine Legitimation verliehen. Doch ihre eigenen Götter und Rituale mussten sie deswegen nicht aufgeben.

Auch die Römer verlangen von den ersten Christen keineswegs, dass die ihren Glauben aufgaben, obwohl die katholische Kirche es geschafft hat, diesen Eindruck zu vermitteln. Doch in Wirklichkeit wollten die römischen Kaiser nur Ruhe im Karton: Die Christen sollten - wie alle Bürger -  auch die römischen Götter und die Göttlichkeit des Kaisers anerkennen. Erst als sie genau das verweigerten und keine Kompromisse eingehen wollten, verfolgten die Römer diese religiöse Minderheit. Sie galt ja nun als politische Bedrohung. 

Halbherzige römische Mörder

Allerdings gingen die Römer nur halbherzig gegen die Rebellen vor. In den drei Jahrhunderten, die zwischen der Kreuzigung Jesu Christi und der Bekehrung von Kaiser Konstantin zum Christentum vergingen, befahlen die römischen Kaiser lediglich vier organisierte Christenverfolgungen. Hin und wieder führten zwar Provinzstatthalter und Gouverneure auf eigene Faust Pogrome durch. Doch wenn man sämtliche Opfer aller Christenverfolgungen zusammenrechnet, stellt man fest, dass die polytheistischen Römer in drei langen Jahrhunderten lediglich einige Tausend Christen ermordet haben.

Das ist traurig genug, denn jedes vor der Zeit beendete Leben beendet unzählige Entwicklungsmöglichkeiten für die gesamte Menschheit. Doch in dieser Hinsicht waren ausgerechnet die Christen in den darauffolgenden anderthalb Jahrtausenden viel fleißiger als alle ihre Gegner. Christen schlachteten Christen zu Millionen ab, nur weil sie die Lehre der Nächstenliebe in einigen Detailfragen unterschiedlich interpretierten. Den richtigen Glauben zu haben, reichte nicht, es musste der ganz, ganz richtige sein.

Unerbittliche Säuberungen

Höhepunkt der Vernichtungsfeldzüge, die an die Unerbittlichkeit späterer ideologischer Säuberungen  unter Kommunisten erinnern, waren die Religionskriege zwischen katholischen und protestantischen Christen, die im 16. und 17. Jahrhundert tobten und Europa in Schutt und Asche legten. 

Zwar glaubte jede der beiden Seiten an Jesus und seine tolle Botschaft von Liebe, Versöhnung und Himmelreich. Doch man konnte sich einfach nicht einigen, wie diese Liebe aussehen sollte: Gab es eine Vorhölle? War Jesus' Vorhaut mit in den Himmel aufgefahren? Die Protestanten sind bis heute der Ansicht, Gott habe die Menschen so sehr geliebt, dass er Mensch geworden sei und Folter und Tod auf sich genommen habe, um die Menschen von ihrer Erbschuld zu erlösen, damit die wahrhaft Gläubigen durch ein großes Tor ins Himmelreich ziehen können. Die Katholiken stimmen dem voller Überzeugung zu, denken aber, dass der Mensch beten, beichten und viele, viele guten Taten vollbringen muss, damit ihn Gott zu sich lässt.

Da geht dem Protestanten die Schwertscheide auf. Wenn Gebete einen ins Himmelreich bringen, dann ist Gott also bestechlich? Nein, wer glaube, den Eintritt ins Himmelreich mit guten Taten erkaufen zu können, der mache sich nur wichtig und behaupte, Gottes Liebe sei nicht aus reichend und von sich aus unerschöpflich. Die theologische Debatte über diese bewegende Frage wurde mit derartigem Eifer geführt, dass sich Katholiken und Protestanten im 16. und 17. Jahrhundert zu Hunderttausenden töteten, um sich gegenseitig vom Gegenteil zu überzeugen. 

Grausam und ohne Grenzen

Sie kannten keine Grenzen, sie waren grausam und gewissenlos. Am 23. August 1572 überfielen französische Katholiken, die an die Macht der guten Taten glaubten, französische Protestanten, die an Gottes Liebe zu den Menschen glaubten, die keine guten taten brauche. In der sogenannten Bartholomäusnacht wurden innerhalb von 24 Stunden zwischen 5.000 und 10.000 Protestanten dahingemetzelt, begründungslos, egal ob Mann, Frau oder Baby.

