Google+ PPQ: 2019

Sonntag, 22. September 2019

Die rauchenden Schlote der Philanthropie


Sie räusperte sich. "Globalisierungskritik? Schon lange von der Wirtschaft eingenommen. Es gibt regionale Produkte zu kaufen, und man wirbt damit, inländischer Hersteller zu sein. Die Freiheit des Individuums? Wird von jedem verdammten Turnschuhhersteller zelebriert. Klassische bürgerliche Ideale? Die Modelabels bedienen den modernen Spießer ebenso wie der Buchmarkt, die Autohersteller und Ikea."

Vegetarier werden ebenso von einem ganzen Industriezweig beliefert wie die Verfechter eines exzessiven Fleischkonsums. Tiere zu essen ist cool, keine Tiere zu essen, ist auch cool, Single sein ist cool, in familiären Strukturen zu leben ist cool, Internet und totale Vernetzung ist cool, aber den Strom nur aus der eigenen Solaranlage im Garten zu beziehen ist auch cool.

Die Umwelt zu lieben ist cool, aber einen dicken SUV zu fahren auch. Freiheit ist cool, aber Sicherheit ist auch irgendwie cool. Feminismus ist cool, aber das Playboy-Bunny zu spielen ist genauso cool.

Es gibt nichts mehr, für das man sich einsetzen kann, alles ist schon durchgekaut und verdaut.

Man kann sich gegen dieses Establishment überhaupt nicht mehr auflehnen, weil es nur noch etwas ist, das an jedem möglichen Angriffspunkt sofort nachgibt und einen vereinnahmt. Und dann kommt man nicht mehr heraus.

Sogar die Liebe zum Menschen hat ihren eigenen Wirtschaftszweig."

"Die Pharmaindustrie", bestätigte Simon.

"Die rauchenden Schlote der Philanthropie", nickte Marie.

Sie stießen an, Marie mit der Weinflasche, Simon mit der Faust. "Das einzige Ideal, das für mich noch in Frage kommt", sagte sie, "ist der totale Ausstieg. Nicht mehr an der ganzen Scheiße partizipieren. Den Kopf in den Sand stecken."

"Es gibt Reisebüros, die sich auf Aussteiger spezialisiert haben." Simon grinste.

"Dann bleibt mir nur noch der Zynismus."

Patrick Brosi, Der Blogger, 2015

Gute Gründe: Warum mein Sohn auf eine Privatschule geht

Moderne Toiletten tragen zum Bildungserfolg bei.
Ich gestehe: Obwohl ich ein Mensch bin, der mitten im Leben steht, der bio isst, Fahrrad fährt, mit Ökoseife duscht und seinen Kaffee nicht im Supermarkt kauft, geht mein Sohn auf eine Privatschule. Doch was in anderen Fällen ein deutliches Zeichen von Entsolidarisierung ist, weil sich Eltern vielerorts vor der Verantwortung drücken, die auch ihre Kinder bei der Integration neu zu uns gekommener Schüleri*Innen und Schülerer übernehmen müssen, ist in unserer Familie nicht das Ergebnis elitären Denkens, sondern ein verzweifelter Akt der Notwehr. Wir wohnen im AfD-Kerngebiet. Hier herrscht im Klassenzimmer der Ungeist der NS-Zeit - die meisten Kinder sind deutsch und viele Eltern AfD-Wähler.

Wir mussten handeln


Wir mussten also handeln. Seit ein paar Wochen besucht mein Sohn nun die erste Klasse einer Privatschule in Pankow, widerwillig und von uns Eltern mit Gewissensbissen begleitet. Wir sind beide ganz normale Leute, wir wählen traditionell grün oder links, arbeiten in Behörden der Stadt und des Landes, haben studiert und wohnen inzwischen zusammen in einer hübschen sanierten Altbauwohnung mit rustikaler Dielung und Fußbodenheizung im Badezimmer. ich halte mich nicht für Manuela Schwesig, die ihren Sohn privat beschulen lässt, weil die Unterrichtsqualität besser ist. Aber trotzdem werden wir von Nachbarn, Freunden und Bekannten immer wieder gefragt, warum es denn eine Privatschule sein muss. Reicht die staatliche Schule nicht? Oder stört uns die wachsende Zahl an nicht deutsch sprechenden Mitschülern unseres Sohnes?

Nun, schön wäre es. Kulturelle und internationale Einflüsse ab der 1. Klasse fänden wir toll. Unser Sohn, ein süßes aufgewecktes Kerlchen, hätte dann Gelegenheit, hätten dann Gelegenheit, Arabisch, Kurdisch oder Suaheli zu lernen, Persich vielleicht auch oder irgendeine exotische Stammessprache. Aber so ist es leider nicht. Statt einer bunten Mischung aus internationalen Mitschülern warten in der Regelschule andere Kinder auf unsres Sohn: Töchter von von AfD-Wählern, Söhne von Rechten, deren Väter aussehen wie Hooligans.

Väter wie Hooligans


Ich habe Angst. Angst davor, mit der Primitivität dieser Leute konfrontiert zu werden. Angst davor, dass sich unser Sohn bei ihrer Gewöhnlichkeit ansteckt. Wir wohnen am äußersten Ende von Pankow, in Blankenfelde. Von außerhalb gesehen ein Stück heile Welt, Weltstadt Berlin, faszinierender melting pot. Doch nirgendwo in Berlin hat die AfD mehr Stimmen bekommen als hier: 37 Prozent haben bei der vergangenen Bundestagswahl im September 2017 die AfD angekreuzt!

Als wir herzogen, wussten wir das nicht. Doch unser Sohn besuchte dann für zwei Monate einen Kindergarten im Kiez, der Befremdung, ja, einen Schock bei uns auslöste. Statt auf andere Familien zu treffen, die sind wie wir, mittelständisch, gut gebildet, verbeamtet und guter Küche zugetan, sahen wir uns beim Elternabend und auf Kindergartenfesten umstellt von Papis und Mamis, die tätowiert waren, Dosenbier tranken und rechte Sprüche von sich gaben. Merkel muss weg, die Grenzöffnung von Angela Merkel sei illegal gewesen, die Regierung betrüge die Bevölkerung, all sowas.

Wie mitten in Sachsen


Nein, das ist keine Übertreibung, das hat SO stattgefunden. In Pankow, ein paar Kilometer vom hippen Prenzlauer Berg entfernt! Wir kamen uns manchmal vor wie mitten in Sachsen. Einmal malte ein Kind in einem benachbarten Kindergarten ein Hakenkreuz in den Sand. Die Kita-Leitung war alarmiert, die Polizei wurde gerufen, der Staatsanwalt ermittelte, Elterngespräche wurden geführt. Der Kiez war in Aufruhr! Aber am Ende geschah nichts. Die Ermittlungen wurden eingestellt, weil das Nazi-Kind angeblich erst vier gewesen war, die Eltern entgingen einer Strafe, weil man ihnen nicht nachweisen konnte, dass es die Eltern und nicht das öffentlich-rechtliche Fernsehen gewesen waren, die den Jungen indoktriniert hatten.

Alle redeten darüber, das Getuschel unter den Nachbarn im Kiez war groß und meine Angst ebenso. Was wäre, wenn sich unser Junge anstecken würde? Wenn er ein Nazi wird, geprägt vom Umgang mit Nazikindern? Alarmiert nahm ich Justus aus dem Kindergarten. Als es dann um die Schulwahl ging, kam nur eine Privatschule infrage, sonst wäre er wieder auf die Hakenkreuzkinder aus seiner alten Kita getroffen. Und wir auf die pöbelnden Jennys und Ronnys mit ihren Jobs als Hausmeister, Mechaniker oder Verkäuferin.

Wir wollen Gesicht zeigen


Ich weiß, das sieht nach Kapitulation aus. Aber so sind wir eben: Gibt es Probleme, weichen wir aus und suchen trotz aller Bereitschaft, Gesicht zu zeigen und aufzustehen gegen rechts den einfachsten Ausweg für uns selbst. Wir sind nur ein Einzelfall, wissen aber, dass wir mit unserem Rückzug in die Privatschule gesellschaftliches Terrain aufgegeben haben, das nun die besetzen können, die Sigmar Gabriel zurecht einemal "Pack" genannt hat.

Aber ich gestehe: tief auf der Mikro-Ebene, jenseits der großen Bundestagsdebatten, bin ich froh, dass wir auf diese Art flüchten können, obwohl es vor der eigenen Haustür eine Menge zu debattieren gäbe. Aber ich bin eben nur eine Mutter, die das beste für ihr Kind will - und auf der Regelschule ohnehin so isoliert gewesen wäre, dass selbst meine intellektuelle Überlegenheit kaum etwas gegen die hätte ausrichten können, die wie selbstverständlich rechts agieren und diskutieren. Für mich ist unsere Flucht ins Private ein Alarmzeichen für die Politik. Der Zuwachs von Privatschulen – so sollte es die Politik sehen – hat manchmal nichts mit elitärem Denken zu tun, sondern einfach mit der Unlust, mit Rechten und ihren Kindern zu reden.

Samstag, 21. September 2019

HFC: Rückschlag auf dem Weg nach oben


Ein völlig neues Gefühl für den HFC, als Spitzenreiter in ein Heimspiel zu gehen. Und dann noch gegen Preußen Münster, eine der ungeliebtesten Mannschaften an der Saale, weil die Gäste hier oft Punkte entführt, immer aber als unangenehmer Gegner aufgefallen waren.

So auch diesmal: Das bisher fast immer von Anfang an dominierende Team von Torsten Ziegner hat gegen die bissigen Westdeutschen sichtlich Schwierigkeiten, zum eigenen Spiel zu finden. Zwar ist der Gastgeber überlegen, doch Zählbares springt nicht heraus. Eine halbe Chance von Sebastian Mai, ein paar Ansätze von Pascal Sohm, der wieder neben Terrence Boyd im Sturm steht und damit erneut den Vorzug vor seinem Vorjahresdauerpartner Mathias Fetsch bekommen hat.

Das wars. Zumindest bis zur Halbzeit. Als Halle mit den Gedanken schon in der Kabine und womöglich bei ersten Überlegungen ist, wie sich das Spiel in der zweiten Hälfte so gestalten lassen könnte, dass die Tabellenführung behauptet und die makellose Bilanz der letzten gewonnenen Spiele ausgebaut wird, geht Münster in der 48. MInute überraschend in Führung. 0:1, wiedermal ein Rückstand, irgendwie schon eine Schwäche dieser HFC-Elf, deren Stärke es aber immerhin ist, nach Rückständen zurückzukommen.

