Dienstag, 14. Juli 2026

Aufstand in Erdölschuhen: Die Polyurethanjugend

Sie sind wohlgenährt bis leicht adipös, mit weichen Händen und übergroßen Modebrillen, oft ausgestattet mit Fensterglas. Sie haben die Vorteile des demokratischen Bildungssystems eines der reichsten Länder der Welt meist anderthalb oder sogar zwei Jahrzehnte lang in vollen Zügen genossen. Sie wissen seitdem, dass die Bundesrepublik so nicht bleiben kann wie sie ist.  

Der Wohlstand muss weg 

Der Wohlstand muss weg, die fossilen Fundamente gehören gesprengt. Statt Wachstum soll Nachhaltigkeit zählen, eine Idee, die schon der frühere Bundeskanzler Olaf Scholz angesichts seiner aussichtslosen Bemühungen um einen Wumms vertreten hatte. 

Damals hatte es der letzte Sozialdemokrat, der noch eine Bundestagswahl hatte gewinnen können, gegen eine medial hofierte und euphorisch abgefeierte Jugendbewegung, die ihre Wurzeln in den Wohnvierteln des deutschen Bionadeadels hatte. Von "Fridays for Future" bis zur "Letzten Generation" und der Grünen Jugend versammelten sich die gutbürgerlich erzogenen Beamtenkinder zur organisierten Revolution gegen das System. 

Die Freizeitarmee der besorgten Teenager 

Einmal die Woche zog die Freizeitarmee der besorgten Teenager aus, um eines jener "Zeichen" zu setzen, für die Deutschland so berühmt ist. Nach Monaten, in denen das nicht zur erhofften Abschaltung  der Industrie und zum Verbot des Individualverkehres führte, eskalierte die Bewegung. Handwerker auf dem Weg zur Arbeit wurden blockiert. Elektrische Anlagen sabotiert. Teile der kritischen Infrastruktur gezielt angegriffen. 

Die weltweite Klimabewegung, die sich vor allem auf Deutschland konzentrierte, agierte nicht getrieben von Wut, sondern aus Überdruss. Zu bequem schien das Leben, zu gesichert die Zukunft, der Lebensweg fest abgesteckt in diesen letzten guten Jahren der Republik für lange Zeit. 

Die letzte Generation vor Corona 

Schuldgefühle, die fortschrittliche Lehrerinnen und Lehrer, aber auch die nimmermüden Erzieher des öffentlich-rechtlichen Fernsehens erfolgreich vermittelt hatten, ließen einen kleinen, sehr lauten Teil der letzten Generation vor Corona zur Überzeugung kommen, sie sei berufen, der Geschichte Beine zu machen. Sie sei schließlich die Erste, die erkannt habe, dass hinter der Rettung des Klimas alle anderen Wünsche und Träume zurückstehen müssten. 

Es war kein romantischer No-Future-Gedanke wie beim Punk, der die Klimakinder antrieb, sondern eine bizarre Heilsidee der kindlichen Klimakaiserin Greta Thunberg: Lasset ab vom Öl, lasset ab vom Gas!, rief die, und sie forderte die Mächtigen der Welt auf, in Panik zu geraten. Thunberg, 16 Jahre alt, ohne Schulabschluss, war sicher, dass "das eigene Haus schon brennt". Und dass trotz aller Demokratie, aller Rücksicht auf Wirtschaft und Gesellschaft kein Weg um ein "sofortiges, radikales Handeln" herumführte. 

Die unschöne Skepsis Älterer 

Ältere waren skeptisch. Bisher hatte noch jede revolutionäre Bewegung, die versprach, alles Verrottete, Böse und Ungerechte im Handumdrehen hinwegzufegen, zu unendlich viel Leid, zu Millionen Toten und zu Gesellschaftsordnungen geführt, die noch ungerechter und innerlich noch verrotteter gewesen waren. Der revolutionäre Furor, der sich wahllos im Protest gegen dieses und jenes äußerte, erschien der Mitte der Gesellschaft überwiegend nicht angebracht. Bei allem, was es sicherlich zu verbessern gebe,  dürfe doch das Kind nicht alles mit dem Bade ausschütten.

Neubauer in Erdölschuhen. 