Als der Gottes Stellvertreter auf Erden, der Chef der Metzler, die guten Nachrichten aus Frankreich erhielt, war er derart begeistert, dass er Dankesgebete abhalten ließ und den Maler Giorgio Vasari sofort beauftragte, einen ganzen Raum im Vatikans mit lebensechten Darstellungen des fürchterlichen Massakers auszumalen, bei dem Christen mehr Christen in einer Nacht getötet hatten als die Römer in alle ihren Christenverfolgungen zusammen.

Sonntag, 25. Juli 2021

Zitate zur Zeit: Leise Zweifel

Wahrheit und Rechtsstaat? Da glauben sie immer noch dran, nachdem Sie Zeuge von alldem geworden sind? Josephus Miller, The Expanse

Schicksal Asexualität: Das allerletzte Tabu

Nora Schulze ist asexuell, wagt aber nicht, damit an die Öffentlichkeit zu gehen.

Die dunklen Gedanken waren immer da, schon als Teenagerin plagte sich Nora Schulze damit. Freundinnen hatten Freunde, Freundinnen hatten Freundinnen, jeder um sie herum knutschte, er und sie waren schwul, bi oder trans, alle probten sich aus, suchten ihre Grenzen beim gleichen oder beim anderen Geschlecht. Nur sie, eine propere, hübsche Brünette fand sich nirgendwo wieder. Jungen waren ihr egal, Mädchen ebenso, Nora Schulze fühlte weder den Drang, Sex von vorn noch welchen von hinten oder oben auszuprobieren. "Ich fragte mit vielmehr, kann es normal sein, einfach kein Interesse an Sex zu haben?", erzählt sie zehn Jahre später, noch immer ungeküsst und das, was sie selbst scherzhaft "eine alte Jungfer" nennt.

Stolze alte Jungfer

Schulze brauchte Jahre, ehe sie erkannte, dass ihre Normalität die einer großen, aber absolut unsichtbaren Randgruppe der Gesellschaft ist: Diese asexuellen Menschen haben keine Lobby, sie tauchen nie in den Medien auf, es gibt keine berühmten Schauspieler oder Schauspielerinnen, die sich als asexuell outen, auch keine Musikerinnen oder Musiker, Literaten oder Politiker wie sie andere sexuelle Minderheiten zuletzt mit dem von Ulrike Folkerts, Karin Hanczewski und Maren Kroymann sowie Godehard Giese, Ulrich Matthes und Mark Waschke unterzeichneten Manifest im „SZ-Magazin“ gefunden haben, in dem sich 185 Schauspieler*innen als lesbisch, schwul, bi, queer, nicht-binär oder trans outeten. „Wir sind schon da“ riefen sie - konseuent aber schloss ihr Outing die aus, die eine andere Diversität leben: Asexualität, und das nicht nur für ein paar Tage oder Wochen, sondern ein Leben lang.

Asexuelle, denen man ihr Schicksal von außen nicht ansieht, gelten als die emotionalen Minderleister einer auf Sex konditionierten Gesellschaft. "Es ist wirklich wahr", erklärt Nora Schulze, "es gibt in meinem Leben keine Verlockung, also auch keine Notwendigkeit, einem Gefühl Widerstand zu leisten". Sie könne durchaus Liebe empfinden, erzählt die 26-Jährige, aber "ich habe eben keinerlei Bedürfnis nach sexueller Nähe., Penetration oder auch nur Berührungen". In einer Gesellschaftsordnung, die auf sexueller Anziehungskraft aufgebaut ist, gelten Schulze und ihre Leidensgenossen als Totalausfall. 

Asexuelle als Totalausfall

Einer Zivilisation, deren Mitglieder sich über das definieren, was sie haben, sei es eine besondere Hingezogenheit zu einem bestimmten Geschlecht oder die eigene Zugehörigkeit zu einer sexuelle definierter Gruppe, erscheint Asexualität den von ihr Betroffenen als schlimmster vorstellbarer Mangel. Etwas nicht zu haben  und etwas nicht zu sein, sorgt für eine Lehrstelle in der gesellschaftlichen Verabredung, nach der Sexualität eine unglaublich interessante Angelegenheit ist, so unglaublich, dass jedermann über die selbst bevorzugte Art und Weise der Durchführung des Aktes informiert werden muss.