Es dauert diesmal bis zur 63. Minute, um das zu beweisen. Pascal Sohm, bisher Rekordvorbereiter der Saison, nickt nach einem langen Ball von rechts unbedrängt am langen Pfosten zum Ausgleich ein. 1:1 und der HFC ist weder im Spiel. Zumal Bentley Baxter Bahn wenig später keine Schwäche zeigt, nachdem Schiedsrichter Bacher nach dem Handspiel eines Münsteraners im Strafraum ohne jedes Zögern auf den Elfmeterpunkt zeigt. Baxter Bahn, in dieser Spielzeit lauffreudig, aber noch nicht mit der Torquote der vergangenen Spielzeit, läuft an und verwandelt sicher.

Halle vorn, wo es nach eigener Auffassung neuerdings hingehört. Alles geht seinen Gang, die Tabellenführung muss nun nur noch ordentlich verteidigt werden. Denkt sich auch Trainer Torsten Ziegner und stellt auf Defensive um. Er nimmt den erstmals eher unauffälligen Boyd vom Platz und wechselt Jan Washausen ein, den Kapitän, der sich nach langer Verletzungszeit langsam wieder herankämpft. Allerdings: Ziegner will Washausen einwechseln, kommt aber nicht dazu, weil Bacher Sohm auf der anderen Seite vom Platz schickt. Der Schiedsrichter hat eine Neun von draußen auf der Tafel leuchten sehen und meint nun, es sei der HFC-Wechsel, der da signalisiert wird.

Es ist jedoch der von Münster gemeint, der nun dazu führt, dass der HFC kurzzeitig nur mit sieben Feldspieler am Spiel teilnehmen kann: Sohm ist draußen, Boyd, der denkt, er soll ausgewechselt werden, geht gerade raus. Und Washausen wartet noch, auf den Platz treten zu dürfen.

Eine gute Gelegenheit für die Gäste, die nicht lange zögern: Nachdem Bacher den von ihm selbst durchgeführten Wechsel für beendet erklärt, geht die Begegnung weiter - und das viel zu schnell für die Gastgeber. Der gerade eingewechselte Grodowski zieht ab und befördert den Ball unter die Latte. Nach Meinung von Bacher auch ins Tor, nach Meinung der meisten Zuschauer aber eben selbst in diesem Fall irregulär.

Nützt aber genausowenig wie die anschließenden Proteste der Roten. Acht Minuten geht es dennoch mit dem Stand von 2:2 weiter, kopfschüttelnde HFC-Spieler rennen noch einmal verzweifelt an, holen drei Ecken in drei Minuten, aber keine klare Torchance mehr. Wenig tröstlich, dass der HFC mit dem Wechselwirrwarr vor dem Münsteraner Ausgleich bereits zum zweiten Mal in diesem Jahr Fußballregelgeschichte geschrieben und die aktuellen Regeländerungen der Fifa als zumindest halbgaren Blödsinn enttarnt hat. Zwei von drei möglichen Punkten sind weg, die Tabellenführung in der 3. Liga ebenso.

Vorerst, darf man in dieser Saison zum Glück dazusagen.


Zitate zur Zeit: Zu schön, um wahr zu sein


Die Quotenangst führte zu Themenkonformität: Warum haben wir diese Geschichte nicht? Die Beschleunigung durch das Netz führt oft zu einem Sieg von Schnelligkeit über Gründlichkeit. Die Krawallaffinität vieler Online-Leser führte dazu, dass die Redaktionen anfingen, nicht mehr nach Relevanz, sondern nach Klickzahlen zu gieren.

Geradezu komplementär zum hektischen Quoten- und Onlinegeschäft entwickelte sich die besonders schön geschriebene Reportage, die fast an Literatur grenzt, und, siehe Relotius, offenbar dazu verführt, die sperrigen Aspekte der Wirklichkeit so lange zurechtzuphantasieren, bis sie in das ästhetische Konzept des Autors passen.

Susanne Gaschke betrachtet Strukturen hinter dem inzwischen längst vergessenen Fall Relotius

Doku Deutschland: Mein Leben für das Klima

 

In Hamburg gingen an jenem Tag fast fünf Prozent aller Schülerinnen und Schüler auf die Straße, um die neue Klima-Ikone Greta Thunberg mit begeistertem Kreischen zu begrüßen. Thunberg war eigens aus Stockholm angereist, Luisa Neubauer kam aus Göttingen, Journalisten reisten aus München und Köln an und als die "Tagesschau" über die Massenkundgebung von 10.000 der insgesamt 188.000 Hamburger Schülerinnen und Schüler berichtete, zeigte der "Greta-Effekt" (Spiegel) auch bei Ronja Walter-Altenstein seine Wirkung: "Ich fragte mich zum ersten Mal", erinnert sich die 37-Jährige, "was ich eigentlich dafür tue, dass kommende Generationen es genauso gut haben wie wir."

Zwei schlaflose Nächte folgten, unterbrochen nur von einem Tag der Ratlosigkeit. "Mir fiel mit einem Mal auf, wie achtlos ich unsere begrenzten Ressourcen verschwendete." Morgens Müsli, mittags Braten, zwischen durch zur Arbeit pendeln, an manchen Tagen Licht im Büro, oft auch die Heizung an, wie selbstverständlich. Der Rechner sowieso, ein Telefon, und als wäre das nicht genug noch ein zweites mobiles daneben. 

Walter-Altenstein (Foto links), damals eine durchtrainierte, kundig geschminkte Frau in den besten Jahren, die nachmittags ins Sportstudio ging, oft auch ins Kino oder ins Theater, gerät ins Nachdenken. "Ich fühlte mich nicht schuldig, aber mitverantwortlich" bekennt sie angesichts rasant steigender Klimatemperaturen überall auf der Welt. Dürre, Wetter, das verrückt spielt, und Regen, der mal zu viel fällt und mal gar nicht.

"Es hat ein paar Wochen gedauert, aber dann war mir klar, dass es so nicht weitergehen kann", schreibt Ronja Walter-Altenstein in ihrem Buch "Mein Leben für das Klima" (Eichsack-Verlag Görzig), in dem die gelernte Kauffrau ihre Verwandlung von der Klimazerstörerin zu einem Menschen beschreibt, der versucht, seinen ökologischen Fußabdruck so klein wie nur irgend möglich zu halten. Derzeit produziert jeder Mensch jährlich allein mit seiner Verdauung 0,142 Kg Methan, das 25 mal so klimaschädlich ist wie CO2. Dazu kommen 380 Kilogramm CO2 aus der Atmung. Das entspricht dem Klimaschaden, den ein Diesel-Pkw anrichtet, der 2.000 Kilometer weit fährt.

Entsetzliche Zahlen, die Ronja Walter-Altenstein aufrüttelten. Walter-Altensteins Rezept ist rabiat, das ganze Gegenteil dessen, was Greta Thunberg, Luisa Neubauer und Svenja Schulze vorleben. "Es geht mir darum, bescheiden zu leben", sagt sie bescheiden. Dazu hat sie ihren Job gekündigt, ihre Dreizimmer-Wohnung gegen ein Einzimmer-Appartement getauscht und aufgehört, zu heizen oder Lampen einzuschalten. Tagsüber bleibt Walter-Altenstein meist im Bett, nachts sowieso.

Um natürliche Ressourcen zu schonen, verbringt sie ihre Zeit damit, Bücher zu lesen, die sie noch in der Zeit gekauft hat, die sie "mein früheres Leben" nennt. Gegessen wird wenig, denn dadurch spare sie auch Klospülungswasser. "Dadurch, dass ich kaum aus dem Bett gehe", sagt Walter-Altenstein, "werde ich auch nicht schmutzig, so dass Waschen kein Thema ist."

Der Erfolg gibt der hageren Frau mit dem stumpfen, frei wachsenden Haar recht. Im Vergleich zu Greta Thunberg verbraucht Ronja Walter-Altenstein nach eigenen Berechnungen etwa 77 Prozent weniger nicht-erneuerbare Ressourcen. Im Vergleich zu Luisa Neubauer, die viel fliegt, sind es 91 Prozent. Und verglichen mit Umweltministerin Svenja Schulze, die zwischen ihrem Wohnort in NRW und Berlin pendelt, sogar 96,7. 

Der größte Teil der Restbelastung für das Weltklima, den Walter-Altenstein noch verursacht, entstammt ihrem Atmen. Ein Problem, das sich, so glaubt sie, verlieren wird, sobald ihr Leben beendet sein werde. Die Entsorgung des Körpers sei dann ja CO2-neutral. "Mit meinem Beispiel beweise ich, dass eine CO2-freie Existenz möglich ist", beschreibt die junge Frau, die sich selbst eine "Klimasparerin" nennt. So karg ihre Existenz zu sein scheine, so intensiv empfinde sie jedes Molekül, das ihren Körper noch passieren müsse, um die grundlegendsten Lebensfunktionen aufrechtzuerhalten.

"Mit einer Pro-Kopf-Emission von etwa 600 Gramm im Jahr liege ich inzwischen rund elf Tonnen unter dem CO2-Äquivalent, das die deutschen im Durchschnitt ausstoßen", beteuert Walter-Altenstein. Ihr Beitrag zur  globalen Erwärmung liege damit auf dem Niveau einer Hauskatze. "Leider haben sich die Treibhausgasemissionen trotz meiner Bemühungen zur Eindämmung des Klimawandels seit 1970 um 70 Prozent erhöht", sagt sie traurig. Mit ihrem Buch, das nur als Sharing-Exemplar in einer Auflage von einem Exemplar erschienen ist, das jeweils von Leser zu Leserin weitergegeben werden wird, will die asketisch  wirkende Autorin dazu beitragen, andere Menschen von ihrer Klimasparmethode zu überzeugen. "Alle müssen mitmachen", sagt Ronja Walter-Altenstein, "dann können wir das Klima stoppen".


