Mittwoch, 3. März 2021

Alle zuerst: Die Ethik der neuen Impfordnung

Andere Staaten impfen, was da ist, Deutschland hingegen bildet mit großer Umsicht Impfstoffvorräte für den Fall einer Pandemie.

Nach nur zwei Monaten ist in Deutschland schon jeder 33. Bürger mindestens einmal geimpft, zudem hat das Kernland des gemeinschaftlichen Europas die meisten Impfzentren weltweit und die größten Impfstoffvorräte für den Falle einer Pandemie zurückgelegt - dennoch aber macht sich unter den dauerunzufriedenen Bürgerinnen und Bürgern Unmut breit. 

Statt die arbeitsfreie Zeit zu genießen und sich auf nahende Auszahlung der Novemberhilfen zu freuen, gehen immer mehr Menschen  Lockerungspredigern und Impfbeschleunigungpropagandisten auf den Leim: Angeblich könne ein noch schnelleres Impftempo Öffnungen begünstigen und zugleich Risiken durch die Ausbreitung der mörderischen Mutanten aus dem Ausland reduzieren.  

Neue Prioritäten vor den Landtagswahlen

Nur die inzwischen "Impfstrategie" genannte Versagenstaktik muss dazu noch ein wenig "verbessert werden", wie die "Welt" anregt. Denn das Impftempo beeinflusst maßgeblich die Lockerungsorgiendebatte - mehr "pieksen" (Bundespresseamt) heißt mehr öffnen können, selbst wenn dort, wo schon gepiekst wurde, weiterhin alles geschlossen bleiben muss, weil es an Erkenntnissen fehlt, ob das Pieksen etwas nützt.

Erst wenn alle auf der ganzen Welt geimpft sind, kann man auch in Deutschland wirklich sicher sein. Bis dahin aber muss der 78. Bund-Länder-Gipfel an der Strategieschraube drehen und "das Thema noch einmal ganz neu denken" (Welt). Wie wäre es zum Beispiel damit, jetzt endlich nicht nur Krankenschwesterinnen, Ärzt*innen, Pflegende und Katastrophenstäblerinnen, Lehrerinnen, Lehrer und sonstige Lehrende in der Impfreihenfolge vorzuziehen? Sondern auch Polizisten, Strafvollzugsbedienstete, Supermarktkassierende, Verwandte von Pflegebedürftigen und Alten, Schulhausmeister, Mitarbeiter von Straßenbauunternehmen, Elektrotechnikbetrieben und systemrelevanten Verwaltungen sowie alle anderen Branchen und Gewerbe? Könnte hier nicht ein boost den lahmenden deutschen Impfbetrieb voranbringen?

Der Ethikrat muss entscheiden

Noch steht die Entscheidung des Deutschen Ethikrates der Priorisierung der meisten Bürgerinnen und Bürger durch eine Einordnung in die Impfgruppe 1 der am dringendsten zu impfenden Personen entgegen. In monatelangen Beratungen hatten sich die Chefethiker der Republik, die sich normalerweise "mit den großen Fragen des Lebens" (Ethikrat) beschäftigen, dazu durchgerungen, beim Impfen auf eine vierstufige Triage  zu setzen und einem Impfstoffnationalismus, der einfach drauflosimpft, eine Absage erteilt. Heute immunisierte kaum ein anderes Land bedächtiger als Deutschland, dafür aber hat die Nation ohne Impfstoffnationalismus die besten moralischen Grundlagen für ihre weltweit beneidete Impfkampagne - und sie verfügt über die größten Vakzinvorräte der Erde, die im Fall einer plötzlich ausbrechenden Pandemie genutzt werden könnten.

Lohnt es sich, von diesem großen Plan abzuweichen? Für eine kurzfristige Stimmungsaufhellung? Oder soll alles beim von Ethikern aus sieben Religionen ausgehandelten Impfkompromis blieben, nach dem infolge des millimetergenau austarierten Ethik-Schlüssels Polizei- und Ordnungskräfte sowie Flüchtlinge und Obdachlose erst in die Schutzgruppe 2 fallen, die beim derzeitigen Impftempo etwa im Frühherbst an die Reihe käme Und Übergewichtige, Mitglieder von Verfassungsorganen, Personen in relevanter Position in Unternehmen der kritischen Infrastruktur, Verkäuferinnen, Verkäufer und Verwaltungspersonal im Lebensmitteleinzelhandel und Rheumatiker sogar erst in Gruppe 3, die nach derzeitigen Ablaufplänen erst im übernächsten lockdown vor Weihnachten 2021 an der Reihe wäre.

Geringes Risiko, mehr Geduld

Ganz ohne Priorität folgen danach noch die 27 Millionen, die auf Beschluss der Bundesethiker "ein geringeres Risiko haben, einen schweren Verlauf einer Covid-19-Erkrankung zu erleiden" (Bundesregierung) und denen deshalb ein "Impfangebot" erst gemacht werden kann, wenn alle anderen durch sind. Nach Angaben der Kanzlerin nach dem Sommer, nach Berechnungen von Online-Tools zwischen März und Juli 2022.

Nun dauert das aber offenbar allen alles viel zu lange und vor allem mit Blick auf die anstehenden Wahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz tut ein symbolischer Tritt aufs Gaspedal not, der nach einem Vorschlag aus der Bundesworthülsenfabrik (BWHF) als "neues Impfstoff-Konzept" oder auch kurz NIK eine beschleunigte Impfung aller zuerst ermöglichen soll. Im Gespräch sind Sonderregeln für hot spots, die unter besonders hohen R-Werten, Inzidenzen und Übersterblichkeiten leiden. Vorgezogen werden Personengruppen, auf die es ganz besonders ankommt, um den lockdown weiter durchzuhalten. Friseure nach vorn, Baumarktfarbberater, Gärtner und Fernsehmoderatoren,  dazu Schüler, Schülerinnen und sonstige derzeit Beschulte, Senioren selbstverständlich, Rathaus- und Landkreisangestellte, tiermedizinisches Personal und fahrende Händler.

Fünf Prozent erstgeimpft, 75 Prozent im Kühlschrank

Im äußersten Fall scheinen Teile der Union, das haben die jüngsten Aussagen des bayrischen Ministerpräsidenten Markus Söder und seines sächsischen Kollegen Michael Kretschmer erkennen lassen, entschlossen, gegen den Rat der Bundesethiker selbst mit den für den Fall des Ausbruchs einer Pandemie gebildeten Impfstoffvorräten von Astrazeneca zu impfen. 

Statt wie bisher geplant medienwirksam ausschließlich die funkelnagelneue Impfzentren-Infrastruktur zu nutzen, erwägt das Corona-Kabinett sogar ein "frühes Einbinden der Hausärzte" (DPA) und eine längere zeitliche Streckung zwischen Erst- und Zweitimpfungen, um mehr Menschen mit einem zumindest symbolischen Schutz zu versehen. Möglicherweise droht sogar ein ganz besonderer Tabubruch: In der "größten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg" (Merkel) wäre es möglich, dass Anweisung ergeht, auch an Wochenende und hier sogar an Sonntagen zu impfen. Allerdings ist die Reaktion der Kirchen auf diesen Tabubruch noch offen.

Die große Furcht vor der Bundestagswahl

Doch die Zeit drängt. Die USA werden ihr Impfprogramm nach neuen Angaben bereits Ende Mai beendet haben, in Deutschland werden dann etwa 15 Prozent der Gutundgernhierlebenden immunisiert sein. Das würde bedeuten, dass es auch über den Sommer hinweg beim Baumarkttourismus bleibt - eine Einschränkung, die sich bei der Bundestagswahl im Herbst ungut auswirken könnte. Deshalb setzen CDU, SPD, FDP, Linke und Grüne nun auf veränderte Impfvorschläge, die vorsehen, auch Astrazeneca-Impfstoffe "so schnell wie möglich" zu verwenden - bisher hat Deutschland 3,2 Millionen Dosen dieses Vakzins bekommen, aber nur 455.000 Dosen an ausgewählte ethische Gruppen abgegeben.

Die Expertenrepublik: Verirrt in guten Ratschlägen

Ein häufig wechselndes Wahrheitsangebot zeichnet nicht nur die deutschen Medien in der Pandemie aus.

Ein knappes Jahr war guter Rat günstig. Virologen, Ethiker, Geldpolitiker, Psychologen, Mediziner, sie alle wussten, was die Politik am besten machen solle: Jetzt nicht nachlassen. Jetzt nur noch ein, zwei Jahre durchhalten. Masken, keine oder doch lieber diese oder jene. Auf die Zahlen schauen. Nicht immer nur auf die Zahlen schauen. Die zweite Welle brechen. Die dritte Welle klug abreiten. Jetzt mal testen. Schulen auf, Schulen zu. Schulen auf. Und mehr impfen, indem die Impfreihenfolge schlau verändert wird. Alte schützen. Smart. Und die Schülerinnen. Die Lehrer impfen. Und den Datenschutz runterfahren. Und hoch.

Musterschüler der Pandemie

Deutschland ist dadurch zumindest in der Wahrnehmung seiner alleweil tagenden Fernsehgerichte hervorragend durch die Seuche gekommen. Man hat alles versucht, immer mal wieder und jedes Mal etwas anderes. Und es war immer gut oder jedenfalls nicht unbedingt vollkommen falsch oder es fand sich doch auch dann wieder ein Experte, der Wissenschaftler genug war, deutlich zu unterstreichen, dass es überhaupt nicht anders gegangen wäre.

Zwar impfen die USA inzwischen an einem einzigen Sonntag nahezu so viele Menschen wie Deutschland in den neun Wochen seit Weihnachten zu pieksen vermochte. Dafür aber ist das Herzland Europas mittlerweile der Staat weltweit, der über die größten Impfstoffvorräte verfügt. Bis zum drei Millionen Dosen liegen auf Lager, eine knappe Million trifft in den nächsten Tagen ein. Käme jetzt eine Pandemie, bekäme die CDU tatsächlich noch recht mit ihrem kühnen Plakat vom vergangenen Jahr: "Deutschland ist gut vorbereitet".

