Donnerstag, 6. Oktober 2022

Bundestagspoet: Leerstelle in der Ampel

Da war noch Hoffnung: Anfang des Jahres stand die Ernennung eines Parlamentspoeten beinahe schon unmittelbar bevor.

Mutig preschten sie vor, mit einem Vorschlag, den niemand ablehnen konnte. Drei von Hunderttausenden deutschen Kulturschaffenden hatten im Januar die Idee in die Welt gesetzt, im Zuge des wachsenden Bundesbeauftragtenwesens im Bundestag die Stelle einer Parlamentspoetin oder eines Parlamentspoeten zu schaffen. Nach kanadischem Vorbild, wo bereits seit längerer Zeit ein festangestellter Hofdichter im Auftrag des Parlaments Poeme über Gewalt gegen Kinder, den Kampf gegen das Klima und die Leiden der früheren Indianer verfasst.

Damals, vor dem Krieg

Damals, vor dem Krieg, waren es solche Weichenstellungen, die die Republik jeweils über Tage beschäftigten. Zumal die grüne Bundestags­vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt sich begeistert zeigte von dem "klugen Gedanken" (Göring-Eckardt) und die zwei der sogenannten Impulsgeber umgehend zum Frühstück in ihren Amtsräumen empfing. Es gab Saft, "Stolle" (RND), Bionade, zwei Orangen, ein paar Weintrauben und eine Birne, dazu ein Blumengedeck und Wasser. Und natürlich das feste Versprechen, den "beachtenswerten Impuls aufzunehmen" (Göring-Eckhardt), um "unsere Kultur und das Bewusstsein für unsere Sprache im Sinne von Freiheit und Demokratie stärken" zu können. Muss, denn "eine starke Kultur und ein wertschätzender Umgang mit unserer Sprache sind essenziell für jede offene Gesellschaft."

Die Zusage weckte Hoffnungen, die bei den Autorinnen Mithu Sanyal und Simone Buchholz und dem Autoren Dmitrij Kapitelman wohl beinahe so groß waren wie die in der übrigen Bevölkerung, demnächst alle zusätzlichen Belastungen aus der neuen CO2-Abgabe als Klimageld zurückgezahlt zu bekommen, wie es alle demokratischen Parteien vor der letzten Bundestagswahl versprochen hatten. Hier wie dort folgte das Übliche: Der "tolle Vorschlag, den der Bundestag unbedingt weiterverfolgen sollte" (Göring-Eckhardt), verschwand spurenlos aus der öffentlichen Diskussion. 

Das spurlose Verschwinden des Parlamentspoeten

Sei es, dass der Druck von Lobbyisten, neben einem Hofdichter auch Hofnarren, Wahrsager und Bänkelsänger zu berufen, zu groß war. Sei es, dass das "erste Treffen, ein freundliches Beschnuppern, ein erstes neugieriges Vorlesen noch roher, unfertiger Verse" (RND) doch nicht den nachhaltigen Eindruck bei der aus dem kulturfernen ostdeutschen Thüringen stammenden früheren Bürgerrechtlerin hinterlassen hatte. Jedenfalls blieb das "feierliche Saftfrühstück" (RND) das letzte Lebenszeichen der Parlamentspoeteninitiative.

Mit dem Frieden schwand die Aussicht auf eine schnelle Berufung und die auf eine feierliche Ernennung im festlich geschmückten Foyer des Reichstages schwand mit. Als sei der Bundespoet noch weniger wichtig als die Pariser Klimaziele, die mit Corona aus der Mode gerieten und mit Russlands Überfall auf die Ukraine alle Bindungskraft verloren, stand der Bundesdichtungsbeauftragter plötzlich auf dem Abstellgleis. Statt in Versen Brücken zu bauen zwischen Politik und Gesellschaft, Brücken aus purer Poesie, fiel er zurück in die Unwägbarkleit einer Existenz, wie sie Bänkelsänger, Hofnarren, Partyzauberer, Schamanen, Astrologen und andere Kleinkünstler seit jeher führen müssen.

Zugeschlagene Tür für Poesie

Die Tür für die Poesie ins politische Berlin, sie ist zu. Katrin Göring-Eckhardt jedenfalls hat nie wieder ein Wort über den geplanten Parlamentspoeten verloren. Mitinitiatorin Simone Buchholz aber hat noch nicht aufgegeben. Die Installierung einer Parlamentspoetin falle doch "auch in den Bereich Demokratieschutz", sagt Hamburgds Thrillerkönigin. Sichergestellt aber werden müsse, wenn es denn soweit sei: Uwe Tellkamp darf es nicht werden, denn "so jemandem gebührt kein roter Teppich, den muss man schon mit seinem Weltbild konfrontieren".

Klimagegner Gendern: So umweltfeindlich sind die Extrasilben

Mehr Buchstaben verbrauchen mehr Energie, weil mehr Speicherplatz benötigt wird.

Erst im Individuum erhält die Sprache ihre letzte Bestimmtheit. Keiner denkt bei dem Wort gerade und genau das, was der andre, und die noch so kleine Verschiedenheit zittert, wie ein Kreis im Wasser, durch die ganze Sprache fort."

Wilhelm von Humboldt*

Der Hohe Rat für Rechtschreibung lehnte die Einführung zuletzt störrisch ab, bärbeißig setzten sich Sprachforscher mit einer "Petition" gegen die allmähliche Umsetzung zur Wehr und selbst die Fernsehmoderator Anne Wil, eine Pionierin der Neusprache, lenkte zuletzt wieder ein und vermied es, ihre Gäste mit Sprechpausen und selbstausgedachten Worterfindungen zu konfrontieren. Doch der Kampf um das gerechte Sprechen, er geht weiter, angeführt von Zeitungen wie der "Zeit" und der "Taz" und Fernsehstationen wie ZDF und ARD und unterstützt von progressiven Behörden und Unternehmen. 

Maskulinum spart Energie

Denn grammatisch mag das generische Maskulinum für alle gelten. Doch psychologische Studien zeigen: Bei Formulierungen wie "Gärtner", "Hausmeister" oder "Gleisbauer" stellen sich die meisten Menschen Männer vor. Ein Argument, das wirkt, den Sprache, die nicht alle meint, schafft sozialen Unfrieden, sie spaltet und klassifiziert, gerade wenn sie so tut, als tue sie ja gar nichts und schon gar nicht jemandem etwas.

Doch ausgerechnet aus der Bundesworthülsenfabrik (BWHF) im politischen Berlin kommt nun eine neue Studie, in der sich der amtliche Hauptlieferant für Signalworte und zusammengesetzte Substantiven zur Bemäntelung angespannter Lagen entschieden gegen eine geschlechtersensible Sprache aussprechen. Dabei bezieht sich die Leitung der aus dem früheren DDR-Betrieb VEB Geschwätz hervorgegangene Behörde auf eine Untersuchung, die Klimawissenschaftler und Umweltmeteorologen des renommierten Klimawatch-Institutes (CLW) im sächsischen Grimma erstellt haben. 

Unheilvolle Nebenwirkung

Harter Toback, was das aus Sachsen kommt. Danach schaffe das gerechte Sprachen womöglich tatsächlich sozialen Frieden und substantivierte Gerechtigkeit. Die Forschenden verweisen jedoch auf eine gerade in Zeiten des Klimawandels unheilvolle Nebenwirkung: Die etwa im  öffentlich-rechtlichen Rundfunk, in Bundes-, Landes und Regionalbehörden und bei privaten Firmen geübte Praxis, die überkommende Sprache durch Sternchen, Punkte, Unterstriche und andere innovative Markierungen geschlechtergerecht neu zu interpretieren, führe zu einer spürbar höheren Belastung des Weltklimas.

Gender-Sonderzeichen wie Genderstern, Doppelpunkt oder Unterstrich beeinflussten der Studie zufolge die Länge von Dokumenten, durch ihre nicht dem amtlichen Regelwerk entsprechende Form sogar in einem "Maße, das unsere gemeinsamen Klimaziele beeinträchtigt", so die Klimakteriker aus dem Freistaat. Ein korrekt durchgegenderter Text könne zwar trotz seiner zumeist schwierigen Bauweise durchaus noch verständlich sein, wenn der Adressat über eine gewisse Grundbildung bei der Entschlüsselung einer "sexualisierten Sprache hat, die Geschlechterdifferenzen permanent betont". 

Der Preis ist heiß

Der Preis dafür aber sei eine zusätzliche Belastung der Erdatmosphäre: Jedes Sonderzeichen, jeder Stern und jeder Unterstrich benötige Platz - "auf einem Blatt Papier verbraucht er erneuerbare Ressourcen, in einem elektronischen Speicher aber bei einem Betrieb mit fossilen Energien aber heizt er das Klima weiter auf." Bei ihren Untersuchungen stellten die Klimaexperten aus Grimma fest, dass die von fortgeschrittenen Sprachwissenschaftler:innen empfohlene gendergerechte Sprache Texte um bis zu zehn Prozent verlängere. Am Inhalt ändere sich dabei nichts, zusätzliche Informationen würden nicht übermittelt.

In Zeiten, in denen die klimatische Lage nicht nur in Deutschland als einem der vom Klimawandel am heftigsten betroffenen Gebiete, sondern auf dem gesamten Erdball bedrohlich in Gefahr sei, zündele die Forderung, den gendergerechten Sprachgebrauchs im ÖRR schnellstmöglich und auf Basis  sprachwissenschaftlicher Expertisen in die Gesamtgesellschaft zu überführen, am Klimakonsens. Seit bei ARD und ZDF mehr und mehr gegendert werden, habe der Verbrauch an natürlichen Ressourcen dort spürbar zugenommen. "Wir rechnen bei einer konsequenten Umsetzung in allen Sendern und auf allen Sendeplätzen selbst bei sparsamstem Umgang mit einem Mehrbedarf an Papier und Speicherplatz von mindestens zwei bis vier Prozent.