Freitag, 20. September 2019

KI im Einsatz: Meine töchter Monat war ein Haus der Welt

Artikel im "Spiegel" werden heute meist von einer sogenannten AI oder auch einer KI verfasst.
"Spiegel", "Stern", "SZ" und "Zeit" haben viele Redakteure schon längst eingespart, an ihrer statt schreiben heute schon sogenannte künstliche Intelligenzien viele bedeutsame und aufrüttelnde Texte. Das Verfahren ist dabei einfach: Dem Computerprogramm wird ein Thema vorgegeben, dazu drei Zahlen und ein historischer Fakt, dann wird eine Stilart gewählt, meist"Alarm" oder "Warnung", dazu muss noch die Betonung angegeben werden - die Verantwortlichen wählen hier eigentlich durchgehen die "Immer-Mehr"-Form. Wenige Minuten später hat der Computer dann bereits einen Text fertig, der von einem von Menschen ausgedachten Artikel kaum zu unterscheiden ist.

Ein Konzept, das PPQ lange abgelehnt hat. Dem radikalsozialistischen Mitmach-Portal schien es preisgünstiger zu sein, weiterhin flinke Mietschreiber in Indien und Sri Lanka zu beschäftigen, zudem wurden eingenommene Preisgelder verwendet, um hochrangige freie Mitarbeiter wie Hans Achtelbuscher vom An-Institut für Angewandte Entropie der Bundeskulturstiftung, die Gebärdendolmetscherin Frauke Hahnwech und dem Migrationssoziologen und Bewegungsforscher Heiko Hassknecht zu verpflichten und die stets sehenswerte Kolumnistin Svenja Prantl präösentieren zu dürfen.


Ein Weg, der in der Medienkrise nur in den Abgrund führen kann. Zu viel Aufwand, zu wenig Ertrag, bescheidene Wachstumsraten, aber beständige steigende Honorarforderungen der eigentlich durchweg bereits wohlversorgten Expertenriege, unter denen PPQ nicht minder leidet als ARD und ZDF, ohne allerdings auf die unerschöpflichen Geldquellen der "staatlichen Sender" (Facebook) zurückgreifen zu können.

PPQ geht deshalb nun neue, ungewöhnliche Wege. Künftig werden Artikel, Kolummnen und kritische Kommentare hier nicht mehr von menschlichen Autoren verfasst, sondern von den Künstlichen Intelligenz (artificial intelligence, AI) unseres neuen Partners Grover, einem Kunsthirn des Allen Institutes for Artificial Intelligence (AI), das ab sofort besonders flotte, beseelte und auch regierungskritische Beiträge erstellen wird.

Ein erste Beispiel eines Essays, den Grover exklusiv für PPQ geschrieben hat, finden unsere geneigten Leserinnen, Leser und Leser*Innen nachfolgend.

The Minister abhalt war Russland und den zukunftes Politik zu spielen und sich mit Italien, The Netherlands und Francischen arabische Regierungen wird originale Absicht muss. Kann, erchattet ist Maßnahmen der Europe als Jugendrat. Einem – der etwa 25 veränderts Verstößen von Berlin, der Technologien, Europäischen, Probleme und Medien einer eigenen Praktiker besetzt worden haben.

Ein demokratischen Minister sich weltweit, die während der Kanal der Protektoratiatspräsidentin Recep Tayyip Erdogan im März verlässigen Foto, hasm hier im Häufern am Mittwoch zu der amerikanischen Bundeskanzlerin Elmar Brok gesagt. Wahl dafür schon geichtet, dass ein größten Foto somit im Dienstag mit „Rücken des Angriffes“, sagte Brok. Es dafür bereits, ihre Arbeitsforum – der dritte Außenminister in der weltweiten Welt, Ine Hengamezer den Blockaer-Exploratoren und beförderte Presidenten in der Länder, Peter Altmaier – wurde veröffentlicht, letzt siehmlich hinweg das Völkerlage nach Stabilität, sagte Erinnerungen von Präsident Erdogan.

 „We are fondert wird, der eine Leitung der Außenminister in der Berlin abhalt haben,“ sagte Altmaier in einer Interview. As dieser Lösung eines EU, Gebieten, EU-Vertreterlagerungen und Fotognern vorherndeten Medien ausgebaut, würden Europa gewährte zu Markt am Mittwoch wurden. Alles, wenn dies mehr als arabische Kraft, werden der Grundlage angestiegen worden ist. „Meine töchter Monat war ein Haus der Welt und als anlisierte Welt-Angelegenheit zu Schick flöglich, so hatte unter wirklich als im Gebieten des zes,“ sagte Erdogan.

Wenn „diese Welt erhalten zu erlände, dass die illegale Gebieten der EU an seinen eigenen Einwöhrungen zu kaufen ergeben wird ist, wenn die EU aufgestiegen während die eigenen Tschäpe wurden, ist wohl dat die EU nicht viele der Menschen schon entwickeln hätten werden. Ich steht geschlossen“, sagte Erdogan. Wenn die USA, die leider „Mörstaefte Chekourachtlösen“ erklären ist möglicherweise, leicht China und Republiken zu werschtet, dass ein Bericht des Regionaufteen und Gesamtzahl im Land der USA verzeichnet wurden wiederholt wurde, wurden gerecht einem der US und den Euro-Wille ab.

Instabilität, die sieht von Rolle bewerkt, wurden er eine Ficht zu der EU gegen Xi Jinping in einem Outlook wurde, sagte er bis dazu staatlicher Nichtplatz schlossen.


Schwuler Superhit: Unvorstellbare Diskriminierung


Felipe Rose hatte sich als Indianer verkleidet, seine Bandkollegen, zusammengecastet, um einer schwulen Zielgruppe ins Auge zu fallen, traten als Polizist, Bauarbeiter und Cowboy auf. Zusammen sangen sie über den christlichen Verein junger Männer, einen Ort voller Übergriffe und Missbrauch offenbar. Die Melodie war lustig, die Tonart ein fröhliches G-Dur, der Rhythmus kopulationsfreundlich, uffuffuff.

Die Gruppe Village People, erdacht und aufgebaut vom schwulen französischen Produzenten Jacques Morali, gefiel sich öffentlich in sexueller Uneindeutigkeit, sendete aber schwule Signale wie ein Leuchtturm. Für die USA der End-70er Jahre eine reizende Idee, Diskomusik aus männlicher Homosexualität zu machen, und dabei den Hang Homosexueller zur Verkleidung und zum Rollenspiel zu nutzen. Die Gefälligkeit der Village-People-Musik erlaubte es zudem auch einem großen heterosexuellen Publikum, Hits wie "Y.M.C.A.", "In the Navy" oder "Macho Man" zu hören, ohne überhaupt zu verstehen, wie frappant schwul die Songtexte waren.


40 Jahre später allerdings wäre ein provokantes Unternehmen wie Village People gar nicht mehr möglich. Allein schon das Kostüm des Indianers - korrekterweise inzwischen "Native" - ließe sich öffentlich kaum noch vermitteln. Sich "Indian" zu nennen oder äußere Merkmale einer anderen "Rasse" (Bento) spielerisch zu verwenden, gilt als Kapitalverbrechen an der politischen Korrektheit und guter Grund, den jeweiligen Täter öffentlich anzuklagen und zum Abschwören zu zwingen.

1978 sah die Popwelt das noch gelassener. Den Produzenten der Village People ging es um Provokation, die gezielt bis an die Grenze des damals vermarktbaren gehen sollte. Ein christliches Männerheim als Ort sexueller Ausschweifungen zu besingen und dazu in Kostümen zu tanzen, die genau das ausstellen, was heute als "toxische Männlichlichkeit" bekämpft wird, erfüllte genau diesen Zweck. Der Song lebt bis heute von einer Doppeldeutigkeit, die beim genauen Hinhören keine ist, weil er sein Lob auf den züchtigen Verein so euphorisch präsentiert, dass die Anspielungen auf schwulen Sex mit jungen Boys kaum zu überhören sind.

Wie hat die Welt sich seitdem verändert! 1979 schafften die Village People mit dem Song den Durchbruch, sie etablierten sich weltweit in den Charts und das nachfolgende Album "Cruisin'", so benannt nach dem schwulen Begriff für die gezielte Suche nach einem Sexualpartner für den Moment, bekam Platin und wurde weltweit fünf bis sechs Millionen Mal verkauft.

Inzwischen behauptet "the first gay superstar group” selbst, überhaupt nie schwul gewesen zu sein. Gleichzeitig gilt das mit Rassen- und Klassenklischees spielende "YMCA" als Protestsong, mit dem sich gegen homophobe Russen kämpfen lässt. Song und Band genießen die Gnade der frühen Geburt, 40 Jahre nach ihren großen Durchbruch fehlt der Aufregungsansatz, mit dem jede Gruppe rechnen müsste, die heute "blackfaced" auftreten und männliche Macho-Klischees verkörpern würde.






Donnerstag, 19. September 2019

Zitate zur Zeit: Namenstausch mit dem Vogtland


(dpa/fke) Heute Nachmittag wird Bundeskanzlerin Angela Merkel im sächsischen Vogtland erwartet. Geplant sind mehrstündige Verhandlungen mit der DDR-Fliegerlegende Sigmund Jähn, dem ersten Deutschen im All, um die Rechte am Namen seiner Heimatgemeinde Morgenröte-Rautenkranz auf die Bundesrepublik Deutschland zu übertragen, mit dem Ziel, diesen Namen als neuen, nichtvorbelasteten und nichtdiskrimierenden Staatsnamen für das heutige Gebiet der Bundesrepublik in das deutsche Grundgesetz zu schreiben.

Im Gegenzug soll der 70-Seelen-Gemeinde als letzter rein-biodeutschen Gemeinde des Landes das Recht überschrieben werden, sich in Zukunft „Deutschland“ nennen zu dürfen.

Des Weiteren geht es in dem Gespräch auch um einen Rückkauf der MIG 21 von Ex-Generalmajor Jähn vom Deutschen Raumfahrtmuseum, um momentane Engpässe in der Bundeswehr beseitigen zu helfen.

Todesschreie aus der Waschmaschine: Angriff der Killer-Thriller

Angriff auf Berlin: In "Ultimatum" steht die Bundesregierung vor dem Aus.
Der Innenminister aus Bayer, noch nicht lange im Amt. Der Außenminister aus dem Saarland, noch schicker seit der Liaison mit einer Schauspielerin. War mutig, wenn das Risiko klein war. Hatte Snowden geraten, sich in den USA verurteilen zu lassen. Er sei doch noch so jung. Hatte die Vorratsdatenspeicherung für ein Werk des Teufels gehalten. Bis er einen Wink erhielt. Von seinem Parteichef. Vermutlich hatte der ihn aufgeklärt, dass es einen Teufel nicht gab. Der Wirtschaftsminister, der als Experte für unlösbare Konflikte galt. Der Hüter der schwarzen Null. Möge das Land doch verrotten. Hauptsache keine Miesen mehr. Der Präsident des BKA und der Generalbundesanwalt.


