Samstag, 25. September 2021

Doreen Schröder: Ich bin ostdeutsch und blond, das sind meine Identitäten

Doreen Schröder trägt selbstbewusst Mädchenrose und Lippgloss: Man kann sich selbst nicht entkommen, sagt das ostdeutsche Model.

Sie ist ostdeutsch, sie ist blond, sie sächselt ganz süß und hat darauf verzichtet, Abitur zu schreiben. Doreen Schröder stammt aus einer alten erzgebirgischen Räuchermannmanufakturfamilie, Mutter und Vater arbeiteten ihr Leben lang in einer kleinen Räuchermannl-Genossenschaft, ehe sie dann Umschulung, Vorrente und schließlich Altersrente genießen durften. Für Schröder, 1,76 Meter, ebenmäßiges Gesicht und ein bisschen schon Traumfigur, kam eine solche Karriere nie infrage. Die heute 22-Jährige wollte ihr ganzes Leben lang stets Model werden -"seit ich die erste Staffel von Heidi Klums Supermodelsuche gesehen habe", gesteht sie.  

Der Weg ganz nach oben in einer Haifischbranche war kein einfacher, Doreen Schröder musste sich anstrengen, manchmal auch kämpfen, gegen innere Widerstände, vor allem aber gegen die Vorurteile eines globalisierten Geschäfts, in dem bestimmte Stereotype immer noch fest sitzen. "Blond gleich dumm und dumm fickt gut", fasst Schröder ungute Erfahrungen zusammen, die sie in den vergangenen acht Jahren im Modelbusiness machen musste. Dazu komme ihre Herkunft, das Sächseln, das sich auf ihr grobes Englisch übertragen hat. Doch Doreen Schröder hat nie aufgegeben, ganz im Gegenteil: Ihre Makel sind heute ihr Aushängeschild, die Traummaße, die fehlenden Schönheitsfehler, das tiefsitzende Ossige, jene Mischung aus Sturheit, Selbstschaden und Stolz auf die eigene Rückständigkeit.

PPQ.li-Kolumnistin Svenja Prantl hat mit dem erfolgreichsten Fotomodel Sachsens über Vorurteile als Waffe zur Selbstverteidigung, Weißheit, Blondheit und Ostdeutschheit gesprochen - ein Dreiklang aus Terroreigenschaften, die schon manche Karriere beendet haben - nicht aber die von Schröder, die bei Instagram inzwischen 673.000 sogenannte Follower zählt.

PPQ.li: Du trägst Shirts auf denen groß “Ost Weiß Blond Hübsch” steht. Bezeichnungen, die viele Menschen als Beleidigung verwenden und andere wiederum aus diesem Grund überhaupt nicht. Was bedeuten diese Begriffe für dich?

Doreen Schröder: Es sind meine Identitäten. Ich bin ostdeutsch und naturblond, tut mir leid. Ich bin weiß und nach gängigen Idealen hübsch. Das sind alles Adjektive genauso wie groß oder schwarzhaarig. Das ist also per se erstmal nichts Negatives, sondern einfach eine Beschreibung. Und ich finde, dass sie meinem Körper und mich am besten beschreiben. Allerdings wird das Wort "ostdeutsch" von der Mehrheitsgesellschaft negativ konnotiert, ebenso "weiß" und "blond". Aber das nehme ich nicht hin, ich lasse mich daran nicht fesseln. Ich und andere East-Acceptance-Aktivist:innen holen uns die Begriffe jetzt einfach zurück.

PPQ.li: Modebegriffe wie "Zweite Generation Ost" oder "Ex-DDR-Kinder" siehst du auf der Gegenseite überaus kritisch, warum? 

Schröder: Ex-DDR-Kinder impliziert ja schon, dass diese Leute von etwas sind, das es nicht gab. Sie sind also von der Herkunft her nicht im Normbereich, denn sie haben keine Heimat, weil die weggefallen ist. Aber was soll denn dieser Normbereich sein? Hat Angela Merkel ihre Heimat verloren, weil sie Hamburg verlassen musste? Diese Begriffe beschreiben doch nur Ideale, die die Mediengesellschaft geschaffen hat, um ihre Wurzeln zu gießen. Im Deutschen verwende ich als Selbstbezeichnung für mich ostdeutsch, weil das nun mal ein unveränderliches Personenstandsmerkmal ist. Wenn ich über andere Personen mit demselben Schicksal rede, nehme ich den Begriff mehrdeutsch. Die sind ja ab einem gewissen Alter ostdeutsch, aber auch westdeutsch, also mehr deutsch als nur Westdeutsche. Allerdings kann ich nicht für andere sprechen. Man fragt am besten immer – sollte es die Situation wirklich erfordern – nach der Bezeichnung oder Identitätsbeschreibung einer Person und verwendet diese, so lange sie schlüssig klingt. Wobei ich eben die Ansicht vertrete, dass Identitäten zu einem Teil das sind, was sich nicht ändern lässt. Ich zum Beispiel kann mich als pummelige Schwarzhaarige mit XXL-Oberschenkeln denken. Aber ich kann im Laden nicht danach einkaufen.

PPQ.li: Du lebst in deinen Vorfestlegungen?

Schröder: Nicht, dass ich das so möchte. Mein Modelberuf besteht ja zu einem Gutteil aus Verwandlung. Mein Traum ist, dass wir irgendwann dahin kommen, dass man beispielsweise nicht mehr sagen muss "Ich bin ostdeutsches Model", sonder einfach "Ich bin Model" – ohne verwunderte Blicke zu bekommen, weil alle sich fragen, ob man vielleicht aus Ostdeutschland kommt. Oder, dass man nicht mehr in einer speziellen Kategorie Kleidung kaufen muss, damit die an einem passt. Aber so weit ist die Gesellschaft noch nicht. Wer kein Abi hat, schlecht Englisch spricht und gern Cola trinkt, wird in vielen Lebensbereichen einfach ausgegrenzt.

PPQ.li: Du erfährst eine Dreifachdiskriminierung aufgrund deiner Herkunft, deines Aussehens und deiner Bildungsgeschichte. Aber deine sexuelle Orientierung schadet dir nicht, oder? Und wenn doch: Wie hälst du das mental aus, dieses Gewitter an Vorurteilen?

Schröder: Ich habe schon ganz früh gemerkt, dass ich genauso wie die anderen Kinder in der Schule war. Ich habe am liebsten mit Mädchen gespielt, aber irgendwann kam das Interesse an Jungen. Zur selben selben Zeit lebten wir das alle, würde ich sagen. Es gab Experimente, aber oberflächlich, oft unter Alkoholeinfluss. Wenn ich mich morgens für die Schule anzog, dann so, dass Jungen und Mädchen etwas zum Schauen hatten. Meine Klassenkamerad:innen und ich, wir waren von vielem unbeleckt, wir dachten nicht Kategorien wie systemische Benachteiligung durch fehlende Minderheitsmerkmale. Ich wusste schnell, dass es nicht gut ist, schlank, sportlich und beliebt zu sein. Aber was hätte ich machen können? Auch über meine Sexualität war ich mir sehr früh klar, nichts Exotisches, nichts Spannendes. Dass anderes möglich gewesen wäre, wusste ich nicht. Ohne Internet waren Menschen, die nicht so waren wie ich, einfach noch überhaupt nicht jeden Tag überall sichtbar. Im Zuge dessen, habe ich jahrelang mit schweren Depressionen gekämpft, weil ich mich als langweilig und gewöhnlich empfand. Ich habe sehr lange gebraucht, um mich selbst anzuerkennen. 

PPQ.li: Das Schlagwort Body Positivity wird seit einiger Zeit sehr inflationär benutzt und oftmals falsch. Was verbirgt sich wirklich dahinter?

Schröder: In meinem Fall geht es darum, für sich selbst einen positiven Bezug zum eigenen Körper zu entwickeln, den man ja hassen lernt in dem Moment, in dem einem klar wird, dass er für andere eine ständige Beleidigung ist. man träumt von der eigenen Einzigartigkeit, von einer rätselhaften Ausstrahlung, androgyn und herkunftslos global. Und dann geht man in seiner unendlichen Gewöhnlichkeit herum, zeigt seine Blondheit, seine Schlankheit, seine sogenannten Traummaße. Man ist sexuell für das andere Geschlecht verfügbar,wie es sich bei uns im Erzgebirge immer noch gehört. Man Spaß am Sex und seine Freude daran, vom Mittelstürmer der Schulauswahl flachgelegt zu werden. Das ist trübe, das ist beleidigend für andere. Das macht einen fertig, wenn man ein junges Mädchen ist, das gar nicht weiß, was es flaschmacht. ich habe lange gebraucht bis zur Selbstakzeptanz, also bis ich ein positives Gefühl für mich selbst verspüren konnte. Body Positivity heißt nicht – und das wird sehr oft missverstanden – dass ich meinen Körper schön finden muss. Es heißt, dass ich mich damit abfinde, dass er eben ist, wie er ist.

PPQ.li: Vieles habe ich genauso erlebt, den Neid, die Zurücksetzung. Aber wie stehst du als Ostfrau und Blond-Positivity-Aktivistin zu Selbstakzeptanz versus Selbstliebe? 