Asexualität dagegen ist das Gegenteil. Sie ist nicht interessant, weil Menschen wie Nora Schulze etwas nicht tun. Nicht etwa, weil sie nicht könnten oder praktisch nicht in der Lage wären. Sondern weil es ihnen an sexuellem Interesse mangelt wie einem Ochsen, einem Kleiderschrank oder einem Gartenzaun. Ein  wachsendes Problem bei dem die Gesellschaft alle ihre Verdrängungsreflexe aufbieten muss, um es weiterhin zu verschweigen, zu verleugnen und zu verdrängen.

Widerwillen gegen Sex

Und das, obwohl mit dem dänischen Nationaldichter Hans Christian Andersen ein Prominenter schon Ende des 19. Jahrhunderts versucht hatte, Medien und Öffentlichkeit für sein Schicksal und das seiner Leidensgenoss*Innen zu sensibilisieren. "Es ist ein Widerwillen gegen diese Dinge in mir, gegen die sich meine Seele so sträubt", bekannte Andersen die eigene Lustlosigkeit - und brach damit  ein Tabu, das da hieß: Ein Mann hat Lust zu haben, weil der Beischlaf zum Menschsein gehört wie das Atmen oder das Essen. Dabei sei es vollkommen natürlich, schwul, lesbisch, bisexuell, trans, queer und nicht-binär zu sein. Nicht aber, wie Nora Schulze und andere radikal ohne Sex zu leben.

Dabei fühlt es sich für Nora Schulze vollkommen natürlich an, sich weder von den Männern noch von Frauen, weder von Binärpersonen noch von Transmenschen sexuell angezogen zu fühlen. "Die Vorstellung, Sex zu haben", sagt sie, "ist für mich irgendwie absurd."Ebensowenig kann sie sich allerdings vorstellen, für das „SZ Magazin“ gemeinsam mit anderen Asexuellen ein Manifest zu unterzeichnen, um eine Debatte über Asexualität anzustoßen. "Letztlich ist das doch irgendwie privat", sagt sie im Wissen darum, dass ein asexuelles Outfit die Fantasien der Öffentlichkeit nicht im selben Maße anzuregen gehalten ist wie schwul-lesbisch-queere Geständnisse von Prominenten wie Godehard Giese, Mark Waschke, Maren Kroymann, Karin Hanczewski, Ulrich Matthes, Jaecki Schwarz und Mavie Hörbiger. 

Immer wieder Kurangebote

Als Asexueller kannst du mit deinem Privatleben nicht hausieren gehen, ohne dabei berufliche Konsequenzen zu fürchten“, sagt Schulze. Scheele Blicke, besorgte Fragen, ob man sich "normal" fühle und Vorschläge, wo man sich von wem behandeln lassen könne, seien an der Tagesordnung, wo man sich im kleinsten Kreis oute. "Die das sagen, meinen es immer gut." Oft werde angenommen, es müsse nur der Richtige kommen, mit dem man ins Bett steige, "um dann als bekehrt aufzustehen", schildert Schulze. "So funktioniert das aber nicht." 

Für sie ist es längst an der Zeit, dass die Gesellschaft und die Filmbranche Diversität stärker sichtbar machen. „Denn wir sind mit unserer sexuellen Identität in der Öffentlichkeit überhaupt nicht vorhanden." Es werde einfach immer angenommen, man gehöre zur Norm und man selbst spiele das Spiel am besten unauffällig mit, um dazuzugehören.  "Das ist es auch, was die Medien bis hin zu queeren und nicht-binären Magazinen dem asexuellen Nachwuchs suggerieren: Bleib fein still, verhalte dich ruhig, so lebst du am leichtesten mit deiner Behinderung", ärgert sich Noras Schulze, die ihre Asexualität allerdings eben nicht als Persönlichkeitsschaden sieht: "Das Leben ohne Sexualität", ist sie sicher, "ist leichter, man lebt gelassener, hat mehr Zeit für andere Hobbys."

