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Freitag, 24. Mai 2019

Weltformel EU: Elmar, der Europa-Alchimist



Sie haben ihn schnöde benutzt, über Jahrzehnte. Und dann kaltlächelnd verraten und ausgebootet. Elmar Brok, der letzte Zeitgenosse Leonid Breshnews, der sich bis heute im Europäischen Parlament gehalten hat, steht vor dem schweren Abschied von einem Leben, das stets zu gleichen Teilen dem Lobbyismus für einen Großkonzern und dem pathetischen Jammerei über die Undankbarkeit der Leute gewidmet war.

Einer wie der Christdemokrat mit den tiefen Taschen aber wirft nicht so einfach hin. Nein, während die CDU dabei versagte, das Hetzvideo des jugendlich-unbedarften Youtubers Rezo wenn schon nicht als Fake News sperren zu lassen, so dann doch exemplarisch zu beantworten, stand Elmar Brok bereits vor der Kamera und erwies seinen Farben einen letzten bedeutsamen Dienst.

Denn Europa, keiner weiß das besser als der Rekordhalter in der Disziplin "Mitgliedschaft im EU-Parlament", ist mehr als die Summe aus 28 Staaten mit 313 Regionen, 17 Religinen, 67000 Kilometer unschützbarer Außengrenze, 39 Sprachen, 612 Dialekten und 187 Parteien, die sich nur selten einig sind. Sondern das Resultat einer einfachen Formel: Sicherheit mal Freiheit durch Wohlstand mal Frieden, so schreibt es Brok, der nach dem Abitur nie mehr einen Berufs- oder Bildungsabschluss erworben hat, in seinem wegweisenden wahlwerbevideo auf eine Schultafel, die noch so ist, wie Schultafeln in Europa sind. Stand 1953, bemalbar mit Kreide.

Davor blubbern Reagenzgläser CO2 in die Luft. Und noch davor steht Elmar Brok im weißen Bademantel, er grübelt sichtlich über der Weltformel, die er sich da ausgedacht hat und die augenscheinlich zu keinem Ergebnis kommen kann.

Doch von wegen: Setzt man 1 für Sicherheit, das legen zahlreiche Wahlplakate nahe, stellt die Freiheit als 2 hintenan, ergänzt dann als 3 den Wohlstand und vervollständigt das Broksche Zahlenwerk mit der 4 für Frieden, dann kommt eineindeutig 2,66 hinten raus. Hast du Sicherheit, musst du auf Freiheit verzichten, beides geht nur geteilt durch Wohlstand und Freiheit. Guter Durchschnitt in einer normalen Pisa-Klasse und nahe am vom Brok im Film geratenen Ergebnis von 26,5. Nur mit der Kommastelle hat er sich völlig vermacht.

Aber das sind Details, die die Konkurrenz auch nicht scheren. Brok immerhin, der den verrückten Professor mit großer Selbstverständlichkeit spielt, widerlegt hier entschieden die These, dass der Sinn des Lebens 42 ist, und er weist auch die Behauptung der konkurrierenden SPD als Falschnachricht zurück, dass die Antwort auf alle Fragen einfach und immer "Europa" zu lauten habe. Nein, 2,66 ist richtig und nun alle raus aus der guten Stube und drei Kreuze bei der CDU gemacht!

Chemiker warnt vor Broks Fake-Film: Auch chemisch ganz falsch

Nationalismus-Streit: Neue Steuern braucht das Land

Das Magazin des "Spiegel"zeigt, wie kritischer Journalismus geht, der sich gegen Nationalismus positioniert, und porträtiert auf einen Schlag "28 Objekte, Marken und Stimmen, die wir der EU verdanken".
Es war wie ein Fernduell auf allen Kanälen: Während Bundeskanzlerin Angela Merkel den Nationalismus wenige Tage vor der Europawahl zum „Feind des europäischen Projekts“ erklärte, erinnerte Bundespräsident Walter Steinmeier nahezu gleichzeitig daran, wie sehr Europa gerade Deutschland nütze.

Ein Argument, so der frühere Kanzlerkandidat der SPD, das zeige, wie sehr Deutschland von Europa abhängig sei - wo Merkel also die Abkehr vom Nationalismus predigt, weil der nicht zu einem modernen, weltoffenen und mit anderen Staaten vereinigten Deutschland passe, führt der Sozialdemokrat ausgerechnet Europa als Beweis dafür an, dass ein guter Nationalist auch ein guter Europäer sein müsse.