Impfen mit dem Ethikrat

Nur worauf ist wieder nicht klar. Eben noch war die von Ethikern höchsten Ranges - nur das Land des Holocausts leistet sich überhaupt so etwas wie einen Ethikrat - "lange erarbeitete, gut medizinisch und ethisch begründete Impfreihenfolge" (Die Welt)  zu ändern, der Goldstandard der Impfgerechtigkeit. Erst die Alten, und dauere es auch noch Monate. Dann die Älteren, die, selbst die nicht gegenderte deutsche Standardsprache der Vergangenheit versagt hier hörbar, erstmal um ein Jahrzehntchen jünger sind als die Alten. 

Der deutsche Sonderweg, das von der EU für alle Altergruppen zugelassene Prädikat von AstraZeneca nicht für die höchsten Altersgruppen freizugeben, erlaubt wenigstens Trostimpfungen, die der breiten Masse im Stillstand das Gefühl geben, die Impfwirklichkeit sei eine des rasenden Fortschritts. Guter Rat ist billig, er kommt immer noch aus allen Richtungen und auf allen Sendern: Engagierte Virologen empfehlen Massentestungen. Gemeinsinnsender schwören auch nach einem Jahr ohne messbare Effekte auf das Infektionsgeschehen Zeichentrickfilme mit - mittlerweile aktualisierten - Maskenempfehlungen. Nur Ursula von der Leyen wäscht sich nicht mehr vor der Kamera die Hände, obwohl sie nachweislich an allem unschuldig ist.

Wechselnde Wahrheiten

Corona hat Deutschland in eine Expertenrepublik verwandelt, die aus wissenschaftlich stets wohlbegründeten Richtschnüre ein engmaschiges Netz flicht, das das Virus gefangenhält. Zwischen R-Wert und Inzidenzzahl bleibt immer Platz für Interpretation, denn in Stein gemeißelt ist nur die Wahrheit, auf die sich das Corona-Kabinett einigt. Statt auf Stufenpläne, Langzeitstrategien und klaren Absichten setzt die Bundesregierung komplett auf Worthülsen: "Für die nächsten Wochen und Monate wird es bei stabilem Infektionsgeschehen einen Vierklang geben aus Impfen, Testen, Kontaktnachvollziehung und Öffnungen."

Gewonnen haben wir ab 50, aber gelockert wird erst ab 35. Es sei denn, die 35 kann nicht erreicht werden. Dann lockern wir so. Niemand weiß mehr nichts, das aber genau, wie die epochalen Fernsehauftritte des sachsen-anhaltischen Ministerpräsidenten Reiner Haseloff und des Kanzleramtsminister Helge Braun zuletzt gezeigt haben. Unter dem Eindruck von Umfragewerten verwandelt sich das Grundrecht auf Gesundheit in eine Kannbestimmung.

Lange Haare gern, aber gepflegt müssen sie sein, sonst brodelt da was hoch. Seit diese Erkenntnis das politische Berlin erfasst hat, kann Deutschland lockdownen und lockern zugleich, man kann die dritte Welle fürchten, aber gut frisiert sein dabei, und wenn die bald drohende Impfstoffschwemme über die Republik hereinbricht und die fabelhaften Impfzentren überspült, wird man kurzentschlossen ins Nachdenken darüber geraten, wie das nun wieder geschehen konnte, ohne dass irgendjemand etwas dafür kann.

Dienstag, 2. März 2021

Europa und seine zwei Präsidenten: Spaltung als gemeinsame Haltung

Venezuela war kurze Zeit ein Herzensthema des Bundesaußenministers. Mittlerweile äußert er sich nicht mehr dazu.

W
arum auch nicht? Europa, soweit es die EU betrifft, hat zwei Maßstäbe für die "Verimpfung" (Karl Lauterbach) des AstraZeneca-Impfstoffes, drei für das Konzept offene Grenze, vier, was die Rechtsstaatlichkeit betrifft, fünf oder sechs zur Vorstellung, wie der von der Türkei annektierte Teil des EU-Bruderstaates Zypern eines Tages befreit werde soll, und vielleicht sogar mehr als 27, was die Frage  der in den europäischen Verträgen vorgesehenen Einführung des Euro in allen Mitgliedsstaaten betrifft. Dass es zur Frage, wer der rechtmäßige Präsidenten der südamerikanischen Kommunismus-Idylle Venezuela nur zwei oder drei Ansichten gab, ist schon fast verwunderlich. So einig ist die EU selten.

Zwei Jahre tiefe Spaltung

Aber es hilft ja nichts. Ziemlich genau zwei Jahre nach der großen Solidaritätserklärung der Wertegemeinschaft, bei der immerhin sieben der 27 EU-Staaten den selbsternannten neuen Präsidenten Juan Guaidó anerkannten, droht der fast vollzogene Machtwechsel nun still und schmachvoll zu scheitern. Ein Gutachten zu Venezuela, erstellt vom Wissenschaftlichen Dienst des Bundestages, sieht die damals von Deutschland, Frankreich, Spanien, Österreich, Schweden, Dänemark und dem inzwischen ausgeschiedenen Großbritannien verkündete Anerkennung jedenfalls als fragwürdig an. Schon im Februar 2018 hatten das Italien, Griechenland und die anderen 19 EU-Länder ebenso gesehen und sich der gemeinsamen Anerkennung der vermeintlichen Gegenregierung verweigert.

Damals, lange vor der großen Krise mit der Pandemie, galt deutschen Medien diese tiefe Spaltung als gemeinsame Haltung der EU. Deren kleiner, rebellentreuer Teil war sich ausnahmsweise sogar mit US-Präsident Trump einig: Der Enteignungskommunist Maduro müsse gehen, Juan Guaidó übernehmen. 

Maas' kurzer Atem

Maduro tat allerdings nicht dergleichen. Und Heiko Maas war bald danach auch schon wieder mit der Regelung anderer Weltangelegenheiten beschäftigt. Die für den EU-Kandidaten neben ihm streitende EU-Außenministerin Federica Mogherini schied aus dem Amt, ein Mann namens Josep Borrell übernahm, der jedoch als erste Amtshandlung von Wladimir Putin zum Frühstück gegessen wurde. 

Venezuela jedenfalls geriet gänzlich in Vergessen, wie noch jeder Konflikt, den die EU nicht mit Hilfe von Appellen, Pakten und Vertagung wenigstens für zwei Minuten Tagesschau hatte lösen können. Erst recht, nachdem Guaidós Schutzpatron Trump das Weiße Haus hatte verlassen müssen - Nachfolger Joe Biden ließ erkennen, dass er auch mit einem Präsidenten Maduro leben könne, der seinen Gegenspieler stets eine US-Marionette genannt hatte.

Deutschland auf verlorenem Posten. 24 Monate ließ sich die Fata Morgana aufrechterhalten, von Berlin, Madrid und Paris aus ließe sich ein regime change auf der anderen Seite des Atlantik bewerkstelligen, indem man die Arme verschränkt und die Augen zukneift. Nun aber kommen die Juristen des Wissenschaftlichen Dienstes im Bundestag zum Schluss, dass der angebliche "Übergangspräsident" Guaidó, keinen Anspruch mehr auf die Regierungsführung hat. Einerseits liege die faktische Regierungsgewalt bei Maduro, andererseits habe die Opposition bei den Wahlen im Herbst mit der Nationalversammlung ihre letzte Machtinstitution verloren - und Guaidó damit sein Amt als Parlamentspräsident.

Europas Befreiungsversuch scheitert

Für die Bemühungen eines kleinen Teils der EU-Staaten, Venezuela zu befreien, ein harscher Rückschlag. Eben noch schien die Union kurz davor zu stehen, mit einer diplomatischen Offensive Venezuela, aber auch Weißrussland zu demokratisieren. Nun aber bleibt es im ersten Fall beim Versuch und im zweiten bei einer Umbenennung durch Übersetzung des Namens. Kaum gelindert wird der Schmerz durch ein spätes Eingeständnis des Auswärtigen Amtes, das auf eine Anfrage der Internetseite Telepolis zugeben musste, den von der aus deutscher Sicht illegitimen Maduro-Regierung entsandten venezuelanischen Botschafter in den vergangenen zwei Jahren durchgehend als offiziellen Vertreter des Landes anerkannt zu haben. 

Heiko Maas, deutscher Revolutionsführer im Kampf für ein neues Venezuela unabhängig von der völkerrechtlichen Lage, hat aus dem Scheitern seiner Umgestaltungspläne die Konsequenzen gezogen: Seit Monaten schon hat sich der Sozialdemokrat nicht mehr zu seinem Präsidenten geäußert, nicht einmal Venezuela kommt mehr in seinen aufrüttelnden Reden und wegweisenden Initiativen vor.

Schlanker Staat: Von Wille und Vorstellung

Erschütternde Zahlen: Binnen von nur zehn Jahren hat es der immer schwächer werdende Staat geschafft, rund zehn Prozent mehr Stellen zu schaffen.


Was der Staat kann, kann nur der Staat, sagte Franz Müntefering, als er noch als Arbeiterführer an der Spitze der deutschen Sozialdemokratie stand und er nicht ahnen konnte, dass die Organisation einer Impfung aller Bürger nicht dazugehört. Müntefering hat zwar seinen Impftermin, der 81-Jährige hat mit seiner 40 Jahre jüngeren Ehefrau Michelle jemandem im Hause, der fix im Umgang mit kassenärztlichen Anmeldeseiten.

Doch angesichts einer Gesamtlage, in der Novemberhilfen auch im März noch nicht vollständig ausgezahlt werden, sich Impfstoffmangel und Impfstofflagerbestände gleichzeitig in die Schlagzeilen schieben und die Spitzenpolitik die Fähigkeit entwickelt hat, in einem Satz zu lockern und zu lockdownen und in einem Versprechen zu testen und auch nicht, geht die Klage um, der Staat könne auch nicht mehr, was er immer gekonnt habe. Und das liege natürlich daran, dass er kaputtgespart worden sei.  

