Freitag, 30. September 2011

Es war nicht alles Brecht II


Nach Woodstock wären wir ja noch selber hin,
allein wegen Janis,
wären wir damals nur
alt genug gewesen
und nicht weitab vom Schuß
in die Ellenbogenbeuge.

Erst Live Aid live erlebt
mit dreiunddreissig Kameras und zwei
kalten Kästen Bier mächtig abgerockt
im fetten Polsterstuhl
aus allen Kronenkorken schwitzend
bis frühmorgens
alles vorbei ist.

Mehr Dichtung gegen Vernässungen

Wer hat es gesagt?

Man kann auch mit erneuerbaren Energien eine Menge Geld verdienen.

Kaudergate

Siegfried Kauder ist ein Kämpfer für das Gute, das Schöne und Nützliche, folglich ist er auch dafür, Urheberrechtsverletzer in Internet, dem bekanntlich "größten Tatort der Welt" (dpa) gnadenlos abzustrafen. Einfach den Netzzugang wegnehmen, empfiehlt der CDU-Doktor im Fall von Internetnutzern, die sich an fremdem Eigentum bereichern, indem sie ihr virtuelles Laben mit fremden Werken ausschmücken.

So, wie es der zumindest nach außen hin gesetzestreue Christdemokrat selbst gern tut, wie heise.de unter Verweis auf einen Blogeintrag von Alexander Double von Piratig.de ausführt. Dr. Kauder, studierter Jurist und Kenner aller Materien, hat danach auf seiner offiziellen Homepage mehrere Fotos ohne Urhebervermerk benutzt. Selbst einen Teil der Headergrafik (oben, Screenshot Ben) seiner Seite habe Kauder "zusammengeklaut", heißt es. Kauder möge nun die Konsequenzen ziehen und sich selbst den Internetstecker - wie von ihm für solche Fälle vorgeschlagen, meint Double.

Eine Posse, über die man hätte schmunzeln können. Jaja, Wasser predigen, Wein saufen. So neu wie Altpapier. Aber nein, Kauder musste gegenhalten. Und kontern, wie nur ein echter Experte kontern kann: Siegfried Kauder behauptet in einer Entgegnung "dass die Urheberrechte an den beiden Fotos" inzwischen ihm zuständen.

Ein Spezialist offenbar, ein Internet-Fex, nach dessen Three-Strikes-Rezepten die Netzwelt kuriert werden soll. Der aber selbst nicht einmal den einfachen und sehr gut nachvollziehbaren Unterschied zwischen Urheber- und Verwertungsrecht kennt. Wenn Kauder behauptet, die Urheberrechte, die der Natur der Sache nach unveräußerlich schon deswegen sind, weil ein Werk nur den zum Urheber haben kann, der es erschaffen hat, lägen jetzt bei ihm, dann meint er damit wohl nur, er habe ein Nutzungsrecht für die inkriminierten Bilder erworben. Aber Urheberrecht, Nutzungsrecht, Lizenzrecht, scheiß drauf. Einem Spezialisten für alles können die feinen Unterschiede egal sein. Er hat einfach recht. Und nutzt die Gelegenheit, um deutlich zu machen, mit wieviel Fachkompetenz Deutschland regiert wird.

Donnerstag, 29. September 2011

Bundestag beweist: Selbsthypnose funktioniert

Der Streit zwischen Gläubigen und Ungläubigen tobte seit Jahrhunderten. Je nachdem, wer gefragt wurde, kamen die Antworten: Ja, Selbsthypnose funktioniert, sagten die einen Experten, die Beispiele bis hin zur Wunderheilung nennen konnten. Selbsthypnose sei nicht anderes als Einbildung, antworteten andere Kenner, denen klar war, dass das eine eben sehr viel mit dem anderen zu tun hat.

Der grundsätzliche Konflikt über Möglichkeit und Macht der selbstverordneten Besoffenheit aus rein psychischen Ingredenzien aber blieb - bis nun endlich der Deutsche Bundestag mit der unbezwingbaren Kraft der Kanzlermehrheit ein Machtwort sprach. Ja, Selbsthypnose funktioniert! Ja, auch in Anzug und Schlips darf der moderne Mensch an Wunderheilung glauben! Und natürlich, wer sich den Film oben konzentriert bis zum Ende anschaut, die Augen streng fixiert auf die fröhlich rotierenden Kreise, und danach um sich herumschaut und alle Wände, Schränke und Bänke wackeln sieht, weiß, wie es im Augenblick im Kopf seines Abgeordneten aussieht. Glücklich ist er. Denn glücklich ist, wer vergißt, was nicht mehr zu ändern ist.

Jeden Tag steht ein Dummer auf

Diemal heißt er Sven Schulz, diesmal verspricht er weder HDTV-Receiver noch Sky-Abo, sondern mal wieder ein total lockeres Nebeneinkommen, von dem sich ohne Probleme ganze Familienverbände ernähren lassen. Die Internetseite ihre-zahlung.com allerdings ist wie immer auf einen Bojan Ivanisevic registriert, der seine segensreichen Geschäfte aus der Dzemala Bijedica 183 im bosnischen Sarajevo betreibt.

Aber auch diesmal ist sein Angebot unwiderstehlich, wie neulich das von Dennis Reimann. "Völlig kostenlos, kein Risiko, kein Geld erforderlich", schreibt der angebliche Sven Schulz, den es bei Ivanisevics Firma 1st Adriatic Internet d.o.o. genausowenig geben dürfte wie "Katja Schulze", die früher immer für völlig kostenlose und risikofreie HDTV-Testreceiver warb, oder Heiko Hambrecht, der "bei der Durchsicht ihrer Unterlagen" unentwegt viel zu teure Versicherungsbeiträge aufdeckt.

"Keine versteckten Kosten, kein Haken – es geht uns wirklich nur darum, zu erfahren, ob Sie das neue HDTV gut empfangen können", hieß es früher. Ein freierfundener "Jens Schmitt" schickte sogar schon die "Lieferbestätigung für ihren HDTV Receiver" raus. Und obwohl der Blödsinn nicht nur betrügerisch aussieht, sondern sogar betrügerisch riecht und schmeckt, zeigt die Beharrlichkeit der Urheber, dass es sich lohnt, wildfremde Leute mit "ich habe ihre Mail bekommen und ihre Unterlagen geprüft" anzuquatschen, um ihm anschließend eine Krankenversicherung aus reiner bosnischer Luft anzudrehen.

Jeden Tag steht ein Dummer auf, man muss ihn nur finden, wussten schon die ganz Alten, die noch mit dem Bollerwagen von Tür zu Tür zogen, um leicht missratenes Tongeschirr und mit viel Liebe und wenig Können gestrickte Omajacken zu überhöhten Preisen loszuschlagen. "Ich verstehe Sie nicht", zetert Julia Lehmbrecht heute, "Sie antworten nicht auf mein Angebot!" Was für ein Fortschritt für das länderübergreifende Verbrechen, dass der Räuber nun nicht einmal mehr aus dem Haus muss, um seiner Kundschaft das Geld aus der Tasche zu ziehen.

Denn offenbar laufen die Geschäfte mit kostenlosen iPhones, anstrengungslosem Wohlstand durch tätigkeitslose Nebenjobs und kostenlose HDTVAbos blendend. Bojan Ivanisevic, im kroatischen etwa gleichbedeutend mit Horst Müller, betreibt sein Geschäft über eine "Privacy Marketing Limited" genannte Firma im südamerikanischen Belize, seine Domains hdtv-teilnahme.com und eintragsformular.com sind auf den Samoainseln im Pazifik registriert.

Die Namen ändern sich, das System bleibt gleich, hier gibt es nichts zu kaufen, nur etwas zu verlieren. "Habe heute auch so eine Reimann e-mail bekommen", schreibt ein Empfänger der Tausendtodestipps aus Sarajevo. "Dachte so das gibts doch garnicht, iPhone ohne Geld. Klasse, das holst Du dir". Dann erst kam das "plötzlich son leiser Zweifel und hab geschaut ob schon jemand vor mir mit Dennis Reimann bekanntschaft gemacht hat…. und tatsächlich es gibt Leute, einfach toll, ich liebe Internet."

Helden vom letzten Jahr: Egoismus mit Goldborte

In Stuttgart wollen sie keinen neuen Bahnhof. In Velen wollen sie kein Biogas-Kraftwerk. In Insel bei Stendal wollen sie keine Vorbetraften im Ort. In Sangerhausen wollen sie keinen Großstall, in Berlin keinen neuen Flughafen, in Südlohn kein Kraftwerk, in Dresden keine Nazis, in Erfurt keinen Papstbesuch, in Köln keine Pelze, in Dörfern keine Windparks und in Teilen der FDP keinen Rettungsschirm. Bäume fällen und Rüben pflanzen, schnell fahren und langsam bauen, abreißen oder sanieren, stets und ständig melden sich Stimmen zu Wort, die es nicht oder so, nicht jetzt oder woanders haben möchten.

Überall mischt er sich ein, wird er laut und grantelig, sobald es gegen seine Interessen geht. Der vom "Spiegel" vor einem langen, rettungsreichen Jahr zum "Wutbürger" ernannte Held des vergangenen Jahres, ein Mensch, der dem Fortschritt um des Fortschritts wegen in den Arm fiel, ist in einem Staat, dessen Politiker in Furcht vor dem Volk und dem nächsten Wahltag lesen, zum egozentrischen Potentaten geworden.

Gelten darf nur, was er gelten lassen will. Sein Protest, und sei er noch so randständig, wird mit Hilfe von Internet und allseits protestbereiten Medien zum lautstarken Orkan, dem nichts widerstehen kann. Eine Zumutung, dass über dem Haus ein Flieger landet. Ein Unding, dass in die Nachbarschaft Vorbestrafte gezogen sind. Kein Zustand, dass nebenan ein Stall entstehen soll und auf der anderen Seite des Ortes ein Pumpspeicherwerk. Eigennutz geht vor Gemeinnutz und die einzige offene Frage ist, wann sich in den ersten Ostseeorten Bürgerinitiativen bilden, die mobil machen gegen das lärmende Meeresrauschen und Lärmschutzwände oder aber die Verlegung der See woanderhin verlangen.

Schnell fahren wollen alle, Straßen bauen aber möchte man doch bitte anderswo. Immer muss jemand leiden, immer muss jemand die Zeche zahlen. Gegen alles finden sich Argumente, die niemals von der Hand zu weisen sind. Dass die Flugzeuge derzeit auch irgendwo landen und dass der Protestler selbst recht gern und häufig fliegt? Tut nichts zur Sache. Dass die Nachbarn der meisten Vorbestraften gar nicht wissen, dass sie Nachbarn von Vorbestraften sind und dieses Nichtwissen die Gefahr so wenig mindert wie Wissen darum die Gefahr erhöht? Ähh, könnsiedasnochmalsagen?