Warnungen der Experten

Angesichts der Größe der beiden Sender, die mit mehr als 25.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern rund zehn Milliarden Euro im Jahr umsetzen - dreimal mehr als der größte private deutsche Medienkonzern - stelle sich die Frage, ob die Gesellschaft sich das in Zeiten knapper Klimabudgets leisten könne. "ARD und ZDF haben hier Vorbildwirkung", sagt CLW-Chef Herbert Haase, "und wenn das Vorbild in die falsche Richtung wirkt, sind die Folgen fatal."

Eine komplette Umstellung auf Gendersprech in allen Behörden und allen Bereichen der Industrie bis hin zum Freizeitsport und dem Privatleben führe zwangsläufig zu einer "erheblichen Zunahme" an physischem und an virtuellem Speicherplatzbedarf. "Drei Prozent mehr bedeutet angesichts der prognostizierten Zunahme der weltweit gespeicherten Datenmenge auf 181 Zettabyte bis 2025  einen Mehrbedarf an Energie in Höhe von 320 Millionen Kilowattstunden allein in Deutschland", sagt Haase unter Verweis auf eine Studie des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestages. Das entspreche der Energieerzeugungsleistung von 25 modernen Windrädern. "Wir sollten uns fragen, ob wir das wirklich wollen", mahnt der Wissenschaftler.

*Schriften zur Sprachphilosophie, Darmstadt 2002, S. 429.

Mittwoch, 5. Oktober 2022

Doku Deutschland: Als ich beschloss, nur noch Laub zu essen

Nach sechs Monaten, in denen sich sich Ruth Eisler nur von Laub ernährte, wog die Wahlmecklenburgerin nur noch 48 Kilogramm, doch ihre Geschmacksknospen konnten Kirscharomen aus Blättern herausschmecken.

Ich war nie eine von denen, die immer dünner werden wollten, mit Ärmchen wie Stöckchen und Beinen ohne Wade. Für mich war diese ganze Sache eine Gewissensentscheidung. Würden wir alle so weiterleben wie bisher, das war mir bei einem Besuch auf einem Kreuzfahrtschiff nur allzu klar geworden, dann bräche hier eines  Tages alles auseinander. Wie sich das anfühlt, weiß ich nicht. Aber ich hatte schon den Eindruck, dass einem der Gang der Dinge aktuell einen schönen Vorgeschmack vermittelt. Wie alle Gewissheiten verschwinden. Wie man Angst vor dem nächsten Tag bekommt, vor der nächsten Woche. Wie man sich morgens die schlechten Nachrichten reindrückt, als könne man ohne sie gar nicht Jahr leben.

Mein langer Weg ins Laub

Ich bin also auf Laub gekommen. Wie, kann ich nicht mal mehr sagen. Ich denke, es war ein Ausschlussverfahren. Um bescheidener zu leben, von weniger Ressourcen, möglichst klimaneutral, entscheiden sich ja viele in meinem Alter, nur ein kleines, schickes Auto zu fahren, ihr kleines Vorstadthäuschen mit einer Wärmepumpe auszustatten und neue Kleider nun im Second Hand zu kaufen. Mir aber reichte das nicht. Falsch. Ich finde es sogar sehr heuchlerisch. Man macht sich was vor, ändert aber nichts.

Ich habe gegoogelt, ich war in der Uni-Bibliothek, ich habe gelesen und mit einem Gärtner gesprochen, den ich kenne. Laub war das Einzige, das am Ende übriggeblieben ist: Es gibt genug davon, es bleibt fast zu hundert Prozent ungenutzt, er liegt herum, verfault, belastet das Klima, aber eben nachhaltig, weil das gespeicherte CO2 freigesetzt wird, neue Blätter es aber gleich wieder binden. Im ersten Moment war ich begeistert. Zumal sich schnell herausstellte, dass Laub nicht nur irgendwelcher Abfall ist, modriges Zeug, das man nur kompostieren kann.

Nahrhaft und köstlich

Das ist ein Vorurteil! Über Jahrhunderte von Leute herangezüchtet, die es entweder besser wussten, ihr Wissen aber nicht teilen wollten. oder aber ignorant waren einer Ressource gegenüber, die uns heute verdammt helfen kann. Denn ich sage mal so: Dass Apfel-, Kirsch- oder Nussbäume zu unserer Ernährung beitragen können, ist wohl bekannt. Aber nicht nur ihre Früchte sind nahrhaft und köstlich!  Auch die Blätter vieler Bäume können unseren Speiseplan bereichern. Meist stecken darin sogar mehr Vitamine, Mineralien und Nährstoffe als in Gemüse und Salat aus dem Supermarkt! 

Ich habe damals angefangen, im Garten, in Parks und in der freien Natur frisches Grün zu sammeln. Natürlich in Maßen, immer nur wenige Blätter pro Baum, ich wollte ja keinem wehtun. Als erstes fiel mir auf, dass sich Blätter bequemer sammeln lassen als Wildkräuter, die von Wiese und Waldboden gepflückt werden müssen. Blätter hängen oft in Griffhöhe, man muss auch keine Angst haben, dass sie  von Hunden und Wildtieren angepinkelt worden sind oder ein Fuchsbandwurm auf ihnen lauert. 

Flavonoide und Gerbstoffe 

Das Problem war für mich, herauszubekommen, welche Blätter genießbar und besonders schmackhaft sind, wann und man sie am besten erntet, wie man sie zubereitet und in welchen Sorten besonders viel wertvolle Nährstoffe stecken. Nehmen wir mal die Birke, ein aus dem Norden stammender Baum, der nach dem Winter als einer der ersten austreibt. Schon ab März kann geerntet werden, Birkenblättchen und saftige Rinde, alles steckt voller Vitamin-C, zudem sind Flavonoide und Gerbstoffe drin, die wie Muntermacher wirken und den Körper entschlacken. Oben im Norden wird Birke wirklich als Nahrungsmittel eingesetzt, man macht aus den Knospen und Blättern köstliche Gerichte1

Hierzulande ist das Wissen darum leider verloren gegangen, so dass ich selbst schauen musste, was sich machen lässt. Tee geht immer, junge Birkenblätter trocknen, fertig. Man kann auch Salat daraus machen, der sogar ein wenig salzig schmeckt. Haselnussblätter dagegen haben etwas Nussiges im Abgang,  ähnlich wie Spinat zubereitet, kann man das durchaus mal essen. Dazu einen Tee aus Buchenblättern, die ab April ausschlagen - deren Geschmack ist leicht säuerlich, aber sie eignen sich als Zutat für Salate und Smoothies zu Beispiel aus den eher süßen Blättern der Linde, die dann nicht mehr so süß sind.

Der Germanen heiliger Baum

Apropos Linde: Der Baum galt den Germanen als heiliger Baum, dessen Blüten voller Heilkräfte stecken. Tatsache ist allerdings, dass ich nach einer Woche mit Salaten aus Laub drei Kilo abgenommen hatte. Baumblatt-Einsteiger sollten wissen, dass auch größere Mengen von Blättern dagegen kaum zu helfen scheinen. Egal, ob roh in Smoothies und Salaten, als im Backofen angerichteter auflauf, als Desserts oder als klassisch gekochte Suppe, Laubessen zehrt, es fordert den Körper, weil er nach Jahrhunderten der Ernährung mit hochgezüchteten Getreiden und Kartoffeln gar nicht mehr bereit ist, echte Nahrung aus Linde, Buche, Fichte, Kiefer und Tanne zu gewinnen.

Für mich ist das eine Frage der Zeit. Um die Versäumnisse früherer Generationen beim Umgang mit besonderen Spezialität wie den hellgrünen Triebspitzen von Fichte und Kiefer wiederzuerlernen, die  frisch und mild mit einer unvergleichlichen Nadelbaumnote schmecken, wenn man sie roh direkt vom Baum isst, wird es wohl Jahre brauchen. Der moderne, von Industrieessen verdorbene Mensch vermag vielleicht noch den Geschmack von Tannenwipfelhonig oder -sirup zu erfassen. Aber Vitamin C, den feinen Hauch ätherischer Öle, Harze und Tannine aus den Nadeln herausschmecken? 

Natürliche Ressource

Fehlanzeige, obwohl es so wichtig wäre, die Ressource umfassend und überall zu nutzen. Ich hatte nach einem Monat, nun sechs Kilo leichter, herausbekommen, dass nicht alle Nadelbäume essbar sind - beispielsweise ist die Eibe in fast allen Teilen sehr giftig, ihre Triebe sollten lieber nicht verzehrt werden, denn das schlägt wirklich auf den Magen. Kenner essen nur den roten Samenmantel um den giftigen Kern, denn der ist essbar und wundervoll süß. Beim Spitzahorn gibt es solche Probleme nicht.  Die Blätter sind reich an Gerbstoffen, Flavonoiden, Mineralstoffen und Eiweiß und eignen sich deshalb für einen gesunden Ahornsalat, als ungewöhnliches Ahorn-Sauerkraut und für viele weitere Ahorn-Anwendungen wie grob gebackenes Ahorn-Brot, Ahorn-Steak oder Ahorn-Eier. Vorsicht: Ob die Blätter von Berg- und Feldahorn genießbar sind, ist in der Wissenschaft umstritten. Für Tiere sind diese Arten giftig, für Menschen gibt es kein Verzehrverbot, aber meist auffallende Verzehrfolgen.

