Samstag, 16. Januar 2021

HFC: Rückschritt mit Rückkehrer

Eifrig, aber unglücklich: Rückkehrer Braydon Manu war in seinem ersten HFC-Spiel nach zwei Jahren kein Faktor.

Es ist die 85. Minute, als Antonius Papadopoulos seinen ganze Frust herausschreit. Die Szene ist gerade passend, denn der neuerdings als zentraler Akteur im Mittelfeld des Halleschen FC gesetzte Grieche hat gerade einen Ball erobert, mit dem Kopf, und ihn einem Mitspieler passend in den Lauf gelegt. Dort aber verhungert der Ball, es dauert drei Sekunden und wieder hat ihn einer der schwarz gekleideten Spieler der Bayern-Reserve. Eigentlich nun auch egal, denn schon seit der 72. Minute steht das Spiel 0:4 gegen Papadopoulos' Elf. Aber der Ärger des Mannes, der in der ersten Halbzeit den Ausgleichstreffer zum 1:1 erzielt hatte, ehe das Tor wegen einer vermeintlichen Abseitsstellung aberkannt worden war, ist verständlich.

Denn der Hallesche FC, nach einem schrecklichen Saisonstart in den vergangenen Wochen langsam erstarkt, hatte sich im ersten Heimspiel von dreien in einer Woche viel ausgerechnet. Nicht nur, dass die Schmach vom 1:6-Auswärtsspiel in München im Frühjahr des vergangenen Jahres vergessen gemacht werden sollte. Nein, mit drei Siegen in der anstehenden englischen Woche wäre der Blick nach oben in der Tabelle erlaubt gewesen. Eigens wegen dieser Chance hatte der Verein in der Woche noch einmal nachgelegt und den bis 2019 in Halle tätigen Braydon Manu aus Darmstadt zurückgeholt. 

In der magischen Sportblase

Manu steht auch gleich in der Startelf, die, den absurden Regelungen der magischen  Sportblase folgend, vor den Gästespielern in den leeren Erdgas-Sportpark marschiert kommen, ehe sich alle 22 in engsten Körperkontakt begeben. HFC-Trainer Florian Schnorrenberg setzt auf die Schnelligkeit des  kleinen Rückkehrers, die der in den ersten Minuten zumindest aufblitzen lässt. Zweimal läuft er fast durch. Beide Male aber bleibt es beim fast. 

Die Bayern, in der Liga zuletzt Meister, in dieser Saison aber schwer in die Gänge gekommen, machen es nach neun Minuten besser. Kaum versieht sich der HFC, steht es 0:1, nachdem  es mehreren HFC-Spielern nicht gelungen ist, den Ball aus dem Fünfmeterraum zu befördern. Er kommt wieder und noch mal wieder. Und dann stochert ihn Jastremski aus Nahdistanz an Sven Müller vorbei über die Linie.

Früh zurück

Schnorrenbergs Taktik, hoch zu stehen und die Teenagertruppe früh unter Druck zu setzen, um im Mittelfeld Bälle zu erobern, ist damit eigentlich hinfällig. Der HFC-Coach aber bleibt dabei, zur großen Freude der Gäste. Die haben die Partie nun im Griff, Halle gelingt es nur gelegentlich, sich vom Druck zu befreien und in Richtung des Tors von FCB-Torhüter Hoffmann aufzubrechen. Dort wartet das Pech: Erst wird Terrence Boyd im Strafraum umgesäbelt, Schiedsrichter Jonas Weikenmeier überlegt aber nicht einmal, ob das ein Strafstoß war. Dann erzielt Papadopoulos sein Tor, aus einem ähnlichen Gewusel wie es Jastremski zum 0:1 ausnutzte. Doch obwohl der Ball von einem Bayern-Spieler zu ihm springt, wird Abseits gegeben und nicht das 1:1.

Es ist aber trotz solch unglücklicher Entscheidungen insgesamt ein klarer Rückschritt zu den letzten Wochen, den die Rotweißen auf den Platz bringen. Immer wieder werden Bälle verloren, fehlt bei eigenen Angriffsversuchen die Präzision schon beim vorletzten Pass. Bezeichnend ist eine Situation in der 39. Minute, als Toni Lindenhahn Boyd mit einem langen Ball direkt zum Tor schickt. Statt aber wie zuletzt kalt und trocken abzuschließen, versucht der HFC-Sturmführer einen Querpass zum mitgelaufenen Julian Derstroff, den seit Wochen so torgefährlichen Außenspieler. Ein Bayern-Abwehrmann bekommt den Fuß dazwischen. Und fast im Gegenzug klingelt es bei Müller: Robust geht Torschütze Jastremski auf Linksaußen durch, Kern tunnelt Müller und Zaiser lenkt den Ball aus zehn Zentimetern ins Netz.

Nichts zu gewinnen

Dass hier heute nichts mehr zu gewinnen ist, wissen die HFC-Spieler, als sie aus der Halbzeit kommen. Aber versuchen wollen sie es dennoch, zumindest anfangs. Dieses anfangs dauert genau sechs kurze Minuten, dann ist Zaiser wieder an der Reihe. Diesmal zieht er von der Strafraumgrenze ab, HFC-Kapitän Jonas Nietfeld lenkt den Ball weg von der Tormitte. Und Sven Müller kann nur noch hinter sich greifen, zum nun schon dritten Mal. 

Schnorrenberg wechselt, doch das Spiel der Gastgeber ist nun im Begriff, auseinanderzufallen. Die Bälle verspringen, die Pässe kommen nicht an, vielversprechende Offensivaktionen gibt es eigentlich gar nicht mehr und der emsige und fleißige Rückkehrer Braydon Manu geht mit unter. Fast sieht das alles wieder aus wie beim 1:6, das Schnorrenbergs Vorgänger Torsten Ziegner das Amt kostete. Die Bayern spielen, Halle hechelt hinterher, ohne ein Mittel zu finden, den Gegner oder wenigstens den Ball mal länger als über drei Stationen zu kontrollieren.

So wird das Endergebnis natürlich auch noch schlimmer. In der 72. Minute macht es Jastremski wie Boyd an guten Tagen. Lang aus der eigenen Hälfte angespielt, nachdem der unglückliche Jonas Nietfeld den Ball nicht behaupten konnte, schnell Richtung Tor,. Abschluss, Treffer.  Der HFC hat jetzt in einer Begegnung viermal so viele Tore geschluckt wie in den letzten beiden. Die Baby-Bayern dagegen, die in den 17 Spielen bis hierher auf einen mageren Trefferschnitt von 1,29 pro Spiel kamen, zwei Törchen mehr als der Tabellenletzte Duisburg, überholen den bis dahin offensivstärkeren HFC in einem einzigen Anlauf.

Der schöne Traum vom Blick nach oben ist damit endgültig geplatzt und das ist es wohl, was Antonios Papadopoulos so wütend schreien lässt. Mittwoch kommt Mannheim, da kann die Weihe nochmal umgestellt werden. Das Kann aber wird nach nur vier Punkten aus den letzten fünf Spielen allmählich ein Muss: Derzeit ist der HFC Vorletzter in der Formtabelle.

Villariba und Villabajo: Einer schneller als der andere

Während Villariba auf Eile setzte, gelang es in Villabajo, viel mehr Köche an der Arbeit zu beteiligen.

Nicht jedes Jahr, aber immer mal wieder feiern die beiden Dörfer Villarriba und Villabajo ihre Auferstehung. Dann kommen alle Einwohner auf die Straßen, es spielt fröhliche Musik, Karl Lauterbach und Peter Altmeier sitzen bei "Maybrit Illner", die zur Feier des Tages einen stechend rosa Lippenstift ausgelegt hat. Nebenan im Studio wird Anne Will von Angela Merkel empfangen, es ist mal wieder hohe Zeit, die alte Freundin zu sehen. Und eine Tür weiter sagt Jens Spahn gerade zu Markus Lanz: "Ist denn der Söder schon da?"  

Die Menschen draußen lachen jedenfalls, sie tanzen auf der Straße zwischen Kanzleramt, Parlament und Hauptstadtstudio, ein paar ganz Verrückte springen nackt in die Spree, es ist ja Spätsommer und schön warm. Sie feiern den ganzen Tag lang, weil es so schlecht ja nun auch nicht aussieht. Mag auch Villariba beinahe durchgeimpft haben. Aber Villabajo kommt auch auf zehn Prozent! Von allen! In nicht einmal zehn Monaten!

Es wird entschlossener gestorben in Villabajo

Es ist Zeit, stolz zu sein und stolz zurückzuschauen, was alles gelungen ist in wie langer kurzer Zeit. Jens Spahn erfand den Biontech-Impfstoff, Karl Lauterbach half Moderna, die richtige Mischung für ein "hochwirksames" (DPA) Vakzin zu finden. In Villariba melden die Behörden 290 000 Infektionen am Tag und mehr als 4.000 Corona-Tote täglich. Villabajo dagegen hat nur knapp 25.000 neue Ansteckungen, hier aber wird viel bereitwilliger gestorben: 1.200 jeden Tag zeigen, dass gute Seuchenpolitik zehnmal weniger Infektionen in nur viermal weniger Opfer verwandeln kann. 

Der krönende Abschluss jeder großen Krise aber ist natürlich die Siegesparade mit der Fernsehrede des Krisenbürgermeisters. Ja, es war vollkommen richtig, alles herunterzufahren, wird er sagen, denn Not kennt kein Gebot. Warum Villariba es so eilig hatte, einen Impfstoff zuzulassen, der noch gar nicht die in Villabajo vorgeschriebenen acht Wochen ausgiebig geprüft worden war, sondern nur vier, das sei doch sehr fragwürdig. Aber warum die Impfhotline  in Villabajo - im Volksmund "Corona-Leine" genannt - immer zusammenbrach und keine Termine hatte, obwohl in Villariba sogar nachts geimpft wurde, müssten später Historiker erkunden, das Problem sei ja nun behoben. "Fakt ist", sagt der Gesundheitsamtschef von Villabajo, "dass es auch nicht mehr Impfstoff gegeben hätte, wenn wir rechtzeitig mehr bestellt hätten, er wäre dann zwar an uns geliefert worden, aber dafür hätten andere Dörfer nichts bekommen."

