Google+ PPQ: Mai 2020

Sonntag, 31. Mai 2020

Zitate zur Zeit: Die unendliche Insolvenz


Die aufgeschobene Insolvenz ist spätestens seit der Finanz- und Eurokrise die Geschäftsgrundlage unseres Wirtschaftssystems, der kontrollierte Bankrott sein konstitutives Element.

Neu ist allein, dass es seit der Coronakrise niemanden mehr gibt, der diese Elementartatsache zu bemänteln versucht: Der finanzmarktliberale Staatsschuldenkapitalismus floriert paradoxerweise auf der Basis seines Ruins.

Dieter Schnaas macht sich in der Wirtschaftswoche Gedanken um den Fortgang der Dinge

Traditionshandwerk: Beim letzten erzgebirgischen Maskenweber

Bunte Maskenvielfalt: Dank kreativer Maskennäher wie Harald Heidecke findet jeder seinen Mund-Nase-Schutz.


Früher war er ganz allein, ein Hüter eines alten Handwerkes, das fast vergessen schien. Auf historischem Gelände in der Hauptstrasse 77 in Sangesdorf, tief versteckt im Herzen des Erzgebirges, schnitt, falzte, kochte und nähte Harald Heideckes Familie seit dem Jahre 1917 Mund-Nase-Schutze - oder wie er, der letzte traditionelle Alltagsmaskennäher Deutschland, lieber sagt: Schutzmasken.

Vor über 100 Jahren, damals mitten in der Spanischen Grippe, gründete Heideckes Großvater Heinz die Sangesdorfer Maskenmanufaktur (SMM), um in traditionellen Verfahren Schutzmasken herzustellen. Dieser Tradition fühlt sich sein Enkel immer noch verpflichtet, auch des Vaters wegen, der das Familienunternehmen Anfang der 70er Jahre an den DDR-Staat verlor und es 1990 nach einigen bürokratischen Streitereien von der Treuhand zurück erhielt. Harald Heidecke selbst begann im Jahr 1994 nach beendeter Lehre und einem Aufbaustudium Maskendesign in China als Handnäher für Naturmasken. "Das war der Grundstein", sagt er heute und schmunzelt: "Damals ahnte doch niemand, dass es ein Vierteljahrhundert später wieder tausende Unternehmen in Deutschland geben wird, die Masken nähen!"

Für Heidecke junior ist das Maskennähen mehr als Coronaschutz. "Ich nenne es mein kreatives Hobby, das mich zu immer neuen Kompositionen anregt", sagt Heidecke, der in Maskennäherkreisen als der Karl Lagerfeld der Alltagsmaske gilt, obwohl er sich die ersten Handgriffe einstmals einfach bei seinem Vater und Großvater abschaute. Doch die SMM ist heute mehr als das, die Kleinbetrieb hat sich im Laufe der Jahre zu einem kleinen, aber professionell arbeitenden Unternehmen entwickelt. Doch früher allein auf weiter Flur, ist die Konkurrenz seit Corona härter geworden. Ein Ortstermin.

Hauptstadt der Maskenkunst


Sangesdorf ist bekannt für seine zuweilen recht frivolen Schwibbbögen, seinen alten Bahnhof, der nicht mehr angefahren wird, und den Fußballverein 07 Sangesdorf, der noch das Kürzel SG trägt. Kaum bekannt ist, dass hier seit mehr als 100 Jahren die traditionelle Alltagsmaske hergestellt wird, die Mund und Nase schützt, nicht aber die tieferen Lungenbereiche, weshalb sie zu DDR-Zeiten den TGL-Namen Mund-Nase-Schutz trug. Zu Zeiten der Spanischen Grippe gingen von hier aus täglich waggonweise Masken auf die Reise zu Schutzbedürftigen, später aber schlief das Geschäft ein. Gab es in der Maskenhauptstadt des Erzgebirges noch 1921 über 100 Maskennähereien, die aus simpler Baumwolle wunderbar passgenaue bunte Schutzartikel zauberten, sitzt mit der SMM heute nur noch ein einziger gelernten Maskennäher im Ort.

Harald Heidecke ist Innungsmeister, 53 Jahre alt, und seit einem Vierteljahrhundert mit dem, was wir heute Alltagsmaske nennen, verheiratet. "Maître masque", zu Deutsch Maskenmeister darf der Familienvater und dreifache Opa sich als einziger Deutscher nennen, den Ehrentitel hat ihm die königlich-französische Maskenmanufaktur in Brielleu verliehen, die als das Athen der Maskenmacherei gilt.

Ein Meister seines Fachs ist Heidecke in der Tat, vor allem aber ist er ein Idealist. Würde er sonst, mit acht Mitarbeitern, die Uralt-Manufaktur, die schon sein Vater und sein Großvater nahe des stillgelegten Bahnhofs weiterbetrieben haben, als Masken verächtlich gemacht, verlacht und in die Nähe homöopathischer Arzneimittel gerückt wurden? Würde er sonst mit zum Teil über 100 Jahre alten Maschinen tagein, tagaus Masken schneiden, falten, pressen, nähen, stempeln, verpacken, stapeln, verkaufen, alles in Handarbeit, 150 Tonnen jährlich, und das an sechs Tagen pro Woche?

Sicherlich. Denn Heidecke ist ein Maskenmann, er kann nicht anders. Interessierten, die sich in seine Werkstatt verirren, erzählt er leidenschaftlich vom fast ausgestorbenen Handwerk, das jetzt gerade eine neue Blüte erlebt.  Hunderte, ja Tausende nähen überall Masken, aber kaum einer, sagt der Meister, wisse eigentlich, was er tue. Denn das fast vergessene Handwerk des Maskenwebers ist viel komplizierter, als es Selbstbauanleitungen bei Youtube ahnen lassen.

Standardware hinter Glas


Harald Heidecke liebt, was er tut, und er liebt Masken aus jedwedem Stoff. Im Verkaufsraum liegen ein paar Blöcke Standardware hinter Glas, zum Teil über 100 Jahre alt, versehen mit den Stempeln verschiedener Abnehmer. Rotes Kreuz, Reichswehr, Ortspolizei Aue.  Sie sehen zum Teil schrumpelig aus, die Baumwolle ist fadenscheinig geworden, die Seide matt. Einige auch ein bisschen bräunlich, und doch sind sie nicht verdorben. "Die könnten Sie alle noch zum benutzen", sagt Heidecke stolz, "das ist beste Qualität, das wird nicht schlecht."

Natürlich verkauft der Meister diese fast schon antiken Preziosen nicht, schließlich sind es die letzten Überbleibsel einer Maskenkultur, die 1917 begann, als die ersten Nachrichten über die Spanische Grippe die Täöler des Erzgebirges erreichen und ein Mann namens Fritz Maske begann, gegen die drohende Infektionsgefahr anzunähen. "Daher kommt ja der Name, Maske war einfach der erste, der es versucht hat." Die Tragik des Vordenkers der deutschen Maskenindustrie habe aber darin gelegen, dass er nicht nähen konnte.  "Um 1918 produzierte dann mein Großvater die ersten funktionsfähigen Masken", sagt Heidecke.

Schon damals gab es Gerüchte und üble Vorwürfe, dass Masken keine Wirkung hätten. "Doch wer einmal eine aufprobiert hatte, der kam wieder und blieb uns meist treu." Masken hülfen nachweislich gegen Baustaub und Gräsersamen, leicht parfümiert auch gegen üble Gerüche und in jedem Fall ließe keine Maske mehr Bakterien oder Viren durch als keine Maske. Dennoch: nach dem Zweiten Weltkrieg begann der stete Niedergang des Gewerbes: Eine Maskenmanufaktur nach der anderen machte dicht, bis zuletzt auch die größte, damals schon als VEB Erzgebirgsmaske ein volkseigener Betrieb. Materialsorgen und ein Betriebsdirektor, der lieber ins Glas schaute als auf die Produktionszahlen, das sei das Problem gewesen.