Stimmen, denen die großen Medien nicht allzu viel Raum ließen. In der großen politischen Blase, die mangels Kontakt nach draußen darauf angewiesen ist, auf die Rückkopplungsgeräusche der eigenen Äußerungen zu hören, setzte sich die Auffassung durch, dass das wohl alles wahr sein müsse. Es komme schließlich jeden Tag im Fernsehen und es stehe auch in allen Magazinen. Maßgebliche Teile der Gesellschaft schienen tatsächlich bereit zu sein, so schlussfolgerte das politische Berlin, im Namen von Klimagerechtigkeit, nachhaltiger Mobilität und einer Reihe weiterer, ebenso hübscher Schlagworte Verzicht zu üben.

Die moderne Priesterkaste 

Kein Einfamilienhaus mehr und kein Familienurlaub im Süden. Kein Fleisch auf dem Grill, kein Fett auf den Rippen. Obendrüber nur gebrauchte Pullover aus dem Second Hand-Shop und unterwegs ausschließlich im Elektroauto, die Bionadeflasche mit dem ökologisch erzeugten Fair-Kaffee in der Hand. Mit der betonfesten Konsequenz, zu der nur tief gläubige junge Menschen fähig sind, entsagten vor allem junge Frauen aus gutem Hause öffentlich allen Wohlstandsversprechen des Kapitalismus. 

Wie einst Lioba von Tauberbischofsheim (ca. 700–782), Hildegard von Bingen (1098–1179) und Katharina von Bora (1499–1552) zogen Luisa Neubauer, Carla Hinrichs, Ricarda Lang und Jette Nietzard in ein selbstgezimmertes ideologisches Zuhause. Eine moderne Priesterkaste verkündete von dort aus ihre Wahrheiten. 

Warm und gemütlich ist es in diesem Elfenbeinturm der Erweckten. Eine WG aus Gleichgesinnten regierte von hier aus zeitweise ein Fantasiereich, dessen Botschafter in jeder Talkshow saßen. Jakob Blasel, Katharina Stolla und Svenja Appuhn erarbeiteten sich einen gewissen Fernsehruhm. Sarah-Lee Heinrich und Timon Dzienus waren Namen wie Donnerhall. Menschen, die die Anschläge vom 11. September 2001, mit denen der Steinzeit-Islam die wunderbar entspannten  90er Jahre beendet hatte, allenfalls im Kinderwagen erlebt hatten, predigten Umkehr und Entsagung.

Gegen alles, was anders ist 

Gemeinsam riefen sie zum Hass auf Alte, Wohlhabende, Vielfahrer, Pendler und Fernreisende, sie wetterten gegen Klimasünder, billigen Sprit und industrielles Wachstum. Es ging gegen alles, was anders ist und jeden, der anders leben möchte. "Kehrt um und denkt neu" (Markus 1,15) war ihr aus der Bibel entlehnter zentraler Aufruf. Nur eine radikale Neuausrichtung des Lebens, eine Umwertung aller Werte und die Abkehr von begangenen Sünden könne den Klimagott beschwichtigen und die Menschheit retten.

Ins Auge fiel immer, wie elegant die Größen der Bewegung den Spagat zwischen ihrem absoluten Anspruch auf Entsagung aller von den Freuden Lebens und ihrem eigenen Verhalten meisterten. Die Bigotterie der selbsternannten Klimapäpstin Luisa Neubauer war schon wenige Wochen nach der Gründung der Aufbauorganisation von Fridays for Future in Deutschland angeprangert worden.  Im gewöhnlichen politischen Geschäft, in dem die Anführer allein von ihrer Glaubwürdigkeit leben, ein Todesurteil. 

Die Anspruchshaltung der Bigotten 

"Langstrecken-Luisa" aber war keineswegs blamiert und für alle Zeiten desavouiert. Ganz im Gegenteil: Die mediale Fankurve warf sich wie ein Mann vor die von Kritikern unzulässig angegriffene Galionsfigur von Energieausstieg und Klimawende. Neubauer durfte über "Hate im Netz" klagen und die Kritik an ihrer bei Instagram selbstbewusst ausgestellten Doppelmoral als "Diskussion über meine Flugreisen" bezeichnen, die "ablenken soll von dem, um was es uns eigentlich geht". 

Großzügig stellte Neubauer klar: "Ich will ja niemandem verbieten, irgendwo hinzufliegen." Das Fliegen insgesamt müsse "deutlich teurer" gemacht werden. "Dann kann sich jeder entscheiden, ist mir diese Reise so viel Geld wert - oder nicht."

