Mittwoch, 6. Juli 2022

Kompetenzzentrum Wärmewende: Heißer Sommer

Noch wird am neuen Glaspalast des KWW eine zusätzliche Außendämmung aufgezogen.

Es war eines der größten, aber auch eines der wichtigsten Projekte zur Vollendung der deutschen Einheit, das die große Koalition im letzten Vor-Pandemiewinter 2019 anschob. Die gezielte Großansiedlung von eigens geschaffenen neuen Verwaltungsbehörden im Osten sollte nicht nur gut bezahlte Beamtenstellen, sondern auch mehr Ansehen für die schlecht beleumdeten Gebiete in Mitteldeutschland bringen.  

 Brot und Arbeit für den Osten

Neue, prächtige Institutionen wie die Bundesdiskussionzentrale in Suhl, das Bundesblogampelamt (BBAA) im mecklenburgischen Warin oder die noch nicht vergebene Bundeserinnerungszentrale sollten als Gegenstück zu traditionsreiche Bundesunternehmen wie der Bundesmonopolverwaltung für Branntwein (BfB), der Amero Reisen GmbH oder der GMG Generalmietgesellschaft, die aus Offenbach am Main und Bonn nicht wegzudenken sind, Enttäuschte und Verbitterte versöhnen, Wutbürgern, Sachsen und Querdenkern Brot und Arbeit geben und den abgehängten Osten so geschickt in Deutschlands moderne Demokratie einzubinden. Eine Ansiedlungsinitiative, die auf blühende Landschaften dank überbordender Bürokratie zielte, angeheizt durch die Ideen aus dem neugegründeten Forschungsinstitut für künstliche Intelligenz (KI), Grubennachnutzungsräumen und Mobilitätsumstiegsmotivation.

Eines der ersten Babys, die die Bundesansiedlungsinitiative zur Welt brachte, war das Kompetenzzentrum Kommunale Wärmewende (KWW), das auf Beschluss der Bundesregierung bereits im Frühjahr ins "sächsische Halle" (Oswald Myconius) zog, um seine Arbeit im Schatten der aufdämmernden Energieversorgungskrise mit dem Hochlauf der bundesweiten kommunalen Wärmeplanung aufzunehmen. Europaweit gilt die sogenannte "Dekarbonisierung der Wärme" als Königsdisziplin beim Energieausstieg, Heizen, ohne das Klima aufzuheizen,  ist eine der größten Herausforderungen beim Gelingen des Energieverzichts. 

Zukunftssicher aufgestellt

Das KWW - nicht zu verwechseln mit den früheren KKW  oder KWV - bietet aber nun alle Chancen für Kommunen, ihre Wärmeversorgung nachhaltig und zukunftssicher aufzustellen. Große, helle Hallen entstehen im sonst eher grauen Halle an der Saale, seit der parlamentarische Staatssekretär beim Bundesminister für Wirtschaft und Klimaschutz, Michael Kellner, gemeinsam mit dem Magdeburger Staatssekretär Thomas Wünsch (Ministerium für Wissenschaft, Energie, Klimaschutz und Umwelt)  das Buffet zur Eröffnungsfeier feierlich freigab. Ein Dutzend Mitarbeitende stehen den knapp 11.000 deutschen Kommunen drei Monate später mit Rat und Tat zur Seite, wenn es um Unterstützung bei der sogenannten Kommunalen Wärmeplanung (KWP) geht. 

Die steht unumschränkt im Mittelpunkt der Arbeit des neuen, bundesweit agierenden Zentrums, das im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) von der Deutschen Energie-Agentur GmbH (dena) im Mitteldeutschen-Braunkohlerevier aufgebaut und aus Strukturwandel-Mitteln finanziert wird. In Halle, einer weitgehend entleerten Stadt inmitten einer weitgehend menschenleeren Region, wirkt das KWW wie ein regionaler Motor des Strukturwandels: Wärme bewahren ist wegen des physikalischen Wärmetransportverbotes - weniger noch als Elektroenergie lässt sich Wärme verlustfrei über weite Strecken transportieren - eine regionale, keine globale Erzählung. Im Zuge der Rückbesinnung auf das Nationale, den lokalen Raum um die zu transformierenden Kommunen, Städte und Haushalte vor Ort, kommt es auf eine detaillierte Wärmeplanung an. 

Erdwärme und Einsparungen

Wer braucht welche Temperatur, wo lässt sich sparen, wie kann den klammen Bürgermeisternden mit Knowhow geholfen werden, Erdwärme, erneuerbare Geothermie oder Dämmung gegen Kältebrücken einzusetzen. Mehr als 50 Prozent des Endenergieverbrauchs werden derzeit in Deutschland für die Wärme- und Kälteversorgung benötigt, nahezu 100 Prozent davon im Bereich der Kommunen, dort also, wo Menschen arbeiten, leben, wohnen und schlafen. Gelänge es, dem KWW als bundesweite Anlaufstelle für Kommunen zur Umsetzung der Wärmewende, durch gute Beratung und hilfreiche Tipps auch nur die Hälfte dieser unvorstellbaren Energiemenge einzusparen, würde das die deutsche Abhängigkeit von fossilen Energieträgern schnell reduzieren. 

Das fördert die Dekarbonisierung der Wärmenetze, das stärkt die Wertschöpfung in den Regionen und trocknet Despotien wie die russische aus, die mit dem Geld für fossile Rohstoffe ihre Kriege planen und durchführen. Das Kompetenzzentrum setzt dem das scharfe Schwert der kommunalen Wärmeplanung entgegen, einen Lottogewinn zur Gestaltung einer nachhaltigen und zukunftsorientierten Wärmeversorgung aus eigener Kraft. 

Gelingen der Wärmewende

Frühzeitig beteiligte Akteurinnen und Akteure aus der Fläche profitieren von den spezifische, jeweils an die regionalen Gegebenheiten angepassten Energieversorgungskonzepten, die einen wichtigen Beitrag für das Gelingen der Wärmewende in Deutschland leisten. Noch im Sommer soll der Beirat der KWW zu seiner ersten konstituierenden Sitzung zusammenkommen, schnell wird dann ein erstes Netzwerktreffen für den Herbst geplant werden. Bereits im kommenden Winter könnten Beratungsbedarfsanalysen und modulare Planungsbausteine für den weiteren Stellenaufwuchs bereitstehen.

Die Anhörung: Der Idealzustand des Regiertwerdens

Immer wieder wegweisend: Sitzungen der Kommission.

Die Sitzungen der Kommission sind immer wegweisend. Hier wurden seit Jahrzehnten die langen Linien gelegt, die Gleise, auf denen das Land in eine lichte Zukunft fährt, ohne dass das Geräusch der ratternden Schwellen für die Passagiere überhaupt noch zu hören war. So war es noch einschläfernder, ein Rhythmus, bei dem jeder mit muss. Der Idealzustand des Regiertwerdens. Jedenfalls bis zu jener Zeitenwende, die wie alle plötzlich und unerwartet kam, ein Blitzen aus heiterem Himmel. Eben noch Glück, und nun schon Glas, wie leicht bricht das.

Am Abend vor der entscheidenden Sitzung hatten sie ihn noch einmal gebrieft. "Verhalte dich, wie du es für richtig hältst, solange du nicht von unserer Linie abweichst", war ihm gesagt worden. Bestimmte Vorstellungen habe man höheren Ortes nicht, von denen aber dürfe er keinen Schritt abweichen. "Ergreif' die Zügel", hatte sein Chef ihm zum Abschied zugerufen. Und: "Die Regierung steht vorbehaltlos hinter dir, so lange das nicht notwendig ist!"

Steigendes Sinken

Nun trug er hier vor, was angedacht worden war. Die Regierung habe beschlossen, die Inflation durch Preiserhöhungen zu bekämpfen, damit die Nachfrage sinkt, aber auch, die Preise durch Rabattmarken zu senken, um die Nachfrage zu steigern und die inflationäre Preisentwicklung zu fördern, die sie unbedingt bekämpfen wolle, indem sie die Nachfrage dämpfe, um die Nachfrage zu erhöhen, wodurch die Preise wieder steigen. Das sei nicht nur ein Wort, zu dem man stehe, sondern ein Konzept, das auch auf lange Sicht tragen werde, sollte es nötig sein, was keiner hoffe, weil niemand wisse, was dann geschehen könne.

Bei Licht besehen bestehe daraus nun wohl die derzeitige Wirtschaftspolitik, fragte dann einer. Sicherheitshalber ging er nicht darauf ein, sondern nahm zu einem festen "Ich weiß nicht" Zuflucht. "Wissen Sie es wirklich nicht, oder vermuten Sie nur etwas?", hakte der ältere Mann nach, der ihm aus dem Fernsehen bekannt war, wo er häufig in Talkshows saß. 

Auf allen Ebenen

Die Antwort war einfach. "Ich weiß ganz genau, dass ich es nicht weiß", sagte er, ohne noch mehr Worte zu machen. Dann wurde es konkreter. "Wie werden sich Ihrer Ansicht nach die Arbeitslosigkeit und der Markt in nächster Zeit entwickeln?" Wer aber kann das schon wissen? Er nahm eine weiteres "Ich weiß nicht" in den Mund und fühlte sich schon viel sicherer. Der Ältere aber gab keine Ruhe. "Sie haben da keine Ansicht?" Er nicht. "Das stimmt." Nun wechselte der Frager die Ebene. "Gibt es jemanden in der Regierung, der darüber was weiß?"

Dumm kann ich auch, dachte er. "Über meine Ansicht?" fragte er zurück. Der Nachhaker kartete nun scharf nach. "Dann ziehe ich die Frage zurück", sagte er und wollte nun stattdessen wissen, wie es um unsere Bündnisse stehe. Sind die sicher? Halten alle zusammen? Und falls sie wirklich alle durch Bestechung, Zwang, Aufwiegelung und Korruption jeder Art zustande gebracht worden seien, "werden sie dann in dieser Krise oder noch schlimmer bei einem Wechsel der beteiligten Regierungen halten?"