Viel zu teuer für Villabajo

In Villariba ließ der Trottel von Bürgermeister alle in Entwicklung befindlichen Impfstoffe per Option sichern und vorproduzieren lassen. Viel zu teuer für Villabajo. Für jeden eine Dosis, hieß es hier, und immer mitbedenken, dass sich etwa 30 Prozent der Hochrisikopatienten nicht impfen lassen wollen, weil sie der Meinung sind, das Risiko sollten mal schön die Pfleger und Krankenschwestern tragen. Für die muss dann auch nicht bestellt werden. Villabajo spielte dafür seine Stärken in der Rhetorik aus: Hier war der wenige Impfstoff, der ankam, günstig eingekauft, er reichte gerechterweise für alle nicht und das kam letztenendes auch nicht sehr viel teurer als die Strategie in Villariba. Muss man sich leisten können! Und wir können es uns leisten!, rief es dazu aus dem Rathausfenster.

Teuer, aber ineffizient. Es war der gewohnte bürokratische Weg, den Villabajo ging. Faxen, Mailen, Neues ausprobieren, das noch nie gewagt worden war.  Wo Villariba im Internet lernte, schaltete Villabajo ab. Wo Villariba lernte, mit dem Virus umzugehen, arbeitete sich Villabajo zielgerichtet in eine Psychose. Mutationen! Infektionsketten! Inzidenzen! Replikation! Die Angst, einer der ältesten Einwohner von Villabajo, sorgte auch diesmal für die Beibehaltung der alten Traditionen: Wie immer machte man in Villabajo lieber einen guten Eindruck als überhastet alte Zöpfe abzuschneiden. Die Leute in Villarriba, so hieß es auf den Rathausfluren, würden schon noch sehen, was sie davon haben.

Villariba feiert, Villabajo stirbt

Während Villarriba schon wieder feiert, wird in Villabajo noch emsig gestorben und tapfer gehofft. Ein Prozent Geimpfte nach der Gerechtigkeitsformel in vier Wochen ergeben zehn Prozent Geimpfte nach 40 Wochen. Das ist nicht einmal ein ganzes Jahr und mit weiterer Beschleunigung wird im Rathaus gerechnet. Wenn erst alle anderen Staaten durchgeimpft sind, wird es eines Tages so viel Vakzin geben, dass sich jeder mit allen bis dahin zugelassenen 70 Impfstoffen "piksen" (Bundeszentralamt für Impfaufklärung, BZI) lassen können wird, wenn er die entsprechende Impfbereitschaft mitbringt. 

Das wird die Zeit sein, in der Villabajos Seuchenstrategie schon als ausgesprochen erfolgreich gelten wird. Umfragen zufolge werden sich 91 Prozent der heute noch Eingesperrten mit Wohlwollen und einem Gefühl der Dankbarkeit an die Tage im lockdown erinnern, als man am Abend beim Wein mit alten Freunden zusammensaß, die wenigstens zwei- oder dreimal die Woche vorbeischauten, um zu alarmieren, zu trösten und den neuesten Klatsch aus Villarriba zu erzählen. 63 Prozent der Überlebenden werden Villabajo dann als eindeutigen Sieger im Duell sehen und knapp über 50 Prozent werden sogar schwören, dass das eigene Dorf im Überlebensrennen von Anfang an ganz an der Spitze gelegen habe.

CDU-Titelkampf: Drei Mann aus einem Brot

Mitten in der Pandemie wagt die CDU die Erneuerung ihrer Spitze.

Der Endkampf im Geisterhaus CDU-Zentrale ist das Finale eines Kapitels deutscher Geschichte, das mit der Neugründung der legendären Nationalen Front im grünen Herzen der Republik begann. Die Bundeskanzlerin selbst, damals gerade auf einer ihrer seltenen Auslandsreisen, die nicht nach Brüssel oder Paris führen, verfügte nach einem Umsturzversuch der FDP im Erfurter Parlament eine Rückabwicklung der Ministerpräsidentenwahl. Und sie wies die Thüringer Grundorganisation der CDU an, nun mehr mit der Partei zu paktieren, die gerade einen erfahrenen Stasi-Mann zum Landesgeschäftsführer gemacht hatte.  

Die Wahl des Liberalen Kemmerich mit Stimmen der Union sei "unverzeihlich", so Merkel, die die Gelegenheit nutzte, in der CDU aufzuräumen. Der Ostbeauftragte musste gehen, weil er dem Unverzeihlichen gratuliert hatte. Und die von Merkel eigentlich als Nachfolgerin vorgesehene und strategisch in Vorbereitung auf Höheres als CDU-Vorsitzende eingesetzte Annegret Kramp-Karrenbauer wurde ebenso rigoros gefeuert, nachdem sie in der ersten Bewährungsprobe so plakativ versagt hatte.

Divers wie Weißbrot

Aus der Kulisse traten danach drei ältere Herren, divers wie verschiedene Weißbrotlaibe. Das Trio ist nicht jung, das Trio ist aus Nordrhein-Westfalen. Das Trio ist männlich, das trägt Anzug als Uniform, das Trio kommt aus dem Geist der letzten Jahre der Kohl-Ära, als alle drei erstmals in den Bundestag einzogen. Friedrich Merz, Armin Laschet und Norbert Röttgen wetteifern ein Vierteljahrhundert später nun um die offenen oder in Kürze vakant werdenden Posten an Partei- und Regierungsspitze. 

Merz tritt an, so schreiben die Gazetten, eine alte Rechnung mit Merkel zu begleichen, die ihn einst entmachtet hatte. Ihn umweht der kalte Hauch des Wirtschaftsliberalen, er ist Umfragen zufolge der Liebling der Parteibasis, die ihre alte CDU vermisst. Die Funktionärsetage der Partei aber fürchtet ihn als denen von den dreien, der womöglich die Machtstabilität der Merkel-Jahre bedroht. Wenn es im Herbst nach der Bundestagswahl nur zu Schwarz-Grün reicht - was, wenn die Grünen der Verlockung widerstehen, unter dem als Blackrock-Handlanger geschmähten "Sauerländer" (Spiegel) mitzuregieren? Wenn der doch heute schon erkennen lässt, dass er die Zukunft der Union rechts der Merkel-Linie sieht?

Die Wette auf ein Weiterso

Armin Laschet ist dagegen die sichere Wette auf ein Weiterso. In allen Umfragen liegt der Ministerpräsident von NRW hinter seinen beiden Konkurrenten, doch Umfragen werden unter Mitgliedern gemacht, nicht unter den 1.001 "Delegiertseienden" wie es in der CDU vermutlich auch offiziell heißen wird, wenn Laschet erst ein paar Jahre an der Spitze steht. Gewählt aber wird in der CDU wie in uralten Zeiten bei den Wikingern oder bis heute bei der EU: Die Häuptlinge machen das unter sich aus.

Danach ist Laschet favorisiert, nicht nur, weil er aus dem größten Landesverband kommt und als Merkels Kandidat gilt. Wer ihm seine Stimme gibt, macht nichts verkehrt, tritt er die Nachfolge von Kramp-Karrenbauer an, wird Markus Söder Kanzlerkandidat und die Grünen können schon über ihre Ansprüche auf Ministerposten nachdenken. Dass Laschet, vom Typus her ein charismatisch wie ein Hauslatsch, irgendeine Art von Aufbruch oder Erneuerung verkörpern könnte, steht nicht zu fürchten. Das Land kann aber zweifellos noch Jahre von der Substanz leben, ohne beschleunigt Schaden zu nehmen.

Ein Punkt, an dem der aus sehr persönlichen Gründen ins rennen gestartete Norbert Röttgen mit seiner Außenseiterkandidatur ansetzt. Seit der frühere CDU-Landesvorsitzende von NRW seinen Posten als Umweltminister im Bundeskabinett verlor - als zweiter Bundesminister überhaupt durch eine förmliche Entlassung -, weil irgendjemand schuld sein musste an der verlorenen Landtagswahl von 2012, sinnt der Mann aus Königswinter-Stieldorf auf Revanche. Die muss nicht darin bestehen, wirklich zu gewinnen zu werden, obwohl es ein schöner Mittelfinger für Angela Merkel wäre. Doch selbst wenn es nicht klappt, führt nach einem anständigen Ergebnis bei der Vorsitzendenwahl für den nächsten Parteichef kein Weg an Röttgen vorbei.

Röttgen wird gewinnen, egal wer gewinnt

Norbert Röttgen, in den Jahren als einfacher Bundestagsabgeordneter in Talkshows als "Transatlantiker" besetzt, kann nur gewinnen, seine beiden Konkurrenten dagegen nur verlieren. Für Merz, ohnehin schon im Rentenalter, wäre eine Niederlage das Ende der politischen Karriere. Bei Laschet, mit 59 Jahren auch schon 13 Jahre älter als Angela Merkel, als sie CDU-Vorsitzende wurde,  sieht es ähnlich aus. Wer sich als Chef des mächtigsten CDU-Landesverbandes nicht gegen einen vor allem in Dunkeldeutschland beliebten Gegner durchsetzen kann, der nicht einmal eine kleine Hausmacht besitzt oder einen halbwichtigen Parteiposten innehat, wie soll der noch Ansprüche anmelden?

Das Rennen ist also offen, aber entschieden ist es auch schon. Die drei Mann aus einer Sorte Brot vor einer historischen Entscheidung für Deutschland, Europa und die Welt. Oder wie es bei Twitter heißt: Es wird entweder ein weißer, männlicher Jurist mit einem Examen und Brille, ein weißer männlicher Jurist mit zwei Examen ohne Brille. Oder ein weißer männlicher Jurist mit zwei Examen und Brille.