Meine Erwartungen an die Laubernährung hatten sich nach zwei Monaten vollkommen erfüllt. es ist möglich, von Blättern zu leben, wenn man den Speiseplan mit Vogelkirsche, Rindenstückchenbrot, Kräutern, Pilzen und den Früchten von Obstbäumen wie Apfel, Birne und Pflaume ergänzt und Gemüse addiert, zusätzlich zu Tomaten, Gurke und Nüssen. Allmählich kehrte bei mir dabei auch der natürliche Geschmack zurück! Die Geschmacksknospen im Mund blühten auf, ich konnte in den jungen, zarten zeitweise das Aroma der entsprechenden Früchte entdecken. Das beißende Hungergefühl, das ich über mein gesamtes Leben als Laubesser eigentlich in jeder Sekunde hatte, mag dazu beigetragen haben. 

Der Hunger als Wegbegleiter

Nach vier Monaten war ich jedenfalls soweit, dass ich beschloss, mein Leben weiterhin so zu verbringen. Das bisschen Hunger schien es mir einfach wert, auch hatte ich zunehmend häufiger das Gefühl, mich unmittelbar mit den Bäumen, an denen ich Blätter zupfte, unterhalten zu können. Ich schmeckte Apfel nun nicht mehr nur aus Apfelbaumblättern, sondern auch aus anderen Kernobstpflanzen. Ich konnte mit einem Birkentee in der Hand stundenlang schlafen, mitten am Tag. 

Dass sie mich nach sechs Monaten retten mussten, würde ich bis heute heftig bestreiten. Natürlich fehlt es einer blätterbasierten Ernährung an Ballaststoffen, an Kohlenhydraten und verschiedenen anderen Inhalten, an die sich der Körper des überzivilisierten Menschen über Jahrhunderte gewöhnen musste. Aber diese Uhr lässt sich zurückdrehen, da bin ich sicher. Ich finde auch nicht, das 48 Kilogramm bei einer Körpergröße von 1,73 besorgniserregend sind oder eine verantwortlich getroffene Entscheidung, sich von Laub ernähren zu wollen, als "Essstörung" verleumdet werden sollte.

Aber so ist es nun mal. Ich akzeptiere das. Oft in der Geschichte sind Menschen, die vorangingen, verlacht und verhöhnt worden. Es wird wohl noch lange Jahre brauchen, um bestehende Vorurteile einer Bevölkerung zu ändern, die lieber im Supermarkt einkauft, als das zu nehmen, was uns Mutter Natur kostenlos gibt.

Energiekrise durch E-Autos: Droht nun der Blackout?

Energiehungrige Elektro-Autos gelten als Bedrohung der Energiesicherheit im Winter.

Sie gelten als Zukunft der Mobilität, hübsche, schnittige Fahrzeuge mit zahllosen Hightech-Funktionen, die mit grünem Strom aufgeladen werden können und deshalb nachhaltig fahren wie Kinderdreirad und Lastenrad. Medien loben, Experten fordern mehr davon und wie die frühere schwarz-rote Bundesregierung hat auch die Ampel milliardenschwere Förderprogramme aufgelegt, um den Deutschen, die es sich leisten können, bei der Anschaffung hochmoderner Elektrolimousinen zu helfen.

Das kam und kommt an, die Zulassungszahlen explodierten zuletzt. Aus Angst vor einem nahenden Verbot von fossil betriebenen Fahrzeugen kauften sich mehr Menschen als jemals zuvor elektrisch betriebene Privatfahrzeuge. Viele spekulieren darauf, dass infolge des Konflikts mit Russland auch das Öl knapp und teuer werden könnte, es aber immer Strom geben werde, so dass Besitzer eines Teslas, eine VW ID oder anderer Elektromobile weiterhin mobil bleiben können.

Warnung aus berufenem Munde

Experten, Expertinnen, Branchenverbände und Energieversorger*innen warnen nun allerdings, dass der massenhafte Gebrauch von Elektroautos das Stromnetz zumindest örtlich in die Knie zwingen kann. Auf den Umstieg zur Elektromobilität folgte dann der Stromblackout – trotz langfristiger Vorbereitung der Bürgerinnen und Bürger durch umfassende Aufklärung säße das Land in der Energiefalle.

Für verständlich halten Energieexperten den Wunsch, für den Fall eines Ausfalles der Versorgung mit Fossilen vorzusorgen. Man wolle autark und für Notfälle gewappnet sein", daher steige das Interesse an der elektrischen Mobilität weiterhin beständig an. Zuletzt wurden mit 356.000 Fahrzeugen mehr E-Autos zugelassen als je zuvor,  ein deutliches Zeichen dafür, dass  die Elektromobilität auch im klassischen Verbrennerland Deutschland mehr und mehr Menschen überzeugt. 

Überlastung voraus

Nun aber streuen Szenekenner wie Herbert Haase Maurer vom auf Energiefragen und Energieängste spezialisierten Klimawatch-Institut in Grimma (CLW) Wasser in den Wein. Dass es zu einer Überlastung des Stromnetzes komme, wenn viele Haushalte zur selben Zeit begännen, ihre Elektrofahrzeuge aufzuladen, "ist ein Szenario, das wir im Blick behalten müssen", warnt Haase. Immerhin ziehe ein einziges Elektromobil an einer Schnelladesäule 250 Kilowatt Strom. Zum Vergleich: Die meisten Ölradiatoren, deren drohende Aufschaltung im Winter  zuletzt als Auslöser flächendeckender Blackouts verantwortlich gemacht wurde, haben nur eine Leistungsaufnahme von etwa zwei Kilowatt.

Auch ihr Strombedarf ist weitaus geringer als der eines modernen Elektroautos. Ein handelsüblicher Ölradiator kommt bei einer Betriebszeit von 14 Stunden in der Woche mit 28 Kilowattstunden Strom aus. Ein VW ID3 würde mit dieser Ladung genau 160 Meter weit kommen. "Laden zu viele Leute in einem Gebiet gleichzeitig Elektrofahrzeuge, dann wird es zu lokalen Überlastungen der Verteilungsnetze kommen", beschreibt Herbert Haase. Lokal müssten dann Straßenzüge oder Quartiere vom Stromnetz abgetrennt werden. 

Denkbar sei ein solches Szenario in Zeiten, wenn der Stromverbrauch ohnehin hoch ist. Also etwa in den Abendstunden, wenn viele Menschen zu Hause sind, kochen, fernsehen, Licht angeschaltet haben, den Backofen betreiben und wegen der abgestellten Erdgasversorgung Ölradiatoren, Heizlüfter, Wärmepumpen und Klimaanlagen betreiben.

Bedrohter Bionadeadel

Wenn dann auch noch in einer Gegend viele Elektroautos an die Ladesäulen gehen, könne das lokale Netz überlastet sein und im Ortsnetztrafo fliege die Sicherung raus, schildert Herbert Haase die dramatischen Folgen. Ein ganzes Viertel liegt im Dunkeln, vermutlich werde es ausgerechnet die wohlhabenden Stadtgebiete des Bionadeadels zuerst treffen, weil die Dichte an Wärmepumpen und Elektrofahrzeugen dort am höchsten sei. "Die Wiederversorgung müsste dabei vom Entstördienst vor Ort durchgeführt werden, was durchaus dauern kann, gerade wenn ein solches Ereignis an mehreren Punkten im Netz gleichzeitig auftritt", erläutert der Wärmeforcher. Fatal werde die Lage, "wenn die Leute danach wieder anfangen, ihre Autos aufzuladen, vielleicht mit Ausreden wie, sie müssten ja auf Arbeit fahren". Dann könne das auch wiederholt passieren.

Davor warnt auch der Energiekonzern EnBW: "In einem solchen Fall wäre es also notwendig, Verbraucher abzuschalten." Die Bundesnetzagentur hält Stromengpässe ebenfalls für denkbar: "Lokale Beeinträchtigungen im Stromnetz, die auf einer hohen Leistungsentnahme beruhen, können seitens der Bundesnetzagentur nicht grundsätzlich ausgeschlossen werden", verkündete die für die Überlastung der Stromnetze zuständige Behörde. Auch der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) bestätigt die Hinweise des CLW in Grimma. Elektroautos hätten im Vergleich zu elektronischen Heizgeräte  einen sehr hohen Strombedarf. "Das führt angesichts der hohen Strompreise nicht nur zu hohen Kosten, sondern kann auch die Stromnetze überlasten, die nicht für einen solchen Anstieg des Stromverbrauchs ausgelegt sind", sagt eine Sprecherin. 

Bitte um Verzicht

Ignorieren die Halterinnen und Halter der fast 700.000 Elektro-Autos in Deutschland diese amtlichen Warnhinweise, könnte das die Netze schnell überfordern. Neben den lokalen Blackouts durch überlastete Netze sieht Klima- und Energieausstiegsexperte Haase die Gefahr, dass die verfügbare Stromerzeugungskapazität knapp wird, wenn über ganz Deutschland verteilt Elektromobile und Hybdridwagen geladen werden, während strombetriebene Heizgeräte die ausgefallenen Erdgasheizungen zu ersetzen versuchen. 

Das würde die Spitzenlast im Stromsystem möglicherweise so signifikant erhöhen, dass es in einzelnen Situationen nicht genügend Kraftwerke gibt, um diese Last zu decken." An der schmerzhaften Entscheidung, ganze Stadtviertel oder ganze Städte "präventiv für begrenzte Zeiträume von der Stromversorgung abzutrennen, um einen Zusammenbruch des gesamten Systems zu verhindern" führe dann kein Weg vorbei. 

Horrorszenario für die Politik

Ein Horrorszenario für Privathaushalte, Unternehmen, Energieversorger und die Bundespolitik, die einen ganzen Entlastungssommer lang unisono beschworen hatte, dass Deutschland kein Strom-, sondern nur ein Gasproblem habe. Die großen Stromkonzerne beschreiben die Lage bisher allerdings weniger dramatisch. Da die meisten Autobesitzer sich standhaft weigerten, auf Elektroautos umzusteigen und die zuletzt explodierten Stromkosten einen solchen Umstieg auch nicht mehr wirtschaftlich erscheinen lassen, rechne man in diesem Winter noch nicht mit einer Mangellage. 