Ein bisschen verließ ihn die Langmut. "Lieber Himmel, das weiß ich doch nicht", sagte er viel zu schnell. Viel zu schnell. Ob es denn vielleicht sonst jemand in der Regierung wisse? Er konterte mit einem "Was?" Das Gegenüber schlug geistesgegenwärtig sofort zurück: "Irgendwas!"

Einatmen, ausatmen

Er atmete tief ein, einmal, zweimal. Und bat dann, die Frage zu wiederholen. "Irgendwas?", sagte der Ältere, nun auftrumpfend. "Soll das die Frage sein?", fragte er zurück, doch das konnte der andere auch: "Ist das Ihre Antwort?"

Doch besser wieder ein "Ich weiß nicht". Treffer. Jetzt habe er seine Frage vergessen, sprach der Mann. Er beschloss, auf deren Grab herumzutrampeln, nur so, weil er wusste, dass er es können würde. "Dann ziehe ich meine Antwort zurück", schmunzelte er, doch der schmalen Streifen Lächeln verging im Nu. Ob denn vielleicht der Kanzler begründete Ansichten über das habe, was hierzulande und in der übrigen Welt vorgehe? Was anderes sollte er darauf als "Ich weiß nicht"?

Und wie sollte ein Mensch in seiner Situation, angerückt, das Beste zu wollen, nicht langsam den Geschmack an der Menschheit verlieren. Es war still geworden im Saal und er schaute in leere Gesichter. Es ging um alles und um nichts und alle belauerten sich, als sei das eine gute Gelegenheit, zu erreichen, was sie an kleinen Siegen schon immer hatten feiern wollen. Was solle liebenswert diesen Menschen sein? Ihm fiel nichts ein. Gut, Geld und Ruhm, nun ja, das Streben nach Glück genannt. Kein Tier kann das. Hätten sie ihn danach gefragt, er hätte sagen müssen, ja, die Todesstrafe vermisse ich manchmal, doch das darf ich nicht zugeben. 

Der verlorene Glaube

Es gab überhaupt eine ganze Liste von Grundsätzen, Anliegen, Methoden und Idealen, an die er nicht mehr glaubte; weil die Nachfrage ins Zwielicht geraten war und der Sitzungsalltag in den Kommissionen dafür sprach, dass Rettung planbar, aber unerreichbar war. Obenan rangierte eine ständig wachsende Rubrik von Freiheiten, darunter so unantastbare wie die Freiheit von Lehre und Forschung, von sexueller und politischer Betätigung, von Meinung und Ansicht und Unversehrtheit. Er war sich nicht sicher, spürte aber, dass er das Zutrauen zum Glauben verloren hatte, dass die Väter und Mütter der Verfassung das alles genau so gewollt hatten. 

Nichts jedenfalls ging jemals voran wie gewünscht, alles scheiterte früher oder später und musste dann aufwendig umgedeutet werden. Auf Dauer gesehen war einzig der Misserfolg mit Gewissheit vorherzusagen. Gute Absichten wurden zuschanden, böse Absichten wurden nicht besser. Das  Wirtschaftssystem war barbarisch und würde es bleiben, bis jemand ein besseres erfand, das nicht schlechter war wie es alle bisherigen Neuerfindungen gewesen waren. Folgerichtig konnte man zusehen, wie überall eine die Zementierung des Schwachsinns auf die Verbreitung neuer Technologien folgte. Mehr und schneller, aber immer dümmer. Wo soll das hinführen. Ich weiß es nicht, hätte er sich beinahe selbst gesagt. 

 

`* Nach Motiven von Joseph Roth, Gut wie Gold, 1976

Dienstag, 5. Juli 2022

Überleben ohne Strom: Bequem durch den Blackout

Der Blackout kann auch Spaß machen, vor allem aber, wenn man sehr gut vorbereitet ist.

Jahrzehntelang war es ein Schreckgespenst für Buchautoren und Filmemacher, die einen längeren Stromausfall als eine der ausgedachten Standardkatastrophen häufig nutzten, um dystopische Zukunftsbilder zu entwerfen. 24 Stunden ohne Strom, und die ersten Nachbarn gehen aufeinander los. 48 Stunden, und die ersten Leichen liegen auf den Straßen. Nach 72 Stunden besetzen gewalttätige Gruppen von Egoisten Supermärkte, nach einer Woche sind die Nahrungsvorräte durchweg in der Hand paramilitärischer Banden und die selbst die Bundeswehr wagt sich nicht  mehr in die betroffenen Stadtteile.

Die Vorstellung eines langandauernden Stromausfalls wirkt bedrohlich, es gibt aber Möglichkeiten, ganz bequem durch den Blackout zu kommen. Voraussetzung Vorsorge - und der Sommer ist die beste Zeit, um sich auf den Zusammenbruch im Winter vorzubereiten.

Pfiffige Vorsorge

In der Wirklichkeit aber, die nach übereinstimmenden Medienberichten immer näher rückt, wird alles ganz anders. Mit pfiffiger Vorsorge lassen sich die Folgen eines vorübergehenden Mangels an Elektroenergie abfedern, bis zum Hochfahren der Reste des Stromnetzes kann es sogar recht gemütlich werden, wenn ausreichend Hilfsmittel für den Fall der Fälle im Notfallpaket stecken. Wasser, warme Decken, externer Handy-Akku, eine Taschenlampe und einige heruntergeladene Netflix-Filme gehören zur Grundausstattung, für die zweite Phase dann Streichhölzer, Kerzen und ein gutes Buch, das hilft, sich in Geduld zu wappnen, bis die Zentralregierung die Lage wiederhergestellt hat.

Das Wichtigste in den ersten Minuten der Katastrophe ist zweifellos Licht. Ohne Lampe ist jeder Mensch ein wehrloses Blackout-Opfer, vor allem nachts. Da der Blackout inzwischen jederzeit erfolgen kann, heißt es immer orientiert sein, wo sich die nächste Notlichtquelle befindet. Merken Sie sich, wo sich ihre Taschenlampe befinden, nutzen Sie zur Not die Taschenlampe-Funktion in Ihrem Smartphone. Licht ist Leben und nur mit Licht können Sie sich orientieren und nach Hilfe suchen.

Licht ist Leben

Wichtig vor dem ersten Hilferuf: Ist nur Ihre Wohnung dunkel oder sind es auch die der Nachbarn? Das ganze Viertel, die Stadt? Gibt es ein Handysignal? Oder einen flächendeckenden Stromausfall? Im letzteren Fall lohnt es kaum, den eigenen Sicherungskasten zu kontrollieren und die Sicherungen zu wechseln. Der Fehler liegt dann in einer Krise, einem Krieg oder einer klimabedingten Naturkatastrophe und es handelt sich um einen Blackout. In diesem Ernstfall greifen Sie am besten auf ihre Notvorräte zurück: Profis haben einen Dieselgenerator daheim und dazu russischen Diesel als Reserve im Keller. Bescheidenere Vorsorger besitzen einen Campingkocher mit passendem Betriebsstoff, für den Fall des Ausfalls der Wasserversorgung, die in der Regel ebenfalls mit elektrischen Pumpen betrieben wird, greift man günstigstenfalls auf die vorsorgliche gefüllte Badewanne zurück.

Achtung! Ist der Blackout erst eingetreten, wird es kaum noch möglich sein, sich einige notwendige Produkte zuzulegen, die bei einem Stromausfall nützlich sein können. Jetzt zählt nur noch, was Sie weitsichtig bevorratet habe: Mit Energie und Licht versorgt, später dann mit Streichhölzern, Feuerzeug, Kerze und Spiritus, Prima-Sprit und Butangas sind Sie für die erste Phase des Zusammenbruchs der gewohnten Ordnung bestens gerüstet. 

Schon jetzt aber gilt die Devise Vorsicht: Besser ist es, die Fenster gründlich zu verdunkeln, um nach außen keine Hinweise auf Ihre gut ausgerüstete Notunterkunft zu geben. Bedenken Sie stets: Andere haben nicht vorgesorgt und große Not wie etwa Hunger und Durst treiben Menschen schnell über die Grenzen des bürgerlichen Anstandes.

Geheimtipp Kurbelladung

Über ihr batteriebetriebenes Notfallradio - gern auch mit Kurbelladung - wissen Sie schnell Bescheid über die prekäre Gesamtlage. Welche Regionen sind noch sicher? Wo marodieren schon Banden? Behauptet sich die Polizei wenigstens in ihren Revieren? Auch Solarmodule können beim Aufladen helfen, allerdings nur tagsüber. Denken Sie also an eine Powerbank für die Nacht!

Bei der Verproviantierung sollten Sie den längerfristigen Stromausfall von Anbeginn an mitdenken. Tiefkühlkost, leicht verderbliche Ware, aber auch frisches Obst und Kuchen eignen sich nur kurzfristig für den Notfallvorrat. Wichtiger für das Thema Essen sind Dauerwurst, vielleicht ein oder zwei Räder Käse, Nudeln, Zwieback, Konservenbrot und Büchsennahrung. Vieles kann mit Hilfe Ihres mit fossiler Energie betriebenen Kochers im Handumdrehen erwärmt und in lebensrettende Mahlzeiten verwandelt werden.

Bedrohliche Düfte

Vorsicht ist beim Kochen jedoch geboten. Düfte aus Ihrer Notküche können ungewollt nach draußen ziehen und ungebetene Gästinnen und Gäste anziehen. Bedenken Sie dabei ein Paradoxon, das die Endzeitforschung bis heute nicht wissenschaftlich schlüssig erklären konnte: Je länger der Blackout andauert, desto weiter ziehen Kochgerüchte in den Umkreis, wo sie Hungernde auf Sie aufmerksam machen können, die je nach Allgemeinzustand womöglich keine Rücksichten mehr auf Ihre Absicht nehmen, nur ihre eigene Familie durch die schreckliche Zeit bringen zu wollen.