Der arme Staat

Das böse neoliberale Erbe der kurzen Ära des Guido Westerwelle, es wird auf einmal dafür verantwortlich gemacht, dass nichts klappt. Zwar schafften es private Firmen aus aller Welt binnen weniger Monate, offenbar hochwirksame Impfstoffe gegen die Pandemie zu entwickeln. Doch weder der deutsche Nationalstaat noch die als EU organisierte Großfamilie der europäischen Völker vermochte es, ausreichend von den Vakzinen zu bestellen. 

Nicht das einzige Drama zudem, denn auch die aller drei Monate ausgerufene Testkampagne kommt nicht in Gang, die Hilfszahlungen für die Wirtschaft stocken, die Reform des Wahlrechts endete als peinliche Farce und der Kampf gegen rechts mobilisiert zwar immer mehr finanzielle Mittel. Doch je härter er geführt wird, desto schlimmer entwickelt sich die Lage. dazu ist die Digitalisierung ein Desaster, das Impfprogramm ein Totalausfall, Behörden können nicht anständig lüften und europäische Institutionen schaffen es seit einem Jahr nicht, aus der Ankündigung des billionenteueren Wiederaufbauprogramms eine funktionierende Praxis zu machen. 

Der schwache Staat

Was ist da los mit dem Staat? Wo bleibt er, wenn man ihn mal wieder braucht? "Wir brauchen wieder einen starken Staat", fordert die Hamburger Wochenschrift Die Zeit schon, selig beim Gedanken an eine Rückkehr in die Vergangenheit, als der frühere Wehrmachtsoffizier, spätere Kanzler und endliche Fernsehraucher Helmut Schmidt als Federführer am Speersort diente. Das in München erscheinende Magazin "Focus" widerspricht: "Wo der Staat den Ton angibt, funktioniert nichts", heißt es aus der früheren Hauptstadt der Bewegung.

Klassenkampf zwischen Nord und Süd, zwischen Links und Rechts, zwischen  den Anhängern des alten Müntefering, der als Kind im letzten Krieg selbst erfahren hatte, was ein Staat alles kann. Und denen des neuen "Münte", der im Fernsehen gesteht, dass er sich ganz privat und gemeinschaftsfeindlich hat helfen lassen, um an einen Impftermin zu gelangen.

Der ausgehöhlte Staat

In den Augen der einen klappt nichts, weil der Staat ausgehöhlt und schwach, personell ausgezehrt und von seinen neoliberalen Feinden dermaßen geschwächt wurde, dass er kaum noch in der Lage ist, aufrecht zu gehen. Von der anderen Seite her betrachtet aber sieht derselbe Staat aus wie ein fetter Riese, in dessen Schatten nichts mehr blüht. Ganz langsam nur kommt er voran, oft läuft er sogar in die falsche Richtung, weil vom Leitstand ganz oben aus wegen des unförmig dicken Wohlstandbauches  gar nicht mehr zu sehen, wo der Weg in die Zukunft langgeht.

Alle sind bei diesem Grundsatzstreit mit Begeisterung dabei. Man überschüttet sich mit Vorwürfen, die Linkspartei und die Grünen wollen zurück zum Sozialismus, weil eine Staatsquote von hundert Prozent am besten sicherstellt, dass Menschen nicht individuell Schindluder treiben mit dem Geld, das ihnen selbst gehört, obwohl der Staat es viel sinnvoller anlegen könnte. Die SPD als frühere Facharbeiterpartei sieht das ebenso, würde ihr eigenes Immobilienvermögen aber gern behalten. CDU und CSU setzen auf mehr für alle, von allen und überall. Die AfD möchte von rechts kollektivieren. Und die FDP einfach nur noch einmal den Sprung in den  Bundestag schaffen.

Der Staat als Zwerg

Eine Schlachtordnung, bei der niemand Rücksicht auf irgendwelche Fakten nehmen kann. Dass inzwischen ein Drittel der Dax-Firmen in staatlichem Besitz sind, dass die deutsche Staatsquote ein Drittel über der der USA liegt und gleichauf mit dem des Krisenstaates Griechenland und dass die Steuerquote in Deutschland weltweit dermaßen Spitze ist, dass nur Belgien noch darüberliegt, irritiert im besten Deutschland aller Zeiten keinen Diskutanten. Immerhin hat es der Staat, dieses von Neoliberalen zum Zwerg zurückgestutzte arme, arme Restwesen einstiger Größe, in den vergangenen Jahren geschafft, seine Verwaltungen mit zehn Prozent mehr Personal auszustatten. Während er im selben Zeitraum insgesamt nur ein Viertel mehr Geld für Personalausgaben zur Verfügung hatte.

Montag, 1. März 2021

Ein Jahr Corona-Pannen: Spahn als Schwarzer Peter

Ein Hoffnungsträger, der im Moment als Schwarzer Peter aushilft: Jens Spahn.
Lange sah es so aus, als habe Jens Spahn damals vor einem Jahr einen schweren Fehler gemacht, als er sein Erbefolgeabkommen mit Armin Laschet aushandelte. Du jetzt Kanzler, ich dann dein Nachfolger, damit hatte Spahn auf Nummer sicher gesetzt in Tagen, als er noch nicht hatte absehen können, dass die Pandemie wichtig sein, sich aber sein persönliches Dauerversagen in der Corona-Krise kein bisschen auf seine Beliebtheitswerte auswirken würde. Da wäre mehr drin gewesen! Viel mehr!

Der Deichgraf der Seuche

Denn ganz im Gegenteil zu dem ,was der Gesundheitsminister leistete, wurde Jens Spahn in den folgenden Monaten medial zum Deichgrafen der Seuche ausgerufen. Ein Mann, der nichts zustande brachte, der Fehleinschätzung an Fehleinschätzung reihte, falsche Parolen ausgab und falsche Schwerpunkte setzte. Dafür aber in höchsten Tönen geliebt wurde. Was auch immer Spahn zu spät anfasste, wo auch immer er luschig durchgehen ließ, was zu neuen Infektionen und tausenden Toten führte, die Hymnen, die sie ihm sangen, klangen in höchsten Tönen.

Niemanden schien zu stören, dass Deutschland nach einem Jahr immer noch nichts über Verbreitungswege wusste, dass die Krankheit selbst ein schwarzes Loch war, dass die Gesundheitsämter so schwach blieben, wie sie zu Beginn gewesen waren, und dass selbst der vierte Impfstoff noch anderswo schneller zugelassen wurde. Beim Impfstoff von AstraZeneca ging Deutschland einen Sonderweg, abseits der Vorgaben der EU, und das mit Erfolg: Der einzige Impfstoff, der in halbwegs zählbaren Größenordnungen vorhanden war, galt dank der politischen Vorsicht schnell als Ladenhüter. Und Jens Spahn schaffte es ganz an die Spitze der für viel Geld ausgedachten Beliebtheitshitparade der Berufspolitik. Ein Kronprinz, das war klar, der kommende Kanzler für 2025.

In Ungnade bei den Medien, die ihn bewunderten, fiel Spahn spät. Obwohl er fake news verbreitet, Abstands- und Maskenregeln erst verbal und dann auch persönlich missachtet hatte und selbst nach einem Jahr weder Test- noch Impfstrategie vorweisen konnte, bedurfte es dazu der Entmachtung durch die Bundeskanzlerin. Die zog Spahns Ankündigung von kostenlosen Tests eigenhändig und öffentlich zurück, um draußen im Lande klar zu stellen, dass der Nachwuchskader im Kabinett ab sofort hauptamtlich als Schwarzer Peter und Prügelknabe arbeitet. 

Nachbau des Berliner Flughafens aus Impfstoff

Was schiefgeht, und in Deutschland geht derzeit kaum etwas nicht schief, ist sein Verschulden. Dass nicht genug Impfstoffe da sind, weil die Kanzlerin im letzten Sommer verhinderte, dass Spahn genug bestellte, liegt an Spahn. Dass das, was zu wenig vorhanden ist, mit einer Langsamkeit verteilt wird, die an den Versuch einer künstlerischen Nachstellung des Baus des Berliner Flughafens erinnert, verbocken nicht die Ministerpräsidenten, die lieber Vorräte anlegen als die Bevölkerung zu impfen. Sondern der Gesundheitsminister, dessen Dienstkalender an die Öffentlichkeit durchgesteckt wurde, um den Druck der Kritik auf Kanzleramt und EU-Chefin zu minimieren.

Das war dringend notwendig geworden, nachdem der Versuch von EU-Chefin Ursula von der Leyen, die Impfstoffhersteller wegen deren gieriger Preispolitik ans Kreuz zu nageln, ebenso gescheitert war wie eine Medienoffensive der Kanzlerin, die nach Monaten nahezu kompletter Unsichtbarkeit außerhalb von Kanzleramt, Bundespressekonferenz und EU-Bühne in einer Serie von hektischen Interviews  klarstellte, dass 70.000 Tote doch eigentlich ganz gut sind und Deutschland auch darauf stolz sein dürfe, mit drei Millionen Bürgern bereits 15 Prozent der im selben Zeitraum geimpften Briten vakziniert zu haben. Die USA impfen inzwischen an einem einzigen Sonntag nahezu so viele Menschen wie Deutschland in den neun Wochen seit Weihnachten. 

Die Einschätzung der Deutschen, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel die Corona-Krise hervorragend manage, liegt nur noch bei 43 Prozent, dies sind 14 Prozentpunkte weniger als noch im April 2020. Nicht viel anders sieht die Beurteilung für Markus Söder aus, dem nur noch 40 Prozent zutrauen, alles richtig zu mache - nach 53 Prozent im April 2020). Der Wumms-Minister Olaf Scholz, immerhin Kanzlerkandidat der SPD, erreicht jämmerliche 21 Prozent, auf knapp mehr kommt Jens Spahn mit 28 Prozent.