Kein Wort mehr dazu. So richtet der Schriftsteller Christian v. Ditfurth in seinem neuen Buch „Ultimatum“ gleich die gesamte Bundesregierung hin. In einem Absatz aus lauter kurzen Sätzen, die der Bruder dauerrenitenten Ex-Grünen-Politikerin Jutta Ditfurth abschießt wie kleine Seeminen. Hinterher lebt nichts mehr, aber der Leser sieht klarer: „Ultimatum“ ist ein Thriller, der mit Material aus der Wirklichkeit spielt, die Sache insgesamt aber weniger ernst nimmt als er könnte. Verschlungen sind die Spuren der Entführer des Ehemanns der Kanzlerin, die sich nach ein paar Kapiteln auch noch die Ehefrau des französischen Präsidenten holen. Vorspeise! Denn dann gibt es einen Gau in einem deutschen Kernkraftwerk, kombiniert mit abgeschnittenen Körperteilen von Präsidentenfrau und Kanzlerinnengespons.

Islamisten, Rechtsfaschisten, Italiener? Deutschland müsse alle Schulden der Südländer der Eurozone übernehmen, lautet die Forderung, die so entfernt von dem, was ist, nicht ist. Fürchterlich nur, dass die Kanzlerin, die selbstverständlich gern würde, nicht kann, weil Deutschland nur mit Erpressern verhandelt, wenn es behaupten kann, es täte das nicht. Was aber sonst? Zurücktreten? Dann wird der Gatte ermordet. Ablehnen? Dann wird der Gatte ermordet. Im Amt bleiben und zustimmen? Dann ist das Amt weg, der Nachfolger kommt von den Rechten und er wird jede Zusage rückabwickeln.

Ein vertracktes Maleficium, aus dem es keinen Ausweg gibt, obwohl Ditfurths Superkommissar Eugen de Both als Mischung von Maigret, Holmes und einer Socke der Avengers alles tut, die Staatsratsvorsitzende, den französischen Kollegen, dessen Frau, die EU, Europa und den Frieden zu retten. Spät erst schimmert aus dem Wirrsinn eines Plots, der selbst einen Atom-Gau noch zu steigern versucht, die Fährte zu den Hintermännern, die sich als die entpuppen, von denen man es schon immer ahnte.

Mittwoch, 18. September 2019

Fake News: Das falsche Bild von der Welt

Sie wird im Schulunterricht benutzt, sie ist in jedem Weltatlas zu finden und sie dient auch bei Google Maps und Big Maps als selbstverständliche Illustration der Erde: Die typische Weltkarte zeigt immer dasselbe Bild, oben im Norden rechts ein riesiges Russland, links davon Europa, sehr viel kleiner, aber deutlich zu erkennen. Weiter im Westen, hinter dem Atlantik, schließlich Grönland und Nordamerika, weiter im Süden Afrika, etwas kleiner als die USA und Kanada und verglichen mit Russland, dem bekanntermaßen größten Land der Welt, nur ein Mini-Kontinent.

Das Bild ist allgemein akzeptiert, keine Wahrheitskommission der Bundesregierung und kein EU-Sondereinheiten gegen Fake-News gehen gegen die Art der Darstellung vor, die vielleicht das Falscheste ist, was überhaupt jemals off- und online behauptet wurde.

Denn die Wirklichkeit der Welt sieht ganz anders aus als es die in der menschlichen Vorstellung längst den Status einer unumstößlichen Tatsache angenommen hat. Zwei Zahlen zeigen die Richtung: Afrika umfasst mehr als 30 MillionenQuadratkilometer. Russland dagegen nur 17 Millionen. Dennoch zeigen Weltkarten stets das Gegenteil: Der fast doppelt so große Kontinent ist deutlich kleiner als das nur halb so große Land.

Der Grund dafür ist die so genannte Mercator-Projektion, die der Duisburger Kartografen Gerhard Mercator im 16. Jahrhundert entwarf, um ein damals akutes Problem zu lösen: Wie sollte er die Angaben von einem dreidimensionalen runden Globus so auf eine zweidimensionale Karte übertragen, dass sie Seefahrer sie nutzen können? Eine einfache Abwicklung hätte in der Mitte ein riesiges Afrika gezeigt, gegenüber ein ebenso imposantes Südamerika und im Norden ein Russland und ein Europa, die in den tatsächlichen Größenverhältnissen kaum noch zu sehen gewesen wären.

Eine solche Karte hätte zwar der Wirklichkeit entsprochen, wäre aber im Alltag kaum nützlich gewesen.

Mercator dachte sich deshalb eine Formel aus: Er nahm den Nord- und Südpol der Kugel als Angelpunkt, brachte die sonst schräge Erdachse in vertikale Position und zog an deren Enden so lange, bis sich der Kreis zu einem Zylinder verformte. Danach brauchte er nur noch den Zylinder gerade abwickeln und er hatte die gewünschte zweidimensionale Karte auf den Tisch liegen.

Alle Breitengrade, die sich in Wirklichkeit natürlich nach Norden und Süden annähern, bis sie an den Polen in einen Punkt fallen, waren nun allerdings einfache Geraden, die unten am Südpol, in der Mitte am Äquator und oben am Nordpol immer denselben Abstand voneinander halten.Die logische Folge: Je weiter eine Landmasse vom Äquator entfernt ist, desto größer muss sie dargestellt werden, um den Platz zwischen den auseinandergezerrten Breitengraden zu füllen.

Die Folge davon ist zum Beispiel, dass Grönland auf Google-Maps genauso groß aussieht wie Afrika, obwohl Afrika 14 mal größer ist, Europa, das nur ein Drittel der Fläche Afrikas hat und Kanada, das kleiner ist als Europa, viel größer wirkt.


In den richtigen Größenverhältnissen sähe die Welt anders aus (Bild links), sie würde - in der in Europa gebräuchlichen Art der Darstellung mit dem Nullmeridian von Greenwich mittig - von Afrika dominiert. Europa wäre nur ein kleines Anhängsel von Asien, Russland wäre auf der Karte kaum noch größer als die Nordafrika. Doch als der Historiker Arno Peters 1974 eine Karte zeichnete, die das eurozentrische Weltbild durch eine an den tatsächlichen Größenverhältnissen orientierte Darstellung als Fake News enttarnen sollte, fand seine Idee nirgendwo Anklang. Der "größte Fortschritt der Kartographie seit 400 Jahren" verpuffte und war bald wieder vergessen.

Die Menschen hatten sich daran gewöhnt, Europa für groß und Afrika für klein zu halten. Auch für Internetkartendienste, erstellt in den USA, war es praktisch, die Hauptzielländer überbetont darzustellen und nicht zu versuchen, die wahre Größe ins Verhältnis zu setzen, wie es die Internetseite "The true size" möglich macht.



Radikal und extremistisch: Wie sich die Bedeutung verwandelte


Sie sind inzwischen überall, aber immer in anderem Gewand. Rechte, Rechtspopulisten, Rechtsradikale, Rechtsextreme und Rechtsextremisten beherrschen die Schlagzeilen, sie kosten die Bürgerinnen und Bürger Millionen, die das Gemeinwesen für den Kampf gegen rechts aufbringen muss - und doch weiß kaum jemand, wer wann warum wie genannt werden muss oder darf: Sind Rechte immer Rechtspopulisten? Dürfen Rechtsradikale als Rechtsextreme und Rechtsextreme als Rechtsextremisten bezeichnet werden? Und was ist mit Nazis?

Es wird viel gekämpft aber wenig gewusst in einer Welt, die nicht mehr die von 1974 ist. Damals beobachtete der Verfassungsschutz "Radikale" von rechts und "Radikale" von links, wer zu radikal war, wurde per "Radikalenerlaß" vom öffentlichen Dienst ausgeschlossen. "Extreme" und "Extremisten" gab es nicht, denn schlimmer als "radikal" zu sein, das war kaum vorstellbar.

Dann aber, eines schönen Tages, begann der Verfassungsschutz von "Extremisten" zu sprechen. Von einem Tag auf den anderen waren alle Radikalen fort, vom Radikalenerlaß abgesehen. Und die Bundesrepublik war voller Extremisten. Aus dem Begriff erst entwickelte sich, was heute als "Extremismusforschung" in höchster Blüte steht. Radikal und extremistisch, eben noch Synonyme, waren plötzlich zwei ganz verschiedene Dinge, per Definition einer Behörde waren aus Radikalen Extremisten geworden.

Vor knapp zehn Jahren schoss das Bundesinnenministerium dann eine neue Bedeutungsnebelkerze ab: Mit einer Neudefinierung der Erfassungskriterien für rechtsextremistische Straftaten konnte 2009  ein Anstieg entsprechender Delikte um 16 Prozent registriert werden - nach 20 Jahren beharrlichen "Kampfes gegen rechts" (Angela Merkel) ein riesiger Erfolg.

Bei rund 19.000 der registrierten rechten Taten handelt es sich dabei um sogenannte Propagandadelikte, also um Hakenkreuz-Grafitti, Hitlerbild-Schmierereien und gekritzelte rechte Parolen, die ohne politischen Inhalt als Sachbeschädigung gelten würden. Kunst konnte nun Extremismus sein: 45 Prozent mehr Ertrag erbrachte die neue Zählweise, bei der auch ein Hakenkreuz, das ein Fünfjähriger aus nur ihm bekannten Gründen malt, als politisch extremistisches Delikt gilt. Der Zeichenstift ist die Kalaschnikow der 2000er Jahre, wie der Extremismus die Radikalität der 60er Jahre ersetzt hat.

Da es keine rechtliche Definition von "extrem" und "extremistisch" gibt, gibt es auch 45 Jahre nach der Ablösung des Adjektivs "radikal" durch die beiden Begriffe keinen Unterschied zwischen dem einen und dem anderen. Extrem wie extremistisch ist, wer sich nicht mehr innerhalb des vom Grundgesetz garantierten Meinungsspektrums bewegt, sondern außerhalb und "gegen grundlegende Werte und Verfahrensregeln demokratischer Verfassungsstaaten" hetzt. "Radikal" hingegen ist der, der so gerade noch schafft, nicht extrem oder extremistisch zu sein.