Aber verzagen Sie nicht. Mit ausreichendem Weitblick entgehen sie hungernden Banden und rücksichtslosen Marodeuren auch ohne sich selbst umfassend zu bewaffnen. Ein einfacher Trick hilft: Nudeln etwa lassen sich vollkommen geruchlos erwärmen. Verzichten Sie auf Soße, bleiben Sie mir hoher Wahrscheinlichkeit odorisch unentdeckt und vor Nachstellungen von eigensüchtigen Neidern sicher.

Die allerletzten Deutschen: Klimaangst im Endstadium

Würden alle Menschen mitmachen, wäre das Klima in nicht einmal hundert Jahren gerettet.

Das Ozonloch hat es nicht geschafft, all die Kriege nicht, der Hitler, Stalin, Mao und der Kapitalismus mit seiner Ausbeutung von Mensch, Tier und Natur. Was auch immer geschah und wie hart es auch immer kam, am Ende stand dasselbe Ergebnis: Die Wirtschaft wuchs, die Börsen steigen und der Mensch vermehrte sich. Am Ende jedes Zeitalters, in dem die gesamte Menschheit vor dem Aussterben stand, gab es mehr von ihr, sie hatte neue Regionen besiedelt, neue Kontinente, sie hatte neue Möglichkeiten erdacht, sich die Natur untertan zu machen, und sie lebte besser, bequemer und länger als Oma und Opa, die auch schon besser gelebt hatten  als Ururoma und Ururopa.

Angst vor dem ausbleibenden Untergang

Gerade für junge Menschen, die nach 14- bis 20-jähriger Grundausbildung in deutschen Kindergärten, Schulen und Universitäten im festen Glauben zahlloser mittelalterlicher Sekten aufwachsen, dass die Erde unmittelbar vor dem Untergang steht, ist der Gedanke beängstigend, dass auch das wieder nur gelogen und gefakt  im Sinne der aktuellen EU-Verordnung 23/2022/11 sein könnte. Erst eine Erde ohne Menschen, die durch die Natur wuchern und dem Tier den Platz streitig machen, gilt in diesen postmordenden Kreisen als erstrebenswerter Ort für ein Wochenendhaus oder einen längeren Ferienaufenthalt. Wie aber dort hingelangen, wenn alle schon dort sind? Wie den Platz teilen, der immer knapper wird durch Besiedelung all der wertvollen Blühwiesen und Bienenweiden?

Der Mensch muss weg, er ist die Krankheit des Planeten, das predigt Chris Korda in seiner Church of Euthanasia seit Jahren, ohne außerhalb eines ganz kleinen Kreises temperaturfühliger Menschen auf offene Ohren zu treffen. Im Kampf zwischen Mensch oder Natur könne nur einer gewinnen, und weil das immer der Mensch sein werde, sei der verpflichtet, sich selbst den Garaus zu machen, damit die Erde überleben könne. Überzeugend als Argument in einer theoretischen Diskussion. Im argumentativen Alltag aber versagt dieses schärfste Schwert von Klima- und Naturschutz zuverlässig wie eine Flinte von H&K bei einem Gefecht in der Sauna.

Vasektomie für die Menschheit

Es muss einen anderen Weg geben - und Marc Fehr, ein Mittdreißiger aus Überzeugung, hat ihn gefunden: Fehr, der den langsamen Untergang der Welt für große Zeitungen aus nächster Nähe beobachtet, hat sich die Samenleiter durchtrennen lassen, um nicht ungewollt Kinder in eine Welt zu setzen, die durch den Klimawandel ohnehin bereits schwer gebeutelt ist. Der Aktivist flog eigens für den Eingriff, medizinisch eine recht simple klimatologische Vasektomie, nach Südafrika, wo er sich die störenden Samenleiter durchknipsen ließ. Eine OP ohne Wiederkehr, die trennenden Schnitte gelten als endgültig, auch wenn einige Krankenkasse den Versuch der Rekonstruktion bezahlen.

Marc Fehr aber ist sich als leidenschaftlicher Busreisender und er hat sich gemeinsam mit Partnerin Zoe Duby für den Schritt entschieden, der ein großer ist nicht nur für ihn, sondern auch für den Klimawandel. "Keine Kinder, kein CO₂", überschrieb die Wochenschrift "Die Zeit" einen Ratgeberbeitrag zum südafrikanischen Samenleiterschnitt, der verdeutlichte, wie weitreichend die Konsequenzen der kleinen Operation sind. Mit jedem Mann, der auf Fortpflanzung verzichtet, fallen bereits über einen Zeitraum von 100 Jahren im Durchschnitt sieben Nachkommen ersatzlos weg, deren CO₂-Verbrauch so gar nicht erst entsteht. Eine überaus wirkungsvolle Maßnahme gegen die Klimakatastrophe, denn im Leben stößt jeder Mensch unwillkürlich etwa 150.000 Kilogramm Kohlendioxid aus. Sieben nie geborene Menschen sparen also allein schon eine Million Kilogramm unwillentlich körperchemikalisch erzeugtes Klimagift.

Egoisten beim Opfergang

Für Fehr ist es nicht einmal ein Opfergang, den er antrat, als er sich unters Messer legte, um seine Gene aus dem Fortpflanzungspool der Menschheit entfernen zu lassen. Er habe ohnehin nie Lust gehabt, auf Kindergeburtstagen herumzusitzen, hat der Klimaaktivist der "Zeit" verraten. Lieber gehe er Bouldern oder kümmere sich um die beiden Klimakatzen und die zwei Klimahunde, die er mit Partnerin Zoe hält. Ohne Kinder bleibt mehr Einkommen für das Paar selbst, sie als die beinahe schon allerletzten Deutschen müssen sich keine Gedanken mehr über Zukunftsvorsorge machen, über Brückensanierung, IT-Technik, neue Erfindungen, Marslandungen oder Rentenpunkte etwaigen Nachkommen. 

Dass der Samenleiterschnitt die Menschheit vor dem Aussterben bewahrt, veredelt den Egoismus einer menschheitsfeindlichen Haltung zu einer solidarischen Verzichtshandlung, über die leitmedial mit höchstem Respekt berichtet wird. Klimaangst im Endstadium

Montag, 4. Juli 2022

Zitate zur Zeit: Standhaft bleiben, wenn es kostet

Deutschland bleibt sogar noch standhafter. 

CNN-Moderator: „Was sagen Sie den Familien, die sagen: ‚Hören Sie, wir können es uns nicht leisten, über Monate, wenn nicht sogar Jahre, 4,85 Dollar pro Gallone zu zahlen?'“ 

Brian Deese, Berater von US-Präsident Joe Biden: „Hier geht es um die Zukunft der liberalen Weltordnung. Wir müssen standhaft bleiben.“ 

*1,10 Euro/l

Spielen mit Sprache: Bauarbeitende und Schlafwagenschaffnernde

Bauarbeitende auf einer Straßenbrücke: Wie weit darf Gerechtigkeit gehen?

Freiburg ist, wie der Name schon sagt, eine freie Stadt in einem freien Land. Tief im Süden, fast schon bei Monaco, ist auch die Sprache frei von Stereotypen, wie sie das Deutsche über Jahrhunderte in ein Korsett aus Regeln zwängten. Im Kampf um eine gerechte Sprache geht die Stadt im Breigau, einer der letzten Gaue, die das Ende des Dritten Reiches sprachlich überlebt haben, einen weiteren Schritt in Richtung Endziel: Bei Stellenangeboten wird die Kommune künftig auf den von der EU vorgeschriebenen nicht-diskriminierenden den Zusatz m/w/d verzichten. Und - der eine Buchstabe mehr ist allemal noch da - stattdessen „alle“ verwenden. Aus Gründen der Datensparsamkeit in "Zeiten leerer Kassen" (DPA) abgekürzt mit einem knappen (a). 

Alle diese Unterschiede

Für die kleine Universitätsstadt ein großer Schritt in die richtige Richtung, für ganz Deutschland und Europa aber ein Beispiel, wie sich die unzählbaren individuellen Unterschiede einer immer vielfältigeren Gesellschaftsordnung sprachlich ungezwungen abbilden lassen. Bereicherung, die womöglich auch stillschweigend hätte von jedem Lesenden mitgedacht werden können, wenn er wüsste, dass die Suche nach einem Vermessungsingenieur, einem Bauarbeiter oder einer Kneipenaushilfe immer Bewerbern aus allen und sogar aus gefühlten Geschlechtern offensteht, tritt künftig offensiv in einer Nebenform des Pronomens "all" auf. 

Flankiert wird das (a) zudem von der Entscheidung, die ausgeschriebenen Stellen ausschließlich in der weiblichen Form zu nennen: Gesucht werden in Freiburg nun nur noch Vermessungsingenieurinnen, Bauarbeiterinnen und Kneipenaushilfinnen, so dass sich nach einer entsprechenden Grundausbildung "Lesen und Verstehen Freiburger Stellenausschreibungen" alle Menschen unabhängig von Geschlecht, sexueller Orientierung, Behinderung, Alter, Herkunft oder Religion direkt angesprochen fühlen können. Der entsprechende Kurs findet ab März an der Freiburger Volkshochschule statt, jeweils mittwochs 18.30 bis 20 Uhr, Raum 215, Schreibzeug und negativer G2-test sind mitzubringen.

Altbackene Höflichkeitsformen

Es geht allein um Talent, Können und Einsatz, um eine bunte Stadtverwaltung, die sichtbare Zeichen für die Selbstverständlichkeit aller setzt, ohne sich um altbackene Höflichkeitsformen zu kümmern. Dafür werden die Rechtschreibregeln wieder in Kraft gesetzt, die zwischenzeitlich Unterstrichworten wie  "Lehrer_in" und "Zuhörer*innen" hatten weichen müssen. 

