Mittwoch, 23. September 2026

Sex, Drugs & Rock'n'Roll: Gefährder über 55

Oma muss das Klima zerstören, weil die Enkel nicht genug erwirtschaften, um ihr eine Wärmepumpe dorthin zu stellen, wo früher der Berliner Ofen bollerte.

Junge Menschen trinken weniger Alkohol, sie rauchen nicht, sie haben weniger Spaß im Bett, in das sie früher gehen, um deutlich länger zu schlafen. Dafür aber sind sie häufiger traumatisiert, verunsichert und getriggert, wenn das Leben sie mit unangenehmen Umständen konfrontiert. Wo frühere Generationen staatlich verordnete Dienstpflichten etwa im Militär als lästige Übergriffe einer ungeliebten Obrigkeit aus Überzeugungsgründen ablehnten, fühlen sich die Nachgewachsenen eher in ihrer Bequemlichkeit belästigt.  

Weniger Freunde als früher 

Es sind harte Zeiten angebrochen. Wer heute jung ist, hat weitaus weniger Freunde als Jugendliche in den 70er, 80er und 90er Jahren typischerweise hatten. Die Vernetzung durch soziale Medien hat die Anzahl der sozialen Kontakte schrumpfen lassen. Alle sind öfter in Kontakt miteinander. Aber nicht mehr so intensiv wie früher. Beziehungen werden lieber unverbindlich gehalten. 

Ansichten hinter dem Berg. Die Gesellschaft der Jüngeren gleicht dem Weltall. Alles strebt von allem weg. Jeder ist sein eigener Stern. Sämtlich sind sie auf einem Kurs, der fortführt von den anderen. In der Kosmologie wird das als Rotlichtvberschiebung beschrieben. Auch gesellschaftlich ist das zutreffend.

Aus dieser Freundschaftsrezession resultiert eine größere Bedeutung des wenigen, was geblieben ist. Statt unmittelbarer Begegnungen erleben jüngere Generationen mehr und mehr nur mittelbare. Sie leben in einer Filterwelt, die sie daran hindert, schmerzhafte Erfahrungen zu machen und sich das zuzulegen, was als "Resilienz" erst bekannt wurde, als sich herausstellte, dass große Teile der Jugend über diese ehemals selbstverständliche Fähigkeit, mit unangenehmen Erlebnissen klarzukommen, nicht mehr oder nur eingeschränkt verfügen.

Mimosen im Kinderzimemr 

Die Mimosen, die von einer zumindest in Teilen noch illusionslos aufgewachsenen Elternkohorte aufgezogen wurden, hat heute nicht mehr nur keine Lust auf den Kater nach der Clubnacht, sie ist oft sogar noch stalz darauf, "nüchtern feiern" zu gehen. Sie trinken alkoholfreien Wein oder alkoholfreies Bier. Sie rauchen Shisha statt Zigarette. Und tragen in Konzerten Gehörschutz. 

Aufgewachsen in einem westdeutschen Wohlstandsbunker, dessen Nachbauten  mittlerweile auch im Osten zu finden sind, beargwöhnen sie ihre als "Boomer" bezeichneten Vorgenerationen. Deren Hang zu Ekstase und Entgrenzung, zu politischen Paukenschlägen und Prinzipien gilt unter Jüngeren als peinliches Überbleibsel einer brutalistischen Party-Ära. Unvorstellbar erscheint es heute, dass noch vor 30 Jahren Hunderttausende bei der "Love Parade" grundlos euphorisiert und halbnackt auf den Straßen tanzen. Dass junge Erwachsene nicht Lachgas schnüffelten, sondern ihre Köpfe zu Heavy-Metal-Musik so lange schüttelten, bis der berauschende Effekt auf natürliche Weise eintrat.

Kein Alkohol in Strömen 

Die Jugend von heute ist meist nie Teenager gewesen. Als Jungerwachsene treten sie oft direkt ein in eine Lebensphase, in der sie eine verzweifelte Sorge um die Welt derart niederdrückt, dass sie keinen Gedanken daran verschwenden, Familien zu gründen oder gar Kinder zu bekommen. Das Leben besteht aus Enttäuschungen. Das Leben besteht aus Entfremdung. Es gibt weniger Scheidungen, aber nur, weil es weniger Ehen gibt. Es fließt kein Alkohol in Strömen und seit der Legalisierung sind selbst Drogen langweilig. 

