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Freitag, 23. November 2012

Mit Brötchen und Bier in die Pleite

Jetzt geht es ans Eingemachte, jetzt wird Klappentext gesprochen, zumindest im Bundestag und in den Kommentarspalten der Leitmedien. Während Peer Steinbrück eine Frittenbuden-Theorie vertritt und Angela Merkel sicher ist, sich nicht verstecken zu müssen, liefert Marko Martin in der "Welt" eine erste, echte Tiefenanalyse der deutschen Zustände. Er findet einen "Staat, gebaut auf Illusionen", in dem die "Kaviar-Linken" trotz des Debakels um die Landesbanken, trotz des gescheiterten Versuchs, Europa von oben zusammenzuschmieden und trotz des im leninschen Stil verordneten "Energieausstieges" weiter "blind auf die alte Stärke des Staates" vertrauen. Weshalb, fragt der Autor, schaut bei Deutschland niemand genauer hin? Soll doch dieses Land den ganzen Kontinent aus der Bredouille bugsieren?

Denn durch diese Verantwortung wird Deutschland zum größten Sorgenkind Europas. Das Land, das Europa retten soll, ist selbst schwer angeschlagen. PPQ dokumentiert den bemerkenswerten Text aus der "Welt":

Es ist schon bizarr: Da beugen sich seit Jahr und Tag Wirtschaftsexperten und Mentalitätsforscher über die Krisenländer des europäischen Südens, um uns alsdann ihre Hiobsbotschaften mitzuteilen, eine beunruhigender als die andere. Und während der ganzen Zeit hielt das Gerede von "Kerneuropa" an, am Laufen gehalten vom "deutsch-französischen Motor", der nicht "stottern" dürfe.

Inzwischen, angesichts Deutschlands beständig nachlassender Wettbewerbsfähigkeit und horrender Staatsverschuldung (derzeit sind es gar 90 Prozent seines BIP), stellt sich eine Frage: Haben wir es hier mit einem Kommunikations-Gau zu tun, einer naiven Blindheit auf allen Seiten – oder mit dem vielleicht letzten Pyrrhus-Sieg in der speziellen deutschen Kunst des Nebelwerfens?

An etwaigen deutschen Schuldkomplexen liegt es jedenfalls nicht, dass die Dauer-Malaise der stärksten europäischen Volkswirtschaft bislang kaum in den Blick geraten ist. Wie viel Steuerzahlergeld für unsinnige Routine-Tagungen und Forschungsprojekte zur europäischen Integration auch hierzulande verschleudert wurden – das stets so pathetisch Beschworene ist längst im allerbanalsten Sinn zu Realität geworden. Will heißen, man ist sich gegenseitig herzlich egal. Das ist, ganz ohne Konferenztheater, die gegenwärtige Lage und wenig gäbe es daran auszusetzen, wäre nicht das Land, das alle retten soll, der nächste Wackelkandidat.

Noch einmal also: Weshalb sah niemand genauer hin? Eine unfreiwillig indirekte Erklärung lieferte vor zwei Wochen der Euro-Gruppenchef Jean-Claude Juncker, der der deutschen Rettungspolitik ein vernichtendes Urteil ausstellte und einschneidende Reformen forderte. „Wieso eigentlich erlaubt sich Deutschland den Luxus, andauernd Innenpolitik in Sachen Eurofragen zu machen? Warum behandelt Deutschland die Euro-Zone wie eine Filiale?“, polemisierte der Mann, der einst selbst dank lukrativer Staatsaufträge Karriere gemacht hatte. Sein Krisen-Tremolo war erneut halb bolschewistisch, halb talmi-elegant, perfekt passend zu seiner Geschichte als einer der Männer, die seinerzeit den angeblichen „Kompromiss von Dublin aushandelten“, der erst das Scheitern des „Stabilitäts- und Wachstumspaktes“ möglich machte, das Europa in die Schuldenfalle führte.

"Le style, c´est l´homme" hatte einst Madame de Staël gemeint, was sich gewiss auch ins Deutsche übersetzen ließe. Allerdings mit beunruhigendem Resümee, erscheint die deutsche Gesellschaft doch weiterhin im Plapper-Modus gefangen. Die Frage, wie es um die Ehe von Horst Seehofer stand, wie die Brüste von Angela Merkel bei einem Opernbesuch außerhalb der Euro-Zone aussahen oder welche Märchenlesungen Peer Steinbrück wo absolviert hat, war während der inzwischen fünf Jahre andauernden Krise von größerem Interesse als die offene Verachtung der politischen Klasse für demokratischer Gewaltenteilung und die skandalöse Instrumentalisierung des Geheimdienstes zur Überwachung des verbliebenen Rests kritischer Journalisten.