Verwirrung der Gefühle, wo sich doch gerade alle Parteien dazu durchgerungen hatten, die immer noch aus dem Mandibularfenster des Echsengehirns breiter Bevölkerungsschichten aufsteigenden Urängste vor Überfremdung und Ausrottung mit eigenen Heimatparolen zu bedienen. Europa steht vor einer Schicksalswahl, und gewählt werden muss vor allem zwischen denen, die Steuern für einen guten Zweck erhöhen möchten. Und denen, die die neuen Einnahmen lieber eine "Abgabe" nennen würden.

Nationaler Sozialismus ist out,es gilt das schlagende Argument.
Doch der Wettbewerb läuft und er läuft gut. Seit Österreich durch das Strache-Video pünktlich zum 80. Geburtstag des "Gesetzes über den Aufbau der Verwaltung in der Ostmark (Ostmarkgesetz)" vom 14. April 1939 wieder deutsche Provinz geworden ist, angewiesen auf Rat und Hilfe aus Hamburg, München und Berlin, hat ein Wahlkampf ein Thema gefunden, der zuvor auf dem Niveau der SPD-Parole #europaistdieantwort lief: Fragen wurden nicht gestellt. Die Antwort war ja ohnehin schon vorher bekannt.

Nun tanzen die Ösis auf der Bühne. Und im Backstage laufen die Planungen für neue Steuern, höhere Steuiern, Gemeinschaftssteuern und Umweltsteuern auf Hochtouren. Vom Sozialdemokraten Timmermans über den Christsozialen Weber bis zur Geheimfavoritin Verstager sind sich alle einig: Neue Steuern braucht das Land, gern auch nationale, trotz des "entschiedenen Plädoyers der Angela Merkel gegen den Nationalismus". Denn Nationalismus ist, was wir so nennen. Der Rest ist "ein deutsches Europa", wie es der frühere Sozialdemokrat Oskar Lafontaine nennt.

Also genau das, was der Hades-Plan im September 1991 als Zukunft Europas entworfen hatte.



Donnerstag, 23. Mai 2019

Strache-Affäre: Hier gesteht die scharfe Russin

Als Oligarchen-Nichte namens Aljona Makarowa hatte Valentina L. im Strache-Video ihren bislang größten Auftritt.
Ich wusste doch überhaupt nicht, was das genau werden soll! Die Männer, es waren alles Männer, haben mir nur gesagt, dass es ein Spaß wird, ein Trick, versteckte Kamera, скрытая камера, wie wir bei mir zu Hause sagen. Es lief zu der Zeit auch nicht so gut, ich hatte einige gute обязательства, wie sagt man, Engagements, in Aussicht, aber es war nichts greifbar. Und da kommt dann dieser Mann, ein guter Mann, großzügig, sehr professionell, nett und gar nicht zudringlich. Er sagt, komm mit nach Spanien, wir machen einen Jack Ass, Валет, туз! Das wird sehr lustig.

Junges Mädchen im fremden Land


Als junges Mädchen in einem fremden Land muss man auch aufs Geld schauen. Er hat den Urlaub angeboten, drei Wochen, weil ich mich erstmal einleben sollte auf dieser Insel Ибицу. Die Strände, die Diskos, die Cocktails. Ich hatte Taschengeld und ein Hotelzimmer und als Honorar waren 4500 Euro vereinbart für ein Treffen mit diesem Mann, diesem Kumpel von dem Herren. Ich weiß jetzt, das war ein Manöver, ein маневр von einem интеллект. Aber ich kannten diesen Gospodin Strache gar nicht, die Männer hatten mir auch keinen Fahrplan für eine Falle gegeben, wie es jetzt immer heißt. Der Wiener Anwalt Ramin M. und der österreichische Detektiv Julian H. haben mir nicht einmal ihre richtigen Namen gesagt, es hieß nur, sieh gut aus, guck geil, mach ihn heiß und lass ihn schwatzen.