Der Durchschnitt ist ein guter Platz

Ergebnis vor allem der Impfkampagne, die als großes Versprechen begann und derzeit nur eine einzige Enttäuschung ist. Deutschland liegt mit seiner Impfquote ziemlich genau im EU-Durchschnitt und dass ist eigentlich ein hervorragender Platz, um bei den Nachbarn nicht unabsichtlich Neid oder Furcht zu schüren. Deutschland, über Jahrzehnte hinweg als monströse Effizienzmaschine bewundert, zeigt sich der Welt in der Pandemie in neuer Gestalt: Ein Häufchen Unglück, das beständig über seine eigenen Füße stolpert, dafür nun aber immerhin jemanden verantwortlich machen kann. Jens Spahn, das Gesicht der Pandemie, vom Körperbau breit genug, damit die Kanzlerin dahinter verschwindet und Ursula von der Leyen sowieso.

Wo gehobelt wird, da fällt der Spahn, aber eben auch nur sinnbildlich, denn im besten Deutschland aller Zeiten, indem wir gut und gerne leben, soweit wir nicht gestorben sind, ist die Rücktrittskultur früherer Tage zuallererst abgeschafft worden. Kein Vergehen, kein Versagen mehr, das heute noch mit persönlichen Konsequenzen verantwortet werden muss. Keine Peinlichkeit, die nicht vorab angekündigt und auf dem Weg des Selbstfreispruchs verziehen wurde.

Euphorisierte Kreuze auf dem Wahlzettel

Auch Jens Spahn wird den kleinen Knick im Liebesentzug überleben und weitermachen. Aus den Kartenhäusern, aus denen sowohl die Union als auch die Bundesregierung in dieser späten Phase der Ära Merkel bestehen, lässt sich kein Blatt ziehen, ohne die ohnehin fragile Gesamtkonstruktion in Mitleidenschaft zu ziehen. Was da noch steht, steht aus Gewohnheit, die da amtieren, tun es, weil kein anderer da ist. Alle Hoffnung und alle Zuversicht speisen sich aus dem festen Glauben, dass bis zur Bundestagswahl ein Impfsturm durch die Lande fegen und anschließend ein immunisiertes Wahlvolk euphorisiert Kreuze aus Dankbarkeit machen wird. 

Gelingt es bis "Ende des Sommers" (Merkel), eine solche Stimmung zu erzeugen, darf auch Jens Spahn weiter mitmachen. Gelingt es nicht, wird er der Spahn sein, der beim Hobeln fällt.

 


Veggie-Day: Die rechte Sehnsucht nach grünen Verboten

Die Ideen der KPD haben im Wahljahr 2021 erstmals Aussicht, eine breite gesellschaftliche Mehrheit zu finden - oder aber von einer abgelehnt zu werden.

Gegen Einfamilienhäuser. Gegen Autofahrten. Gegen eine liberale Wirtschaftsordnung. Gegen Freiheit. Gegen Selbstverantwortung. Für umfassende Sprachvorschriften. Hohe Steuern. Sozialismus. Und Solidarität mit den Bruderländern bis an die Impfliege Ja, ja, ja!  

Wann immer ein grüner oder sozialdemokratischer, ein linker oder christdemokratischer Politiker*inseiender in diesen Tage nach strengen Auflagen für die Reste des bürgerlichen Lebens im Land des ewigen Lockdown rufen, sind es nicht zuallererst die nach Regulierung, harten Kandaren und strengen Regeln traditionell lechzenden Anhänger linker Allmachtsfantasien, die applaudieren. Sondern Konservative, Rechte und Liberale. Von der linken Seite dagegen kommen Bedenken, Angst und Warnungen.

Der Feind jubelt

Verkehrte Welt. Dort, wo im Normalfall gejubelt werden müsste über Ideen wie die radikale Beschränkung der privaten Autofahrten, eine staatlich betreute Mietwirtschaft und eine behördliche Aufsicht über noch vorhandene Lebensäußerungen, sind die Sorgen groß, Menschen, selbst willige, könnten sich zu früh abgeschreckt fühlen vom Ausmaß der geplanten Eingriffe in die Privatsphäre. Kein Auto mehr haben zu dürfen, dafür aber eine neue Heizung anschaffen zu müssen, nicht mehr fliegen zu können, dafür aber auch nicht mehr ins Büro zu dürfen - viele einfache Bürgerinnen und Bürgerseienden sind sichtlich schon im ersten Moment überfordert von der Fülle der mangelnden Möglichkeiten, die schon die nahe Zukunft bieten könnte.

Eilig versuchen grüne Parteivorsitzende und Altinternationale der Ökopartei, die vegane Wurst wieder in die Pelle zu stopfen. Nicht so gemeint. Nie so gedacht. Missverständnis. Hinterlistige Medienente. Selbst Robert Habeck, eigentlich von keinem Selbstzweifel zu irritieren, bekam nach der Kriegserklärung an das Einfamilienhaus, die sein Kollege Anton Hofreiter abgegeben hatte, Angst vor der eigenen Courage, den geplanten gesellschaftlichen Gesamtumbau vorher so deutlich anzukündigen. Habeck, der Taktikfuchs der Grünen, ruderte zurück.

Kein Plattenbau für die Partei

Denn der Mann aus dem Norden weiß, dass auch der eigene Anhang in den hochpreisigen Bionadeadel-Vierteln der Republik einer grundstürzenden Revolution skeptisch gegenübersteht. Zu viel schon haben die zu verlieren, die einst nichts hatten und heute alles besitzen. Man ist hier für grünen Strom und gesunde Wälder, gern zahlt man für ein gutes Gewissen und trennt seine Kartoffelschalen. Aber in einen Plattenbau ziehen, um Außenwände zu sparen? Der Applaus hielt sich in Grenzen.

Ganz anders dagegen beim politischen Gegner. Ausgerechnet auf der politischen Rechten herrschen Frohlocken und klammheimliche Freude, seit der Innendruck aus den Kapillargefäßen der Grünen, Linken und der SPD immer wieder spontan gesellschaftliche Visionen entweichen lässt. Einfamilienhausverbot und Einheitsgehalt, Europaschulden für alle und ein schneller Energieausstieg, jeder Punkt ist mutig, denn er schadet seiner eigenen Umsetzung mehr als er nützt.

Sehnsucht nach dem Veggie-Day

Skrupellos setzen die Vertreter des rückwärtsgewandten Denkens und Handelns in der Politik darauf, dass der Veggie-Day sich wiederholt, jene debakulöse Wahlkampfidee der Grünen, mit der es der damaligen Parteiführung gelang, den eigenen Sprung an die Macht in allerletzter Sekunde zu verhindern. Die Menschen draußen im Lande waren damals noch nicht soweit - und die politische Rechte hofft nun darauf, dass sich daran bis heute nichts geändert hat. 

Grüne und scharflinkse Verbotsorgien, wenn auch als Missverständnisse getarnt, so glauben diese Trommler für schrankenlose Freiheiten, die ihre Grenzen allenfalls in den Schranken der Strafgesetze finden, seien auch in den anstehenden Wahlkämpfen das beste Mittel, Grünen, Linken, SPD und CDU "Wählende" (Duden) abspenstig zu machen. Die damit automatisch zu Anderswählenden oder gar zu Wählenden werden, die nicht wählen - hier in der Dudenredaktion noch über eine korrekte Bezeichnung diskutiert: Wählende, die nicht wählen, sind womöglich Nichtwählende. Allerdings spricht gegen diesen Begriff der Umstand, dass er den Sachstand, dass es sich dabei um frühere Wählerinnen und Wähler handelt, vollkommen außen vor lässt.

Grüne Welt, komplizierte Welt

Grüne Welt, komplizierte Welt. In den vor der Schließung stehenden Autowerkstätten, in den Nagelstudios, bei Kanalbaubrigaden, DHL-Zustellern und Straßenbahnfahrern werden viele aktuelle Probleme, mit denen der Überbau kämpft, derzeit schon einfach ignoriert. Kein Herzdrücken nirgendwo wegen der korrekten Benennung von Hoch- und Tiefdruckgebieten, keine schlaflosen Nächte wegen Nawalny, kaum Alltagssorgen angesichts der zunehmend drängender werdenden Gender-Problematik. Und immer noch schnuppert ein Teil der Bevölkerung mit seinen Chemorezeptoren lieber Neuwagenduft als das Odeur einer Biogasanlage in der Nachbarschaft.

Aus der grünen Parteizentrale betrachtet ist da noch viel traurige Ignoranz den großen Menschheitsfragen gegenüber. Das Klima scheint vielen weniger wichtig zu sein als ein schöner Urlaub, eine stabile und bezahlbare Stromversorgung gilt diesen Uneinsichtigen als nachhaltiger als ein Kaminfeuer. Zugleich aber wissen die Realos an der Spitze der Partei, die früher Bündnis90/Die Grünen hieß, das Bürgerrechtserbe der DDR aber glücklich hinter sich gelassen hat, dass auch die Stimmen der Ignoranten gebraucht werden, um die vielen, vielen gesellschaftlichen Visionen umzusetzen. 

Deshalb heißt es Schweigen über das, was werden wird, wenn man erst machen darf.

Sonntag, 28. Februar 2021

Comeback nach 30 Jahren: Kommunismus, jetzt sofort!

Wissler und Hennig-Wellsow stehen für ein klares Ziel: Nicht mehr Kuchen, sondern die ganze Bäckerei.