Samstag, 24. Juli 2021

Zitate zur Zeit: Geschichte, die Geschichte der Minderheiten


Bis in die Spätmoderne hinein waren 90 Prozent der Menschheit Bauern, die jeden Morgen bei Sonnenaufgang aufstanden und im Schweiße ihres Angesichts ihr Land bestellten. 

Mit den Überschüssen, die sie erzeugten, ernährten sie eine kleine Elite von Königen, Beamten, Soldaten, Priestern, Künstlern und Denkern, die heute die Seiten der Geschichtsbücher füllen. 

Geschichte ist etwas, das eine kleine Minderheit tut, während die anderen Äcker pflügen und Wasser schleppen.

Yuval Noah Harari

Notstandsgebiet Ostdeutschland: Im Herzen der Angst

Ostdeutschland gilt auch nach 30 Jahren noch als Notfallgebiet der Republik.

Eines der letzten Tabus der Gegenwart: Die Rolle des Ostdeutschen in der politischen Landschaft. Ein mutiges Plädoyer für einen neuen Blick auf ein altes Phänomen. Bisher häufig dafür gescholten, die Demokratie nur errungen zu haben, um sich ihr später zu verweigern, so schreibt PPQ-Kolumnistin Svenja Prantl nach einer sechswöchigen Entdeckungstour durch Ostdeutschland, müsse der Ossi eigentlich gelobt werden dafür, das demokratische Spiel mit seiner Unnahbarkeit als Erster wirklich perfekt zu spielen. Die Angst vor der Obrigkeit, die heute noch in den meisten Sachsen und Thüringern stecke, sei eine demokratische Tugend, die Demokratie erst reizvoll mache.  

Denn ein Mensch, der ungeachtet des politischen Drucks von oben an seinen Lebensgewohnheiten aus der DDR festhält, signalisiert, dass er für die Demokratie nicht verfügbar ist. Und gerade das kann reizen. Schließlich gehört das Verweigern zum demokratischen Spiel. Immer wieder hörte ich unterwegs auf meiner Reise ins Herz der Angst von in der DDR erzogenen Menschen, die trotz einer guten Ausbildung keinen Job finden. Sie springen deshalb über ihren Schatten und legen ihren sächsischen Dialekt einer Anstellung wegen ab.

Einige von ihnen erzählten mir von einer interessanten Beobachtung: Westdeutsche, egal welcher Herkunft, scheinen sie ohne ihren ureigenen Dialekt weniger wahrzunehmen als vorher. Sie tragen nun die gleiche Kleidung, schminken sich gleich und der Hinweis auf ihre Herkunft fehlt. Und die Westdeutschen fragen nun nicht mehr nach nichts. Diente der Dialekt wirklich nur dazu, andere darauf hinzuweisen, dass man sich seinerzeit selbst befreit hat? Ich habe nachgedacht und mit dem Gedanken gespielt, einen Sächsisch-Test zu machen, habe es dann aber doch gelassen. Ich hatte Angst, nicht durchzufallen.

Eine mögliche Erklärung für das Phänomen ist: Ein Mensch, der hörbar aus der DDR kommt, folgt in der Öffentlichkeit meistens einem bestimmten Verhaltens-Codex. Er zeigt sich nicht nur im textilen Sinne ostdeutsch; er vermeidet Gespräche und Körperkontakt und nimmt eine distanzierte Haltung ein. Er signalisiert damit Andersartigkeit, die nicht nur christdemokratischen Kreisen damit gleichgesetzt wird, dass der Ostdeutsche noch viel zu lernen hat.

All die modernen, aufgeklärten Westdeutschen, die jetzt empört gucken, sollten sich einmal selbstkritisch fragen, mit wem sie lieber zusammenarbeiten und befreundet sein möchten: Mit einem gleich sozialisierten Kölner, der wie sie mit Lego und Atomprotest aufgewachsen ist, oder mit einem Dresdner, der das nicht kennt? Eben. Die deutsche Sprache kennt viele Ausdrücke für letztere - Ossi ist noch der harmloseste.

