Samstag, 24. Oktober 2026

Der gläserne Abgeordnete: Guido Ungeheuer

Noch ist die Wahl im Landtag nicht verloren - doch Guido Heuer gilt in der CDU heute schon als Verräter an der gemeinsamen Sache.

Die Wellen sind verebbt, die Reporter abgezogen. Der Wahlsieger hat sein Moped eingemottet. Seine leidenschaftlichsten Feinde fahren es jetzt, hilflos vor Wut. Es scheint schon Ewigkeiten her, dass das kleine, bettelarme Bundesland Sachsen-Anhalt bestimmt war, über das Schicksal der gesamten Nation zu entscheiden. 

Demokratie oder Untergang. Machtwechsel oder gemütlich weiter so. Würden zwei Millionen Menschen, verführt von russischen Bots, einem Parfümverkäufer und nationalistischen Parolen, gezwungen werden, künftig in einem kleinen, aber Vierten Reich zu leben?

Drei-D-Schach in Magdeburg 

Es ist eine Art Drei-D-Schach, das sie derzeit in Magdeburg spielen. Seit die Wählerinnen und Wähler in Sachsen-Anhalt beschlossen, den erst vor einigen Monaten von Vorgänger Reiner Haseloff auf dem Weg der Erbfolge eingesetzten Landesvater Sven Schulze in den Ruhestand zu schicken, ist Land unter an der Elbe. Machtkämpfe zwischen den Parteien. Machtkämpfe in den Parteien. Gegenseitige Schuldzuweisungen. Brustrommelnde Erklärungen, man mache jetzt "Opposition".

Der Wahlsieger Ulrich Siegmund spekuliert seit dem Abend des Wahltages auf eine Mehrheit im Landtag bei seiner Wahl zum Ministerpräsidenten, obwohl er rechnerisch keine hat. Wahlverlierer Schulze setzt darauf, ohne Inthronisierung eines Nachfolgers unbegrenzt lange weiter amtierend im Amt bleiben zu können. Die zu einer Splittergruppe geschrumpfte SPD versuchte, mit Linkspartei, BSW, CDU und Grünen eine Koalition der Verlierer zu bilden.

Einhellige Ablehnung 

Die CDU sagte ab, einhellig in der Ablehnung eines Überschreitens der Brandmauer nach links, nachdem ihr vorgeworfen worden war, sie habe bei der Wahl des Landtagspräsidenten Tobias Rausch schon die Brandmauer nach rechts niedergerissen. Die Volksfrontregierung kam nicht zustande. Die Gesamtsituation ist seitdem vertrackt.

Keiner kann mit niemandem zusammen, fast alle aber wollen vor allem Neuwahlen vermeiden. Zwar war eine Umfrage frei erfunden, die der AfD sechs Wochen nach der Landtagswahl 47 Prozent der Stimmen zusprach. Die Angst aller anderen im Parlament vertretenen Parteien aber, dass an den Fieberfantasien von Prognos-Umfragen womöglich doch etwas dran sein könnte, mäßig das Interesse, es darauf ankommen zu lassen.

Sehenden Auges ins Desaster 

Sehenden Auges marschieren sämtliche Truppen in ein Desaster, die in zwei leidenschaftlich verfeindete Lager gespaltene CDU vornweg. Nach den Attacken auf die Integrität der Abgeordneten, denen vorgeworfen wird, Tobias Rausch mitgewählt zu haben, schlossen die beiden Rivalen Sven Schulze und Sepp Müller zumindest einen Kompromiss. 

Bei der im September anstehenden Wahl des Ministerpräsidenten würde die Unionsabgeordneten den Plenarsaal noch vor dem Wahlakt verlassen. Aus Gründen des Selbstschutzes: Wer nicht teilnimmt am Festakt der Demokratie, dem kann im Nachhinein kaum unterstellt werden, er habe den Feind von Freiheit, Frieden und Gerechtigkeit in den Sattel gehoben.