Sie sind jung, sie sind weiblich und sie machen keinen Hehl aus ihren Absichten: Mit der Wahl von Janine Wissler und Susanne Hennig-Wellsow bekennt sich die Linkspartei erstmals seit ihrer Namensänderung von SED zu "SED-PDS" wieder klipp und klar zum Kommunismus als gesellschaftspolitischem Ziel. Kein Herumgerede mehr über "Sozialismus", "soziale Gerechtigkeit" und Chancengleichheit, keine Ausflüchte, es könnte dabei bleiben, dass nur die Superreichen mit Hass und Häme überzogen werden, um die gesellschaftliche Spaltung zum eigenen Nutzen zu vertiefen und zu verbreitern. Jetzt geht es um alles, jetzt geht es um die Regierungsbeteiligung, um die Macht und den Generalangriff auf die Grundlagen der freiheitlichen Gesellschaft.  

Mittelalte weiße Bildungsbürgerkinder

Mit Wissler und Hennig-Wellsow, zwei eher bräsig und begrenzt gefährlich wirkenden mittelalten weißen Bildungsbürgerlinken aus Hessen und Mecklenburg, die Erziehungswissenschaften und Politologie studiert haben und so viel Diversität versprühen wie eine deutsche Kartoffel-Nationalmannschaft, übernehmen zwei Chefinnen die nunmehr als "Linkspartei" firmierende SED, die noch keinen einzigen Tag in ihren 43 und 38 Jahre währenden Leben gearbeitet haben. Wissler wie Hennig-Wellsow entstammen derselben neuen deutschen Nomenklatur wie Kevin Kühnert, Aydan Özoguz, Juliane Seifert und Florian Pronold und Sawsan Chebli, sie gleichen den Manuela Schwesig,  Lars Klingbeil und Carsten Schneider der anderen Parteien wie ein Ei: Nachwuchskader aus der Asiette der Parteibrutanstalt, die schon vor dem Abitur in die Partei eingetreten sind, während des Studiums dann für einen Abgeordnetseienden arbeiten, ehe sie selbst in leitende Parteiämter aufrücken.

Für den kommenden Kommunismus sind das gute Nachrichten. Die neue Generation der Funktionäre ist jung genug, den letzten Versuch der Errichtung einer gerechten Gesellschaft der Gleichheit aller nur noch als Kind erlebt zu haben. Unbeleckt von den Opfern, die das Menschenexperiment mit Millionen gefordert hat, kämpfen sie heute für einen neuen Versuch: Es war nicht alles schlecht, da sind sich Linke aus der Linkspartei und Realos bei der SPD, die Grünen und der Merkel-Flügel der CDU weitgehend einig.

Anschlussfähige Enteignungsideen

Wer hier noch Unterschiede finden will, muss zur Lupe greifen. Kevin Kühnerts Enteignungsfantasien, nach denen „jeder maximal den Wohnraum besitzen sollte, in dem er selbst wohnt“ und alles, "was unser Leben bestimmt, in der Hand der Gesellschaft sein" muss,  würde Wissler zweifellos unterschreiben, denn sie lehnt den Kapitalismus als „unmenschliches, grausames System“ ab und strebt eine "klassenlose Gesellschaft" an. Ihre neue Spitzengenossin Hennig-Wellsow nennt es "das Martyrium des Kapitalismus", abzuschaffen nach Ansicht von Wissler erklärtermaßen nicht friedlich über Parlamente oder Regierungen, sondern, das ist Tradition, durch eine Revolution.

Achselzuckend nimmt die liberale Restgesellschaft die Kampfansage hin, die Drohung geht bei Gleichgesinnten als Zeichen dafür durch, dass die beiden Klassenkämpferinnen "die Linke einen und nach vorne bringen". Linksliberale Medien feiern mit, die staatlich finanzierte "Tagesschau"  konstatiert neblig, die beiden wollten "gesellschaftliche Veränderung". Gemeint ist nach allem, was Janine Wissler vor ihrer Wahl - wie in ihrer Partei jahrzehntelang gute Übung ohne Gegenkandidaten - verkündet hat, "das System aus den Angeln zu heben" und die "Macht- und Eigentumsverhältnisse zu verändern" (Wissler). Auch in ihrer Bewerbungsrede versprach sie einen „Systemwechsels“ - weg vom parlamentarischen System, weg von der Marktwirtschaft, weg von einer Gesellschaft freier Entscheidungen des Einzelnen. Hin zu Kollektivismus, Gleichmacherei von oben, Planwirtschaft und Enteignung..

Beste Aussichten also für die Generation Parteiarbeiter, die nun auch die Linke übernommen hat. In einem Moment höchster Not, denn die durch den Anschluss der westdeutschen Lafontaine-Linken kurzzeitig gestärkte Partei - immer noch rechts- und vermögensidentisch mit der Ende April 1946 im Berliner Admiralspalast gegründeten SED - steckt in einer tiefgreifenden und langanhaltenden Krise. Die Wahlergebnisse bröckeln schon seit Jahren, die Linke ist drei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung nur in zehn Landesparlamenten vertreten, davon liegen nur vier in Westdeutschland, davon wiederum sind drei kleine, bedeutungslose Länder. Regierungsverantwortung trägt die SED, die vor 31 Jahren noch ganz Ostdeutschland regierte,  nur in Thüringen - und selbst dort ist sie auf die wohlwollende Duldung der CDU angewiesen, die nur so lange sicher ist, wie die deren Bundesspitze lieber mit ganz links als mit rechts paktiert.

Der kommunistische Karren im demoskopischen Dreck

Wissler und Hennig-Wellsow, bundesweit vollkommen unbekannt und im Talkshowgeschäft völlig unerfahren, müssen den kommunistischen Karren nun aus dem demoskopischen Dreck ziehen. Weil die Linke dem Schwenk vom Klassenkampf zur Klimaschlacht verpasst hat und die Grünen auf dieser Strecke weit davongezogen sind, bleibt nur die Verschärfung der Klassengegensätze, das Beschwören des letzten Gefechts und die unverhohlene Drohung, die Gesellschaft „grundsätzlich zu verändern“. Janine Wissler, eingeschriebene Anhängerin der weltrevolutionären Ideen Leo Trotzkis, hat in ihrer Antrittsrede keine Zweifel daran gelassen, wohin die Reise gehen soll: "Es geht nicht nur um ein größeres Stück vom Kuchen. Es geht ums Ganze, es geht um die Bäckerei."

Samstag, 27. Februar 2021

HFC: Auf der Felge ins Ziel

Ein Führungstreffer wie aus dem Nichts: Boyd macht das 1:0 nach einer Nietfeld-Ecke.

Immer nur ein Punkt oder aber nicht mal einer wie zuletzt im Auswärtsspiel gegen Meppen - ein Jahr nach der Übernahme des Traineramtes durch Florian Schnorrenberg war der Hallesche FC zum Start in den zweiten Corona-Winter wieder in die Situation gerutscht, die den Klub von der Saale um den Jahreswechsel 2019/2020 in akute Abstiegsgefahr gebracht hatte. Die Stürmer trafen nicht mehr oder doch jedenfalls nur noch selten. Und die Abwehr ließ immer wieder einfache Gegentore zu. Der einzige Unterschied zu den letzten Tagen der Ära Ziegner war die Stimmung: Statt Weltuntergang vorauszuahnen, ließen die endlose Serie von Unentschieden weiterhin die Möglichkeit der Vermutung zu, nach einem Befreiungsschlag könne sich alles zum Besseren wenden.

Wann aber, wenn nicht im Heimspiel gegen den VfB Lübeck, einen Verein, gegen den die Rotweißen schon unter Sven Köhler in der Regionalliga gespielt hatten, damals noch mit Spielen wie Pavel David, Markus Müller, Thomas Neubert, Adli Lachleb und Ronny Hebestreit. Leichter als damals aber ist es heute auch nicht, zumindest nachdem die ersten fünf Minuten überstanden sind. Die hatten die Gastgeber noch im Griff gehabt, danach aber kehrt das spielerische Elend der letzten Wochen mit Macht zurück und hebt sein hässliches Haupt. Das anfangs konsequente Pressing verwandelt sich in ein symbolisches Anlaufen, das bruchstückhafte Kombinationsspiel versandet ganz.

Entscheidungsspiel gegen den Tabellenletzten

Es spielt der Gast, herzlich eingeladen von einem passiven HFC, der diesmal mit Menig in der Abwehr und dafür mit Landgraf im Mittelfeld versucht, nicht wieder in eine Konterfalle zu laufen. Das gelingt, denn wer nicht selbst spielt, kann im Vorwärtsgang keinen Ball verlieren. Weil aber auch Lübeck, angereist als Tabellenletzter mit einer Erfolgsstatistik, die nicht mit der Lupe, sondern mit dem Mikroskop gesucht werden muss, im Grunde genommen nichts Brauchbares zustandebekommt, erinnert das Geschehen auf dem ackerähnlichen Rasen des früheren Kurt-Wabbel-Stadions eher an eine wilde Schlacht im Freizeitfußball als an Dritte Liga.

Fehler, Missverständnisse und gute Ideen, die die Mitspieler unangenehm überraschen, prägen das Bild. Ein weiteres Remis deutet sich an - bis Jonas Nietfeld in der 43. Minute zur ersten Ecke des HFC stiefelt. Normalerweise bedeutet das keine Gefahr für die Torleute gegnerischer Mannschaften, denn die kurze Phase in der Vorsaison, als es gerade Ecken und Freistöße waren, die dem HFC die Ligazugehörigkeit retteten, ist schon seit Monaten vorüber. Dem Kapitän aber, vom Stürmer umgeschult zum defensiven Mittelfeldmann, gelingt das Erstaunliche: Nietfeld bananenflankt den Ball zielgenau auf den Kopf von Terrence Boyd. Und der lenkt ihn ins lange Eck, ohne hinzuschauen.

Nicht verdient, aber glücklich

Nicht verdient, aber glücklich, diese Halbzeitführung. Die Schnorrenbergs Männern überdies Mut zu machen scheint. Mit Beginn der zweiten Hälfte schnüren sie Lübeck wieder ein, mehrfach liegt das 2:0 in der Luft, ohne letztlich zu fallen. Dazu muss erst wieder Nietfeld ran: In der 51. Minute tritt der 27-Jährige seine zweite Ecke, wieder von links, wieder genau auf den Kopf eines Mitspielers. Stipe Vucur verlängert. Und am langen Pfosten steht Julian Derstroff, der das Leder ins Tor lenkt.