In welchem Umfang die Stromnetze zusätzlich belastet werden könnten, sie aktuell noch nicht seriös zu prognostizieren, durch die Abkehr von den deutschen Klimazielen und die Rückkehr zum Betrieb zahlreicher Kohlekraftwerke sehe man sich aber so weit gewappnet, dass es allenfalls „örtlich begrenzt“ zu einer Überlastung des lokalen Stromnetzes und damit zu Stromausfällen kommen könne. Gerade in Regionen mit einem schon hohen Anteil an Elektro-Autos seien aber die "Einsicht und das Mitwirken" der Bevölkerung gefragt. Anstatt zu Laden, sobald sich eine Gelegenheit ergibt,solle nur noch geladen werden, wenn es unbedingt nötig ist.

Dienstag, 4. Oktober 2022

Aktionstag gegen Wärmegangster: Heizverschwendern Handwerk gelegt

Es war wie bundesweit erste gemeinsame Razzia von Bundeswärmewächtern (BWW), Der Temperaturfühlerbehörde (TFB), den Fachinstitutionen des Heizungshandwerks und regionalen Sicherheitsdiensten. Nachbarn in Münster hatten den Verdacht gemeldet, dass ein Mieter in ihrem Wohnblock über die Gebühr heizt - öffentlich hatte der Verdächtige sich gebrüstet, trotz der geltenden Wärmesparregeln weiterhin mit bis zu 44 Grad heißem Wasser zu duschen, in seinem Wohnzimmer eine konstante Temperatur von 23 Grad eingestellt zu haben und zuweilen sogar Wannenbäder zu nehmen. Besuchern präsentierte der der Familienvater zudem stolz mehrere Heizlüfter, er kündigte an, diese im Winter betreiben zu wollen.

Premiere für ersten Aktionstag

In Rahmen eines bundesweiten Aktiontages gegen Wärmeverschwendung, mit dem ein Zeichen gegen sogenannten Wärmeverbrecher gesetzt werden soll, gingen Beamte der zuständigen Organe mit einer ersten Großkontrolle gegen den Verdächtigen vor. Denn Gasverschwendung, Heizlüfterbetrieb ohne Genehmigung und zu langes Duschen bei zu hohen Temperaturen sind zwar keine Straftaten, die mit bis zu fünf Jahren Haft geahndet werden können. Doch der angespannte Füllstand der deutschen Gasspeicher zeigt, was passieren kann, wenn sich Duschtäter sich radikalisieren und Unzufriedenheit in den physischen Überverbrauch wertvoller fossiler Energieträger übergeht.

Im Fall des 47-jährigen Familienvaters, einem deutschen Staatsbürger, stellte sich der von den Nachbarn gemeldete Verdacht direkt nach Öffnung der Wohnungstür als zutreffen heraus. Zwar ließ der Mann die Kontrolleure freiwillig ein, so dass auf Zwangsmittel verzichtet werden konnte, doch bereits eine erste amtliche Messung stellte eine Raumtemperatur von bis zu 22 Grad in einem Wohnraum fest, der von der vierköpfigen Familie offenbar auf Veranlassung des Mannes, aber mit Einverständnis der Ehefrau als gemeinsames Wohn- und Esszimmer genutzt wurde.

Bekleidet nur mit Strickjacke

Im Raum fanden die Kontrollorgane die Frau des Hauptverdächtigen behaglich in einem Stuhl zurückgelehnt und nur eine dünne Decke gemummelt vor. Ein Unrechtsbewusstsein sei nicht zu erkennen gewesen, heißt es im Untersuchungsbericht. Dabei sei die 44-Jährige nur einer Strickjacke bekleidet gewesen, sie habe statt dicker Wollsocken einfache Strümpfe getragen und darauf verwiesen, dass das "ihr Recht" sei, solange sie ihre Rechnungen bezahle. 

Zusätzlich zu einem großen Fernsehgerät der Energieeffizienzklasse G liefen in den Wohnräumen ein Kühlschrank, ein Geschirrspülautomat mit dem EU-Energielabel B (früher A+++) und mehrere noch nicht voll entladene Smartphones wurden aufgeladen. Damit wurde nicht nur Erdgas über die Maßen verbrannt, sondern zusätzlich auch Strom verschwendet. Eine Erklärung dazu wollte der Hauptverdächtige nicht geben. 

Münster ist kein Einzelfall

Die Verschwenderfamilie aus Münster war leider kein Einzelfall. Bei den bereits am frühen Morgen angelaufenen bundesweiten Stichprobenkontrollen  von BWW, TFB, Heizungsentlüftungshandwerkern und Sicherungseinheiten in allen Bundesländern wurden insgesamt 90 verschwendungsrelevante Vorfälle entdeckt, die zu Maßnahmen führten, darunter Wohnungsdurchsuchungen und Vernehmungen. 

Das ist ein doppelt so starker Anstieg verglichen mit dem Vorjahr, als noch gar keine solchen Fälle registriert werden mussten. Zusätzlich sei von einem großen Dunkelfeld auszugehen, heißt es bei der TFB. Viele solidarmoralisch relevante Verschwendungshandlungen würden nicht angezeigt, Absichtserklärungen, gegen Energiesparregeln verstoßen zu wollen, gelangten den Behörden nicht zur Kenntnis, da sie in geschlossenen Foren, im Familienverband oder in Freundeskreisen geäußert würden.

Um noch vor Wintereinbruch gegenzusteuern, richtet die TFB jetzt aber eine neue "Zentrale Meldestelle für Energieverschwendung" (ZMEV) ein, die ab November auch Hinweise auf unzulässig beleuchtete Straßen, Plätze oder Gebäude gebündelt entgegennimmt und dann gemeinsam mit den Bundeswärmewächtern prüft, inwieweit die Grenze zur Entsolidarisierung überschritten ist. Hintergrund ist die neue Energiesparverordnung, die im September in Kraft trat, und Firmen, Behörden wie Privatleute verpflichtet, jeder an seinem Ort bei der "nationalen Kraftanstrengung" (Robert Habeck) mitzuhelfen.

Hilfreiche Handreichung

So können Bürgerinnen und Bürger die Behörden dabei unterstützen, der gesellschaftsspaltenden Verschwendung Einhalt zu gebiete und Gas- wie Stromverbrauch entschlossen entgegenzutreten:

  • Wenn Sie den Verdacht hegen, Nachbarn, Bekannte, Freunde oder Familienmitglieder nehmen die Teilhabe am Sparen auf die leichte Schulter, sollten Sie das unbedingt ansprechen. Eine sofortige Anzeige ist aber nicht nötig, um die noch im Aufbau befindlichen Strukturen von TFB und BWW nicht zu überstrapazieren
  • Wenn Sie auf überheizte Räume, beheizte Flure oder beleuchtete Werbetafeln stoßen, sollten Sie das umgehend über die ZMEV anzeigen. Einige Bundesländer halten dafür eigene Internetportale bereit bzw. planen deren Aufbau, so dass Sie solche Verstöße auch anonym melden können. Einen Überblick über diese Onlinewärmewachen finden Sie hier, auch die örtlichen Ordnungsämter und die Innungsmeister von Bad, Sanitär und Installation nehmen Hinweise gern entgegen. 
  • Versuchen Sie nicht, selbstständig tätig zu werden, etwa, indem sie an Wohnungen klingeln, in denen Sie Menschen sehen, die nicht der Witterung entsprechend bekleidet sind. Wärmeverbrecher reagieren bekanntermaßen auch auf gut gemeinte Ratschläge und Hinweise oft aggressiv.


Hitlerpeak: Er ist wieder weg

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In den größten Datenbanken der Welt ist der Hitler-Peak deutlich zu erkennen. Inzwischen wird der frühere Führer und Reichskanzler so wenig beachtet wie noch nie nach seinem Tod.

Es war sein letzter Streich und "auf Twitter sorgte er für Verwunderung", analysierte die FAZ, einst das letzte Blatt im Land, das noch Fraktur schrieb, obwohl jeder weiß, dass die Nazis selbst die Nazischrift verboten hatten. Danach war es im  Grunde endgültig vorüber, vorbei, zu Ende. Daten aus den beiden großen Google-Datenbanken Trends und Ngram zeigen es gleichermaßen: 77 Jahre nach seinem Tod ist Adolf Hitler, der berühmteste und zugleich berüchtigste Deutsche aller Zeiten, kein Thema mehr. Es handelt sich dabei nicht um eine deutsche Sonderdepression. Nein, das Phänomen ist weltweit zu beobachten.

Hitler ist am Ende

Adolf Hitler hat sich auserzählt. Alle seine Hunde, seine Frauen, seine Wunderwaffen und Verbrechen, sie sind enthüllt, alle seine Sekretär* und Mittäter*nnen, sie wurden vielmals liebevoll und faktensatt porträtiert. Ein Blick ins Archiv des ehemaligen Nachrichtenmagazins "Der Spiegel" zeigt Aufstieg und Fall des Führers in Zahlen: In den 57 Jahren zwischen 1947 und 2004 wurde 2.800 Mal über die Untaten des Mannes aus Braunau berichtet., in den 17 Jahren zwischen 2005 und 2022 sagenhafte 3.300 Mal.

Hitler erlebte allerlei Wiedergeburten. Mal war US-Präsident Donald Trump Hitler, mal der westfälische AfD-Führer Björn Höcke, dann der Russe Putin, dem der Ehrenname "Putler" verliehen wurde. Zuguterletzt erschien auch Hitlers selbsternannte Vorkosterin noch in der Öffentlichkeit, um zu gestehen, dass der Führer "ein widerlicher Kerl war, ein Schwein". Auch Hitlers Yacht, auf der er nie gefahren ist, tauchte wieder auf, ehe die ganze Hitlerbranche zusammenbrach. 