Schröder: Selbstakzeptanz bedeutet für mich zu verstehen, dass es beispielsweise gut ist ostdeutsch, schlank und heterosexuell zu sein, egal, was mir die Medien beibringen wollen. Ich sage: Ich habe es mit Frauen versucht, ich habe es mit Steaks und Kuchen versucht und ich war beim Friseur und habe färben lassen. es hat nicht funktioniert. Frauen im Bett machen keinen Spaß, Essen schlägt bei mir nicht an und mit schwarzen Haaren sehe ich durch meine makellose helle Haut noch blonder aus als sowieso schon. Also bin ich ich und das ist vollkommen in Ordnung. Und es ist deshalb auch in Ordnung, wenn es Tage gibt, an denen ich mich mit einer oder beiden Identitäten struggle. Ich will nicht immer ostig sein, bin es aber. Ich schiele manchmal auf Jobs, die Molly-Model an Land ziehen. Aber es ist ganz wichtig zu verstehen, dass diese schlechten Gefühle und Gedanken, die man sich selbst gegenüber hat, nicht von einem selbst kommen, sondern von außen. Mit dem Begriff Selbstliebe muss ich sagen, bin ich vorsichtig. Sich selbst lieben zu müssen, baut zu viel Druck auf. Das Schicksal wirft einen ja in Umstände und Eigenschaften, die einem aufgebürdet sind. Das muss man akzeptieren, aber muss man es leben? Nein. Es reicht, wenn man sicher ist, dass man okay ist, obwohl man ein Leben lang beigebracht bekommen hat, dass man nicht richtig ist, so wie man ist.

PPQ.li: Was hat dir zu mehr Selbstakzeptanz verholfen?

Schröder: Ich muss sagen, dass die sozialen Medien mir extrem geholfen haben. Ich habe dort andere Ostdeutsche und andere blonde Frauen mit Filmstar-Figuren gesehen, die damals schon an dem Punkt waren, an dem ich noch nicht war. Sie waren hübsch, haben aber trotzdem Bikinis getragen und sich selbst gefeiert – einfach ihr Leben genossen. Das war für mich total krass und empowernd. Ich habe damals auch andere Instagrammer:innen und TikToker*I;..)/Innen angeschrieben, um mir auf die Sprünge helfen zu lassen. Wie werde ich so? So selbstbewusst auf meine Nachteile? Ich habe mir dann einen Bikini gekauft - mit Rücksicht auf die anderen am Strand hatte ich bis dahin immer Badeanzug getragen. Heute weiß ich: Natürlich bekomme ich ständig die Blicke! Natürlich schauen die Männer lüstern und die Frauen neidisch. Und beide zusammen hassen mich. Aber auch wenn ich das spüre, weiß ich doch: Wir sind eine Community. Irgendwo anders auf der  Welt liegt gerade auch ein Model in ganz, ganz knappem String am Strand und sonnt sich. Das ist eine kollektive Verbundenheit, die macht mich stark. 


Freitag, 24. September 2021

Fake News: Mehrheit für den Aberglauben

Gott liegt weiterhin deutlich vor Hellseher*innen, Schamanen, Heilernden und Astrolog;:_*/Innen.

Die Pandemie hat sie zu einer zentralen Überlebenstaktik gemacht, der nicht nur Politiker*_:Innen, sondern auch ein Großteil der Bevölkerung zu folgen bereit war. Wissenschaft war die Waffe im Kampf gegen das Virus, Forscher, Virologen, Epidemiologen und mathematische Modellierer entwickelten sich ebenso wie Youtube-Wissenschaftlerinnen zu Stars, auf deren Wort gehört wurde.  

Sturmgebet gegen die Seuche

Dahinter zurückzufallen schienen zeitweise traditionelle Strategien der Krisenbewältigung: Als Papst Franziskus in einer frühen Phase der Pandemie zu einem "Sturmgebet" gegen die Seuche aufrief, blieb der spezielle Gebetsgottesdienst gegen das Corona-Virus ebenso wirkungslos wie der Sondersegen "Urbi et Orbi", mit dem Gottes Stellvertreter auf Erden beabsichtigt hatte, den Herren im Himmel das einmütige Gebet aller seiner Jünger hören zu lassen.

Ein anderes Ergebnis wäre allerdings auch ein wahres Wunder gewesen. Seit Jahrzehnten schon beten Päpste immer wieder für den Weltfrieden, zuweilen auch für die Befriedung bestimmter Weltregionen. "Möge zwischen Israelis und Palästinensern die Kultur der Begegnung wachsen und der Friedensprozess wieder aufgenommen werden", bat auch Papst Franziskus immer wieder, gewandt direkt an Gott, wie der Vatikan offenbarte. "Vom auferstandenen Herrn erflehen wir die Gnade, nicht dem Stolz nachzugeben, der die Gewalt und die Kriege schürt, sondern den demütigen Mut zur Vergebung und zum Frieden zu haben". Ein Effekt war nie zu entdecken, Gott hört nicht, er hat sich einmal mehr anders entschieden. 

Gott hört nicht

Oder aber, das Fehlen jeglichen Beweises für das Gegenteil spricht dafür, es gibt ihn gar nicht. Ein Umstand, der eine relative Mehrheit der Deutschen allerdings nicht irritiert. 60 Prozent der Menschen hierzulande geben bei Befragungen an, an einen "Gott" zu glauben, den sie sich als eine Art höheres Wesen vorstellen, das die Geschicke der Welt, aber auch ihr eigenes Schicksal lenkt. 2.000 Jahre Wettbewerb zwischen Wissenschaft und Aberglaube haben in den dunkeldeutschen Regionen im Osten Spuren hinterlassen. 

Hier sind 70 Prozent der Bürger_:;*+Innen konfessionslos. Der Westen dagegen wird auch 300 Jahre nach dem Zeitalter der Aufklärung zu 80 Prozent von Menschen bewohnt, die die menschliche Vernunft als universelle Urteilsinstanz ablehnen und stattdessen eine unsichtbare Entität mit bisher unentdecktem Wohnsitz für die entscheidenden Weichenstellungen im privaten wie im gesellschaftlichen Leben verantwortlich machen. 

Stärkere Neigung im Westen

Bereits im Frühjahr hatte der Medien- und Konsumforscher Hans Achtelbuscher auf die stärkere Neigung der Westdeutschen zu Aberglauben, Christentum und Religiosität hingewiesen. „Wir haben es mit Menschen zu tun, die teilweise in einer Form durch Aberglauben sozialisiert sind, dass sie auch nach 100 Jahren nicht in der Demokratie angekommen sind“, sagte Achtelbuscher. Ein Teil der Bevölkerung habe „gefestigte Ansichten“, die sich an Horoskopen, Fernsehwahrsagern und selbsternannten Untergangspropheten orientierten. 

Nach Einschätzung des Wissenschaftlers, der am An-Institut für Angewandte Entropie der Bundeskulturstiftung Phänomene wie das Themensterben in den deutschen MedienSprachregelungsmechanismen und den Einfluss subkutaner Wünsche auf die berichterstattete Realität erforscht, sei nur geringer Teil dieser Gläubigen „potenziell rückholbar“. Es bleibe nur Bildungsarbeit und das Hoffen „auf die nächste Generation“.

Bundesprepperamt: Strom ohne Kochen

So viel Spaß macht das Kochen ohne Strom - einen Vorgeschmack auf kommende Genüsse gibt jetzt das erste Katastrophenkochbuch des Bundesprepperamtes.

Sie glauben nicht an den Staat, nicht an die Supermärkte und an die globalen Lieferketten, nicht an das Primat der Politik und nicht daran, dass Tiefkühltruhen im Falle einer weltweiten Pandemie tödlichen Ausmaßes die beste Möglichkeit sein werden, leckere Steaks und abgepacktes Speiseeis genießbar zu halten. Prepper horten Lebensmittel, sie bauen Schutzräume oder üben, mit einfachen Mitteln Feuer anzuzünden, um einfache Gerichte zu kochen. 

Sogenannte Survivalists wollen vorbereitet sein auf tagelange Stromausfälle, ein Versagen der Versorgunsginfrastruktur und den Untergang der alten Normalität. Als "Hamsterer" verspottet und als Rechtsnationalist, AfD-Wähler*In und Sachse enttarnt, wurde der Prepper zwar zuletzt Opfer des Themensterbens in der deutschen Medienlandschaft. Doch Hilfe naht jetzt - ausgerechnet Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe.

Oberste Pandemiewarnbehörde

Dabei handelt es sich um eine Bundesbehörde, zu deren Aufgeben es gehört, vor Pandemien zu warnen, Hamstererlisten für Privathaushalte zu erstellen und Kochrezepte für Notzeiten zu sammeln, in denen es an allem fehlt wie damals im Hungerwinter 1946/1947. Nichts zu essen, kein Strom, keine Heizung? Mit dem neuen Küchenratgeber „Kochen ohne Strom“ kein Problem mehr. Statt Angst vor der Katastrophe zu schüren, macht das schmale Bändchen voller Kochrezepte für den Fall der Fälle des Zusammenbruchts der Zivilisation richtig Lust aufs Mitpreppern.

Kein Wunder, denn was hier an Mahlzeiten für Zeiten empfohlen wird, in denen kein Strom mit aus der Wand kommt und keine beruhigenden Nachrichten aus den Fernsehgeräten, stammt nicht aus der Designerküche eines Staatsbehörde. Nein, eine Fachjury hat die besten Notfallrezepte in einem bundesweiten Rezeptwettbewerb ermittelt: Bereits im Februar 2020 startete die gemeinsame Initiative des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK), der Bonner Feuerwehr, des Technischen Hilfswerks und aller Bonner Hilfsorganisationen mit dem Ziel, klarzumachen, dass auch das Ende der Welt nicht so schrecklich sein muss wie es in Medien und leider Gottes auch von Teilen der Wissenschaft gemalt wird.

Ein Strom von Rezepten

Mit Blick auf den Energieausstieg besonders wichtig: Ja, man auch ohne Strom eine nahrhafte und leckere Mahlzeit zubereiten! Mehrere hundert Rezepte dachten sich die Notfallköche in ganz Deutschland aus, vom Hirsebrei über die Brennesselsuppe bis hin zum Dörrfisch aus eigener Trockung. Brot wird hier lustig am Stock als Knüppelkuchen gebacken wie früher im Kindergarten, es werden Tricks vermittelt, wie mit feuchten Holz roher Reis geräuchert werden kann und auch für Leckermäuler findet sich dies und das, etwa eine Anleitung, wie man einen Baum erklettert, um an Wildbienenhonig heranzukommen. Von wegen Kochen ohne Strom! Backen ohne Hoffnung!

