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Donnerstag, 21. März 2019

EU: Wer solche Freunde hat


Lebensfremd, abgehoben, bürgerfeindlich und eigentlich nur aller paar Jahre einmal daran interessiert, etwas von der eigenen Basis zu hören - das ist das Image der EU, die traditionell auch nie viel Wert darauf gelegt hat, nach außen hin als gefallsüchtig zu gelten. Hier und da mal ein Nobelpreis, gern auch ein wenig Flunkerei, um sich selbst noch bedeutender zu machen als man sich selbst ohnehin schon hält. Das reichte über Jahrzehnte, denn schräge Figuren wie Martin Schulz und Elmar Brok wussten tief in ihrem Inneren, dass es ihnen an der Fähigkeit gebrach, Menschen tatsächlich von sich zu begeistern.

Doch die Welt dreht sich weiter und auch die EU kann nicht mehr sein, wie sie immer war, ein kaltes Elitenprojekt, das seine Führungsfunktionen mit guten Freunden besetzt und dabei bereit ist, demokratische Regeln außer Kraft zu setzen. Und so fragt die EU nun über eine ihrer Vorfeldorganisationen kumpelig: "Was kann die EU tun, damit dein Vertrauen in sie steigt?" Die Union im Privatradiomodus, von Du zu Du, gerade noch rechtzeitig vor der EU-Wahl im Mai umgeschaltet auf Bürgernähe und Dialog. Steht es wirklich schon so schlimm um die Stimmung im Herzen der 24-sprachigen Verwaltung?

Doch nein, es ist nicht die EU selbst, die da auf die Bürgerinnen und Bürger zugeht. Sondern "Friends of Europe", eine Truppe engagierter Europafreunde, die aus tiefster innerer Überzeugung  Imagewerbung für die Brüsseler Großbehörde betreiben. Ein Liebesdienst, den die Truppe ehemaliger hochrangiger EU-Bediensteter sich vom europäischen Steuerzahler bezahlen lässt: Laut Transparenzregister der EU beträgt das Gesamtbudget der Lobbygruppe um ihren Gründer und heutigen "Generalsekretär" Giles Merritt rund 2,8 Millionen Euro, etwa eine Million davon spendiert die öffentliche Hand.

Dafür gibt es gut zurück: "Europäer vertrauen der EU mehr als ihren eigenen Regierungen", zitieren die Freunde Europas die Ergebnisse der sogenannten "Eurobarometer-Umfragen", die jeweils auf Wunsch und Rechnung der EU angefertigt werden. Dass das Vertrauen der Bürger in die EU höher ist als in ihre nationalen Regierungen und Parlamente, steht damit fest. So hätten, heißt es weiter, in der letzten Umfrage 42 Prozent der befragten Bürger angegeben, der EU „eher zu vertrauen“ als den in ihrem Heimatland Regierenden. "Das ist fast die Hälfte der Bevölkerung, gar nicht mal schlecht, oder?", freuen sich die "Freunde".

Doch zufrieden sind sie nicht. Im Grunde bedeute das ja nur, dass die EU im Vergleich zu den nationalen Regierungen, "die sich momentan auf dem Tiefpunkt befinden" (FoE), besser abschneide. Und außerdem ist da immer noch die andere Hälfte der Bevölkerung, die angibt, der EU „eher nicht zu trauen“.

Also nun mal Butter bei die Fische: "Was kann die EU tun, damit das Vertrauen der Bürger in sie wieder steigt? Derzeit, so die offizielle Lesart, ist die "Zustimmung für die EU auf Rekordniveau" (EU), aber da geht doch noch was! Muss! Die "Friends of Europe" haben "Europaabgeordneten des gesamten politischen Spektrums diese Frage gestellt. Schau dir hier die Antworten der sieben verschiedenen Parteien zu dieser Frage an und stimme weiter unten ab, wem du bei dieser Frage deine Stimme geben würdest", heißt es da.

Allerdings ist Europa eben ein Kontinent ohne gemeinsame Öffentlichkeit. Deshalb sind die angeblichen sieben Abgeordneten hier eigentlich 14. Deutschland bekommt nämlich sieben Deutsche präsentiert.

Der Rest Europas sieben Nicht-Deutsche.