Der Bürger21, ein Wesen aus einer Zeit, die keine Probleme hat und sich deshalb mit Nebensächlichkeiten die Tage vertreibt, ist nach einer Studie des Göttinger Instituts für Demokratieforschung ein eigennütziger Kerl, der von der Urangst getrieben wird, seine Grundstücke und Eigenheime könnten durch Windräder oder Großbaustellen entwertet werden. "Der wutbürgerliche Aktivist ist gut situiert, besser gebildet, 70 Prozent sind älter als als 45 Jahre und mit der eigenen Situation zufrieden", fasst der "Tagesspiegel" zusammen. Solche Menschen schätzten die demokratischen Werte, seien aber mit deren Praktizierung höchst unzufrieden. "Volksbegehren und andere Instrumente der direkten Demokratie stehen hoch im Kurs."

Aber natürlich, denn sie sind die Werkzeuge, die dem eigenen Egoismus eine Goldborte annähen. Die Mahnung um Toleranz meint hier nur, alle anderen Interessen müssten auf die eigenen Rücksicht nehmen: Weil der Bürger21 aus Prinzip keinen Pelz trägt, soll auch niemand mehr Pelze züchten, weil er sowieso mit dem Auto fährt, braucht er keinen Bahnhof. Der Strom kommt beim Bürger21 aus der Steckdose, das Steak aus dem Bioladen, das Benzin aus dem Zapfhahn, die Demokratie aus dem Widerstand gegen demokratische Entscheidungen.

Der Bürger21 hat die Erfahrung gemacht, dass man ihm zuhört, wenn er nur laut genug schreit. Er sieht sich selbst als Träger des Fortschritts, seinen Konservatismus hält er vor sich selbst sorgfältig versteckt. Er nennt ihn Engagement.

Wird der Bürger21 älter, wird er so ganz problemlos sogar gegen die Kinderspielplätze hinter dem Haus sein können, die er selbst als jüngerer Protestler herbeigekämpft hat.

Mittwoch, 28. September 2011

Verbot der Woche: Wetten in der Wirklichkeit

Was für ein beeindruckender Sieg für die Einbildung gegen die Wirklichkeit, was für ein frappierender Beweis für die Lebensnähe, mit der deutsche Richter Gesetze auslegen. Diesmal ist es der Bundesgerichtshof, der mit einem Grundsatzurteil im Rahmen der PPQ-Serie Verbot der Woche deutlich macht, dass er bereit ist, auch unanwendbares und von europäischen Gerichten bereits aufgehobenes Recht durchzusetzen, wenn es denn um zusätzliche Einnahmequellen für staatliche Kassen geht.

Nach Ansicht der Richter bleiben "Glücksspiele und Sportwetten im Internet verboten", wie die staatliche Nachrichtenagentur dpa erfreut kabelt. Der Bundesgerichtshof habe den Glücksspielstaatsvertrag bestätigt, der es Anbietern aus aller Welt untersagt, Sportwetten oder sogar Wetten auf den Untergang des Euro im Internet anzubieten. Die Regelungen verstoßen nach Einschätzung der obersten deutschen Richter nicht gegen europäisches Recht, das eigentlich Dienstleistungsfreiheit garantiert. Danach darf jeder Unternehmer, der eine Leistung oder Ware in einem EU-Land anbietet, auch in allen anderen Ländern der Gemeinschaft tätig werden.

Außer, er betreibt das Spiel mit dem Glück, das in Deutschland ausnahmslos den staatlichen Lotto-Gesellschaften vorbehalten ist. Mit ihren großflächigen Werbekampagnen für Glücksspiele aller Art verfolgen die Landesgesellschaften nach Auffassung der Richter nicht etwa das Ziel, Einnahmen für die Landeskassen zu erwirtschaften. Sondern die Absicht, die gefährliche Spielsucht so lange zu bekämpfen, bis niemand mehr Lotto, Toto oder Bingo spielt. Um das Ziel noch schneller zu erreichen, hatten die Bundesländer zuletzt unter Führung des aus Charaktergranit hergestellten sachsen-anhaltischen Landesvaters Reiner Haseloff beschlossen, ein neues Bundeslotto zu gründen. Gleichzeitig sollen umfassende Internetsperren für ganz Deutschland eingeführt werden, mit denen alle in anderen europäischen Ländern legalen Wettanbieter draußen gehalten werden können.

Eine Strategie, die unterdessen schon fleißig Früchte trägt: Seit dem Verbot von Wettanbietern wie bet-at-home, bwin und Sportwetten Gera hat die Zahl der Spielsüchtigen nach einer aktuellen Studie der Landeskoordinationsstelle Glücksspielsucht in Sachsen-Anhalt "stark zugenommen", wie es in einem dpa-Bericht heißt, der in keinerlei Zusammenhang mit dem Beitrag über das BGH-Urteil steht.

Fachbegriff für Vielerlei

Bei Backyard Safari geht es "um die drei Themenbereiche Waffen & Schießsport; Militärgeschichte und Politik & Kultur mit Schwerpunkt Osteuropa", ein Spektrum also, mit dem sich niemand lange beschäftigen kann, ohne grundsätzlich zu wehrden. Ist es soweit, stößt der Betreffende beinahe zwangsläufig zum Kern der Dinge vor, worauf ein verzweifeltes Ringen um eine korrekte Benennung dessen folgt, was sich aus der Anhäufung des Anscheins und der nachfolgenden Substraktion aller Tatsachen ergibt.

Über Jahrzehnte suchten Tausende weltweit nach einem entsprechenden Fachbegriff, ehe hier bei PPQ schließlich der Durchbruch durch den Gordischen Knoten der Namenlosgkeit gelang. Eine Pioniertat, die jetzt auch bei Backyard Safari gewürdigt wird: Unter der fabulösen Zeile "Magdeburger Polit-Platsch-Quatsch" berichtet das Blog aus der Bördemetropole über die alarmierende Entdeckung der sachsen-anhaltischen "Grünen", dass im Land der Frühauftseher "drei Schützenvereine über Schießstände verfügen, die in der Nähe von Schulen liegen". Dieser Umstand sei kreuzgefährlich, weil natürlich jederzeit einer der durchgeknallten "Waffennarren" (dpa) beschließen könne, auch mal einen Amok zu laufen. Schließlich reiche dazu aufgrund der naheliegenden Schulhäuser die kleine Sprintbefähigung.

Nach Ansicht der grünen Fraktionschefin Claudia Dalbert handelt es sich hier - gerade in den Zeiten der endlosen Krise - um eine der Überlebensfragen der Nation. Eine Ansicht, die der sozialdemokratische Kultusminister Dogerloh begeistert teilt. Auch wenn es keine akute Gefahrenlage gebe, gelte es, „in den Schulen jedes vermeidbare Risiko für Leib und Leben von vornherein auszuschließen". Bei einem der betroffenen Vereine werde beispielsweise ausschließlich, berichtet Backyard Safari, mit Luftgewehren auf zehn Meter entfernte Scheiben geschossen. Todesgefahr wie an der Rummelbude. Beängstigend. Zweifellos müssen Dalbert und Dogerloh hier noch einmal ran, um den Fachbegriff Politplatschquatsch mit noch mehr prallem Leben zu erfüllen: Ein Jahrmarktverbot für Vorschüler? Und was ist eigentlich aus dem zuletzt vor zwei Jahren so selbstbewusst verkündeten Verbot von Paintball-Spielen geworden?

Burials of the Beasts


Dictators Death Side auf einer größeren Karte anzeigen

"Einer trinkt Wasser, einer trinkt Wein", analysierte der große Volkssänger Kurt Demmler schon vor vielen Jahren - ohne wissen zu können, wie nahe er der Wahrheit damit eines Tages kommen würde. Auf der Weltkarte der toten Diktatoren nämlich sieht es genau so aus: Ein einziger Menschenschlächter nur schaffte es bis heute ins nasse Grab der Seemannsfriedhöfe, allen anderen es, sich in Mutter Erde vergraben zu lassen, als hätten sie nie ein Wässerchen getrübt.

Die von PPQ erstmals ausgearbeitete interaktive Google-Map Burials of the Beasts (oben) zeigt geografisch einige signifikante Auffälligkeiten, die allerdings zumeist aus dem Schaffen der Despoten, Machthaber und Revolutionsführer zu Lebzeiten herrühren. Obschon die Diktatorenkarte noch Prozesscharakter hat, weil derzeit unklar ist, wo Muammar Gaddafi endgültig verbleiben wird, deuten die vorliegenden Daten auf einen Zusammenhang zwischen diktatorischem Lebenswerk und Leben nach dem Tod. Zwar blieb es einigen der hier kartenmäßig erfassten Grauensgestalten verwehrt, in heimischer Erde bestattet zu werden. So musste Idi Amin nach Saudi-Arabien ausweichen, Stroessner fand letzte Ruhe in Brasilien und auch Bin Laden - der einzig Seebestattete - kehrte als Toter nicht an die Stätten seiner Jugend zurück.

Dennoch fällt auf, dass die Diktatorenverbeitung einem auf der Einfüllseite liegenden Trichter entspricht: Die nördlichsten Diktatoren der Neuzeit stammen aus Deutschland und Russland, nach Süden zu verbreitert sich die Basis, soweit das geografisch gleichmäßig möglich ist. Das aber unter kompletter Auslassung aller britisch geprägten Gebiete.

Der grobe Draufblick scheint dafür zu sprechen, dass britisches Erbe vor diktatorischen Versuchungen schützt. Tränen lügen nicht: Die großen Menschenschlächter fanden im Leben wie im Sterben dort die besten Bedingungen vor, wo die Queen nie etwas zu sagen hatte. Im zeitlichen Verlauf wird klar, dass die Menschheit, entgegen allem, was dagegen spricht, ihre diktatorische Phase langsam hinter sich lässt. Während es in den großen Tagen der Despoten zahlreiche Länder gab, die gleichzeitig von selbsternannten Egomanen regiert wurden, finden sich selbst unter den Herrschern der Welt kaum noch richtige rücksichtslose Massenmörder.

Schon gar keine, die es auf längere Amtszeiten bringen. Mit Gaddafi scheidet gerade einer letzten langgedienten Despoten aus, es bleiben nun nur noch Zwergenreiche wie Kuba und Nordkorea, die aber werden auch nur noch von Verwandten der letzten richtigen Verbrecher regiert. Der Trend ist nicht des Diktatoren Freund - es scheint, die Welt ist einfach zu komplex für Alleinherrscher, der Fortschritt zu flott für eine Rückkehr ins Reich der radikalen Revolutionsführer.

Verbot der Woche: Diktaturenvergleich
Sozialdemokraten auf Menschenschinderurlaub
Schlimm! Immer wieder dieser Hitler

Dienstag, 27. September 2011

Wer hat es gesagt?

Es gibt nichts Menschenverachtenderes als ein Leben in der Politik.