Mit einigem Abscheu schauen die Jüngeren auf die steinzeitlichen Sitten ihrer Väter und Großväter. Geschlechtskrankheiten. Aschenbecher. Laute Musik mit Melodien. Gespartes als ETFs auf dem Konto. Ruhige Jobs und politische Ansichten, von den man besser nichts Genaues wissen will. Der Midlife-Crisis begegnen diese Menschen durch einen  plötzlichen Hang zu Fernreisen, Kreuzfahrten und Wohnmobilen, in denen sie ihre kompletten Haushalte miniaturisiert mit sich führen, wenn sei zum Nordkap fahren. Will man so werden? Man würde schon. Aber dagegen steht eine innere Aversion gegen den Verlust der Kontrolle.

Herrschaft der Maschinen 

Das Zeitalter der Herrschaft der Maschinen ist angebrochen. Es hat die Menschen verändert. Die Nachwachsenden sind reserviert, weil man ihnen gesagt hat, sie müssen resilient sein. Sie sind kontrolliert, weil sie zuletzt im Pandemie-Lockdown gelernt haben, dass ihnen alles jederzeit mit einem Fingerschnipsen genommen werden kann. Sie hoffen und bangen, trauen sich aber nichts. Sie möchten nicht mehr Rocksänger werden, Kinostar oder wenigstens Chef einer eigenen Cateringfirma. Sie bescheiden sich damit, von einem schönen Plätzchen in der Verwaltung zu träumen. Vielleicht sogar Beamter? Toll wäre es.

Ein Riss geht durch das Land, den Politik und Medien rigoros ignorieren. Nur die Älteren nehmen noch Drogen. Nur die Boomer fallen noch mit lauten weinseligen Gesang auf nächtliche Straßen auf. Faltige Greise haben ungeschützten Sex, sie trinken und werfen das Geld zum Fenster hinaus. Sie schleppen dicke Wurstpakete zu ihren Gartenpartys. Und Steaks, die sie nicht mehr wie früher glühenden Kohlen verbrennen, sondern neuerdings mit Hilfe von High-Tech-Smokern.

Die wahre letzte Generation 

Die Babyboomer sind die einzig wahre letzte Generation. Ihre Erfahrungen aus dem kalten Krieg haben sie gelehrt, dass man Spaß nicht kaufen kann, sondern haben muss. Als sie jung waren, haben sie nicht erwartet, sehr alt zu werden. Und schon gar nicht, dass ihnen die damals Älteren gebratenen Tauben in den Mund schieben. 

Sie finden ihre vielen schlechten Angewohnheiten bis heute gut. Für sie grausame Praktiken wie das Angeln, Rauchen in geschlossenen Räumen und das Nacktbaden Teil eines Selbstbildes, das sie bitter entschlossen verteidigen. Die meisten von ihnen sind nicht glücklich, aber zufrieden. Früher war manches besser, sagen sie. Aber so gut wie heute sei es ihnen nie gegangen, wenn man ehrlich ist.

Die traurigen Gestalten unter 30 sehen das mit Argwohn. Sie hätten sich gewünscht, dass ihnen eine Welt ohne Probleme übergeben wird. Das aber hätten die Altvorderen versäumt. Trotzdem benähmen sie sich, als hätten sie allerlei geleistet. Obwohl Klima. Obwohl Krieg. Obwohl Rechtsruck und transatlantisches Zerwürfnis. 

Neid spielt große Rolle 

Es spielt Neid dabei eine große Rolle, Neid darauf, das man selbst vermutlich nie haben wird, was Mutter und Oma hatten. Es zeigt sich aber auch eine perfekt anerzogene Ratlosigkeit. In der Welt der Influencer möchte niemand entscheiden. Am liebsten ist es allen, wenn Anweisungen von oben erteilt werden. Und es soll doch ein möglichst weit oben sein, möglichst weit weg. 

Brüssel kommt dem Ideal recht nahe. So unsinnig die bizarre Menge an Vorschriften, Regeln und Richtlinien auch ist, die der nimmermüde Apparat der Überregierung produziert, einfach weil er es kann, so leise ist der Widerspruch ausgerechnet aus den Alterskohorten, die noch Jahrzehnte unter Green Deal, AI Act und Aufrüstungseifer leiden werden. 

Roaming und USB-C 

Man ist Pro-Europäer und stolz darauf, ohne genau zu wissen, was das bedeutet. Reflexhaft werden die drei großen Errungenschaften der Lenkung und Leitung des Kontinents durch eine von niemandem gewählte Kommission betont. Ihr sei es gelungen, die heimischen Handypreise auf die ganze EU auszudehnen. Und sie habe USB-C durchgesetzt. Dazu komme auch etwas Drittes, das aber immer gerade niemandem einfällt. 