Zusammenbruch der Hitlerbranche

Dann war es vorbei. All seine Feldzüge, seine Fehler, seine Feinde und Marotten - was im deutschen Fernsehen über Jahrzehnte verlässlich ganze Kanäle füllte, endet nicht mit einem Knall, sondern mit einem leisen Servus. Der Führer verschwand und mit ihm der zeitweise meistbeschäftigte Mann im deutschen Fernsehen. Dort spielte Hitler sich häufig selbst, zudem wurde er immer wieder  von bekannten Schauspielern verkörpert. 

Bruno Ganz und Helge Schneider etwa waren unvergessliche Hitlergesichter: Ein Schweizer als Österreicher und ein Jazzmusiker als notorischer Anhänger des Walkürenritts. Guido Knopp, in den Jahren der freiwilligen Betreuungspflicht für Erwachsene eine Art oberster Geschichtslehrer der Nation, die keine mehr sein wollte, raunte vom Berghof, wie modern Hitlers Lebensstil gewesen sei. Der Führer war Vegetarier und engagierter Nichtraucher, er trat nur selten lange Auslandsreisen an und war meist mit dem Zug unterwegs. An seinen Meinungsfreiheitsschutzgesetzen orientieren sich Deutschland und ganz EU-Europa bis heute, ganz unaufgeregt und ohne falsche Parallelen zu ziehen.

Unbefangen mit dem mörderischen Erbe

Eine neue Unbefangenheit mit der Last des Erbes ist entstanden. Kein Gedanke mehr daran, ein Fußball-Länderspiel nur wegen Hitler abzusagen oder alte Kameradschaften zu bezichtigen, sie veranstalteten ein gemeinsames Schießen mit Absicht  "ausgerechnet an Hitlers Geburtstag!" Heutzutage, in einer Welt der Pandemien, der Kriege und der wirtschaftlichen Not, wird an dem verhängnisvollen historischen Datum unbefangen sogar Pessach gefeiert. 

Sieben Jahre nach dem Bestseller "Er ist wieder da", mit dem der Schriftsteller Timur Vermes die beängstigende Vision eines nach Berlin zurückgekehrten Führers heraufbeschwor, dem die Herzen der Deutschen ein weiteres Mal nur so zufliegen, ist Hitler wieder weg. Die Pandemie und Krieg an der Ostfront, der russische Einmarsch mit der Gaswaffe und die große Erleichterung darüber, dass andere Völker auch nicht besser sind, sondern ganz im Sinne der Lehren Hitlers eine Bedrohung, die eines Tages wird ausradiert werden müssen, sie sorgen für Erleichterung an der moralischen Heimatfront. 

Hatte der Führer doch rechts?

Wenn der Führer vielleicht doch rechts hatte, was Russlands unstillbaren Appetit auf seine Nachbarländer betrifft, dann ist jeder Angriff die beste Verteidigung. Hitler war dann so etwas wie ein besonders weitsichtiger Visionär, der Deutschlands Energieversorgung nicht wie Willy Brandt, Helmut Schmidt, Helmut Kohl, Gerhard Schröder und Angela Merkel in die Hand des Feindes legte oder wie die grüne Partei von einer noch stärkeren Hinwendung zu oligarchischem Gas träumte. Sondern konsequent auf Holzvergaser und Braunkohle setzte und das Land damit unabhängig machte von erratischen Windböen, hochgiftigen chinesischen Solarmodulen, russischem Gas aus fossilen Quellen und dem mörderischen Öl der Blutprinzen. 

Vorwürfe, die ihm lange gemacht wurden, verstummen. Aktuelle Verbrechen lassen das Grauen der Vergangenheit verblassen. Nicht einmal die Wiederholung der großen Schlachten um Charkiw, Izyum und Slawjansk genau 80 Jahre nach der Premiere ließ Hitler noch einmal boomen. Er ist nun für immer weg, ein Gespenst nur noch, an das sich Ältere erinnern.

Montag, 3. Oktober 2022

Zitate zur Zeit: Spuren des Falken

 
Männer in ihrer eingebildeten Rolle.

So lange ein Mann noch seinen Kopf hat und seine Hände hat, kann er immer wieder von vorn anfangen.

Samuel Blake, "Spur des Falken", Defa 1968

Leuchtturm der Leere: Einheitstower

Bis zu 380 Meter hoch, aus matt lackiertem lichtdichtem Verbundglas und mit schmalen Sichtschlitzen in Schießschartenform, die an die harten Zeiten des Kalten Krieges und der Deutschen Teilung erinnern sollen: Städte wie Jena, Halle, Frankfurt an der Oder, Bautzen, Neubrandenburg und Magdeburg ringen derzeit um den Zuschlag für den geplanten Bau des neuen Bundeseinheitszentrums. Hinter den Kulissen geht es heiß her, das Renommierprojekt gilt als so prestigeträchtig, dass sich die bis heute unter teilungsbedingten Spätfolgen leidende Bewerberstädte quasi eine Neugründung vom Bau versprechen. Tausende hochbezahlter Beamtenstellen sollen im umgangssprachlich auch "Einheitstower" genannten Großkomplex entstehen, dazu Jobs bei Lieferdiensten, in Hotels ringsherum und selbst ehemalige Braunkohlekumpel könnten als Hausmeister und Reinigungskräfte beschäftigt werden.

Ein symbolträchtiger Neubau

Der epochale Neubau entspringt noch Plänen der gescheiterten Vorgängerregierung, gilt jedoch als politisch so symbolkräftig, dass die Ampel-Koalition unverändert daran festhält. Im Rahmen der Bundesbehördenansiedlungsoffensive sollen bis zum Jahr 2042 nicht nur neue Bundesämter, Behörden, Bundesverwaltungseinrichtungen und Bundesnetzagenturen in ganz Ostdeutschland angesiedelt und  zu einem sogenannten Bundesbehördendschungel kombiniert, sondern ergänzend auch eine Vielzahl von Bildungs- und Erziehungsanstalten neu geschaffen werden. 

Der Einheitstower als Wissenschafts- und Begegnungszentrum, in dem Teilung und Mauerfall von führenden Wissenschaftlern aus Westdeutschland, der EU und der ganzen Welt erforscht werden und Ost und West einander unbefangen begegnen können, gilt als zentraler Baustein der geplanten Erinnerungskathedrale. Hier sollen die Erfahrung der Ostdeutschen mit Wandel und Umbrüchen zu einem wahren Monument aus Stein werden, das als "Zukunftszentrum Deutsche Einheit und Europäische Transformation" nach seiner Fertigstellung Jahr für Jahr Millionen Besucherinnen und Besucher aus der ganzen Welt anzulocken verspricht.

Regeln lernen

Sie werden kommen, um sich im sogenannten "Leuchtturm der Leere" vertraut zu machen mit den "Leistungen der Menschen in Ostdeutschland in den tiefgreifenden Umbrüchen nach der Wiedervereinigung", ist Carsten Schneider sicher. Der Ostbeauftragte der Ampel-Regierung ist selbst ostdeutsch, er war 14 Jahre alt, als ihm das Land seiner Geburt abhanden kam und er versuchen musste, sich in einer Welt durchzusetzen, deren Regeln er erst lernen musste. 

Carsten Schneider hat seinen persönlichen Transformationsprozess geschmeidig gemeistert. Heute gilt der smarte Sozialdemokrat als Brückenbauer nicht nur zwischen alten und jungen Ländern, sondern auch nach Mittel- und Osteuropa. "Das ist mir persönlich ein wichtiges Anliegen", sagt er selbst. Künftig könnten gerade aus den früheren Ostblockstaaten viele verunsicherte und mit den neuen Verhältnissen noch hadernde Menschen in den Einheitstower pilgern, um sich von den didaktischen Angeboten und bildenden Ausstellungen ermutigen, belehren und aufmuntern zu lassen.

Aufmuntern und belehren

Dass das Zukunftszentrum von vornherein nach Ostdeutschland vergeben werden sollte, erscheint nur auf den ersten Blick wie ein Symbol der anhaltenden Spaltung. In Wirklichkeit handelt es sich um eine steingewordene Abfindung für millionenfach erlittenes Unrecht bei Rente, Vermögensbildung und frühkindlicher Demokratiebildung. Die frühere Merkel-Regierung zielte mit der Vorgabe einer Vergabe in die entleerten ostdeutschen Regionen darauf, ausgeblutete, weitgehend verlassene Oststädte wie Frankfurt an der Oder, Jena, Eisenach und Mühlhausen zu ermutigen, sich zu bewerben. Wären Westbewerber zugelassen gewesen, munkelte man seinerzeit im politischen Berlin, hätte das die Ossis wegen geringer Erfolgsaussichten nur abgeschreckt.

Die Ampelparteien SPD, Grüne und FDP nahmen den Plan nahezu unverändert in ihren Koalitionsvertrag auf, um die Jury für die Standortauswahl schnell ernennen zu können und bei der Haushaltsplanung nicht von den steigenden Planungs- und Baupreisen überholt zu werden. Das Bundesauswahlverfahren im Rahmen der Behördenansiedlungsinitiative soll noch in diesem Jahr abgeschlossen werden, der Bau könnte dann je nach Verfügbarkeit von Material, Fachkräften und Lieferketten vor allem für moderne Dämmstoffe bereits Ende 2025 beginnen. 