Hot Bird: Klassik-Wochen mit Vogelkochzeit

"Kann man denn hier auch gut essen?", lautet eine vielgestellte Frage von Besuchern im mecklenburgischen Städtchen Warin. "Nicht überall ist ja schon bekannt, dass unsere Stadt ganz besondere Gaumengenüsse bietet", sagt Reinhold Herger, Sohn eines ehemaligen DDR-Grenztruppenoffizier, der als deutscher Gründer der amerikanischen Feinschmeckerkette "Hot Bird" inzwischen auch mehrere Restaurants in Deutschland betreibt. Herger setzt dabei auf eine clevere Kombination von Provokation und Gaumengenuss: Pünktlich zur Veröffentlichung der neuen Aussterbezahlen von der Wildvogelfront etwa veranstaltete der 55-Jährige "Rote-Listen-Wochen" in seinen Lokalen, bei denen ausschließlich geschützte Arten auf den Tisch kamen.

Das sorgte für Protest, kurbelte aber auch den Absatz von Papagei im Federmantel und Ibis auf Salat an. Ab September legt Herger nun nach, diesmal ganz klassisch. Zum 230 Jahrestag der Erstveröffentlichung des Volksliedes "Vogelhochzeit" durch seinen Fast-Namensvetter Johann Gottfried Herder in dessen Liederbuch "Stimmen der Völker in Lieder" ruft Reinhold Herger im Früherbst erstmals zu einer "Vogelkochzeit". Passend zum Lied würden Amsel, Drossel, Fink und Star gebacken, gesotten und gebraten und mit exotischen Gewürzen abgeschmeckt, verspricht der im ostdeutschen Kalkbergwerksort Hüttenrode geborene Unternehmer, der nach einer abgebrochenen Ausbildung zum Hexentanzplatzführer während einer Weltreise bei südamerikanischen Indios zahllose Rezepte zur Zubereitung von frischgefangenen Singvögeln kennengelernt hatte.

Unter dem Motto "No Frying, No Fat. No Oil" eroberte seine Idee vom ersten Spezialrestaurant für Liebhaber von Leckerbissen wie saurer Sittich oder Drossel-Döner die Welt. Mit der "Vogelkochzeit" werde man nun versuchen, auch bisher skeptisch gebliebene Kunden zu überzeugen, so Herger, der von seinen Gerichten selbst nicht genug bekommen kann. "Egal ob Kakadu an Reibekäse oder einfach Spatz auf Brot", schwärmt er, "es wärmt mir immer noch das Herz."

Montag, 26. September 2011

Fremde Federn: Die Märchen denen, die sie erzählen

Er hat es wieder getan. Peer Steinbrück, der Mann, der der West LB einst als Aufsichtsrat die Türen zu den internationalen Finanzmärkten öffnete, gibt den leutseligen Krisenbewältiger, der das alles schon lange hat kommen sehen. Eine Primanerriege voller Leichtgewichte" sieht der einst als Ministerpräsident grandios gescheiterte Arbeiterführer derzeit auf den Regierungsbänken. Die Liebe des Volkes, das sich nicht daran erinnert, was Steinbrück in seinem Leben bereits alles vollbracht hat, treibt den kommenden Kanzlerkandidaten der Sozialdemokratie zu selbstbewusstem Eigenlob: "Offenbar haben die Bürger nach den Guttenbergs und Westerwelles Sehnsucht nach Verlässlichkeit, Geradlinigkeit, Seriosität und Erfahrung", kommentiert er die eigenen, seit der Abwesenheit von allen Entscheidungsfunktionen geradezu explodierten Beliebtheitsraten.

Beliebtheitsraten, gegen die Fakten nicht ankommen, selbst wenn sie so spannend und nachvollziehbar präsentiert werden wie bei den Bissigen Liberalen. Noch einmal geht es hier fern von Steinbrückschem Geschwätz um das große alte Märchen der Krisenliteratur: Dass an der Finanzkrise die ungeheure Deregulierung schuld gewesen sei, dass also nur mehr und mehr Staat helfen könne, das leben wieder schön und ruhig zu machen wie früher, als die Bundespost, die Bundesbahn und das Bundesalkoholmonopol noch Rundumversorgung auf höchstem Niveau garantierten.

Angelehnt an einen "Spiegel"-Beitrag, der einmal mehr Ronald Regaen und Margaret Thatcher für die Erfindung des Neoliberalismus und damit für die Schaffung der Voraussetzungen für den nahen Weltuntergang verantwortlich machen, führt Autor Rayson die Tatsachen an. Regierungen und nicht zuletzt auch Gewerkschaften waren es, die jede Schwäche der Wirtschaft mit der Forderung nach billigem Geld zu kurieren versuchten. Gegen Arbeitslosigkeit half immer mehr verschuldung, gegen Nachfrageschwäche half staatliche Nachfrage. Bill Clinton, ein Demokrat, der in Deutschland hohes Ansehen genießt, verfügte, dass Banken jedem Häuslebauer zu einem Kredit verhelfen müssen, auch wenn der Schuldner ihn nie wird zurückzahlen können. Der Sozialdemokrat Peer Steinbrück war es, der zuschaute, wie staatliche deutsche Landesbanken und sogar die staatliche Kreditanstalt für Wiederaufbau Zweckgesellschaften im Ausland unterhielten, um aus billigem Staatsgeld schnell Gewinne mit Spekulationen zu machen. Die sozialdemokratische Christdemokratin Angela Merkel schließlich schuf mit der "Abwrackprämie" das letzte imposante Monument für staatlich gestützte Konsumbelebung auf Kosten nachfolgender Generationen.

Weder Merkel noch Steinbrück erinnern sich daran, jetzt, wo der Wind der Wirklichkeit ihrem Traummodell von der mit Staatsgeld beliebig regelbaren Wirtschaft ins Gesicht weht. Auch der "Spiegel", dessen Mitarbeitern es seit Jahren verboten ist, das eigene Archiv zu benutzen, weiß nichts mehr von den Parolen, die die Helden von heute einst verkündeten.

Zum Glück vergisst das Internet nichts. Nicht einmal die allereinfachsten Fragen, die Rayson stellt, die Merkel und Steinbrück aber dank freundlicher Zurückhaltung der Qualitätsmedien nie werden beantworten müssen: "Wo kam das ganze Geld her? Von privaten Banken? Und wer sorgt für die niedrigen Zinsen, die es dann ermöglichen, über Kredite große "Hebel" anzubringen, ein "großes Rad zu drehen", wie man unter Spekulanten so sagt? Private Agenturen? Nicht ganz, aber Sie sind dicht dran. Kleiner Tipp: Schon mal den Namen Alan Greenspan gehört?

Der ganze Text steht hier

Gabriels Graswurzeleuropa

Zwei Jahrzehnte lang betrieben europäische Politiker europaäische Politik als Chefzimmerangelegenheit. Das Volk durfte mitmachen, nicht aber mitreden, seine Zukunft wurde ihm tafelfertig vorgesetzt. Eine Abstimmung über die Speisekarte habe sich erübrigt, hieß es, weil Politiker von Amts wegen besser wissen, was für alle Menschen gut ist, als alle Menschen selbst.

Hätte es seinerzeit Volksabstimmungen über die Lissabon-Verträge zur europäischen Integration gegeben, gäbe es heute kein Europa, oder doch jedenfalls keines, dass als "Epizentrum" (Jean-Claude Trichet) der größten Krise seit "den 20er Jahren" (Angela Merkel), der "Zweiten Weltkrieg" (Trichet) oder "dem Zweiten Weltkrieg" (Barack Obama) gehandelt wird.

Seinerzeit entschieden Politiker - und abgesehen von der FDP fanden das alle deutschen Parteien gut so. Warum denn den Pöbel fragen, was er essen möchte, wenn man auch selbst bestellen kann? Wenn es dann allen geschmeckt hat, muss man wenigstens mit niemandem den Applaus teilen.

Bekanntermaßen aber ging das Europa-Projekt der Nomenklatur-Europäer dann doch in die Hose. Und nun werden aus den größten Anhängern eines von oben geschaffenen E10-Einheitsstaates die glühendsten Anhänger eines Graswurzeleuropa im demokratischen Mäntelchen. Sigmar Gabriel etwa, bis heute amtierender Pop-Beauftragter der deutschen Sozialdemokratie, möchte das Volk nun mehr doch mitnehmen auf dem Weg vom Europa der Institutionen zum Europa der Bürger. Ds Kind liegt im Brunnen, die Politik hat es hineingeworfen. Nun, sagt Gabriel, "brauchen wir wieder die Zustimmung unserer Bürgerinnen und Bürger zu Europa."

Er sei, so der gescheiterte niedersächsische Ministerpräsident, jetzt "für Volksentscheide über die Zukunft Europas und des Euro". Gabriel, der schon 2002 festgestellt hatte, dass "wir in Deutschland und Europa einen neuen Aufbruch und neuen Fortschritt" brauchen, plädiert dafür, dass "in Zukunft" zumindest "über grundsätzliche Fragen der Europa-Politik das Volk direkt entscheiden" soll. Darunter würden dann auch die Zustimmung zum dauerhaften europäischen Rettungsschirm fallen.

Umfragen zufolge wünschten die Bürger ja "mehr Europa", auch wenn nie gefragt werde, was sie darunten verstünden, hat Gabriel gelesen. Sorgen mache den Menschen bloß das real existierende Europa. Deshalb komme es jetzt darauf an, "das europäische Projekt wieder zu erklären, sich Mühe zu geben und dafür zu werben", was Europa alles Gutes gebracht habe: Feinstaubzonen und Rauchverbote, Glühlampenverbote, Biospritbeimischung und den neuen Heimtierausweis, Regelungen zur zulässigen Gurkenkrümmung und gegen nigerianische Spamversender. Leider hätten die Menschen offenbar trotzdem gemerkt, dass es so wie bisher nicht weitergehe. "Wir", nimmt Gabriel sich und die "europäischen Eliten" (Gabriel) nun in die Pflicht, "müssen die EU gründlich reformieren". Anschließend sollten die Bürger darüber "abstimmen", ob ihnen das Ergebnis gefalle.

Gehe die Abstimmung gegen den gemeinsamen Vorschlag von Staats- und Parteiführung aus und werde etwa der europäische Rettungsschirm abgelehnt, bleibe immer noch das dänische Modell: Es werde dann einfach so oft noch einmal abgestimmt, bis die geleistete Überzeugungsarbeit sich in einem entsprechenden Ergebnis niederschlage.

Sonntag, 25. September 2011

Iron Sky: Die Russen kommen

Udo Kier bekennt sich, Julia Dietze sagte ja, die fragilen Finnen von Adamantium schrieben einen bewegenden Soundtrack und PPQ-Kommentäter Vril sieht sich plötzlich von einer ganzen Generation umringt, die von Reichsflugscheiben und freier Energie, von Helena Blavatsky und der Reichsarbeitsgemeinschaft „Das kommende Deutschland" reden. Schon lange vor der Wiederwahl des russischen Expräsidenten Putin als russischer Präsident hat die Geschichtsdoku "Iron Sky" Aufsehen erregt: Verspricht sie doch, die letzten Geheimnisse der Zukunft zu lüften. Darunter auch das, warum eine dritte Amtszeit für Putin des Teufels, eine für Merkel aber kein Grund für eine Diskussion ist.