An der Grenze der Freiheit des Mandats 

Ein taktischer Kniff, der den Begriff der Freiheit des Mandats bis an die äußerste Grenze dehnt. Natürlich hat die Fraktion intern darüber abgestimmt, ob so verfahren werden soll. Natürlich gab es eine satte Mehrheit aller Stimmen der Anwesenden für den gemeinsamen Vorschlag der erbitterten Gegner Schulze und Müller. Aber natürlich kam die nur zustande, weil jeder Parlamentarier, der dagegengestimmt hätte, sofort unter Verdacht geraten wäre, gemeinsame Sache mit der einer Abteilung im Ministerium für Inneres und Sport des Landes Sachsen-Anhalt als "gesichert rechtsextremistisch" geführten Siegmund-Partei zu machen.

Einer, der sich bei der Abstimmung in der Fraktion enthalten hatte, bekommt das gerade zu spüren. Nachdem der ehemalige CDU-Fraktionschef Guido Heuer öffentlich erklärt hat, er werde bei der Wahl des Ministerpräsidenten nicht wie der Rest seiner Fraktionskollegen eilig ins Foyer flüchten, gilt der 60-jährige Magdeburger - immer schon Kandidat im Wahlkreis Wanzleben - als Verräter an der gemeinsamen Sache.

Der Verräter aus Wanzleben 

 Heuer, zu DDR-Zeiten Offizier auf Zeit bei der Nationalen Volksarmee und nach der deutschen Einheit Vertriebler eines Verpackungsmittelherstellers und Niederlassungskleider bei einem Fliesenhändler, wird unterstellt, er wolle sich nur rächen. Grund genug hätte er, denn Wahlverlierer Seven Schulze hatte ihn im Klingbeil-Stil nur Stunden nach seiner Abwahl mit seiner eigenen als entscheidender Stimme als Fraktionschef im Landtag abgelöst.

Schlimmer aber als dieser  Vorwurf wiegt der, mit seiner demonstrativen Teilnahme an einem Wahlakt, zu dem es aus Unionssicht nie hätte kommen dürfen, eine Brücke zur AfD bauen zu wollen. Länger schon streuen Politiker der Linkspartei, von Grünen, SPD und AfD gezielt Gerüchte, Teile der CDU hätten die demokratische Mitte längst verlassen. Diese abtrünnigen Kreise in der Union wollten das "Soziale mit dem Nationalen versöhnen" und sie warteten nur noch auf den richtigen Moment, der freiheitlich-demokratischen Ordnung das Messer in den Rücken zu stoßen.

Seit der Fotoaffäre unter Überläuferverdacht 

Guido Heuer, ein weißhaariger Onkeltyp mit der Physiognomie des Schauspielers Jörg Schüttauf, steht schon seit der sogenannten Fotoaffäre unter verschärftem Überläuferverdacht. Im Sommer wurde der gelernte Betriebswirt fotografiert, als er seinen AfD-Fraktionschefkollegen Siegmund lächelnd herzte und unbefangen mit ihm scherzte. Der "Spiegel" sah darin "einen Glücksfall für die AfD", weil die Auskenner in Hamburg auch im Juni noch davon ausgingen, dass das Wahlvolk in Ostdeutschland nur Kandidaten wählt, die von einem Christdemokraten die Freigabe bekommen haben.

Heuer ist das ideale Ungeheuer, um die freie und geheime Wahl infragezustellen, ohne die keinem Abgeordneten die Ausübung des Mandats möglich ist. Der von Medien immer wieder beschworene  "Fraktionszwang", den es nach Aussagen des früheren Bundestagspräsidenten Norbert Lammert (CDU) trotz vielverbreiteter Falschangaben nie gegeben hat, er findet in Beschimpfungen von Heuer als "CDU-Systemsprenger von Magdeburg" (Stern) eine erstickende Steigerung. 