Das ist wenig für jemanden wie mich, der mit großen Träumen aus einem kleinen Dorf bei Riga nach Moskau gegangen ist, um an der Russische Akademie für Theaterkunst, unserer geliebten Российская академия театрального искусства zu studieren. Soja Fjodorowa und Ljubow Petrowna Orlowa wollte ich werden, in Filmen wie "Sieben Patronenhülsen" und "Anna Karenina" wollte ich spielen, den "Stillen Don" neu verfilmen oder auf der heiligen Bühne vom Tschechow-Kunsttheater in Moskau "Das fahrende Leben" spielen. Ich habe alles dafür gegeben, schon als ganz kleines Mädchen. Ich wollte nichts anders. Und meine Familie hat mich immer unterstützt, vor allem Babuschka, meine Omi, die in der alten Sowjetunion Frontbetreuung gemacht hat.

Star aller Schulaufführungen


Daher kommt mein Talent, haben immer alle gesagt. Ich habe es ihnen geglaubt und glauben Sie mir, ich war der Star bei allen Schulaufführungen. Aber es ist schwierig zu begreifen, dass die Zeit endlich ist, wenn du jung bist. Eines Tages wachst du auf und du bist nicht mehr 15 mit all diesen Träumen, sondern 21 und alles ist vorbei. Ich denke heute viel mehr darüber nach, ob ich meine Zeit sinnvoll nutze oder verschwende, wie ich mich durchschlage, welche Jobs ich annehme. Man sagt ja immer so etwas unreflektiert: Wo ist nur die Zeit geblieben. Aber in meinem Alter mache ich mir jetzt ernsthaft Gedanken darüber. Warum kommt mir eine Stunde manchmal lang und dann wieder sehr kurz vor? Wieso habe ich auf diese Männer gehört? Warum bin ich mitgegangen? Warum wäre ich wohl zu noch mehr bereit gewesen, für ein paar Euro?

Es ist ja nicht so, dass es nicht Spaß macht oder interessant ist, eine Rolle zu spielen, auch wenn außer der Kamera kein Publikum da ist. Ich hätte definitiv gerne mehr davon, soviel steht fest, aber man bekommt keine guten Rollen, wenn man keinen Namen hat. Und wer keine guten Rollen spielt, woher soll dessen Name kommen? Schauspielerei ist Sklavenarbeit, Leibeigenschaft, Unterdrückung und Qual. Das ist leider sehr wahr. Ich habe in meinem Umfeld erlebt, wie Menschen sich prostituieren und ihren Fokus verlieren, nur um von ihrem Beruf leben zu können.

Also, um ganz präzise zu sein, habe ich das auch getan. Ich bin so versessen darauf, überhaupt etwas zu spielen, dass ich sogar die Herausforderung faszinierend fand, diese zwei österreichischen Brunfthirsche zu bespielen, ihnen eine Person vorzumachen, die es nicht gibt, die ich mir ausgedacht habe, während ich sie spielte. Es war wie das Arbneiten an einem sehr kleinen, halbprofessionellen Theater, viel Improvisation und immer die Angst, dass einer der Männer zupackend wird, охва́тывающий что-ли́бо sagen wir. Aber wenn man sich mit seiner Rolle identifiziert, ist man als guterSchauspieler eben auch an einem miesen Theater mit ganzer Leidenschaft dabei.

Ich kenne die Frau, die ich spielte


Ich kenne mich, also kannte ich diese Frau, die ich da spielte. Wenn mein Leben etwas anders verlaufen wäre, wenn ich eine Tochter von Oligarchen, eine Lettin, ein reiches Mädchen wäre, hätte ich so werden können wie sie. Ich bin nach Moskau gegangen, um zu studieren, aber die Stadt war zu groß, das Leben war teuer, obwohl Moskau noch nicht so gentrifiziert und schick wie heute gewesen ist. Wir haben in einigen wirklich üblen Vierteln auf der Straße gespielt, wir sind verprügelt worden und wenn ich nicht das Glück gehabt hätte, irgendwann einen festen Freund zu finden, der mit einem Start Up gutes Geld verdient hat, wäre ich wahrscheinlich auf der Straße gestrandet und beim Versuch gescheitert, an kleinen Theatern so viel zu verdienen, dass ich mein Zimmerchen bezahlen kann.