Freitag, 15. Januar 2021

Im Corona-Untergrund: Die Pandemie-Ökonomie

Großartige Zeiten für mutige Friseure: Im lockdown ist der Barbier König, nicht sein Kunde.
D
ie Nagelfee vergibt Termine mittlerweile über WhatsApp, weil nur eine einzige Kunde sie besuchen darf. Jeweils. Die Verkäufer der Spätis sitzen draußen vor dem Laden in ihren Autos und warten, bis jemand klopft. Dann schließen sie kurz auf. Danke, Bitte, Trinkgeld. Der Zigarettenladen dagegen hat offiziell geöffnet, denn er hat jetzt auch Zeitungen im Angebot. Zeitungen zu verkaufen ist erlaubt im lockdown. Und wer Zeitungen verkauft, tut Gutes. Er darf auch Zigaretten. Zeitungen erlauben, das, was eigentlich geschlossen sein müsste, weiter geöffnet zu halten.   

Der Wagemut junger Unternehmer

 
Der lockdown Nummer zwei straft alle Skeptiker Lügen, die das Unternehmertum und den Wagemut der Deutschen unterschätzt haben. Nein, längst nicht alle klagen über Verkaufsverbote, Schließungsverfügungen und Inbestitionen in Corona-Schutzmaßnahmen, die, kaum dass sie fertig waren, für obsolet erklärt wurden. Für viele war das Regierungsversagen beim Auszahlen von Nothilfen das letzte Signal, zur Selbsthilfe zu greifen. Sie machen weiter, nur eben anders. Sie feilen Nägel, massieren, kommen zur Kosmetik vorbei.

Das alles und noch viel mehr. Auch im Internet, mit dem Deutschland seit Jahren auf Kriegsfuß steht, zeigen sich die ersten pfiffigen Start-Up-Unternehmer. So bietet das die Firma Nohassel aus Hasselfelde hausarrestmüden Touristen Abholfahrten in den Harz an. Leute aus hochbelasteten hot spots werden von den jungen Leuten im Auto mit Harzer Kennzeichen zu Hause abgeholt, zu ihrem Wunschziel in den Harz gefahren und auch wieder zurückgebracht. "Das vermeidet peinliche Fragen der Polizei und Nachstellungen der Ordnungsbehörden, weil niemand erkennen kann, dass die Menschen keine Einheimischen sind, ", sagt Toni P., einer der pfiffigen Gründer. Vor allem am Wochenende sei immer viel los. "Und aufgeflogen sind wir noch nie."
 

Friseure im Home Office

 
Auch die meisten Friseure haben auf Home Office umgestellt. Terminvergabe per Telegram, "ist sicherer", sagt Barbier Hannes, der betont: "Bei mir gilt sogar die Mehrwertsteuersenkung weiter, zu hundert  Prozent sogar." Er sehe darin eine Gefahrenzulage für seine Kunden, die sich trotz Verbots zu ihm wagten. "Die müssen ja jeden Moment damit rechnen, verhaftet und abgeführt zu werden." Allerdings seien eben auch viele seiner Stammgäste - "ich mache nur Stamm, mehr schaffe ich nicht" - ihrerseits so dankbar, "dass sie das Geld gleich wieder als Trinkgeld obendrauflegen." 

Als Vorbild sieht der junge Scherenschwinger die Fußball-Profis mit ihren perfekten Frisuren, die wenigstens zweimal die Woche im Fernsehen auflaufen. "Ich setzte ein Zeichen für Gleichberechtigung", sagt Hannes, der sich als Feministen bezeichnet: "Wenn Männer trotz Pandemie gut frisiert sein dürfen, dann dürfen das Frauen aus meiner Sicht auch."
 
Ohnehin erlaubt die unübersichtliche Regelungssituation umtriebigen Krisenprofiteuren, die Grauzonen der Eindämmungsverordnungen auszunutzen. Oma und Opa dürfen nicht gleichzeitig zu Besuch kommen, wohl aber eine Feierabendbrigade, die neues Laminat verlegt. Auch die Nagelfee ist ein gern gesehener Gast, der erlaubt ist, solange er allein vor der Tür steht. Sobald er dann drin ist und Nägel pflegt, sieht das anders aus - ganz anders dagegen ist es bei der Bodenpflegerin, die natürlich ihrer Arbeit nachgehen darf, ohne Sanktionen befürchten zu müssen.
 

Singen in der Corona-Ökonomie

 
Die neue Corona-Ökonomie gleicht auch in anderer Hinsicht der Schattenwirtschaft der alten DDR. Alles läuft in bar, nichts läuft offiziell. Alle machen mit, aber keiner spricht darüber. Carl Ladeplads,  ein dänischer Liedermacher, der nach der Veröffentlichung seines Songs "Mohammed" untertauchen musste und nach einer Fatwa islamistischer religiöser Islamisten seit Jahren versteckt im Brandenburgischen lebt, gibt derzeit nach eigener Auskunft so viele Wohnzimmerkonzerte wie noch nie in seinem bewegten Künstlerleben. 
 
Ich habe nachgeschaut, als früherer Jurastudent fiel mir das leicht",  sagt er, "in den Verordnungen steht nichts darüber, dass man bei Besuchen in anderen Hausständen nicht singen darf." Zwar rechne er damit, das behördenbekannte Gitarrenbesitzer über kurz oder lang vorgeladen und zur Abgabe ihrer Instrumente aufgefordert würden. Aber bis dahin, sagt Ladeplads tapfer "mache ich weiter ". Viele seiner Gastgeber seien in der derzeitigen Situation überaus solidarisch und spendabel. "Deshalb sage ich jetzt immer, gut, dass wir noch so wenig Impfstoff haben!" Viel werde ja gerade über die geringen Mengen an Impfstoff geschimpft, aber zu wenig über die Chancen gesprochen, die sich dadurch bieten. "Nicht jammern, sondern die Zeit nutzen, so sehe ich das", sagt Carl Ladeplads.

Nachts in Eisen legen: Der Traum von der Mega-Lockdown-Gesellschaft

Deutschland steht nach PPQ-Informationen vor einer weiteren massiven Lockdown-Verschärfung. Bundeskanzlerin Angela Merkel will schon bald in einer dringlich einberufenen Ministerpräsidentenkonferenz (MPK) die bestehenden Maßnahmen im ganzen Land vereinheitlichen – und bei der Gelegenheit auch gleich noch verschärfen. Noch ist zwar nicht klar, welchen Effekt der seit November verhängte und später vom Wellenreiter- zum Streng-Lockdown hochgestufte shutdown tatsächlich hatte. Doch nach nun schon beinahe zwei Wochen ohne Verschärfung scheint die Zeit reif, dem Virus mit neuen Ideen den Weg in die Alten- und Pflegeheime zu verlegen, in denen bisher acht von zehn Corona-Opfern sterben.

Was lässt sich denn noch schließen?

Es sind vor allem die beiden Corona-Pioniere Markus Söder und Karl Lauterbach, die die Bundesregierung unter Druck setzen, Corona-Leine, Maskenpflicht und Besuchsverbote nachzuschärfen. Markus Söder möchte im Herbst Bundeskanzler werden, Karl Lauterbach spekuliert auf einen Platz am Kabinettstisch der nächsten ganz großen Koalition. Beide Politiker sind deshalb im Minutentakt dabei, Möglichkeiten zu ersinnen, die noch nicht verunmöglicht worden sind. Mit der FFP2-Maskenpflicht für Bayern hat Söder vorgelegt, Lauterbach legte sofort mit einer home office-Pflicht für Bauarbeiter, Supermarkt-Verkäufer und Talk-Show-Gäste nach. Im Raum steht zudem eine behördliche Pflicht, nach der sich Bewohner von Hausständen nachts nicht nur in getrennte Betten, sodnern auch in Eisen legen müssen, um unnötige Kontakte zu vermeiden. Nach dem Locker-Lockdown und dem Streng-Lockdown folgt der Megalockdown. Ehe dann die Stunde von Giga-Lockdown, Tera-Lockdown und Mega-Peta-Lockdown schlägt.

Rückenwind bekommen die beiden Corona-Koryphäen jetzt von einer solidarische Aktion der revolutionären Linken, die fordert, für "drei bis vier Wochen alles dicht" zu machen, Die Initiative #zerocovid schlägt vor, zu diesem Zweck in ganz Europa alle Tätigkeiten und Lebensäußerungen einzustellen, allerdings "bei voller Versorgung", wie die Erstunterzeichner um den Journalisten Georg Restle, die "Spiegel"-Autorin Margarete Stokowski, den Twitterer Mario Sixtus, die frühere Klimaaktivistin Luisa Neubauer und die Taz-Satirikerin Hengameh Yaghoobifarah vorschlagen.

Die gesellschaftliche Elite denkt vor

Das Ziel heiße "Null Infektionen" (im Original), dazu sollten eim "solidarischen europäischen Shutdown" auch weder Taz noch "Spiegel" erscheinen, auch das beliebte WDR-Magazin "Monitor" werde so lange keine Enthüllungen über den weltweit anerkannten neuen amerikanischen Präsidenten Joe Biden oder die arbeitnehmerfeindlichen Bestrebungen des US-Multi Amazon ausstrahlen. Mit der bisherigen Krisenpolitik von Bund, Ländern und EU gehen die bisher nicht als Leugner des Erfolgs der Maßnahmen aufgefallenen Vertreter des linken Flügels der deutschen Medienlinken ungewöhnlich hart ins Gericht. "Nach einem Jahr Pandemie sind wir in ganz Europa in einer äußerst kritischen Situation", heißt es da vorwurfsvoll, "tausende Menschen sterben jeden Tag und noch viel mehr erkranken". Die Maßnahmen der Regierungen aber verlängerten die Pandemie, "statt sie zu beenden".

Deshalb sei nun ein "radikaler Strategiewechsel" angesagt, der verspreche, nicht nur die Pandemie zu beenden, sondern vielleicht auch gleich den Kapitalismus. "Das Ziel darf nicht in 200, 50 oder 25 Neuinfektionen bestehen – es muss Null sein", stellt der Initiatorenkreis entschieden fest. "Wir brauchen sofort eine gemeinsame Strategie in Europa, um die Pandemie wirksam zu bekämpfen." - und die könne angesichts der Gesamtlage mit geschlossenen Schulen, Geschäften, Kneipen und Kultureinrichtungen nur darin bestehen, nun zu schließen, was noch offen ist.