Eine Jury von Expertinnen und Experten aus dem Katastrophenschutz, der Ernährungsvorsorge und dem Bereich Kochen hat die eingereichten Rezepte bewertet,  Auswahlkriterien dabei waren Kreativität, Machbarkeit und Nachhaltigkeit. Die 50 besten Rezepte stehen nun fest und das Kochbuch mit dem sprechenden Titel "Kochen ohne Strom" - der eigentlich geplante Titel „Notfallkochbuch“ war bereits vergeben - geht an den Start. Außer den Rezepten enthält das Buch viel Hilfreiches und Wissenswertes beispielsweise zu den Themen Überleben im Stromausfall, Gewinnung von Notwasservorräten durch Verdunstungsplanen und Öffnen von überlagerten Büchsen ohne Werkzeug. 

Backen ohne Reue

Unter allen Teilnehmenden und Teilnehmenden*Innen hat die Jury zudem mehrere Gewinnerende der Notfall-Verlosung ermittelt. Der Hauptgewinn besteht aus einem 3-Flammen Katatrophengasherd mit sechsteiligem Ersatzkartuschenset, einem 5-teiligen Topfset aus rostresistentem Edelstahl und einem Faltbackofen für den Gasherd. Der zweite Platz bekommt einen 2-Flammen-Gasherd mit einem Grillaufsatz und ein 5-teiliges Topfset aus Edelstahl. Der dritte Platz erhält einen 2-Flammen-Gasherd, ein 5-teiliges Topfset aus Edelstahl und einen Flötenkessel, dessen Tülle abgenommen und in Fällen äußerer Bedrohung als Signalpfeife verwendet werden kann.

Donnerstag, 23. September 2021

Wald und Feld vor Gericht: Kläger in eigener Sache

Ein künftiger Kläger: Auch einzelne Bäume, die wie hier mit einem Nagel traktiert werden, können sich künftig vor Gericht dagegen wehren.

Der Wald steht still und schweiget, während der Mensch die Umwelt vernichtet, das Klima zerstört und ganze Landstriche und Kontinente für seine Bedürfnisse umbaut. Im Mittelalter entwaldete er, damals noch ungebremst von Pariser Abkommen, das gesamte Mitteleuropa. Zuvor schon war der Baumbestand auf den Mittelmeerinseln komplett gerodet worden, die Täter in Deutschland aber schmückten ihre neubegründeten Siedlungen noch stolz mit Namen wie Annenrode oder Herbertsrode, die auf Freveltaten verwiesen und sie als große Leistung darstellten.

Konsumausstieg reicht allein nicht

Seitdem ist vieles noch schlimmer geworden und erst langsam setzt sich die Erkenntnis durch, dass der Mensch aufgrund seiner egoistischen Grundausrichtung vielleicht gar nicht in der Lage sein wird, sein eigenes Vernichtungswerk zu stoppen,. Gute Ansätze wie der Konsumausstieg der gesamten Generation Greta, der rigorose Flug- und Fernverkehrsverzicht älterer Umweltbewegter und Umweltpolitiker oder die Umstellung von Gipfelkonferenzen der führendsten Klimaschutzstaaten auf virtuelle Formate können nicht darüber hinwegtäuschen, dass nicht nur wertvolle Klimaorganismen aus dem Mikrobereich unter anhaltender menschlicher Verfolgung leiden, sondern auch die  wenigen verbliebenen Wald- und Feldbestände, die keinerlei Lobby haben.

Die Rechtswissenschaftlerin Jula Zenetti, die am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig zum Thema der Rechtsstellung von Lebewesen aus der Flora forscht, hat jetzt einen entschiedenen Paradigmenwechsel vorgeschlagen: Flüsse, Moore, Wälder, Gebüsche, Tiere, Blumen und Käfer sollen eine eigene Rechtspersönlichkeit bekommen, um selbst gegen ihre fortgesetzte Vergiftung, Abholzung oder Quälerei vor Gericht ziehen zu können. Auf diese Weise, glaubt die Juristin, würde sich die Umweltzerstörung, die "mittlerweile ein desaströses Ausmaß angenommen hat", wie Zenetti sagt, am wirksamsten einhegen lassen.

Gewässer klagt gegen Bauvorhaben

Beispiele, etwa aus Florida, wo gerade mehrere Gewässer Klage gegen ein Bauvorhaben eingereicht hätten, um eine Beschädigung oder Zerstörung der Gewässer zu verhindern., zeigten, wie wirksam ein Klagerecht für Wälder, Flüsse, Seen und Wiesen sein könne. "Das kolumbianische Verfassungsgericht sprach erstmals im Jahre 2016 dem drittgrößten Fluss des Landes subjektive Rechte zu", beschreibt Julia Zenetti, "es ist also nicht so, als reden wir über etwas, was juristisch unmöglich ist."

Nein, es ist vielmehr eine große Chance, die zudem bereits im deutschen Recht angelegt ist. Das kennt neben der natürlichen Person, die qua Geburt Rechte hat, die sie vor Gericht einklagen kann, auch die  juristische Person, der diese Rechte vom Gesetzgeber verliehen werden. "Das zeigt, dass der deutschen Rechtstradition die Anerkennung von Rechten zugunsten anderer als natürlicher Personen nicht fremd ist", sagt Julia Zenetti. Dass sich eine solche juristische Person nicht selbst zu ihren Wünschen und Vorstellungen äußern könne, sei kein Hinderungsgrund ihrer Vertretung vor Gericht. "Es wurde auch eine juristische Konstruktion gefunden, damit Eltern oder ein Vormund die Rechte eines Säuglings oder einer betreuungsbedürftigen Person wahrnehmen können", sagt Zenetti. Ebenso habe ein Embryo im Mutterleib anerkannterweise eigene Rechte, die auch schon vor Anwälten vor Gericht vertreten worden seien.

Ökosysteme treten vor die Richterbank

Ähnlich könnten künftig ganze Ökosysteme vor die Richterbank treten. Ein Wald, der seine Rodung abwenden will. Eine Blühwiese, die sich gegen das Mähen wehrt. Ein Gebüsch, das nicht bereit ist, zu akzeptieren, dass es einer neuen Straße weichen soll oder im Rahmen der Straßenrandpflege verschnitten wird. Ökosysteme gewährleisteten den Artenschutz., sie bremsten den Klimawandel und sicherten damit die auch dem Menschen die Existenz, analysiert Julia Zenetti. Da sei es naheliegend, die  Wertigkeit von Baum, Busch und Blume auch rechtlich anzuerkennen.

In einem ersten Schritt wäre aus Sicht der Wissenschaft ganzen Ökosystemen eine eigene Rechtspersönlichkeit zuzugestehen, weil man davon ausgehen könne, dass zusammenlebende Wälder und gemeinsam fließende Flüsse überwiegend dieselben Interessen teilten. Später sei dann aber vorstellbar und konsequent, dass auch einzelne Bäume, Grasbüschel, Nutzpflanzen und Unkräuter das Recht erhielten, in eigener Sache vor Gericht zu ziehen. 

Furcht vor Prozesslawine

Natürlich bedarf es bestimmter Erheblichkeitsschwellen, die überschritten sein müssen, damit ein Eingriff in die Rechte eines Flusses oder eines Waldgebietes bejaht werden kann", schränkt Julia Zenetti ein, um Befürchtungen zu begegnen, dass klagende Wälder und in Berufung gehende Gräser eine riesige Prozesslawine auslösen könnten. Doch auch wenn das gesetzlich näher definiert ist, wie sie fordert, bleibt natürlich die Klagemöglichkeit gegen diese Definition durch den jeweiligen Vormund oder Treuhänder des betreffenden Grundrechtsträger.

Dem stünden in seiner neuen Rechtsposition auch andere Grundrechte offen wie etwa das auf Meinungs- und Demonstrationsfreiheit. Bäume könnten dann Kundgebungen anmelden, auch Sitzblockaden wären möglich, wenn Umweltverbände als rechtliche Vertreter der durch natürliche Gegebenheiten an eigenen Meinungsäußerungen gehinderten Interessenträger in die Bresche springen.  Denkbar sei aber auch eine Regelung, wonach jeder/jede einzelne Bürger*:;(/IN für ein Gewässer, ein Gebüsch oder einen Blühstreifen vor Gericht ziehen könne. 

Das Eigenrecht der Natur

Der Grundgesetz-Artikel 20a formuliere das  Staatsziel, "in Verantwortung für künftige Generationen die natürlichen Lebensgrundlagen zu erhalten", sagt Zenetti. Das rufe nach einer Erweiterung der gerichtlichen Durchsetzungsmöglichkeiten für umweltrechtliche Normen. "Derzeit kann niemand eine Verletzung von Art. 20a GG gerichtlich geltend machen, wenn sie nicht mit einer Verletzung menschlicher Rechte einhergeht." Um das zu ändern und eine gesunde Umwelt dauerhaft zu garantieren, bedürfe es einer Anerkennung von Eigenrechten der Natur.

Abschied von der Raute: Im Ring der Ratlosigkeit

Amerika hat Deutschland abgehängt, die Welt hat ihren Wohlstand in der Merkel-Ära schneller vermehrt - aber Europa konnte geschlagen werden.

Es war schon mehrfach vorbei, immer wieder und jedes Mal ein bisschen mehr. Angela Merkel, Symbol einer Ära, die sie vor allem mit ihrer Raute geprägt hat, wurde totgesagt, aus dem Amt kommentiert und mehrfach selbst von denen verraten, auf die sie sich immer hatte verlassen können. Große Medien, seriös und sich gewiss, dass jede dieser Schlagzeilen schädlich sein kann, schrieben gar von kleinen Blogs in diesem Internet ab, um die mächtigste Frau der Welt zur "Geisterfahrerin" erklären zu können.