Neues von Trump: Der Miesling und die Meinungsfreiheit


Es war zuletzt ganz still geworden um den amerikanischen Präsidenten, stiller denn je seit der Wahl Donald Trumps ins Weiße Haus. Kaum noch ein deutsches Leitmedien pflegte die zwei Jahre mühsam und manchmal auch schon verzweifelt am Leben gehaltenen Träume von einer baldigen Amtsenthebung. Selbst die Russland-Ermittlungen, auf der so viele Hoffnungen geruht hatten, konnte nur noch ganz leise beigesetzt werden, ehe man Trumps demokratische Gegenspielerin Nancy Pelosi zitierte, deren Kapitulationserklärung als großmütiger Verzicht verkauft wurde. Trump sei es nicht wert, für ihn ein Amtsenthebungsverfahren anzustrengen, sagt die 78-Jährige, als sei die Einleitung eines solches Verfahren ihre leichteste Übung, auf die sie nur verzichte, weil ihr die Einheit des Landes wichtiger sei.

Natürlich hat Pelosi überhaupt keine Möglichkeit, diesen "Pfad", wie sie es nennt, zu beschreiten. Und natürlich wissen das am Grunde genommen auch all die eingeschworenen Feinde des Präsidenten, die seit zwei Jahren Hass gegen ihn schüren, wo immer sie können. Und selbst dort nicht davon ablassen, wo es sie Glaubwürdigkeit, Leser und schlussendlich die eigenen lukrativen Posten kostet.

Trumphass ist wie Waschzwang, er juckt und die Brinkbäumers, Doemens, Maas und Merkel müssen kratzen bis aufs Blut. Was immer Trump tut, es ist nicht gut. Und was immer er lässt, ist auch nicht besser. Man versucht das, was man für das Erfolgsrezept des Präsidenten hält, selbst nachzubauen: Gegner sollen durch "Lügen und die endlose Wiederholung falscher Behauptungen" (SZ) zermürbt werden.

Die FAZ liefert ein schönes Beispiel dafür, klein, aber fein, versteckt im Appendix einer Meldungsspalte in dem Teil ganz hinten, den noch nie ein Leser aufgeschlagen hat. "Trump will keine Redeverbote" sind die acht Zeilen aus der staatlichen Danachrichtenwerkstatt DPA überschrieben, die dann im als Nachricht verpackt eine neue Granatensauerei des "Hasspredigers" (Steinmeier) schildern. "Präsident Trump will die Universitäten in den Vereinigten Staaten mit einem Erlass dazu zwingen, Redefreiheit auf dem Campus zu gewährleisten", heißt es da, "Bundesförderung sollen nach einer Rede vom Samstag nur Universitäten bekommen, die das Recht auf freie Meinungsäußerung auf ihrem Campus garantieren."

Das wars, mehr kommt nicht, ein ganzes Jahr, nachdem Thomas Thiel in der FAZ beschrieben hat, wie der Drang nach Vielfalt und als gerecht begriffener Inklusion an vielen US-Unis dazu führt, dass freedom of speech "nicht mehr das höchste Gut" ist, wie die SZ schon vor zwei Jahren diagnostizierte. Wer ungenehme Ansichten äußert, wird von tobenden Mobs zum Schweigen gebracht: Wer Bücher schreibt, die einer gefühlten Mehrheit politisch engagierter Studenten Studierend*innen nicht passt, wird mit nahezu allen Mitteln daran gehindert, an Hochschulen aufzutreten. Im Land der Freien braucht es Mut, anders zu denken als andere. Fast wie in Deutschland, das keine Außengrenzen haben will, aber durchaus stolz ist auf seine "Grenzen des Sagbaren" (Deutschlandfunk).

Wenn Trump hier nun nachregelt, wäre das dann doch aber eine gute Sache, sollte man meinen? Selbstverständlich nicht. Wo dieser Präsident sich für ein Grundrecht stark macht, steckt immer ein perfider Plan dahinter. Das war bei seinem versuchten Friedensschluss mit Mordkorea so, bei seiner Mahnung an die Nato-Partner, die müssten ihre Rüstungsanstrengungen erhöhen, und bei seiner Anerkennung Jerusalems als israelischer Hauptstadt, die nach Auffassung der europäischen Spitzenpolitik den ganzen Nahen Osten explodieren lassen sollte.