Die Wirklichkeit geht brutal mit den Jungen um, die - vor allem am Arbeitsplatz - mit älteren Kolleginnen konfrontiert werden. Eine Studie im Auftrag der Krankenkasse DAK zeigt, dass vor allem Erwerbstätige unter 30 Jahren - die sogenannte Generation Z - häufig von Generationskonflikten betroffen ist. 28 Prozent der in den besten Jahren der Republik Aufgewachsenen berichten von entsprechenden Erfahrungen. Ein Viertel von ihnen fühlt sich dadurch stark oder sehr stark belastet. 

Schuldgefühle im Altersheim 


Das belastet die Älteren. Sie sehen sich gezwungen, Schuldgefühle zu hegen. Spüren sie aber nicht.  Eigentlich geht es den meisten blendend. Verglichen mit der Vergangenheit, die sie durchlebt haben, steht die Gruppe der zwischen 1960 und 1980 Geborenen in der Blüte ihres Wohlstands. Schlecht gelaunt ist sie vor allem, weil ihr schwant, dass es das schon gewesen sein könnte. Der Peak Wohlstand liegt hinter dem Land und den Leuten. Kinder und Enkel werden es einmal nicht besser haben, aber deutlich schlechter. 

Die Menschen, die die 70er, 80er und 90er Jahre als Jugendliche und junge Erwachsene erlebt haben, erinnern sich noch gut an Massenarbeitslosigkeit, kalten Krieg und Ozonloch. Die Kindheit fand statt im Schatten von rauchenden Schloten. Vater qualmte am Abendbrottisch. Bier wurde aus der Tulpe getrunken, wegem dem Stil nämlich. Wohlstand waren Farbfernseher und Kleinwagen.  

"Lehrjahre sind keine Herrenjahre" 

Es waren Zeiten, in denen eine gute Ausbildung nicht unbedingt zu einem guten Job verhalf. Diese Erfahrung hat aus vielen Boomern Menschen gemacht, die vieles leicht nehmen, was Nachgeborenen sehr schwer zu sein scheint. Sprüche wie "Lehrjahre sind keine Herrenjahre" und "wir wurden auch nicht Eselsmilch gebadet" haben sie gehasst. Aber in Erinnerng behalten. Jetzt, wo laut Geburtenstatistik  pro Jahrgang rund eine halbe Million Menschen weniger um die begerhten Druckposten in den - deutlich größeren - Verwaltungen konkurriert, scheinen sie auf einmal zu passen.

Das macht die Älteren zu den Problembürgern eines Landes, das inzwischen weitgehend aus  Unbehagen besteht. Die Alten machen sich Sorgen um ein Morgen, das sie nicht mehr erleben werden. Jedoch nicht so sehr, dass sie auf die Idee kämen, sich auf Straßen zu kleben, einen Asienurlaub weniger zu machen oder sich mehr Gedanken um Mülltrennung. 

Die Jungen dagegen werden von einer Verunsicherung erdrückt, die mehr Dimensionen hat als der Bundestag Parteien. Krieg, Frieden, Karriere, Klima, Rente und Anschlussvertrag oder nicht. Die große Zeit der unbeschwerten Feiern ist vorbei. Und sicher scheint nur, dass sie so wenig wiederkommen wird wie ein eben, das es einem Durchschnittsverdienerpaar erlaubte, ein Haus zu bauen und zwei Kinder großzuziehen.

Funktion als Schuldige  

Kein Wunder, dass die Generation Z weniger zufrieden mit ihrem Job als frühere Jahrgänge. Und infolgedessen auch weniger zufrieden mit dem Leben ansich. Nur 26 Prozent geben an, "voll und ganz" mit sich und der Welt im Reinen zu sein – 2010 waren es noch 43 Prozent der damals Jungen.

Immerhin wirkt die Anwesenheit der Älteren und Alten psychisch entlastend. Für alles, was in die Binsen geht, ist ein Schuldiger zur Hand. Mit viel Geschick spielen die Parteien, die seit Anbeginn der  Bundesrepublik regiert haben, Jung gegen Alt aus. Spalten über Spalten überall. Raucher gegen Nichtraucher, Partypeople gegen Depressive. Männer gegen Frauen, Land gegen Großstadt, Ost gegen West, Längerhierlebende gegen Ausländer, Familien gegen Kinderlose. So lange es so läuft, läuft es nach Plan.