Billige Massenmasken für die DDR


Die DDR ließ sich dann meistenteils mit billigen tschechischen Massenmasken versorgen, die SMM produzierte für den Export, aber auch für hohe Funktionäre, die es sich leisten konnten, auf Passform und individuelle Muster zu schauen. heute gibt es in Sangesdorf nur noch Heideckes SMM, eine kleine Manufaktur im Meer der Nachahmer überall in der Republik, die die große Tradition des Maskenbaus hochhält, auch wenn es schwerfällt.

Glamour und Glanz sind Harald Heideckes Sache immer noch nicht, Talkshoweinladungen lehnte er bisher ab, eine Fernsehproduktion verwies er an einen Kollegen in Lettland. Sein Geschäft sei schlicht und ehrlich, genauso wie es seine Produkte sind. "Wir nähen mit offenem Visier", sagt er gern. Und was sie alles nähen! Hier ein paar eckige Qualitätsmasken für Kindertagesstätten (Kita), dort die runden Sorten für Ernthelfer, daneben scharf geschnittene Designerstücke für einen Berliner Rapper. Für richtige Exzentriker hat Heidecke durchsichtige Seidenmodelle im Angebot, für Allergiker gibt es schneeweiße Stücke, die nach Krankenhaus riechen. Bei Touristen gefragt ist vor allem das günstige Zwölferset, das aus durchnummerierten Einzelmasken besteht, die nicht verwechselt werden können.

Allen Produkten hier ist gemein, dass sie zwar mit Maschinenhilfe entstehen, doch eine jede muss von Hand bedient werden, nichts ist vollautomatisch. Der Maschinenpark ist uralt, das älteste Gerät wurde 1898 gebaut und funktioniert bis heute. Wie die Maske entsteht, sieht man am besten bei einer Führung: Los geht es mit einem riesigen Stoffballen, der heute nicht mehr aus Schlesien, sondern überwiegend aus Bagladesh kommt. Die Bahn wird abgerollt, gewalkt, getdrückt, per Hand geschnitten und dann gefalzt. Dabei werden Feuchtigkeit und Wärme genutzt, wie beim Geigenbau, beschreibt Heidecke. Sobald die Rohlinge getrocknet sind, geschreddert und anschließend zwischen zwei Granitrollen zu dünnen Blättern glattgewalzt, geht es an die Näharbeit. Danach wird der fertige Maskenrohling auf rund 70 Grad erhitzt und über Nacht gepresst, um die Passform bestmöglich zu konservieren. Erst im letzten Arbeitsschritt fügt Harald Heidecke die Befestigungsbänder an. Fertig.

Zehn Minuten für ein Einzelstück


Um eine Maske zu schneidern, braucht Heidecke gut zehn Minuten. Dazu legt er zunächst eine Auswahl aller Zuschnitte bereit und bringt sie mit der Hand in Form. Mit einer speziellen Klammer, die an einem von Heideckes Großvater selbst geschmiedeten Dreibein befestigt ist, presst er die Stoffbahn per Hebel zusammen und bringt sie mit drei Schnüren und einem Stück Edelstahldraht in Form, die er fest um die dicken Nähte an der Seite knotet. „Früher benutzte man feines Weidenholz zum stabilisieren“, sagt er, "heute verwendet man Nirostastahl." Bewusst verzichtet er auf Kupferdraht oder Kunststoff. Diese Materialien drückten erfahrungsgemäß durch oder sie führten zu Verfärbungen im Stoff.

80 Prozent seiner Produktion gehen mittlerweile in den Export, sagt Heidecke. Sehr gefragt sei seine Manufakturmasken in den USA und in Japan. Nach China verkauft er dagegen so gut wie nichts, denn dort sei eine Maskenindustrie zugange, die alles niederzuwalzen versuche. "Sei's drumt", antwortet er und zuckt mit den Schultern. Zum Glück seien die Billigplagiate aus Fernost keine Gefahr für den letzten Maskenmacher von Sangesdorf, denn der kann sich über eine seit Wochen steigende Nachfrage freuen. "Über das Internet kommen jeden Tag hunderte Bestellungen herein". freut er sich über den Glücksfall Corona.

Wenn er in ein paar Jahren in den Ruhestand gehe, würde er sich wünschen, einen Nachfolger  bereits eingearbeitet zu haben. "Man braucht zirka zehn Jahre, um ein guter Maskennäher zu werden", sagt Harald Heidecke, "aber man sieht ja gerade, es lohnt sich." Der eigene Sohn habe kein Interesse, er sei als Consultant nach Dubai gezogen. Die Tochter habe es nicht so mit dem Handwerklichen. "Ich würde mich freuen, wenn jemand von außen einsteigt", sagt Heidecke, "einfach vorbeikommen und reinschnuppern."

Samstag, 30. Mai 2020

So seriös sind die Superspreader von Corona-Fake-News

Könnte sogar Leben gekostet haben: Eine inzwischen enttarnte Fake News, die Corona als eine Art normale Grippe verharmloste.


Je länger die Corona-Pandemie und die zur Bekämpfung der Pandemie vorübergehend notwendigen Beschränkungen bei der Anwendung der unveräußerlichen Grundrechte anhalten, umso mehr Fake News und Verschwörungstheorien verbreiten sich im Netz. Nur wie? PPQ hat untersucht, welche Internetseiten besonders viele Nutzer mit Falschinformationen erreichen.

Wenn sich im Netz ein Artikel, Video oder eine Fotomeme schnell und breit verteilt, spricht der Faktenprüfer häufig davon, dass eine Fake News "viral" geht. Schon lange vor Corona waren solche Nachrichten üblich, ihre Verbreitung erfolgte häufig vollkommen unabhängig von ihrem Wahrheitsgehalt, so dass Falschinformationen etwa zu einer angeblichen russischen Beeinflussung der letzten Präsidentschaftswahlen in den USA jahrelang für Milliarden Klicks sorgten, ehe sich alle entsprechenden Vermutungen mangels auffindbarer Beweise in Nichts auflösten.

Wie bei einem echten Virus verbreiten sich auch Fake News allerdings auch heute noch weiter, sie nutzen dazu verschiedene Wege und nur in wenigen Fällen verläuft die Ansteckung direkt von Person zu Person, etwa über die früher so genannte Mundpropaganda. In vielen Fällen sind es sogenannte "Superspreader", die eine bestimmte Falschmeldung ursächlich in einen dominanten Verbreitungskanal einspeisen, durch den sie an eine große Empfängergruppe gerät. Bei Corona gelten Infizierte als Superspreader, die unwissentlich eine große Zahl von Menschen anstecken, bei Fake News sind es vorzugshalber Internetpräsenzen von Institutionen, führende Politiker und bekannte Nachrichtenseiten, über die viele verschiedene Menschen mit einer irreführenden oder falschen Infomation angesteckt werden.

PPQ, seit Jahren bereits als Fakten-Volonteersseite mit der Prüfung von großen Netzadresse wie Facebook beschäftigt, hat sich auf die Suche nach solchen Fake-News-Superspreadern in Deutschland aufgemacht. Dazu wurde eine Liste mit besonders prägnanten Fällen erstellt, die teilweise Millionen Empfänger erreichten, von denen vermutet werden muss, dass zumindest ein Teil der Betroffenen eindeutig als falsch belegte Informationen für bahre Münze genommen hat.