2:0, nun doch verdient, denn Lübeck  zwingt HFC-Torwart Kai Eisele kaum einmal zum eingreifen. Wer aber glaubt, dass der HFC die in der letzten halben Stunde überaus anfälligen Grünschwarzen nun an die Wand spielen wird, um das fürchterliche eigene Torverhältnis aufzuhübschen, irrt. Selbst mit dem sicheren Vorsprung im Rücken klappt kaum etwas. Die Bälle verspringen, die Mitspieler sind nicht dort, wo der Passgeber sie wähnt, ein organisiertes Offensivspiel gelingt allenfalls über zwei, drei Stationen. Danach gurkt dort unten wieder eine Hobbyelf.

Geschenk für die Gäste

Die auch noch großzügige Geschenke verteilt. Es ist Nietfelds vierte Ecke, die die bis dahin ratlos einer klaren Auswärtsniederlage entgegensehenden Lübecker wieder ins Spiel bringt. Wieder gut getreten, diesmal aber ohne krönenden Abschluss, fliegt der abgewehrte Ball weit nach linksaußen, wo Vucur mit hochgerecktem Bein beim Versuch scheitert, den Konter frühzeitig zu unterbinden. Vor Eislele ist alles noch in Offensivformation, der Keeper selbst versucht, sein Tor zugleich links, Mitte und rechts abzudecken. Ramaj findet die Lücke und schießt von Eisele aus gesehen ins kurze Eck.

Es ist die 71. Minute und mit Blick auf die Uhr erheben sich die Gespenster all der Spiele, die zuletzt nicht gewonnen werden konnten. Schnorrenberg wechselt nun, was er wechseln kann, aber der kurze flow von vor dem 2:0 will nicht wiederkehren. Der HFC hat spürbar Angst vor dem nächsten Remis, die Gäste dagegen spielen wie im Pokal Alles oder Nichts. Das Zuschauen tut weh, je länger es dauert, desto mehr. Harte Fußballarbeit ist das, Überlebenskampf ohne Bewerbung um einen Schönheitspreis. Bis zum Ende der vierten Nachspielminute rumpelt und schleift das Geschehen im leeren Stadion dem erlösenden Schlusspfiff entgegen, eine Fahrt auf der Felge, die ihre Spannung allein aus dem Umstand bezieht, dass beide Mannschaften jederzeit in der Lage sind, den Fehler zu machen, der die Entscheidung bringt.

Er passiert nicht, und so liegen sich schließlich die Rotweißen in den Armen, überglücklich, nach einem langen Monat endlich wieder einmal drei Punkte geholt zu haben. Drei Punkte gegen den Abstieg, denn wer in Halle derzeit wirklich noch das Wort von der 2. Liga in den Mund nimmt, der kann die aktuelle Mannschaft nicht spielen gesehen haben.

Zitate zur Zeit: Jetzt scheint keine Sonne mehr

Ihr alle habt euch jahrelang in meinen Erfolgen gesonnt! Der große Friedenspräsident und sein umwerfendes Team. 

Aber jetzt scheint keine Sonne mehr, und wenn uns nicht sehr schnell etwas sehr Gutes einfällt, dann beginnt für die meisten hier demnächst die Eiszeit. 

Also, lasst euch verdammt noch mal etwas einfallen!

Martin J. Kreiter, "Der Falke - Im Visier des Bösen"

EU bald mit noch mehr Symbolik: Aufbruch zum Impfpass

Der digitale EU-Impfausweis wird viel moderner aussehen, aber dieselbe Funktion haben.

Es hat sie in allen Krisen gegeben, in allen Kriegen und Sondersituationen. Entfernt sich das Leben durch äußere Umstände vom Normalzustand, entsteht umgehend eine ganze Kultur an Sonderausweisen. Kein Zutritt ohne, nicht jedenfalls zu diesem Gebäude, in diesen Stadtteil, diese Stadt, dieses Land, diese Staatengemeinschaft. Die Geschichte kennt zahllose Beispiele für Papiere, die in Russland propusk und im englischsprachigen Raum special pass heißen. Die Deutschen regelten in ihrer Geschichte den lebensrettenden Zugang zu Bunkern im Fall von Bombenangriffen und sogar die Möglichkeit, das eigene Haus im Grenzgebiet zu besuchen, mit Hilfe solcher Betretungsberechtigungsscheine - Ruhe und Ordnung, vom ersten Tag der großen Corona-Krise an Hauptsorge der Regierung, lassen sich so vorabgeregelt und abgestuft sicherstellen.  

Schwerfällig in  schwerer See

Nun hat sich in der Pandemie mehr und deutlicher noch zu erkennen gegeben, dass die  kreuzfahrtschiffhafte Konstruktion der Europäischen Union bei stiller See und Sonnenschein zwar niemanden weiter stört, beim ersten Sturm aber Menschenleben kostet. Ein-, zwei- oder dreimal nicht aufgepasst, schon impfen alle anderen schneller und außer einer Überdosis Manipulation und  der Zusicherung, es werde aber immerhin für einen sehr, sehr guten Zweck gestorben, bleibt nicht viel an Trost. Die symbolisch errichteten Impfzentren, als Fackeln der Hoffnung geplant, stehen weitgehend leer. Das detailverliebt geplante und elektronisch aufgesetzte menschenverachtende System zur Erbettelung von Impfterminen sorgt nicht für Zuversicht, sondern für Unmut, den selbst wirre Lockerungspläne und Erleichterungsmatrixen kaum noch im Zaum zum halten vermögen.

Was aber wäre die EU, was wäre Deutschland, könnten die Beraterstäbe und Worthülsendreher nicht sofort mit der nächsten hochsymbolischen gemeinsamen europäischen Lösung aus der Dauerpanne helfen. Diesmal wird ein Impfpass versprochen, ein Sonderausweis für jedermann, der sich den "Pieks" (Bundesregierung) abholt. Mit Impfpass wird der Besuch von Kneipen, Theatern, Konzerten und Fußballstadien wieder möglich, Impfpassinhaber dürfen reisen und ins Freibad gehen, im Restaurant essen und in Hamburg auch wieder ohne Maske joggen. 

Liebevolle Beschreibung als "holpriger Impfstart"

Aussichten, die den "holprigen Impfstart", wie es die "Welt" im Versuch nennt, ein komplettes Debakel trotzig als Teilerfolg zu verkaufen, vergessen lassen sollen. Keine fünf Prozent der Deutschen sind geimpft, nach zwei Monaten - bei diesem Tempo der größten Impfkampagne der Menschheitsgeschichte wird es bis Herbst 2022 dauern, bis wenigstens die Hälfte der Bürgerinnen und Bürger Antrag auf Ausstellung eines Impfpasses stellen könnte. Aber in Zeiten, in denen selbst eingeschworene Realitätsleugner die Nerven zu verlieren scheinen, ist jede Symbolhandlung gut genug, die angeschlossenen Sendeanstalten zu beschäftigen und damit auch zu besänftigen.

Der Impfpass würde genau die Zwei-Klassen-Gesellschaft begründen, die Bundeskanzlerin Angela Merkel bisher strikt und entschieden ausgeschlossen hat, doch das schrumpft zur Petitesse. Dann hat sie das eben gesagt. Und jetzt sagt sie eben was anderes. Die Leute reden so viel. Und am Ende stimmt es immer alles nicht. Ist doch auch egal. Schließlich war es ein EU-Sondergipfel, der den Beschluss gefasst hat. Da kannst du als Deutschland gar nichts mehr machen. Dich nur freuen, denn der neue Sonderpass wird zwar "ein nationaler digitale Impfausweis" (Tagesschau) sein, aber "europaweit gelten". Wenn man sich auch noch nicht einigen konnte, wofür eigentlich. 

Langsam, aber richtig teuer

Dass die EU-Kommission "in den kommenden drei Monaten für die technischen Voraussetzungen sorgen" wird, das digitale Papier in allen 27 verbliebenen Mitgliedsländern einzuführen, nährt den Verdacht, dass das alles ohnehin nicht ernst gemeint ist. Legendär ist heute schon der EU-Wiederaufbauplan für Europa, den Ursula von der Leyen vor knapp einem Jahr vorgestellt hatte. Im August 2020 hatte das von 750 Milliarden auf eine Billion Euro aufgeblasene Paket feierlich den schönen Namen "Next Generation EU" erhalten. Im Dezember war endlich Einigkeit über die Verteilung der Billion erzielt worden. Anfang Februar schließlich segnete das EU-Parlament die fantastrilliardische Rettungsmaßnahme ab. Und wenn nun auch noch alle 27 Staaten zustimmen, kann noch vor der Bundestagswahl angekündigt werden, dass Geld schon bald fließen wird.

Freitag, 26. Februar 2021

Energiesicherheit: Deutscher Ausstieg mit Atomstrom

Deutschland setzt auch künftig auf Atomstrom.

Das hätte auch schiefgehen können. Auch fast zehn Jahre nach dem deutschen Beschluss zum rigorosen Energieausstieg hatte die Bundesregierung noch kaum Erfolge beim Aufbau speichernder Netze und windkraftgetriebener Fahrzeuge vorzuweisen. Stattdessen sorgten die Ausstiegskosten zuletzt für so viel Unmut, dass der Bundeswirtschaftsminister selbst ankündigen musste, dass künftig nicht mehr stromverbrauchende Steuerbürger*innen sondern ausschließlich steuerzahlende Stromverbraucher die Kosten für den weltweit vielbeachteten deutschen Fantasiestrompreis übernehmen würden. Dadurch profitiere das Klima weiterhin von der - dann abgeschafften - Erneuerbare-Energien-Umlage. Ohne dass die beschwerliche Strecke, die bis zum Ausstieg auch aus Kohle, Öl und Gas noch zurückzulegen ist, direkt auf den Zähler schlägt.