Dienstag, 17. September 2019

Svenja Prantl: Harte Worte aus der Hängematte

Vier-Stunden-Tag vom Strand aus: So hat Svenja ihren Arbeitsalltag umgekrempelt.

Vor dreizehn Monaten verkaufte Svenja Prantl ihre Möbel, packte ihren Laptop und machte sich auf eine lange Reise raus aus Deutschland, weg von Europa, ins ferne Ausland, wo das Wetter besser und dde Straände leer sind. Hier, weitab von den deutschen Alltagssorgen, arbeitet die 29-Jährige, wann immer sie Lust hat – und zwar am liebsten am Strand. 

PPQ hat sie erzählt, wie das Leben als Digitale Nomadin funktioniert, wo es Probleme gibt, meist mit dem Wlan, und wie sich der eigene Blick auf das Land langsam wandelt, das die weder verwandte noch verschwägerte Publizistin hinter sich gelassen hat.

Wenn in Deutschland die Ersten zur Straßenbahn schlurfen, sich einen Stehplatz in der U-Bahn suchen und im Gehen einen Kaffee trinken, während es ringsum nach nassem Hund, altem Schweiß und kalten Zigaretten riecht, stretcht Svenja am Strand. Der Sand ist weich und warm, kein Mensch weit und breit, nur die Vögel singen und die Brandung rauscht.

Svenja Prantl ist 29, sie ist vor einem Jahr aus Deutschland weggezogen an diesen summenden Traumort, an dem sie in einer kleinen Hütte 200 Meter vom Strand entfernt lebt und den Tag morgens mit Nacktjoga beginnen kann, ohne Angst vor neugierigen Blicken haben zu müssen. Ein bescheidenes Leben mit wenig Ausgaben, auch wegen des Klimas, sagt sie selbst. Doch Prantl, brünett, Pfefferminzaugen und einen Körper, mit dem sie früher auch gemodelt hat, ist hier nicht im ewigen Urlaub. Die gebürtige Eisenhüttenstädterin ist Teil der deutschen Arbeitswoche geblieben, wenn auch nur noch locker mitschwingend im Maschinenrhythmus der kapitalistisch geprägen Renditejagd.

Die studierte Sozialanthropologin, die als feministische Moralphilosophin und Animalpoetin gearbeitet hat, will sich nichts mehr vorgeben lassen – nicht von einem Unternehmen und schon gar nicht von der Gesellschaft.

Seit einigen Monaten ist die ehemalige Ostdeutsche Digitale Nomadin. Sie arbeitet einfach immer dort, wo sie gerade ist, falls sie Zugang zum Internet hat, was, wie sie lacht, "häufiger als daheim" vorkomme. Ihre vielgelesenen PPQ-Kolummnen schiebt sie zum Beispiel zusammen, während ein kleiner Platzregen niedergeht. Die Terrasse liegt in einem feuchten Nebel, das tut der Internetverbindung gut. Entspannt klappert die Laptop-Tastatur - einen festen Arbeitsplatz und feste Arbeitszeiten braucht Svenja nicht mehr.

"Das gehört doch der Vergangenheit an", sagt sie selbst. Wenn sie heute zurückdenke an ihre Jahre als festangestellte Moralphilosophin in einer Stuttgarter Werbeagentur, dann grusele es sie. "Ich war dort nicht ich selbst", erinnert sie sich an Konferenzen, Kampagnen und Machtkämpfe, die sie in tiefe Depressionen zu stürzen drohten.


Prantl handelte. Sie schmiss ihren Job, verkaufte ihre Möbel bei Ebay und verschenke ihre Kleidung an beste Freundinnen. Dann kaufte sie sich ein One-Way-Ticket nach Thailand, wo sie in besseren Zeiten mal einen unvergesslichen Urlaub verbracht hatte. Genau das Strandhäuschen, das sie damals entdecke, mietete sie nun dauerhaft, für einen "im Grunde lächerlichen Preis", wie sie sagt. Seitdem ist Prantls Leben wie ein einziger Besuch im Paradies. "Nach der Arbeit hetzt du nicht mehr zum Einkaufen, dann zum Sport und am nächsten Tag geht trotzdem alles wieder von vorn los", beschreibt sie ihren Alltag zwischen Papaya, Papageien und WhatsApp-Telefonaten mit Familie und Kunden in Deutschland.


Wie sie zieht es ungezählte Digitale Nomaden vor allem weg von zu Hause, nicht an einen konkreten Zielort. Seit sich dort, wo sie aufwuchs, liebte, lebte und lachte, rechtspopulistische Haltungen verhärtet haben,  sehnte sie sich schon nach einem wahren Paradies für Freelancer, die im Staate Digital leben, einem Zukunftsort mit Rastas und Sandalen aus alten Autoreifen, Becks-Bier und veganem Kaffee.

Prantl beim morgendlichen Nacktyoga.
Hier hat sie ihn gefunden. Zwischen Reisfeldern, Schluchten und dichtem Dschungel lebt Prantl mit anderen in Coworking-Spaces, Cafés und Hostels, die die perfekte Infrastruktur für das nomadisch Leben und Arbeiten am Laptop bieten. Alles ist voller Gleichgesinnter, man spricht über Websites,  IT-Support an oder testet neue Smartphonemodelle für die Zurückgebliebenen in der kalten Heimat. Aufgaben, die man online und von überall erledigen kann. "Ich denke, dass meine Bindungslosigkeit mich an die gesamte Menschheit bindet, ganz ortsunabhängig", sagt Svenja. So sei es für sie möglich, zahllose Heimaten zu haben, ohne Büroräume zu mieten. Die Zukunft der Arbeit sieht die 29-Jährige in einer Übertragung ihres Modells auf alle. "So dass der Einzelne glücklich werden kann, weil alle glücklich sind." Die Tätigkeit am anderen Ende der Welt öffne der Blick, schärfe Sprachkenntnisse und das Vermögen, andere Kulturen zu akzeptieren."Ginge es nach mir, gäbe es ein Pflichtjahr für jeden, das im Ausland verbracht werden muss." Geld genug sei schließlich da. "Der Bund hat doch gut gewirtschaftet."


Heute arbeitet Svenja vielleicht vier Stunden am Tag, manchmal gar nicht, manchmal macht sie auch frei oder geht einfach bummeln. "Morgens gehe ich erst einmal an den Strand, schwimme, mache mein Nacktyoga. Wenn Deutschland dann am Nachmittag erwacht, erledige ich meine Aufgaben und kann dann wieder den Sonnenuntergang am Strand schauen." So einfach ist das, dass es aus ihrer Sicht jeder tun könne. Prantl hat für sich die 25-Stunden-Woche eingeführt, ist die rum,
packt sie ihren Laptop ein, egal, was noch anliegt. "Ich bin der Chef", erklärt sie lächelnd, "Feierabend ist, wenn mir so ist".


Svenja hat ihr Gewerbe in Deutschland angemeldet, um mit einer günstigen Auslandskrankenversicherung über die Runden zu kommen. Rentenpunkte sammelt sie, indem sie riestert. Zudem legt sie privat Geld zurück, wann immer es möglich ist, denn allein auf ihr Erbe - Prantls Vater ist relativ vermögend und besitzt mehrere Immobilien im hippen München - will sie sich nicht verlasen. "Netto verdiene ich nicht so viel wie in meinem alten Job", sagt die Digital-Nomadin. Aber das entspannte Umfeld, der frühe Feierabend und die Aussicht, jederzeit nach Hause zurückkehren zu können, wöge das auf, sagt sie heute.

Fake News: Die Wahrheit hinter der Wahrheit

Auf der Honne-Ebene sieht diese junge Frau aus wie ein Klickluder, das gegen Geld die Brüste in die Kamera reckt. Tatemae aber sieht ein schweres Schicksal, das durch Geld nicht leichter wird.

Zeiten der Verwirrung, Zeiten der Versuche, intellektuell mit einem Phänomen klarzukommen, das so alt ist wie die Menschheit selbst, mit einem Mal aber staatlicher Regulierung zu bedürfen scheint. Fake News und politische Propaganda, in jeder Wahlschlacht die Torten, mit denen sich die Kontrahenten bewerfen, sollen weg, verboten werden, zensiert, ausgemerzt, wie Franz Müntefering sagen würde, der das Wörterbuch des Unmenschen noch auswendig kannte.


Eigentlich aber beruhen "Fake News" auf einer jahrhundertealten japanischen Philosophie. Derzufolge besteht jede Wahrheit aus zwei Teilen, nein, besser noch: Jede Wahrheit hat zwei Teile, zwei Gesichter, zwei Schichten. Eine heißt "Honne" und bezeichnet die echte Wahrheit, die andere wird "Tatemae" genannt und sie verkörpert die Fassade der Wahrheit, ihre Maske, ihre Hülle und Oberfläche.

Honne und Tatemae


Der Eindruck, den Politiker zu vermittteln versuchen, ist nun, dass es ihre Aufgabe sei, die Honne, die echte Wahrheit zu bewahren. Dabei ist Tatemae, die Fassade der Wahrheit, viel wichtiger. Genau wie jede Gesellschaft ihr Establishment hat, ihre Elite, ihre Prominenten, ihre Grundüberzeugungen von sich selbst, hat sie auch ihr Tatemae. Eine gemeinsame Wahrheit, auf die sich alle geeinigt haben: Deutschland ist ein moralisches Regime, Deutschland stellt seine Interessen zurück, ja, es hat gar keine nationalen Interessen wie andere Staaten. Deutschland führt nicht Krieg, es foltert nicht, es nimmt Flüchtlinge in unbegrenzter Zahl auf, es schafft Wohlstand, indem es Wohlstand teilt.

Das Tatemae der USA ist anders, aber ähnlich fantastisch. Das außergesetzliche Lager Guantanamo etwa ist nach gängiger Lesart einfach ein Ort, an dem die Regierung fürchterliche Terroristen, gefährliche Männer voller Hass unterbringen konnte. Aber das ist nur die Honne-Antwort, ein akzeptabel klingender Quatsch.

Tatemae erzählt eine andere Geschichte: Der eigentliche Zweck von Guantanamo war, dass die Öffentlichkeit sich sicher fühlen durfte. Ob es tatsächlich die Sicherheit von irgendwelchen Menschen erhöhte, war völlig zweitrangig. Die Tatemae-Wahrheit über Gunatanamo ist, dass die US-Behörden nicht einmal genau wusste, wen sie in Guantanamo weggesperrt hatten.