Platz 1: Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier ging Mitte März in die Vollen. „Kein einziger Arbeitsplatz geht wegen Corona verloren“, versprach der CDU-Politiker in der Fernsehsendung "Hart aber fair" (ohne Komma), die rund 5,5 Millionen Deutsche verfolgten. Erleichterung machte sich daraufhin überall im Land breit, obwohl Altmaier nicht verraten hatte, wie er Entlassungen verhindern werde. Als Superspreader blieb Altmaier fast acht Wochen bei seiner Zusage, selbst als bereits die ersten großen Firmen Entlassungen angekündigt und die ersten 300.000 neuen Arbeitslosen registriert worden waren. Erst Mitte Mai zog der Minister seine Zusage zurück, allerdings ohne sie zu korrigieren. 

Platz 2: Altmaiers Ministerkollege Jens Spahn schafft es mit gleich zwei wochenlang gepredigten Aussagen in die Superspreader-Hitparade. So behauptete der CDU-Mann zu Beginn der Krise, das Virus verbreite sich nicht durch die Luft. Logische Folge war eine zweite Aussage dazu, dass Schutzmasken nicht nötig seien. Jens Spahn ist Bankkaufmann und Politikwissenschaftler, er wusste es mutmaßlich seinerzeit nicht anders oder er hatte, wie renommierte Medien mutmaßen, diese Sprachregelung vertreten müssen, um den galoppierenden Maskenmangel im deutschen Gesundheitswesen öffentlich nicht zutagetreten zu lassen. Spahn versicherte mehrfach, Deutschland sei "gut vorbereitet", eine weitere Falschbehauptung,  die leugnet, dass das Robert-Koch-Institut bereits vor fast zehn Jahren eine solche Vorbereitung angemahnt, aber nie erhört worden war. Verbreitet wurde die Falschinformation, wenn auch als Zitat, dennoch von allen großen deutschen Nachrichtenseiten.

Platz 3: Geht an den Bayrischen Rundfunk, der deutschlandweit zu den ersten engagierten Corona-Leugner gehörte. In einem Aufklärungsfilm enttarnte der Sender Menschen, die vor einer pandemie und einer hohen Ansteckungsgefahr warnten, als rechtsextreme Spalter, die der Gesellschaft schaden wollten, indem sie Menschen verunsicherten. Bei Corona handele es sich um eine eigentlich harmlose Erkältungskrankheit, weit weg in China, das von Verschwörungstheoretikern missbraucht werde, um angeblich geplante Einschränkungen von Grundrechten zu nutzen. Zwar sei "ein bisschen Vorsicht bei Viren nicht verkehrt", aber dass erste Verwirrte "schon mit Mundschutz herumlaufen" zeige allenfalls, dass "das Virus uns fremd ist und das Fremde macht uns Angst".


Platz 4:  Geht an das Bundesgesundheitsministerium, das Mitte März Gerüchten entgegentrat, wonach bald massive weitere Einschränkungen des öffentlichen Lebens ankündigt würden. “Das stimmt nicht”, schrieb das Ministerium offiziell, um anderslautende Behauptungen zu stoppen, die  sich  damals rasch verbreiten. "Bitte helfen Sie mit, ihre Verbreitung zu stoppen", forderte das Ministerium Freiwillige auf.. 24 Stunden später traten weitere massive Einschränkungen in Kraft, darunter „Betretungsverbote für öffentliche Orte“, „vorläufige Ausgangsbeschränkung“, Kontaktverbote, Reiseverbote und die Aufhebung verschiedener unveräußerlicher Grundrechte.

Platz 5: Eine selbstkritische Auseinandersetzung mit eine Falschmeldung, die beim Medienportal PPQ ihren Ausgangspunkt hatte. Anfang April kam es hier zu einem Versagen der internen Kontrollmechanismen, so dass ein angeblicher hochrangiger Mitarbeiter der Hauptgeldfabrik der Eurostaaten Gelegenheit bekam, unter dem Tite"Geldpressen unter Hochdruck: So funktioniert die Trilliardenbombe" zu berichten, wie in angeblichen unterirdischen Monetarisierungseinrichtungen der EZB durch eine geheime Tastenkombination am EGF-Zentralrechner in einem quantenmechanisch genehmigten und auf klaren physikalischen Gesetzmäßigkeiten und EU-Richtlinien beruhenden Verfahren unendlich viel Geld hergestellt werden könne, ohne dass es irgendwelche negativen Nebenwirkungen gebe.

Da einige deutschsprachige Accounts in sozialen Netzwerken die vermeintlich exklusive News weiterverbreiteten, muss die Redaktion derzeit davon ausgehen, die wenig später bereits enttarnte und richtiggestellte Fake News potenziell Millionen und Abermillionen Empfänger unkontrolliert erreicht haben könnte.

Interessant erscheinen die Ergebnisse auch vor dem Hintergrund, dass sich seit Monaten nahezu der gesamte Kampf gegen Fake News auf Plattformen wie Facebook oder Youtube konzentrieren, die unter Verdacht stehen, Corona Fakes nicht schnell genug zu löschen.

Die PPQ-Recherchen zeigen nun, dass sich irreführende und falsche, verharmlosende und coronaleugnende Informationen nach wie vor auf offiziellen Regierungsseiten finden, ohne dass sie mit Warnungen oder Faktenchecks versehen wurden.

Bizzarer Glaubenskult: Milliarden Verführte weltweit

Zwei verführte junge Leute - aber eigentlich zielt der bizarre Kirchenkult auf ältere, oft alleinlebende Frauen.

In dem, was außerhalb des Internets als "richtige Welt" verstanden wird, boomt eine Esoterik-Szene, die sich "christlich" nennt. Wunderglauben und Heilige, mehrere "Päpste", tausende Bischöfe, freiwillig von der Welt weggesperrte Nonnen und Mönche und riesige klimaschädliche Sakralbauten versprechen Millionen verführten Gefolgsleuten gegen blinden Glauben Energie, Freiheit und Glück im Leben.

Blinder Glaube an den Popanz


Ein Schneeballsystem der blumigen Verheißungen und knallharten Interessen, das zumeist Frauen als Ziel hat, die seit Jahrhunderten am meisten zu leiden haben unter Pomp und Firlefanz sinnleeren Rituale und einer Macho-Priesterkaste, die mit einem Aberglauben hauptberuflich hausieren geht, für dessen Richtigkeit in mehr als 2000 Jahren kein Beweis oder auch nur Beleg erbracht werden konnte.

Frau Müller hat Glück gehabt. Die alte Dame kann doch noch schnell in die Kirchenbank rutschen, ehe der sogenannte Gottesdienst beginnt. Dafür hat sie ihre ganzes Leben lang Kirchensteuer gezahlt, über 10.000 Euro insgesamt. "Herr, öffne meine Lippen, damit mein Mund dein Lob verkünde. Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist, wie im Anfang, so auch jetzt und allezeit und in Ewigkeit. Amen", sagt der in Schwarz gewandete ältere Herr gerade, der hier die Rolle eines "Priester" oder "Pastor" genannten Vorbeters erfüllt. Ihm folgen die, die den Lehren des aus der Nähe betrachtet bizarr wirkenden Glaubenskult folgen, der sich selbst "Christentum" nennt. Frau Müller gehört zu ihnen, und trotz der hohen Kosten, die ihr "Glaube" verursacht, ist sie froh, glauben zu können. "Es gibt mir Halt in der Welt", sagt sie.

Milliarden Verführte weltweit


Weltweit sind es Milliarden, die so denken. Selbst gemessen an der Umma, der Glaubensgemeinde von Allah und Mohammed, die als seit Jahren erfolgreichste Sekte bei der Mitgliedergewinnung gilt, ist das ältere Christentum nach wie vor unübertroffen. Gerade in Zeiten der Krise wie jetzt im Zuge der "Corona-Zeiten" (MDR, Spiegel, SZ) verspricht die Kirche Schutz, Hilfe und Erlösung durch einen Gott, von dem ihre Prediger behaupten, er sehe alles, wisse alles und habe alles, was geschehe, genau so gewollt. Dieser Gott, der auch "Herr" genannt wird, hat also Corona erfunden und auf seine Schöpfung losgelassen, er ist jedoch nicht bereit, all die Millionen, die zu ihm beten, um die Pandemie zu stoppen, zu erhören.