Auf jede Merkeldämmerung ein neuer Morgen

Die Ostdeutsche aus Hamburg aber hat alles überlebt. Auf jede Merkeldämmerung folgte ein neuer, trüber Morgen mit neuen, schweren Sorgen. Deutschland zahlte hier und Deutschland zahlte da und wo es nicht zahlte, da wurde wenigstens gebürgt. Der Steuerzahler musste für keinen einzigen Cent aufkommen, weil "der Bund gut gewirtschaftet" hatte. Nichts wurde jemandem weggenommen, weil alles hier erarbeitet worden war, da war die SPD ganz bei der Kanzlerin und ihrer Partei.

Der Eindruck von wachsendem Wohlstand lässt sich denn nach 16 Merkel-Jahren auch nicht von der Hand weisen. Die Steuereinnahmen des Staates sind in dieser Zeit um 64 Prozent gestiegen, sie lagen selbst im Corona-Jahr 2020 nun bei 740 Milliarden Euro, ein Rekord für die Ewigkeit, den erst 2021 brechen wird. Zugleich ist das Rentenalter ist gestiegen, jeder fünfte Senior stirbt inzwischen, ohne seine Auszahlungszeit erreicht zu haben. Dafür aber macht die Entwicklung des Strompreises in Deutschland stolz: Um 163 Prozent kletterte der nach oben, während Angela Merkel in der Kanzlerwaschmaschine saß. Heute liegt der Anteil von Steuern, Abgaben, Umlagen und Netzentgelder mit 24 Cent pro Kilowattstunde um ein Viertel höher als Elektroenergie am Tag des Amtsantrittes Angela Merkels insgesamt gekostet hatte.

Hand in Hand mit dem Kanzleramt

Das ist Weltrekord, errungen von einer Bevölkerung, die Angela Merkel bis in die Hölle folgen würde und sie aus Dankbarkeit auch noch ein fünftes Mal gewählt hätte, lieber jedenfalls als diesen Laschet, die Baerbock oder den Scholz. Zusammen hat man so viel erreicht: Der Afghanistaneinsatz, der freien Entscheidungen des Parlaments ewig und ewig hatte verlängert werden müssen, konnte dann doch noch beendet werden. Eine europäische Flüchtlingslösung ist immer noch ganz nahe, greifbar fast, wenn man nur mal 14 Tage nach vorn denkt. 

Manchmal geht es doch so schnell. Grenzen, die einfach nicht zu schließen waren, wurden geschlossen. Die EU-Armee zeigte theoretisch, was sie vielleicht können würde. Europa überlebte Trump, den Demiurgen, der Krieg mit Russland wollte, im Auftrag von Russland. Eine Gesundheitsunion wurde erfunden. Und die Demokratieabgabe für den Gemeinsinnfunk, der ab und zu gebraucht wird, trotz Widerstands aus Dunkeldeutschland doch erhöht, was eine gute Vorbereitung auf Fälle wie diese verrät: Alle Richter am Bundesverfassungsgericht sind heute Frauen und Männer, deren Personalakten über den Tisch von Angela Merkel gingen, ehe sich das Besetzungskartell der Traditionsparteien darauf einigte, dass der jeweilige Bewerber verlässlich genug ist, unabhängig höchstes Recht zu sprechen.

Das Scheitern des Hades-Planes

Viel ist Angela Merkel vorgeworfen worden. Sie sei zunehmend amtsmüde gewesen, habe bei Paraden gezittert und über die Grüne gelogen. Sie habe Europa nicht im Griff, die Umsetzung des Hades-Planes aus den Augen verloren, mit deutscher Dominanz Partner verschreckt und Angst vor Hunden, den besten Freunden echter Klimamädchen. Zu wenige Flüchtlinge hat sie aufgenommen, um Deutschlands Demografieproblem zu lösen. Und zu viele, so dass die Mieten steigen und der Osten in Teilen verloren ging. Zu einer ehrlichen Bilanz der Merkel-Jahre aber gehört es eben auch, zuzugeben, dass die Kanzlerin mit dem Beginn der Corona-Krise aus der Öffentlichkeit verschwand: Angela Merkel regierte aus dem Bunker, hinter verschlossenen Türen versuchte sie, einen Chor aus Ministerpräsidenten zu dirigieren, von denen jeder einzelne sich selbst eher für einen Dirigenten als für einen Sänger hält.

Merkel war in dieser Zeit einer verzweifelten Sehnsucht nach Leitung, Führung und harter Hand für viele die letzte Mutti, hinter deren Kittelschürze man sich verstecken konnte. Vor und hinter, neben und über Angela Merkel war niemand mehr, kein Mitstreiter, kein Verbündeter, nur Geier und Koyoten, die  darauf lauerten, sich ein Stück aus dem Kadaver der Macht zu reißen, wenn die Übermutter endlich, endlich gefallen ist. Schien es kurz vor ultima, als habe die CDU nur Merz, Laschet und Spahn, die nach zwei Merkel-Jahrzehnten noch Manns genug seien, das Erbe schultern zu können, war es dann auf den letzten Metern noch ein dramatischer: Entkernt, entbeint und ausgezehrt, fielen die drei von der Zankstelle wie die Bowlingkegel, umgeblasen vom ersten lauen Lüftchen.

Bedrohte Medieneinfalt

Was der Machtwechsel von der uneingeschränkt und zuletzt aus fast völliger Unsichtbarkeit regierenden Dauerkanzlerin einer ganzen Generation zu einem tastenden, unsicher lavierenden und vom wackligen Wahlergebnis schon vor Amtsantritt beschädigten Nachfolger für die deutschen Medien bedeutet, ist noch gar nicht abzusehen. 

Eine ganze Branche, die so verliebt war in die Frau an der Spitze, dass sie deren Entscheidungen nie infragestellte, sondern entschlossen gegen jede Kritik verteidigte, muss sich zum zweiten Mal nach dem Ausscheiden von Donald Trump aus dem Amt neu erfinden: Mit dem US-Präsidenten verschwand das Böse aus der Welt, und es nahm die gesamte Amerika-Berichterstattung gleich mit. Mit Merkel droht nun auch der gute Gegenpol verlorenzugehen, die Adresse, an deren Aussagen man sich zu orientieren gelernt hatte.

Allein in einer kalten Welt

Blanke Angst herrscht, nun allein zurückzubleiben in einer Welt, die sich kaum um all die Zeichen und Signale aus Deutschland schert und womöglich noch weniger um die engagierten Kommentare zum Genderstern, zum Energieausstieg und zur einzig wahren richtigen Corona-Strategie. All dem, in 16 Jahren aufgebaut, droht ein trauriges Ende. Die Berliner Medienrepublik, in der Berichterstattende und deren Berichterstattungsgegenstände symbiotisch zusammenleben, gerät in Unordnung. Der lokalkonvexe Raum, in dem Wolf Schmiese, Dunja Hayali, Claus Kleber, Georg Restle und Georg Diez  gemeinsam mit Figuren wie Peter Altmeier, Robert Habeck, Julia Glöckner und Saskia Esken leben, wohnen und wirken, weil die Abluft der einen die Atemluft der anderen ist, öffnet sich zur Straße, zu Stimmengewirr und Meinungsanarchie.

Inhaltlich einordnen aber, gewichten und bewerten hat eine ganze Mediengeneration nicht gelernt, weil diese Arbeit in der Pressestelle der Bundesregierung erledigt wurde. Journalismus war, die notwendigen Maßnahmen der Regierung von oben nach unten verständlich zu machen, auf dass die kaum tieferer Einsicht in die Notwendigkeit fähigen Volksmassen sich bereit finden, zu folgen, wo immer auch hin. Nun aber, wo es wirklich vorüber ist, vorbei für immer, keine Rückfahrtkarte, nicht einmal nach vorn, werden die Herzen bang und die Hände klamm. Was soll werden, ohne sie? Wohin zwingt uns der Ring der Ratlosigkeit, den sie immer schon mit der Raute formte, der nun aber erst seine wahre Natur offenbar.

Mittwoch, 22. September 2021

Klimalast Mann: Schrumpfung des Bestandes

Das Ende ist nahe, näher jedenfalls als vergangene Woche noch. Teile Deutschlands und Chinas werden überflutet, andere Teile stöhnen unter eiskalten Sommernächten oder ätzender Hitze, Waldbrände wüten in Südeuropa, fast so schlimm wie 2007, auch in Sibirien und den USA brennt es wie immer im Sommer und trotz vollendetem Brexit musste er britische Wetterdienst jetzt zum ersten Mal in seiner Geschichte eine Hitzewellen-Warnung herausgeben - angesichts der 185.000 Unwetterwarnungen des amtlichen deutschen Wetterdienstes im letzten Berichtszeitraum ein ungeheuerlicher Versuch der Verharmlosung.

Der Verharmlosung aber wovon genau? PPQ-Kolumnistin Svenja Prantl widmet sich der Verantwortung des Mannes als solchem für Wetterkapriolen, verlorene Kriege, Pandemien und Regierungswechsel.

So sieht er also aus, der Klimawandel: Es wird wärmer und nasser, feuchter, trockener, heißer und  auswegloser und ist doch nur ein linder Vorgeschmack auf das, was noch kommen wird. Die Katastrophe. Der Untergang. Eine Klimadiktatur zur Rettung der Menschheit, die harte Maßnahmen erlässt, wie sie freiwillig in freiheitlichen Gesellschaften leider nicht durchsetzbar waren. Einsicht in die Notwendigkeit der Machtübernahme im Namen kommender Generationen. Schuldenstreichung und Streichung der Schuldenbremse. Aufbruch zu neuen Ufern im Schildboot. Ausstieg aus der kapitalistischen Ausbeutungswirtschaft.

Wer hat Schuld

Was bisher fehlt, sind allerdings klare Schuldzuweisungen. Wer ist es gewesen? Wer hat die Menschheit in eine Situation geführt, in der ihr nichts anderes mehr übrigbleibt als das Rad des Fortschritts um Jahrhunderte zurückzudrehen und einzusehen, dass die Zeit langwieriger Palaver zur Mehrheitsbildung einfach nicht mehr zur Verfügung steht, wenn einem ganzen Planeten die Luft ausgeht.