Die Armen sollen zu Hause bleiben 

Die Absicht war unverkennbar. Die Armen und weniger Begüterten sollten schön auf dem Boden bleiben. Urlaub im Kleingarten ist auch sehr schön. Die Klimaretter aber hatten Prokura, ihr Guthaben auf dem Miles & More-Konto aufzublasen. Der gute Zweck heiligt die Mittel. Kein Überseetrip in der Businessclass ist illegal, wenn der oder die Richtige in Reihe vier sitzt. Zum Ausgleich der Klimaschuld kann nach der Landung jederzeit ein Flughafen angegriffen werden, um den Luftverkehr anzuprangern.

Es war zweifellos ein "strategischer Fehler" (Ursula von der Leyen) der hochentwickelten westlichen Gesellschaften, den Anführern des Kinderkreuzzuges ein Übermaß an Aufmerksamkeit zu schenken. Wie wenig echte Konsequenz hinter der anmaßenden Ideologie der häufig kaum gebildeten Führungsriege der selbsternannten "Bewegung" stand, war von Anfang nicht zu übersehen. Denn ihre klimaschädlichen Konsumgewohnheiten trugen die Öko-Aktivisten offen zur Schau.

Keine Demo ohne Adidas 

Sie hätten Schuhe aus Bast oder Leinen an den Füßen haben müssen, am besten mit einer Sohle aus nachhaltigem Windbruchholz. Doch während sie sich lauthals für Klimagerechtigkeit, CO2-Reduktion und einen Ausstieg aus Öl und Gas schon nächste Woche einsetzten, trat kaum ein der Aktivist*innen ohne Markenschuhe aus Kunstleder auf. Keine Protestdemo ohne Sneakers von Nike oder Adidas, die in Billigfabriken hergestellt und auf Very Large Container Ships (VLCS) mit rußendem Dieselantrieb eingeschifft werden.

Im Kampf gegen die verhasste Polizei trägt der ernsthaft Engagierte Lützerath Fashion Style: Die traditionelle Guerilla-Uniform des fränkischen Protestausstatters Adidas, kombiniert mit einer Spyder-Revolutionshose. Auch im Talkshow-Nahkampf leistet Mikrofasern aus Nylon, Polypropylen und Elastan gute Dienste. Luisa Neubauer vertraut Turnschuhen Marke "Superstar Cloud White", ein Produkt aus Polyurethan, einem unter hohem Energieeinsatz mittels Polyadditionsreaktion von Polyisocyanaten mit mehrwertigen Polyolen produzierten Schaumstoff, der entsteht, wenn das Klimagift Kohlenstoffdioxid die Reaktionsmasse aufschäumt. 

Die Köpfe wechseln, die Bräuche nicht

Die Köpfe der Bewegung haben gewechselt, die Bräuche nicht. Wie ihre Vorgänger marschieren auch die aktuellen Anführer der Reste der Generation Erdölschuh auf Sohlen aus synthetischen Materialien über die untergehende Erde: Die Zwischensohle aus leichtem, dämpfendem Ethylen-Vinylacetat, darunter abriebfester Synthetikgummi für die Laufsohle und alles angereichert mit thermoplastischem Polyurethan. 

Der Energieaufwand für die Herstellung liegt bei mehr als 30 kWh pro Kilogramm, die Umweltwirkungen sind dafür aber langanhaltend: Ein Paar Turnschuhe kann als Schwemmmüll in den Weltmeeren heute schon mehrere tausend weggeworfene verbotene Plastiktrinkhalme ersetzen. 

Der Glaube an Kunstleder und Polyurethan 

Beim Modegeschmack allerdings eint der Glaube an Kunstleder und Polyurethanschaum aus chinesischen Billigfabriken die nachgewachsene Führungsriege. Henriette Held und Luis Bobga, die beiden neuen Bundessprecher/innen der Grünen Jugend, vertrauen ebenso auf Kleidung aus Erdöl und Plastikschuhe wie Philipp Türmer, der Salonrevolutionär an der Spitze der Jusos. 

Dem ist das härene Büßergewand der Unterschicht zu kratzig, er trägt im Kampf gegen den Kapitalismus einen Pullover von Scotch & Soda, EVP 130 Euro. Die Firma war mehrfach insolvent, mehrfach wurde sie von amerikanischem Private-Equity-Firmen gerettet. Von "Heuschrecken", wie der frühere SPD-Chef Franz Müntefering sagen würde.