Für Anhänger des Sektenglaubens ist das kein Beweis dafür, dass Gott entweder böswillig ist oder gar nicht existiert, sondern dafür, dass nur noch nicht genug gebetet worden ist. Seit zwei Jahrtausenden trägt diese von allen Kirchenfunktionären verbreitete Erklärung und sie hat die Institutionen der vor 2000 Jahren gegründeten Hauptsekte, die sich auf die historisch nur durch Hörensagen verbürgte Figur  des "Jesus" beruft, reicher gemacht als sonst irgendeine nicht-staatliche Institution oder Person. Allein in Deutschland verfügt der Klerus über ein Vermögen von 502 Milliarden Euro, mit dem er bemüht ist, durch möglichst geschickte Investitionen ohne eigene Arbeit noch mehr Geld zu machen.

Verselbständigte Nebenrechtsordnung


Nicht immer gelingt das, aber dank "kirchlicher Doktrin und einer verselbständigten arbeitsrechtlichen Nebenrechtsordnung" (Verdi) spart die Kirche auch bei den Ausgaben für sogenannte Mitarbeitende. Das erwirtschaftete Geld hält die Sekte streng zusammen, vermeintlich für gute Zwecke, tatsächlich aber, um den Aberglauben ihrer sogenannten "Lehre" weiterzuverbreiten, der dank der Aufklärung und wissenschaftlicher Nachweise faktischer Grundlagen eines Gottesglaubens nur mehr eine kleine Minderheit der Deutschen anhängt.

Während andere Sekten dazu auf das Internet setzen und versuchen, virtuelle Radikalisierungen zu erreichen, boomt die neoliberale Christen-Szene mit ihren esoterischen Vorstellungen von einem Gotteskind, einer unbefleckten Empfängnis, von Heiligen, Märtyrern und Buße eher in der richtigen Welt. Das Beispiel von Frau Müller zeigt, dass die spirituellen Angebote teuer sind – doch sie werden gern genutzt, denn die Kirche verspricht den Teilnehmern neben Energie und innerer Freiheit auch noch Glück im Leben und ein hohes Maß an Zufriedenheit. Das, predigen die Vorbeter der Gemeinschaft, werde sich wie von selbst einstellen, wenn der Glaube nur tief genug sei.

Wer häufiger Gottesdienste besucht, in denen diese Art Versprechung zum Handwerkszeug der Verführung gehört, will oftmals seinerseits Glauben weitergeben und er agitiert entsprechend in seinem Umfeld – ein Schneeballsystem der blumigen Versprechungen und knallharten Interessen.

Getarnter Weltkonzern


Getarnt wird das Ganze - ein weltweiter Konzern mit zahllosen Filialen und abgespalteten Firmen, die zum Teil lizensierte, zum Teil nicht lizensierte Varianten der reinen Lehre anbieten - durch ein betontes Maß an Esoterik, Brimborium und Spiritualität, das mit viel Räucherstäbchen und Goldbrokat-Gewändern eine zauberkräftige Atmosphäre heraufbeschwört.

In der Szene, die sich nach entsprechender Hirnwäsche teils freiwillig in Kirchen und Gemeindehäusern zusammenfindet, wird das Schauspiel gern goutiert. Teils erscheinen die Gemeindemitglieder freiwillig, teils - vor allem viel Kinder werden auf diese Art missbraucht - werden sie gezwungen, anwesend zu sein. Auffallend ist, dass die Macht und die Verbindungen der Sektenoberen weit genug reichen, die offiziell in keinerlei Verbindung zum gelebten Aberglauben stehenden Medien von jeder kritischen Beschäftigung mit der Problematik abzuhalten.

Statt die Zwangslage der Betroffenen zu systematisieren, stellen sich selbst Sender des Gemeinsinnfunksystems als Abspielplattform für die fragwürdigen Inhalte der "Frohen Botschaft" zur Verfügung, die auf einem bluttrünstigen Buch beruhen, in dem Feinde zerschmettert, Kinder getötet und schwangeren Frauen der Bauch aufgeschlitzt wird. Unkritisch stehen auch Magazine und Tageszeitungen dieser analogen wie auch der digitalen Variante von gelebter Esoterik offen gegenüber. Der sogenannte Papst, einer der selbsternannten Vorsitzenden der Sektenbewegung, kann sich darauf verlassen, dass sein sogenannter "Ostersegen", einige überlieferte Worte, gesprochen vom Balkon eines Prunkpalastes in Rom, nahezu weltweit durch alle Medien übertragen wird.

Es geht um viel Geld


Und es geht um viel Geld. Auf zwölf Milliarden Euro jährlich werden allein die Einnahmen durch die vom Staat eingezogene Kirchensteuer geschätzt, dazu kommen vermeintlich freiwillige Spenden von irregeführten Gläubigen, denen Sektenfunktionäre weismachen, sie könnten die versprochene und nach Jahren in der Gehirnwaschmaschine auch ersehnte "Erlösung" in einem "Jenseits" voller honigfließender Bäche und Harfenspieler im Sonnenschein nur erreichen, wenn sie zusätzlich Geld einsetzen. Geld, das Gott in seiner Allmächtigkeit seiner Kirche selbstverständlich jederzeit und in unbegrenzter Menge zukommen lassen könnte, gäbe es ihn.

Er tut es nicht, stattdessen hat er eben erst ausgerechnet zwei Länder besonders hart bestraft, deren Einwohner zu seinen begeistertsten Anhängern gehören. Italien und Spanien gelten als Hochburg christlichen Irrglaubens, ausgerechnet hier ließ der "Gott" der Christen nun seine Corona-Pandemie wüten, dass Zehntausende seiner "Schafe" genannten treuen Gefolgsleute binnen kürzester Zeit starben. Staaten wie Burundi, die Mongolei und Vietnam dagegen, in denen der christliche Götzenglaube eher schwach ausgeprägt ist, wurden weitgehend verschont.

Zweifel aber kommen bei echten Gläubigen wie Frau Müller nicht auf. „Ich komme aus dem Büro, und Facebook sagt zu mir, du hast 129 Veranstaltungen an diesem Wochenende“, klagt die Frau, die seit 40 Jahren in der esoterischen Szene des christlichen Aberglaubens aktiv ist. Von Kirchentreffen bis zu Kirchentagen, von kostenloser Gemeindearbeit bis zur freudigen Zahlung der Kirchensteuer und dem emsigen Sparen für gelegentliche Pilgerreisen zu Orten, die besonders überzeugten Anhängern als "heilig" oder sogar "besonders heilig" gelten,  fühlt sie sich von Versprechungen angezogen , sie könne "Gott" auf diese Art näherkommen, etwas in sich vibrieren fühlen, von Gottes Energie erfüllt werden und „keine Grenzen mehr spüren“.

Natürlich sind Priester, Pfarrer und Pastoren grundsätzlich Scharlatane – aber die Begriffe sind in Deutschland, anders als etwa „Psychotherapeut“, nicht geschützt. Jede und jeder kann sich "Prediger" nennen und behaupten, er kenne den Weg zu Gott, weil er an einer zumeist staatlich anerkannten Bildungseinrichtung über mehrere Jahre hinweg die komplette Enigmatik einer speziellen Spielart eines bestimmten Aberglaubens studiert habe. Menschen wie Frau Müller, die es nicht besser wissen können, fallen auf solche geschickten Strategien herein - vertrauend auch darauf, dass eine Sekte, die regelmäßig Sendezeit bei ARD und ZDF erhält, wohl so seriös sein muss, dass die Grundlagen ihrer Glaubenslehre durch die besten Faktenchecker der Republik auf Herz und Nieren geprüft worden sein müssen.