Eine Studie aus Schweden fand nun wenig Überraschendes heraus: "Men's Spending Habits Result In More Carbon Emissions Than Women's". Männer sind es gewesen, die die Klimaprobleme der Erde verursacht haben, mehr verursacht jedenfalls als Frauen. Die skandinavischen Forschenden hatten zuvor das Lebensverhalten von Single-Männern und Single-Frauen verglichen. Ziel war es, unabhängig von weiter zurückliegenden Umweltverbrechen wie der Erfindung der Dampfmaschine, des Braunkohletagebaus, der Diesellokomotive, der Waschmaschine und des Automobils herauszufinden, wie die Klimalast der beiden ausgewählten und am weitesten verbreiteten Geschlechter derzeit ausfällt.

Der Mann, der Klimamörder

Das Ergebnis ist erschütternd. Männer nutzen beim Autofahren Verbrennungsmotoren, sie essen Fleisch, sie trinken Bier, sie amüsieren sich bei aufwendig organisierten Fußballspielen und anderen Sportereignissen, sie haben Hobbys, sie tragen dreiteilige Anzüge und unterhalten in ihren Garagen oft aufwendige Werkzeug- und Gartentechnikparks, wobei die einzelnen Instrumente nur sehr selten genutzt werden. und beim Fleischessen. Jede Menge Gründe, warum Männer das Klima bis heute um genau 16 Prozent mehr anheizen als Frauen es tun, die damit im Vergleich zu den selbsternannten "Herren der Schöpfung" sogar einen relativ abkühlenden Effekt auf die Erdatmosphäre ausüben. Selbst in ihrer virtuellen Existenz brauchen Männer mehr Platz und Raum: Verglichen mit Frauen benötigen sie rund 1.5 Gigabyte mehr Datenvolumen, wobei jedes einzelne Bit an den begrenzten Ressourcen der Erde saugt.

Das Breitbeinige, Besitzergreifende, das Männer schon immer ausgezeichnet hat, selbst wenn sie ncht Straßenbahnfahren, wird hier zum Menetekel der Menschheitszukunft. Wie kann, wie soll ein Umlenken gelingen, wenn die Hauptverantwortlichen -  allesamt Männer! - schon von ihrem Wesen her daran gehindert sind, Einsehen zu zeigen und sich ehrlichen Herzens für Änderungen zu engagieren? Die schwedischen Forsche*innenden rechnen konkret vor, wie beide Geschlechter ihren CO₂-Fußabdruck um immerhin 40 Prozent reduzieren können, zementieren mit dieser Berechnung jedoch auch, dass der Klimarettungsbeitrag des Mannes als solchem größer sein wird als der der Frau.

Singles müssen Singles bleiben

Das kann nicht die Klimagerechtigkeit sein, die wir meinen. Ungeachtet dessen aber verlangt sie Uneinsichtigen eine Menge ab: Die Menschheit würde komplett auf eine vegane Ernährung umgestellt, jeder öffentliche Verkehr würde statt mit Flugzeug oder Auto ausschließlich mit Zügen und Lastfahhrädern durchgeführt. Wichtig wäre auch, dass die befragten Singles Singles blieben - ein Zusammenleben mit anderen wäre erlaubt, klimagerechterweise sogar wünschenswert, erst recht, wenn in großen oder noch größeren Gruppen gemeinsam gewohnt und gewirtschaftet wird. Familiengründungen aber müssten unterbleiben, soweit sie die Geburt und Aufzucht von Nachwuchs mitmeinen. Denn der größte Einfluss, den ein Mensch auf seine Treibhausgasemissionen nehmen kann, ist, weniger Kinder zu bekommen.

So sieht er aus, der bittere Preis, den die Menschheit für die Klimaschuld der Männer zahlen muss. Um die Menschheit zu retten, dürfen in den nächsten Jahrzehnten Millionen und Milliarden Menschen nicht zur Welt kommen. Das hatte eine andere Studie aus Schweden schon 2017 herausgefunden, die damals bereits mahnte, dass die Regierungen sich künftig eher auf Geburtenkontrolle konzentrieren sollten statt symbolische Maßnahmen wie ein Trinkröhrchenverbot, eine Energiesparlampenpflicht und umweltschädliche Dämmvorschriften zu erlassen.

Kinder sind Klimakiller

Über lange Linien der menschlichen Geschichte war die Entscheidung, ein Kind zu bekommen, freilich eine recht private Entscheidung. Doch jedes Kind, das zur Welt kommt, ist von seinem ersten Tag an ein Nutzer fossiler Brennstoffe, die für 70 Prozent der Treibhausgase in der Atmosphäre verantwortlich sind. Das Kind hat Durst und es muss gefüttert werden, es friert und braucht Heizung, Kleidung und Medikamente. Sein CO₂-Fußabdruck wächst in den "allermeisten" (Morgenpost) Fällen vom ersten Tag seines Lebens an, bis es schließlich - im Fall eines deutschen Kindes - bei nahezu zehn Tonnen Kohlendioxid im Jahr anschlägt.

Das ist bei einem männlichen Kind mehr als das Doppelte dessen, was ein normaler Schäferhund produziert, aber auch ein herangewachsenes Mädchen ist weitaus klimaschädlicher als ein durchschnittliches Haustier. Der wirksamste individuelle Beitrag zum Klimaschutz in einem System, das größtenteils durch fossile Energieträger befeuert wird, ist damit die gezielte und vorbeugende Reduktion von Nutzern dieses System in einem von der Natur gegebenen Spielraum: Ohne Geburten fehlt es den Naturvernichtern und Klimafeinden über kurz, erst recht aber über lang an Abnehmern ihrer verderblichen Ware. 

Hebelpunkt zur Rettung

Nach Berechnungen des Massachusetts Institute of Technology kommt es dabei vor allem darauf an, den Bestand an männlichen Personen in den entwickelten Volkswirtschaften zu verringern. Hier, wo selbst die ärmeren Menschen hohe Produktionsmengen an CO2 "verbrauchen" (Malu Dreyer, Annalena Baerbock) liegt der größte Hebelpunkt für die Rettung der Welt: Um den deutschen Durchschnittsverbrauch von 10,4 Tonnen bis 2050 auf die dann noch erlaubten zwei Tonnen zu senken, ist eine Schrumpfung des Männerbestandes unumgänglich und alternativlos.

Amazon: Der ewige Krieg gegen die Sieger

Hass schüren, Gräben aufreißen, Arm und Reich aufeinanderhetzen - das Geschäft der Populisten ruht nie.

Einen Feind, den du nicht besiegen kannst, den musst du heiraten, das wussten die alten europäischen Königshäuser noch genauso gut wie es schon die alten Ägypter und die örtlichen Herrscher der Vorzeitclans wussten. Wissen, das später auf tragische Weise verlorengegangen ist, nicht nur bei Großunternehmen, sondern auch bei großen Gewerkschaften. 

Versteift auf einen ideologischen Kurs, der nur ein hier und da kennt, aber kein wenn nicht, dann eben da, beklagten die großen deutschen Verlage, über Jahrzehnte unermüdliche Gelddruckmaschinen, seit den ersten Tagen des Internets, dass ihnen Google, Facebook, Ebay und Amazon die Kunden wegnähmen. Ehemals exorbitante Gewinnmargen von 15 oder 20 Prozent schrumpften auf 10, dann ins Einstellige. Und die Klage schwoll immer weiter an, je deutlicher das Geschäftsmodell der Umrahmung von Werbung mit wertigem Inhalt digital wegbröckelte.

 Bekenntnis zum Gaga-Pop

If you can't beat them, join them", sang Freddie Mercury und trieb seine Band Queen in Discobeats und Gaga-Pop, als die 80er Jahre heraufdämmerten und die Sonne der großen Rockbands unterzugehen schien. Auf die naheliegende Idee, den zu umarmen, der ihn bedroht, kam ein auch Jeff Bezos, Gründer und Chef des Internetkaufhauses Amazon, als ein frontaler Kampf mit grellen Klagen aussichtslos schien. Mitbewerber Ebay sparte sich die Lagerwirtschaft, die Logistik, alles mögliche. Und ließ einfach andere für sich verkaufen. Als deutscher Verlag hätte Bezos nun ein Greinen angestimmt über die Ungerechtigkeit der Geschäftsmodelle und den Vater Staat, der eingreifen müsse, wenn einer besser als andere wirtschafte.

Bezos aber entschied, bei Amazon nun auch andere verkaufen zu lassen, in Konkurrenz zu den eigenen Angeboten, vor allem aber in Konkurrenz zu Ebay. Diese Kannibalisierung des eigenen Geschäfts war der Anfang der Weltmacht Amazon. Ebay ist heute nur noch ein Schatten seiner selbst. Amazon aber so stark und so groß wie nie. 

Versagen in den Verlagen

So hätten es nicht nur die deutschen Großverlage haben können, wären sie angesichts der aufdämmernden Bedrohung durch die Internetgigangen in den guten Tagen weitsichtig genug gewesen, ihre sprudelnden Profite wenigstens zu einem Teil direkt in genau die Geschäftsmodelle zu investieren, von denen sie selbst meinten, sie würden die ihren existenziell bedrohen. Ein regionaler deutscher Zeitungsverlag, der 15 Jahre lang die Hälfte seines Gewinns in Beteiligungen bei Apple, Facebook, Google, Amazon und Microsoft investiert hätte, könnte es sich heute leisten, Journalismus als Hobby zu betreiben. Kann aber keiner, weil keiner hat.

Alle Energie wurde auch bei der Gewerkschaft Verdi ausschließlich investiert, um mit großem Aplomb auf die andauernde Ungerechtigkeit einer Welt hinzuweisen, die Lagerarbeiter nach dem Tarifvertrag für Logistiker bezahlt, statt sie als Einzelhandelsverkäufer einzustufen. Seit acht Jahren läuft das längst nur noch fokloristische Kräftemessen zwischen der Gewerkschaft, die mit jedem kleinen Streik auch um große Schlagzeilen gegen die schrumpfende eigene Bedeutung kämpft. Und dem US-Riesen, der nicht nur störrisch bleibt, sondern vollkommen unbeeindruckt. 