"Monitor" schon heute Abend aus dem Privatkeller

Ein "Shutdown der Wirtschaft" müsse her, denn schließen könne man nur, was noch nicht geschlossen sei. Um einen Ping-Pong-Effekt zwischen den Ländern und Regionen zu vermeiden und alle Grenzen, die offen bleiben müssten, dennoch offen halten zu könne, "muss in allen europäischen Ländern schnell und gleichzeitig gehandelt werden". Es gelte, alle Fabriken, Handwerksbetriebem Baustellen, Behörden, Supermärkte und Kliniken sofort und gleichzeitig zu schließen. Diese "unerlässlichen gesellschaftlichen Maßnahmen" seien schmerzhaft, aber notwendig, eine "solidarische Pause von einigen Wochen", die langfristig den Glauben bestärken werde, dass der Staat wirklich alles an Lebensrisiko abfedern und ausblenden könne.

Die Erstunterzeichner sind zu allem entschlossen. "Wir schränken unsere direkten Kontakte auf ein Minimum ein – und zwar auch am Arbeitsplatz!", verspricht etwa Georg Restle, der seine Abschiedssendung "Monitor" heute Abend komplett im Biden-Stil aus dem Keller seiner Hochhaus-Neubauwohnung in Köln-Kölnberg senden will.  Auch andere "gesellschaftlich nicht dringend erforderlichen Bereiche der Wirtschaft" wie Fabriken, Büros, Betriebe, Baustellen und Schulen müssten geschlossen und die Arbeitspflicht ausgesetzt werden, bis Europa insgesamt wieder coronafrei sei. Wichtig ist den Verfechtern der Zero-Corona-Strategie, dass die Beschäftigten in den Unternehmen die Maßnahmen in den Betrieben als sogenannte Corona-Räte "selber gestalten und gemeinsam durchsetzen", im Ernstfall auch gegen den Widerstand von Fabrikanten, Kuponschneidern und künftigen Neidsteuerpflichtigen. 

Einfach nur runter auf Null

Wir setzen uns dafür ein, dass die Sars-CoV-2-Infektionen sofort so weit verringert werden, dass jede einzelne Ansteckung wieder nachvollziehbar ist", deshalb sei die "große und gemeinsame Pause" (Zero Covid) aller von allem notwendig. Damit niemand zurückgelassen werde, müssten Menschen finanziell abgesichert werden. Der Bund sei verpflichtet, zu diesem Zweck ein umfassendes Rettungspaket zu schnüren. Die zur Weiterzahlung des ersten Monatsgehaltes notwendigen 160 Milliarden Euro für die 44 Millionen Beschäftigten in Deutschland könne der Bundesfinanzminister als neue Schulden aufnehmen. Dank der Negativzinsen verdiene der Staat daran sogar noch 80 Millionen Euro im Jahr. Was fehle, solle über eine neueingeführte europaweite Covid-Solidaritätsabgabe auf hohe Vermögen, Unternehmensgewinne, Finanztransaktionen und die höchsten Einkommen eingespielt werden. "Mit diesem Reichtum sind die umfassende Arbeitspause und alle solidarischen Maßnahmen problemlos finanzierbar."

Corona wird so zur großen Chance, die Republik grundlegend umzubauen, noch ehe die werktätigen Massen ihre Einfamilienhäuser im Taunus, in Mainz-Kostheim und am Jenaer Stadtrand wider verlassen dürfen. Menschen mit niedrigen Einkommen, in beengten Wohnverhältnissen, in einem gewalttätigen Umfeld, Obdachlose könnten nun erstmals richtig unterstützt werden, Sammelunterkünfte würden aufgelöst, geflüchtete Menschen dezentral untergebracht werden. Parallel dazu könnte vom Home Office der Behörden aus "der gesamte Gesundheits- und Pflegebereich sofort und nachhaltig ausgebaut werden". Das Personal müsse aufgestockt werden, "die Löhne sind deutlich anzuheben". 

Zu beschließen seien zudem ein Ende das Profitstrebens im Gesundheits- und Pflegebereich, die Rücknahme bisheriger Privatisierungen und Schließungen und die Einführung einer solidarischen Finanzierung des Bedarfs in Krankenhäusern ersetzt, wie es in der DDR gang und gäbe war. Letzter Punkt in der Liste ist die Enteignung der privaten Impfstofffirmen, deren Produkte "der privaten Profiterzielung entzogen werden" müssten. Die Vakzine seien "Ergebnis der kreativen Zusammenarbeit vieler Menschen, sie müssen der gesamten Menschheit gehören".Später könne man dann darüber nachdenken, was noch alles der Zusammenarbeit vieler Menschen entspringe und damit eigentlich allen gehöre. Das, was bisher als demokratie gehandelt wurde, fliegt auch gleich mit raus, denn „Demokratie ohne Gesundheitsschutz ist sinnlos und zynisch, Gesundheitsschutz ohne Demokratie führt in den autoritären Staat." Der wäre, nach Umsetzung aller Maßnahmen, dann aber ohnehin schon da.

Donnerstag, 14. Januar 2021

Der Untergang: Im Schatten der Seuche wird durchspioniert

Die Überwachungsdichte in der EU soll mit der Terreg-Verordnung auf ein neues Niveau gehoben werden.

Mehr als 82 Millionen Mitbürger*innen, weit über 50.000 Tagesschauen im Jahr, dazu 875 tagesaktuell mit Nachrichten beschickte Internetseiten deutscher Verlage und Gemeinsinnsender, deren segensreiche Informationstätigkeit flankiert wird von der mehrerer hundert Radiosender und öffentlich-rechtlicher Twitteraccount. Um die Mitteilung, dass Donald Trump ein zweites Amtsenthebungsverfahren zu gewärtigen hat, das auf ihn zukommen wird, wenn er kein Amt mehr haben wird, dessen ihn man entheben könnte, kommt  niemand herum, ebenso wenig um die, dass das altbundesrepublikanische Stimmungswunder Howard Carpendale "ursprünglich aus Südafrika" stammt und heute 75 Jahre alt wird.

Niemand hat davon gehört 

Es kommt unter diesen Voraussetzungen einem  Wunder gleich, dass nahezu niemand unter den Millionen und Abermillionen Adressaten der zahllosen Nachrichtenangebote bis heute jemals von der "Terreg-Verordnung" gehört hat, die eben anstandslos den Innenausschuss des Europaparlaments (im Eurosprech: LIBE) passiert hat. "Terreg" meint auf Europäisch eine Rechtsvorschrift gegen sogenannte "Terrorpropaganda" im Internet. Tritt die Verordnung in Kraft, sind alle EU-Mitgliedsstaaten verpflichtet, nationale Gesetze zu erlassen, die eine Umsetzung ermöglichen. Internetanbieter wären dann verpflichtet, als "terroristisch" markierte Inhalte binnen einer Stunde zu löschen.

Die Verordnung, den den Begriff der "terroristischen Inhalte", deren Verbreitung verhindert werden soll, nicht näher definiert, richtet sich nebenher auch gegen "illegale Inhalte" und hate speech, zwei weitere Gummiziele, die sich die Wertegemeinschaft seit geraumer Zeit zu bekämpfen geschworen hat. Mittel der Wahl sollten lange Zeit sogenannte "Upload-Filter" sein, die vorausschauend erkennen, welcher Inhalte Hetze, Hass, Terrorismus oder "aufrührerische Reden" (Heiko Maas) enthält, so dass ein Hochladen ins Netz gar nicht erst möglich gewesen wäre. 

Upload-Filter werden umbenannt

Zuletzt aber hatte das EU-Parlament rettend eingegriffen. Aus der Vorgabe an die Internetfirmen, sie müssten "proaktive Maßnahmen" ergreifen, wurde nun die, es seien "spezifische Maßnahmen" vorgeschrieben, mit denen Hosting-Anbieter sicherstellen müssen, dass es nicht zum Missbrauch ihrer Dienstes für die Online-Verbreitung terroristischer Inhalte kommt. was "spezifische Maßnahmen" sind, hat das Parlament nicht festgelegt. Mutmaßlich sind Upload-Filter gemeint, für die sich die Bundesregierung im Rahmen ihrer Bemühungen um einen erweiterten und modernisierten Meinungsfreiheitsschutz stark gemacht hatte.

Was interessiert mich das, ich bin doch kein Terrorist", würde der Bürger*in sagen, der sich seiner Unschuld vollkommen bewusst ist, wüsste er von den feinziselierten Plänen der europäischen Wertegemeinschaft, ihn vor den dauernden Nachstellungen des Islamischen Staates, der russischen Separatisten und der deutschen Untergrundnazis zu schützen. Dass Terreg europaweit grenzüberschreitende Löschanordnungen ohne Richtervorbehalt vorsieht, so dass etwa die spanische Regierung künftig auch auf deutschen Seiten Kommentare löschen lassen kann, die etwa die katalanische Unabhängigkeitsbewegung hochleben lassen, weiß dank der umsichtigen Informationsarbeit der deutschen Medien niemand.

Die "Tagesschau" schweigt fein still

Die "Tagesschau" etwa berichtet zuletzt im seligen Oktober des "Wellenbrecher-Lockdowns", der Weihnachten sicherstellen sollte, über das titanische "Ringen um eine Verordnung gegen Terrorpropaganda im Netz". Danach erlahmte das Interesse. Und als der Erfolg des ungarischen "Nationalpopulisten" (Manfred Weber) Victor Orban, nach Lesart deutscher Spitzenpolitiker eine Art Halbdiktator, der die "EU zerstören" (Weber) will, feststand, der künftig in Deutschland direkt Internetseiten löschen lassen kann, die ihn kritisieren, gab es dazu weder Meldungen noch entsetzte und empörte Kommentare.