Freitag, 29. Mai 2020

Coronaclowns in einer Welt ohne Echo

Blind in einer schalltoten Kammer: Nichts sehen, nichts hören, nichts wissen.


Über "Die schalltote Kammer", in die sich die Gesellschaft langsam und schleichend, mit Beginn der Corona-Krise aber dann in einem unverhofften schnellen Rutsch verwandelt hat, sinniert und der Publizist liefert in dem langen Text an Gesellschaftsanalyse, was in früheren Zeiten vielleicht bei der "Zeit", im "Spiegel" oder in der FAZ gestanden hätte. Ausgehend von der Grundfrage der aktuellen Krisenphase - "Bist du für die Regierung oder ein Aluhut?" beschreibt Wendt die "Debattensurrogate", die das öffentliche Gespräch in Zeiten bestimmen, in denen echter Streit vermieden werden muss, um die Einheit der Nation in der Stunde der Not nicht zu gefährden. Als Glücksfall erscheinen ihm dabei tragische Figuren wie der Koch Attila Hildmann oder der Schlagersänger Xavier Naidoo. Sie böten die Gelegenheit, aufkommende Kritik nicht inhaltlich zu widerlegen, sondern auf der persönlichen Ebene.

Die Coronaclowns


Wenn der schärfte Widerspruch gegen die zeitweise Suspendierung unveräußerlicher Grundrechte von Menschen kommen, die sich ohne große Mühe als Witzfiguren darstellen lassen, dann ist jeder, der an der Seite der Kritiker, selbst eine Witzfigur.  Und die, die es nicht sind, wie Stephan Kohn, der mittlerweile beurlaubte Beamte des Bundesinnenministeriums, der ein umfängliches Papier zu den Folgen und den Versäumnissen während der "Corona-Zeiten" (MDR) geschrieben hatte, verwandeln sich von eben noch treu dienenden Bürokraten in eine Variante von Dr. Seltsam: Eigensinnige Querköpfe, die krude Thesen vertreten. Ohne auf die gesellschaftlichen Folgen ihres womöglich sogar gutgemeinten Tuns zu achten.

Sie gilt es stillzulegen, denn wenn auch das Herunterfahren der Wirtschaft wegen Covid-19 vielleicht mehr Schaden angerichtet hat als weniger invasive Eingriffe zu einem früheren Zeitpunkt, so drohten durch kleinliche Diskussionen um mögliche Versäumnisse, verspätete Reaktionen und eine ungenügende Vorbereitung auf eine mögliche Pandemie doch noch größere Schäden. Zweifel an der starken und richtigen Leitung durch die Regierung, Zweifel an der Angemessenheit des Shutdown und am Stilllegen der Wirtschaft – sie sind dann unverhältnismäßig, wenn durch sie weitere Beschädigungen drohen, etwa, weil die Glaubwürdigkeit des Regierungshandelns beschädigt wird.

Ende gut, alles gut


Reicht es bei den schrägen Vögeln auf den Corona-Demos, ihre Gesichter zu zeigen und Auszüge aus ihren Reden zu präsentieren, durfte im Fall der Oberregierungsrates und seines Corona-Papiers genau das nicht passieren. Keine inhaltliche Diskussion ging der Entscheidung voraus, dem Beamte eine Tätigkeits- und Hausverbot zu erteilen. Es darf keine Frage sein, ob wirklich alles richtig war, es geht auch nicht darum, was hätte anders gemacht werden können. Ende gut, alles gut. Es braucht nun keine rückwärtsgewandte Fehlerdiskussion mehr, wo doch nun die Frage steht, wohin mit dem ganzen Geld, das nun einen "Wiederaufbau" anschieben soll. Obwohl faktisch nichts kaputtgegangen ist.

Corona war kein Krieg, das hatten deutsche Politiker immer wieder betont, nachdem Donald Trump und Emmanuel Macron als Kriegsherren in die Schlacht gegen das Virus gezogen waren. Corona war gesundheitspolitisch gesehen ein Unfall, in Deutschland kleiner, in Belgien größer, in Spanien schrecklich, in den USA als noch viel schrecklicher beschrieben. Was aber nützte es nun noch, herauszufinden, dass eine frühere Verhängung einer Maskenpflicht vielleicht mehr Menschenleben bewahrt hätte als der später verhängte Shutdown. Ohne dass sie die wirtschaftliche Basis in derselben Weise angegriffen hätte?

Nichts. Wendts Text nennt Beispiele von Wissenschaftlern, die genau diese Argumente bringen, er beschreibt aber zugleich auch, welche Mechanismen verhindern, dass ein ernsthaftes Gespräch über solche diffizilen Fragen der Verantwortlichkeit für Millionen Arbeitslose geführt wird. Waren am Anfang groteske Fehleinschätzungen in der Bundesregierung und beim beratenden Robert-Koch-Institut die Ursache dafür, dass lange Zeit nichts getan wurde, so darf gehofft werden, dass dieses Systemversagen durch die Ereignisse der Krisenwochen selbst gnädig überdeckt wird. Schließlich hat das später, aber umso entschiedene Handeln ja immer noch das Allerschlimmste verhütet und Bilder wie aus Bergamo verhindert.

Falsche Medizin?


Doch würde sich diese, von einer großen Mehrheit der Deutschen als richtig und angemessen eingeschätzte Reaktion als weitere falsche Medizin herausstellen, kämen Aussagen des Gesundheitsministers, Corona sei „milder als eine Grippe“ und der Kanzlerin, dass Masken nicht benötigt würden, mit Sicherheit erneut aufs Tapet. Daher die Argumentation des Innenministeriums, dass schließlich „viele Länder ähnliche Maßnahmen“ zur Bekämpfung der Pandemie ergriffen hätten wie Deutschland. Dann muss das richtig gewesen sein. Länder, die anders handelten wie etwa Südkorea und Taiwan kommen dann einfach nicht mehr vor in der Argumentation.

"Sie führten schon Hygiene- und Quarantänemaßnahmen ein, als in Deutschland noch Großveranstaltungen stattfanden, verfügten aber nie einen Shutdown der Wirtschaft", beschreibt Wendt eine gefährliche Flanke der Corona-Argumentation, die im Moment dabei ist, geschichtliche Wahrheit zu werden. 83 Millionen Bürger, 180.00 Infizierte, 8.300 Tote? Deutschland ist, zumindest nach Darstellung von Politik und Medien, sehr gut durch die Krise gekommen. Südkorea mit seinen 51 Millionen Einwohnern verzeichnet zählt allerdings nur 263 Tote. "Wirksam war und ist die wochenlange Stilllegung der Dienstleistungswirtschaft in Deutschland zweifellos", führt Wendt an, "wie sich an 10 Millionen Kurzarbeitern und einem Steuerausfall von mindestens 100 Milliarden Euro ablesen lässt."