Natürlich konnte die hierzulande traditionell starke Linke nicht schweigen, wenn die Rechte beginnt, ihr eigenes Hollywood in den karelischen Wäldern zu feiern. Während Oskar Lafontaine erste Forschungsergebnisse vorlegte, nach denen der Stalinismus eine typische Erscheinung spätbürgerlicher Demokratien ist, in denen sich Stalin meist im Gewand eines von unzähligen Landesbankern im Staatsdienst versteckt, gingen die Aktivisten von Antienergia energisch in die Offensive. Mit ihrem Kurzfilm "Rust Sky - Space Communists attack!" widerlegen sie die von Systempresse und finnischen Filmschwindlern über Youtube verbreiteten Lügen über angeblich auf den Mond geflohene Nazischergen und deren Pläne, die Erde in Bälde zurückerobern zu wollen.

In Wahrheit sind die Zusammenhänge nämlich etwas komplizierter: Nicht Hitlers Anhänger sind auf den Mond, sondern die des Genossen Stalin auf den Mars geflogen. Dort hat die Arbeiter- und Bauernmacht in den letzten 20 Jahren ein blühendes Reich des Glückes für alle Arbeiterkinder errichtet. Auf der Sonnenseite des roten Planeten fährt man seitdem Lada, Häuser sind symbolisch in Hammer- und Sicherform gebaut und fleißige Komsomolzen arbeiten hart an ultramodernen Hightech-Raketen.

Die stehen kurz vor dem Start zurück zu Erde, um den hier herrschenden Kapitalismus endgültig "auszumerzen" (Franz Müntefering). Die Verbannten dieser Erde kehren zurück, die Faust gereckt, den Rücken durchgestreckt. Völker, hört die Signale, singt es dazu.

Iron Sky: We come in peace
Nackte Nazi-Fiktion

Wer hat es gesagt?

“Es geht nicht darum, dass wir zu einem Überwachungsstaat werden, sondern lediglich darum, zu speichern, wer wann mit wem und wo telefoniert hat.”

Drohung mit der Realität

Damals in Moskau, als die Welt noch keine Probleme mit Eurorettung, Welthunger, Klimawandel und Globalisierung hatte, ließ Nikita Chruschtschow den britischen Botschafter in der Sowjetunion, Sir Frank Roberts, wissen, wie er die Sache mit der unter Umständen notwendigen nuklearen Vernichtung Großbritanniens sehe.

Chruschtschow selbst berichtete später während der Tagung des Politisch-Beratenden Ausschusses der Warschauer Vertrags-Staaten über diese Begegnung mit dem Briten, deren Inhalt in Großbritannien bereits große Medienaufregung hervorgerufen hatte. "Die westliche Presse hat ein großes Geschrei über mein Gespräch mit dem britischen Botschafter erhoben, hat so berichtet, als ob ich ihm gedroht hätte."

Das sei natürlich nicht so und nicht mal so gemeint gewesen, versicherte der Sowjetchef seinen Klassenbrüdern. "Ich werde Ihnen erzählen, worüber ich mit dem englischen Botschafter gesprochen habe", versprach er. Und erzählte: "Ich habe ihm folgendes gesagt: ‚Herr Botschafter, wie viele Atombomben muß man über Großbritannien abwerfen, um es unschädlich zu machen?' Er antwortet: ‚Sechs Bomben, so sagt man bei uns.'"

Da schmunzelte der Chef der Weltmacht. "Ich habe gehört", sagte er, "dass bei Ihnen in England über diese Frage gestritten wird. Die einen sagen sechs, das sind die Pessimisten, und Sie gehören zu ihnen; die anderen, die Optimisten, sagen nicht sechs, sondern neun Bomben. Ich werde Ihnen ein Geheimnis unseres Generalstabes preisgeben: Wir schätzen Großbritannien höher ein, und bei uns sind einige Dutzend Atombomben bereitgestellt, mit denen wir einen Schlag gegen Großbritannien führen und es tatsächlich unschädlich machen werden."

War das eine Drohung?, fragte Chruschtschow seine Genossen. Und antwortete gleich selbst: "Nein, das ist die Realität!"

Samstag, 24. September 2011

Es war nicht alles Brecht I


Jeden Abend geht die Sonne unter
ohne dass es einem missfällt.
Wehe aber, wehe, wehe nur einmal,
einmal nur ginge die Welt.

Nach dem Schlimm ist vor dem Schlimmer

EZB-Präsident Jean-Claude Trichet hat nach Angaben der Basler Zeitung die Gelegenheit genutzt, einmal mehr ein düsteres Bild der gegenwärtigen Krisengefahren in Europa und darüber hinaus zu entwerfen. Knapp sechs Wochen nach seiner Wiederholung seiner 18 Monate alten Warnung, dass sich die Menschheit in der größten Krise seit dem 2. Weltkrieg befinde, ließ der führende europäische Geldpolitiker jetzt wissen, dass "eine globale Krise der öffentlichen Finanzen unmittelbar bevor" stehe. Wie seinerzeit beim großen Weltenbrand sei Europa am stärksten betroffen: "Wir stehen vor einer globalen Krise der öffentlichen Finanzen, und wir sind das Epizentrum dieser Krise", sagte Trichet.

Die aktuelle Situation sei dabei noch prekärer als die nach dem Zusammenbruch der US-Investmentbank Lehman, allerdings offenbar doch nicht ganz so schlimm wie der 2. Weltkrieg selbst. An den Märkten sei inzwischen der Glaube verloren gegangen, dass Schlüssel-Länder nicht zahlungsunfähig werden können, mutmaßt Trichet, der seit Monaten mit Bundeskanzlerin Angela Merkel darüber streitet, wie schlimm die Krise nun wirklich ist. Merkel hielt sie bereits vor drei Jahren für die "schwerste Krise seit den 20er Jahren", seitdem ist viel Krisenmanagement betrieben worden, so dass die Krisenfolgen eingedämmt werden konnten.

Ursache der Entwicklung, so die treffende Analyse von Jean-Claude Trichet im letzten Sommer, seien letztlich aber die "derzeitigen Turbulenzen". Eine Lösung liege darin, dass „die Regierungen das tun, was wir als ihre Arbeit betrachten, und dass sie ihrer Verantwortung gerecht werden“. Dann dürfe man hoffen, dass nach schlimm vor noch schlimmer sei. Bis dahin aber seien leider die Superlative für die Beschreibung der Vorgänge ausgegangen.

Freitag, 23. September 2011

Elfmärchenschießen I: Mord mit kurzem O

So, sagte Hänsel. Er sprach es mit einem kleinen, kurzen O, wie es in oft vorkommt. Hänsel klatschte zufrieden in die Hände. Gretel, die neben ihm stand, lächelte, sagte aber nichts.

In ihrer Linken hielt sie einen eisernen Schürhaken, der leise hin- und herpendelte. Von seinem abgewinkelten Ende tropfte es, aber allmählich verringerte sich die Amplitude seiner Schwingungen.

Wie weiter, fragte Gretel leise. Hänsel zuckte mit den Schultern. Weiß ich auch nicht, sagte er.

Sie standen beide wortlos und betrachteten die feuchten Flecke auf dem Boden der Backstube.

So, sagte Hänsel schließlich entschlossen. Er trat zum Ofen und prüfte den Verschluss der Ofentür. Es war alles in Ordnung, sie war fest zu.

Ein feiner Geruch von verbranntem Fleisch hing im Raum. Man würde wohl später kurz das Fenster öffnen müssen.

Abriss-Exkursionen: In Führers Wunderfabrik

"Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen", sang Zarah Leander, aber danach sieht es nicht aus an dem Ort, an dem einst die Wunderwaffen entwickelt wurden, mit denen das Dritte Reich seine tausendjährige Zukunft herbeibomben wollte. Peenemünde ist ein Ort, an dem die Geschichte aus Ruinen atmet, ein Ort, der sich für sich selbst schämt. Während mit Millionen aus EU-Kassen das alte Kraftwerk, das einst Strom und Dampf dür die Raketenentwicklung lieferte, renoviert wird, verfallen die Mietskasernen am Weg dorthin. "Gehören nicht der Gemeinde", hat der Bürgermeister plakatieren lassen.

Die Hoffnung stirbt zuletzt, auch damals bei Reichspropagandaminister Goebbels. Auf dessen Anweisung wurden Gerüchte über die "Wunderwaffen" gestreut, die das Kriegsglück wenden würden. Zu diesem Zeitpunkt überschritt die Rote Armee schon die Grenze der Sowjetunion, der ehemalige Verbündete Rumänien erklärte Hitlerdeutschland den Krieg, anglo-amerikanische Truppen erreichten in Italien Florenz und nahmen in Belgien Brüssel.

In Peenemünde auf Usedom schraubte die Ingenieurelite des Reiches an Raketen vom Typ V 1 und V 2. Hitler hatte, nachdem er der Fernwaffe lange skeptisch gegenüberstand, schließlich doch befohlen, die Produktion zu forcieren. Ein Strohhalm, wie Generalmajor Dornberger, einer der engsten Mitarbeiter von Raketenvater Wernher von Braun, wusste. "Die militärische Lage war um die Mitte des Jahres 1943 längst nicht mehr so, daß man durch Verschießen von monatlich 800 mit je einer Tonne Sprengstoff geladenen V 2 auf eine Entfernung von 250 km einen Weltkrieg des damals erreichten Ausmaßes hätte beenden können."

Dennoch bekam SS-Sturmbannführer Braun für sein Raketenfertigungsprogramm die oberste Dringlichkeitsstufe der gesamten Wehrmacht. Ziel war es, täglich 1000 Abschüsse und später 5000 Abschüsse von V-2-Raketen gegen die britischen Inseln abwickeln zu können. Größenordnungen, die nie erreicht wurden. Auch, weil die Techniker auf Usedom in zahllose Richtungen forschten, um erst einmal die Grundlagen der Technik zu beherrschen. In einem Saal des Museums wird eine ganze Wand beherrscht von unterschiedlichsten Modellen und Konzepten für Flugkörper aller Art, ausgedacht und ausprobiert von Heer, Luftwaffe und Marine, immer konkurrierend. Neben dem Entwicklungswerk, auch "Werk Ost" genannt, in dem Wernher von Braun und seine Mitarbeiter Raketen konstruierten, gab es eine Erprobungsstelle der Luftwaffe (auch "Werk West") und ein Netz von Messstationen zur Beobachtung von Geräten im Flug, Bahnanlagen für den Güterverkehr sowie den Nordhafen. Zur Produktion der für die Raketen benötigten Mengen an flüssigem Sauerstoff wurde ein Sauerstoffwerk errichtet. Nach Fertigstellung aller Bauten waren in Peenemünde bis zu 15.000 Menschen beschäftigt. Untergebracht waren sie und die nach Kriegsbeginn vom Heer abkommandierten Techniker und Ingenieure in einem Barackenlager.