Eine weitere Erklärung für die Aufmerksamkeit, die der bis heute erkennbare Ostler genießt, ist das Spiel von Verweigerung und Dienstbarkeit, das von jeher zum Demokratiespiel gehörte. Das, was sich versteckt, will auch entdeckt werden. Das, was ich bedecke, betone ich gleichzeitig. Wir neigen dazu, einfache Wahrheiten anzunehmen: Ein Mensch, der politisch undurchsichtig ist, soll nicht wahrgenommen, ja, will nicht wahrgenommen werden.

Dabei wird ein durch sein Misstrauen in die Demokratie unnahbar wirkender Mensch gerade dadurch zum Adressaten politischer Aufmerksamkeit und Machtphantasien – besonders in einer offenherzigen Gesellschaft, in der medial und real sonst alles gezeigt wird. Zumindest vorbewusst weiß jeder Ostdeutsche um diese Mechanismen.

Menschen, die der Politik die kalte Schulter zeigen und sich uninteressiert geben, sind ausgesprochen stark mit Politik und deren tabuisierten Seiten beschäftigt. Gerade die Abwehr zeigt die Bedeutung des Themas an.

Wie sehr Tabus wiederum zur politischen Erregung gehören, machte mir Herrnfried Hegenzecht deutlich, der sich bei einem Interview, das ich mit ihm in der Zentrale des Bundesblogampelamtes im mecklenburgischen Warin führen konnte, mit Verweis auf ein Schwarzweiß-Fotos des Liedermachers Wolf Biermann an seiner Bürowand erinnerte, wie kontrovers eine solche Aufnahme in vergangenen Zeiten gewesen wäre. "Und jetzt? Nichts mehr."

Freitag, 23. Juli 2021

Postkarten aus dem Paradies: Leicht bekleidet im Wüstensand

Wir leben hier im Paradies“, ist Jana Schulze sicher. 322 Tage im Jahr Sonnenschein über glasklarem Meer. Die Ski-Halle zehn Minuten vom kilometerlangen Sandstrand. Das Hauspersonal aus Schweden, das Lieblingsauto aus Deutschland. Schulze sieht optimistisch in die Zukunft: „Heute stehen wir doch erst am Anfang“, sagt sie. Hätte die 23-Jährige vorher gewusst, wie schwer es ist, in leichter Bekleidung durch den Wüstensand zu stapfen, hätte sie hier niemals den Traum gehegt, hier, am Ende der Welt, ein McDonalds-Restaurant gegründet. So aber ahnte sie nichts von der Unmöglichkeit, dort von seiner Hände Arbeit zu leben, wo andere Urlaub machen, wenn diese keinen Urlaub mehr machen dürfen. oder doch jedenfalls nicht außerhalb Europas.  

Ungeplante Auswanderung

So war das nicht geplant gewesen, als Jana Schulze, Ilika Hauptmann und Leia Lehmann vor etwas mehr als einem Jahr beschlossen, den Krisenkontinent Europa hinter sich zu lassen und dorthin zu flüchten, wo das Leben noch lebenswert schien. Schulze, eine hübsche Brünette, deren Vater einst einen Kaufmannsladen in Seifhennersdorf betrieb, kannte sich aus mit Gastronomie und Handel. Ilika Hauptmann, schwarzhaarig und von ihren beiden Freundinnen als "echte Wuchtbrumme" beschrieben, kocht routiniert, aber schmackhaft. Und Leia Lehmann hat eine Ausbildung zur Buchhalterin hinter sich, zwar im väterlichen Installationsgeschäft, aber "Zahlen sind doch Zahlen" sagt sie selbstbewusst.

Während Europa also in den ersten von vielen, vielen lockdowns mit noch mehr unterschiedlichen Vornamen schlitterte, saßen die drei jungen Frauen tatendurstig auf dem Flughafen in Frankfurt. Der war damals überhaupt noch nicht geschlossen, nicht mal Einreisende seien kontrolliert worden, erinnern die drei sich kichernd. Sie nahmen die andere Richtung, weg aus dem alten Europa, dem schon anzusehen war, dass eine Pandemie vielleiht doch zu viel für einen so ausgepowerten, überdehnten und dennoch von sich selbst überzeugten Kontinent ist. Wo genau es hingehen sollte, hatte das Trio gar nicht final beschlossen. "Der Plan war, nach Dubai zu fliegen und dort die nächstbeste Maschine in eine Ecke der Welt zu nehmen, die Strände hat, blaues Meer und nette Leute."