Ich hatte nie Kontakt zu Leuten, die reicher waren als er, aber die entscheidende Frage, auf die es für mich ankam, war: Kann ich trotzdem eine Oligarchin spielen? Bringe ich das rüber? Bin ich glaubhaft? Das hat mich interessiert an dem Rollenangebot dieses Anwalts. So banal es klingt, als es kam, habe ich erst einmal Bilder von typischen Oligarchen-Töchterchen gegoogelt. Ich habe einfach „rich russian girl“ in das Suchfenster eingegeben und dann auf „Bilder“ geklickt.

So wollte ich aussehen, so wollte ich wirken. Mir war aber ziemlich schnell klar, dass ich nicht wie die typische Klicknutte aussehen will, keine шлю́хаin im kurzen Rock mit похотли́вый Blick. Ironischerweise dachte ich: du musst billiger wirken, um teurer rüberzukommen. Deshalb hatte ich meine Zehennägel präpariert und dieses billige beige Fetzchen von H&M angezogen. Das fand ich schön. Beige ist eine wunderschöne Farbe, so unentschieden. Für mich repräsentiert sie Unendlichkeit, die unendliche Weite von Pakett oder Laminat oder frischem Feuerholz. Sie hat etwas sehr Spirituelles. Deswegen trage ich oft beige, auch privat.

Ich, die ausgedachte oligarchen-Nichte


Das Erstaunliche ist, dass das alles geklappt hat. Die beiden Männer sprangen auf meine Figur an, auf diese ausgedachte Oligarchen-Nichte namens Aljona Makarowa, die ich als Mischung aus Paris Hilton und Anna Sorokin angelegt hatte. Die fraßen mir aus den Händen, die lagen mir zu Füßen, die redeten sich um Kopf und Kragen und obwohl ich nicht alles verstanden habe, dachte ich manchmal, merkt doch mal was, schmeißt mich raus, ihr seid so dumm, ihr Affen in euren Unterhemden mit der Beule in der Hose.

Ich hatte das aber dann schon vergessen. Die haben mich bezahlt, ich bin nach Hause geflogen, zurück in mein kleines Leben. Ich bin keine „Method Actress“, also ich lebe meine Rollen nicht. Ich nehme sie nie mit nach Hause. Ich mache mir Gedanken darüber, sie so gut wie möglich zu spielen, wenn ich damit beschäftigt bin. Aber dann hake ich sie auch irgendwann ab. Dass diese Rolle dann auf einmal zurückkehrt zu mir, damit hatte ich nicht gerechnet. Und jetzt habe ich Angst. Das Geld ist längst alle, ich habe auch keine Telefonnummer oder irgendwas, wo ich einen der Männer von damals anrufen kann und um mehr bitten, damit ich untertauchen kann, damit die mich nicht kriegen, die mich jagen wie Vieh.

Meine Angst vor der Verfolgung


Ich habe mir die Haare gefärbt, Kontaktlinsen, ich trage nur Sportsachen, dicke Strümpfe, eine schmale Brille, die eigentlich breit ist, aber ich beschreibe das jetzt falsch, sonst wäre es doch sinnlos. Ich wohne bei meiner Schwester und guten Freunden, die nichts wissen. Ich fühlte mich eigenartig ambivalent. Ich habe eine Regierung gestürzt. Aber wenn ich das vorher gewusst hätte, hätte ich es abgelehnt. Meine Omi ist leider bereits tot. Sie hättte mir zugehört. Meine Eltern will ich nicht mit der Sache belasten, ich bin so froh, dass sie mich auf den Filmausschnitten nicht erkannt haben. Obwohl es sie bestimmt auch stolz machen würde, dass ihre Tochter eine so bedeutende Rolle spielt.

Ich weiß es nicht. Meine russische Seele sagt, ich solle traurig sein, weil ich nun nirgendwo mehr eine große Rolle spielen, wenn ich nicht als die scharfe Russin aus dem Strache-Video erkannt werden will. Aber diese Melancholie kann man leicht auf unsere russische Mentalität schieben. Ich weiß es nicht. Vielleicht vergessen mich die Menschen? Sie vergessen doch immer alles, Kunst, über Politik, den Sinn des Lebens. Ich schwanke immer noch. Manchmal glaube ich daran und dann finde ich einen brillanten Grund für diese Theorie. Aber es gibt auch diese Tage, an denen ich diese Idee wieder verwerfe und einfach weine.