Für Europa ist die Harmonisierung der Meinungsfreiheit auf den kleinsten gemeinsamen Nenner natürlich auch ein riesiger Erfolg. Die in der Terreg-Verordnung vorgeschriebenen grenzüberschreitenden Löschanordnungen könnten mit dem sogenannten Digital Services Act demnächst schon aus der Schmuddelecke der Terrorismusecke treten und das Grundrecht auf freie Meinungsäußerung auch auf allen anderen Gebieten umfassend einschränken. Auch das aber bekommt dank des umsichtigen Umgangs der großen Medien mit dem sensiblen Thema glücklicherweise niemand mit.

Corona-Kampf: Von Freiheit steht nichts in der Verordnung

Strenge Auflagen und scharfe Kontrollen: In der Pandemie verwandelte sich der freiheitliche Staat im Handumdrehen in eine Land mit suspendierten bürgerlichen Freiheiten.

Bisher weitgehend wirkungslos, aber wie bare Münze am Auszahlungsschalter für politische Beliebtheit. Die Union ist der Deutschen Herzenspartei geworden, seit sie einschränkt, straft und fesselt, die SPD immerhin hält sich bei Nahles-Werten. Und das alles mitten im gesellschaftlichen Zusammenbruch, mitten im Ruin der Wirtschaft, mitten in der größten Schuldenkrise der Menschheitsgeschichte und dem Raub der bürgerlichen Freiheiten.

Meisterhaft. Eine Leistung überragend gut gemachter politischer Demagogie, die es, sichtlich ohne selbst zu wissen, was sie tut, geschafft hat, das Erforderliche zu unternehmen, indem das Unternehmbare als erforderlich erklärt wurde. Dankbar schaut die Bevölkerung nach Berlin, wo aus Verschwörungstheorien Gesetze gemacht werden. Über Corona sind die Kenntnisse auch nach mehr als zehn Monaten überschaubar, doch da etwas getan werden muss, wird etwas getan. Zugleich werden aus Verschwörungstheorien wie der, dass ein überaus gefährlicher Mob aus Querdenkern, Corona-Leugnern und Sachsen über Internet-Hassposts und "aufrührerische Worte" (Heiko Maas) demnächst die legitime Ordnung stürzen könnte, neue Regeln für den Menschenpark. Zulässig ist nicht mehr, was nicht strafbar ist. Zulässig ist nur noch, was erlaubt wurde.

Corona-Leine als Symbol der Zeit

Der 15-Kilometer-Radius als Symbol einer Zeit, die aus allen Fugen gegangen ist. Dinge, die eben noch selbst als dystopische Vorstellung undenkbar waren, sitzen plötzlich locker im Waffengurt der Virusbekämpfer. Mit der Parole "Die Corona-Pandemie interessiert sich nicht für unsere bürgerlichen Freiheiten" hat der von Hetzern im Internet häufig als "Reichsnachrichtendienst" verspottete SPD-Ableger RND kürzlich die Richtung vorgegeben. Es rettet uns kein höh'res Wesen, kein Gott, kein Kaiser noch Tribun - uns aus dem Elend zu erlösen können wir nur selber tun! Vermeiden Sie Kontakt zu Menschen, waschen Sie ihre Hände, tragen Sie eine symbolische Maske, bleiben Sie nach neun Uhr abends daheim und lüften Sie regelmäßig.

Der Erfolg der Maßnahmen, die Botho Strauß' "anschwellenden Bocksgesang" als allmähliche Eskalation von Freiheitsbeschränkungen und parallel immer offenbarer werdendem kompletten Regierungs- und Verwaltungsversagen nachspielen, bleibt jeweils aus, so dass in der Logik der Strenge auf jede Verschärfung eine Verschärfung folgen muss. Ministerpräsidenten und Kanzlerin, versammelt in einem "Corona-Kabinett", von dem im Grundgesetz noch keine Rede war, setzen verfassungsmäßige Rechte schneller aus der Bundestag Ja sagen und als Gerichte die Aussetzung aufheben können.

Sorge vor dem Kontrollverlust

Die Begründung liefern stets Zahlen, von denen niemand sagen könnte, wer sie eigentlich wann und weswegen zu den entscheidenden Wegpunkten erklärt hat. "Neuinfektionen", "Sieben-Tag-Inzidenz" und Intensivbettenbelegung sind zu den entscheidenden Kriterien für die politische Entscheidungsfindung geworden: Die Einschränkung der Bewegungsfreiheit, das weitgehende Gewerbeverbot, die Untersagung touristischer Reisen und Ausflüge und Verbote, die eigene Wohnung zu bestimmten Uhrzeiten zu verlassen oder sich mit mehr als einem anderen Menschen zu treffen, entspringt der Sorge vor einem Kontrollverlust, den Wählerinnen und Wähler am Ende den dafür Verantwortlichen zuschreiben könnten: Zwischen 1991 und 2018 war die Zahl der in Deutschland zur Verfügung stehenden Intensivbetten nach Angaben des Statistischen Bundesamtes von 20.200 auf 27.500 gestiegen. Im Pandemiejahr 2020 sank sie dann allerdings auf 24.150.

Es erfordert harte Eingriffe, auf der breiten Seite zu reparieren, was auf der schmalen Seite kaputtgegangen ist. Wer fast ein Jahr lang keine Idee entwickelt, wie sich Alten- und Pflegeheime schützen lassen könnten, wer aus gutem internationalistischem Geist heraus Grenzen offenlässt und wer es um jeden Preis vermeiden will, an die Notreserven für die Versorgung Schwerkranker zu gehen, der muss eine "demokratische, freiheitliche Gesellschaft" (RND) eben in einen Obrigskeitstaat verwandeln, der jeden hart straft, der es an Einsicht fehlen lässt.

Ein "absolute Ausnahmefall", heißt es aus der Fankurve, wenn auch einer, der demnächst ins zweite Jahr gehen wird. Schon setzt Gewöhnung ein, zuallererst dort, wo jede Order aus dem Corona-Kabinett als äußerstes, aber notwendiges Mittel verstanden wird, das nach einem "extrem schwierigen Abwägungsprozess" (RND) einfach habe verordnet werden müssen, um "den Kampf gegen Corona wirkungsvoll zu führen".

Superwahljahr um die Kanzlerwurst

Niemand macht es sich einfach, keiner hat es leicht. Im Frühjahr schon startet ein Superwahljahr, vorher bereits geht es um die Kanzlerwurst. Wer jetzt nicht gut aussieht im "Kampf gegen die Pandemie", der wird im Herbst vom Talk-Show-Karussell geworfen, der landet auf der traurigen Halde der Gescheiterten, bei Schulz und Nahles und Guttenberg, Gabriel, der Friedrich, Maaßen und de Maiziere. In dieser Situation müssen suspendierte Freiheiten und harte Strafen für Verstöße von Wildrodlern, Freiwanderern und Umkreisverlassern die Tatkraft einer Politik simulieren, die .

Es heißt jetzt stark bleiben, straff wie ein Skispringer in der Vorhalte, wenn der Hang immer näher kommt. Wer jetzt zuckt, wer jetzt mit einer Fehlerdiskussion beginnt den reißt es von den Beinen. Wer jetzt aufhört, mit strenger Unnachgiebigkeit um den Eindruck zu ringen, der Staat könne nicht nur Wohlstand durch Verteilung schaffen, Kontinente zu Ländern zusammenschmieden und Geld kostenlos für alle zur Verfügung stellen, sondern auch eine Seuche besiegen, der ist in der nächsten Runde Postenpolonaise nicht mehr dabei.

Schießbefehl gegen Tageswanderer

Von "Freiheit" steht nichts in den Verordnungen, viel mehr als ein Schießbefehl gegen ausbüchste Tageswanderer ist aber auch nicht mehr an Strenge im Köcher. "Der erfolgreichste Pandemiebekämpfer ist nicht zwingend derjenige, der die härtesten Maßnahmen fordert und verhängt", hat der um dergleichen Ratschläge nie verlegene RND einen Satz kluger Politikberatung parat, "sondern derjenige, der möglichst viele Menschen davon überzeugt, sich an die Regeln zu halten". Gelingt das mit dem Überzeugen nicht, sind Anweisungen und Auflagen das Mittel der Wahl. Je größer die Angst ist, desto ausgeprägter die Sehnsucht nach Erlösung und die Bereitschaft, große Last zu tragen, so denn versprochen wird, es diene der guten Sache. 

Je größer der Unmut, desto enger die Fesseln. Im Oktober noch hatte Angela Merkel versichert, dass alle Maßnahmen "zeitlich befristet"seien, im Oktober hatte ihr Vizekanzler das bestätigt und unterstrichen.  Zeitlich befristet aber ist alles, selbst das reich der ägyptischen Pharaonen und das römische Kaiserreich währten am Ende eine Ewigkeit nur für die, die in ihnen geboren wurden und wieder starben.

Mittwoch, 13. Januar 2021

Die große deutsche Lappenlegende: Magische Masken

"Damenstrumpf mit  Zellstoffpäckchen": Die alte Maskenbauvorschrift aus dem Kalten Krieg sollte auch Corona helfen. Sagten sie.

Erst nützen sie gar nichts, weil vollkommen vergessen worden war, welche zu kaufen. Dann waren sie nur geeignet für bestimmte Personen. Schließlich aber musste das "Symbol der Seuche" (Süddeutsche Zeitung) doch die Aufgabe übernehmen, den Anschein zu erwecken, als reiche es gegen das Corona-Virus aus, sich einen beliebigen Lappen vors Gesicht zu binden, um eine Ansteckung zu verhindern. Hokuspokus aus dem Krisenstab, der Grundlage einer ganzen Glaubensschule in Seuchenzeiten wurde. Gerade solche Symbole müssen handfest geschützt werden, um die Unantastbarkeit ihres Zaubers zu unterstreichen. Nach dem Erlass der Maskenpflicht wurden also Bußgelder für sogenannte Verweigerer verhängt. Ein ganzes Land tat so, als glaube es an die Macht der Maske, an das Wunder einer magischen Undurchdringlichkeit, das schon ein oberflächlicher Blick auf die Ansteckungsstatistiken als fake news enttarnt.