Ein Spiel mit der Sprache, in dem das, was für Jahrhunderte Verständigungsgrundlage der Gesellschaft war, sich in Dialekte auflöst, deren Sprechende* sich selbst durch ihr Idiom als Teile bestimmter Milieus zu erkennen geben. Wie das Französische, das einst auch der deutsche Adel pflegte, oder das Arabische, das geschrieben eine andere Sprache ist als gesprochen, funktioniert diese Diglossie als Marker für die klare Differenzierung zwischen zwei Sprachvarietäten,  die Auskunft über sozialen Status des Sprechenden geben. In Medien, zumal in öffentlich-rechtlichen mit Gemeinsinn-Charakter, gehört das die gegenderte Hochsprache mit ihren gerechten Pausen und betonten Sternchen zum Standard. Auf Baustellen, in Werkstätten und in Supermärkten hingegen wird eher uninteressiert als trotzig an der überkommenen Volkssprache festgehalten.

Diglossie als Gesellschaftsspalt

Wie sehr der obere Teil der Diglossie ausschließend wirkt, zeigen statistische Erhebungen, die PPQ.li gemeinsam mit dem Suchmaschinenriesen Google ermittelt hat. danach sind "Studierende" auf dem besten Wege, die früher üblichen "Studenten" abzulösen. Auch sogenannte "Lehrende" schicken sich an, den Lehrer und die Lehrerin aus alten, ungerechten Zeiten aufs Altenteil zu schicken. Von "Bauarbeitenden", "Polizistenden", "Verkaufenden" oder gar "Schlafwagenschaffnernden", dem sprachlichen Gegenstück zu Neubildung gerechter Begriffe mit Hilfe des sexusneutralen Partizip Präsens, fehlt es hingegen bislang noch völlig.

Ein klaffendes Bedeutungsloch, das für eine gesellschaftliche Spaltung steht, die klar signalisiert, wie weit der Weg noch sein wird, bis nicht nur der Studierende auch im Nebenjob als Verkaufender an der Supermarktkasse ein Studierender bleibt wie nach den neuen Regeln auch ein Lehrender Lehrender bleibt, wenn er gerade schwimmt, tanzt oder gar Drogen konsumiert. Sondern auch ein Bauarbeitender weiter bauarbeitet, wenn keine Brücke asphaltiert, sondern mit Drogerieverkaufenden grillt oder mit Vermessungsingenieurinnen (a) ins Bett geht.

Sonntag, 3. Juli 2022

Zeichen setzen: So funktioniert die Signalproduktion

Ackern gegen Putin Zeichen setzen
Zeichen zu setzen gilt als höchste Regierungskunst. Alles kann dabei gegen alles helfen, aber nur semiotisch, wie Symboltrainerin Frauke Hahnwech erklärt.

Unter Eingeweihten gilt Deutschland schon lange nicht nur eine der führendsten Exportnationen, Ex-Serienweltmeister in der Warenausfuhr und aktueller Stromweltrekordler, sondern auch die Signalfabrik der Welt. Von hier kommen die meisten Zeichen, die gesetzt und Signale, die ausgesandt werden und auch symbolische Gesten werden in der EU-Führungsnation ganz anders betrachtet, seit Angela Merkel mit der sogenannten "Kanzlerinnenraute" eine Tür öffnete zu Bereichen der politischen Kommunikation, in der der Schein das Bewusstsein bestimmt.

Die Gebärdendolmetscherin und Gestentrainerin Frauke Hahnwech ist ausgewiesene Expertin für Körpersprache und Körpersprachfehler, sie gilt als eine der führenden Koryphäen ihres Faches, hat bereits für die Uno, die WHO, das IPPC und Martin Schulz gearbeitet und ihre Expertise vor allem zu unterhaltenden politischen Botschaften eingebracht, die sich im gedruckten Wort häufig unter Adjektivattacken und hinter zusammengesetzten Subversiven versteckt. PPQ hat mit Hahnwech über das Zeichensetzen als neue deutsche Tugend gesprochen.

PPQ: Frau Hahnwech, Sie forschen und beraten ja unter anderem zu Körpersprache, moralischer Zeichensetzung und den kulturellen Unterschieden der Kulturen bei der visuellen Kommunikation über sogenannte Signale. Was haben wir darunter zu verstehen?

Hahnwech: Zeichen setzen heißt zunächst einmal, etwas Bedeutsames wollen, ohne etwas zu tun. Dabei versucht der Zeichensetzer aber in der Regel, in einer so ungewöhnlichen Weise zu kommunizieren, dass sein Zeichen von möglichst vielen Menschen so wahrgenommen wird als sei es eine Tat. Das ist nicht so einfach, aber unsere zeichenimprägnierte Zeit erlaubt es, aus einer Vielzahl an Sinn- und Zeichensystemen auszusuchen, wie ich welche gesellschaftliche Ordnung, welche Regeln und Werte und Macht ich wie rüberbringe möchte. Ich habe dafür einmal den Begriff der Signalosphäre geprägt.  Darunter verstehen wir Körpersprachler einen signalgesättigten Raum, in dem sämtliche Zeichensysteme, die eine Gesellschaft nutzt oder hervorbringt, zusammen­wirken. Es gibt darunter zentrale hegemoniale, aber auch periphere Zeichensysteme: Farben, einzelne Buchstaben, Symbole wie der durchgestrichene Kreis, das Stoppschild. Zwischen all diesen verschiedenen Symbol- und Zeichensystemen besteht ein ständiger Transfer, so dass die verschiedenen Zeichen und Codes vermehrt miteinander kombiniert und in der politischen Zeichensprache ineinander übersetzt werden können. 

PPQ: Was heißt das dann aber genau, ein Zeichen setzen? Welche Zeichen sind hier gemeint? 

Hahnwech: Zeichen setzen heißt, in der Semiosphäre operieren, geltende Zeichensysteme zu verändern, miteinander zu kombinieren und neue Zeichen und Sinnsysteme daraus zu kreieren, um die eigenen Ansichten, Absichten und Einsichten aufmerksamkeitsgewinnbringend an die Frau und den Mann da draußen im Lande zu bringen. Denken Sie nur an den symbolhaft inszenierten Protestmarsch der Staatsführer gegen den Terror in Paris. Das war virtuos, wie das gebrauchte Symbole wie der Eifelturm, das Unterhaken, das Friedenszeichen gegen den Vietnamkrieg und der sinnleere Slogan "Je suis Charlie" miteinander verklebt wurden, um Tatkraft und Geschlossenheit zu simulieren.

PPQ:  All diese Zeichen haben ja eine Bedeutung, sie sind aber auch mit viel Symbolik aufgeladen, so dass der Empfänger oft kaum weiß, was ihm die visuelle Kommunikation mitteilen will. "Je suis Charly", wer spricht schon so gut Französisch?

Hahnwech: Verstehen ist nicht das Ziel, ganz im Gegenteil. Würde man das wollen, spräche man Klartext. Dann  müssten die Rezipienten die Codes nicht mühsam identifizieren und interpretieren. Aber in der Zeichensetzung und der Signalproduktion geht es nicht um die Rolle der Bedeutung, wenn wir zur Semiose kommen, wie wir in der Fachwelt den jeweiligen Übersetzungsprozess nennen. Im Deutungshorizont einer Zeichensetzung sollen Emotionen ausgelöst werden. Der Empfänger soll sich bestenfalls mit dem Sender verbunden fühlen, ohne selbst zu wissen, weshalb. Denken Sie an den Slogan "Je suis Paris", der ist nicht nur unsinnig, sondern geradezu absurd, weil natürlich niemand von uns Paris ist, haha, selbst die Pariser sind es nicht, selbst nicht die Pariser Einwohner*innen. Aber wenn wir entsprechend hartnäckig behaupten, das sei der moralische passende Satz zur Reaktion auf ein ungeheuerliches Ereignis, dann schaffen wir ein Vorwissen, das den Bürgernden sachlich wie emotional in den Kontext unserer geplanten semiosischen Absicht einbezieht.

PPQ: Wenn wir uns die Methoden der politischen Zeichensetzung genauer anschauen, sehen wir, dass außer einem Signal, das von Gipfeln und Konferenzen ausgeht, meist nicht viel passiert. Ersetzen Signale denn Handlungen vollständig?

Hahnwech: In der Kommunikation von Spitzenpolitikern sicherlich. Dort ist jede kommunikative  Handlung nach innen gerichtet, im Sinne einer Selbstvergewisserung der eigene Identität, der eigenen Handlungsfähigkeit. Ich setze Zeichen, also bin ich. Wie aussagekräftig und gehaltvoll diese Zeichen sind, ist nebensächlich, da ja ohnehin am nächsten der nächste Zeichensatz fällig wird. Mal geht es dann darum, Solidarisierungszeichen mit der Ukraine zu setzen, mal wird Abscheu über dieses oder jenes und dann wieder Empörung über etwas anderes ausgesendet, weil man es nicht ändern kann. Das Zeichensetzen übernimmt dann die Funktion eines Ablassventils. Die massenhafte Verbreitung von Zeichen ist dann ja die einzige Möglichkeit, anderen zu signalisieren, dass Empörung und Mitgefühl, Zorn, Trauer und Entschlossenheit jetzt zum Ausdruck gebracht werden müssen, wenn man sie schon nicht in Handlungen umsetzen kann. Das verbindet und stabilisiert in Zeiten der Angst und Bedrohung. Denn die Zeichen sind da, sie sind ihr eigener Deutungshorizont, sie verdichten unsere gemeinsamen Ansichten, legen die Hauptmeinung fest und drängen zur Bereitschaft, sich dort anzuschließen und das auch so zu empfinden.

PPQ: Welche Handlungen werden dadurch möglicherweise ersetzt? Oder können sie auch Ausdruck politischen Handelns sein?