Im Paradies gelandet

Sie sind schließlich hier gelandet, im Paradies, das in diesem Text keinen Namen haben darf, weil die drei Auswandererinnen fürchten, es könnten sonst bald, sobald das wieder möglich ist, andere kommen, viele, Kerle darunter vielleicht sogar, aber jedenfalls Menschen, die die Idylle überrennen, die Jana, Ilika und Leia hier für sich gefunden haben. Eine Hütte am Strand, nicht zu nahe, so dass die Wellen allenfalls die Füße kitzeln. Drei Zimmer, Küche, Bad unter Palmen und das eigene Restaurant in Aussicht, gebremst nur durch die Umstände, die Menschen aus fremden Ländern momentan hindern, hier Essen zu gehen. 

Jana Schulze führt stolz durch das schon blitzblank gewienerte Schnellrestaurant, das vor allem frische Schweinelende anbieten soll. "Das kennen sie hier nicht so", sagt sie. Sie wird als Mädchen für alles ihren Mann stehen, wenn es soweit ist, wird Kellnern, auch mal Putzen helfen oder in der Küche aus, wenn richtig viel los ist. Das junge Team, das sich hier zusammengefunden hat, um die Seuche zu überwintern, ist fest entschlossen, gekommen zu sein, um zu bleiben. Längst hat ihnen die Landesregierung daheim eine Heimkehrprämie in Aussicht gestellt, längst ist das Ersparte knapp, das sie bis heute über Wasser gehalten hat. "Aber wir halten durch", sagt Leia, blond und schlank und sportlich, "denn zu dritt können wir alles schaffen."

Amazon auf der Insel

Natürlich sind sie zu Hause in Sorge gewesen. "Aber nur, bis sie neidisch wurden", wie Leia schnippisch anmerkt. Nach einem feuchtfröhlichen Abend im Dorfkrug, der hier "Zur Palme am kleinen Berg" heißt, sei Jana schwach geworden und habe alten Freunden ein paar Postkarten aus dem Paradies geschickt. "Wir haben ihr da aber den Kopf gewaschen, sowas von", grollt es aus Ilika immer noch nach. Es war aber zu spät, etwas zu ändern. "Die Post ist hier sehr verlässlich", bestätigt Jana Schulze, wohl auch, um ein wenig abzulenken. Gerade bei Amazon-Bestellungen, die mit dem Boot gebracht werden, merke man kaum eine Verzögerung verglichen mit daheim. "Wir lesen echt viel", sagt Leia.

Es wird erst weniger werden, wenn die Existenzgründung richtig losgeht und das neue Lokal brummt. Angst haben die drei nicht vor diesem Tag, eher ist es gespannte Erwartung darauf, dass sich die eigenen Erwartungen erfüllen werden. Und wenn nicht? Wie ein Mann schütteln die drei den Kopf, also die Köpfe. Zurück würden sie nie wollen, schon wegen des Wetters, des Strandes, der See, der Nachbarn und der günstigen Preise im kleinen Lebensmittellädchen im Dorf. Eine Mänenrstimme ruft Unverständliches in der Landessprache. "Das ist nur Haluwei, den wir nur Karl nennen, weil er bald Geburtstag hat", winkt Jana Schulze ab. Was er gesagt hat, will sie nicht verraten. Es sei nicht wichtig gewesen. "Was Männer sagen, ist doch nie wichtig", nickt Leia Lehmann gewichtig.

Die Landwirtschaftslüge: Der domestizierte Mensch


Bis in die Moderne hinein hält sich das alte Märchen davon, wie die Menschheit zum Fortschritt fand, als es ihr gelang, vom Jagen und Sammeln zum planmäßigen Anbau von landwirtschaftlichen Produkten überzugehen. Dieser Übergang zur Landwirtschaft gilt als der große Sprung in der Menschheitsgeschichte, der am Anfang von Bevölkerungsvermehrung und Wirtschaftsgeschichte steht. Mit dem Bauern erst beginn die Historie von Fortschritt und Intelligenz, durch das Anbauen von Weizen, Hirse und Hopfen seien die Menschen dann immer intelligenter geworden, bis sie zu dem wurden, was sie heute sind: Die Krone der Schöpfung, die die Geheimnisse der Natur entschlüsselt hat und heute Schafe zu halten und künstliche Steaks zu züchten weiß.  
 