Topedo für den "Anti-Siegmund-Plan" 

Da "torpediert" einer den "Anti-Siegmund-Plan" seiner Partei, obwohl der doch mit der Berliner Parteispitze abgesprochen ist. Da beharrt einer darauf, dass das Wahlgeheimnis wichtiger sei als eine Kollektivdemonstration durch die Verweigerung der Arbeit, die zu erledigen Wählerinnen und Wähler Abgeordnete überhaupt nur in Parlamente schicken. Der Abweichler hat sogar verkündet, er werde auch nach der Wahl nicht bekanntgeben, wie er abstimmt habe. Das Wahlgeheimnis erlaube ihm das, empören sich Beobachter über einen Brauch, der in Deutschland seit 123 Jahren gepflegt wird. Nicht aus Spa,sondern  um .Wähler vor Druck, Einschüchterung und Stimmenkauf zu schützen. 

Ohne Wahlgeheimnis ist keine freie Wahlentscheidung möglich. Demonstrativhandlungen, wie sie von der CDU geplant werden, um die der CDU Diskussionen in der Öffentlichkeit darüber zu ersparen, ob  ihre Mandatsträger einen AfD-Kandidaten unterstützen, zerstören das Vertrauen in die Unabhängigkeit der Abgeordneten.

"Abweichler" sollen "Farbe bekennen" 

Dass Heuer "seinen Wählern eine Antwort" über seine Wahlentscheidung schulde, wie es heißt, oder "Abweichler Farbe bekennen" müssen, wie die Berliner Internetzeitung Taz behauptet, legt die Axt an die Wurzel der Demokratie. Abgeordnete sind zwar Vertreterinnen und Vertreter des ganzen Volkes. Doch sie sind weder an Aufträge noch an Weisungen gebunden. Nicht an die der Menschen in ihrem Landkreis, nicht an die der eigenen Partei. Sie sind nur ihrem Gewissen unterworfen. 

Das Ideal der Kritiker, die Guido Heuer bezichtigen, er "widersetze sich der Fraktionslinie", ist der gläserne Abgeordnete, ein Befehlsempfänger von Parteizentralen, der bei Widerstreben diszipliniert und auf Linie gebracht wird. Während die SPD und die Grünen in Berlin auf eine Partnerschaft mit einer völlig irrationalen, antisemitischen und mit dem kriminellen Clanmilieu verbandelten Linkspartei ansteuern, teufelt die Parteipresse auf den einzige CDU-Mann ein, der an der Ministerpräsidentenwahl im Dezember teilnehmen will. 

Helfer der Faschisten 

Guido Heuer hintergehe damit "den Anti-AfD-Plan seiner Parteispitze", schwurbelt ein von einem SS-Mann gegründetes Magazin. Er verhelfe "Faschisten zur Machtübernahme" und habe nicht das "Rückgrat", die in der Landesverfassung Sachsen-Anhalt verankerte Regel, dass  über Personalentscheidungen generell geheim abgestimmt wird,  zu ignorieren und seine Wahlentscheidung öffentlich zu machen.

Die Debatte über den Einzelgänger überstrahlt alles. Heuers Ankündigung, trotz Fraktionsentscheidung zu tun, was er glaubt, tun zu müssen, verstellt sogar den Blick auf die überaus prekäre Gesamtsituation des nach 36 Jahren wechselweise von CDU, SPD, FDP, Grüner und Linken regierten ärmsten Bundeslandes. Ulrich Siegmund wird eigenen Ankündigungen nur im ersten Wahlgang antreten. Im zweiten würde dann ein anderer Kandidat scheitern.

Das Comebvack von "Svenman" Schulze 

Im dritten aber, wenn nur noch die einfache Mehrheit benötigt wird und auch die Boykotttruppe von der CDU mitmachen will, könnte irgendjemand gewählt werden - vielleicht sogar der bei der Wahl im September so hart abgestrafte Wahlverlierer Schulze. Der Mann aus der Börde, der seine Partei mit einer engagierten Wahlkampfsimulation zum schlechtesten Ergebnis aller Zeiten geführt hatte, hätte dann doch den "Regierungsauftrag", die AfD von der Staatskanzlei aus kleinzuhalten. Beim letzten Versuch endete das mit einem Zustimmungsrutsch von 37,1 Prozent der Stimmen auf 17,2 Prozent.