Hahnwech: Solche Zeichen ersetzen durchweg alles und nichts, weil sie ja nicht anstelle politischen Handelns stehen, sondern selbst das politische Handeln sind. Sie bilden in Momenten der Handlungsunföähigkeit eine Art kollektives Sicherheitsnetz, das den Menschen das Gefühl gibt, ijn einem Boot zu sitzen, dessen Kapitän genau weiß, wohin er steuern muss. Verschiedenste Menschengruppen werden durch gesetzte Zeichen miteinander verbunden, sie erhalten dadurch eine neue Bedeutung, weil jeder sie anders missverstehen kann. Das kann man als politisches Handeln betrachten, wenn man Politik im Sinne der antiken Polis versteht, das heißt als ein vorausberechnendes, innerhalb einer Gesellschaft auf ein bestimmtes Ziel gerichtetes Verhalten. Wenn das sich aller paar Monate abrupt ändert, kann das setzen von Zeichen schon Haltungen sichtbar, die man gerade richtig finden muss. Zeichen geben Orientierung, aber man muss auch sagen, je wirksamer sie werden, desto schwieriger wird es, zwischen Wirklichkeit und Darstellung von Wirklichkeit zu unterscheiden.

PPQ: Das bedeutet, dass wir heute vor allem in unserer alltäglichen aber auch in der politischen Kommunikation so sehr an Zeichen glauben, dass Realität dahinter verschwinden kann?

Hahnwech: Nein, nicht kann. Sie soll! Seit der von den Bildwissenschaften geprägte Begriff der ikonischen Wende uns eine Beschreibung der Wirklichkeit in Zeichen erlaubt, ist es das Ziel jeder Zeichensetzung, das Potential, die Macht, die Funktion und Wirkungsweise eines Signals, eines Symbols, eines Zeichens bis zum Wirkverlust auszureizen. Dass gesetzte Zeichen Macht über  Menschen gewinnen, obwohl sie nur eine reine Vorstellung sind, ist eine Erkenntnis, die sich politische Kommunikation zu eigen gemacht hat. Medien etwa springen heute auf jede Ankündigung, ein Zeichen setzen zu wollen, begeistert an, so dass das Setzen von Zeichen sehr viel effektiver wirkt als lange Erklärungen oder gar notwendige Handlungen. beim Empfänger verdichten sich die gesetzten Zeichen letztlich zu einem Gesamteindruck, dass er von Kompetenz und Fachverstand regiert wird, der immer  das richtige Zeichen zur rechten setzt. Und darum geht ja dabei.

Kapitulismus: Spare in der Not

Naturnahe Hoffnungsträger, nur nicht an trüben Tagen: Solarfelder ernten kostenlose Sonnenenergie, in der Theorie.

Es dauerte nicht einmal ganz ein Jahrzehnt, da meldete das stets hellwache Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" erste ernste Bedenken an. Die "Energiewende", jenes Großvorhaben des magischen Kapitulismus, das darauf zielte, den Betrieb eines ganzen Land samt seiner Industrie und Gesellschaft mit Hilfe gelegentlich lieferfähiger Energieträger aufrechtzuerhalten und das zum Gegenwert einer Kugel Eis, drohe zu Scheitern, warnte das Blatt aus Hamburg vor einer Bedrohung des "Vorzeigeprojektes" (Spiegel).

Das hatte Deutschland immerhin schnell zum Weltrekord beim Strompreis verholfen, es hatte CDU, CSU und SPD zu treuen Verbündeten von Kreml-Herrscher Wladimir Putin gemacht und selbst die Spitze der Grünen davon überzeugt, im Wahlprogramm der Partei den Bau von 30 bis 40 neuen Erdgas-Kraftwerken zu versprechen, um gewisse Versorgungslücken zu stopfen, die durch den gleichzeitigen Ausstieg Deutschlands aus Kernkraft und Kohle drohten.

Der Augenblick des Ausstiegs

Rechnerisch alles denkbar dünn, weil selbst zehn- oder hundertmal mehr Windräder bei Flaute nur so viel Strom liefern wie kein einziges und in langen Winternächten auch die Sonne nicht nur keine Rechnung schreibt, sondern auch keinen Strom liefert. Doch irgendwie würde das alles werden, daran hatte auch die "Spiegel"-Belegschaft fest geglaubt. Wie anders hätte es sein können, wo doch alle dasselbe sagten? Die Bundeskanzlerin und ihr Wirtschaftsminister, die Klimagipfel und die Klimakinder, die EU und die "Tagesschau", überall herrschte eine Meinung: Man wisse noch nicht wie, aber mit ausreichend vielen ausreichend rasch nachgeschärften Klima- und Ausbauzielen würden sich die Einzelheiten schon irgendwann finden.

Mut zum Murks: Der Spiegel 2019.
Dass der Sankt-Nimmerleins-Tag des Ausstieges dann so plötzlich kam, überraschte alle, die die Hand gehoben hatten für harte Sanktionen und einen schnellen und möglichst umfassenden Boykott aller Lebenssäfte, die das Land aufrecht halten. Es war Sommer, wie Peter Maffay singt, doch war für die meisten Menschen das erste Mal im Leben, dass ein Hauch von Holzvergaser zu riechen war. Pelletheizung! Kanonenofen! Kamin! Ein Dreiklang als Beleg der Richtigkeit kühner Thesen aus der Vergangenheit, in der Hetzer, Hasser und Zweifler sich angemaßt hatten, darauf hinzuweisen, dass Erneuerbare eine moderne Zivilisation vielleicht gar nicht mit Strom versorgen können, weil sie "nie dazu bestimmt waren", wie Michael Shellenberger vor Jahren bei "Forbes" schrieb.

Herzensprojekt der Journalisten

Ein Ketzer, der anzweifelte, was deutschen Journalisten so sehr Herzensprojekt geworden war, dass sie davon absahen, Fragen zu stellen, wenn die Antworten absehbar Teile der Bevölkerung hätten beunruhigen können. Die ganze Welt sollte es Deutschland nachtun: Sie sollte aussteigen, abschalten, herunterfahren und dämmen, inspiriert vom deutschen Weg ins Kohleaus und ein Leben führen ohne Atomstrom, mit Gasverzicht und ohne Wasserkraft, nur allein balancierend auf einem Netz aus teilzeitbeschäftigten Sonnenfarmen und launischen Windgeneratoren ohne Speichermöglichkeit. 

Milliarden und Abermilliarden flossen in den erneuerbaren Traum. Doch je mehr es wurden, desto ferner rückten die Klima- und Emissionsziele, die zu erreichen als Grundvoraussetzung dafür galt, große Staaten wie China, Brasilien, Indien, Frankreich und die USA dafür zu begeistern, Deutschland auf den schmalen Pfad zwischen Blackout und Blamage zu folgen. "Wenn der Rest der Welt nur halb so viel leisten würde wie Deutschland, sähe die Zukunft unseres Planeten weniger düster aus“, lobten kritische Magazine. 

Bittere Bilanz

Weil trotzdem niemand mitmachte, machte Deutschland mehr. Bundesregierungen setzten klare Preissignale zur Erziehung derer, die es noch nicht begriffen hatten: Der höchste Strompreis der Welt bekam einen CO2-Aufschlag. Die Bilanz aber fällt bitter aus: Seit 2009 verringerten sich die Treibhausgasemissionen allenfalls im homöopathischen Bereich. Und wie hoch die Preise für Energie steigen müsste, damit wirklich alle mithelfen, die ehrgeizigen Ziele zu erreichen, ist bis heute unklar. Eine Verdreifachung des Gaspreises hat den Verbrauch um zehn Prozent gesenkt, allerdings in Frühjahr und Sommer. Der Strompreis kletterte zwischen dem Jahr 2000 und dem Jahr 2021 von 14 auf 32 Cent pro Kilowattstunde. Immer noch aber verbrauchen die Deutschen dieselben knapp 600 Terawattstunden elektrischer Energie im Jahr.

Das ist zu viel, um eines jener berühmten Zeichen setzen, denen dann alle nacheifern. Und erst recht ist es zu viel, um auf Preissignale hoffen zu können: Um an dieser Flanke der Energiewende Erfolg zu haben, müsste der Preis für Erdgas sich vermutlich weitere drei bis sechsmal verdoppeln. Und um den Stromverbrauch auf den Zielwert der Bundesregierung von zehn Prozent unter dem Verbrauch von 2008 zu senken, wären rein rechnerisch zusätzlich zur bisher erreichten Verdopplung plus weitere Aufschläge von wenigstens 50 Cent bis 1,50 pro Kilowattstunde erforderlich. 

Das größte Projekt seit der Wiedervereinigung

Die Energiewende, nach einer Analyse des "Spiegel" das "größte politische Projekt seit der Wiedervereinigung", also sogar noch viel größer als das Projekt der Vereinigung Europas und der Einführung einer Gemeinschaftswährung, sie droht zu scheitern, "mit unabsehbaren Folgen", wie das Hamburger Magazin bereits 2019 in einem Beitrag voller Zweifel am richtigen Kurs vorhersah. Das ganze Geld ist weg. Die energieerzeugende Industrie ebenso. Die Versorgungssicherheit dazu, wie auch energieintensive Arbeitsplätze. Und anstelle all dessen stehen Windräder voller importierte Materialien nicht nur überall herum, sondern auch tausende Stunden im Jahr still.

Grund sei der Widerstand der Bürger, analysiert Der Spiegel, Windenergieprojekte würden bekämpft, Politiker aber hätten Angst vor dem Bürgerzorn und würden deshalb "elektrische Leitungen unterirdisch" verlegen lassen, was um ein Vielfaches teurer sei und Jahre länger dauere. Die Leitungen, die Räder, die Solarparks, alles zieht sich und woher die 3,4 Billionen Euro kommen sollen, die es für die letzte Wegstrecke bis zur erneuerbaren Gesellschaft braucht, immerhin das Siebenfache der Ausgaben zwischen 2000 bis 2025, kann niemand sagen. Große Stromspeicher gibt es nicht einen, der grüne Wasserstoff, der als chemische Speichermöglichkeit vorgesehen ist, ist selbst heute noch teurer als Russengas. Und mit einer Energiebilanz gesegnet, die ein Lagerfeuer aus feuchtem Pappelholz hocheffizient erscheinen lässt.