Grundgesetz: Wunder der Verklärung


Das Grundgesetz hat Geburtstag - es wird 70 Jahre alt. Überall im Land starten sogenannte GG-Partys, Menschen, einander oft wildfremd, liegen sich in den Armen, sie freuen sich und feiern das "Dokument der Freiheit", das nach einer Wiedervereinigung von Ost- und Westdeutschland eigentlich von einer gesamtdeutschen Verfassung abgelöst werden sollte, wie sein Art 146 bestimmte.

"Dieses Grundgesetz, das nach Vollendung der Einheit und Freiheit Deutschlands für das gesamte deutsche Volk gilt, verliert seine Gültigkeit an dem Tage, an dem eine Verfassung in Kraft tritt, die von dem deutschen Volke in freier Entscheidung beschlossen worden ist", hieß es da. Bis diese provisorische Bstimmung gestrichen und das Grundgesetz auch ohne jene freie Entscheidung des deutschen Volkes zur Verfassung erklärt wurde.

Einfach, unkompliziert und ohne großen Aufwand, so ging das. Der Rest ist reine Imagination. Heute noch zeigt der Bundestag im Internet ein Bild des Grundgesetzes mit der Seite, die am 23. Mai 1949 von den vielbeschworenen Vätern des Grundgesetzes unterschrieben wurde. Allerdings ist das, was sie damals unterzeichneten, nur noch zum Teil identisch mit dem, was unterdessen daraus wurde.

Der Artikel 146 etwa, der mehr als 40 Jahre lang forderte, eine neue Verfassung zu verfassen, ist nicht der einzige Artikel, der sich in heutigen Fassung nicht mehr findet, weil Einheit und Freiheit vollendet sind und man sich über eine Verfassung nicht einigen konnte. Artikel 23, der den Beitritt der auf dem Gebiet der DDR gegründeten Länder möglich machte, fiel auch weg, um die Nachbarn zu beruhigen, die Sorge hatten, als nächstes könnte doch wieder der Ruf kommen, Böhmen und Schlesien müssten beitreten.

Das eigentliche Wunder des Grundgesetzes aber ist, dass es trotz dieser und anderer Streichungen nicht kürzer, sondern länger geworden ist. Hatte das Original noch 146 Artikel auf 47 Seiten, die aus 12.216 Wörtern bestanden, die wiederum aus 73.368 Zeichen zusammengesetzt waren, ist die Version ein Regelwerk, das um fast die Hälfte dicker ist als ehemals. 86 Seiten zählt das GG heute, denn aus knapp über 12.000 Wörtern mit 73.000 Zeichen sind 23.231 mit satten 153.092 Zeichen geworden.

Unverändert geblieben ist Art. 1, Absatz 1, der schlanke Satz "Die Würde des Menschen ist unantastbar", der gleich zum Auftakt verrät, das die "neue Bibel des Deutschen" (Cicero) nicht viel realitätsnäher als die alte ist: Wäre die menschliche Würde tatsächlich unantastbar, wie das Grundgesetz trotz aller Kriege, Morde, Folterungen, Verfolgung und Gewalt in der Welt unwidersprochen behauptet, bräuchte es den zweiten Teil von Satz 2 nicht, der bestimmt, dass sie "zu schützen Verpflichtung aller staatlichen Gewalt" ist.

Mittwoch, 22. Mai 2019

Barleys Verwirrung: Was ist das eigentlich, die Umsatzsteuer?

Deutschland hat eine Justizministerin, die offen zugibt, dass sie nicht weiß, was ein Umsatzsstuer ist, wer sie wann bezahlt und was sie von einer Gewinnsteuer unterscheidet.
Was ist wahr, was ist falsch, wer streut gegebenenfalls absichtlich Falschinformationen und zu welchem Zweck? Dazu ist auch vor der EU-Wahl wieder ein PPQ-Team im Einsatz, das möglichen Strategien der Desinformation mit intensivierter journalistischer Qualitätssicherung entgegenwirkt. Der KI-gestützte Faktenchecker PPQEU19 überprüft Aussagen von Medien und Politikern auf ihre Richtigkeit, ordnet ein und stellt klar. In der neunten Folge: Wie die Justizministerin öffentlich darlegte, dass sie nicht weiß, was eine Umsatzsteuer ist.