Die von Albert Speer betriebene Planung sah eine Stadt für 16 000 Einwohner vor, die für das künftige Personal der Rüstungsfabriken gedacht war. Das gesamte nördliche Drittel der Insel Usedom wurde zur Sperrzone erklärt. Doch als dann klar war, in welche Richtung die Arbeit gehen würde, bombardierte die britische Luftwaffe nach Hinweisen polnischer Partisanen das gesamte Gelände. Die Arbeit konnte zwar weitergehen, doch die Produktion kam nie auch nur in die Nähe der Planziele. Zum Kriegsende stellten sich die Köpfe des Raketenprogramms mit vorsorglich beiseite geschafften Konstruktionsunterlagen in den Dienst der Sieger. Braun, Debus, Dornberger und Rudolph entwickelten künftig Weltraumraketen für die Amerikaner. Die Sowjetunion ihrerseits nahm, was übrig war, taufte die bis dahin »Mittelwerk« genannte Produktionstätte der SS bei Nordhausen in »Zentralwerk« um und setzte mit zwangsrekrutierten deutschen Fachleuten die »V2«-Produktion fort. 1946 wurden die Anlagen demontiert und mit der Bedienungsmannschaft in die Sowjetunion verlagert, Peenemünde blieb auch in der DDR Sperrgebiet der Marine, zu besichtigen sind jetzt vor allem Ruinen, fürsorgliche Hinweistafeln und eine einzige zurückgelassene Rakete.

Mehr mitteldeutsche Abrissexkursionen:
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Donnerstag, 22. September 2011

Wer hat es gesagt?


Wenn Politker fordern, das Wachstum zu stoppen, dann rufen sie eigentlich zum Völkermord auf.

Die letzten Tage von Amerika reloaded

Der Kanadier Paul Erdman wollte nie mehr sein als ein Autor temposcharfer Finanz-Thriller. Dabei hätte es auch zum Wahrsager gereicht, wie sein 1982 veröffentlichter Roman "Die letzten Tage von Amerika" verrät. Erdman beschreibt hier eine Welt, wie sie sich aus seiner Sicht im weiteren Verlauf des Jahrzehnts entwickeln würde. Erdman, der 2007 starb, hat Recht behalten für die nächsten 30 Jahre.

Andererseits hatte sich die Welt während der ersten Hälfte der 80er Jahre erneut dramatisch verändert. Was früher ein völlig unannehmbares Risiko für eine Bank gewesen wäre, gehörte inzwischen zu den besseren verfügbaren Darlehen.

Es ging nämlich darum, die Petrodollars in Umlauf zu halten. Zu Beginn des Jahrzehnts, als das Öl 30 Dollar pro Barrel kostete und die Opec-Länder knapp unter 30 Millionen Barrel am Tag exportierten, hatten sie Jahr für Jahr ungefähr 300 Milliarden Dollar eingenommen. Davon hatten sie ungefähr 200 Milliarden ausgegeben, so dass 100 Milliarden übriggeblieben waren, die investiert werden wollten, egal wie.

Einen Teil davon steckten sie in Pfandbriefe und Obligationen der Regierungen von Amerika, England und der Bundesrepublik. Aber den größten Teil verliehen sie einfach an die größten Banken der Welt. Citibank, Chase Manhattan, Deutsche Bank, UBS und so weiter.

Diese Banken hatten ausnahmslos willige Abnehmer in der Dritten Welt: Brasilien, Chile, China, Indien - die Liste war endlos. Sie liehen ihnen praktisch jeden Cent, den sei von der Opec einnahmen, und trugen dabei das Risiko, das die Opec-Staaten selbst nicht tragen wollten.

Aber dann, 1982, geriet die Türkei an den Rand des Bankrotts, gefolgt von Bolivien und Zaire. 1983 waren Sambia und der Sudan an der reihe. 1984 gesellten sich Jamaika und Polen dazu.

Also begann sich der Fluss des Geldes in die Dritte Welt zu verlangsamen, weil das Risiko nicht mehr akzeptabel war.

Ganz anders sah es mit den Überschüssen der Opec-Staaten aus. Bis 1985 waren die Verkäufe der Opec auf 25 Millionen Barrel pro Tag zurückgegangen, der Preis hingegen war auf 60 Dollar pro Barrel gestiegen. Bei einem Einkommen, das inzwischen eine halbe Billion pro Jahr überschritt, war der jährliche Überschuss auf 140 Milliarden Dollar gestiegen, und die New Yorker Banken stürzten sich auf jedes, buchstäblich jedes Darlehen, das sie einem großen Industrieunternehmen der kapitalistischen Welt gewähren konnten, selbst wenn die Umstände zum Himmel stanken.

Denn, so wurde argumentiert, keine Regierung konnte es sich Mitte der 80er Jahre noch erlauben, eine große Firma Pleite gehen zu lassen. Wenn eine "strategische" Firma an den Rand des Abgrunds geriet, hatten Washington oder Bonn oder Tokio keine andere Möglichkeit, als die Bürgschaft für sie zu übernehmen, selbst wenn es gegen jegliche frühere wirtschaftliche Logik verstieß. Es ging nicht mehr um das Überleben der Starken, sondern um das schlichte Überleben an sich.

Denn was blieb anderes übrig? In vergangenen Zeiten, als Wachstum ein allgegenwärtiges Phänomen war, konnte man die Untauglichen sterben lassen, weil neue, innovative, lebensfähige Unternehmer ihren Platz übernehmen würden. Die Welt wurde ständig größer und besser.

Aber das war einmal. In den 80ern hatte es im wesentlichen nicht nur kein Wirtschaftswachstum mehr gegeben, 1985 war auch der Lebensstandard des Durchschnittsamerikaners nicht höher als zehn Jahre zuvor.

The end of the world as we know it

Das wird den Verkäufen noch einmal einen Schub geben, die Welt aber auch nicht mehr retten. Wie Michael Stipe, Mike Mills und Peter Buck gerade bekanntgegeben haben, ziehen die drei verbliebenen REM-Mitglieder die Konsequenzen aus zunehmender Ideenarmut und unüberhörbaren Selbstplagiaten. Man habe beschlossen, die Band aufzulösen, heißt es auf der REM-Webseite. Bassist Mike Mills gibt der Arbeit an einem Greatest-Hits-Album die Schuld: Es habe sich angefühlt, als zögen diese Songs einen logischen Strich unter die letzten 31 Jahre.

Die Frage "was nun", die das Trio sich deutlich hörbar während der Produktion der letzten vier oder sechs Alben gestellt hatte, musste dann nicht mehr beantwortet werden. Wie immer in solchen Fällen bleibe man Freunde, Brüder gar. Die Soloalben demnächst. Die Comebacktour dann später.

Auf dem roten Schlichtungsteppich

Wer stellt denn fest, was der "Konsens" ist? Es sind immer kleine Zirkel und Einzelpersonen, die sich die Deutungshoheit über die angeblichen Mehrheiten anmaßen. Eine Handvoll Parteileute, ein paar Popstars und Schauspieler, einige "Aktivisten" und Verbandssprecher besetzen die Mikrofone - und werden ganz vorne in die Nachrichten gehievt. Die eine oder andere Umfrage passt ins Bild, und schon ist eine Mehrheit fabriziert. Es ist diese Resonanzschleife, die das Konsens-Gespinst erst mächtig macht - mehrere Seiten spielen sich ja den Ball zu. Dazu kommt eine Art moralischer Anfangsvorschuss, den die Protestbewegten in unserem Land genießen. Auch wenn ihr Anliegen fragwürdig ist, so wird ihnen doch ein besonderes Engagement zugebilligt. Sie gelten als die Bemühten, als die Aufrechten, als die Besser-Bürger.

Für lautstarke Minderheiten wird der rote Schlichtungsteppich ausgerollt, die meist schweigende Mehrheit spielt überhaupt keine Rolle. Und wenn sie, wie jetzt in Stuttgart, mal über ihren eigenen Schatten springt und große Pro-Demonstrationen organisiert, dann werden diese Menschen offensichtlich als Demonstranten zweiter Klasse aufgefasst. Egal, ob es um Stuttgart 21, die Gentechnik, die Atomenergie geht, es gilt für alle Zukunftsprojekte: Nur wer lautstark dagegen ist, gilt als kritischer und unabhängiger Geist – und somit als satisfaktionsfähig. Für eine Sache zu sein ist in diesem Weltbild den Duckmäusern und Jasagern vorbehalten oder gar gekauften Vasallen des Großkapitals.

Die Waffen sind ungleich verteilt. "Troy Davis hingerichtet - trotz weltweiter Proteste", dichtet die Nachrichtenagentur AFP, als gebe es irgendwo eine geheime Regel, nach dem "weltweite Proteste" automatisch dazu führen, dass Gerichtsurteile aufgehoben werden. Die Sachlage hier ist aus Kinofilmen bekannt: Das Gute sitzt auf dem Todesstuhl, das Böse auf dem Richtersessel, Widerstand ist nötig, Protest moralisch.

Nur wenn der Papst im Bundestag spricht, wabert Unklarheit über die moralisch höherstehende Position durch die Redaktionssäle. Sind die Proteste oder die Proteste gegen die Proteste das Gute? Was muss verdammt, was muss verteidigt werden? Wo doch das eine so egal ist wie das andere?

Bloß nicht an die richtigen Fragen denken, bloß nicht bei komplizierten Sachverhalten einmischen. Neuer nach Bayern? Bitte, Schalke21 erhebt die Stimme. Aber Rettungsschirme, erweiterte EU-Fazilitäten, Mitbestimmungsrechte des Bundestages? Selbst die lautstarke Minderheit schweigt plötzlich eifrig mit der Masse, wenigstens im medialen Abbild der Welt. Die Kuh Yvonne bekam im "Spiegel" neunmal so viel Platz wie die 250 Milliarden teuren Pläne zur erneuten Erweiterung des Euro-Rettungsschirmes. Proteste hat es deshalb nicht gegegeben.

Mittwoch, 21. September 2011

Knapp daneben ist auch dabei

Sie hat diese Kate Bush-Stimme, aber ohne das Grelle. Und manchmal klingt sie auch wie Stevie Nicks, nur langsamer. Sophia Knapp kommt aus San Francisco und ist eigentlich Covergestalterin. Weil sie aber auch Piano studiert hat, kam es, wie es kommen musste: Die Wasserstoffblondine, die "fasziniert ist vom Kompositionsprozess, egal, mit welchem Material", machtMusik.

