Mittwoch, 15. Juli 2026

Trittin-Reaktor: Aufregendes alternatives Atomernergiekonzept

Ein Eis mehr: Junge Ingenieure und Techniker haben den strahlungsfreien Trittin-Reaktor entwickelt.

Außerhalb Deutschland wird derzeit an verschiedenen Reaktorkonzepten gearbeitet, die als zukünftige Alternativen zu herkömmlichen Atomkraftwerken gesehen werden sollen. Obwohl die Kernenergie global mausetot ist, seit die Ampel der Versuchung widerstand, die letzten deutschen Meiler wegen der wachsenden Versorgungsprobleme mit Grundlastenergie weiterlaufen zu lassen. Bis zum Hochlauf der ersten Fusionsreaktoren, in denen vor allem in Bayern emsig geforscht wird, schien Kernkraft erfolgreich aufs Abstellgleis geschoben worden zu sein.

Private Initiative zur Atomkraftrettung 

Doch einige private Tüftler wollten die Technologie, in der Deutschland früher führend war, nicht so einfach aufgeben. Im "Arbeitskreis Techniker Oberspree und Mitteldeutschland" (ATOM) hat der bekannte Entrepreneur Jens Urban schon vor Jahren Gleichgesinnte Entwickler, Ingenieure und Geldgeber versammelt, um die Atomkraft  "zurück nach Hause zu holen", wie der 57-Jährige aus dem mitteldeutschen Dessau formuliert.

Urban spielt damit auf die Entdeckung der Kernspaltung im Jahr 1938 durch Otto Hahn und Fritz Straßmann in Berlin an, ebenso aber auf die physikalisch-theoretische Erklärung des Phänomens, die Lise Meitner lieferte, und die spätere Abschaltung des Systems durch Jürgen Trittin. "Das waren mutige, einfallsreiche Größen", sagt Urban, "denen wir heute eher nacheifern sollten als den wissenschaftlich zumeist schlecht ausgebildeten Bedenkenträgern aus der Politik."

Atommüllofen und Perpetuum Mobile für die NSA 

Der quicke Erfinder und Entwickler, der vor Jahren Aufsehen mit einem selbstgebauten Atommüllofen erregt hatte, war es zuletzt gelungen, ein von Spezialisten des US-Geheimdienstes NSA erdachtes Modell eines Perpetuum Mobile zur Serienreife weiterzuentwickeln. Zudem setzt China neuerdings als erstes Land weltweit ein von Urban erdachtes Konzept zur Windspeicherung großtechnisch um. 

Deutsche Behörden hatten sich zuvor geweigert, die pfiffige Druckluft-Idee zur Lösung des globalen Speicherproblems bei Erneuerbaren zu prüfen. Erst im Reich der Mitte trafen Urban und seine Firma Urban Innovations (UI) mit ihren "Urbanisatoren" genannten Doppelrotoren nutzen und dem in Ostdeutschland ausgetüftelten Wind-zu-Wind-Verfahren auf offene Ohren und Arme.

Hoffnung auf Millionen von der EU 

Für Jens Urban und seine Mitstreitenden war es ein Zeichen, als EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen kürzlich Risikoabsicherungen in Höhe von 200 Millionen Euro für private Geldgeber in Aussicht stellte, die in neue Atomtechnologien investieren wollen. ATOM habe bisher mit fünfstelligen Summen auskommen müssen, trotzdem aber schon wegweisende Fortschritte gemacht, sagt der  als Vereinsvorsitzender der bekennenden Kernkraftfreunde fungierende gelernte Werkzeugmacher. 

Angesichts der realen Baukosten bisheriger Reaktoren erscheine die Summe zwar niedrig. "Der zuletzt fertiggestellte finnische Reaktor Olkiluoto 3 hat elf Milliarden Euro gekostet", rechnet Urban vor. Das sei fast die Hälfte der Summe gewesen, die Stromkunden in Deutschland bis 2022 als EEG-Vergütung an Betreiber von Solar- und Windkraftanlagen gezahlt hätten. "Eine irre Summe also."

Atomarer Aufbruch aus dem Osten 

Das alternative Atomenergiekonzept, mit dem Innovatoren aus Ostdeutschland Europas Versorgung mit billigem Strom künftig sicherstellen wollen, kommt ohne solche hohen Anlaufkosten aus. Auch die gefürchteten Kosten für die Zwischen- und Endlagerung des strahlenden Mülls fielen weg, verspricht Jens Urban. Die belaufen sich aktuell auf 1,4 Milliarden Euro im Jahr, finanziert aus dem Entsorgungsfonds (KENFO), in den die großen teils teilstaatlichen Energiekonzerne 24 Milliarden Euro eingezahlt haben.