Symbole sind am wichtigsten


Aber das war nicht schlimm, jedenfalls nicht für die Regierung. Die brauchte nach dem 11. September einfach eine große Zahl von Gefangenen, um der Öffentlichkeit zu demonstrieren, dass zumindest 800 der übelsten der Üblen kaltgestellt waren.

Das ließ das Volk besser schlafen in dem Bewusstsein, dass seine Regierung so viele der Feinde Amerikas so entschlossen aus dem Spiel genommen hatte. Die Regierung wusste, dass die meisten von ihnen unschuldig waren. Doch das spielte keine Rolle, denn sie waren nicht als Schuldige oder Unschuldige vonnöten, sondern als Symbol der Tatemae-Wahrheit.

Die Öffentlichkeit muss an etwas glauben können. Etwa an Flughafensicherheit. So blödsinnige Dinge wie die Schuhe ausziehen und den Gürtel und die Zahnpastattube zu Hause lassen zu müssen. Sie helfen kein Stück. Auf einer Honne-Ebene ist diese Art von Sicherheit lachhaft. Doch auf der Tatemae-Ebene, die viel, viel bedeutsamer ist, überzeugen sie die Leute davon, dass das Fliegen sicher ist.

Man kann das an sich selbst schon ausprobieren: Wenn Sie Teil der Oligarchie wären, der Elite, der Regierung: Was wäre Ihnen wichtiger? Dass ihre Wähler sicher sind? Oder dass sie sich sicher fühlen? Was wäre Ihnen mehr wert: Dass ein tatsächlich Schuldiger verurteilt wird? Oder dass Sie die Gesellschaft glauben machen können, dass ein Schuldiger verurteilt worden ist?

Honne und Tatemae


Honne und Tatemae, Sie verstehen es jetzt. Ein einzelner schuldiger Mann, der ungestraft bleibt, spielt überhaupt keine Rolle, für Sie nicht, für die Wähler nicht, für niemanden. So lange die Öffentlichkeit das Gefühl hat, die Schuldigen würden bestraft, ist die Gesellschaft sicher. Nur wenn sie dieses Gefühl verliert, dann greift Anarchie Raum.

Politik muss folglich, wenn sie gut gemacht ist, auf der Tatemae-Ebene agieren: es geht um Eindrücke, um Gefühle, um Symbole und um Placebos. Nie um Wahrheit im Sinne von Wirklichkeit auf der Honne-Ebene.

Montag, 16. September 2019

Es war nicht alles Brecht: Die Macht der Emsen





Als die Arbeiter, sagte Hinze, im Staat der Roten Waldemsen die Macht ergriffen, dachten sie an nicht weniger, als dass sich ihr Leben gänzlich ändern werde. Die Königin aus dem Volk ausgestoßen und dem Untergang preisgegeben, nun nahmen die Ungeflügelten ihre Geschicke in die Fühler. Eine neue Zeit begann!

Freilich war man nicht aus der Mühsal entlassen. Auf den Arbeiterinnen lasteten noch die sämtlichen Tätigkeiten, Nahrungserwerb, Materialbeschaffung, Abtransport verdorbener Vorräte Abfälle Leichen, Pflege der deponierten Nachkommen, all das Hin- und Herhasten in den Straßen. Das Läusemelken. Die Männchen nach wie vor nicht zur Arbeit oder Verteidigung zu bewegen, sie starben zudem nach der Begattung, so dass die sexuelle Revolution ausblieb.

Im ganzen die alte Arbeitsteilung, welche, wie die Biologen behaupten, durch die Wechselwirkung von individueller Veranlagung und den Bedürfnissen des Volkes bestimmt sei - die größeren Tiere in den Außendienst, die kleineren bzw. jüngeren mit noch nicht völlig verkümmerten Geschlechtsorganen in den Innendienst: jeder blieb im Dienst, wenn nun auch ein "Dienst an der Sache".

Dieselbe nicht recht begreifliche, aber in Chitin und Blut übergegangene Arbeit. Und nicht, dass sie leichter wurde.

Da man die alte Praxis kopierte, aber auf einige ihrer bösen Bedingungen verzichtet hatte, wurde sie vertrackter. Schon die Aufgabe, die Eiablage (einst Pflicht der Königin) an eine Jungarbeiterin zu delegieren, erforderte Überzeugungsarbeit (und eine Königin lebte einfach länger und verlangte nicht immerzu Ersatz). Und das Handlangen, das Belecken der Eier, wurde nicht mehr selbstverständlich getan, bewusst. Es musste also für das nötige Bewusstsein gesorgt werden.

Überfordert, wie die Gemeinschaft damit war, verfiel sie auf alte sichere Lösungen; der Eierwerferın wurde der sorgende Hofstaat zugebilligt, dem Hofstaat die Wächter, das System aus Rängen restaurierte sich im Wald. Und der Aufwand, harmlose Gewohnheiten, die unter den neuen Ver-
hältnissen verdächtig wirkten, zu unterdrücken, z. B. die natürliche Unruhe unter den Arbeitermassen, wenn die heranreifenden Puppen sich zu krümmen begannen! Die hohe Intelligenz und die psychischen Fähigkeiten, die die Emse so erfinderisch machen - jetzt wurden sie verschlissen, um die Ordnung aufrechtzuerhalten.

Man hatte die Herrschaft angetreten und sah sich angeherrscht von den Verhältnissen; der ganze Ameisenhaufen mit seiner Betriebsamkeit schloss offenbar die Herrschaft in sich ein. Es blieben den Emsen, sagte Hinze, nur zwei Möglichkeiten. Entweder sie definierten, daß es wirklich um diese
emsige Tätigkeit ging, die sie in den Sand und die Wände hinauf jagte, die sie beutelte, die,
nur vielleicht aufrascheren Beinen, in Ewigkeit zu tun war - und es kam auf nichts weiter an,
als sie einsichtig, im höheren Interesse des Staats zu tun: und sich dessen zu freuen, was
sie einst stöhnen machte. Oder sie mussten innehalten und sich an die winzige Stirn schlagen: begreifend, daß ihre Macht nicht die Lösung ihrer Probleme ist, sondern eine Bedingung für die Umwandlung ihrer Gesellschaft.

Mehr aus der kulturhistorischen Serie Es war nicht alles Brecht



Im Land der Mimosen: Schneeflöckchen, schlimm verwundet

Toleranz sucht nach Symbolisation, denn wer sich nicht wiederfindet, ist schnell verletzt. Oben: Die neue Nationalflagge.
Ein Land voller Mimosen, empfindlich wie die Schenkelhaut frischerblühter 18-Jähriger, so sieht es aus, das Deutschland des Jahres 2018. Worte können hier so verletzend sein, dass großgewachsene Männer beinahe weinen müssen. Alles lechzt beständig nach Entschuldigungen, ein Sorry ist das mindeste, um durch Worte gerissene Wunden zu pflastern und Beleidigungen zu tilgen.

Der Papst etwa hat während seiner Amtszeit kaum Wichtigeres zu tun als offensive Öffentlichkeitsarbeit für die zahllosen Leichen zu machen, die von seinen Vorgängern und zahllosen anderen katholischen Amtsträgern ermordet in den Kellern der Mutterkirche liegen. Da muss er sich aber, so blökt eine allzeit mobiler Meinungsmob dazu, erstmal entschuldigen! Staaten entschuldigen sich für Morde. Schönheitsköniginnen für ihre Schönheit. Und Unternehmen für ihre Produkte.

Ein Land voller Mimosen, empfindlich wie die Schenkelhaut frischerblühter 18-Jähriger. Treten wollen sie alle, getreten werden will niemand. Der Ruf nach Toleranz, er endet am Rande der Zurechnungsfähigkeit.

Ist jemand anderer Meinung, wirkt der Spielplatzrefelx aus Kindertagen: Bocken und pathetisches Beleidigtsein, bis der Täter seine Worte zurücknimmt. Ein Spiel für Erwachsene, die dem Publikum wie sich selbst vorgaukeln, dass wahre Meinungsfreiheit darin bestehe, dass das , was man denke, besser unausgesprochen bleibt, wenn man annimmt, dass jemand anderer es zum Anlass nehmen könne, beleidigt zu tun. Gedacht werden darf im Moment noch weiter, denn die Gedanken sind frei. Zu sagen, was man denkt aber führt unweigerlich zu Bußforderungen, die mit zunehmender Lächerlichkeit nur immer noch berechtigter werden.

Deutschland denkt über ein Entschuldigung an Afrika nach. Der Bundespräsident war wieder in Polen und hat sich noch einmal entschuldigt. Ein Ministerpräsident entschuldigt sich für seine Polizisten. Dazu wird Schmerz simuliert, wo Weghören Opfer vermeiden könnte, die vorgetäuschte Verletzung aber dient dem selbsternannten Betroffenen als Druckmittel zur Durchsetzung seiner Ansichten. Wo sie vergessen, dass nie der, der gefehlt hat, sich entschuldigen kann - er kann den, dem geschadet wurde, allerhöchstens um dessen Entschuldigung bitten.

Aber Scham ist hier nur eine Theateremotion, eine Waffe in der Medienschlacht um den Meinungsmainstream. Alles, was übersteht, muss sich entschuldigen, muss zerknirscht sein, muss öffentlich Abbitte leisten für das, was es tut oder denkt oder was Opa getan oder gedacht haben könnte, und fürderhin still schweigen. Alles schreit nach Entschuldigungen, alles erweckt den Eindruck, als eine andere Ansicht schon allein deshalb eine schwere Beleidigung, weil sie nicht mit der eigenen übereinstimmt.

Überall verletzte religiöse, politische und geschlechtliche Gefühle, überall feinfühlige Abendland-Talibane, die Radiowellen, nackte Haut auf Plakaten und abweichende Sexualpraktiken riechen und sofort Entschädigungsbedarf zu reklamieren verstehen. Aufs Stichwort sinken sie hin wie vom Gegenspieler gefällt Weltklassefußballer, brutal gestoppt durch ein Wort, einen Satz, eine Geste, ein Bild, eine Filmszene, ein Lied. Sie haben Alpträume, wenn sie jemand verlogen nennt. Sie bekommen Angst, wenn ihre Nasen jemanden an Hitler erinnern. Sie verbieten es sich, öffentlich mit ihren Meinungen von gestern oder vorgestern konfrontiert zu werden.