Es kommt dann immer anders, aber dann redet man eben nicht darüber. Der Zeitungsleser hat kein Archiv, er vergisst zum Glück so schnell, dass ihm der permanente Themenschwund in deutsche Leitmedien kaum auffällt.  Nun, wo Trumps miese Manöver mit der Meinungsfreiheit im Kleingedruckten abgehandelt sind, kann die Karawane weiterziehen. Hat Trump nicht "jetzt auch noch ein Boeing-Problem?" Während Maschinen vom Typ 737 Max 8 weltweit am Boden bleiben müssen, dürfen sie in den USA weiter fliegen, bastel das frühere Nachrichtenmagazin "Spiegel" an einer Verschwörungstheorie, nac hd er der gewissenlose Präsident lieber hunderte und tausende Menschenleben gefährdet, als einem amerikanischen Vorzeigekonzern an die Profite zu gehen. Als die Ente platzt, ist das im "Spiegel" keine Meldung wert.

Aber über Trumps Erlass zur Sicherung der Redefreiheit hat das Hamburger Blatt ja schließlich auch nicht berichtet, nicht mal mit acht rätselhaften Agenturzeilen wie die FAZ.

Mittwoch, 20. März 2019

Rauchpflicht soll den Feinstaubtod stoppen


Dass Rauchen viel gesünder ist als bisher gedacht, war erst vor kurzem durch neue Experimente und vergleichende Studien bekannt geworden. Doch nun der neue Wissenschaftshammer: Luftverschmutzung in Städten, Dörfern und Gemeinden führt laut einer neuen Studie sogar zu mehr Todesopfern als das Rauchen – das damit, soweit legen sich die Forscher bereits fest, Menschen in am schwersten betroffenen Gegenden sogar helfen kann, länger gesund zu bleiben.

Die neuen Erkenntnisse kommen von einem Team um zwei Mainzer Wissenschaftler, denen erstmals exakte Berechnungen dazu gelungen sind, um wie viel Grade Luftverschmutzung durch Verkehrsabgase tatsächlich deutlich schädlicher als bisher angenommen ist. Unter Zuhilfenahme von UN-Studien, Broschüren der Bundeszentrale für politische Bildungen und Statistiken von Lungenärzten sterben demnach weltweit 8,8 Millionen Menschen pro Jahr an den Folgen von schmutziger Luft - vor allem durch Feinstaub. Die Zahl der Todesfälle durchs Rauchen - inklusive Passivrauchen durch laxe Nichtrauchergesetze in mehreren deutschen Bundesländern- schätzt die Weltgesundheitsorganisation hingegen auf nur ganze 7,2 Millionen.

Rauchen ist damit gesünder als nicht zu rauchen, denn nach der Modellrechnung aus Mainz verlieren Menschen in Europa im Durchschnitt zwei Jahre Lebenszeit durch Feinstaub - wobei Deutschland natürlich weitaus stärker belastet ist als etwa Frankreich oder Italien, weil Deutsche stets überdurchschnittlich häufig und im Durchschnitt weitaus stärker von Naturkatastrophen wie der in Fukushima getroffen werden. Wichtige Quellen für die feinen Partikel in der Außenluft sind neben Industrie und Verkehr auch Landwirtschaft und private Holzöfen. Feinstaub führt durchs Einatmen auf Dauer zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen, wenn nicht - wie beim Rauchen üblich - gezielt durch einen Filter eingeatmet wird.

Die Forscher fordern deshalb nicht nur, dass die Grenzwerte für Feinstaub verschärft werden, weil sie in der EU laxer sind als die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt. Sondern auch, dass eine EU-weite Rauchpflicht für Menschen erlassen wird, die durch ein Leben an vielbefahrenen Großstadtstraßen besonders exponiert für die Gefahren durch Feinstaub, Stickoxide und Dieselabgase sind.


Gendergerecht: Warum die Menschin nicht existieren darf


Der Widerstand gegen die gendersensible Sprache ist ermüdend und falsch. Sie ist eine Bereicherung für die deutsche Sprache und wirkt gerechtigkeitsschaffend in alle Richtungen. Es ist die Leichte Sprache, von der jeder träumt, eine Möglichkeit, Ungleiches gleichzumachen.