Ein Million Besuchende

Nach der für 2028 geplanten Fertigstellung könnten dann parallel zur finalen Phase des Energieausstieges im Osten Forschungsarbeiten zu den Umbrüchen nach der Vereinigung starten und die ersten Ausstellungen beginnen, die die herausragenden Leistungen der Ostdeutschenin den - dann - zurückliegenden beinahe 50 Jahren seit dem Mauerfall als die Heldentaten würdigen, die sie stets gewesen sind. Expertinnen und Experten rechnen nach der Fertigstellung Jahr für Jahr mit einer Million Besuchenden und Besuchthabenden im Einheitstower - die Siegerstadt samt der sie umgebenden Region würde damit auf einen Schlag zu einem der größten Besuchermagneten in Deutschland.

Sonntag, 2. Oktober 2022

Es war nicht alles Brecht: Das Ende der Ozonschicht

Kein Pionierlied, sondern ein Anflug späte Neue Deutsche Welle, was Forschende des Hans-Hüsch-Institutes für sozialistische Poesie da bei einer Erkundungsexpedition in die Lagerkeller des Leipziger Literaturinstitutes Johannes R. Becher in einem Regal voller Lagerkartons fanden. Mit Kerzenwachs notdürftig abgedichtet, entdeckten die jungen Sprachwissenschaftler und Historiker gleich bergeweise Aktendullis aus volkseigenen Beständen, deren Inhalt von den peinigenden Ängsten einer früheren Generation erzählt, die noch nichts wusste von Energiekrise, einem Feind im Osten und einer Bundesregierung, die sich im Verein mit den europäischen Partnern und im Schulterschluss mit den amerikanischen Freundinnen und Freunden gegen den Zusammenbruch der gesellschaftlichen Ordnung stemmt.

Ein unsozialistisches Maß an Skeptizismus

Den unbekannt gebliebenen Dichtenden des kaum zwei Dutzend Zeilen umfassenden Poems "Mitten in London" aber trieb damals die Angst vor einer Zukunft an die Schreibmaschine, die bis heute aktuell ist. Der kalte Krieg und die Systemkonfrontation, der Dissens Ostberlins mit Moskau, die ersten Aufmärsche von Querdenkern, Staatsfeinden und Menschen, die einen Systemwechsel herbeisehnten, das alles scheint den Vater des in freien Reimen verfassten Werkes unberührt gelassen zu haben. Seine Hand führte ihm damals, im letzten Jahr der Mauer, ein gerüttelt Maß an Skeptizismus angesichts allererster Bemühungen der Weltgemeinschaft, auf großen Konferenzen verbindlich festzulegen, wie sich das globale Klima entwickeln dürfen sollen werden müsse.

Niemand machte sich Illusionen darüber, wie akut die Ozonschicht bedroht war - und mit ihr das Leben auf der ganzen Erde. Ein klaffendes Loch im Himmel, das sich bis ins letzte Herz gebohrt hatte. Aus den Kühlschränken überall auf dem Globus kam gekrochen, was die Existenz der Menschheit infragestellte. Zumindest in jenem März 1989 noch, der nicht ahnte, wie schnell ein Mauerfall den Klimaglobus in eine Welt verwandeln würde, auf der niemand mehr nirgendwo jemals das Wort Ozonschicht auch nur in den Mund nehmen würde. 

Das Unerwartete geschah

Seitdem ist Heiner Müller gestorben, die deutschen Schreibmaschinen wurden nahezu sämtlichst verschrottet. Aktendullis gingen aus der Mode, Hängeregistraturen, Volkseigentum und die Sehnsucht danach, dass radikalische Chloratome aus chlorierten organischen Verbindungen damit aufhören mögen, zu zerstören, was uns lieb und teuer ist.  Wie immer in der Geschichte wechselte das Orchester, die Dirigenten tragen andere Namen, sie spielen nicht mehr von der die Ozon-Partitur, sondern eine andere Klima-Oper, wenn auch im gleichen Diskant. Das Halogen heißt nun Schwefelhexafluorid, seine verheerende radikalische Substitution wurde vom "stärksten bisher bekannte Treibhausgas" (MDR) übernommen, das sich bevorzugt in Windrädern versteckt. 

Da ist kein Trost, kein Hoffnungsschimmer. Alles also wie immer.


Eine internationale Konferenz
zum Schutz der Ozonschicht
wurde in London eröffnet
dass ich nicht lache
Zum Schutz der Ozonschicht
das klingt mindestens
als würden die Herren
in den sanften Zweireihern
die betagten Tagungslöwen
während einer ihrer Durchschlafstörungen
die Redenredner mit dem blubbernden Err
die berufsmäßigen Philanthropen
in einer Atempause
die Jammerlappen im Jaguar
die Kommissionsmitglieder mit den
Konditionsschwierigkeiten
vom Sitzungssaal aus
mitten in London
dieses Ozonloch
gleich selbst verdübeln

 

Fettfrei in den nächsten Mai

leeres regal hamsterer
Der Winter kommt und die Gürtel müssen enger geschnallt werden.

Es waren Worte wie "schwer", "hart" und "nicht einfach", mit denen die Bürgerinnen und Bürger im Frühling auf fürchterliche Jahre eingestimmt wurden. Der Krieg erreichte erst Kiew, dann die deutschen Talkshows, schließlich aber doch die deutschen Wohnzimmer. Nur anders als gedacht. War der Wehrwille im früher so gefürchteten Rest-Preußen 104 Jahre nach seiner amtlichen Auflösung vor allem in den ersten Wochen und vor allem in den Elfenbeintürmen des Bionadeadels noch ungeheuer groß, erschlaffte die Kampfkraft mit jedem nicht nach Osten gelieferten Panzer  und jedem Cent Preiserhöhung an der Gasfront.

Kampf an der Gasfront

Die Inflation in Deutschland erreichte den höchsten Stand seit 50 Jahren und wie der Krieg die Pandemie aus den Schlagzeilen radiert hatte, verschwand nun hinter der Aufregung um "kräftige Preissteigerungen für Energie und Lebensmittel" (DPA), was vom Kriege übrig war. Vom Statistischen Bundesamt bis zur EZB, von Paris bis Berlin machte sich die Erkenntnis breit, dass ein Krieg nicht zu gewinnen ist, wenn Heimatfront nicht steht, sondern vor Kälte zittert, die Omas der Soldaten nichts zu beißen haben und die Verbündeten und Freunde ringsum sich weigern, angemessen eifrig zu Hilfe zu eilen.

Es hagelte Durchhalteparolen, der Kanzler hielt Blut-und-Tränen-Reden ohne Schweiß, denn wenn eines feststand, dann dass bald niemand mehr schwitzen wird. Das Ampel-Kabinett, eine Laienversammlung aus Idealisten, Ideologen und Illusionskünstlern, fand sich unversehens in einer wirklichen Welt wieder, die auf jeden einzelnen der Minister bis hin zum Kanzler unwirklich wirken musste: Eine Geldentwertung von mehr als acht Prozent im Jahr. Eine Bundeswehr von allenfalls symbolischer Abwehrbereitschaft. Eine Energieversorgung, die auf  Geld und gute Worte gesetzt hatte. 

Am Tropf einer einzigen Turbine

Staunend erfuhr das Land, dass ganz Deutschland am Gastropf einer einzigen Turbine hängt, ein Spielball fremder Mächte. Beinahe schon weniger überraschend, dass parallel dazu bekannt wurde, dass Deutschland 70 Prozent seiner Lebensmittel, Kabelbäume, Sonnenblumenöle und Rohstoffe schon seit Jahren aus der Ukraine bezieht, die wegen des Krieges nicht mehr in gewohntem Umfang liefern konnte. Der Rest stammt unglücklicherweise aus Russland. Das bremste die ohnehin lavede Konjunktur und ließ die Preise steigen.

Im letzten Sommer vor dem Zusammenbruch der Ordnung, den führendste Ampelpolitiker rechtzeitig und in schwärzesten Farben an die Wand malten, durfte noch einmal getanzt, gelacht und Urlaub gemacht werden. Morgen war Krieg, aber erst mal waren Ferien, immerhin die absehbar letzten in einer alten Welt mit dickem Wohlstandsbauch, Konsumfieber und einem florierenden moralischem Ablasshandel durch fantasiereiche Symbole, Zeichen und eine mit Klicklauten und Pausen aufmunitionierte Hochsprache

 

Das Neun-Euro-Ticket verbreitete gute Laune, das Zwei-Cent-Versprechen des Kanzlers machte Hoffnung und mit der "Energiepreispauschale" (®© BWHF) kam sieben Monate nach Kriegsbeginn ein erstes zählbares Almosen aus der Vielzahl der "Entlastungspakete" dort an, wo Verbraucherinnen und Verbraucher immer noch versuchten, absehbare Wohlstandsverluste, Währungsverfall und das Wunder der kollektiven Realitätsverweigerung mit Hilfe ihrer jüngsten Pandemieerfahrungen zu verarbeiten.

Kalte Wohnungen waren nun grundsätzlich gesünder, kalte Duschen härteten ab und enge Gürtel kamen ganz groß in Mode. Wenn der Klimawandel mitspielt, werden die Gasspeicher reichen. Wenn der Ukrainer durchhält, kann der Westen gerettet werden. Wenn alles gut geht, marschiert ganz Alt-Europa fettfrei in den Mai, ein gertenschlankes Deutschland vornweg. Wochen nur noch wird es brauchen, bis Ursula von der Leyen den nächsten großen Wiederaufbauplan für den Kontinent verkündet, diesmal als  "Warfare for environment"-Strategie für einen großen green war zur Befreiung der Welt von Klimagiften, Tütenmüll und Fossilen.