Diesmal allerdings würde dem "Svenman" nicht nur das Format fehlen, den Landesvater glaubhaft zu spielen, sondern auch eine Mehrheit im Parlament, um eigene Gesetze wie etwa den Landeshaushalt durchzubringen. Sven Schulze hätte erfolgreich eine Machtübernahme der Faschisten verhindert. Wäre aber als Regierungschef nicht nur an SPD, Grüne und BSW gefesselt, sondern wie seine Parteikollegen in Thüringen und Sachsen auch an die Linkspartei. 

Vier Jahre als Chef einer solchen Gemüsekistenkoalition mit Klimaträumern, Antisemiten, Sozialstaatsfetischisten und Friedensromantikern, die ihren SPD-Genossen Armin Willingmann schon bei der Wahl zu Vizepräsidenten des Landtages hatten durchfallen lassen, würden der AfD wahrscheinlich in vier Jahren zur absoluten Mehrheit verhelfen.

Hobby-Governing als Regierungsform: Reiter ohne Leiter

Die mächtigsten Politikpersonen Europas: Drei Reiter ohne Leiter.

Seit einem Jahr klagen seine Kritiker über die Methode, mit der Friedrich Merz regiert. Andere Kanzler hätten Probleme einfach ausgesessen, bis sie von anderen überwölbt worden seien, heißt es dann. Er  aber schaffe es immer wieder, sie zu verschärfen und freisches wasser auf die Mühlöen der Extremisten zu leiten. Wenige nur sind zufrieden mit dem ersten Jahr seit dem "Sommer  der Stimmungswende" im vergangenen Jahr.

Doch Merz, nebenher auch noch Vorsitzender und Vordenker der letzten Volkspartei, lässt an seinem Kompass nicht rütteln. Die architektonische Struktur seiner Politik stützt sich auf eine Trias von Säulen, die seit Merz' Abkehr vom Versuch, sich als harter Hund zu geben, bewegungslos in der Landschaft stehen. 

Zuversicht mit gutem Grund 

Alle drei sind unerlässlich für die Gesamtstabilität: Die kontinuierliche Wiederholung planwirtschaftlicher Ziele wird gebraucht, um zu suggerieren, die Regierung wisse genau, wo es hingeht. Die Aufrufe zu "mehr Zuversicht" (Merz), zu der "wir guten Grund haben",  sollen erkennen lassen, dass es flott vorangeht. Und in eins gebunden wird das alles von einer Schnur aus Versprechen und Vertröstungen. 

Kritiker nennen die Krankheit "Versprecheritis", Freunde des modernen Sports aber erkennen die Disziplin, die so unterscheidliche Charaktere wie Merz, seine rechte Hand Lars Klingbeil, seine sprichwörtliche "Linke" Bärbel Bas und der Rest der Regierungsmannschaft mit so großer Leidenschaft ausüben. es handelt sich um das sogenannte "Hobby-Governing", ein Regieren, das aus Simulieren besteht. 

Die Zukunft des Regierens 

Die Ausübenden bilden dabei wie im richtigen Leben Koalitionen, sie verabschieden Programme, streiten mit- und leiden aneinander. Der noch recht junge Sport wird von in beauftragten Medien breit gefeatured, beliebt sind etwa Bilder von anfahrenden Limousinen, auf die oft kurze Aufsager folgen, aus denen die klassische Politik-Botschaft herauszuhören ist: Lage im Griff, Hilfe im Anflug. Etwas Geduld. Wir schaffen das.

Hobby-Governing sei wie Home-Office bei der Müllabfuhr oder Reiten ohne Leiter, sagen Kenner der ursprünglich in den USA der Clinton-Jahre wiederentdeckten Disziplin. Beim Hobby-Governing (HG) sind die Akteure aufgerufen, mit großer Ernsthaftigkeit alle Kraft auf die Lösung von Problemen zu konzentrieren, die in ferner Zukunft liegen. Ziel der Übungen ist es, von naheliegenderen und viel drängenderen Fragen abzulenken.