Pelletts aus eigenen Anbau

Wie aber ein Land am Laufen halten, das allen Prognosen zufolge auch in fünf, zehn und 15 Jahren noch Restenergie nutzen müssen wird? Können Grüne Physik, Windradvoodoo, die Abdeckung früherer landwirtschaftlicher Flächen mit Solarpanelen, Pellets aus eigenem Anbau und intelligentes Lademanagement wirklich ersetzen, was im Moment noch durch die Leitungen vagabundiert, eingespeist gerade in den dunklen, kalten Tagen des Klimawinters aus vorsintflutlichen Kern- und Kohlekraftwerken? 

Es war lange ungewiss, so ungewiss sogar, dass im Vertrauen darauf, dass sich zu gegebener Zeit sicher irgendeine Art von Lösung finden werde, gar nicht mehr darüber gesprochen wurde. Der deutsche Energiekonsens, ein zerbrechliches Gebilde aus Sehnsucht, Hoffnung und irrationalem Glauben, verließ sich auf Pläne, die ausschließlich aus Zielen bestanden, die in Papieren niedergeschrieben worden waren, von denen schon wenige Wochen nach ihrer Verabschiedung nicht mehr weiter die Rede war.  Irgendwie und irgendwann würden Straßen die Kraftwerke ersetzen, neue Kunsthochschulen das Land beheizen und neue Professuren zur Erforschung des Lebens ohne Kohle, Öl und Gas die Stromversorgung sicherstellen.

Ausstiegsunwillige Rückständler

Und schließlich sind da ja auch noch die Nachbarn, weitgehend ausstiegsunwillige Rückständler, die die Zeichen der Zeit noch nicht erkennen können, weil es ihnen an der sozialen und klimatischen Intelligenz fehlt der Deutschen 2.0 auszeichnet. Sie heizen mit Kohle, betreiben Kernkraftwerke und übertreiben es damit soweit, dass Deutschland immer öfter einspringen muss, um überproduzierten Klimastrom abzunehmen. Eine stille, aber zutiefst europäische Zusammenarbeit: Die einen steigen demonstrativ aus, die anderen lassen laufen, länger nun sogar. Frankreich etwa hat nun beschlossen, aus dem deutschen Atomkraftausstieg auszusteigen. Und die gesetzliche Laufzeit seiner Alt-Reaktoren aus den 80er Jahren von 40 auf 50 Jahre zu erhöhen.

Bis mindestens 2030 ist damit auch das Schreckgespenst der deutschen Dunkelflaute verjagt, mit dem Energiezweifler und Angstmacher immer wieder gegen den Energieausstieg gehetzt hatten. Nachdem die französische Atomaufsicht Autorité de sûreté nucléaire angewiesen hat, dass die nach Bauplänen aus den 60er und 70er Jahren errichteten 32 Meiler - 13 von ihnen das Höchstalter von 40 Jahren bereits überschritten - repariert werden müssen, dann aber weiterlaufen dürfen, ist auch die deutsche Ausstiegsenergieversorgung perspektivisch sicher.

Flucht nach vorn: Wie die deutschen Medien ihre Regierung im Stich lassen

Entsetzen, Erschrecken, blanker Schock, Verblüffung und sogar Angst - als treue Zuschauer*innen der beliebtesten deutschen Nachrichtensendung "Tagesschau" gestern auf die Internetseite der staatlich finanzierten Sendung schauten, erwartete sie ein böses Erwachen. "Impfdesaster mit Ansage" titelte die Redaktion, auf die in im bisherigen Verlauf der Corona-Pandemie immer Verlass gewesen war. Die "Tagesschau" vermittelte vom ersten Tag an stets getreulich, wie richtig alle Maßnahmen der Regierung waren, wie alternativlos und gut die Schritte von Gesundheitsminister, Kanzlerin und Ministerpräsidenten im Kampf gegen die Krise und wie glücklich die Einwohner Deutschlands sein konnten, den Weltuntergang hier und nicht irgendwo anders erleben zu dürfen.  

Die "Tagesschau" und die Triumph-Trompeten

Noch Mitte Februar, als selbst EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen fast schon versucht war, die größte EU-Impfkampagne aller Zeiten als nicht ganz so durchschlagenden Erfolg zu bezeichnen, blies die "Tagesschau" noch die Triumph-Trompeten und wies Skeptiker, Zweifler und Kritiker harsch in die Schranken: Deutschland sei überhaupt nicht Letzter und Langsamster bei den Impfungen, wie im Netz kursierende fake news behaupteten. Richtig sei vielmehr, dass das Land bei den Impfungen pro Kopf weit vor Bangladesch liege und insgesamt weit mehr Menschen geimpft habe als Gibraltar.  

Ein Leistungsnachweis des Gemeinsinnfunks, der trotz zuletzt nicht weiter erhöhter Zahlungen beweist, wie gut er immer noch nach unter vermitteln kann, wie gut die Beschlüsse sind, die oben gefällt wurden. Doch mit dem 25. Februar 2021 scheint diese Ära der gedeihlichen Zusammenarbeit von Exekutive und Übermittlungsbeauftragten beendet. Erstmals wendet sich die wichtigste Redaktion des größten Staatswohlsenders gegen vermeintliche Missstände des erfolgreichen deutschen Corona-Managements - ein besorgniserregendes Zeichen, denn die "Tagesschau" ist mit ihrem plötzlichen Verrat an der gemeinsamen Seuchenstrategie von Bundesregierung, Ministerpräsidenten, Parlamenten und deutschen Medien nicht allein. 

Ein plötzliches Umkippen in Unwillen

Heribert Prantl in der Süddeutschen Zeitung, die "Welt", die FAZ, sogar der bisher immer tapfer für Angela Merkel und Jens Spahn kämpfende "Spiegel" - überall ist ein plötzliches Umkippen in Unwillen mit der irrlichternden Regierungstaktik im Umgang mit der Pandemie zu sehen. Wo Kritiker der stets zu spät getroffenen Regierungsentscheidungen zu Maskentragen, Grenzschließungen und Impfstoffbestellung bisher verlässlich als Leugner, Leerdenker und rechtsextremistische Feinde unserer Ordnung gebrandmarkt worden waren, zielen die Kanonen auf einmal nicht mehr auf die Spatzen. Sondern in Richtung der deutschen und europäischen Institutionen, denen Deutschland und die EU es verdanken, dass das alte Europa weltweit am schwersten von der Pandemie getroffen wurde.

Ein spätes Erwachen, denn obwohl die EU weit mehr Todesopfer zählt als selbst die USA, deren Tote in deutschen Medien laut betrauert werden, standen die deutschen Leitmedien von wenigen Ausnahmen abgesehen gegen alle Fakten, gegen jede Erkenntnis und trotz besseren Wissens in Treue fest zur wendungsreichen und sprunghaften Eindämmungspolitik. Mochte auch gelogen werden wie bei den Masken, mochten Infektionen monatelang importiert werden, mochte die teuerste Corona-Warnapp der Welt sich als untauglich erweisen und jedermann schnell klar geworden sein, dass niemand bei Bund und Ländern in der Lage ist, einen Blick auf erfolgreiche Corona-Strategien anderer Länder zu werfen - deutsche Medien taten es. Am liebsten, indem sie jeweils dort hinschauten, wo es noch schlechter lief. Um dann zu loben, wie gut es Deutschland hat.

Auf einmal überall Versagen

Erst mit dem Versagen bei der Impfstoffbestellung der EU, das zugleich die Unfähigkeit Deutschlands zeigte, eine auch nur halbwegs erfolgreiche Verteilung des wenigen vorhandenen Impfstoffes zu organisieren, scheinen selbst die treuesten Propagandisten des Heile-Welt-Journalismus nun die Nerven zu verlieren. Plötzlich wird überall geschimpft und kritisiert, selbst das SPD-nahe Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND), seit zwölf Monaten eine stete Quelle verlässlicher Regierungspropaganda, lässt ein Großkollektiv seiner Edelfedern dreist "Die 10 größten Fehler der deutschen Corona-Politik" auflisten - damit andeutend, dass es noch viele, viele mehr gebe. Etwa bei der EU, der der im politischen Berlin als "Reichsnachrichtendienst" verspottete RND einen zornigen Beitrag mit dem Titel "Europa in der Corona-Krise: Zu zaghaft, zu langsam, zu eigensinnig" widmet.

Schlimm. Gleich zwei Fehlerartikel an zwei aufeinanderfolgenden Tagen. Zwei mehr als in den 365 Tagen zuvor. Doch wie schlimm muss es erst um den moralischen Zustand von Redaktionen bestellt sein, die 500 Tote am Tag brauchen, ehe sie beginnen, nicht mehr nur zu fragen, wie fantastisch und toll das wieder alles gelaufen ist und was da faul ist im Staate Dänemark, in den USA und Brasilien. Sondern auch direkt vor der Haustür? Natürlich bedurfte es erst einer Freigabe durch die Kanzlerin, die Mitte Februar selbst von "Fehlern" gesprochen hatte und damit wohl die Schleusen öffnete, durch die nun schlagartig ganze Batterien umgedrehter Kanonen gezogen werden.

Donnerstag, 25. Februar 2021

Mit dem Pfund wuchern: Ist das nun die Strafe für den Brexit?

Das Ende einer Weltwährung: Das Pfund wird teurer, der Euro fällt.

Der Untergang war eingepreist. Als die Briten für einen Austritt aus der EU stimmten, begann nicht nur ein großes Klagelied auf dem Kontinent, sondern auch der Niedergang der britischen Währung.  bald würde auf der Insel nicht nur Gemüse fehlen, sondern auch Geld. Nachdem eine kleine, aber von Putin und Boris Johnson radikalisierte Mehrheit der Briten sich gegen ein gemeinsames Haus Europa und für den Umzug in eine Einliegerwohnung entschieden hatten, warnten deutsche Politiker und Medien mit Nachdruck vor den Schrecken des Separatismus: Großbritannien würde verarmen, niemand würde mehr hinfahren, die britischen Intellektuellen, Findigen und Reichen würden fliehen, das Pfund alle Bedeutung verlieren.