Die finale Phase der Farce

Ungeachtet dessen trat die Maske schließlich in der finalen Phase der Farce aus dem umbauten Raum ins Offene. Fußgängerzonen und Marktplätze waren nicht mehr ungeschützt zu betreten, dabei sollten für den "Schutz" Konstruktionen sorgen, die nach alten DDR-Atomkriegsvorschriften entworfen worden waren. Kanzlerinnen, spät bereit, sich maskiert zu zeigen, warben mit ihren formschön designten Gesichtslappen für die EU-Ratspräsidentschaft, die monatelang alle Regierungsenergie von der Vorbereitung auf die nächste Infektionswelle abzog. Die EU-Chefin hatte auch ein Exemplar mit Botschaft: EU, stand darauf. 

Diese politischen Masken sollte wie jede gutgemeinte Politik gleich mehrere Zwecke erfüllen. Schützen und einen. Schön sein und vorbildlich. Erziehen und ein Versprechen auf Wirksamkeit geben. Und wie immer, wenn ein Tun viele Zwecke erreichen muss, wurde keines erreicht. 

Mit der Erfindung des Begriffes "Mund-Nase-Schutz" durch Beamte der Bundesworthülsenfabrik (BWHF) in Berlin war immerhin ein deutscher Weg durch die Pandemie gefunden: Das in der deutschen Sprache eigentlich als Bezeichnung vorgesehene Wort "Schutzmaske" zu verwenden, war durch das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) untersagt worden. "Schutzmaske" könne nur heißen, was eine Schutzwirkung habe, die bei den selbstgemachten und aus China importierten Formalmasken nicht nachweisbar sei. Unter der zutreffenderen Bezeichnung "Gesichtslappen", "Symbolmaske" oder "Sinnlostuch" aber wäre ein bundesweite Kampagne  zum Tragen der Stoffbedeckungen auch nach Ansicht des Berliner Corona-Kabinettes selbst unter Androhung harter Bußgeldern nicht durchsetzbar gewesen.

Mehr Nasen, weniger Nutzen

Also "Mund-Nase-" oder - in einer idiosynkratischen Steigerung für mehrnasige Menschen - "Mund-Nasen-Schutz". Schützt unter dem neuen Namen genauso wenig oder viel wie unter der bis dato quer und längs durch die deutsche Geschichte üblichen Falschbezeichnung. Vermittelte aber die zentrale Botschaft an jedermann: Die Regierung dämmt ein, die Regierung handelt, die Regierung weiß, was sie tut. 

Das "Symbol der Seuche", das renommierte Großmedien anfangs so engagiert angeprangert hatten, weil in den Notfalldepots der Bundeskatastrophenbehörde nicht einmal genug Masken lagerten, um alle Notärzte und Notfallsanitäter regelmäßig auszustatten, verwandelte sich von der verpönten Reliquie nörgelnder Staatsfeinde, Kritikaster und Skeptiker in ein entscheidendes Mittel des Corona-Kampfes von Behörden und Gemeinnsinnfunk. An der Maske war nun zu sehen, wer wie zu seinem Staat stand, wer mitzog und Bereitschaft zeigte, zu verzichten, um die "vulnerablen Gruppen" (DPA) zu schützen. Und wer quertrieb, Widerstand leistete und an den Inzidenzwerten zweifelte.

Wie ein roter Lappen am rechten Arm

Wie der berühmte Wellenreiter-Lockdown vom Herbst hatte die Maskenpflicht auf die Verbreitung des Corona-Virus ebenso viel Einfluss wie ihn etwa ein roter Lappen gehabt hätte, locker geknüpft am linken Arm zu tragen. Je ernsthafter die im Frühjahr 2020 noch so maskenskeptische Große Koalition in Berlin und die verschiedenfarbigen Landesregierungen selbst begannen, an die durchgreifende Wirksamkeit der aus beliebigen Stoffresten zusammengenähten Formalmasken  zu glauben, desto weiter drifteten erwartete Ansteckungszahlen und Wirklichkeit auseinander. 

Das allenfalls nicht unwirksame Mittel Do-it-yourself-Maske erwies sich als untaugliche Waffe im Großkampf mit dem Virus. Das allerdings war nun schlechterdings nicht mehr eingestehbar. Als Bundesgesundheitsminister Jens Spahn im Spätherbst verfügte, alte oder kranke Bürger dürften sich je drei FFP2-Masken aus dem - von ihm im Frühjahr für den Fall eines Pandemieausbruchs angelegten - Bundesschutzmaskenvorrat in einer Apotheke seiner Wahl abholen, war das die politisch größtmögliche Annäherung an den Satz "alles andere nützt ja nichts".

Eingeständnis ohne Eingeständnis

Der Hinweis selbst blieb unausgesprochen, auch bei Bayerns Ministerpräsident Markus Söder, der im Bemühen, seinen Status als Favorit auf die Nachfolge Angela Merkels im Kanzleramt zu festigen, jetzt eine Pflicht zum Tragen von FFP2-Masken ausgerufen hat. Eigentlich ein Eingeständnis, dass die vergangenen neun Monate unter symbolischen "Community-Masken" (DPA) nicht mehr als ein Versuch waren, über die eigene Hilflosigkeit hinwegzutäuschen.

Deutschland: Der Risikopatient

Mit einem Zwanzigstel der Neuinfektionen in den USA schafft Deutschland derzeit ein Drittel der Opferzahlen.

Es sieht inzwischen aus wie ein multiples Organversagen. Deutschland ist ein knappes Jahr nach dem Beginn der großen Corona-Krise beschädigt an Kopf und allen Gliedern. Was anfangs harmlos begann, als sich den staunenden Bürgern offenbarte, dass ihre Regierung in den endlosen fetten Jahren des besten Deutschlands aller Zeiten kein Quäntchen Krisenvorsorge betrieben hatte, entpuppte sich mit dem weiteren Verlauf als systemisches Versagen.  

Systemisches  Versagen

Nie ging es darum, die Krise gut zu managen. Immer nur darum, in der Krise gut auszusehen. Nach dem Komplettaussetzer bei der Maskenfrage, notdürftig geheilt mit sinn- und zwecklosen Großeinkäufen für die staatlichen Lager, folgte die Fehleinschätzung, mit offenen Grenzen durch den Sommer zu feiern. Und als die vielbeschworene zweite Welle schließlich kam, war die Zahl der Intensivbetten radikal zurückgebaut, weil die Regierungsschamanen geschworen hatten, dass ein "Wellenbrecher-Lockdown" alles zu Guten richten würde. 

Hört auf die Wissenschaft, hatten sie gesagt. Und schaut nach Amerika, Brasilien, Italien, Spanien. Wollt ihr das? Keiner hat Ja gesagt, aber alle haben es bekommen. Zuletzt meldete das Robert-Koch-Institut, eine Institution, die in Friedenszeiten großes Renommee erwarb, täglich Infektionszahlen von weit über 10.000 und die Zahl der täglichen Todesfälle lag beständig über 1.000. Deutschland, das Land, das nach der festen Überzeugung und dem lauthalsen Bekunden seiner Führer "bisher sehr gut" durch die Pandemie gekommen ist, liegt damit gleichauf mit dem - viel bevölkerungsreicheren - Brasilien und dem als Epizentrum der Mutation B117 geltenden Großbritannien. Und weit vor solchen Krisengebieten wie Russland, Spanien, Italien und Frankreich

Spitze in der Todeshitparade

Deutschland hat jetzt mehr Tote als die USA.

Auffällig dabei ist, dass Deutschland, der Risikopatient unter den Nationen, es ohne übertrieben hohe Ansteckungszahlen bis an die Weltspitze der Corona-Todeshitparade geschafft hat. Eine Leistung, die medial bisher vollkommen untergegangen ist: Verzeichnen die USA derzeit zwischen 250.000 und 300.000 Neuansteckungen und um die 3.500 Corona-Tote am Tag, wird in Deutschland ungleich emsiger und häufiger gestorben. Ein  Zwanzigstel der aktuellen Neuinfektioneszahlen der USA reichen hierzulande für ein Drittel der Todesopfer, die die Vereinigten Staaten verzeichnen.  Oder anders gesagt: Würden sich in Deutschland ähnlich viele Menschen wie in den USA anstecken, stürben hierzulande nicht 3.500 Menschen täglich, sondern um die 10.000.

Elftausend Neuansteckungen stehen hierzulande etwa tausend Tote gegenüber. Selbst statistische Verzerrungen eingerechnet, weil viel Faxgeräte der deutschen Gesundheitsämter über die Feiertage ausgestöpselt worden waren, sind das tödliche Differenzen, die sich selbst durch "Tagesschau"-Faktenfinder nur noch schwerlich zu herausragenden Erfolgen der klugen Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik der größten Koalition aller Zeiten verklären lassen würden.

Vermutlich aus genau diesem Grund spielen Zahlen und Vergleiche bei der Corona-Berichterstattung in Deutschland je weniger eine Rolle, desto fürchterlicher sie ausfallen. Und die Zahlen bei den Seuchenopfern sind apokalyptisch: Stirbt in den USA, die unter einem irren Präsidenten und einem vollkommen maroden Gesundheitssystem leiden, etwa jeder 66. Corona-Infizierte, ist es in Deutschland derzeit jeder Zehnte. Dass die Bundesregierung einen eigenen Gedenktag für die Opfer ihres Versagens plant, um für die Zeit nach den täglichen Tagesschau-Reportagen aus den Impfzentren gerüstet zu sein, liegt nahe. Jeder Monat, den das Impfen länger dauert, kostet nicht ein Flugzeug, sondern eine fränkische oder sächsische Kleinstadt das Leben. 