Das spannende Leben der Sammler

 
Eine Erzählung, nach der der Mensch einst begeistert das entbehrungsreiche und spannende Leben der Jäger und Sammler aufgab und sich glücklich niederließ, um als Bauer ein angenehmes Dasein im Wohlstand zu genießen, viele Kinder zu haben und langfristig am Aufbau der modernen Gesellschaft mitzuwirken. Doch so groß der Konsens, der rund um diese Geschichte herrscht, so klein ist ihr Wahrheitsgehalt: Weder ist jemals bewiesen worden, dass die Menschen im Laufe ihrer Evolution immer intelligenter wurden, noch stand die landwirtschaftliche Revolution am Anfang einer Ära des angenehmen Lebens für alle.
 
Genaugenommen ist sogar das Gegenteil wahr. Der Alltag der Bauern war weitaus härter als der ihrer Vorfahren. Während die ernteten, ohne jemals zu säen, zu bewässern, zu züchten, zu füttern und ihre Ressourcen zu planen, um ihr unmittelbares Umfeld nicht auszubeuten, mussten die Bauern all das tun, um zu überleben. Waren sie gut, gelang es ihnen, die  Gesamtmenge der verfügbaren Nahrung zu erhöhen, gelang ihnen das dauerhaft, war aber wieder zu wenig Nahrung da, weil die Zahl der zu ernährenden Menschen stieg. Die größere Menge an Nahrungsmitteln bedeutete also keineswegs eine bessere Ernährung für alle oder mehr Freizeit für die Gemeinschaft. Ein Fluch. Je weniger Menschen unter Hunger litten, desto mehr konnten auf den Felder arbeiten, je mehr Nahrung sie erzeugten, desto größer war die folgende Bevölkerungsexplosion, je mehr Untertanen es gab, desto schneller entstand eine herrschende Elite. 
 

Die Erfindung des Bauern

 
Die Erfindung des Bauern war für die Bauern selbst schrecklich. Aus freien Männern und Frauen, die herumstreifen konnten, wohin und wann sie wollten, wurden doppelt Abhängige, die auf ihr Feld aufpassen, ihr Dorf verteidigen und ihrem Herren Abgaben leisten mussten. Im Durchschnitt arbeiteten die Bauern mehr als die Jäger und Sammler und bekamen zum Dank eine ärmere Kost. Ein Betrug, der auch einer ist, obwohl ihn die Betroffenen nicht als solchen empfunden haben dürften.

Aber wer hat diesen Betrug zu verantworten? Wer ist schuld daran, dass der Mensch sich einer Lebensweise unterwarf, die zwar für seine Art zur Voraussetzungen einer unglaublichen Ausbreitung, für den Einzelnen aber zu einem bedrückenden Joch wurde? Böse Könige, fiese Priester oder Händler, die ersten Kapitalisten? Keineswegs: Schuld daran waren Pflanzen wie der Weizen, der Reis und die Kartoffel. Denn nicht der Mensch domestizierte diese Pflanzen, wie er bis heute glaubt. Sondern die Pflanzen unterwarfen sich den Homo sapiens, der ihnen als Helfer diente, ihre DNA in noch unglaublich vol größerem Maßstab über den Globus zu verteilen als es ihm selbst gelang.

Der domestizierte Mensch


Aus der Sicht des Weizens beispielsweise ist die Weltgeschichte die eines genialen Konzeptes zur Eroberung aller Kontinente. Noch vor zehntausend Jahren war der Weizen eines von vielen Wildgräsern, das nur im Nahen Osten vorkam. Dann überzeugte der Weizen den Menschen, sich um ihn zu kümmern. Und innerhalb weniger Jahrtausende breitete er sich über die gesamte Welt aus. Nach den Überlebens- und Fortpflanzungs gesetzen der Evolution ist der Weizen damit eines der erfolgreichsten Lebewesen aller Zeiten. In Regionen wie dem Mittleren Westen der Vereinigten Staaten, wo vor zehntausend Jahren noch nicht ein einziger Weizenhalm wuchs, stehen heute ganze Landstriche voll damit. Weltweit sind 2,25 Millionen Quadratkilometer mit Weizen bedeckt.
 