Kein Leben außerhalb der EU

Vier Jahre lang versuchten die Profis an der Spitze der EU alles, um die britischen Freunde vor dem Schlimmsten zu bewahren. Die EU, von der Überzeugung regiert, dass es außerhalb ihrer Grenzen kein menschliches Leben geben kann, siegte letztlich wie immer nach Punkten: Die Großgemeinschaft bekam nach den Buchstaben des Austrittsvertrages ein paar Sprotten und Heringe. Die Aussteiger aber bekamen die Souveränität über ihre Angelegenheiten zurück.  

Als die Pandemie begann, war klar, wie groß der Fehler war. Boris Johnson, selbst bald infiziert und von Brüssel und Berlin aus betrachtet fast so gut wie tot, erwies sich als vollkommen unfähig, die Seuche so souverän zu handeln wie das Emmanuel Macron, Angela Merkel, Ursula von der Leyen und die wechselnden italienischen Ministerpräsidenten schafften. Die Wirtschaft ging in die Knie, die Lkws stauten sich und der britische Impfstoffnationalismus mochte, verglichen mit der EU, jede Woche sieben oder gar zehntausend Menschenleben retten. Aber wer will schon in Großbritannien leben, wenn er in der EU sterben kann?

Der ausgefallene Weltuntergang

Nur Spekulanten, Börsenzocker und Impfstoffprofiteure. Während der Brexit als Weltuntergang langsam komplett aus allen Medien verschwand, erstand ausgerechnet das von den Politikern der Euro-Staaten bereits für alle Zeiten entsorgte britische Pfund wieder auf. Im Vergleich zum Dollar erreichte die britische Währung mit knapp unter 1,43 Dollar gerade ein Drei-Jahres-Hoch. Auch wer mit Euro  Pfund kaufen will, muss mit 1,16 Euro mehr bezahlen als vor einem halben Jahr. Und sogar sehr viel  mehr als nach dem Referendum 2016, als das Pfund für unter 1,10 Euro zu haben war.

Strohfeuer? Oder doch die vielbeschworene Strafe für den Austritt? Waren Beobachter bisher davon ausgegangen, dass Deutschland bereit sei, sie zu zahlen, um die Wertegemeinschaft um jeden Preis zusammenzuhalten, frohlocken die Briten nach dem Komplettversagen der EU bei der Beschaffung und Verteilung von Impfstoffen gegen Corona noch im Nachhinein über ihren Austrittsbeschluss. Der Brexit selbst ist Geschichte, selbst engagiertesten Medienhäusern keinen Tropfen Tinte mehr wert.   

Das britische Pfund aber profitiert von der erfolgreichen britischen Impfkampagne und der damit absehbaren Rückkehr zur Normalität - ein Kontrastprogramm zum fortschreitenden Verfall in EU-Europa, das gerade pünktlich zum Jahrgedächtnis des Pandemiestarts beschlossen hat, auf einem EU-Gipfel die "Maßnahmen gegen Pandemie besser abzustimmen" (Deutsche Welle).

Impftermine: Ein menschenverachtendes System

Die Hochrisikogruppe der Alten und Älteren darf seit Monaten darum betteln, am Leben gehalten zu werden.

Sie haben den Krieg als Kinder überlebt, den goldenen Westen aufgebaut oder aber unter der blutigen Knute der Kommunisten für ihre Brüder und Schwesterinnen jenseits der Grenze die Reparationen an Russland mitbezahlt. Endlich wieder vereint, waren sie es, die das Europa der Klima-Enkel und Enkelinnen entwarfen und errichteten, freitags schulfrei, im Sommer auf die Balearen, überall dasselbe Geld und für alle genug davon, dass niemand frieren musste. 

Strafe für die Aufbaugeneration


Dann kam die Pandemie, der Volkswille manifestierte sich, zuerst die zu schützen, die das alles möglich gemacht hatten, den Wohlstand und die grenzenlose Solidarität, die Impfstoffentwicklung durch hochkapitalisierte und auf Rendite geeichte Privatfirmen und die Energiewende, die zumindest den klügeren deutschen Zahnärzten durch stabile Ausschüttungen der Sonne die Privatinsolvenz wegen ausbleibender Patienten ersparte. Die Alten zuerst beim Impfen und digitale Termine für die, den Bildschirm manchmal kaum noch erkennen können, das war die Parole.

Schnell war die Kassenärztliche Vereinigung, eine der führendsten deutschen High-Tech-Institutionen, dabei, eine Internetseite zu programmieren. Es war womöglich die erste, die jemals ein Arzt gestaltet hatte, denn abgesehen von den Kinderkrankheiten der ersten Monate, als die Seite überlastet zusammenbrach oder einfach so nicht zu erreichen war, ist sie zu einem wunderbaren Aushängeschild von Corona-Deutschland geworden: Umständlich, irrsinnig, widersprüchlich und 23 von 24 Stunden am Tag unbenutzbar, markiert impfterminservice.de zweifellos den Höhe- und Tiefpunkt dessen, was die früher so viel beneidete Nation der Ingenieure, Techniker und Buchhalter in diesen Tagen auszeichnet.
 

Kein Fehler im System

 

D
och es ist kein Fehler im System, der hinter dem Aufbau der Bundesanmeldeseite steht, sondern die bittere Konsequenz eines Staatswesens, das seine Bürgerinnen und Bürger als zuallererst als Bittsteller begreift, denen bei Wohlverhalten "Privilegien" (Merkel) gewährt werden können. Impfterminservice.de führt das Prinzip zur Perfektion: Um die vorgeschriebene Prüfung der eigenen Impfberechtigung absolvieren zu dürfen, müssen impfwillige Senioren zuallererst einen Augenblick abpassen, an dem in ihrer Region Impfdosen vorrätig sind. Dann, und nur dann, gelangen sie auf eine Seite, die verrät, welche Voraussetzungen der Impfwillige mitbringen muss, um eine staatliche Impfberechtigung zu erhalten.
 
Dort sind nun weitere Prüfungen zu bestehen, Gegner zu besiegen und  Schikanen zu überwinden, um ins nächste Level vorzudringen: Impfwillige, die impfberechtigt sind, erhalten einen Code. Der muss binnen einer kurzen Frist in ein Kästchen eingetragen werden. Ist das gelungen, wird ein zweiter Code zugesendet, der nun  in den inneren Bereich des Endgegners führt. Der kann nur besiegt werden, wenn es gelingt, binnen von neun Minuten eine Anzahl von Fragen zu beantworten, mit denen die Impfbehörde nicht nur den körperlichen, sondern auch den geistigen Grundzustand des Impfbettlers feststellen will.

Ohne Zugang zu einem Rechner oder einem Smartphone keine bestandene Prüfung und kein Termin, nicht diese Woche, nicht nächste, nicht nächsten Monat und nicht nächstes Jahr. Während sich in den Tiefkühllagern die Impfstofflieferungen stauen, stauen sich vor den Rechnern und an der Hotline Rentnerinnen und Rentner, die um Impfung flehen. Meist vergebens, denn das die hochkomplizierte Machtmechanik zeigt ihre Verachtung für die, die auf sie angewiesen sind, mit kalter Ablehnung: "Zur Zeit sind in Ihrer Region keine Impftermine verfügbar", heißt es kurz und bündig, obwohl von bisher gelieferten 8,5 Millionen Impfdosen derzeit mehr als drei Millionen unberührt in Regierungskühlschränken stehen.
 

Die Machtfrage ist geklärt

 
Die Zeit läuft der größten Impfkampagne aller Zeiten davon. Doch die Machtfrage ist geklärt. Wer in Deutschland geimpft werden will, muss erst einmal einem Prozess unterwerfen, der ihn vom souveränen Bürger in einen Bittsteller bei Hofe verwandelt. Bis zu 50 Mal, so hat die FAZ gezählt, sind Hochbetragte und ihre in der Not helfenden Familien im Durchschnitt gezwungen, sich vor der Impfterminseite in den virtuellen Staub zu werfen, ehe es ihnen gelingt, einen Termin zu erhalten. Wer dazu nicht bereit ist, auf den wartet zumindest nach den Vorhersagen der besten Epidemologen Deutschlands, unausweichlich der Tod durch die umsichgreifende Mutante. 

Bewusst eingebaute Engstelle


Die sichtlich absichtlich eingebaute Engstelle im Impfsystem diszipliniert, sie unterwirft und reguliert. Schon heute müssten täglich 525.000 Impfdosen verabreicht werden, um bis zu Angela Merkels mystischem Datum "Ende des Sommers" 70 Prozent der Bevölkerung zu impfen. Die meisten Impfungen gelangen allerdings bisher am 12. Februar und der Bestwert lag bei bescheidenen 157.000. Bundesweit gähnen die gewaltigen Impfzentren leer. Doch je rarer die Ware, desto begehrter, deshalb auch die künstliche Verknappung und die Vergabe der Vakzine als behördlicher Gnadenbeweis an Menschen, die sich auf dem Weg der Bewerbung als würdig erwiesen haben.
 
Wenigstens der Nachschub an Erklärungen für das Geschehen, das jeden einzelnen weiteren Tag zwischen 400 und 1.000 Menschen das Leben kostet, versiegt nicht: Israel impft schneller, weil weniger Datenschutz. Bahrein impft schneller, weil Despotischer. Die Seychellen impfen schneller, weil viel kleiner. Die USA impfen schneller, weil viel, viel größer. Die USA impfen auch schneller, weil Biden. Großbritannien dagegen impft schneller, weil impfstoffnationalistischer. Und Marokko schneller weil nicht so demokratisch.