Wehret den Anfängen


Wehret den Anfängen heißt es da. Aburteilung tarnt sich als Information, es geht nun um  „Verschwörungstheorien“, um Homöopathen und Impfgegner, rechte Trolle und verängstigte selbständige wirken plötzlich wie echte und kreuzgefährliche Staatsfeinde. Die "Tagesschau" seziert Wendt als beispielhaft für diese Methode: Ein Demonstrant wird eingeblendet: „Ich hol‘ mir meine Informationen aus dem Internet. Das deckt sich nicht mit dem, was ich jeden Tag im Fernsehen und Presse serviert kriege.“ Dann der Sprecher aus dem Off: „Ein Blick ins Internet zeigt, wo der Hass herkommt. Verschwörungstheoretiker hetzen derzeit vor allem gegen Bill Gates, der sich weltweit für Impfungen einsetzt und angeblich auch die Regierung und Medien manipuliere.“

Dazu habe die Sendung den Chef der Identitären Bewegung Österreichs Martin Sellner beim Reden im Grünen gezeigt, ohne Nennung des Names, eine alte Aufzeichnung, die mit den aktuellen Coronademonstrationen in Deutschland nichts zu tun hat. Egal. Das Ziel bestimmt den Weg und hier geht es darum, etwas herzustellen, was Alexander Wendt eine "schalltote Kammer" nennt: Dem Gericht der Öffentlichkeit wird nicht mehr These und Gegenthese präsentiert, es werden nicht Meinungsstreitende auf Augenhöhe gegeneinandergestellt, auf dass der Zuschauer sich seine Meinung bilde.

Stattdessen gilt eine Wahrheit als absolut. Die andere aber als irrige Abweichung, vergleichbar allenfalls mit der Behauptung, die Erde drehe sich um die Sonne die Erde sei eine Scheibe.
Bevor es losgeht, ist damit immer schon alles entscheiden. Es braucht keine Argumentation in der Sache, "noch nicht einmal die halbwegs korrekte Wiedergabe" (Wendt) abweichender oder widersprechender Positionen.

Das Muster einer Spieluhr


"Nach diesem Muster einer Spieluhr, die nur ein einziges Stück in petto hat, laufen gesellschaftliche Großdebatten in Deutschland nicht erst seit Corona ab." Aber seit Corona können sie es gar nicht mehr anders: Obwohl Politiker immer wieder betonen, dass natürlich ein „Dialog“ geführt werden müsse, ist die Vorstellung, wie dieser Dialog ablaufen sollte, vorab unverrückbar festgelegt: Es wäre "eine Art Verkaufsgespräch, das auch noch sehr einseitig geführt wird. Bürger dürfen nach dieser Vorstellung gern „Fragen stellen“ und von ihren Sorgen sprechen, sollen dann aber die Antworten von Regierungspolitikern und ihren alliierten Medien möglichst bis in einzelne Wortprägungen hinein übernehmen" (Alexander Wendt).

Das Ende vom Lied: "Tun sie das nicht, sagt sich die wohlmeinende Seite, die Antwort müsse eben noch einmal besser erklärt werden. Fruchtet auch das nicht, folgt der nächste und letzte Schritt, nämlich die Feststellung, ein Gespräch mit diesen Antwortübernahmeverweigerern sei eben sinnlos, sie seien unbelehrbar. Ja, Sprechen sei dann nicht nur sinnlos, sondern sogar gefährlich, da es nur die falschen Ansichten legitimieren würde."

Der Rest des Textes: hier

Corona-Orden: Festakt ehrt unsere Helden


Sie haben geholfen. Schnell und mit großem Einsatz. Die einen gründeten Facebook-Gruppen, um Hilfe zu organisieren. Andere waren als Notfallseelsorger unterwegs, um ganz persönlich Trost zu spenden. Sie sammelten Spenden und transportierten Hilfsgüter in die abgesperrten Wohngebiete. Viele von ihnen waren keine Fachleute, keine Bundeswehrsoldaten, keine Ärzte, Schwestern, Pfleger und Verkäuferinnen, noch mehr hatten anfangs nicht einmal Formalmasken oder den sprichwörtlichen Mund-Nase-Schutz, der wenigstens Mund und Nase schützt. Und doch waren sie oft Tag und Nacht im Einsatz, ohne an Schlaf zu denken, zu essen oder die Skihandschuhe auszuziehen, die in Ermangelung echter Schutzhandschuhe getragen wurden.

400 von tausenden Coronahelfern, die während der Shotdownphase und der vorübergehend "anders geltenden" (Stephan Harbarth) Grundrechte mit großem Einsatz die am meisten betroffenen Mitglieder der Gesellschaft unterstützt haben, erhalten dafür nunmehr endlich den "Corona-Orden 2020". Gestiftet wurde er von mecklenburgischen Foundation for Law and Constitution (FLC), einem Zusammenschluss bürgerschaftlich engagierter Unternehmender aus dem wochenla1ng vollkommen abgeschotteten Bundesland, die für die "selbstlose und unkomplizierte Hilfe der vielen Einsatzkräfte und Freiwilligen Danke sagen" wollen.

Der Festakt zur Verleihung der erstmals vergebenen Auszeichnung soll in der Drsdner Semperoper stattfinden, um ein Zeichen zu setzen, "dass nun auch wieder Reisen im Bundesgebiet möglich sind", wie Hartwig Scheinder sagt, der als Präsident der FLC persönlich die ersten Orden vergeben wird. Mehrere MDR- und NDR-Moderatorin konnten gewonnen werden, um durch das bunte Programm zu führen, in das Prominente wie Heidi Klum, der erfolgreiche Hot-Bird-Gründer Reinhold Herger und mehrere aus Talkshows bekannte Politiker aller Parteien unter Einhaltung der Abstandsregeln zugeschaltet werden sollen.

Geplant ist neben einem Musikprogramm die Weltpremiere eines bewegenden Films mit Bildern der Lockdown-Phase, der mit schnellen Schnitten auch Kurzporträts besonders emsiger Helfender zeigen wird. Den musikalischen Rahmen gestalten die Zwickauer Philharmoniker gemeinsam mit dem fränkischen Staatsopernchor und Mitgliedern der Pop-Formation Die Prinzessinnen, die während der Ausgangssperren in Sachsen selbst nie aufgegeben hatten, sondern mit pfiffigen Ideen vielen Zweiflern und Nörglern zeigen konnten, dass das Leben weitergeht, selbst wenn wie in Sachsen zeitweise nötig Baumärkte und Speisegaststätten geschlossen werden mussten.

Donnerstag, 28. Mai 2020

Corona-Blues: Vorbeibei, Junimond



Früher war mehr Lametta. Aber früher war auch mehr Kunst. Alle großen Krisen der Vergangenheit hatten ihre eigene Musik, einen Soundtrack, der in Erinnerung geblieben ist. Lilli Marleen, The End, Sympathy for the devil, here we are now, entertain us. Popmusik lief stets auf der zweiten Spur mit, wenn die erste Geschichte schrieb. Von "Born in the GDR" bis zu Haseloffs "I`ve been looking for freedom" verläuft eine Rille, die niemand jemals verlassen kann.

Zugleich aber verstanden sich Künstler und Kulturschaffende immer auch als Indikatoren für gesellschaftliche Veränderungen. Immer fanden sich genügend im Heer der Heroen, die vorn mitmarschierten, wenn das Volk seinen Unwillen auf die Straßen trug. Für Deutschland galt dabei immer, dass die Regierenden konservativ sind, das Volk aber nach Fortschritt dürstete und seine Vorsänger also linke Avantgardisten sein mussten, die aufgrund ihres Künstleramtes schon lange wussten, wie das Morgen aussehen würde.

Die Avantgarde von gestern


Wer deutsch sang, hatte zwangsläufig eine Botschaft, die weltoffen war, aufgeklärt und friedlich. Aber selbstverständlich auch regierungskritisch. Man war für Frieden, für Demokratie, für Gerechtigkeit und "Freiheithaiehaieit" (Westernhagen). Der Sound dazu, gespielt von Bands, die alle gleich klangen, war globalisiert und handgemacht, edel produzierter Rockpop mit Bildungsanspruch. Es galt szeneübergreifend, dass lange Haare Menschenrecht sind, sie aber doch besser gepflegt sein müssten. Wo man sang, waren alle Brüder, so lange es keine Schlager waren und keine Volksmusik. Denn die singen böse Menschen.