Um so viel Geld geht es

Es geht für beide Seiten um viel Geld, um sehr viel sogar. In Deutschland liegt der Einstiegsbasislohn je nach Standort zwischen 11,30 Euro und 12,70 Euro brutto pro Stunde, angelehnt an den Tariflohn der Logistikbranche. Laut Versandhandelstarifvertrag müssten es 13,59 Euro sein - 89 Cent mehr, die sich in den Jahren, seit der Streit ausgebrochen ist, auf um die 15.000 Euro Gehaltseinbuße pro Beschäftigtem summiert haben. 

Hätten die kampflustigen Gewerkschaftsfunktionäre im Interesse ihrer Basis vor acht Jahren beschlossen, zu heiraten, was sich nicht besiegen lässt, wäre der Schaden nie entstanden. Allein das Streikgeld, das sie ihren Mitgliederinnen und Mitgliedern zahlt, wenn die vor den Lagertoren von Amazon für höhere Gehälter demonstrierten, ab 2013 in Amazon-Aktien gesteckt, wäre weit mehr drin gewesen: Aus schmalen 150 Euro beim ersten Streik im Jahre 2013 wären seitdem 2.700 Euro in Aktien geworden. Stur weitergespart, hätten sich die bis heute etwa 25 bis 35 Amazon-Streikwellen zusammengeschoben zu einem Aktienportfolio von um die 20.000 bis 35.000 Euro - für jeden einzelnen Streikenden.

Doch nicht die Prosperität der kleinen Leute, die sie als ihre Schutzbefohlenen ausgeben, ist das Geschäft der Populisten. Sondern die Behauptung der eigenen Stellung, der eigenen Unerlässlichkeit, selbst zum Schaden derer, die noch an sie glauben. Nicht "If you can't beat them, join them" hält dieses Gewerbe am Leben, sondern der Hass, der geschürt, der Graben, der aufgerissen, die Konfrontation, die gesucht wird. Die Strategie des Kampfes gegen die Sieger kann sich noch so oft als untauglich herausstellen, alle Bemühungen können über Jahre hinweg vollkommen ergebnislos bleiben und Fortschritte sich nirgendwo abzeichnen. So lange aber Funktionäre und Funktionsträger davon leben, im Krieg zu sein, spielt der fehlende Nutzen so wenig eine Rolle wie der unübersehbare Schaden. Ideologie schlägt Vernunft. Immer.

Dienstag, 21. September 2021

Sprachpflege: N-Wort, S-Wort, M-Wort

Sprache wandelt sich, vor allem in den Medien: Kunstbegriffe wie "Bürger:innen" und Codes wie "N-Wort" setzen sich unaufhaltsam durch.
Auf einmal sind sie überall, die Produkte einer Code-Industrie, deren gesellschaftsverändernde Kraft ansetzt, wo der Mensch Gedanken mit seiner Umwelt zu teilen versucht. Was vor nicht ganz einem Jahrzehnt selbst in aufgeweckten Hauptstadtkreisen als durchgeknallter Trend galt, firmiert mittlerweile unter dem Begriff "Ethik unserer Sprache", wie es die Frankfurt:innen Rundschau nennt.  
 
Ein Thema, das auch im Wahlkampf bewegt wie kaum ein anderes, zumindest in den Großraumredaktionen der Leitmedien und den Schneideräumen der Gemeinsinnsender. Unlösbare Konflikte sind hier zu bewältigen, denn immerzu stellt die Geschichte widersprüchliche Aufgaben: Wenn Martin Luther King in einer Rede gesagt hat, "nut one hundred years later the Negro still is not free", dann übersetzte man das jahrzehntelang als "aber einhundert Jahre später ist der Neger immer noch nicht frei" ins Deutsche. Was nun nicht mehr geht, denn nach allen Informationen, die öffentlich zur Verfügung stehen, ist Kings Wortwahl eine "Reproduktion rassistischer Sprache" (Taz), die "Betroffene retraumatisiert und herabwürdigt".
 

Luther Kings Verfehlungen

 
Um das zu verhindern, ist Luther Kings "Negro" zum "N-Wort" geworden, einer codierten Umschreibung des tatsächlich Gesagten, zu der sich eine ganze Reihe weiterer geheimer Vokal-Ballettfiguren gesellen. Es gibt das "M-Wort" und das "S-Wort", das "R-Wort", das "Z-Wort" und das "P-Wort" und allen ist gemein, dass niemand sie aussprechen soll, diese Voldemorts der zwischenmenschlichen Kommunikation, die drohen, den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu zerstören.
 
Dagegen hat es Regeln in der regelbasierten Freiheit der Mediendemokratie, in der selbstverständlich alles gedacht, gesagt und auch geschrieben werden darf, was strafbar ist. Nur gehört es sich eben nicht, "sich für den rationalen Diskurs über eine diverse Gesellschaft disqualifizieren" (FR), indem man darauf beharrt, Worte benutzen zu dürfen, nur weil deren Gebrauch nach keinem Paragrafen der Strafprozessordnung verboten ist. den "Rassismus der Alltagssprache" treibt das urbane Bionadebürgertum sich selbst mit Hilfe einer Kunstsprache aus Bindestrichworten aus, wobei der Terminus "Rassismus" selbst in einem Bindestrichwort wurzelt, das eigentlich "nur noch bei Haustieren" (Deutsche Welle) angewendet werden sollte.
 

Konsens im Schanzenviertel

 
Aber nicht alles geht gleich, geht heute und hier, und jahrhundertelang gebrauchte Begriffe sind selbst dann schwer "auszumerzen" (Franz Müntefering), wenn in Berlin Mitte, in Leipzig-Connewitz und im Hamburger Schanzenviertel längst Konsens darüber besteht,  dass diese Buchstabenkombinationen dazu dienen "offenen und latenten Rassismus mit angeblichen natürlichen Gegebenheiten zu begründen und damit eine moralische Rechtfertigung zu schaffen".
 
Neue Umschreibungen für alte Hetzbegriffe sind noch nicht in der Mitte der Gesellschaft angekommen, doch das "N-Wort" ist ja auch noch keine zehn Jahre alt. Damals entwarf es die Bundesworthülsenfabrik (BWHF) im Rahmen eines internationalen Ideenwettbewerbs der Uno zum künftigen Umgang mit "unakzeptablen" Bezeichnungen, der anknüpfte an Bemühungen in den USA, aus Luther Kings falschem N-Wort-Gebrauch zu lernen. 1976 war die 1926 begründete "N-Wort-History-Week" dort in "S-Wort-Hiytory-Week" umbenannt worden, 1985 schließlich verwendete ein Richter am höchsten Gericht der USA den Term ein letztes Mal.
 

N vorn, Iger hinten

 
Seitdem ist das ursprünglich vom lateinischen N-Wort mit N vorn und -iger hinten als N vorn und -egro hinten ins Spanische und Portugiesische eingesickerte amerikanische N-Wort mit der ursprünglichen Bedeutung "schwarz" ersetzt worden durch das Wort "black", das im Deutschen ebenfalls "schwarz" heißt, hierzulande aber nach den Coderegeln der korrekten Rücksichtnahme groß geschrieben werden muss. Schwarze Menschen sind nicht nur am Satzanfang darauf angewiesen, mit einem großen "S" Respekt erwiesen zu bekommen, sondern auch mitten im Satz
 
Eine schlichte Geste der Höflichkeit wie früher der Knicks bei Hofe, die zwar alle Regeln der deutschen Rechtschreibung ignoriert, aber jahrhundertelange Verfolgung keineswegs gutmachen kann. Dazu braucht es mehr und deutlichere Zeichen, denn solange M-Wort und N-Wort in Deutschland noch "in bestimmten Kontexten verwendet werden" (jetzt.de) darf, ist die gesamtgesellschaftlich angestrebte "Nicht-Verwendung" (FR) infragegestellt. 
 
Die Schwierigkeit beim konkreten Kampf gegen das N-Wort liegt in dessen Unaussprechlichkeit, die es verbietet, überhaupt zu sagen, was es ist, gegen das so leidenschaftlich gestritten wird. So gilt der Kampf gegen Luther Kings ins deutsche übersetzte Bezeichnung offiziell stets dem Verbot von dessen codierter Umschreibung "N-Wort": Dieses, auch "N*Wort" geschrieben, gilt als "immer abwertend und rassistisch", einer Petition zufolge verbinden "Schwarze Menschen den Begriff mit viel Leid, Diskriminierung, Gewalt, Ungleichheit".
 
Die Stadt Köln, beladen mit einer Geschichte über jahrhunderte institutionalisierten R-Wortissmus im am Rhein so beliebten Karneval, hat als erste weltweit bereits im vergangenen Jahr Konsequenzen gezogen. Der Rat der Stadt entschied,  "dass die Verwendung des N*Wortes rassistisch ist" und deshalb "jegliche Verwendung des N*Wortes in der Stadt Köln" vermieden werden muss. Das notwendige "kritischen Entlarven des N-Worts" (Stephan Hebel) ist damit an sein natürliches Ende gelangt.

Trittin-Rente: Geburtstag eines Generationen-Geschenks

Hunderttausende deutsche Ruheständler profitieren jeden Tag von der Trittin-Rente.

Genau betrachtet war es gar nicht der sehnige Grüne, der einer ganzen Generation eine neue Säule für ihre Altersversorgung zum Geschenk machte, sondern der er schwammige Christdemokrat. Nicht Jürgen Trittin, der später alle Lorbeeren erntete, sondern sein früherer Kollege Klaus Töpfer, heute Nachhaltigskeitschef der Uno und seit drei Jahren Schlichter im Stromstreit zwischen Serbien und Kosovo, erfand das Einwegpfand. Das der einfallsreiche Ex-Anarcho Trittin später nutzte, um daraus die bis heute mehrfach und teils spürbar erhöhte Trittin-Rente zu machen. 