Das Scheitern als Segen

Michael Shellenberger hat von Amerika aus schon vor Jahren die Frage aufgeworfen, ob das Scheitern des deutschen Energieausstieges nicht ein Segen für die Welt sein könne. "Wenn erneuerbare Energien Deutschland, eines der reichsten und technologisch fortschrittlichsten Länder der Welt, nicht billig mit Strom versorgen können, wie soll ein Entwicklungsland wie Kenia dann erwarten, dass es ohne fossile Brennstoffe auskommen kann?" Kein Marketing und kein grüner Glaube könne die schlechte Physik der ressourcenintensiven und landintensiven erneuerbaren Energien ändern: "Solarparks benötigen 450-mal mehr Land als Kernkraftwerke und Windparks 700-mal mehr Land als Erdgasquellen, um die gleiche Energiemenge zu erzeugen". Das ist so, weil die "Fossilen", wie sie Grünen-Chefin Ricarda Lang nennt, Energie fast gebrauchsfertig gespeichert haben. Erneuerbare sie aber erst einfangen müssen.

Ein Mehr ändert das nicht, kein Schneller verwandelt das deutsche "Geschenk an die Welt" eine verlässliche Basis für eine Wirtschaft, eine Gesellschaft. Wo der "Spiegel" in seiner Kritik nach Jahren der Stille soweit geht, die Energiewende" zum "Murks" zu erklären, ein Manöver, das gut gemeint und richtig umgesetzt fabelhaft geworden wäre, nun aber verpfuscht worden sei, lässt der Gang der Dinge seitdem eher vermuten, dass Michael Shellenberger am Ende Recht behalten wird. "Der Umstieg auf erneuerbare Energien war zum Scheitern verurteilt, weil moderne Industriemenschen, so romantisch sie auch sein mögen, nicht ins vormoderne Leben zurückkehren wollen", schrieb er vor drei Jahren. Und der Grund, warum erneuerbare Energien moderne Zivilisationen nicht allein und ohne Hilfe mit Strom versorgen könnten, sei ganz einfach, dass sie nie dazu bestimmt gewesen seien. 

Der Irrtum mit der Investition

Der Glaube vieler Deutscher, dass die endlos vielen Milliarden, die sie für den Umbau der Energiegesellschaft ausgegeben haben, nur eine Art Investition gewesen sei, die eines Tages durch billigen Strom für jedermann zurückgezahlt würde, er wird enttäuscht werden. Nie mehr wird es billiger als gerade jetzt, wie dem Glauben an das günstige russische Gas, das immer zuverlässig fließen und alle Probleme im großen Plan reparieren wird, droht auch dem an die Magie der Erneuerbaren eine Apostasie, die umso schrecklicher zu werden verspricht, je später sie eintritt.

Samstag, 2. Juli 2022

Zitate zur Zeit: Brave Postbeamte

Festkleben Extinction Rebellion
Bild mit Pixelfehler.

Kant und Schiller werden einem nicht vergebens jahrelang eingetrichtert; der kategorische Imperativ und Schillers strikter Sinn für moralische Verpflichtungen ergaben gleichermaßen brave Postbeamte wie verlässliche Mitglieder der Internationalen Brigaden.

Wolf Wondratschek, 1969

Am Inzidenzgraben: Wer früher stirbt, ist jünger tot

Sommmrwelle altes Deutschland Grafik Corona
Zwei Karten, eine Wahrheit: je älter, je Querdenker, je geringer flacher die Sommerwelle.

Die Tour de France hat vorgesorgt. Corona, in Deutschland durch eine Sommerwelle Lauterbachscher Sehnsuchtshöhe medienpräsent wie seit Monaten nicht mehr, kann der größten rollenden Apotheke der Welt nichts antun: Um Fahrerausfälle wegen Ansteckungen mit Covid-19 zu verhindern, hat sich die Tour vorausschauend Schutzregeln gegeben, die das Allerschlimmste zuverlässig verhindern werden. Pedalritter, die sich während des laufenden Wettbewerbs anstecken, können nun auch mit einem positiven Attest weiterstrampeln, wenn ein Arzt zugestimmt hat.

Ohne Abstand, ohne Hände

Die Endlösung für eine Pandemie, die bei der in der dünnen Luft der Spitzenpolitik längst aus der Phase des permanenten Händewaschens herausgewachsen ist. Ursula von der Leyen ist ebenso ins Lager der verantwortungslosen Maskenverweigerer gewechselt wie der Rest der Weltelite, man trifft sich und küsst sich und herzt sich und verzichtet demonstrativ auf Abstand und die bizarren Gesten der Vergangenheit, mit denen außerhalb von CDU-Parteitagen und Talkshows Rücksichtnahme auf vulnerable Gruppen simuliert wurde.

Plötzlich fallen die Masken, während die Inzidenzwerte überall steigen, plötzlich entpuppt sich der deutsche Osten, das Bundessorgenkind so vieler Corona-Monate, als Oase der neuen Normalität, während der Westen den Preis zahlt für die Sorglosigkeit, die Frauen und Männer wie Ursula von der Leyen, Olaf Scholz, Jean Michel und Robert Habeck vorleben, seit das Ende aller Maßnahmen verkündet wurde.  Die unvollendete deutsche Einheit, sie zeigt sich in den aktuellen Corona-Karten, ein blutroter Westen liegt neben einer sonnig-entspannten Corona-DDR

Der Ostbeauftragte schweigt

Was fehlt, sind die Sorgen, die sich Amtsträger und Leitmedien machen. Hieß es früher in den großen Magazinen stets rechtzeitig, dass auf die, die nicht so schwer betroffen seien, nun sicherlich bald ein "Coronaproblem" (Der Spiegel) zukomme, Fluch der bösen Tat und sturer Querdenkerei, ist die aktuelle deutsche Teilung entlang des Inzidenzgrabens nirgendwo eine Zeile wert. Marco Wanderwitz, Ostbeauftragter der Großen Koalition, hatte noch vor "dramatisch steigenden Coronazahlen im Osten" gewarnt. Nachfolger Carsten Schneider, Staatsminister beim Bundeskanzler, ignoriert die Gefahr, dass dort, wo heute noch nichts ist, bald ganz viel sein könnte. Zuletzt im Januar beschäftigte ihn das Thema des "rückläufigen Institutionen- und Staatsvertrauens" (Schneider) im Osten, die sich in einer niedrigen Impfquote und hohen Ansteckungszahlen zeige.

Der Westen, nun betroffen von hohen Impfquoten und Inzidenzen zugleich, hat nicht einmal einen Beauftragten, der sich für seine Interessen so engagiert in die Bresche wirft und die Reporterteams aus Berlin, München und Hamburg veranlasst, in die hot spots nach Plön, Rendsburg und Kiel zu reisen, um zu schildern, wie es sich mit Inzidenzwerten von 1.600 und 1.500 lebt. Keine "sächsische Krise", wie sie  der "Spiegel" zwischen Zwickau und Zittau entdeckte, als der ostdeutsche Freistaat die höchsten Ansteckungszahlen meldete. Sondern gar keine, weil sich eine Differenz zwischen Thüringen mit einer Inzidenz von 250 und Schleswig-Holstein mit einer von über 1.000 zu keinem politischen Zweck so recht verwenden lassen will.

Die Ältesten sterben später

Der Westen hat die höchsten Inzidenzen, der Osten dafür die ältesten Einwohner. Der Westen ist reich, der Osten arm. Im Westen vertrauen die Menschen weitgehend dem, was ihnen in der "Tagesschau" erklärt wird. Im Osten rotten sich die Querdenker, Zweifler und Miesmachen in ihren abgeschiedenen Dörfern und Weilern zusammen, unwillig, sich vom üblen Erbe ihrer Erziehung in der Diktatur zu lösen. Welchen Zusammenhang ergibt das? Welche Ursache hat welche Wirkung? Welche Wirkung verursacht welche Folge? Fragen, die nicht gestellt werden, nicht dort, wo die "Räume von Kritikern der Demokratie" gefüllt werden (Tagesspiegel), und nicht dort, wo Menschen keine "überparteilichen und niedrigschwelligen Diskussionsangebote" brauchen, um "in eine Partei einzutreten, im Stadtrat oder im Gemeinderat zu arbeiten, tatsächlich etwas mit verändern zu können".

Doch wenn die Sommerwelle durch den Westen gerauscht ist und endlich den Osten erreicht, wird sich das ändern. Wenn nicht mehr die Jungen sterben, drüben im Land von Engagement, Zivilgesellschaft und abstandshaltendem Bionadeadel, wird es wieder Zeit für tiefgründige Analysen, Ursachenforschung und Aufrufen, Abhilfe zu schaffen.

Freitag, 1. Juli 2022

Hartes Geld und weicher Keks: Franken und frei

Schweizer Franken Parität zum Euro
Lange hat es gedauert, aber nun ist es soweit: Der Schweizer Franken  ist so viel wert wie ein Euro.

 
Was hat der Staat kann, kann nur der Staat, aber was danach passiert, kann auch er meist auch nicht verhindern. Erst kommt nichts, dann kommt alles auf einmal: Jahrelang hatte die Europäische Zentralbank versucht, die Inflation in den alternden Gesellschaften der Euro-Gemeinschaft zu befeuern und obwohl sie dazu in einem Jahrzehnt anderthalb mal mehr Geld druckte, als es am Tag der Euroeinführung gegeben hatte, passierte ewig nichts. Nichts Spürbares jedenfalls: Zinsen bei Null, Wohlstand unter der Decke. Die wenigstens Euro-Bürger nur merkten, dass die Geldentwertung längst da war, nur eben nicht im Supermarkt, sondern an den Börsen, auf dem Immobilienmarkt und beim Goldpreis.
 