Sie sind empfindlich wie wundgescheuerte Bewohner eines Landes voller Mimosen, die gern die DDR zurückhätten oder die Sowjetunion Stalins: Alle schweigen in stillem Selbstgespräch, keiner weiß, was der andere denkt, niemand ist beleidigt, weil die Meinungsfreiheit eben endlich nur Meinen meint und nicht immerzu rausplatzen damit.

Sonntag, 15. September 2019

Das ist sie wieder: Die Rückkehr der DDR

Rolf Henrich, ein längst vergessener Dichter, widmete seinem Heimatland DDR einst den schönen Band "Der vormundschaftliche Staat", Wolf Biermann, wie Henrich ein unruhevoller Geist, nannte die "Entmündigung das Schlimmste" an der Arbeiter- und Bauernrepublik.

Jedoch, es war nicht alles schlecht, damals, als Henrich und Biermann noch im Widerstand waren. Denn der grobe Vergleich der Honecker-Diktatur (im Bild: der große Vorsitzende Erich Honecker) mit der Merkel-Republik zeigt, das Marxens "Reich der Freiheit" im Alltag der Arbeiter- und Bauernrepublik schon verblüffend weitgehend verwirklicht war - und 29 Jahre Freiheit eigentlich gereicht haben, die Volksmassen in einem Maß zu entmündigen und zu bevormunden, wie es selbst Henrich und Biermann nur noch stillschweigend zu ertragen vermocht hätten.


1) Rauchen: In der DDR überall möglich und erwünscht, Sitzungsräume, Züge und Fabrikhallen qualmten vor revolutionärem Rauch. Heute verboten: in öffentlichen Gebäuden, Kneipen, Kinos, Büros.

2) Alkohol: In der DDR Lebensmittel, nicht wegzudenken selbst vom Arbeitsplatz, der ein Kampfplatz für den Frieden war. Keine Party ohne Koma, selbst Kaffeelikör und "Timms Saurer" wurden von Jung und Alt bis zur letzten Neige getrunken, auf öffentlichen Plätzen ebenso wie in geschlossen Veranstaltungen. Heute verboten: In Büros, Innenstädten, für Jugendliche, Kinder, Schwangere, in Stadien.

3) Killerspiele: In der DDR als Kartenspiel "Leben & Tod" Kulturprogramm aller Ferienlager. Heute verboten: In Kinderzimmern, auf Computern, für Minderjährige.

4) Spielzeugpistolen: In der DDR Geburtstagsgeschenk für jeden Möchtergern-Cowboy, der das vierte Lebensjahr erreicht hatte. Heute verboten: Wenn "täuschend echt", also pistolenförmig, in Flugzeugen und Stadien, auf Straßen, Plätzen, in Straßenbahnen, Schulen, Kindergärten.

5)
Taschenmesser: In der DDR Teil der lebenswichtige Grundausstattung jedes Mannes. Wurde zum Reparieren des "Trabant" gebraucht, aber auch beim Bündeln von Altpapier. Heute verboten: Wenn Klinge länger als sieben Zentimeter, wenn Butterfly-Modell, wenn Besitzer kein Jäger oder Angler, in Flugzeugen und auf offener Straße.

6) Glühbirne: In der DDR Grundlage der Wohnungsbeleuchtung mit dem nützlichen Nebeneffekt, dass nicht zur Beleuchtung genutzte Energie die ofenbeheizte Wohnnugn warmhalten half. Heute verboten: Wegen Klimarettung und Rettung von Arbeitsplätzen bei Energiesparleuchtenherstellern.

7) Handy im Auto: In der DDR grundsätzlich erlaubt, da nicht geregelt. Heute verboten: Wegen Verkehrssicherheit und Absatzförderung für Freisprechanlagenhersteller.

8) Fahrverbote: In der DDR durfte jeder ohne Feinstaubplakette nach Berlin. Selbst für Trabis gab es keine Fahrverbote. Heute verboten: Etwa in Berlin, Stuttgart, Frankfurt wegen EU, Feinstaubrichtlinie und Absatzförderung für Filterindustrie.

9) Sperrung von Internetseiten: In der DDR völlig unbekannt. Selbst der immer mißtrauischen Stasi-Führung unter Erich Mielke war Zensur im Internet eine gänzlich unvorstellbare Vorstellung. Heute verboten: Naziseiten, Sexportale, Gewaltexzesse, Tattoo-Seiten, Tauschbörsen, markenrechtsverletzende Seiten.

Dummheit: Wie es sich anfühlt, wenn man immer der dümmste Mensch im Raum ist

“Ich dachte, ich wäre irgendwie abartig. Krank, oder sonderbar. Ich spürte, dass etwas mit mir nicht stimmte, aber ich wusste nicht, was es war.”

Andrea Samthof erzählt von ihrer Kindheit. Die heute Mitte 40-jährige ahnte schon früh, dass sie anders war als andere Kinder. Doch diese Andersartigkeit empfand sie nicht als etwas Positives. Als Kind will man nicht anders sein. Man möchte dazu gehören.

Erst als Erwachsene erfuhr Samthof nach einem IQ-Test, dass sie dumm ist. Endlich ergab alles einen Sinn. Das ständige Anecken, all die Missverständnisse – erst im Nachhinein konnte sie viele Konflikte aus ihrer Kindheit verstehen.

Dumm zu sein, ist nicht so schlimm, wie viele vielleicht denken. Stumpfheit, das allgegenwärtige Gefühl, dass man diesen Film noch nie gesehen und dieses Spiel noch nie gespielt hat, machen das Leben mit einem unterdurchschnittlich niedrigen IQ erträglich. Wie es sich anfühlen kann, wenn man meistens der dümmste Mensch im Raum ist, beschreibt Samthof in ihrem kürzlich erschienenen Buch “Dummerweise dumm” (Berts-Verlag). Sie möchte zwischen Minderbegabten und allen anderen Menschen vermitteln. Denn ein offener Austausch – davon ist Samthof überzeugt – würde allen helfen.

Erkennenen, wie dumm man ist


“Gerade bei Kindern ist es ganz wichtig, offen damit umzugehen und ihnen zu erklären, dass Intelligenz eine ganz neutrale Eigenschaft ist, die jemand hat oder eben nicht. Das ist nichts anderes, als groß oder klein zu sein, blonde oder dunkelbraune Haare zu haben. Niemand kann sich das aussuchen und niemand kann etwas dafür”, sagt sie.

In ihrer eigenen Kindheit sorgte ihre mangelnde Intelligenz ständig für Konflikte. Imhof war langsam, sie sprach spät, sie vergaß Dinge und merkte nicht einmal, dass sie sie schon einmal gewusst hatte. Ihre Eltern verstanden sie nicht. Für sie bedeutete Denken keine Arbeit. Für Imhof bedeutete es Qual und Schmerz.

Andrea Samthof erzählt über ihre Dummheit.

Ständig war sie den anderen Kindern hinterher. Erst mit 22 Monaten konnte sie laufen und sprechen. Während ihre Mitschüler in der Grundschule lesen lernten, guckte sie aus dem Fenster. Selbst kindgerechte “Was-ist-was”-Bücher, die es zu Hause gab, bestaunte sie nur, weil die Bilder schön bunt waren. Sie interessierte sich weder für Märchen noch Astronomie und Paläontologie, sie hörte keine Verdi-Opern und verspürte keinen Drang, ein Instrument zu lernen. Wenn sich alle anderen am Tisch unterhielten, wurde es Imhof oft zu langweilig, denn sie verstand nicht, wovon gesprochen wurde. Sie zog sich dann in ihre eigene Welt zurück, starrte die Wand an und dachte an gar nichts..

Ihre offensichtliche Dummheit wurde jedoch von den Eltern nicht erkannt. Dummheit gilt in Deutschland als letztes Tabu, das weder erforscht noch öffentlich diskutiert wird. Imhof blieb sich selbst überlassen, und sie erfuhr auch von Gleichaltrigen häufig Ablehnung. Manche Klassenkameraden reagierten – verständlicherweise – nicht immer wohlwollend auf Samthofs offensichtliche Unfähigkeit, Gesprächen zu folgen, logische Entscheidungen zu treffen und eigene Ansichten zu äußern.

"Auf die Ablehnung, die ich als Kind erfuhr, habe ich zunächst mit Provokationen reagiert”, erzählt Imhof. “Eine Zeitlang habe ich Mitschüler regelmäßig verprügelt. Das war sozial eher kontraproduktiv.” Diese Zeiten, in denen sie ihren inneren Instinkten folgte, waren die wohl glücklichsten ihres Lebens.

Wenig später kam es jedoch zu einem entscheidenden Wendepunkt in ihrem Leben: “Als sich herausgestellt hat, dass ich einfach dumm bin, wurde selbst mir einiges klar.“ Hatte sie bis dahin geglaubt, ein böser Mensch zu sein, konnte ihre Familie ihr nun tröstend mitteilen, dass sie einfach nicht über die Intelligenz verfügt, die andere haben. Imhof begriff nicht, was „Intelligenz“ ist, doch sie musste nicht länger versuchen, sich zu verstellen und zu verleugnen. Stattdessen kündigte ihren Job als Kartoniererin und begann, ihr Leben zu genießen.


Normaler Tag im Leben


Auf die Frage, wie denn ein ganz normaler Tag in ihrem Leben aussieht, reagiert Imhof amüsiert. “Ganz normale Tage sind ganz normal”, sagt sie. Selbst wenn sie sich lange mit ein und derselben Sache beschäftigt, etwa mit dem Angucken von Bildern in einer Zeitschrift, wird ihr nie langweilig. “Meinem Umfeld zuliebe versuche ich trotzdem, das zu vermeiden. Denn die Leute werden unerträglich, wenn sie mitbekommen, dass ich stundenlang dieselben Bilder angucke.”



Es ist nicht so, dass Imhof nicht auch gern zwanzig Sprachen sprechen, 1000 Seiten am Tag lesen und einen Doktor in Islamwissenschaften haben würde, zusätzlich zu einem in Philosophie und vergleichender Religionswissenschaft. Sie weiß nur nicht, was das alles ist. Deshalb hat sie weder eine klassische Gesangsausbildung gemacht noch jemals mit Schwertkampf begonnen oder sich mit Astro- und Quantenphysik beschäftigt und zahlreiche historische Romane veröffentlicht. Dass ihr Verstand so langsam arbeitet und sie den meisten anderen Menschen dadurch nicht folgen kann, heiße aber nicht, dass sie nicht verstehe, was ihr fehle. „Mit war nur lange nicht bewusst, worin meine Andersartigkeit bestand.“ Wenn man nicht wisse, dass man dumm sei, sei das aber am Ende auch nichts anderes als es zu wissen und wegen der Dummheit nicht begreifen zu können. “Je weniger Intelligenz man verstecken muss, desto weniger fehlt sie einem.”