Ehrliche Politik, das ist es doch, was alle wollen. Politiker, die nicht nur vorgeben, zu wissen, wo es lang geht, wie hoch die nächste Steuererhöhung ausfallen muss und wie das Klima zu retten ist. Sondern der andere Typ, der auch mal mit den Achseln zuckt und offen gesteht, dass er sich auch keinen Ausweg mehr weiß. Na, und? Wenn schon! Der mündige Bürger weiß doch im Allgmeinen sowieso schon lange, dass all die Patentrezepte, die Verweigerung von europäischen Lösungen und die arrogante Besserwisserei im Ernstfall nur bis zum nächsten Wahltag zählen.

Katarina Barley, numerisch immer noch Justizministerin, seit einigen Wochen aber hauptberuflich - bei vollen Bezügen - europäische Spitzenkandidatin der deutschen Sozialdemokratie für  den Posten, den ihr niederländischer Genosse Frans Timmermann am Ende bekommen soll, ist anders. Barley ist nicht nur studierte Juristin, sondern auch als Doppelstaatsbürgerin auch eine der besonderen EuropäerInnen, die über ihren Abgeordneten zweimal abstimmen können. Und dazu noch ist Barley so meinungsstark, dass sie im Eifer eines Wahlkampfes, der so spannend ist wie ein Flitzebogen ohen Sehne, auch dann laut wird, wenn sie gerademal wieder nicht weiß, wovon sie redet.

Die leidigen Steuern und die traditionelle sozialdemokratische Sehnsucht, sie so lange zu erhöhen, bis der Staat endlich alles hat und aus vollen Töpfen verteilen kann, verlockten Katarina Barley nun, noch einmal einen Vorstoß zu einer "Mindestbesteuerung von Unternehmen" zu machen, die nicht natürlich nicht dazu führen soll, dass auch deutsche Unternehmen nicht mehr den deutschen Satz von 30 Prozent, sondern den Luxemburger von zwei Prozent zahlen. Sondern umgekehrt. Dazu nannte die Sozialdemokratin ein Beispiel aus Österreich, wo Starbucks, so Barley, zwar 17,6 Millionen Euro Umsatz gemacht, aber "nur 803 Euro Umsatzsteuer gezahlt" habe.

"Das geht so nicht!", folgerte Barley völlig richtig, denn es stimmt natürlich nicht, was sie behauptet. Starbucks hat nicht etwa wenig "Umsatzssteuer" gezahlt, denn die zahlt der Konzern auf jede Tasse Kaffee. Barley meint die Körperschaftssteuer, oft als "Einkommenssteuer der Firmen" bezeichnet, verwechselt das eine aber mit dem anderen, weil sie als Justizministerin offenbar weniger an Fakten als am passenden Eindruck interessiert ist. "Firmen wie Starbucks müssen sich endlich am Gemeinwohl beteiligen", lautet die Forderung der 50-Jährigen, da wäre es kontraproduktiv, zu erwähnen, dass Starbucks bei einem Umsatz von 17,6 Millionen wenigstens 1,76 Millionen Umsatzsteuern in Österreich gezahlt haben muss.

Noch dümmer wäre es allerdings, darauf zu verweisen, dass das SPD-Medienimperium DDVG zuletzt auf eine Steuerquote von gerademal 8,8 Prozent kam: Bei 13,5 Millionen Gewinn zahlten die Genossen durch millionenschwere Wertabschreibungen auf das verrückte China-Abenteuer des einstigen Gottkanzlers Martin Schulz sparsame 1,2 Millionen Euro "Umsatzsteuern", wie es die SPD-Steuerexpertin Barley vermutlich nennen würde.



Die Faktenchecker-Serie PPQEU19:

Folge 8: Wie Frans Timmermans Europa leugnete 
Folge 7: Wie Horst Seehofer viele Flüchtlinge verschwinden ließ
Folge 6: Wie eine SPD-Spitzenkandidatin die Nato leugnet
Folge 5: Was für tolle Dinge die EU wirklich gebracht hat
Folge 4: Wie die CDU-Vorsitzende auf  Fake News hereinfiel
Folge 3: Wie das EU-Parlament sich einen Social-Media-Erfolg kaufte
Folge 2: Wie dreist grüne Wahlkämpfer die Geschichte fälschen
Folge 1: Wie unbeholfen das Zweite Deutsche Fernsehen manipuliert.