Nur die großen Linien 

Hobby-Governer sehen nicht das kleine Karo der Tagespolitik, sondern die großen Linien und die langfristigen Entwicklungen. Schon in früheren Zeitaltern wussten Instinktsportler wie Lenin, Stalin, Honecker und Castro, was die Wissenschaft unwiderlegbar bewiesen hatte: Die Entwicklungsweg der Menschheit führte seinerzeit unweigerlich von der proletarischen Revolution über den Sozialismus in den Kommunismus. 

Heute ist es die westlich geprägte Demokratievorstellung, die ihre Grundwerte weltweit durchsetzt. Hobby-Governer treten jeweils an, bis dahin für Unterhaltung zu sorgen. Sie sind die Gesichter der Geschichte, Getriebene vom Gedanken, die Strohhalme, die sie in den Händen halten, seien Hebel, mit denen sich die Historie ändern lässt. 

Großarena des Hobby-Governing 

Im politischen Berlin, dieser Großarena des Hobby-Governing, lässt sich das Geschehen an jedem Wochentag beobachten. Die Szenerie wirkt auf den ersten Blick vertraut: Rund um den Reichstag sind Sicherheitsmaßnahmen in Kraft, die an Freibad im Ruhrgebiet erinnern. Menschen kommen und Menschen gehen, einige sind selbst Hobby-Governer, andere gehören zu bekannten HG-Teams oder arbeiten in den Promotionsabteilungen der Liga. 

Es herrscht eine Atmosphäre aus Vorfreude auf den spielerischen Wettbewerb, es riecht schon am frühen Morgen nach verbalen Höchstleistungen. Die Aktiven nicken sich freundlich zu. Jetzt, kurz vor dem Ende der Saison und vor der Saisonpause sind alle tiefenentspannt. Erbitterte Gegner sehen sich in kurzen Momenten der Unkonzentriertheit freundlich an. Der Fokus auf die Brandmauer, die die einen verteidigen und die anderen zu überspringen suchen, ist verschoben. 

Hobby-Governer unter der Glaskuppel 

Die Arena, gekrönt von der bekannten Glaskuppel, ist voll wie immer. Die Stars in der Manege absolvieren ihre letzten Auftritte vor dem Urlaub umbraust vom Applaus. Der gilt nicht historischen Weichenstellungen von resoluten Basta-Poltikern, sondern einer neuen Generation aus fingerfertige Illusionisten. 

Stolz sind hier immer noch alle, dass es jüngst gelungen ist, Medien und Gesellschaft mit viel Rabulistik und einer drastischen Erhöhung der Beiträge zu überzeugen, dass die Rente bis zum Jahr 2090 sicher sein wird. Die Zuschauer haben das bejubelt, als hätten sie eine echte politische Entscheidung erlebt. Die Sportler wussten - keine echte Weiche musste gestellt, keine Konsequenz gezogen werden.

Spannend wie Hobby-Horsing

Kennerinnen und Kenner sehen die Parallele zum sogenannten "Hobby-Horsing". Was einst im Kleinen als eine sportliche Kuriosität begann, die von meist armen oder armutsbedrohten jungen Mädchen ausgeübt wurde, die sich kein eigenes Pferd leisten, hat die politische Arena erobert. Parteien betreiben das "Hobby-Governing" - zu Deutsch sinngemäß "Alsob-Regieren" - mit professionelelr Ernsthaftigkeit. 

Riesige Apparate sind mit der Aufrechterhaltung der Illusion beschäftigt, Figuren wie Friedrich Merz, die EU-Vorsitzende Ursula von der Leyen oder der glücklose französische  Präsident Emmanuel Macron säßen an echten Schalthebeln, die es ihnen erlauben, das Weltklima zu ändern oder einem ganzen Kontinent planwirtschaftlich zu neuem Wohlstand zu verhelfen. 