Doch keine öffentliche Diskussion außer dieser, der um das Weltklima, um Völkerrecht und Digitalisierung scheint mit so wenig wissenschaftlichen Argumenten auszukommen wie die über unsere Sprache. Nur weil jeder spricht, will jeder mitreden. Dadurch tummeln sich hier Hunderttausende selbsternannter Fachleute, sogenannte Sprachexperten, ja sogar hauptberufliche Sprachpäpste, die ihre Befindlichkeiten und Laienansichten zu linguistischen Tatsachen erheben. So auch der aktuelle „Aufruf zum Widerstand“ gegen eine gendersensible Sprache, der nur Behauptungen aufstellt, die sich seit Jahrzehnten widerholen.

Obwohl die die feministische Linguistik sich vor allem  auf das Deutsche konzentrieren muss, weil Chinesisch, Persisch, Türkisch, Japanisch und selbst das Englische keine oder nur eingeschränkte Möglichkieten kennen, aus den normalen Sprachformen zu gendergerechten grammatischen Geschlechtern zu finden, gibt es kaum Fortschritte.

Von wegen "Generalirrtum"


Zu groß ist der Widerstand der Ewiggestrigen, zu stoisch ihr Beharren auf vermeintlich sprachwissenschaftlichen Erkenntnissen. Die absurdeste aller ihrer Behauptungen nennt sich „Generalirrtum“: Hier wird der enge, jahrhundertealte Bezug zwischen grammatischem (Genus) und sogenanntem natürlichen Geschlecht weggezaubert. „Das Pferd“ bezeichne folglich ebensogut eine Stute, „die Person“ auch einen Mann, „das Kind“ könne Junge oder Mädchen sein.

Dabei besteht beim Genus von Personenbezeichnungen keine größere Regularität als der Verweis auf das Geschlecht, dies gilt für fast 100 Prozent dieser Wörter. Das Mädchen zeigt zum Beispiel, dass es weiblich ist, denn später wird es die Verkäuferin, die Sekretärin oder die Bundeskanzlerin. Der Tisch hingegen bleibt männlich, er ist allerdings aus das Holz gemacht, das der Baum gespendet hat, so dass die Leiste an die Tischplatte genagelt werden kann.

Prinzip Cola


Das Prinzip ist klar und überall werden diesem Prinzip so selbstverständlich alle Dinge untergeordnet, dass es nicht einmal auffällt, dass die Flasche in dem (der) Kasten steckt, aber die Cola herausfließt, egal, ob die Frau oder der Mann trinkt. Niemand in der Linguistik hat jemals behauptet, dass der Frosch ein Männchen sein müsse und die Schnake ein Weibchen, aber es wäre natürlich sicherer, würde man von Frösch*innen und Schnak*innen sprechen.



Das aber negiert der fragwürdige „Aufruf“, der von Löwen, Pferden und Giraffen schwadroniert, um den so zuverlässigen Verweis von Genus auf Geschlecht wegzuwischen und mit abartigen Argumenten zu widerlegen. Wieso es das Weib heißt? Oder der Schüler zu die Schüler wird, wenn er mit anderen zusammenkommt? Wieso die Tunte weiblich ist, der Lustknabe aber männlich? Die Scheiße, aber der Harn? Aber der kleine Scheißer? Und das Scheißhaus?

Neuordnung ist nötig


Bei genauerem Hinsehen bestätigt jedes einzelne Beispiel besonders drastisch, wie notwendig eine Neuordnung der deutschen Sprache nach gendergerechten Vorgaben ist. Denn mit der grammatischen „Fehleinordnung“ wird gesellschaftliches „Fehlverhalten“ sanktioniert: die Memme stellt Männer aus, die ihrer Geschlechtsrolle nicht nachkommen, die Tunte solche, die nach überkommener Meinung das „falsche Geschlecht“ begehren, der Hügel hat es nicht zu das Gebirge geschafft, das Rinnsal ist nicht der Strom und die Pfütze kein der See.

Worte, die sich nach derzeitigen Vorschriften wie Frauen verhalten und deshalb – wie zum Beispiel im Fußball „die Sturmspitze“ - ins Femininum verbannt wird.



Diese Tatsache berichtet uns viel darüber, was Geschlecht eigentlich ausmacht beziehungsweise ausgemacht hat, und genau hier wird es eigentlich interessant: Ge-Schlecht heißt es, weil die zwar aus Tarnungsgründen weiblich angesprochene, aber männlich dominierte Sprache versucht, Frauen allenfalls - wie bei das Mannweib oder das Skiass – ein Neutrum zuzugestehen. Ihnen aber nie das längst verdiente Maskulinum gönnt, da es das Genus für die hierarchisch höherstehende männliche Geschlechtsklasse ist.