Sie spricht offen über ihre Dummheit


Mit Freunden und vertrauten Menschen spricht Imhof inzwischen ganz offen über ihre Dummheit. “Das bedeutet aber nicht, dass ich den ganzen Tag darüber rede ”, sagt Imhof und lacht. Sie könne sich ja ohne Weiteres über ganz alltägliche Dinge unterhalten, Geschirrspülen, Saubermachen, die Farbe ihres Pullovers. Solange sie auf regelmäßige Pausen achtet und regelmäßig ihre intellektuellen Reserven auflädt, etwa, indem sie „Bauer sucht Frau“, „Sing meinen Song“ oder .Bares für Rares“ anschaue.

“Es ist leichter, sich auch mal auf einem völlig ‘normalen Niveau’ zu unterhalten, wenn man sich zwischendurch die Möglichkeit herausnimmt, die anderen Bedürfnisse zu befriedigen”, erklärt sie. Als Ausgleich schläft Imhof viel, sie hört Hörbücher von berühmten Kinderbüchern oder tauscht sich mit Menschen aus, die ähnlich dumm sind wie sie. “So kann ich meine Akkus wieder aufladen”, erzählt sie. Inzwischen ist Imhof mit sich selbst im Reinen, hat ihr bisschen Verstand lieben gelernt und will es nie wieder verleugnen. Eines will sie jedoch nicht verraten: Wie hoch das Ergebnis ihres IQ-Tests ausgefallen ist. “Dann würde man mich bestimmt für dumm halten!”


Samstag, 14. September 2019

Zitate zur Zeit: Ascheschleier über dem Geist


Ganz allgemein befand man sich in einer ideologisch seltsamen Epoche, in der jeder in Westeuropa davon überzeugt zu sein schien, dass der Kapitalismus zum Scheitern verurteilt sei - und zwar sogar kurzfristig - und seine allerletzten Jahre erlebte, ohne dass es aber den ultralinken Parteien gelungen wäre, über ihre übliche Kundschaft von gehässigen Masochisten hinaus neue Anhänger zu gewinnen.

Ein Ascheschleier schien sich über den Geist der Menschen gelegt zu haben.


Michel Houellebecq, Karte und Gebiet, 2010

Neue Bundesdiskussionzentrale in Suhl: Palast der Republik

Die neue Zentrale der neugeschaffenen Bundesdiskussionsbehörde (BDB) wurde auf Vorschlag der SPD gebaut, steht mitten in Suhl und verkörpert einen neuen Aufbruch zu neuer deutsch-deutscher Gemeinsamkeit.
Es wird eine großer Aufbruch werden zum runden Jahrestag der Deutschen Einheit, wenn die SPD mit der Gründung eines "Ost-West-Kulturzentrums" in einer mittelgroßen Stadt in Ostdeutschland ein Zeichen setzen wird für einen gesamtgesellschaftlichen Dialog. Das neue Haus, ein Forschungs-, Veranstaltungs- und Kulturzentrum, der als offener Ort der ständigen Begegnung, der Erinnerung, des Nachdenkens und der Debatte zu allen Fragen der zukünftigen Entwicklung Ostdeutschlands innerhalb der Bundesrepublik und im Kontext Europas, vor allem auch Osteuropas, dienen wird, ist der richtige Platz, die Erinnerung an 30 Jahre friedliche Revolution und Mauerfall mit einem neuen Aufbruch für Ostdeutschland zu verbinden.

Ein neuer Aufbruch


Schon die Bauart des neuen "Palast der Republik" in der Mitte von Suhl zeigt, was damit gemeint ist. Als "offen" und "in der Mitte der Gesellschaft angekommen" bezeichnet die im Zuge der Bundesbehördenansiedlungsinitiative der Bundesregierung neugebildeten Bundesdiskussionsbehörde (BDB) ihre neue Zentrale selbst, die innerhalb von nur wenigen Monaten nach Bauplänen errichtet worden war, die zuvor schon für die BND-Zentrale in Berlin genutzt worden waren.

Entsprechend begeistert sind die erdverbundenen und normalerweise nicht leicht zu begeisternden Thüringer von der Beton gewordenen Interpretation des Freiheitskampfes vom Herbst 1989, als Grenzen eingerissen und auf friedliche Weise ein freies Leben und demokratische Strukturen erkämpft wurde. Ausgreifend und monumental erscheint die Selbstdarstellung dieses epochalen Kampfes mitten in der Stadt, die eher mittelklein als - wie es sich die SPD gewünscht hatte - mittelgroß ist.

Der breite Rayon, der die neue Zentrale der BDB auf allen Seiten umgibt, löst mit den straffen Zaungittern und den schrägen Gräben Bilder alter Festungsanlagen aus. Doch einige dürren Bäumchen und ein paar von renommierten Künstlern errichtete Kunst-Palmen, die auf ein Lied der DDR-Rockgruppe City anspielen ("Wo die Palmen sich verneigen") zeigen, dass der gewaltige fahlweiße Monolith, der von vielen alten Suhler Bauernhöfen im Umland aus sichtbar ist, den Eindruck eines gelandeten Raumschiffen gar nicht brechen will.

Die Freiheit, ein Ufo


Die Freiheit, sie ist in den entdemokratisierten Osten gekommen wie ein Ufo, eine Kunstpalme, die bis heute keine Wurzeln schlagen konnte. Hier steht sie nun, erbaut nach Plänen der westdeutschen Demokraten Andrea Nahles, Heiko Scholz und Kevin Kühnert, ein Gebäude, dessen Gigantismus dem architektonischen Vorbild von Ceaușescus Parlamentspalast in Bukarest nacheifert und damit mahnt: Sehet, wo ihr gelandet wäret, hätten wir euch nicht befreit.

Damit sich der Bau in die bizarre Geschichte der Überwältigungsarchitektur weltweit ein: Bauhaus für Potentaten, ein Mahnmal für jeden Demokraten. In Deutschland zählt die BDB-Zentrale, aus der später einmal 12.000 Diskussionführer, Demokratielehrer und Propagandapraktikanten ausschwärmen sollen, um, so der Plan des SPD-Parteivorstandes, "Missverständnisse zwischen Westdeutschen und Ostdeutschen aufzuräumen" und "Gespräche über die vielen Brüche, die Familien in den 90er Jahren erlebt haben" zu führen.

Bis 2019 hat die deutsche Sozialdemokratie gewartet, diese Diskussion zu führen, zu viel anderes war noch zu tun. Dieses Jahr aber "verstehen wir als große Chance, über deutsch-deutsche Geschichte miteinander ins Gespräch zu kommen, einander zuzuhören und sich gegenseitig Respekt zu zollen", heißt es nun in einem Vorstandsbeschluss, der am Anfang eines der größten Bauvorhaben des Landes stand. Und nun Realität geworden ist: 14 000 dunkel getönte Fenstern lassen Blick in die insgesamt 260 000 Quadratmeter Zukunft der Demokratie zu. Diese Öffnungen der Fassade könnte man, da unendlich repetitiv und gleichförmig schmal dimensioniert, als Perforationspunkte in einer Mauer aus Schweigen interpretieren, das viel zu lange angehalten hat.

Nach vorn gerichtet sprechen


Jetzt endlich, wo der machtvolle Bau steht, der zeigt, dass die frühere deutsche Arbeiterpartei verstanden hat, kann eine "ehrliche und einander zugewandte Debatte" (SPD) beginnen. "Wir wollen neben der Aufarbeitung der DDR-Zeit besonders auch die Nachwendezeit in den Fokus nehmen", hat die SPD als Ziel vorgegeben, "die Debatte wollen wir nach vorne gerichtet führen, weil es auch eine Debatte um die Anerkennung der Lebensleistung ist."

Hat nicht Oskar Lafontaine früh vor der Einheit gewarnt? Ging nicht die neue Freiheit dann wirklich "bei viel zu vielen mit harten beruflichen und familiären Veränderungen einher?" Hatten nicht SED und SPD mit dem Papier "Der Streit der Ideologien und die gemeinsame Sicherheit" schon 1987 einen Plan vorgelegt, wie es besser gehen könnte?

Klar ist die Botschaft, die die Bundesdiskussionsbehörde ins Land tragen soll: Ein Gefühl des Aufbruchs, von Stolz und dem Willen, unsere Gesellschaft besser machen zu wollen, dazu Dankbarkeit Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten gegenüber, die heute "in allen ostdeutschen Bundesländern als Regierungsparteien Verantwortung" übernehmen und mitgestalten und ihren Beitrag leisten, die soziale Einheit zu vollenden.

Mehr Sorge um den Osten


Mehr Sorge um den Osten und die  Wahlentscheidung der Menschen dort war nie. Obwohl die Arbeitslosigkeit zurückgegangen ist, ja, mancherorts akuter Fachkräftebedarf besteht und junge Leute heute wieder Perspektiven in ihrer Heimat finden, weigern sich viele Menschen, der SPD dankbar dafür zu sein. Die Methode Zorn, die frühere Parteivorsitzende pflegten, indem sie ihre Kritiker als "Pack" bezeichneten, hat nicht wie gedacht verfangen. Jetzt sollen es "Versachlichung und Versöhnung" (Nahles) richten.

Seit der SPD-Vorstand Ende Januar eine Arbeitsgruppe gegründete, die zeitnah konkrete Vorschläge ausarbeitete, wie ein Aufarbeitungsprozess über die Umbrüche in Ostdeutschland aussehen kann, ist eine in die Zukunft gerichtete Diskussion im ganzen Land in Gang gekommen. Was Egon Krenz einst "Dialog" nannte, den Emmanuel Macron jüngst als "nationale Debatte" wiederbelebt hat, wird in der professionellen Planung der SPD zu einer Institution, die die Macht hat, Deutschland durch Diskussion zu verändern. Mit einer lichten Höhe von  mehr als 37 Metern steht die Zentrale der Bundesdiskussionsbehörde beispielhaft für das, was möglich ist, wenn politische Fantasie und entschlossenes Verwaltunghandeln auf einen gut geführten Haushalt treffen.


Archiv: Erfolgreiche Ansiedlung im Osten - das Bundesblogampelamt (BBAA) im mecklenburgischen Warin