Fern von echten Problemen 

Im Hobby-Governing geht es allerdings ausschließlich um Anmutung. Erfolgreiche HG-Sportler wie Angela Merkel, Joschka Fischer, Friedrich Merz oder Robert Habeck haben den Instinkt, genau zu wissen, dass sie sich von jedem akuten Problem fernhalten müssen. Schneit aus der realen Welt doch einmal ein Hindernis herein, galoppieren sie behende drumherum.

Ein herausragendes Beispiel für diese Gelenkigkeit ist der Umgang mit jähen Wendungen, die kein Planer im Block hatte. Als US-präsident Donald Trump begann, bei dern Europäern höhere Rüstungsausgaben anzumahnen, lehnten die HG-Akteure das Ansinnen aus Amerika rigoros ab.

Trump sei dumm, dreist und bald wieder weg, hieß es. Im Rückspiel gelang dann ein mustergültiges Wendemanöver: Die höheren Rüstungsausgaben waren jezzt nicht mehr Erpressung, blödsinnung und friedengefährdend. Sondern eine ureigener Wunsch Europas,  den sich alle Spitzenmannschaften in der HG-Liga schon lange hatten erfüllen wollen. 

Klimaerwärmug als Paradeplatz 

Das Spielfeld wird auf diese Weise immer wieder neu gestaltet. Viele Jahre diente die Klimaerwärmung als Paradeplatz, auf dem die HG-Sportler ihre Fähigkeiten unter Beweis stellen mussten, Probleme perfekt zu lösen, die weit in der Zukunft auftauchen könnten. Anstatt sich den technologisch komplexen und mühsamen Anforderungen einer echten Anpassung sowohl gesellschaftlicher als auch  industrieller Prozesse zu widmen, zeigten die Aktiven, wie sich ein Steckenpferd reiten lässt. Ausstieg hier, Einstieg da. Vom Hü zum Hott und zurück.

Ein anschauliches Beispiel war die Strategie eines mit aller Macht forcierten E-Mobilitätsausbaus. Hobby-Governer wie Peter Altmaier und Robert Habeck riefen ehrgeizige Ziele aus und sie zahlten besonders reiche Milliarden, um jener idealisierten Spielewelt nahezukommen, in der sie ihr Glück gefunden hatten. Die reale Verfügbarkeit von Rohstoffen, die notwendige Kapazität der Stromnetze und die begrenzte finanzielle Leistungsfähigkeit der Bürger wurde hingegen nicht berücksichtigt. Das Ergebnis des Hobby-Government-Experiment: Immer noch werden vier von fünf in Europa verkauften Fahrzeugen von einem Verbrennungsmotor angetrieben. 

Zielvorgabe statt Wirklichkeit 

Kein Beinbruch. Im Hobby-Governing werden Probleme weder durch technologische Innovationen gelöst noch durch Verbote, Strafen oder Prämien. Sondern allein dadurch, dass der geüblte Hobby-Governer die komplexe Realität durch eine rein auf dem Papier existierende Zielvorgabe ersetzt, auf die er mit großem Brimborium zureitet. Auf diese gewiefte Art verlässt die Politik das Feld der wirksamen Einflussnahme auf die Realität. Sie findet ihren Platz in möglich bürokratisch konzipierten Umverteilungsprogrammen.

Die, im HG auch als "Spielplan" bezeichnet, existieren keineswegs nur als wohlklingende Konzepte in den Regierungspapieren. Eine ganze Industrie aus HG-Berichterstattern nimmt die oft als "Maßnahmepaket", "Zehn-Punkte-Plan" oder "Koalitionsvertrag" bezeichneten Public-Relation-Konzepte nicht weniger ernst als die Diskussion um die Auftsellung der deutschen Startelf bei einer Fußball-Weltmeisterschaft. 

Ignorieren statt Regieren 

Dass Hobby-Governing mit Propagandafeldzügen im Namen von "Green Plan", "Lissabon-Strategie" oder "KI-Regulierung" keinen Einfluss auf  die Lebenswirklichkeit der vereintlich Betroffenen zu nehmen vermag, wird ignoriert, obwohl es sich dabei um eine reale Erleichterung für alle Beteiligten handelt.