"Nothing to Lose" heißt der größte Gegenhit auf ihrem Album, das aus gedämpftem Klaviergebimmel und geflüstertem Gesang eine Art Blondie 2.0 destilliert. Nein, kein Rhythmus, kein Beat, nur ein bisschen Rauschen im Hintergrund. Vorn schwenkt Knapp die Monroe-Locken und wie einst Liz Phair mit ihrem barbusigen Auftritt in "Exile in Guyville", scheut sie sich auch nicht, im Original-Video Fleisch zu zeigen für die gute Sache. Besser sieht sie allerdings allemal hochgeknöpft aus, im Damensitz auf einem Bühnenstühlchen, die E-Gitarre linkisch auf den Oberschenkeln, eine Schleife im Haar und den Blick in eine unsichtbare Ferne gerichtet. Knapp daneben ist auch dabei.

Fussballfest mit Profirest

Es war dann doch das erwartet leichte Spiel. Der Hamburger SV, vom gastgebenden Halleschen FC vor mehr als einem halben Jahr als Spielpartner für die große Einweihung des umgebauten Kurt-Wabbel-Stadions eingeladen, hilet, was er versprach: Die Norddeutschen, derzeit Tabellenletzter und seit dem Tag vor dem Spiel in Halle auch noch ohne Trainer, ersparten sich die Mühe, ihre Profimannschaft nach Halle zu schicken. Dafür reicht auch, was sonst noch so an Fußballern in Hamburg herumläuft, dachten sich die Verantwortlichen des Bundesliga-Dinosauriers. Und verzichteten darauf, für das echte Geld aus Halle die echten Stars von der Elbe mitzubringen.

Ein Stückchen Sympathiewerbung, das hervorragend ankam. Statt sich darüber aufzuregen, dass der Einlass ins neue hallesche Heiligtum zumindest für die Fans mit gekauften Karten viel zu langsam vonstatten ging, zog das unsportliche Verhalten der Gäste alle Diskussionen auf sich.

Die aber hatten eigentlich sogar alles richtig gemacht, wie der Spielverlauf zeigte. Nach einem vorsichtigen Beginn gelang es dem Ersatz-HSV in der 36. Minute durch Sören Bertram in Führung zu gehen. Nach einem von Anton Müller getretenen Eckball schaffte Steven Rupprecht mit dem Pausenpfiff den Ausgleich.

Das Schlimmste aber folgt dann. Denn der Ersatz-HSV, angetreten mit Spielern aus dem Kader, der direkter Regionalliga-Gegner des HFC ist, hatte keinerlei Mühe, das Spiel in der zweiten Halbzeit deutlich zu dominieren. Und Tore fast nach Belieben zu machen. Erst trifft Markus Berg zum 1:2, nur sechs Minuten später erzielt Nagy das 1:3. Der Gastgeber dagegen zeigt ein weiteres Mal, warum er die Regionalliga-Spitzenmannschaften mit den wenigstens erzielten Treffern ist: Chancen gibt es, Tore nicht. Nicht so der HSV: Nachdem Stammtorwart Darko Horvat, der bei keinem Gegentreffer eine Chance hatte, ausgewechselt ist, bekommt auch noch Ersatzmann Jürgen Rittenauer von Bertram einen direkten Freistoß eingeschenkt.

So macht man sich Freunde. Zumal auf den neuen Tribünen die Zahl von 30.000 Euro die Runde macht, die der HFC für das Gastspiel nach Hamburg überwiesen habe. Die Prominentenriege auf der Haupttribüne, wie immer bei solchen Gelegenheiten zu Hundertschaften von wichtigsten Funktionsträgern aufgebläht, gibt sich Mühe, die peinliche Panne herunterzuspielen. Man werde nachverhandeln, verspricht Präsident Michael Schädlich, im übrigen gehe es hier aber gar nicht um Fußball, sondern um ein Fußballstadion. Der Hamburger Ersatztrainer versichert, man habe sich wirklich mit Spielern aus der Profimannschaft verstärkt.

Zum Abschluss folgt das in Halle bei allen Gelegenheiten unerlässliche Feuerwerk. Am Wochenende wartet der HSV, diesmal in Hamburg, diesmal zum Punktspiel. Dann geht es nicht um Politik, sondern um Fußball.

Archiv<: Party mit Brachialpopulisten
Medizinisches Wunder: Der Mann mit den drei Fanherzen

Dienstag, 20. September 2011

Mehr wird immer weniger

Es hätte Europa Warnung genug sein müssen, das Wahldebakel der FDP in Berlin. 1,8 Prozent der Deutschen nur, so analysierte der "Spiegel", sind gegen erweiterte und dynamisch weiter wachsende Rettungsschirme zur Sicherung des Euro vor dem Einfluss von "Spekulanten" (Franz Müntefering). Die FDP sei "mit ihrem Anti-Euro-Wahlkampf light gescheitert", befand Spiegel-Autor Severin Weiland, deshalb attackiere Parteichef Rösler jetzt "die Euro-Skeptiker um den Bundestagsabgeordneten Frank Schäffler, der einen Mitgliederentscheid gegen den permanenten Euro-Rettungsschirm ESM anstrebt".

Denn die Berliner Volksabstimmung zur Gemeinschaftswährung zeigt deutlich: Die ganz große Mehrheit der Deutschen will den Euro ganz, will Europa mit allen seinen Gliedern, egal, was es kostet und wer bezahlt. Ein hoffnungsfrohes Zeichen für die Europäische Zentralbank, die inzwischen der größte Gläubiger der Schulden der Griechen ist. Nein, wenn alles so kommt, wie die Volksmassen es wollen, wird die Bank, die sich im Besitz der Volksmassen befindet, keine Abschreibungen auf ihre griechischen Anleihen vornehmen müssen. Das erspart den europäischen Staaten neue Schulden, die gemacht werden müssten, um die EZB zu rekapitalisieren. Und ist also gut für Europa.

Wie nach Ansicht von Sigmar Gabriel, einem der kommenden Bundeskanzler der SPD, auch ein hoher Euro-Kurs gut für Europa ist. Sinke der Euro zu tief, gab der immer noch amtierende Popbeauftragte der deutschen Sozialdemokratie jüngst zum Besten, dann bekomme der Export-Europameister Deutschland Probleme. Zu viele Länder könnten sich dann die billigen deutschen Waren leisten, womöglich kämen die Produzenten gar nicht nach.

Was aber ist eigentlich ein "tiefer" Euro? Justament knapp nach der neuerlichen Euro-Rettung durch das Bekenntnis der Berliner zum Völkerbund schießt die US-Ratingagentur S&P quer: In einem Coup, der mit keiner europäischen Regierung abgesprochen war, stuften die selbstherrlichen "Herren der Märkte" (dpa) die Bonität Italiens ab. Ziel ist es offenbar, Europa weiter in die Bedrängnis zu bringen. Hier war bisher versäumt worden, eine eigene Ratingagentur zu gründen, in der ehemalige Parteifreunde der Regierenden wertfreie und wirklich solide Urteile über die Qualität einzelner Staatsschuldner abgeben.

Ein Affront, der sich direkt gegen Sigmar Gabriel, aber auch gegen das erst vor 18 Monaten geschnürte Euro-Rettungspaket von Angela Merkel richtet. Damals war es der ehemaligen Klimakanzlerin Angela Merken in Zusammenarbeit mit ihrem französischen Kollegen Nicolas Sarkozy gelungen, den Euro in "Stunden hektischer Krisendiplomatie" (FAZ) zu retten und seinen Kurs kurzzeitig von 1,26 auf 1,31 zu katapultieren. Das ist weniger als die 1,36 Dollar gewesen, die er derzeit kostet. Wobei er damals als "gestärkt" bezeichnet wurde, im Augenblick aber als "schwach" gilt.

Die Ohnmacht des Allmächtigen


Gott sieht alles.
Gott hört alles.
Gott weiß alles.
Nur machen kann er nichts.

Montag, 19. September 2011

Doku Deutschland: Landschaftskameramann bei 3sat

Stehen Sie doch mal da, in Ellmau-Going am Wilden Kaiser, bei 3 Grad und 100 Prozent Luftfeuchtigkeit! Morgens um sieben! Kein Mensch ist da weit und breit, nur Sie und die Natur. Da kommt es schon darauf an, dass Sie ihren Job aus eigenem Antrieb gut machen. Wir wissen alle, dass keine Sau zuschaut, wenn wir diese langen, ruhigen Kamerafahrten über die Gipfel machen. Außer uns sind zu dieser frühen Stunde meist nur die Musikanten munter, die die Aufnahmen mit ihren Songs begleiten. Kennen Sie doch, tufftätterä, tuffterterää. Ich kann das alles singen.

Aber als Kollegen sind die nett. Die verstehen auch unsere Zwänge, unsere Begrenzungen. Ich bin doch seinerzeit Kameramann geworden, weil ich nach Hollywood wollte. Wollen wir ja alle. Das war aber noch in der DDR, da konnte man wählen zwischen Defa und DDR-Fernsehen. Und Kombinatsfilmstelle, da gab es mehr Geld.

Ich bin jedenfalls beim Fernsehen gelandet, Thüringer Regionalwelle. Ein ganz schön guter Job für die Verhältnisse. Man kam rum und kannte alle, die was besorgen konnten. Verdienst war auch nicht schlecht, Arbeitszeit ging so. Was wollte man mehr. Wir kannten es doch nicht anders.

Über die erste Zeit, wo dann alles aufgelöst und umstrukturiert wurde, bin ich als fester Freier gekommen. So hieß das, wenn sie einen nicht mehr bezahlen wollen, aber gern noch hätten, dass man voll arbeitet. War kein Problem, denn die Honorare, ja, was soll ich sagen. Das war schon in Ordnung. Nebenbei kannte man ja immer noch diesen und jenen und da fiel immer mal ein Imagefilm ab.

Nur zufrieden war man nicht, wenn ich jetzt mal von mir rede. das war doch nicht das, weswegen man als Kind beschlossen hatte, diesen Beruf zu wählen! Ich war für zwei Jahre in Amerika, aber ich kann Ihnen sagen, das ist auch kein Zuckerlecken da. Wenn Du keinen kennst und kein Englisch sprichst, da gucken die dich nicht mit dem sprichwörtlichen Arsch an, unter uns gesagt.

Bin ich also zurück. Das Haus in Leinefelde hatte ich ja noch, das habe ich auch über die Scheidung gerettet, weil meine Frau, also meine ex, einfach wegwollte aus dem kleinen Nest. Sie fand das beengend.Wenn Du dagegen aus Hollywood kommst wie ich, dann findest du das auch schon gut, ein bisschen, also wenigstens.

Das mit 3Sat war dann so eine Anfrage, die kam weiß ich gar nicht mehr, ein ehemaliger Kollege? Glaube ich. Einer,d er da Karriere gemacht hat, die gab es ja auch. Berge filmen. Nun gut, das ist nie mein Lebenstraum gewesen. es ist auch, aber das wusste ich damals natürlich noch nicht, recht anstrengend. Wir stehen ja da mit unseren 25 Kilogramm Kamera samt Akupack und Anorak in der Kälte, und manchmal ist es wirklich sehr kalt. Ja, und dann filmen wir live, wie die Kollegen, die die Champions League machen - draufhalten und schon ist es auf dem Sender.