Eigentlicher Erfinder Töpfer

Dabei hatte an eine solche soziale Ausrichtung niemand gedacht, nicht einmal Töpfer, der in Schlesien geborene linke Christdemokrat mit dem großen Umweltherzen. Man schrieb das Jahr 1991, der Kalte Krieg war eben beendet worden, Russland ein Freund, die Welt ein Platz von eitel Sonnenschein, als Töpfer daranging, eines der ganz großen Menschheitsprobleme zu lösen: Wohin mit dem Leergut? Zurück! Mit der Verpackungsordnung verfügte der Umweltpolitiker, dass Getränkebehälter "befandet" (BMU) werden müssen. Als Töpfers Kanzler Kohl dann dennoch an den Wahlurnen scheiterte und  Jürgen Trittin das Umweltministerium übernahm, erkannte der bekehrte Kommunist sofort die großen sozialen Chancen, die sich hier boten.  

Trittin begann, die Pfandfrage als soziales Problem anzugehen und zu lösen: Als der Mehrweganteil von Getränkeverpackungen immer weiter sank, führte der studierte Sozialwirt eine Pfandpflicht auch für  Einwegflaschen ein. Betroffen waren nun alle Getränkebereiche, in denen der Anteil der Mehrwegflaschen unter den Anteil von 1991 gesunken war, zudem gestaltete der stets sozial denkende Grünen-Politiker das neue Pfand deutlich lukrativer: Etwa dreimal so hoch wurde die Rückgabeprämie ausgelobt.

Pfand als sozialer Problemlöser

Es ging dem Pfand als sozialem Problem an den Kragen. Mit einem Schlag vergrößerte Trittin den Sekundärmarkt: Zu den 60 Milliarden Mehrwegflaschen, die bis dahin Jahr für Jahr aufwendig nicht nur einmal voll, sondern auch zweites Mal auch leer quer durch Deutschland transportiert worden waren, kamen jetzt in einem ersten Schritt weitere rund 20 Milliarden pfandpflichtige Mehrwegbehältnisse, auf deren Gesamtwert von etwa fünf Milliarden Euro die Trittin-Rente überwiegend gründet. 

Zwar hat die Gleichstellung von Mehrweg und Einweg der Beliebtheit des ökologisch vorteilhaften Mehrwegsystems nicht unbedingt genützt und der größte Teil der Gewinne bleibt bis hete auch beim Handel hänge. Doch wie es Jürgen Trittin geplant hatte, setzen immer mehr Ältere auf den steuer- und abgabenfreien Zuverdienst, der die einst von Rot-Grün erlassenen Rentenkürzungen bei entsprechendem Fleiß und ein wenig Sammelglück durchaus auszugleichen vermag. Je mehr der Anteil der Getränke, die in Mehrwegverpackungen gekauft werden, sinkt - zuletzt betrug er nur noch 42,8 Prozent -, desto lukrativer wird es, Flaschen zu sammeln. Das hilft der Umwelt und es hilft dem eigenen Kontostand.

Ein fester Bestandteil der Altersversorgung

Mittlerweile ist die Trittin-Rente für viele Menschen ein fester und sicherer Bestandteil ihres Auskommens geworden, über das gar nicht mehr groß gesprochen wird. Flaschensammeln ist für viele Arme und Alte eine nicht unerhebliche Einnahmequelle, Senioren wühlen in Mülleimern und grasen die Partystätten der Jugend nach zurückgelassenem Leergut ab. Die Generation Woke revanchiert sich großzügig: In zahlreichen Kommunen gibt es mittlerweile sogenannte "Flaschenringe" an Mülleimern, die es verarmten Pfandsammlern ermöglichen, menschenwürdiger an die begehrten Flaschen zu kommen - also ohne das Kramen zwischen feuchten Dönerbroten und benutzten Taschentüchern.

Eine ergänzende sozialpolitische Maßnahmen, auf die die betagten Sammlern viel zu lange haben warten müssen, schon mit Blick auf die weitere Entwicklung. In den kommenden zehn Jahren wird sich die Zahl der potenziellen Nutzer der Trittin-Rente - Menschen mit einem Alterseinkommen unterhalb der Grundsicherung -  auf 1,5 Millionen Menschen verdreifachen. Dann gehen die Jahrgänge in Rente, die von den rot-grünen Rentenstraffungen am härtesten betroffen sind. Während der Bund noch zögert, mit einer Pfanderhöhung auf die wachsende Nachfrage und die gerade in der Pandemiezeit gestiegenen Lebenshaltungkosten zu reagieren, verspricht wenigstens die Ausweitung der Pfandpflicht auf Milchverpackungen, Fruchtsaft, Smoothies oder Schokodrinks eine Verbreiterung der Basis der Trittin-Rente.

Montag, 20. September 2021

Bundeswehr: Klimaneutral in den nächsten Krieg

Sie fahren mit riesigen Panzern, deren Schadstoffausstoß jeder EU-Vorschrift spottet. Sie fliegen schneller als die klimafreundlichen 130 Kilometer, sie graben Schützenstellungen in unschuldige Natur und betreiben an abgelegenen Stellen gewaltige Übungsareale, in denen geschossen und gekämpft wird, obwohl jeder einzelne Schuss wegen des verbrannten Treibsatze für das Weltklima wie wie ein Ohrfeige wirkt. Die Bundeswehr, zuletzt im Sommer im Gespräch, als der über zwei Jahrzehnte so erfolgreiche Afghanistan-Einsatz auf Geheiß des Weißen Hauses abgebrochen werden musste, zog blamiert ab vom Hindukusch und sie überließ das Land den eher umweltfreundlichen Taliban, die weniger PS-starke Fahrzeuge nutzen, keine Großindustrie zur Nachschubsicherung besitzen und klimaschädliche Techniken der Unterhaltungsindustrie ablehnen.

Mission Klimaschutz

Ein Zeichen, das in der Hardthöhe zu einem Nachdenkungsprozess geführt hat. Angesichts der "gravierende kulturellen Mängel bei der Bundeswehr", die "selbst bei noch so guter Absicht die Umwelt zerstören", hatten Kritiker wie die Grünen-Chefin Annalena Baerbockschon länger gemahnt, dass der Graben zwischen Verteidigungsfähigkeit und Klimaerhaltung dringend überbrückt werden müsse. Auch weil die Bundeswehr sich weigerte, entsprechende Planungen überhaupt nur zu beginnen, war das Verhältnis zwischen den Grünen und den Streitkräften in der Vergangenheit nicht unbedingt hervorragend. Die Grünen verdächtigten die Bürgerinnen und Bürger in Uniform als Bremser für den Klimaschutz. Bei der Bundeswehr, die in einer titanischen Schlacht gegen rechtsextreme Soldaten, Unteroffiziere und Offiziere steckt, sah man in mancher klimapolitischen Idee der Partei das sichere Ende einer kampffähigen Armee.

Dann aber zeigte das Abenteuer Afghanistan mit seinem dicken Ende, dass eine solche ohnehin nicht mehr existiert. Im Bundesverteidigungsministerium wurden seitdem die richtigen Schlüsse gezogen: Längst sieht sich die Bundeswehr nicht mehr nur als symbolischen Sicherheitslieferanten, der sein Produkt mit überwiegend zweifelhaften Produktionsmethoden herstellt, die auf fossile Energien setzt, sondern ein Großunternehmen, das sich seiner Verantwortung für das globale Klima bewusst ist.

Umbau zur klimaneutralen Armee

Der Umbau zur weltweit ersten klimaneutralen Armee soll nun schnell Fahrt aufnehmen. Im Bundeswehrkonzept "Energiewende: Trends in der Verteidigungstechnik" erklären Heer, Luftwaffe und Marine, wie in den kommenden Jahren der deutsche Anspruch umgesetzt werden soll, ein Signal für klimagerechte Verteidigungspolitik zu geben. Das Pariser Abkommen rufe die Welt dazu auf, den globalen Temperaturanstieg auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen, um den Klimawandel zu bekämpfen, heißt es dazu im Verteiidgungsministerium. "Die Bundeswehr mit ihren Teilstreitkräften möchte ihren Beitrag leisten und hat die Ambition, bis 2035 oder früher ein Netto-Null-Emissions-Energieunternehmen zu werden", fasst der grüne Klimaplan zusammen.

Nötig sind auf dem Weg dahin radikale Veränderungen in der Verteidigungstechnologie und ein entschiedener Fokus auf neue Bereiche, in denen klimaneutrale Lösungen realisiert werden sollen. Weg vom herkömmlichen Panzer, hin zu E-Tank, E-Charging auch für Truppentransporter und die mobile Artillerie, Bio-LNG-Flüssiggas-Umrüstungen für die Bundesmarine, Wasserstofftechnik für die Luftwaffe und neue Wege der Energieversorgung mit Wind und Solar für die ausgedehnten Kasernenlandschaften der Bundeswehr - das sind die wichtigsten Maßnahmen.

Wasserstoff für Panzertruppe

Bereits ab 2025 solle der Bereich Wasserstoffe eine große Rolle bei der Energieversorgung spielen, heißt es im Strategiepapier. Die Bundeswehr will mit einem Pilotprojekt Panzer mit umweltfreundlichen Turbinen ausrüsten, die mit grünem Wasserstoff betrieben werden. Für die angedachte Umrüstung von Feldhaubitzen, Kanonen und Patrouillenfahrzeugen auf elektrische Antriebe will die Bundeswehr  zu innovativen Speicherlösungen greifen, die feldmarschmäßig mobil sind. Ein wichtiges Standbein soll dabei regenerativer Strom werden, der mit Bundeswehrsolaranlagen und Bundeswehrwindräder erzeugt wird, die die Truppe im Einsatz mit sich führt.