Die Menschin existiert nicht


Nur das das, eine Art Ausverkaufspreisschild, klebt an Geschöpfe, ohne die menschliches Leben nicht einmal denkbar wäre. Wie Babys, Tiere und Objekte sind Frauen „das“ oder „die“, niemals aber der Mensch. Für sie gibt es, was das betrifft, nicht einmal eine menschliche Endung: Menschin existiert nicht. Ganz im Gegensatz zu Versagerin.

So nimmt es nicht wunder, dass maskuline Berufs- und Rollenbezeichnungen mehrheitlich männlich verstanden werden, während feminine für weibliche Betätigungen stehen. Über ein Dutzend wissenschaftlicher Experimente wurde nachgewiesen, dass allein aus der häufigeren Verwendung von Worten wie Ingenieurin, Forscherin und Schlosserin ein größeres Bedürfnis von Frauen entsteht, eben dieses zu werden. Sprache schafft Wirklichkeit.

Für das Sprechen und Schreiben folgt daraus, dass das sogenannte generische Maskulinum vor allem im Singular zu vermeiden ist, wenn man beide Geschlechter bezeichnen muss, weil eines Tages durch den veränderten Sprachgebrauch beide Geschlechter gleichermaßen als Klempner, Straßenbauarbeiter, Herrenhandballer und Glasermeister*innen werden arbeiten können. feministisch neubegründet, wird die deutsche Sprache signalhaft für alle Welt zeigen, dass wir den engen, jahrhundertealten Bezug zwischen grammatischem und natürlichen Geschlecht mutig hinter uns gelassen haben.




Dienstag, 19. März 2019

Faktencheck: Der Bock im Facebook-Garten

Es ist die Nachrichtenfabrik, die alle deutschen Zeitungen, Magazine, Webseiten und Fernsehsender beliefert. Im Gemeinschaftseigentum der deutschen Verlage befindlich, ist die Deutsche Presse-Agentur (Eigenschreibweise, abgekürzt DPA) nicht nur Quelle von mehr als der Hälfte aller Inhalte, die deutsche Mediennutzer in ihren Zeitungen, im Radio, auf Onlineportalen oder im Fernsehen finden, sondern auch Quelle der meisten Falschmeldungen.

Ein unvergessener Klassiker ist die Meldung, dass die meisten EHEC-Toten "nicht mehr gesund" würden, bei anderer Gelegenheit behauptete DPA, Bin Laden in seinem Versteck und Beate Zschäpe im Untergrund besucht zu haben, auch beim Auftritt von Pussy Riot in einer Moskauer Kirche war angeblich ein DPA-Fotograf dabei, ebenso fotografierte einer den Freund der später mit Kanuverbot belegten Olympionikin Drygalla nach London, noch ehe bekannt war, dass die Rostockerin mit einem Nazi befreundet war.

Zeit, Welt, Spiegel und SZ, aber auch alle Provinzblätter, Nachmittagsprogramme und Nachrichtenmagazine übernehmen die Verlautbarungen der quasi regierungsamtlichen Bingoschule, die alles weiß, alles erklären kann und jeden Wochenanfang vorgibt, worüber Talkshow-Deutschland reden muss. Medieninsider wissen: Was von der Nachrichtenfabrik nicht getickert (alte Sprechweise) wird, existiert nicht.

Wie DPA Chruschtschow tötete


Was sie aber meldet, das wird von 457 Provinzblättern, 172 Magazinen, 48 TV-Stationen und xzig Nachrichtenportalen mit genau dem Spin und in der verquasten Wortwahl verbreitet, mit dem es die Schreibmaschinengewehre der 677 Redakteure verlässt: Am 13. April 1964 war der sowjetische Parteichef Nikita Chruschtschow deshalb kurzzeitig tot, 2008 beim G8-Gipfel rief den Bürgerkrieg aus und 2012 führte die Berichterstattung über ein Ökonomengutachten zur Frage, ob DPA die Realität eigentlich nur ablehe, oder hält sie nur für nicht notwendig halte.