Ich weiß, es guckt keiner zu, das würdigt auch niemand, wenn man mal so eine richtig klassische Sequenz gezogen hat. Gegen die Sonne, Blende langsam weg, Schärfe rum, Berg runter, durch den Neben auf die kahle Schanze. Sind allenfalls Kollegen, die dann mal kommen und die Schulter klopfen. Wir wechseln uns ja auch ab, damit es nicht gar so langweilig wird. einen Tag macht man die Lienzer Dolomiten oder Heiligenblut am Großglockner, dann Maria Alm oder den Wilden Kaiser. Ich bin überall gern, denn immerhin kann ich in dem Beruf arbeiten, den ich mal gelernt habe. Wie sich das genau nennt, was ich mache, weiß ich allerdings auch nicht. Wir laufen bei 3Sat schon seit Jahren unter "Webcam". Ist ein Witz, ehrlich. Wenn Sie sich unsere Arbeit anschauen, wirklich mal konzentriert anschauen: Eine Maschine könnte das gar nicht.

Doku Deutschland: In der Behörde zur Planung der formierten Gesellschaft

Mit Gott in den Knast

Da ist ein Beben in der Macht, auch wenn die führendsten Qualitätsmedien deutschlandeit so tun, als spürten sie es nicht. Doch die Tatsachen sprechen eine deutliche Sprache: In "The New Kriminologie" führen Max D. Schlapp und Edward E. Smith aus, dass das Verhältnis von Verurteilten ohne religiösen Glauben zu denen mit etwa eins zu zehn in amerikanischen Gefängnissen beträgt. Menschen, die an Gott glauben, landen danach etwa zehnmal häufiger hinter Gittern als Atheisten und Agnostiker.

Ein Ergebnis, das auch W. T. Root, Professor für Psychologie an der Univiversität von Pittsburgh, in Untersuchungen bestätigen konnte. Nach einer Auswertung der Daten von 1.916 Gefangenen kommt er zum Schluss, dass "Gleichgültigkeit gegenüber Religion offenbar den Charakter stärkt". Der Anteil von Unitariern, Agnostikern, Atheisten und Freidenkern an der Gesamtzahl der Gefangenen sei signifikant niedrig: So zählte Root in Sing Sing über zehn Jahre unter allen wegen Mordes Hingerichteten 65 Prozent Katholiken, 26 Prozent Protestanten, sechs Prozent gläubige Juden, aber nur weniger als ein Prozent Atheisten. Ein länderübergreifendes Phänomen, wie Untersuchungen aus Kanada bestätigen. Hier waren unter 2.000 Gefängnissinsassen 1.294 Katholiken, 435 Anglikaner, 241 Methodisten, 135 Baptisten, aber nur ein Häftling ohne religiöses Bekenntnis.

Kriminalität sei "die Nachkommenschaft von Aberglauben und Unwissenheit", sagt einer der Wissenschaftler. Michigan etwa zählt 82.000 Baptisten und 83.000 Juden in seiner Bevölkerung. In den Gefängnissen aber gebe es 22 mal so viele Baptisten wie Juden. Auch unter 31.000 Häftlingen der Elmira Besserungsanstalt waren 15.694 Katholiken und 10.968 Protestanten, aber nur 4.000 Juden und sogar nicht ein einziger Atheist.

Die Bevölkerungszahlen erklären eine solche Verteilung nicht. In den USA leben rund 15 Prozent Katholiken, die Hälfte davon sind Frauen. In den Gefängnissen aber stellen diese sechs Prozent Katholiken durchschnittlich 50 Prozent der Insassen: Der katholische Glaube entpuppt sich als gefährliche Voraussetzung für eine kriminelle Karriere.

Sonntag, 18. September 2011

Wer hat es gesagt?


Schick jeden mit den gleichen Chancen los - am Ende stehen trotzdem einige mit mehr da und wollen es beschützen und einige stehen mit weniger da und fordern Gerechtigkeit.

Heiß und immer heißer

Das waren noch Zeiten, als der Klimawandel in den Kinderschuhen steckte. 35 Jahre her, immer wurde es seitdem nur heißer und heißen und heißer. Damals beschrieb der stets um äußerste Sachlichkeit bemühte "Spiegel" einen normalen Sommer noch so: "Darbende Natur, schwitzende Bürger: Europa hatte den heißesten Sommer seit Menschengedenken. Straßendecken platzten, Börsenkurse sanken, Walen im Zoo drohte Sonnenbrand. Während Stadtbewohner Stress befiel, bahnten sich auf dem Land Milliardenschäden an. Und nicht nur der Schirmherstellerverband flehte um Regen."

Heute hätte er ihn. Ende August, 18 Grad. Regen. Die Erderwärmung damals, als es sie noch nicht einmal als Vokabel gab, hatte schon anderes Kaliber. Schon "die letzte Juni-Woche findet schon nicht mal mehr im Hundertjährigen Kalender ihresgleichen", lobt der "Spiegel" die historische Dimension. Eine ganze Woche mit örtlich Tagestemperaturen von jeweils über 30 Grad - "das notierte man, zumindest im Juni, hierzulande noch nie". Und dass Juni-Dürre die Niederschlagsmenge des ersten Halbjahres unter 110 Millimeter drückte, wie in Berlin verbucht, das hab es sogar seit 1851 nicht mehr gegeben.

Deutschland auf dem Höhepunkt der 70er Jahre. Hitzetage ohne Beispiel: Im Ruhrgebiet fuhren winterliche Streukolonnen, um aufgematschten Asphalt mit Sand griffig zu halten. An der Saar schwärmten Inspektoren aus, um entlang den Flüssen zu verhindern, daß unter trockenheitsgeschädigten Bauern "der Höhergelegene dem Tiefergelegenen was wegnimmt" (ein Ministeriumssprecher). Die Apokalypse ist, damals schon, nah wie nie. "Fahrzeugschlangen stauten sich kilometerweit, weil in Nord wie Sud auf Autobahnen die Betondecken bei Temperaturen über 70 Grad aufrissen; Züge fuhren mit Tempolimit, zwischen Köln und Koblenz galten 50 km/h, weil durch Hitzeglut "Gleisverdrückungen" (Bundesbahnjargon) entstanden."

Da frohlockte der Reporter aus Hamburg noch, der nicht wusste, dass es die kommenden Jahrzehnte von Monaten nur wimmeln würde, die immerzu zu heiß und noch heißer werden. Dabei bot sich schon 76 "Medizinern und Agrariern eine katastrophale Lage". Hitzeopfer rund um die Uhr, draußen darbten Ernte und Vieh, "wuchsen Schäden der Landwirtschaft: in Hessen und Rheinland-Pfalz beispielsweise schon in Milliardenhöhe". Wenigstens waren das damals noch Milliarden Mark, also nur halb soviel wie heute, wo es die Ernte eher verhagelt als dass sie auf dem Halm verbrennt.

Hitze-Notstand machte allerorten findig. In Duisburg schützte ein Zeltdach seltene Weißwale vor Sonnenbrand, "eine Anzeige wegen Umweltverschmutzung dagegen bekam in Frankfurt ein Luxuswagen-Fahrer, der den Motor seines 5,4-I-Diplomat laufen ließ, um die Klimaanlage in Gang zu halten". Nach einer Umfrage fanden 79 Prozent der Deutschen die heiße Woche "unerträglich". "Nationales Unglück" konstatiert "L'Express" dagegen für Frankreich, die Schweiz sah sich gar "mit jedem Tag, der vergeht, der Katastrophe einen Schritt näher". In Belgien starben mindestens zehn Menschen, als ein Zug entgleiste. Wahrscheinliche Unfallursache: Gleisschaden durch Hitze.

Wie es ist, ist es immer am schrecklichsten, das weiß, wer ständig "Spiegel" liest. In der heißen Bundesrepublik, in der damals 38 Grad im Schatten gemessen wurden, jammerten nicht nur ein Vertreter des Verbandes der Deutschen Schirmindustrie "Wann kommt endlich wieder Regen?"

Falls der Mann noch lebt, weiß er es inzwischen.

Alarm beim DWD: Statistik erneut viel zu warm

Samstag, 17. September 2011

Alles auf Abschied

Das Ende fängt so an, wie der Anfang begann. 13 Monate nach dem Debüt im Halle-Neustädter Ausweichstadion spielt der Hallesche FC gegen den SV Meppen seine Abschiedsvorstellung Vorstadtexil - und eine halbe Stunde lang quält sich das Spiel gegen den Aufsteiger mühsam durch den Spätsommertag. Der HFC,bei dem Butzmann erstmal sin diesem Jahr für Patrick Mouyaya ran darf, ist überlegen, bis auf einen Beinahe-Treffer von Preuß und einige Ecken von Anton Müller aber kommt nichts heraus.

So war es hier meist, Magerkost in der Armenküche, Fußball auf der Notruffrequenz. Das Jahr in der Vorstadt, eingesperrt in eine mit stolzen sechs Rettungsmillionen ausgebaute Spielstätte, die weder Atmosphäre hatte noch Achtung vor ihren Besuchern bewies, hat den Verein zurückgeworfen. Es kamen weniger Zuschauer, es gelangen weniger Siege, die Tabellenspitze war in der zurückliegenden Saison so schnell so weit weg wie nie in den Jahren zuvor.

Nun stehen die Zeichen auf Abschied und alles atmet auf. Drei Tage wird es noch dauern bis zur großen Premiere im nunmehr "Erdgas-Sportpark" genannten ehemaligen Kurt-Wabbel-Stadion, das unter der Bezeichnung "Modernisierung" neuaufgebaut wurde. Und es scheint, als seien die Gedanken der Spieler wie der 2000 Fans wie der Verantwortlichen schon ganz beim "Beginn der neuen Ära" (Präsident Schädlich), die den seit zwei Jahrzehnten vom sportlichen Glück nicht eben verfolgten Verein endlich wieder zurück in den richtigen bezahlten Fußball führen soll: Auf der Vereinshomepage wird das Spiel gegen Meppen schon gar nicht mehr angekündigt.

So muss es wieder Marco Hartmann richten, dessen persönliches Schicksal das seines Vereines ein bisschen spiegelt: Jahrelang von Verletzungspech verfolgt, gelang es dem großgewachsenen Blondschopf in der vergangenen Saison, die Stelle des durch eine schwere Verletzung ausgefallenen Steve Finke nicht nur auszufüllen, sondern seinen Vorgänger vergessen zu machen. Hartmann ist inzwischen der Chef auf dem Platz, überall zu finden, defensiv kaum zu überwinden - und neuerdings auch so torgefährlich, dass es ihm selbst unheimlich zu werden scheint. Auch heute wieder: Es ist Ecke Nummer 7 oder 8, Müller schlägt sie rein, Hartmann ist da und es steht, unerwartet, aber nicht unverdient, eins zu null für den Gastgeber.