Samstag, 1. Oktober 2022

Rätsel der Wissenschaft: Passt, wackelt und hat Luft

Es ist ein Rätsel, das an die großen Momente der Magie erinnert, mit der die Europäische Zentralbank seit Jahren versucht, die Eurozone zusammenzuhalten. Eben noch sieht alles so aus, einen Moment später aber fügt sich das Puzzle ganz neu zusammen. Das kann nicht stimmen, und doch stimmt es, jedes Detail sitzt, nur das Gefühl beim Betrachter bleibt, dass ein harter Faktencheck die Illusion platzen lassen würde: Wenn die Zahl und Größe der Quadrate identisch bleibt, wie können dann zwei Ergebnisse möglich sein, eins, bei dem mehr, und eins, bei dem weniger Plätze ausgefüllt werden?

Das Ende ist immer wie es soll

Beim Blick ins politische Berlin, nach Brüssel zur Europäischen Kommission oder zur Europäischen Zentralbank nach Frankfurt wird die Sache schon wahrscheinlicher. Überall dort, wo über das Schicksal von Millionen Menschen entscheiden wird, von Frauen und Männern, die zuweilen wirken, als könnten sie ihre eigenen Schuhe nicht binden, entwickeln Ergebnisse eine geradezu geheimnisvolle Kraft. Egal, was ursprünglich gewollt oder beabsichtigt war, als ein Beschluss, eine Maßnahme, ein Rettungspaket, ein Klimavertrag oder ein großer Deal beschlossen wurde. Was am Ende herauskommt, ist immer genau das, was gewollt gewesen sein wird.

Alles andere würde Teile der Bevölkerung beunruhigen, Beruhigung aber ist erste Politiker*innenpflicht in einer Staatengemeinschaft, die schon so lange permanent ums Überleben kämpft, dass der gemeinsame Überlebenskampf inzwischen zum einzigen gemeinsamen Interesse geworden ist. Eine Ehe unter 27, die Kinder sind aus dem Haus, die Elternschar kann einander weder lieben noch leiden, jeder missgönnt diesem oder jenem dies oder das und man macht so weiter, weil man zusammen schon so weit gekommen ist, dass die Vorstellung, das Haus zu verlassen, einem mehr Angst macht als die Aussicht, dass das alles bis in alle Ewigkeit so traurig und mühsam, so langsam und voller Leiden weitergehen wird.

Nichts passt zueinander

Nichts passt zueinander. Man hat keine gemeinsamen Themen, keine gemeinsamen Medien, ja, nicht einmal eine gemeinsame Sprache, so dass man sich aushilfsweise der des einzigen bisher ausgeschiedenen Mitbewohners bedient. Auch alles andere wird passend gemacht, egal, was es die Untertanen kostet. Im Fall des aller naselang auftretenden Falles aufbrechender Krisen, werden ihnen inzwischen schon traditionell vom eigenen Geld großzügig Geschenke gekauft. Mal gibt es Kredite kostenlos, mal spottbillige Straßenbahnfahrscheine, mal einen Solidaritätszuschuss aller Steuerzahler zur Anschaffung von Elektro-Autos, die die mit einem großzügigen Solidaritätszuschuss aller Steuerzahler namens "Abwrackprämie" angeschafften nagelneuen Verbrenner klimafreundlich ablösen, so dass die kaum zwölf Jahre alten Gebrauchten weiter im Osten ihren Dienst tun können.

Wer die Augen leicht zusammenkneift, übersieht die Unschärfe und erhält ein klares Bild. Sie wissen nicht, was sie tun, tun es aber voller Überzeugung, dass es ihnen selbst nützt. Alles wird immer richtig gewesen sein, im Nachhinein, niemand wird Fehler gemacht haben und wenn denn doch, dann wird "man einander viel verzeihen müssen" (Jens Spahn), denn alles war gut gemeint und klug gemacht und in bester Absicht durchgeführt. Nur die Quadrate passten nie.

Manchmal waren zu wenige da und sobald man welche wegschnitt, waren aus auf der anderen Seite wieder zu viele, Das Spielfeld wurde erweitert und zum Ziel erklärt, nicht spielen zu wollen, sondern ein Spiel zu haben, das man spielen könnte. Was passt, wackelt zugleich und es hat Luft nach oben, unten und festen Halt zur Seite, wo nichts mehr ist, das irgendetwas hält. Das eigene Gewicht verhindert den Sturz, das eigene Gewicht trägt sich selbst, so lange es glaubt, die Kraft dazu zu haben. Ganz egal, wie viele Quadrate, es sind immer im selben Moment genug und zu wenige, egal, wie ihre Zuordnung ist, sie werden stets aufeinander passen und auch nicht.

Bundeskühlschranklichtkontrolle: Stromsparen dank Sondenloch

Harmlos stehen sie in fast allen gemütlichen Wohnküchen - doch was wirklich im Inneren eine Kühlschranks geschieht, wenn die Tür geschlossen ist, weiß niemand.

Sie sind eiskalte Killer, so unauffällig, dass ihnen kaum jemals Aufmerksamkeit geschenkt wird, wenn nicht die EU gerade eine Regelverschärfung zur Energeieffizienzmarkierung beschlossen hat, um das zuständige Vorschriftenressort beschäftigt zu halten.Kühlschränke stehen still in einer Küchenecke, oft sogar in einer extra Abstellkammer. Sie brummen ein wenig und leisten stille Kärrnerarbeit sogar in kalten Winternächten, wenn ihre Besitzer für ein Woche zum Skifahren unterwegs sind. 

Alles frisch auf den Tisch  

Kommen sie wieder nach Hause, geschafft und müde, ist alles frisch im Kühlfach. Bedenkenlos kann gegessen werden, was noch nicht übel riecht. Kühlschränke haben so vor allem in Deutschland, das sich aufgrund der Klimakatastrophe weltweit seit Jahren am stärksten erwärmt, zahllose Leben gerettet. Kaum noch sterben Menschen an verdorbener Nahrung. Kaum noch müssen Lebensmittel sofort verbraucht oder mühevoll in der Sonne gedörrt werden, um sie längere Zeit haltbar zu machen. 

Die dunkle Seite der modernen Kältetechnik aber lauert im Inneren. Zwar benötigen die deutschen Haushalte den größten Teil  ihres Energieverbrauches zum Heizen und zum Erwärmen von Wasser. Gleich dahinter aber folgt der Strombedarf für Kühlschränke und Tiefkühltruhen. Trotz neuem Energielabel für alle Geräte benötigt ein einziger Kühlschrank im Jahr 90 bis 125 kWh Strom - Kühlschränke allein in Deutschland benötigen im Jahr 3.000 Gigawattstunden Strom. Das sind 1.000 Megawatt - mehr als die die halbe Jahresleistung eines mittleren Atomkraftwerkes wie dem Kernkraftwerk Emsland, das zum Jahresende abgeschaltet werden wird.

Verschwiegene Verschwender

Der Strom wird dann fehlen, zumal Kühlschränke dauerhaft unter Strom gehalten werden müssen - ein Bedarf, den Sonne und Wind nicht durchgängig garantieren können. Andererseits können Kühlschränke auch nicht verboten werden, weil ihre segensreiche Wirkung beim Essenretten außer Frage steht.

Gespart werden soll deshalb an anderer Stelle: bei der Kühlschrankbeleuchtung. Bis heute gilt für die meisten Menschen zwar als ausgemacht, dass das Kühlschranklicht ausschließlich leuchtet, wenn die Kühltruhe geöffnet wird. So versichern es die Hersteller zumindest. Ob das stimmt, ist aber noch nie wirklich wissenschaftlich nachgewiesen worden. Möglich scheint ebenso, dass das Licht im Schrank immer an ist - eine Überprüfung im laufenden Betrieb fällt schwer, wer eine Öffnung gemäß den Gesetzen der Quantenphysik sofort unmittelbar Einfluss auf das zu überprüfende Ergebnis nimmt.

Bisherige Vermutungen von Kühlschrank-Kritikern gehen dahin, dass in bis zu 70 oder 80 Prozent der deutschen Kühlschränke  rund um die Uhr Licht brennt. Die Dunkelziffer könnte sogar noch viel höher sein.

Geheimnisvolle Lichtverschmutzung

Würde das Licht aber auch nur in der Hälfte von fast 40 Millionen deutschen Kühlgeräten Tag und Nacht leuchten, würde hier ähnlich viel Strom verschwendet wie bei der Beleuchtung von 17 leeren Gewerbegebieten am Rand mecklenburgischer Kleinstädte. Der Klimaschaden wäre enorm. Im Bundesumweltministerium ist deshalb im Zuge der allgemeinen Energiesparplänen in den vergangenen Monaten in Zusammenarbeit mit dem Klimawatch-Institut im sächsischen Grimma (CLW) ein Prüfplan ausgearbeitet worden. Danach werden ab November Bundeskühlschranklicht-Kontrollkommissionen (BKLKK) bundesweit nach und nach alle Haushalte aufsuchen, um die korrekte Innenbeleuchtung von "Kühlschränken und kühlschrankähnlichen Haushaltgeräten" zu prüfen, wie es im Verordnungsentwurf heißt.

Dabei wird minimalinvasiv ein Sondenloch in die Tür des zu testenden Kühlschrankes gebohrt, durch das der Prüfer oder die Prüferin sich ein Bild von der tatsächlichen Beleuchtungssituation im Schrank machen kann. Ist es wirklich dunkel im Inneren, bekommt der Kühlschrank anschließend umstandslos und unbürokratisch ein amtliches Bundeskühlschranklicht-Prüfsiegel, das - ein Vorschlag eines jungen Neuererkollektivs im CLW - mit einem wärmedämmenden Propfen in das 8er Bohrloch eingeführt wird.