Die D-Mark ist wieder da

 
Jetzt aber ist das Entsetzen groß. Und es ist auf einmal für jedermann greifbar. Gerade erst hat der Schweizer Franken die Parität zum Euro durchbrochen. Zum Euro! Vor 25 Jahren noch hatte es für eine Deutsche Mark beinahe einen ganzen Franken gegeben. Dann gab es für zwei Deutsche Mark einen Euro. Und heute nun gibt es für diesen Euro wieder -  einen Schweizer Franken! So, als wäre der Euro nie eingeführt und die D-Mark nie abgeschafft, sondern nur kurz unbenannt worden.
 
E
in schöner Erfolg der Ewiggestrigen, die sie damals gar nicht hatten abgeben wollen und ihre irrigen Ansichten mit Argumenten zur bedrohten Geldwertstabilität, zum Risiko der so unterschiedlichen Wirtschaftskraft in den Euro-Staaten und zu den Risiken der beinahe automatischen Vergemeinschaftung der Staatsschulden aller Euro-Länder durch den fehlenden Ausschlussmechanismus verteidigten. So schlimm ist es doch gar nicht geworden. Sondern schlimmer. Wer vor 20 Jahren 100.000 Franken in Mark umtauschte, der bekam dafür 116.000 D-Mark, die wurden zu 58.000 Euro, die heute noch genau 58.000 Franken wert sind. Wer seine Franken dagegen behielt, hat sie immer noch: 100.000 von damals sind 100.000 heute, nur jetzt in eben Euro.   

Euro mit der Kaufkraft einer halben D-Mark

 
42.000 Euro Gewinn, nicht etwa dadurch, dass der Wert des Franken sich nahezu verdoppelt hat. Vielmehr ist die Kaufkraft des Euro gesunken: beinahe im Gleichschritt mit der ausgeweiteten Geldmenge hat sich der Wert des Euro in den vergangenen Jahren beinahe halbiert. Viel wird nicht darüber geredet, niemand mag sich überhaupt vorstellen, dass beides miteinander zu tun haben könnte. Dass die Inflationsrate in der Schweiz derzeit bei 2,9 Prozent liegt, während die Eurozone betroffen und ratlos eine von 8,1 anstaunt, muss mit nichts zu tun haben, es darf nicht und wenn doch, dann käme das ganz überraschend.
 
Wer rechnet denn auch damit, dass der Wert eines Zahlungsmittels fällt, wenn seine schiere Menge  nicht mehr Schritt hält mit der Menge der verfügbaren Waren? Der Oranienburger Makroökonom Gerd Zacharias Heidlich hat das Phänomen vor Jahren bereits experimentell nachgewiesen. Heidlich stattete dazu eine Runde von zehn  Menschen mit zehn Bierflaschen und zehn Ein-Euro-Stücken aus, fünf der Probanten waren bekennende Biertrinker, jeder von ihnen bekam eine Flasche, dazu aber auch einen Euro, ebenso stattete der Wirtschaftssoziologe die fünf Nicht-Trinker aus.
 

Fünf blanke Trinker

 
Nach sieben Stunden unter Abschluss war das Erwartete eingetreten: Die fünf Trinker waren blank, die fünf Anti-Alkoholiker hatten ihre Bierflaschen sämtlichst verkauft, zum Preis von je einem Euro. Soweit, so erwartbar. Gerd Zacharias Heidlich aber ging noch weiter. Er wiederholte den Test mit wiederum zehn Bierflaschen, diesmal aber mit je zehn Euro für jeden Probanten. Diesmal dauerte es neun Stunden, dann aber hatten wiederum all Bierflaschen den Besitzer gewechselt. Diesmal jedoch für je zehn Euro.
 
Ohne weiteres Zutun von irgendwem hatte sich der Bierwert verzehnfacht, einfach dadurch, dass das Geld da war und zu sonst nichts nütze. Heidlich hat später vermutet, sein Experiment habe eine eingebaute "Unendlichkeitsgarantie": "Wir könnten das genauso mit 100-, 200- oder 500-Euro-Scheinen machen", sagte er. Bier selbst habe keinen Wert. Der ergebe sich allein aus der Menge der verfügbaren Zahlungsmittel und steige, wenn die Menge des Biers begrenzt, die des Geldes aber unbegrenzt sei.
 

Unbekannter Klassiker

 
Die Testanordnung des Oranienburger Wissenschaftlers gilt in der Geldwertkunde als Klassiker, sie ist außerhalb der Elfenbeintürme der Euro-Erklärer aber bis heute kaum bekannt. Deutsche Politiker*innen wie kritische Medienschaffende halten steigende Preise für eine mathematische Funktion von Putin, sie betrachten Tankrabatte als großzügige staatliche Gabe, die ungeachtet aller Umfeldbedingungen zu gewähren sei, whatever it takes, wie der Zentralbanker sagt, wenn die Kacke richtig dampft.
 
Das tut sie nun immer, die ganze Zeit, so kräftig, dass keine Beschwörungsformel mehr hilft.

Eiszeit: Kommunale Wärmezentren gegen die Gaskälte

Bevor der Winter kommt, müssen gesetzliche Regelungen zur Aufteilung der sozialen Restwärme im Land getroffen werden. Doch bisher fehlt es an jeder Vorausplanung: Deutschland taumelt blind in die nächste Katastrophe.

Eben noch Heißzeit, eben noch Hitzenotstand und ein Gasausstiegsplan, der bis ins kommende Jahr reichte. Und nun blickt Klaus Müller, als Chef der Bundesnetzagentur oberster Verantwortlicher vielleicht bald nötigen Energie-Triage, sorgenvoll auf das Ende des Jahres. Er prophezeie schon jetzt, dass man in der kommenden Heizperiode über viele furchtbare Einzelschicksale von Menschen hören werde, die aufgrund der hohen Gaspreise ihre Rechnungen nicht mehr zahlen können, so der frühere Minister in Kiel und spätere Geschäftsführer des Verbraucherzentrale Bundesverbandes.  

Beim Berliner Fachkongress für "Wehrhafte Demokratie" wies der grüne Politiker auf die Notwendigkeit hin, die drei Monate bis zur nächsten Heizperiode zu nutzen, um die Gasthermen in Deutschland richtig einzustellen. Zudem sei unverständlich, warum sich niemand in Deutschland in „keinster Art und Weise“ um die Versorgungssicherheit Gedanken gemacht habe.

Es droht eine Eiszeit

Nun ist es zu spät, der Winter kommt. Es droht eine Eiszeit in den deutschen Wohn- und Schlafzimmern. Während der Klimawirtschaftsminister noch dafür wirbt, die Heizungen zwei Grad herunterzudrehen, stehen viele Alte, Kranke und Geringverdiener vor der Frage, wie sie ab November überhaupt noch heizen sollen. Für viele sind Elektroheizkörper die einzige Alternative, hier aber drohen neben hoher Nachzahlungen auch Überforderungen des Netzes. Kanonenöfen und Kamine hingegen, auf traditionelle rumänische Art mit einem Ofenrohr durch die Fensterscheibe verbunden, erfordern Brennmaterialen wie Kohle, die die einen nicht mehr nutzen wollen, die anderen aber auch nicht mehr bezahlen können.

Kälte gilt als stiller Killer. Sie fordert jedes Jahr zahlreiche Todesopfer, schafft es aber trotz 20 Mal höherer Sterberate nie so prominent in die Schlagzeilen wie die klimabedingte Hitze. Dabei sind es auch hier die Geschwächten, die Anfälligen, wenig Widerstandsfähigen und Armen, die zuerst dran glauben müssen: In Deutschland zählt das Statistische Bundesamtes über die Jahre 1950 bis 2013 ein Viertel mehr Todesopfer zwischen Dezember bis Februar im Vergleich zu den Sommermonaten.

Appelle reichen nicht

Appelle allein reichen da nicht, sagt der sächsische Unternehmer Kevin Schnitte, der heute schon mit sorgenvoller Miene auf den Winter schaut. Man dürfe sich nicht täuschen lassen von sommerlichen Temperaturen und selbst abendlicher Ausgehwärme, mahnt der Parfümeur und Duftinnovator. "Wir brauche Vorsorge, der Staat muss fit gemacht werden, um in der kalten Jahreszeit helfen zu können." Ein klarer gesetzlicher Rahmen gehöre dazu, glaubt der in der Kommunalpolitik engagierte Erfinder der Restaurant-Kette Tali-Bar. Auch müssten die finanziellen Grundlagen für Hilfspakete jetzt gelegt werden. "Der Bundestag darf nicht einfach so in die Sommerferien verschwinden." 

Schnitte, der Sachsen mit seinen abgelegenen Dörfern und Weilern und einsamen Vorwerken am Rand verlassener Städte gut kennt, ahnt die Schicksale voraus, von denen auch Klaus Müller gesprochen hat. "Erst kann die alte Witwe ihre Energierechnung nicht mehr zahlen, dann steht sie nicht mehr aus den Bett auf, dann erfriert sie einfach." Als junger Mann hat Schnitte mehrere Semester Kältetechnik studiert, er weiß, wovon der spricht. "Normalerweise werden beim Menschen innere Organe und das Gehirn, konstant auf einer Temperatur von 36 bis 37 Grad gehalten, weil das für die optimale Funktion der Organe notwendig ist", erklärt er. Die Temperatur der Peripherie, also die von Armen und Beinen, liege dagegen in der Regel niedriger und könne stark schwanken. "Droht die Körpertemperatur durch äußere Einflüsse zu sinken, frieren wir, das ist ein Warnsignal des Körpers, dass Unterkühlung droht."

Lebensbedrohliches Absinken

Danach gehe alles sehr schnell. "Wenn der Wärmeverlust größer wird als die dem Körper mögliche Wärmeproduktion, sinkt die Körpertemperatur ab, die zur Aufrechterhaltung der Organfunktionen notwendigen Stoffwechselvorgänge verlangsamen sich." Lebensbedrohlich werde der Vorgang bereits ab 30 Grad Celsius. "Unter 26 Grad Celsius besteht keine Überlebenschance mehr."