Die Corona-Pandemie, die nahezu sämtlichen deutschen Unterhaltungskünstlern alle Betätigungsmöglichkeiten nahm, hat die Verhältnisse nun grundlegend herumgedreht. Während die eigentlichen Sprachrohre der breiten und progressiven Bevölkerungsmassen sich allenfalls noch um das Auskommen der eigenen Berufsgenossen kümmern, schweigt die binnen weniger Wochen aus der Freiheit der selbstbestimmten Selbstausbeutung in die Kerker drohender Erwerbsarbeit gestürzte
Szene der "Kunstschaffenden" (Allgemeine Zeitung) lauter noch als während der Flüchtlingskrise. Ein "deutscher Soulsänger" - das Adäquat des in der Wissenschaft der Pflanzenbestimmung legendären Blumenbaums - füllt die Amtspflichten des dauerrenitenten Querschädels komplett allein aus.

Der bunte Rest des Bedeutungspop


Der ganze bunte Rest aus Bedeutungspopproduzenten von Lindenberg über Prinzen, Silbermond und Grönemeyer und wie sie alle heißen schweigt und lässt die Stimmbänder ruhen. Kein Lied erklingt für oder gegen Corona. Ausländer, wirre Rapper  und ehemalige Punks müssen mit schnellgeschneiderter Gebrauchsmusik in die Bresche springen.

Der rockende Mittelstand und die Popsternchen hält sich zurück. Allenfalls dort, wo die Forderung nach einer Staatsrente für Kunstproduzenten erhoben wird, die als "Grundeinkommen" künftig jedem ermöglichen soll, hauptberuflich Gitarre zu zupfen, Gedichte zu schreiben oder Filme für Instagram zu drehen, wird es etwas lauter. Ausgerechnet Rockmusiker,  zu deren Tätigkeitsbeschreibung das Rebellentum gehört wie zum Bäcker das Frühaufstehen, reklamieren für ihre Tätigkeit nun Systemrelevanz.

Eben noch "Macht kaputt, was euch kaputtmacht", heute schon im Förderprogramm für Groko-Rock mit Aufklärungsabsicht, nächstes finanziert von der Bundeszentrale für Politische Bildung, Unterabteilung Staatliches Komitee für Unterhaltungskunst, Sparte Rock, Pop und Lieder (RPL). Über Corona singen hier wird heißen, die notwendigen Maßnahmen der Regierung mit allem Nachdruck gutzuheißen. "You know it's alright, it's okay" aus dem Bee Gees-Song "Stay in line" liefert das Muster für lauter Lieder, die im Geist des Dschungelbuch-Soundtracks fordern "Hör auf mich, glaube mir, Augen zu, vertraue mir!"

Ein Effekt, der eintritt, wenn die Verhältnisse nicht mehr tanzen. War Rockmusik ursprünglich eine Ausdrucksform von unten, die  sich dem eigenen Selbstverständnis und dem Verständnis ihrer Hörer gemäß stets gegen das richtete, was als "oben" empfunden wurde, ist dieselbe Art Musik, domestiziert, gekämmt und gefönt und von sehr gut situierten Hauptamtlichen mit Vorstadt- oder City-Wohnsitz hergestellt, inzwischen fester Bestandteil der Lebenswelt der Regierenden. Lindenbergs Genösel gehört zur Ära Merkel wie das hellblaue Funktionärshemd, Grönemeyers Greinen und der schale Schabernack der Ärzte sind der Audio-Guide der Gemeinsinn-Republik. 

Audio-Guide der Gemeinsinn-Republik


Von Tim Bedzko über die Toten Hosen, Max Mutzke, Juli, Revolverheld und Fanta 4 bis hinunter in die prekären Einkommenlagen, in denen kein Mindeslohn gilt, sieht sich eine Szene, die gegen die Akzeptanz des Bestehenden groß und erfolgreich wurde, heute als Verteidiger und Bewahrer der Verhältnisse.  Sie liefern im Normalprogramm den Fahrstuhlsound für eine übersatte Gesellschaft, ein an Marketingkonzepte angepasstes Einheitsgeheul, klanglich für winzige Telefonlautsprecher optimiert, auf Absatzkanäle konzentriert und inhaltlich um jeden Anflug an Kontroverse amputiert. All die Musik ein einziger Mainstream, und der ist "im Zweifel deutlich links der Mitte, emanzipiert, ökologisch, nachhaltig, gendergerecht" (NZZ) - ein Aufstand ist undenkbar, ein Abweichen von der Linie purer Selbstmord.

Spiel nicht zu kaut, mein kleiner Freund, und spiel nur ja nicht eine andere Melodie, das ist die erste Leere, die junge Bands im Umkleideraum des ARD-Morgenmagazins beigebracht bekommen. Bands, die im Nachhall des Aufbruchs der Jugendrebellion der 60er gegen das bürgerliche Establishment ansangen, haben sich in die Begleitkapellen einer alternativlosen Staatspolitik mit Hang zur Hypermoral verwandelt, die ihr kleines Leid kritisch besingen, die Verhältnisse aber, die sie einst zum Tanzen bringen wollten, vorsorglich in Grabesruhe lassen. 

Rebellen mit staatstreuem Gratismus


Von Max Giesingers bis Clueso, Jennifer Rostocks und Annenmariekantereits rollt vom Fließband der klinisch reinen Staatstreue eine Woge an Gratismut und Kostenlos-Courage. Man ist jederzeit einsatzbereit im Dienst der Sache, man ruft zur Wahl oder sitzt in Talkshows, um mehr Klima zu fordern, mehr Gerechtigkeit, mehr von dem, was alle fordern. Niemand onaniert im Studio und keiner zückt eine Axt, um auf den Tisch zu schlagen. Nicht mal Scheiße sagt einer der guterzogenen Nachwuchskader.

Rockmusik, im Kindbett und in ihrer Pubertät ein Aufschrei gegen alles, was wart, ist mit der Generation der Ulla Endlichs, mit Mark Forster, mit Bosse und dem ganzen grauenhaften Heer der verwechselbaren Produkte der "Voice-of"-Industrie zum Soundtrack der gelähmten Gesellschaft geworden. Rebellisch sind hier allenfalls noch die von Kinderhänden in Bangladesh designzerfetzten Edeljeans, als Gesellschaftsschreck gilt schon, wer provokativ gesteht, weiterhin zuweilen Fleisch zu essen. 



Desinfektionsmittel geext: Wie eine Wahrheit entsteht

Eine Geschichte wird Wahrheit, indem jeder etwas hinzufügt.

Wer mit der Wahrheit lügen will, und wer will das nicht!, muss einige grundsätzliche Regeln beachten, um glaubwürdig zu sein. Vor allem kommt es bei der Weiterentwicklung einer vorliegenden Grundwahrheit darauf an, den Fake-News-Anteil so allmählich und behutsam zu erhöhen, dass in der Endstufe der Verbreitung  kein Zweifel mehr daran möglich ist, dass es sich um eine umfassende Darstellung eines wirklichen Geschehens handelt auch wenn das in Wirklichkeit ganz anders aussah. Bekannt ist die Methode aus der Israel-Berichterstattung, bei der deutsche Medien traditionell darauf verzichten, Geschehnisse in ihrer Abfolge zu erzählen. Dadurch gelingt es in der Regel, beim Leser das Gefühl zu erzeugen, er wisse, was passiert sei, obwohl er nach dem Lesen eigentlich noch weniger weiß als vorher.