Das höfisch-lakaienhaft anmutende Rätselraten geht weiter: Verrät Angela Merkel in ihrer Körpersprache trotz Pokemon-Jäckchen etwas mehr Reformmut, hat Wirtschaftsminister Wolfgang Schäuble als ehemaliger Innenminister womöglich gar einen besseren Draht zur spröden IWF-Chefin Lagrande?

Dabei hat selbst das Geschwätz im Inzucht-Zirkel von Berlin klare Grenzen zu beachten. Andernfalls hätte man ja vielleicht darauf aufmerksam machen können, das trotz anhaltender Verelendung weiter Bevölkerungsschichten Politiker alle Parteien zuallererst einmal darum besorgt waren, die unklare Regelung zur privaten Nutzung kostenloser Bahn-Netzkarten für Abgeordnete schnell rechtssicher zu machen.

Man muss gewiss kein staats-misstrauender "Spekulant" oder „Manager“ sein (im gegenwärtigen Deutschland eine noch größere Beschimpfung als  „Massenmörder“ oder „Arschloch“), um eben diese Mixtur aus Geschichts- und Gegenwartsverdrängung brandgefährlich zu finden und in der Kontinuität des ewig gleichen, elitär-unfähigen Personals einen entscheidenden Grund für die Krise.

Wirkliche Alternativen aber sind rar. Eine Christ- oder Sozialdemokratie existiert nicht, so dass sich Linke und Rechte vor allem in ihrem Etatismus einig sind, ihrem Kleinhalten privater Mittelschicht-Initiativen und einem lagerübergreifenden Protektionismus, der schamlos die antikapitalistische Rhetorik einer möglichst allumfassenden Gleichheit bedient. Währenddessen gehen Deutschland Exporte zurück, die Jugendarbeitslosigkeit stagniert, in den Vororten grassiert muslimischer Juden-Hass, die Sozialversicherungssysteme stehen vor dem Kollaps, die Staatspleite droht.

Wo aber bleiben dann die deutschen Wirtschafts-Essayisten, die mit dem quasi-sozialistischen Charakter ihres Landes abrechnen? Wo die auf Montesquieus Gewaltenteilung rekurrierenden Politikwissenschaftler, die das Beziehungsgeflecht der Institutionen einmal unter die Lupe nehmen würden? Ausgerechnet jenes Land, in dem das Studentenjahr 68 derart turbulent verlaufen war, ist von allen westeuropäischen Gesellschaften am autoritärsten geblieben: Hier regiert die Kanzlerin, niemand sonst.

Bis heute gibt die übergroße Mehrheit junger Leute als Berufswunsch "Hartz 4" an oder eine todsichere Stelle im geliebt-gehassten Beamtenapparat. Währenddessen zeigt das Kino weiterhin fein ziselierte Durchhalte- und Beziehungsfilmchen, ganz im Geiste der Kassenschlager "Rommel": Die erträumte Rückkehr in den hortus conclusus der deutschen Idylle, wo der Rotwein ewig mundet und selbst das Fernsehprogramm subventioniert ist. Die Zeit wird zeigen, wie realistisch das ist.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Die Franzmänner haben gutaussehende Frauen in ihrem Kabinett, manmanman, in der BRD Gruselkabinett.

OT, Entschuldigung.

ppq hat gesagt…

das ist in der tat ein gravierender unterschied, auf den der autor ganz vergessen hat hinzuweisen.

Thomas hat gesagt…

Naja, auch wenn es in dem Artikel von M.Stürmer um Frankreich ging - auf Deutschland trifft es halt genauso zu. Nur, die Franzosen hatten Edith Piaf: "Je ne regrette Croissant!"
Göttlich

Thomas hat gesagt…

Ups, es war gar nicht M.Stürmer, sondern M.Martin, der Fronkreisch mit Beaujolais und Baguette in die Pleite (Banquerotte) segeln sah.

ppq hat gesagt…

ach, es ging um frankreich? dieser druckfehlerteufel wieder

Anonym hat gesagt…

- Haben wir es hier mit einem Kommunikations-Gau zu tun …?