Nun tendiert die Welt seit einige Zeit straks dahin, Satire unmöglich zu machen, indem sie die Realität wie Satire erscheinen lässt. Und Tessa Lyons-Laing, die bei Facebook den Faktenkampf führt, war in den großen Tagen der Ehec-News, von G8 und dem heroischen Kampf der Nachrichtenfabrik gegen die Wirklichkeit noch bei McKinsey und LeanIn.Org, einem Netzwerk zum "Empowerment" von Frauen. Und konnte sich so nicht recht um Fakenews in Deutschland kümmern, die es damals offiziell auch noch gar nicht gab, auch wenn die DPA tat, was sie konnte.

Beides kommt nun wie füreinander gemacht zusammen, denn im Kampf gegen Fake News wird die Deutsche Presse Agentur zweiter deutscher Partner im Faktenprüferprogramm von Facebook.

Partnerschaft mit  Hurenenthüllern


Nun ist der erste "Faktenprüfer" das "Recherchenetzwerk" "Correktiv", dessen größter Rechercheerfolg es bisher war, einer AfD-Kandidatin für den nordrhein-westfälischen Landtag Hurerei und Sex gegen Geld nachgewiesen zu haben. „Spitzenfrau der Rechtspopulisten vermietete ihren Körper übers Internet“ hieß es da, faktenmäßig und moralisch so korrekt, dass dort heute keine Zeile mehr zu finden ist. Die Deutsche Presse-Agentur, im heißen Flüchtlingsseptember 2015 Lieferant der Meldung, dass die Fluggesellschaft Ryaniar künftig Flüchtlinge ohne Visum aus Griechenland in andere EU-Länder bringen werde, ist also in bester Gesellschaft: Beide Partner werden nun "ausgewählte Beiträge bei Facebook" mit dem Ziel prüfen, "die Verbreitung von Fake News einzudämmen und vor gefälschten Informationen zu warnen".



Correctiv arbeitet bereits seit 2017, dem Jahr der Bundestagswahl, weitgehend folgenlos und ohne jeden öffentlich wahrnehmbaren Erfolg für Facebook und wird inzwischen mit Beträgen in unbekannter Höhe dafür entlohnt. Nun stößt DPA dazu, mitten in der Medienkrise auf der Suche nach Nachrichtenabnehmern, die auch dann noch zahlen werden, wenn der letzte Baum gerodet, zu Papier verarbeitet, gedruckt und die fertigen Zeitungen von niemandem mehr gelesen worden sind.

Als "Partner des Prüferprogramms" steigt die Agentur, die gerade den neuen superduper-unabhängigen neuen "Medien-Service" "EUreWahl" mit "Informationspaketen zur Europawahl"  gestartet hat, kurz vor den Europawahlen ein, um, so heißt es offiziell, " die Verbreitung von Fake News im deutschsprachigen Raum zu reduzieren". Von Faktenprüfern angezweifelte Beiträge werden mit entsprechenden Hinweisen versehen und gelöscht an ihrer Stelle platziert DPA dann hilfreiche Mitteilungen wie "Wozu ist die EU nütze? Fünf Beispiele, die jeden etwas angehen" oder "Pulse of Europe" nimmt Spannungsbogen zur Europawahl auf".

Verification Officer im Scoopcamp


Dadurch die Anzahl der Aufrufe falscher oder gefährlicher Inhalte im Durchschnitt um mehr als 80 Prozent verringert werden, heißt es bei Facebook. Tessa Lyons, spätgeborener “Head of News Feed Integrity” bei Facebook, lobt schon vorab: "Gerade im Kontext von Wahlen ist die Integrität von Informationen von größter Bedeutung. Deshalb freuen wir uns sehr, dass die dpa unserem Programm vor der anstehenden Wahl zum Europäischen Parlament im Mai als zweiter unabhängiger Faktenprüfer für den deutschsprachigen Raum beitritt."

DPA-Chef Peter Kropsch, der als Werbetexter, Pressesprecher und Public-Relationsmann arbeitet, ehe er für vier schmale Jahre als Redakteur bei einem Wirtschaftsinformationsdienst anheuerte, hat das dankeschön prompt erwidert. Er hält die DPA für einen geeigneten Partner für Facebook, vond er Politik stets als größte Fakeschleuder kritisiert. Sein Haus habe in den letzten Jahren "viel in den Bereich Fact Checking investiert", man besitze jetzt einen "Verification Officer" samt Team, um den herum sogar "neue Berufsbilder im dpa-Newsroom" entstanden seien.
War Journalismus früher Recherche und Schreiben, ist er jetzt "Fact Checking" und "Verification" mit "Innovation" und "Scoopcamp".