Tagesaufgabe gelöst, Tabellenführung zurückerobert. Schiedsrichter Norbert Gieser könnten eigentlich abpfeifen. Zumindest Andis Shala, der als Traumstürmer von Trainer Sven Köhler geholte Ex-Schotte, darf nach 67 Minuten gehen. Für ihn kommt Dennis Wegner, aber neuer Zug kommt mit ihm erstmal auch nicht. Bis zur 70. Minute, als Toni Lindenhahn sich links durchsetzt und Wegner seine Eingabe ins Netz lenkt.

Nun darf Jan Benes auch noch mal, der Tscheche, der seinen Stammplatz in der Abwehr verloren hat, aber immer wieder Lob von Trainer Köhler für seine Trainingsleistungen bekommt. Kapitän Nico Kanitz geht, Benes kommt, bei Meppen geht Robben mit Gelbrot.

Aber auch mit einem Mann weniger wird es nicht besser bei Meppen. Beide Mannschaften quälen sich durch ihr Pensum, Wagefeld vergibt noch eine hundertprozentige Chance, der 20-jährige Butzmann, im Unterschied zu Mouyaya offensiv kein Ausfall, setzt einen Kopfball übers Tor. Aber die Luft, die hier nie drin war, ist raus, ein Kapitel sehnt sich danach, endlich beendet zu werden. Und wirklich, das Finale ist wie aus dem Märchen: Wieder ist es Nachwuchsmann Dennis Wegner, der trifft, als habe er nie etwas anderes getan als in der 1. Mannschaft auf Torejagd zu gehen. Jetzt fällt der Vorhang. Nächste Vorstellung am Dienstag, beim Eröffnungsspiel gegen den Hamburger SV. Auch ein schlagbarer Gegner.

Der größte Moment des alten Stadions war natürlich Kurt Wabbels Ausflug nach Hollywood:

Ersteigern Sie den Stellvertreter!

Die Ersten werden die Reichsten sein, wenn Papst Benedikt zurück in seine alte Heimat kommt, um mit den verbliebenen Resten der religiös nicht aufgeklärten Bevölkerung allerlei okkulte Feiern zu veranstalten. Selig sind, die da geistig arm sind, denn sie werden Gottes Kinder heißen, verprach schon die Heilige Schrift, selig können aber nun endlich auch die werden, die finanziell gesehen nicht so ganz arm sind: Für die Abschlussparty seiner viertägigen Deutschlandreise am 25. September in Freiburg versteigert der Stellvertreter Gottes auf Erden jetzt zwei Plätze mit bester Sicht auf die Bühne!

Statt sich mit mehr als 77.000 anderen Christen in einer völlig überfüllten Heiligen Messe zu drängeln, können die Gewinner der Papstauktion beim "eindrucksvollen Schlusspunkt des Papstbesuchs in Deutschland ganz nah dabei sein", verspricht das Portal UnitedCharity, das auch Dates mit echten Prominenten wie Daniela Katzenberger, Christian Rach und Christo&Jeanne Claude im Angebot hat. Beim Gottesdienst mit dem Oberhaupt der katholischen Kirche, der auf einem Flugplatzareal stattfindet, sind für die Auserwählten zwei Plätze in Reihe vier reserviert – der bestmöglichen Reihe hinter den ersten drei Reihen, die mit politischen Potentaten, Wirtschaftsführern und religiösen Funktionären gefüllt werden.


Nach dem gemeinsamen Gebet sind die Auktionsgewinner dann auch noch exklusiver Gast bei einem Empfang des Papstes, der die Glücklichen segnen wird. Gegen eine zusätzliche Gebühr, die vor Ort entrichtet werden muss, können sie sich auch mit dem Papst fotografieren und für eine Heiligsprechung vormerken lassen.

Freitag, 16. September 2011

Mehr Staat für alle Fälle

Der Aufschrei als Dauerton, das Lamento über abweichende Meinungen in der Wiederaufführung mit einem neuen FDP-Vorsitzenden. Erst nörgelt die vor dem Untergang stehenden liberale Partei wider alle Anweisungen der ehemaligen Klimakanzlerin am Vollzug der Euro-Rettung herum. Und nun ficht sie auch noch das Ergebnis des Mülheimer Drachenboot-Rennens an.

Ja, sind die denn alle irre geworden, fragt Mark Schieritz vom Rettungsfachblatt "Zeit", das noch im August sicher war, selbst nicht zu wissen, wie der Euro nun gerettet werden soll.

Seitdem ist Wissen über die Redaktion gekommen, das Schieritz, der gerade erst eine Lobeshymne auf die beinahe durchweg staatlichedeutsche Bankenlandschaft angestimmt hatte, nun mit dem Leser teilt. "Wer die Pleite Griechenlands heraufbeschwört, übersieht: Sie hätte eine gigantische Wohlstandsvernichtung zur Folge – auch in Deutschland", ruft der Experte, der dem US-Finanzminister Tim Geithner vor zwei Jahren schon ein "So nicht" zu dessen Bankenrettungsplan entgegenschmetterte. Okay, Geithner hat dann nicht gehört und auch in Schieritz´ Kritik wollte irgendwann keiner mehr einstimmen.

Aber zum Glück gibt es ja nun die Euro-Krise und damit eine neue Gelegenheit, mehr Staat für alle Fälle zu fordern. Anderenfalls, daran lässt Schieritz keinen Zweifel, falle erst "der Euro, dann kollabiert die Wirtschaft und irgendwann werden die Europäer wieder aufeinander losgehen" (alle Zitate: Schieritz).

Wer will das schon? Bomben auf Engeland, Bosbach als Hitler, ein ausgezehrter Rösler bei der Suppenausgabe an der Armenküche? Hunger in Hamburg, Kannibalen in Karlsruhe. Gehe es nach der FDP, sei all das absehbar, weil Griechenland dann nicht gerettet werde, mahnt die "Zeit": "Die Banken werden kein Geld mehr flüssig haben und keins erhalten. Die Sparer werden ihr Geld verlieren. Die Wirtschaft wird in eine tiefe Rezession stürzen. Die Arbeitslosigkeit wird steigen."

Hat Schieritz am Schreibtisch ausgerechnet, noch hat er ja Arbeit. Ist amtlich. Muss aber gar nicht so kommen, weil man ja auch einfach mal wieder ein neues "Hilfspaket für Griechenland" schnüren könne, "das uns allenfalls ein paar Milliarden kostet". Die werden doch wohl noch da sein. Man muss ja bedenken: "Selbst wenn Europa die gesamten Staatsschulden des Landes übernehmen müsste", schreibt der Spezialist für weltpolitische Wirtschaftsfälle, "würde es sich nicht überheben – im Gegenteil."

Im Gegenteil also. Im Gegenteil. Was ist das Gegenteil von "nicht überheben"? Überheben?
Hallo, Herr Ober, bringen Sie mir doch mal die Rechnung vom Nachbartisch!

Schieritz erläutert das Gegenteil nicht, warum auch immer. Manchen hätte sicher gern erfahren, welche Gnade darin liegt, wenn die deutsche Putzfrau, der deutsche Taxifahrer oder Lokführer dafür sorgt, dass Griechenland sich weiter eine "Ministerin für Bildung und lebenslanges Lernen" leisten kann, die im Oktober in den Palais d’Egmont in Brussel eilen wird, um dort am "VIP roundtable taking place" ein "Re-thinking the European project" zu versuchen.

Immerhin aber führt er aus, dass Recht und Gesetz flexibel zu sein haben, wenn sie nicht zu geplanten Taten passen. "Natürlich wurde und wird bei der Euro-Rettung gegen ordnungspolitische Prinzipien verstoßen" heißt es souverän. Aber, hey, scheiß drauf! Was sind schon Prinzipien? Was gilt Moral? Was taugen Recht und Gesetz und Verträge, wenn man erst anfängt, sie einzuhalten?

So predigt die "Zeit" im Geist von George W. Bush: Tue was nötig ist und frage nicht, ob es rechtlich möglich ist. Nur so, liebe FDP, gewinnt man Drachenbootrennen!

Und wer nicht meiner Meinung ist, den nenne ich ewiggestrig und wer darauf beharrt, dass es verschiedenen Sichtwesen geben kann, der ist ein Populist

Prinzipienfest im Politzirkus

Es geht um die deutsche Hauptstadt, um das Schicksal also der gesamten Nation, deren eine Hälfte den Ort wegen des Fruchtquarkes "Leckermäulchen" in guter Erinnerung hat. Während die andere Hälfte daran denkt, dass hier frühere US-Präsidenten Sätze für die Ewigkeit sprachen, als die Ewigkeit noch nicht definiert war als der augenzwinkernd kurze Abstand zwischen zwei Rettungsschirmabstimmungen im deutschen Bundestag.

Rot oder Grün? Wowereit oder Künast? Wer meint, das sei doch keine Wahl, ist noch niemals in der Stadt der Preußen gewesen, die heute die Stadt der andauernden Integration, die Stadt der Staatsverwaltung und die Stadt der Hartz4-Bezieher ist. Berlin muss nicht, weil Berlin hat, so wie ein Baby nicht arbeiten muss, weil Mutter ihm gibt, was es will, weil es sonst schreit. Die Suche nach einem neuen Regierenden Bürgermeister gleicht so auch weniger der Suche nach einer Figur, die der Spreemetropole neue Perspektiven öffnet, als der nach einer Mutter, die verspricht, gerecht zu verteilen, was den Menschen zusteht.

"Wahlprogramme zählen nicht, es kommt drauf an, dass man sympathisch rüberkommt", sagt Martin Sonneborn von der "Partei", die als einzige politische Kraft in Berlin ganz und gar dazu steht, "Inhalte überwinden" zu wollen. Mauer wieder aufbauen, ein Atommüllendlager im Prenzlauer Berg, keine Zusammenarbeit mit der FDP, weil Die Partei Spaßparteien prinzipiell ablehne. Sonneborn sagt das und guckt dabei so ernsthaft, dass selbst Renate Künast, ein Frau gewordenes Kampfmesser, dagegen wirkt wie eine Vertreterin der Rebel Clown Army.

Selten zuvor zeigte sich im deutschen Politzirkus jemand so prinzipienfest und gelenkig, so tatkräftig und einfallsreich wie Sonneborn, der Humoriker mit der sympathischen Stirnglatze. Warum er die Maueropfer mit der Ankündigung beleidige, die Berliner Mauern wieder aufbauen zu wollen, fragt ein empörter Mann aus dem RBB-Zuschauerraum. Ob er denn nicht glaube, dass das die Maueropfer erstens beleidige und sie zweitens davon abhalte, die Partei zu wählen?

Ja, natürlich, antwortet Sonneborn. Aber die Wahl werde ja aber zum Glück nicht von den Maueropfern entschieden, sondern von den Ostberlinern. "Und die werden dankbar sein, wenn wir die Mauer wieder errichten."