"Das werden wir alles nicht brauchen", ist Urbans Vereinskollege Maik Mahlstorf sicher. Der studierte Kerntechniker kam über den Vertrieb von energiesparenden Kirschkernkissen  zu ATOM und stieg 2023 in experimentelle Entwicklung eines sogenannten DFR/MSR-Konzeptes ein.  Dabei handelt es sich landläufigerweise um Dual-Fluid-Reaktoren, die mit flüssigen Brennstoffen betrieben werden.  Radioaktives Material wird dazu nach einer Idee aus den 50er Jahren verflüssigt und doppelt genutzt. 

Geschmolzenes Salz und getrocknete Tränen 

In entsprechenden Molten Salt Reactors der IV. Generation ist der Kernbrennstoff in einer heißen Salzschmelze gelöst, so dass er gleichzeitig als Brennstoff und Kühlmittel fungieren kann. "Doch im Gegensatz zu herkömmlichen Reaktoren mit festen Brennstäben zirkuliert der flüssige Brennstoff dabei durch den Reaktorkern", meldet Mahlstorf Bedenken an. 

Zudem hätten sich die zeitlichen Entwicklungshorizonte aller geplanten Thorium-Flüssigsalzreaktoren mittlerweile so weit ausgedehnt, dass "sie uns absehbar nicht schnell helfen werden, um im Rahmen der völkerrechtlich vorgeschriebenen CO2-Einsparung eine Alternative für sichere Bereitstellung von Energie in Frage zu kommen."

Die Trauen über diese enttäuschte Hoffnung war groß. Mancherorts flossen Tränen. Doch die Truppe der jungen ostdeutschen Kernkraftfans setzt dem gescheiterten 70 Jahre alten Konzept nun ein eigenes entgegen. Ihr Dual-Ice-Reaktor (DER) - als Verneigung vor dem früheren Bundesumweltminister und Wegbereiter des Kernkraftausstieges Jürgen Trittin auch "Trittin-Reaktor" (TR) genannt - werde nach Angaben von Urban und Mahlstorf sicher und effizient sein. Vor allem deshalb, weil der Trittin-Reaktor keine strahlendes Atommaterial als Brennstoff nutze. "Uran, Plutonium, Thorium, das brauchen wir alles nicht", betont Vordenker Urban.

Einfach, nachhaltig und regional 

Stattdessen funktioniere der TR nach einem einfachen und nachhaltigen regionalen Prinzip: Als Brennstoff dienen angereicherte Eiswaffeln, die durch die negative Wärmestrahlung von Gefrierhühnchen zur Reaktion gebracht werden. Die sogenannten Grundlasthühner waren vor vier Jahren entdeckt worden, als der geplante Energieausstieg Deutschland zwang, Kühlware von minus 22 Grad in Zukunft auf minus 20 Grad aufzuheizen, um die Grundlast so zu stabilisieren, "dass sich im Netz die unterschiedlichen Akteure ausgleichen", wie die damalige Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock ihre Pläne skizziert hatte. 

Für die Frauen und Männer im ATOM-Verein war der Vorschlag ein wichtiger Anstoß. "Danach haben wir wirklich begonnen, uns Gedanken zu machen", erinnert sich Maik Mahlstorf. Nach der Musk-Devise, dass das Einfache das Gute sei, erarbeiteten die rund 73 Mitglieder das Konzept eines radioaktivistätsfreien Reaktor auf nachhaltiger Basis.

Im Trittin-Reaktor werden herkömmliche Speiseeiskugeln genutzt, um gezielt Faulgase herzustellen. Die wiederum werden klimaneutral und nachhaltig verbrannt, "und der produzierte Wasserdampf treibt eine reibungsfreie Turbine an, die sogenannten Wasserstoffstrom erzeugt", erläutert Jens Urban mit einfachen Worten.

Meilenstein des Energieausstiegs 

Das Funktionsprinzip der Trittin-Energy sei in großen wie in kleinen Reaktoren anwendbar, es ist strahlungs- und restmüllfrei. "Wir sprechen hier von einem Meilenstein des Energieausstiegs", ist sich Maik Mahltorf sicher. In Zeiten, in denen die Debatte um Kernenergie wieder Fahrt aufnimmt, präsentiere man ein kompromissloses Konzept, das alle bisherigen Paradigmen sprenge: Ein Reaktor ohne Radioaktivität, Restmüllproblem und Endlagersuche. 