Mit Blick auf den Mobilitätssektor glauben die Bundeswehrplaner an einen zügigen, aber nicht überstürzten Übergang. Anfangs werde ein neuer Mix von Antriebstechnologien noch nicht völlig auf fossile Kraftstoffe verzichten können, später aber würden sie "zunehmend durch synthetische Kraftstoffe ersetzt werden". Kein Hehl macht das Verteidigungsministerium aus dem Umstand, dass "der Verbrenner auch noch einige Jahre in der Zukunft Bestand" haben müsse, solle das deutsche Heer einsatzbereit bleiben. Ähnliche sehe es bei der Bewaffnung aus: Kurzfristig ließen sich Gewehre, Geschütze und Raktengeschosse nicht durch klimafreundliche Lösungen ersetzen. Hier müsse für eine Übergangszeit zu Ausgleichspflanzungen von Bäumen und einer Speicherung von CO2 in eigens dafür zu schaffenden Bundestagskavernen gegriffen werden.

Dekarbonisierung der Verteidigung

Ein Zwischenschritt, der allerdings unumgänglich ist auf dem Weg der Dekarbonisierung der gesamten deutschen Verteidigungsbemühungen ("Decarbonation of Defense"). Die Zukunft im Schmierstoffbereich gehöre übergangshalber niedrigviskosen Ölen, um die Reibung in noch nicht ersetzbaren Motoren zu verringern. Die Frage der Treibladungen in Handfeuerwaffen und weitertragenden Geschützen, deren Verbrennungsrückstände die Umwelt nicht nur mit Kohlendioxid, Schwefeldioxid und Feinstaub belasten, sondern auch mit Schwermetallen, gilt als besonders große Herausforderung. Im wissenschaftlichen Fokus stehe das Thema "Energie einsparen", beispielsweise durch den Umstieg auf moderne Schleudertechniken, durch die sich neben CO2-Emissionen auch Kosten einsparen ließen. Ein Nachteil sei derzeit noch die geringere Reichweite von Geschossen selbst bei der Verwendung besonders langschlingiger Schleudern.

Dennoch bleibe der Umstieg auf elektrische Schussantriebe alternativlos, wolle die Bundeswehr die Energiewende im Kriegsbereich ernsthaft umsetzen, heißt es dazu im politischen Berlin. Den Vorgaben des Verteidigungsministeriums folgend arbeiten Herstellerfirmen heute schon daran, energieeffiziente Laserwaffen zu entwickeln, die treibladungslos Ziele bekämpfen können. Die Bundeswehr bietet ihren Kommandeuren und Soldaten im operativen Bereich bereits seit diesem Jahr eine CO2-Berechnungs-App an, die erzielte Schusswirkungen je nach gewählter Waffenart ins Verhältnis zu dabei angerichteten Umweltschäden setzt. Der "Bürger*In in Uniform", so die Hardthöhe, solle in der Übergangszeit auch im Einsatz selbst entscheiden können, welche Klimaschäden er zur Erreichung von Einsatzzielen inkaufzunehmen bereit sei.

Spiegel-Titel im Faktencheck: Allah-Alarm abgeblasen

Mission accomplished: Elf Jahre nach dem "Spiegel"-Titel zur "stillen Islamisierung" veröffentlicht das Magazin die Gegendarstellung.  
 
Damals, im März 2007, ritt die Spiegel-Redaktion der Teufel. Ungeachtet aller Fakten griff das frühere Nachrichtenmagazin zur Angstmache: Eine "stille Islamisierung" finde in Deutschland statt, beklagten mehrere Autoren, das Land in der Mitte Europas werde zum "Mekka", in dem eine überforderte und viel zu weiche Justiz jungen Muslimen den Weg in eine Parallelgesellschaft ebne.  Ein Blick in den Abgrund, denn die Zivilgesellschaft akzeptierte die Diagnose stillschweigend. Kein Protest regte sich. Kein veritabler shitstorm tobte durch die sozialen Netzwerke. Keine Chefredaktion musste gehen. Kein Journalistenpreisträger die höchsten Ehrungen abgeben.
 
Deutschland war einig Nazi-Land, obwohl die AfD noch gar nicht gegründet worden war. Natürlich, auch die NPD war noch nicht verboten. Oder genauer: Ihr Verbot war noch nicht gescheitert. Aber dass das führendste Nachrichtenmagazin der Republik dem - inzwischen früheren  - Bundesverfassungsrichter Udo Di Fabio Platz einräumte, um im „Pulverdampf des Kulturkampfs“ über "fehlende Sensibilität" und "rechtsirrige Ansichten" zu referieren, die geprägt seien "von der multikulturellen Fehlvorstellung, dass unser Land umso schöner wird, je mehr nicht zueinander passende Kulturen nebeneinander stehen", ist keine anderthalb Jahrzehnte später fast nicht mehr vorstellbar. 
 

Verstummte laute Klage

 
Oft und laut beklagt, muss er irgendwann wirklich stattgefunden haben, der "Rechtsruck" (Die Zeit), der Deutschland aus der friedliebenden Familie der fröhlichen Völker der Welt zu einem bedrohten Biotop für Demokraten gemacht hat. Es ist wohl eines der größten Wunder der Mediengeschichte, dass die 2007 vom "Spiegel" entdeckte und der Öffentlichkeit schonungslos präsentierte "Islamisierung" je weniger Thema wurde, je mehr Muslime sich im nachfolgenden Jahrzehnt in Deutschland ansiedelten. Bei 1,8 Millionen wurde es nach den "Spiegel"-Titeln (oben) zu einer Pflicht, den Trend aufzudecken und anzuprangern. Als die Zahl der Muslime sich dann verdoppelt hatte, halbierten sich die Enthüllungen darüber.


A
uch der "Spiegel", der den "Kulturkampf" (di Fabio) selbst erfunden hatte, lange bevor die große Einwanderungswelle von 2015 und 2016 ins Abendland schwappte, stieg schneller aus dem Zug aus, er nach dem 11. September "Moslems" in das weltläufige "Muslime" umgetauft hatte. Das grüne Gras der Islamisierung wuchs nicht mehr leise, sondern laut. Aber Titelgeschichten wie "Haben wir schon die Scharia?" und Enthüllungen über die Strategie "islamischer Verbände, vor Gericht vermeintlich religiöse Freiräume zu erstreiten, durch die schleichend eigenen Rechts- und Wertvorstellungen" zur Disposition gestellt würden, wie Wolfgang Bosbach glaubte, damals noch stellvertretender Vorsitzender der CDU-Bundestagsfraktion, hatten sich überlebt. 
 

Allah-Alarm abgeblasen


Allah-Alarm abgeblasen, Angst umsonst geschürt. Keines der Phänomene, die der "Spiegel" 2007 mit einem beunruhigten Grummeln notiert hatte, ist verschwunden. Viele sind einfach Alltag geworden. Natürlich, es gibt nicht mehr Messerangriffe, sondern allenfalls "uneindeutige Daten" (Die Zeit). Natürlich, die NPD spielt keinerlei Rolle mehr, seit sie nicht verboten werden konnte. Aber da Feinde der offenen Gesellschaft nun skrupellos Ängsteschüren, die von Scharfmachern für ihre populistischen Forderungen genutzt werden, steht niemand mehr frei, über Fakten zu berichten, einfach weil sie Fakt sind. Zu groß ist die Gefahr, den "Falschen" (DPA) in die grausamen Karten zu spielen.
 
Zurückgelehnt in die Melancholie eines unaufhaltsamen Auflagen- und Bedeutungsschwundes entdeckt der "Spiegel" seinen geliebten "Kulturkampf" nun beim Streit um das Binnen-I und in der Auseinandersetzung um die Rettung des Weltklimas durch deutsche Dämmanstrengungen.  Die vom "Spiegel" selbst publizistisch begründete unbegründete Furcht vor der "Islamisierung" ist der Klage gewichen, noch immer fremdelten "viele" (Spiegel) Deutsche mit den notwendigen Veränderungen, die das mit sich bringt, das die Titelgeschichten des Magazins nun einfach "Zuwanderung" nennen. 
 
Die "Islamisierung", beklagt und angeprangert, als es sie noch nicht gab, findet sich in dem Moment medial beerdigt, in dem sie unübersehbar wird. Vielehe und Gangprügeleien, aus allen Nähten platzende Moscheen, der Streit ums Kopftuch und der Versuch, nach Religionsvorschriften Recht zu sprechen - kein Grund zur Aufregung. Wer es tut, ist ein Wutbürger, Hassbürger, Angstbürger. "Jeder Fünfte, der hier lebt, hat einen Migrationshintergrund, und die Zahl wird weiter steigen", heißt es zur Beruhingung der übrigen vier Fünftel, denen die zweite Staatsbürgerschaft fehlt und manchmal sogar die Wurzeln fern der faden deutschen Scholle.
 

Bereichert werden wird zum Wunsch

 
Bereichert werden zu wollen ist nun einfach ein Muss. Vielfalt riecht nach gesellschaftlichem Fortschritt, wenn man aus dem Hochhaus an der Alster hinaus auf das Land schaut, in dem es denen, denen es gut geht, so gut geht wie nie. Erklärt werden muss nun, so kompliziert und unübersichtlich ist die Gefechtslage an der Propagandafront, wieso die Befürchtungen von vor elf Jahren heute gegenstandslos sind, weshalb es total viel voll schönen Grund zu guter Laune gibt und warum das, was noch ein Jahrzehnt zuvor  Premiumjournalismus war, inzwischen als nationalistische und fremdenfeindliche Parole gebrandmarkt werden muss. Integration scheitert nur noch, wo die ehemalige Bevölkerung der DDR vergessen hat, wie hervorragend ihr demokratischer Ruf einst war. Und ungebremst abgerutscht ins tiefe Loch dunkeldeutschen Festhaltens am Überkommenen.
 
Wer jetzt noch Zipfelmütze trägt, weiß, dass es eine Hasskappe ist. Wer jetzt noch ein "Gefühl von Heimatlosigkeit" verspürt, der steht auf der Seite der Vergangenheit, gegen eine Zukunft, die mitzugestalten alle eingeladen sind.