Was aber tun? Wie gegensteuern? In einem Schreiben an Bundestagspräsidentin Bärbel Bas hat Kevin Schnitte auf die vielerorts im Lande leerstehenden Impfzentren hingewiesen, die sich schnell und unbürokratisch zu kommunalen Wärmezentren umwidmen ließen.  "Der Bundestag muss allerdings zuvor die Finanzierung sicherstellen." In den kommunalen Wärmezentren könnten Frierende Zuflucht suchen, wenn es zum Schlimmsten kommt und ein russischer Gaslieferstopp vor dem geplanten deutschen Gasausstieg erfolgt, während gleichzeitig eine sibirische Kältekralle wie 2021 zuschlägt.

Angriff mit der Energie-Waffe

Die Gefahr zehntausender Opfer eines solchen Angriffes mit der "Energie-Waffe" (Robert Habeck) dürfe nicht unterschätzt werden, sagt Schnitte. Es sei eine Illusion, zu glauben, dass nur um ein wenig Verlust an Bequemlichkeit gehe. "Frieren für den Frieden, Bibbern gegen Putin, das sind lebensbedrohliche Vorschläge", so der Firmengründer, der als junger Mann in den Ferien auch mal Notfallsanitäter arbeitete.

 Kleine Menschen, also vor allem Kinder und alte Leute, haben im Verhältnis zum Körpervolumen eine größere Oberfläche als große Menschen", erläutert Kevin Schnitte. "Deshalb kühlen sie schneller aus." Das betreffe eben alle vulnerablen Gruppen, als geschwächte Menschen,  Hungernde oder Kranke, denn sie "können weniger Wärme bilden". Das betreffe auch Menschen, die glaubten, sich mit Hilfe von Alkohol innerlich aufwärmen zu können. "Damit erreicht man genau das Gegenteil, man kühlt aus, schläft ein und wird vielleicht nie wieder wach." 

Konzepte zum Wärmeschutz

Er vermisse vom Bundesgesundheitsminister ein umfassendes Konzept zum Wärmeschutz im Winter, das sowohl Aufklärung vor Kältegefahren als auch die Einrichtung von Wärmeinseln umfassen müsse. "Aber ich bin mir nicht einmal sicher, ob Herr Lauterbach die Problemlage schon erkannt hat." Die Rechnung werde wohl auch diesmal die gesamte Gesellschaft zahlen, die wie bei Corona blind in die absehbare Katastrophe taumele. "Kommen alle ungünstige Umstände zusammen, können Menschen auch schon bei Temperaturen über dem Gefrierpunkt den Kältetod erleiden", mahnt Kevin Schnitte, der befürchtet, "dass wir in sechs Monaten die ersten Beweise dafür präsentiert bekommen werden".

Donnerstag, 30. Juni 2022

Nato: Waffenbrüder vom Wertebasar

Der Traum jedes Jungen im Grundschulalter: Einmal Jetpilot an der Ostflanke.

Eben noch hirntot, auf einmal wieder springlebendig. "Es herrscht Aufbruchstimmung bei der Nato", freut sich die "Tagesschau", nachdem der "feierliche Gipfel" (Tagesschau) des Militärbündnisses in nur zwei Tagen mehr Lebenskraft zurückgewonnen hat als in den 20 Jahren zuvor. Neue Mitglieder, neue Truppen, neue Gebiete, die es zu verteidigen gelten wird. Eine neue Strategie noch dazu, die sagt, was Sache ist: Russland ist "die größte und unmittelbarste Bedrohung". China ein Rivale und Sicherheitsrisiko. Man muss aufpassen. Die Reihen schließen. Die Vorneverteidigung stärken und mehr Kampftruppen in die östlichen Bündnisgebiete verlegen, die als Pufferzone und Kampfgebiet gedacht sind, wenn der Russe die Reiche der Menschen wirklich angreift.

Der Zombie lebt

Der Zombie aus dem Kalten Krieg, er hat nach 30 Jahren existenzbedrohender Koexistenz mit den konkurrierenden Systemen der Russen und Chinesen wieder Feinde gefunden, aber neue Verbündete auch. So kompliziert ist deren Gewinnung und die Erteilung einer Zugangsgenehmigung, dass Schweden und Finnland ihre Eintrittskarte beim Vorstellungsgespräch beim türkischen Präsidenten Recep Erdogan, Herr der unverzichtbaren Südflanke der Nato und Beherrscher des Bosporus, mit Kurden zahlen mussten. Im Tausch gegen die Mitgliedschaft im Nordatlantik-Pakt bekommt die Türkei kurdische Staatsfeinde ausgeliefert. Die USA legen die längst versprochenen, aber bis heute nicht gelieferten F-16-Jagdbomber als Belohnung obendrauf.

So machen das "Partner" (Tagesschau), die dieselben Werte teilen und sich für den Krieg mit den gleichen Feinden wappnen. Die Türkei ist das einzige Nato-Land, das heute noch einen Fluchtkorridor für russische Oligarchen freihält und damit alle Sanktionsbemühungen von Nato, EU und demokratischer Weltgemeinschaft unterläuft. Erdogan weiß seit seinem Tauschgeschäft mit Deutschland, bei der Waffen für einen Journalisten bekam, dass er das kann. Er ist zu wichtig, als dass man ihm befehlen könnte. Angesichts der Lage darf niemand nicht zu stolz sein, vor ihm die Knie zu beugen. Um Waffenbrüder wie ihn zu gewinnen, lohnt auch ein Bummel über den Wertebasar.

Geschnitzt aus abendländischer Demokratieeiche

Wie der Ungar Viktor Orban und der Pole Jarosław Kaczyński ist Erdogan seit Kriegsbeginn auch medial zurück in Klub der Guten. Kein Sultan mehr, kein Machthaber, Alleinherrscher, Schlächter friedlicher Rojava, sondern einer von uns, geschnitzt dem Holz abendländischer Demokratieeiche. Ihm können Schweden und Finnland guten Gewissens ihre PKK-Aktivisten und Gülen-Anhänger anvertrauen, er wird Gerechtigkeit üben gegen jedermann, wenn sich die Waffenlieferungen nicht weiter verzögern oder sich die Waage des Kriegsglücks gen Moskau neigt.

Der Feind meines Feindes ist mein Freund, wie schon der frühere Nato-Chef Napoleon Bonaparte als Teil der strategischen Grundlagen seiner Militärstrategie festgelegt hatte. Gerade vor einem Krieg kommt es nicht auf Mundgeruch, Uniformmode und allgemeine Sympathie an, sondern auf die Zahl der Truppen, die einer stellen kann. Wie viele das für die gesamte Nato sind, weiß derzeit noch niemand zu sagen. Jens Stoltenberg, eben noch beinahe schon im Ruhestand, sprach von "weit über 300.000 Soldatinnen und Soldaten", die künftig ein Leben in "erhöhter Bereitschaft" führen sollen, um nach der "größten Neuaufstellung unserer kollektiven Verteidigung und Abschreckung seit dem Kalten Krieg" als "schnelle Eingreifgruppe an der Ostgrenze" die Mauer zu beschützen, die den Schengenraum abriegelt. Es heißt wieder "Wachsam sein, immerzu. Und das Herz ohne Ruh'".

Woher diese Soldaten kommen werden, bei denen es sich nicht um neueingestellte und neuausgebildete  Frauen und Männer in neuen Einheiten handelt, sondern um Kontingente der stehenden Heere der Mitgliedsstaaten, konnte Stoltenberg nicht erklären. "Wie bisher auch schon" müssten am Ende natürlich die Nato-Länder die Bataillone, Regimenter und Divisionen liefern - Deutschland als drittgrößter Nato-Staat hat 15.000 Mann und Frau versprochen, schicken die anderen 29 Partner inklusive solcher Zwergstaaten wie Island, Luxemburg und Estland ebenso viele Truppenteile, kommen sogar 450.000 Bewaffnete für die Ostflanke zusammen. 

Ein Riegel gegen den Russen

Ein Riegel, an dem sich der Russe zweifellos die Zähne ausbeißen muss. Trotz jahrelanger Vorbereitung seines Angriffes auf die Ukraine gelang es ihm dort nur, mit 150.000 Mann anzutreten, die selbst bei Söldner- und Territorialschutzverbänden zusammengekratzt worden waren. Im Verlauf von vier Monaten stieß diese russische Armee nirgendwo  weiter als höchstens 150 Kilometer in die Ukraine vor - angesichts eines Landes, dessen Ost-West-Ausdehnung nahezu 1.300 Kilometer beträgt, wird Putin noch wenigstens dreieinhalb Jahre weiterkämpfen müssen, um sich das gesamte Land zu unterwerfen.

Hält er das durch? Hält die Ukraine durch? Halten die Nato-Waffenbrüder wirklich so lange zusammen? Spanien, weit, weit weg von der Bedrohungslage, hat den westlichen Konsens gekündigt, Kiew mit Geld, guten Worten und leichten Waffen zu unterstützen, nicht aber mit schwerem Gerät. Zehn Leopard-2-Panzer boten die Iberer der Ukraine an, Deutschland, das keine Schwerenwaffen liefern will, ausgenommen Keinepanzer, die nur "in die Luft schießen" (Christine Lambrecht), müsste der Lieferung zustimmen, könnte aber nach einem Ja nicht mehr begründen, warum aus eigenen Beständen keine "Tierpanzer" (Annalena Baerbock) abgegeben werden können. 

Als "Signal der Geschlossenheit" (Spiegel) ist beim Nato-Gipfel nicht über das heikle Thema gesprochen worden, zumindest nicht öffentlich. Auch deutsche Journalisten hielten sich strikt an das alte Motto der US-Streitkräfte "Don't ask, don't tell". So kam es nicht zu Verwerfungen, sondern zu eben jener "Aufbruchstimmung", die sich immer dort besonders schnell einstellt, wo Totgesagte auferstehen, um länger zu leben.