Zahlen aus der Pandemiehölle

Zahlen aus der Hölle, zu denen der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet noch  Mitte Dezember eine Melodie gepfiffen hatte, die nach Kaisergeburtstagsmarsch klang. "In Europa und außerhalb Europas wird Deutschland beneidet, gerade auch in der Pandemie", schwor der Mann, der Kanzler werden will. Olaf Scholz, ein Sozialdemokrat aus der anderen Regierungspartei, ordnete für die ganz Ungeduldigen ein, dass "wir nicht in drei Wochen alle Probleme lösen können". Der Kanzlerkandidat der SPD meinte damit Probleme, die in elf Monaten meist nicht einmal erkannt wurden, weil man vergessen hatte, Daten darüber zu erheben, wer jetzt eigentlich wen ansteckt, wo das passiert und warum es fast ausschließlich die Älteren und die ganz Alten sind, die sterben, ehe sie noch einem Reporter vor das Mikrophon laufen und sich gegen "jede Form von Impfstoffnationalismus" aussprechen können.

In der deutschen Logik schwerer Schuld für alles reicht es ohnehin nicht "wenn wir Deutschen alle geimpft sind". Es braucht "berührende Momente der Einheit", ein wahres Herdengefühl aller Europäer. Denn es reiche ja nicht, erklärt das politische Berlin sein gemütliches Vorgehen, wenn alle Deutschen geimpft wären. Seien es die Bürgerinnen und Bürger der EU-Partnerstaaten nicht, könne man ja niemanden reinlassen.

Weshalb Geimpfte fürchten müssten, von Ungeimpfen angesteckt zu werden, muss freilich noch geklärt werden, auch in den Alten- und Pflegeheimen, in denen Pflegerinnen und Pfleger eine so "zögerliche Impfbereitschaft" (DPA) zeigen als wollten sie das Gesamtvorgehen der Großen Koalition in Jahr eins der Corona-Krise nachstellen. Wären alle Heiminsassen geimpft, was täten ihnen ungespritzte Pfleger dann wohl an?

Dienstag, 12. Januar 2021

Arme Grippe: Corona-Regeln helfen - nur gegen Corona nicht

Vorsichtig formulieren ist der gute Geist jeder Grafik: Keine Grippeerkrankungen weltweit heißt jetzt "extrem wenig".

Hassmails und Todesdrohungen, Bezichtigungen, das Geschäft der Verharmloser zu betreiben und strenge Mahnungen, sich an die Fakten zu halten, wie sie in der Bundespressekonferenz ausgegeben würde - das war das verheerende Echo auf eine PPQ.li-Veröffentlichung Ende November, in der der stille Tod der Grippe betrauert wurde. Ein Pflichtstück angesichts der Daten, die das internationale FluNet der Weltgesundheitsorganisation damals zeigte. Erstmals, seit der Mensch sich aus dem Tierreich erhob, gab es im globalen Maßstab keine Grippeerkrankungen.

Keine, nirgends

Nein, nicht so viele wie üblich oder wenige. Es gab keine. Labore hatten zum damaligen Zeitpunkt mehr als eine Million Proben auf Grippeerreger untersucht. Und sie waren in nur 100 Proben fündig geworden. Auch der Beginn des regulären Winters auf der Nordhalbkugel hat daran nicht viel geändert. Aktuell sind weltweit 379 Menschen an Grippe erkrankt. 

Es ist ein Wunder, vielleicht sogar das größte Wunder der Menschheitsgeschichte. Denn eigentlich ist es seit Menschengedenken so, dass alljährlich etwa zehn bis 20 Prozent der Weltbevölkerung an Influenza erkranken. Eine echte Grippe wirft ihre Wirte für ein bis zwei Wochen danieder, es wird gehustet und gelitten, gefiebert und bakterielle Sekundärinfektionen machen alles nur noch schlimmer. Seit Jahrtausenden gehört das zum gewöhnlichen Lebensrisiko des Menschen, selbst Schutzimpfungen konnten die Influenzaviren nicht wirklich aus der Welt schaffen.

Corona rottet die Grippe aus

Das gelang erst den Corona-Maßnahmen, die allen Statistiken zufolge zwar kaum gegen das Corona-Virus wirken, nun aber dafür verantwortlich gemacht werden, dass mit den Influenzaviren einige der ältesten Begleiter der Menschheit binnen nicht mal eines ganzes Jahres ausgerottet werden konnte. Benötigten die Aborigines noch ein paar tausend Jahre, um 19 von 20 Großwildarten in Australien auszurotten und die brauchten die Indianer noch fast ebenso lange, um das vollbewaldete Amerika brandzuroden, ging diesmal alles viel schneller. 

Seit dem ersten Lockdown im vergangenen Frühjahr hat sich Covid-19 zwar wie ein Waldbrand durch die Gesellschaft gefressen, je mehr sogar, je schärfer die Eindämmungsvorschriften ausfielen. Doch der Grippe haben die Maßnahmen den Garaus gemacht. Ein schönes Ergebnis, wenn auch nicht ganz das, was beabsichtigt war.  Wie damals, als das erste Reh versehentlich gebraten wurde, weil einer Gruppe von Homo erectus ein Lagerfeuer außer Kontrolle geriet, endeten die Schul- und Kitaschließungen, die Homeoffice-Verbannungen, die Abstandsregeln,das anfängliche Abwischen aller Einkaufswagen mit Alkoholmischungen, die Kontaktbeschränkungen und das Absingen der europäischen Hymne beim rituellen Händewaschen mit dem überraschenden und plötzlichen Tod der Grippe.

Nur wenige Nachrufe

Eben noch ein regelmäßiger Gast, der immer wieder zu Besuch kommt obwohl ihn niemand sehen will, verabschiedet sich die Grippe in aller Stille. Winzig nur sind die wenigen Nachrufe, die die Absenz der Influenza auch eher animistisch erklären: Sie mache "sich rar in diesem Jahr und zwar überall auf der Welt", heißt es einigermaßen ratlos über das teure Missvergnügen, das sich bisher Millionen Jahr für Jahr wider Willen gönnten. Ehe das große Grippe-Wunder geschah und der MDR amtlich verkünden konnte: "Corona-Maßnahmen helfen auch gegen Grippe".

Ein glücklicher Zufall, denn ausweislich aller Zahlen helfen die bisherigen Corona-Maßnahmen ja eher wenig bis gar nicht gegen Corona. Nun sind sie aber wenigstens zu fast hundert Prozent gegen Influenza wirksam, eine Erkrankung, die bisher nicht nur in jeder Grippesaison für Schmerzen, Leid und zahlreiche Todesopfer gesorgt hat. Alles richtig gemacht also, nur das laut zu sagen verbietet sich, weil eine Freudenfeier unweigerlich die Frage aufwerfen würde, warum etwas wirkt, wenn es doch den beabsichtigten Zweck offenbar verfehlt. Die Grippe stirbt so unbetrauert, ein Corona-Opfer, das auch am neuen bundesweiten Covid-19-Gedenktag keinen Kranz gelegt bekommen wird.

EU-Impfstoffbestellung: Genug ist nicht genug genug

Auch bis zur Herdenimmunität wird es beim derzeitigen Tempo noch den einen oder anderen lockdown lang dauern.

Bestellt worden war von Anfang an genug, sogar mehr als genug. Als im Weihnachtsfernsehen die ersten Symbolimpfungen durchgeführt wurden, nicht ganz planmäßig, aber dadurch gleich über mehrere Tagesschau-Tage hinweg, war das der Startschuss zu etwas ganz Großem. Deutschland, durchgeimpft. Corona, gescheitert. Die folgenden Wochen verliefen dann allerdings eher mählich und ein Schimpfen und Zanken hob an, wer denn wofür verantwortlich und weswegen nicht gewesen sein könnte. Jens Spahn, als Gesundheitsminister oberster Krisenmanager und letzter Schutzschild vor der mit größeren Aufgaben befassten Kanzlerin, tröstete unverdrossen. 

Nicht zu wenig, nur nicht genug

Nicht zu wenig Impfstoff sei bestellt worden, nur zu wenige Produktionskapazitäten hätten die Hersteller zur Verfügung. Würde alles erst so geliefert, wie in der großen EU-Initiative gegen den Impfstoffnationalismus geplant, dann könne jeder, der das wolle, umgehend seine Spritze bekommen. Die Knappheit sei, jeder könne das doch sehen, kein Problem des kollektiven EU-Bestellmechanismus. Sondern eins der kapitalistischen Produktionsweise, die immer der Logik des Abgabeverhalten einer eingetrockneten Ketchupflasche folgt: Erst nichts. Und nach dem Schütteln dann ein gewaltiger Blopp, der bis über den Tellerrand flutet.  

Wie um zu die Richtigkeit der eigenen Strategie noch einmal zu unterstreicehn, hat die Europäische Kommission unter der gelernten Ärztin und früheren Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen inzwischen gehandelt. Und nachgelegt: Zusätzlich zu den bisherigen und völlig ausreichenden Impfstoffmengen, die sie für die Staatengemeinschaft bestellt hat, wurden nun noch einmal 300 Millionen zusätzliche Dosen des Corona-Vakzins der Mainzer Firma Biontech und ihres amerikanischen Partners Pfizer geordert. 75 Millionen Dosen davon sollten im zweiten Quartal 2021 zur Verfügung stehen, sagte EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen, die bei der Bekanntgabe der frohen Impfbotschaft betonte: "Es bleibt dabei: Europa wird genügend Impfstoff haben." 

Man hat das gut gemacht

300 Millionen weniger wie eben noch oder 300 Millionen mehr wie nun - die Kernaussage, dass das eine ebenso reicht wie das andere, folgt einer ganz speziellen europäische Logik. Was auch immer, es ist gut. Wie viel auch immer, oder wie wenig, es ist genug, gleichzeitig aber eben auch nicht, oder doch, denn es "bleibt dabei". Man hat das gut gemacht. 