Gelungen ist das dem Weizen nur, weil er sich den Menschen gefügig gemacht hat, ohne dass der es überhaupt begriff.  Die Jäger und Sammler, die das Leben von Gelegenheitsgammlern führten, aber eine Unzahl von Entwicklungsmöglichkeiten hatten, verwandelten sich angesichts der Verlockung durch den Weizen in dessen Sklaven. Sie investierten Zeit, Energie und Einfallsreichtum in seine Vermehrung, sie optimierten und verbreiteten ihn und die anderen Kulturpflanzen, bis sich schließlich mehr als die Hälfte der Menschen auf der Welt von früh bis spät um diese Pflanzen kümmerten.

Ein genialer Trick

Ein genialer Trick, denn vor der Erfindung der Landwirtschaft aßen Menschen eigentlich nur sehr selten irgendwelche Körner. Dennoch brachte der Weizen den Homo sapiens dazu, sein relativ angenehmes Leben in Freiheit gegen die armselige Existenz eines Pflanzenbetreuers einzutauschen. Im Gegenzug lockte er mit dem Versprechen einer besseren Ernährung, obwohl eine auf Getreide basierende Kost arm an Mineralien und Vitaminen, schwer verdaulich und ganz schlecht für Zähne und Zahnfleisch ist. Reingefallen! Denn trotzdem unterwarf sich der Mensch. Und er lebt seitdem in der Illusion, alles richtig gemacht zu haben, obwolh er deutlich weniger von der sogenannten landwirtschaftlichen Revolution profitiert hat als Weizen, Reis und Mais.

Das war harte Arbeit, denn der Weizen ist eine äußerst anspruchsvolle Pflanze. Er mag keine Steine, weshalb sich die Sapiens krumm buckelten, um sie von den Feldern zu sammeln. Er teilt seinen Lebensraum, sein Wasser und andere Nährstoffe nicht gern mit anderen Pflanzen, also jäteten die Sapiens tagein, tagaus unter der glühenden Sonne Unkraut. Der Weizen wird leicht krank, also mussten die Sapiens nach Würmern und anderen Schädlingen Ausschau halten. Weizen kann sich nicht vor anderen Organismen wie Kaninchen und Heuschrecken schützen, die ihn gern fressen, weshalb er seinen Züchtern klarmachen mussten, dass auch das zu ihren Aufgaben gehört. Weizen ist durstig, also schleppten die armen Sapiens Wasser aus Quellen und Flüssen herbei, um ihn zu bewässern. Und der Weizen ist hungrig, weshalb die Menschen Tierkot sammelten, um den Boden zu düngen, auf dem er wuchs.
 

Der Sklave des Weizens


Für derlei Arbeiten ist der Körper des Menschen eigentlich vollkommen ungeeignet. Er ist dazu geschaffen, auf Bäume zu klettern und Gazellen zu jagen, auszuruhen, wenn ihm danach ist, und eigentlich reichte es ihm lange Zeit auch, zu essen, wenn etwas da ist. Erst die unheilvolle Allianz, die der Mensch mit dem Weizen schloss, verwandelte ihn in den übergewichtigen, überarbeiteten und übermüdeten modernen Menschen, der mit seiner Gesundheit den Preis für den angeblichen Erfolg der landwirtschaftlichen Revolution zahlt. Rücken- und Gelenkschmerzen, Zivilisationskrankheiten, Diabetes, Leistenbrüche und Herzkrankheiten nahmen zu.

Zum Glück zwang der Weizen die Menschen aber, sich zu seiner Betreuung dauerhaft an bestimmten Orten niederzulassen, so dass es im Zuge des Fortschrittes nicht nur möglich wurde, aus den Überschüssen der Weizenproduktion Ärzte auszubilden, sondern auch, Fitness-Studios einzurichten. Dort bekämpft der vom Weizen domestizierte Mensch heute die Folgen seiner Unterwerfung unter die Bedürfnisse des Weizen, ohne um seine Rolle in diesem Spiel zu wissen. Dabei verrät das Wort domestizieren alles: Es kommt vom lateinischen Wort domus für Haus. Dort lebt der Mensch, nicht der Weizen.