Aller zwei Jahre soll auf diese Weise künftig von den Behörden nachgeschaut werden, ob die Verdunklungsvorschriften für Kühlschrankinnenräume wie in der Kühlschranklicht-Verordnung  2016/6795 des Europäischen Parlaments und des Rates vorgesehen und vorgeschrieben ist. Gebohrt werden muss dann nie wieder, aber ertappte Kühlschranklichtsünder müssen wohl spätestens bei der ersten Nachkontrolle mit empfindlichen Strafen rechnen.

Freitag, 30. September 2022

Drogensucht: Umbenennung von Entzugserscheinungen

Der Tod kifft mit
Drogenopfer wehren sich: Der Tod kifft mit, aber wer überlebt, muss sich oft "Truthahn" nennen lassen.


Anfang des Jahres hat Recep Erdogan genug. Sein Land wolle international nicht mehr als "Turkey" bezeichnet werden, denn das englische Wort für Truthahn mache Jahrtausende wechselvoller, aber am Ende doch erfolgreicher Geschichte verächtlich, indem 84 Millionen Türkinnen und Türken gleichgesetzt würden mit einem Tier. Zwar handele es sich immerhin um die größte Art der Hühnervögel, die ausgewachsen und gut gepflegt eine Körperhöhe von einem Meter und ein Gewicht von zehn Kilogramm erreichen könne. Doch der auf die bizarren Lebensgewohnheiten des Hautlappenhuhns und dessen augenscheinliche Tölpelhaftigkeit im Alltagsleben abhebende Bezeichnung beleidige jeden anständigen Türk*enden.

Rasche Umbenennung

Die UN reagierte verblüffend schnell. Rascher noch als die Umbenennung von Myanmardasfrüherebirma sich als Synonym für das frühere Burma durchsetzte und viel umfassender als sich "Weißrussland" in Bjelorussland verwandelte, wurde auch "Turley" das einheimischsprachige "Türkiye". Die Vereinten Nationen bestätigten den Wechsel. Seit dem späten Frühjahr wird der inflationsgeplagte und mit der Rückabwicklung demokratischer Errungenschaften beschäftigte Nachfolgestaat des Osmanischen Reiches an der Südflanke der Nato im internationalen Sprachgebrauch Türkiye genannt. 

Ein Wechsel, der anderen Mut gemacht hat. So wendet sich jetzt auch die Internationale Vereinigung der Opfer des Drogenmissbrauchs (International Association of Victims of Drug Abuse, IAVDA) gegen die übliche Praxis, Entzugserscheinungen nach dem Zittern des Truthahnes als "Turkey" zu bezeichnen. Damit würden  Folgen schwerer Abhängigkeit verharmlost und das Schicksal von leidgeplagten Drogennutzern romantisiert, heißt es im Stockholmer Büro von der IAVDA. 

Menschenverachtende Praxis

Verantwortlich für diese menschenverachtende Praxis werden von vielen Betroffenen Prominente wie der englische Musiker John Lennon gemacht, der mit seinem Lied "Cold Turkey" für die weltweite Verbreitung des Klischeebildes vom zitternden Entzugsopfer gesorgt habe. In Deutschland, heißt es bei der Malchower Niederlassung von IAVDA, habe Christiane F. mit ihrem Buch "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" dieses Bild popularisiert.

Damit soll nun Schluss sein, dafür verwendet sich auch der Weltverband der Truthahnzüchter (World Federation of Turkey Producers, WFTP), bei dessen Mitglieder*nnen schon lange Unmut darüber herrscht, dass die stolzen Zuchttiere, um die man sich so liebevoll kümmere, mit einer fragwürdigen Teildiktatur und den Folgen schweren Drogenmissbrauchs assoziiert werde. "Auch wir haben bei der Uno darum gebeten, die Verwendung dieser Bezeichnung weltweit zu untersagen", bestätigt WFTP-Sprecherin Nancy Kolohres. Bezeichungen in den jeweiligen Landessprachen - etwa Türkei und Truthahn in Deutschland, Türkiye in Ankara und Turkey in den USA - dürften aber bestehen bleiben.

Erst der Anfang

Gute Nachrichten für eine Welt im Wandel, die sich mehr und mehr zurückbesinnt auf Landessprachen, Wurzeln,  Abstammung, regionale Küche und lokale Lieferketten. tragen.  Die frühere "Turkish Airlines" heißt nun schon geraume Zeit "Türkiye Hava Yolları", folgen könnten Qatar Airways  und Emirates, die dann als الخطوط الجوية القطرية und الإمارات anzusprechen wären. Bei der Abwicklung der Fehlstellungen einer außer Rand und Band geratenen Globalisierung sind das unübersehbare Zeichen des Endes einer Ära. In der hatte selbst die EU auf das Englische als erste Amtssprache gesetzt, obwohl in der Gemeinschaft von 440 Millionen kaum sechs Millionen englische Muttersprachler leben, die zudem zumeist auf die abgelegenen Inseln Malta und Irland beschränkt sind.

Reichskraftanlagen: Die braunen Wurzeln der Windkraft

Verschwiegene Wurzeln: Die ersten Windkraftfans träumten in den 30er Jahren von der Energieautarkie.

Reihenweise melden die deutschen Windkraftanlagenbauer Probleme, wirtschaftlich sieht es schrecklich aus, es gibt Entlassungen, Schließungen von Betriebsstätten, Kapitalerhöhungen sind nötig, um wenigstens einen Rest zu retten für den Boom der "Erneuerbaren" (Robert Habeck), der eines Tages kommen wird. Deutschland, vor allem das politische Deutschland und das kommunizierende, es liebt die Vorstellung, Energie aus dem Nichts zu "erzeugen" (Ricarda Lang). Kostenlos dreht die Natur einen Rotor, kein Russe kassiert mit, wie der alte Müller am Ortsrand vor 1.000 Jahren ist das ganze Land bald autark. Und klimaneutral.  

In dunkler Zeit geträumt

Ein Traum, der schon in dunkler Zeit geträumt wurde. Damals, man schrieb das Jahr 1934, stellte der aus dem Rheinland stammende Ingenieur und Unternehmer  Hermann Honnef dem Führer und Reichskanzler Adolf Hitler seine Idee des Reichskraftturmes vor. Bis zu 500 Metern hoch und mit fünf querdrehenden Rotoren versehen, sollte ein einziger Turm eine Leistung von 20 MW bei 15 m/s Windgeschwindigkeit erzeugen - etwa viermal so viel wie ein Standardwindrad heute liefert. Nicht einmal  tausend dieser aus Stahlgestänge zusammengesetzten Riesen, so hatte Honnef ausgerechnet, würden mehr als genug Strom für alle Fabriken und Haushalte in ganz Deutschland liefern. So viel sogar, dass Äcker im Winter beheizt und vier Ernten eingefahren werden könnten.

Honnef war sich damals allerdings durchaus noch bewusst, dass der Wind nicht immer weht. Als er bei Hitler vorstellig wurde, hatte er auch für den Fall einer Frage danach, was bei Flaute passiere, eine Antwort dabei. Werde mehr Strom erzeugt als gerade gebraucht würde, solle die überflüssige Energie einfach in Wasserstoff umgewandelt werden, der dann als Energieträger für Heizungen, Busse und Lokomotiven genutzt werden könne, wenn nicht genug Wind wehe. Hermann Honnef war sich sicher, im ganzen Land Begeisterung für seine Idee wecken zu können: In seinen ersten Turm an der Berliner Avus, höher als der Eiffelturm in Paris, wollte er ganz oben in den Wolken ein Restaurant einbauen, damit Besucher zuschauen könnten, wie sein Reichskraftturm den Wind aberntet.

Der Traum von der autarken Versorgung

Wie das moderne Deutschland heute träumte auch Hitler davon, sein Reich autark zu versorgen. Keine Öl-, Gas- oder Stromimporte mehr, dafür Energie im Überfluss für alle. Auf der Basis des von Werner von Siemens bereits 1867 beschriebenen dynamoelektrischen Prinzips - einer urdeutschen Erfindung also - hatte der amerikanische Erfinder Charles Brush 1887 in Cleveland die erste Windturbine gebaut und Strom für 350 Glühbirnen und mehrere Elektromotoren erzeugt. Honnefs gigantische Krafttürme versprachen nun, die Methode auf nationaler Großebene zu etablieren. Das kleine Problem, dass die damaligen Batterien nicht annähernd genug Energie speichern konnten, würde sicher auch noch gelöst werden können.

Honnefs "Wunderwerk deutscher Ingenieurskunst" klang einfach zu gut, seine Pläne zur Wasserstoffspeicherung gar wie aus einem anderen Jahrhundert. Hitlers Reichskanzleichef Hans Heinrich Lammers verteidigte den Erfinder anfangs noch gegen kleingläubige Kritiker, doch als Hermann Honnef dann wirklich in Hitlers Vorzimmer sitzt, um seine Idee darzulegen, kommt es nicht zum Treffen. Stattdessen wird Honnef von SS-Männern festgenommen und abgeführt, angeblich, weil er beim Konkurs einer Ingenieursfirma Gläubiger betrogen haben soll. 

Ende des ersten deutschen Traums

Es ist das Ende des ersten deutschen Traums von der Gratis-Energie aus dem Wind. Nach Kriegsbeginn soll Honnef seine Großkraftwerke umplanen, weil sie zu  anfällig für Bomberangriffe seien. der Führer wolle "Kleinanlagen. Am liebsten möchte er auf jedem Dach ein Windrad sehen." Honnef baut fünf Modelltürme in der Nähe von Bötzow, 30 Meter hoch und unfähig, stabil Strom zu liefern. Er wird als "Oberclown" verlacht und ignoriert, nur einmal noch betritt er eine große Bühne, als ihm 1952 das Bundesverdienstkreuz überreicht wird. 1961 stirbt Hermann Honnef völlig verarmt, mit ihm stirbt die Idee von der Windkraftnutzung im großen Maßstab.