Europa, nun schon ein ganzes Quartal lang der Kontinent mit den höchsten Infektionszahlen und den schlimmsten Opferzahlen, ist hörbar stolz auf die bisher gezeigten Leistungen. Andere Besteller haben viel mehr bezahlt. Andere haben miteinander um den Impfstoff konkurriert. Diese Staaten sehen jetzt, was sie davon haben: In Israel ist bereits jeder fünfte Einwohner geimpft, in den USA und Großbritannien sind es zwei Prozent. Deutschland kommt bis heute auf 0,5 Prozent und liegt Dänemark und Italien sogar noch auf Platz 3 der EU-Staaten, in denen zwar mehr als irgendwo anders auf der Welt an Covid-19 gestorben wird. Die aber überwiegend in einem Tempo impfen, als genössen sie jeden einzelnen Tag im lockdown wie einen Urlaub vom stressigen Alltag.

Ist Deutschland schon wieder Impfweltmeister?

Wenn von der Leyens Aussage stimmt, dass "wir aus dieser Krise nur gemeinsam herauskommen“, dann ist der Tag sehr fern, an dem das geschieht. Nach den aktuellen Zahlen, die das ZDF auf eine so einfallsreiche Weise präsentiert, dass der  unvorbereitete Leser für einen Moment meinen möchte, Deutschland sei mit einer fünfprozentigen Durchimpfungsrate schon wieder Weltmeister, dauert es bei gleichbleibender Impfgeschwindigkeit noch elf Jahre, bis die in Deutschland lebenden 83 Millionen Menschen ihren "Piks" (Werbekampagne der Bundesregierung) bekommen haben. 

Israel wird dann bereits ein Jahrzehnt auf Corona zurückschauen wie auf einen bösen Traum, auch die USA, die im Moment wöchentlich so viele Menschen impfen wie Deutschland in zehn Wochen, und Großbritannien, das vier Wochen früher begonnen hat und bis heute wöchentlich rund 60.000 Menschen mehr impft, ist das schon Jahre durch mit der Seuche. Die EU aber wird dann dank Übersterblichkeit zwar um die zehn Millionen weniger Eiwohner haben. Aber ihre Gemeinsamkeit, die hat sie symbolisch gegen alle Unkenrufe behauptet.

Montag, 11. Januar 2021

ZDF: Grafikkosmetik - ein neuer Teilbereich der Wahrheitsdarstellung

Absurde Bezüge, sinnfreie Werte: So wurde Deutschland im ZDF Impfweltmeister.

Wer mit Zahlen lügen will, und wer will das nicht!, der hat einige grundsätzliche Regeln zu beachten, um nicht sofort aufzufliegen. Einerseits ist es möglich, Zahlen ohne jeden Bezug zu präsentieren. Statt Werte aufwendig in einen Kontext zu stellen und sie damit einzuordnen, bevorzugen es Kenner, sie einfach mit dem Zusatz "weniger als" oder "mehr als" zu versehen. Gebräuchlich ist aber auch die Variante, durch die Einordnung in ungewohnte Zusammenhänge Zusammenhänge zu verschleiern. Das erzeugt beim oberflächlichen Leser das gute Gefühl, dass Deutschland Impfweltmeister sein könnte und  alles auf dem richtigen Weg ist.

Grafik als möbiussches Band

PPQ.li ist ein Erlebnisbericht eines ZDF-Grafikers zugespielt worden, der auf dieser sogenannten Gefühlswissenebene arbeitet: Zu seinen Aufgaben gehört es, beim zweiten deutschen Gemeinsinnsender Zahlen so als Grafik zu servieren, dass die verwendeten Balken, Torten, Linien und Kreise als möbiussches Band funktionieren. Sie zeigen ausschließlich, was der Leser sehen soll, nicht aber, was eigentlich zu sehen wäre. Ein bis heute wegweisender Klassiker dieser Kunst entstand im Herbst 2018 bei den Gemeinsinnkollegen der ARD. Dort hatte es das Grafik-Team geschafft, eine Umfragegrafik herzustellen, auf der der Balken der Grünen dreimal so groß dargestellt war wie der der Linken, obwohl die 10 und die Grünen auch nur 15 Prozent erreicht hatten. Dafür war der Balken der FDP, eigentlich nur ein Prozent schlechter als die Linke, kaum zu sehen, während die 28 Prozent der Union mehr als doppelt so groß dargestellt waren als die 15 der Grünen. 

Doch sind die gewonnenen Kämpfe von gestern, heute geht es darum, die Mächtigkeit der deutschen Impfkampagne in alle Haushalte zu vermitteln. Im Vergleich zu Israel, Großbritannien und den USA verläuft die Impfkampagne hierzulande zwar äußerst schleppend, "da die EU-Kommission zu wenig und zu spät bei Biontech vorbestellt hat" (SZ). Doch da ist ja noch das ZDF-Grafikressort, das zu einer Tabelle griff, um den gegenteiligen Eindruck zu erwecken (oben). Wie es dazu kam, erzählt Kevin Lügbe-Narbenstein, einer der ZDF-Zahlenzauberer in seinem nachfolgenden Erlebnisbericht.

Ins Verhältnis zum positiven Grundgehalt

Unsere Aufgabe war klar, das ist sie immer. Die Zahlen, die uns reingereicht worden waren, sahen denkbar schlecht aus. Also würden wir wohl, so verstehen wir unseren Job, etwas ins Verhältnis zu irgendetwas setzen müssen, um den positiven Grundgehalt zu betonen. Entsprechend lief auch die Instruierung. Der Chef unserer Grafikkosmetik-Abteilung bat per klarer Anweisung, mal zu sehen, was wir machen könnten. 

Mein Kollegin und ich hatten die Sache dann auf den Tisch. Im ersten Moment verheerend, jeder kennt ja die Daten, deshalb ja auch der Streit seit Tagen, wer jetzt Schuld habe an dem ganzen Schlamassel. EU? Berlin? Spahn? Thüringen? Im ersten Moment wollte ich auch schon rausgehen und sagen, dass das so katastrophal ist, dass der beste Grafikkosmetik, und wir sind die Besten hier, da nichts machen kann. Wenn Du Letzter bist in allen relevanten Messwerten, dann bringt dich weder Tabelle noch Tortengrafik auf Platz 1, das ist so.

Ein Festival der guten Grafiklaune

Doch mein Kollegin war nicht so leicht bereit, sich von der Realität geschlagen zu geben.  Wir könnten das doch, meinte sie, irgendwie ins Verhältnis zur Bevölkerungsgröße setzen, um die unübersehbaren Klassenunterschiede ein bisschen wegzuschminken. Mir war das nicht geheuer. Aber ich muss ehrlich sagen, die Aufgabe reizte mich auch, weil es ja jeden gesunden Menschenverstand zuwiderzulaufen schien, ein Desaster wie das um die Impfungen zu einem Festival der guten Laune zu designen. Das ist so ein Berufsding, glaube ich. Wir Grafiker wollen immer gern beweisen, dass wir alle Daten, die es überhaupt gibt, auf ein paar Balken umrechnen können. Und Ehrensache für einen guten Grafikkosmetiker ist es auch, positives visuelles Erleben möglich zu machen, wo die Zahlen und Daten allein einen höchstens veranlassen würden, den Kopf gegen die nächste Mauer zu schlagen.

Was haben wir also gemacht? Erstmal ganz klar, Deutschland ganz oben in die Tabelle gesetzt. Scheint nicht logisch, weil die weltweiten Daten allenfalls Platz zwölf oder so zugelassen hätten und das auch nur nach absoluten Zahlen. Aber Deutsche interessieren sich fast ausschließlich für Deutsche, eher weniger für solche Impfhochburgen wie Bahrain oder Saudi-Arabien. Wir haben die also gleich mal weggelassen. Und dafür, das war ein Vorschlag von meinem Kollegin, Vakzinversagerstaaten wie Österreich, Frankreich und Tschechien mit reingenommen. Warum die? Und nicht Island, Slowenien und Litauen? Ganz einfach, die sind alle besser als Deutschland. Aber um den Eindruck zu erwecken, wir ständen nicht nur aus reiner Willkür da ganz oben, brauchten wir eben schlechte Beispiele.

Absurdität als Basis der Unwissensvermittlung

Wie aber sollten wir diese absurde Reihenfolge begründen? Die ist ja, ich glaube, als der, der sich das ausgedacht hat, darf ich da sagen, wirklich komplett idiotisch. Uns half dann ein Kunstkniff: Statt den Impfanteil prozentual auf Hundert zu zeigen, wie man das üblicherweise macht, haben wir es auf je 1.000 Einwohner hochgebrochen. Dadurch bekamen wir zwar in der letzten Spalte eine 195 beim impfübereifrigen Israel. Aber es ist uns auch gelungen, in der hinteren Spalte bei Deutschland eine 6,4 setzen zu können, als wären hier schon beachtliche 6,4 Prozent geimpft!

Stark, oder? Weil die Zahl ganz oben steht, fallen die 32-fach oder vierfach höheren Werte bei den Ländern, die hinter Deutschland liegen, gar nicht mehr auf. Zudem haben wir so das Problem umgangen, bei einer Umrechnung auf Hundert, wie man sie im Grafikstudium gelehrt bekommt, bei Deutschland gar nichts an Balken zeigen zu können, wie unsere Grafik das jetzt bei den Österreichern tut, die das sicher abkönnen.

I-Tüpfelchen sinnfreie Trendwerte

Als I-Tüpfelchen wurden dann noch ein paar zugegebenermaßen sinnfreie Trendwerte eingetragen, die die Zweck haben, den Betrachter ein bisschen von den kleinen Tricks abzulenken, die wir da in einer Kombination eigentlich aller Tarnmöglichkeiten der modernen Grafikkosmetik und Tabellenmanipulation verwendet haben. Nicht, dass das noch jemandem auffällt, das wäre ja kontraproduktiv, nicht wahr. Wenn Sie mich jetzt fragen, ob ich mit unserer Arbeit zufrieden sind, muss ich sagen, sehr sogar. Das ist aus meiner Sicht ein richtig rundes Stück mit richtig guter, positiver Botschaft geworden. Vielleicht wird das später mal jungen Grafikkosmetik-Studierenden als Benchmarkproduktion gezeigt. Ja, wenn ich ehrlich bin, gehe ich davon sogar ganz fest aus.