Benannt nach Jürgen Trittin, dem langjährigen Vorkämpfer für eine atomfreie Zukunft, verspreche die smarte Technologie, was weder klassische Leichtwasserreaktoren noch alternative Konzepte wie Dual-Fluid- oder Thorium-Reaktoren leisten können - "eine vollständig strahlungsfreie, restmüllfreie und klimaneutrale Energieerzeugung auf Basis rein biologischer Rohstoffe."

Weder vegetarisch noch vegan 

Natürlich, Kritiker*innen aus der westdeutschen Ökoszene hatten sofort den Vorwurf zur Hand, dass der Trittin-Reaktor weder vegetarisch noch vegan sei. Die angereicherten Eiswaffeln, die im Kern wirbeln, können zwar auch aus Hafermilch und Bioeiern stammen - die Entwickler von ATOM sind sogar mit Züchtern im Gespräch, um mit der Rasse "Leghorn Energica" spezielle schnelle Brüter für neue Brennelemente entwickeln zu lassen. "Doch im Grundsatz bleibt es sicherlich richtig, dass wir mit tierischem Eiweiß arbeiten", räumt Jens Urban ein.

Der Umgang damit sei jedoch pfleglich und respektvoll. "Das Prozesseis wird in speziellen temperaturgeregelten Kammern platziert", erläutert Maik Mahlstorf die Abläufe im Inneren eines Trittin-Reaktors. Die sanfte Infrarot-Wärmestrahlung der tiefgekühlten Grundlasthühnchen wirke als Impulsgeber für die Einleitung des Fäulnisprozesses. Dieser Prozess, von den Entwicklern als "biologische Kettenreaktion" bezeichnet, liefert sowohl Methan und Kohlendioxid als auch Schwefelwasserstoff als natürlichen Geruchsmarker. "Kein Leck bleibt unentdeckt", schmunzelt Urban. 

Geschlossenes Verbrennungssystem 

Die hochbrennbaren Gase werden sofort in einem geschlossenen, hochmodernen Verbrennungssystem klimaneutral oxidiert. Der entstehende Wasserdampf treibt eine patentierte reibungsfreie Supraleiter-Turbine an, die statt herkömmlichen Strom sogenannten grünen Wasserstoffstrom erzeugt - eine besonders reine Energieform, die nach Überzeugung von Maik Mahlstorf "so grün ist wie der Wind, aber verlässlicher als die Sonne und deutlich weniger laut als ein Windrad". 

Ein entscheidender Vorteil des TR ist die Skalierbarkeit des Prinzips vom Balkonreaktor (BTR) für Zuhause bis zur großindustriellen Gigawatt-Energiefabrik. "Unsere Idee funktioniert gleichermaßen in Kleinstanlagen für den Einfamilienhaushalt, wie unser kompakte Balkonreaktor zeigt, wie in Großkraftwerken Marke ,Trittin-Mega-Farm' mit einer Kapazität von mehreren Millionen Eiskugeln." Ein Balkonreaktor rechne sich ab zwölf Eis pro Woche. "Die bringen drei kW Dauerleistung", weiß Mahlstorf. Alle Anlagen würden zudem modular aufgebaut sein – "bei Bedarf kann man einfach weitere Eiswaffel-Ladebuchten andocken".

Geringster Wartungsaufwand 

Der Wartungsaufwand soll gering sein, "im Grunde beschränkt sich das auf das regelmäßige Nachlegen von Frischeis und das Austauschen verbrauchter Gefrierhühner", sagt Jens Urban, der daheim selbst einen Prototyp des BTR 01 Beta betreibt. Das Schöne sei, das verbrauchte Grundlasthühnchen durchaus in der Küche verwertet werden könne. "Wir haben da keine Geschmacksbeeinträchtigung feststellen können", sagt Urban. Da keinerlei radioaktive Isotope beteiligt sind, entfalle ohnehin jede Angst vor Strahlenbelastung. 

"Es gibt keinen Atommüll, keine Endlagerdebatte, keine Proliferationsrisiken." Die einzigen Reststoffe beim TR seien Schmelzwasser und Hühnerknochen. "Unseren Reaktormüll kann man kompostieren", schmunzelt Mahlstorf. Die CO₂-Bilanz bleibe zudem neutral, da die verbrannten Faulgase dem natürlichen Kohlenstoffkreislauf entstammen.

Was es jetzt brauche, sei ein Zeichen aus Brüssel und eine kräftige Anschubfinanzierung der EU-Kommission für die junge Firma Trittin Energy Solutions. "Praktisch fehlen uns noch Langzeitdaten zu Eier-Stabilität bei Dauerbetrieb und zur Skalierbarkeit der Gefrierhuhn-Logistik", gestehen Urban und Mahlstorf. "Aber wenn auch das funktioniert, wäre es ein Gamechanger für Europa."