Hobby-Governing lebt von der Behauptung der eigenen Ernsthaftigkeit und der medial häufig und weit verbreiteten Versicherung, Hobby-Governer seien es, die mit ihren symbolischen "Plänen" und "Maßnahmen" Lösungen für alles herbeiführen würden. Ungeachtet der Tatsache, dass die ökonomische Produktivität sinkt, die Armutsgefährung steigt und das Versagen bei der Schaffung von Möglichkeiten für technologische Entwicklungen die Stars der Szene mittlerweile seit zwei Jahrzehnten blamiert, erfreut sich der Alsob-Sport zumindest bei den Leitmedien weiterhin großer Beliebtheit.

Verliebt in Vater Staat 

Wie die Zentralorgane der Yellow Press auf todkranke Prinzessinen fliegen sie auf eloquente HG-Stars wie Merz, Miersch, Banaszak und Reichninnek. Deren Behauptung, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Fortschritt könne von den Trainerstäben der HG-Liga geplant und der Erfolg per Dekret verordnet werden, fasziniert eine ganze Generation von Berichterstattern. 

Sie alle sind großgeworden mit der Erzählung vom Primat des Staates. Nur der könne Gerechtigkeit befehlen, Gleichheit schaffen technologisches Neuland erobern und das Klima retten, glauben die Jünger einer Sportart, in der die staatliche Anordnung vergleichbar ist mit dem Galoppsprung mit Handwechsel beim Hobby Horsing.

Die Architektur des eingebildeten Problems

Hobby-Governing beschreibt den Zustand, in dem Regierungspolitik zu einer performativen Kunstform geworden ist, die sich von der physischen Realität entkoppelt hat. Wie beim Hobby-Horsing, das das romantische Ideal des Reitens – Eleganz, Disziplin, Freiheit – vom lebendigen Wesen befreit, hat das Hobby-Governing den Prozess der Problemlösung von der praktischen Umsetzung abgelöst.

Anstatt auf komplexe, materielle Herausforderungen mit harten Fakten zu reagieren, werden abstrakte Ziele definiert, die nur in einer konzeptuellen Welt existieren. Das Steckenpferd der Politik ist nicht aus Holz und Plüsch, sondern aus Paragrafen und ideologischen Leitbildern, deren Tauglichkeit sich nie erweisen muss, weil im Moment der Abrechnung schon die nächste Runde Illusion gesattelt worden ist.

Eine Arena außerhalb der Realität 

Die politische Arena befindet sich außerhalb der Realität. In Brüssel, im Bundestag, in den Landtagen und Ministerien stört es niemanden, dass das Steckenpferd nicht wiehert. Hobby-Governing schafft sich seine eigene Realität, die unzerstörbar ist wie jede Parallelwelt. Weil alle echten Probleme ignoriert werden und nur eingebildete angegangen, haben Maßnahmen keine realen Auswirkungen, ganz egal, ob sie anschlagen doer versagen. 

Es handelt sich bei der Spielewelt der Hobby-Governer um ein geschlossenes System. Die Akteur bestätigen sich gegenseitig in ihrer Zielsetzung und sie versichern sich, dass ihre Methoden richtig sind. Die angeschlossenen Abspielanstalten liefern den Applaus, oft wie in Vorabendserien vom Band eingespielt. Wie beim Hobby-Horsing, in dem das lebende Tier als allzu gefühlsechte Gefahrenquelle  eliminiert wurde, haben die Aktiven  die widerspenstige Realität der Bürger im Hobby-Governing als Komplikationsfaktor erkannt und abgeschafft.

Heute zeigt Hobby-Horsing so, was möglich ist, wenn Regierungspolitik dazu degradiert wird, die Vorschläge von Expertenkommissionen und multinationalen Gremien ummzusetzen. Probleme können geritten werden, auch wenn sie nicht existieren. Ziele werden verfehlt, aber es gibt immer schon neue, denn der nächste Spieltag ist immer der wichtigste.