Aus der Warte des Obersten PResstitutionsrats wohl kaum. Hinter althergebrachter PRopaganda versteckt sich neuerdings der Berufsstand des diplomierten "Kommunikationsdesigners" …
-> http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/der-student-florian-luxenburger-tauscht-gegenstaende-und-geschichten-a-867504.html
… der sich noch eine Elle schönsprechender hinter gänzlich harmlosem "Tauschhandel" verschanzt.

Die Amis auf Kurs
Grüsse
kosh

PS: Man tut was man kann und man kann was man tut.

Anonym hat gesagt…

Verdammt! Das rührt an meinen FTD-Abschiedschmerz. Heute hat FTD-Chefökonom Thomas Fricke wieder eine Botschaft aus einer anderen Welt geschickt (http://www.ftd.de/politik/europa/:kolumne-thomas-fricke-vive-la-resistance/70121028.html). Tenor: Frankreich – alles prima! Sein Rat: Nicht über Frankreich reden, denn fundamental steht Frankreich super da. Oder so. Der Chefökonom von Chanel, Karl Lagerfeld, äußert sich hingegen so (http://www.badische-zeitung.de/wirtschaft-3/experte-ruettelt-paris-wach--65340681.html): "Abgesehen von Mode, Schmuck, Parfüm und Wein ist Frankreich nicht wettbewerbsfähig." Alle anderen Produkte verkauften sich nicht, niemand aus dem Ausland wolle mehr in Frankreich produzieren. "Wer kauft schon französische Autos?".
Prognosemässig steht es bisher zwischen Lagerfeld und Fricke etwa 100:0 für Lagerfeld.
Aber will man deshalb auf Fricke und Frankreich verzichten? Ich nicht! Bitte Frau Mohn, Frau Springer, Frau Burda, Frau Jahr bitte bitte: Eure skurrilen Geschäftsmodelle dürfen nicht nur durch das Internet sterben: Gebt auch Fricke ein neues Blatt zum puttmachen!

ppq hat gesagt…

aber frankreich ist doch nur nicht wettbewerbsfähig, weil die deutschen löhne so niedrig sind!

Thomas hat gesagt…

Ha, nachdem wir doch bereits der größte Schafskäseexporteur geworden sind, werden wir wohl auch noch den weltweiten Baguettemarkt aufrollen! Dazu sind bloß ein paar windgetriebene Teigknetereien in der Nordsee nötig, vorausgesetzt, Tennet schafft es, sie an das europäische Stangenei- und Formfleischnetz anzuschließen. Dann - und erst dann - können sich die Franzosen über unsere Öko-Produktivität beschweren!

Volker hat gesagt…

Zum Schwergewicht der Achse Deuschland-Fronkraich ein schöner Leserkommentar bei Hartgeld

Hollande ist aus dem Sommerurlaub zurück und scheint in einem merkwürdigen Paralleluniversum zu leben. In diesem ist immer noch genug Geld für den Bau von jährlich (!) 150.000 neuen Sozialwohnungen vorhanden. Weiterhin sollen "neue Jobs für junge Leute" geschaffen werden. Das Riesenheer studierter Sozialwissenschaftler, Politologen und sonstiger hochqualifizierter Fachkräfte und künftiger Hoffnungsträger, das man sich unter der Wahnsinnsideologie der "Bildung für alle" herangezüchtet hat, sitzt jetzt nämlich da und weiß außer "sozialem Aktivismus" in verschiedenen obskuren kryptokommunistischen Grüppchen und Vereinen nicht viel mit sich anzufangen. Schön wären natürlich leichte Arbeiten beim Staat, bei denen man die zukünftige Gesellschaft planen kann, nachhaltig und gerecht. Als guter republikanischer citoyen hat man auf so einen Posten schließlich ein verbrieftes Menschenrecht. Die "Jobs der Zukunft" werden aber lediglich aus Steuermitteln (hoch) bezuschußte Gammelpöstchen bei diversen "gemeinnützigen Organisationen" oder "Gemeindeeinrichtungen" oder aber in "Weiterbildungsmaßnahmen" sein. Die Finanzierung von Lehrstellen oder regulären Posten in der Privatwirtschaft ist in diesem Programm explizit verboten! Und das in einem Land, in dem Klein- und mittelständische Unternehmer es sich wegen der brutalen "Sozial"gesetzgebung nicht leisten können, Leute unbefristet anzustellen, weil sie diesen dann nur noch unter außerordentlichen Bedingungen kündigen dürfen ("keine Aufträge", "zu wenig Umsatz" usw. sind keine solchen besonderen Umstände; "stiehlt immer", "verprügelt Kollegen" aber schon).