Die Belegschaft des Kölner Restaurants "Bagatelle" hatte jetzt die seltene Gelegenheit,einer wirklich wahren Meldung bei ihrer Entstehung in Echtzeit zuzuschauen. In der vergangenen Woche hatten drei Gäste der Gastwirtschaft in der Kölner Südstadt spaßeshalber ein Schlückchen von einem Desinfektionsmittel genippt, das wegen Corona vom Restaurantbesitzer "in sehr kleinen Fläschchen" (Bagatelle) auf den Tischen platziert worden war. Es passierte nichts, kein Notarzteinsatz, keine zerstörte Magen-Darm-Flora. "Diese Kleinstmengen stellen für erwachsene Menschen kein gesundheitliches Risiko dar", versichert die "Bagatelle", die die launige Story im sozialen Netzwerk Facebook unter der Überschrift  "Liebe Väter, bitte sauft nicht unser Desinfektionszeug" 
als Unterhaltungsangebot präsentierte.

Keine Dreiviertelstunde später Um 8.42 Uhr fragte die Kölner Boulevardzeitung "Express" nach näheren Einzelheiten. "Die zwei Fragen beantworteten wir gerne", berichtet der Restaurantbetreiber. Kurze Zeit später erschient ein Artikel im Express, mit korrektem Inhalt: "Drei Leute haben von dem Zeug getrunken, nichts passiert, fertig."

Es dauert nicht lange, und  der Fernsehsender RTL greift die Nachricht auf. Aus dem einen Restaurant sind nun zwei Bars geworden, in denen mindestens drei Gäste Desinfektionsmittel getrunken haben. Die Regionalzeitung Stadtanzeiger steigt nun auch ein. Die "Bagatelle" ist nun eine Kneipe, aus der Beschreibung des „etwas fahrlässigen“ Nippens ist ein „fahrlässig“ in der Überschrift geworden, die drei Desinfektionsgenießer haben sich in "mehrere Gäste" verwandelt, die die Fläschchen auf Ex getrunken haben.

Doch die Quelle dieser neuen erweiterten Wahrheit ist nun schon die aller Richtigkeit aller Zeiten: die deutsche Presse Agentur DPA, auch "Wahrheitsfabrik" genannt und Hersteller legendärer right news wie "Viele Ehec-Tote werden nie mehr gesund". Was DPA meldet, stimmt immer, auch wenn es falsch ist. Bei RTL eskaliert die renovierte News nun  mit dem Titel „Oh je, Väter halten Desinfektionsmittel für Schnaps“.

Ein Kracher, dem kein regionales oder überregionales Medium mehr widerstehen kann: Zeitungen und Nachrichtenmagazine berichten je nach Fanatsievorrat von  mehreren Gästen, aus denen schnell viele werden. Im "Mindener Tagblatt" wird Sorge um die Opfer geäußert, deren Zustand "unklar" sei. Die ersten Zeitungen befragen und zitieren Experten und Ärzte, die brühwarm berichten. was alles Schlimmes hätte passieren könnte.

Auch bei den Empfängern draußen im Land wird Sorge laut. Müsste man die Restaurantbetreiber nicht verklagen? Sollte man? Und zeigt der Vorfall nicht exemplarisch, wie dumm Männer wirklich sind? Dann sterben sie eben! Nicht schade drum.

Nach nur acht Stunden zieht die kölsche Lokalmeldung internationale Kreise, als die Krone, Österreichs auflagenstärkste Tageszeitung, ihre Leser über das ungeheuerliche und grauenhafte Geschehen in Kenntnis setzt. In der "Bagatelle" geht eine erste Anfrage einer britischen Nachrichtenagentur ein.


Die renommierte "Süddeutsche Zeitung" fragt nicht. Sie schreibt so. Mit „Desinfektionsmittel geext -  Vatertags-Feiergruppen haben in einer Kölner Bar Fläschchen verwechselt“ verwandelt die Manufaktur für wirklich wahren Journalismus das Kölner Nicht-Geschehen in eine Sonderlage, die auch tief drunten in Bayern ihre Leser zu finden verspricht.

Erst später, aufgeschreckt durch das Erschrecken in Köln, wird daraus "Flaschen verwechselt - Drei Männer haben in einer Kölner Bar Fläschchen versehentlich einen kleinen Schluck  Desinfektionsmittel getrunken". Ein Satz, der inhaltlich bemüht zurückrudert, ohne Sinn zu ergeben. Dass sich nirgendwo ein Hinweis auf die ursprüngliche Überschrift (oben) und die nachfolgende Korrektur findet, versteht sich von selbst. es ist immer alles wahr, so oder so.

Mittwoch, 27. Mai 2020

Hungerwunder Prahlad Jani: Ende der Fastenzeit

Nach eigener Aussage hatte er 80 Jahre lang nur von Luft und Gottes Liebe gelebt: Prahlad Jani.
Er machte sie zu einem Teil der Medienwirklichkeit, die uralte Mär vom rätselhaften Yogi, der seit Jahrzehnten nicht gegessen und getrunken hat und dennoch frisch und fröhlich von Gott erzählt. Vor 17 Jahren machte sich der zauselbärtige Inder Prahlad Jani auf, die internationale Premiumpresse mit wundersamen Geschichten zu Schlagzeilen wie "Seit 70 Jahren auf Null-Diät" (20minuten) oder "70 Jahre ohne Nahrung: Ärzte untersuchen angeblichen Wunder-Yogi" (Spiegel) zu inspirieren. Tief gläubig reportierte der deutsche Journalismus das aus Indien einlaufende Gerücht, der angebliche Fakir sei "von angesehenen Medizinern durchleuchtet" (dpa) worden und er sei tatsächlich "unter ständiger Beoachtung zehn Tage ohne Essen und Trinken ausgekommen", wie es hieß. Jani habe dabei nur "einige Gramm Gewicht" verloren.

Nur ein paar Gramm Wahrheit


Medien, die sich heute fragen, wo das alles angefangen hat mit dem Glaube an "Verschwörungstheorien" und mit den bösen Vorurteilen über die "Lügenpresse", die seit einigen Tagen nahezu durchweg in "Verschwörungsmythen" umbenannt worden sind, der wird bei der Jani-Mär fündig. Wenn jemand in zehn Tagen ohne Essen einige Gramm Gewicht verliert, wäre er natürlich nach durchhungerten 25.000 Tagen faktisch nicht mehr da. Doch einer solchen, durchaus naheliegenden Lösung des überirdischen Problems gingen Wissenschaftsredakteure in wirklichen Qualitätsmedien schon damals eher weniger gern nach. Man darf so eine Sache auch nicht kaputtrecherchieren!

So wie aufklärende Fernsehsendungen zu EU-Rettungspaketen heute immer "Wohin mit dem ganzen Geld - wie rettet Deutschland richtig" heißen, nie aber "Woher kommt eigentlich das ganze Geld - und wer muss zahlen?", lief die Geschichte des mystischen Jogi unter "Rätsel", auf die auch "der untersuchende Arzt Dr. Sudhir Shah" keine Erklärungen habe.  Es sei eben einfach so, dass Jani als Achtjähriger von einer Gottheit berührt wurde und seitdem weder Hunger noch Durst verspüre. Der menschgewordene Hungerhaken ernähre sich von einer "Flüssigkeit, die aus einer Öffnung in seinem Gaumen" ströme. Ein Perpetuum Mobile, das sich selbst auffrisst, ohne dabei weniger zu werden - im Grunde genommen ein früher Prototyp der Finanzierung der EU.

Ein Fall von Autophagie


Als fiele Manna vom Himmel, schrieben sich die erklärten Vertreter der Aufklärung die Finger wund über das Wunder von Ahmedabad. Als Zeuge wurde immer wieder Sudhir Shar aufgerufen, ein ausgewiesener Spezialist für Hokus wie für Pokus: Einmal hatte der Wunder-Wissenschaftler einem Mann namens Hira Ratan Manek bestätigt, dass er ausschließlich von Sonnenlicht lebe, nachdem Manek  400 Tage unter Shahs Aufsicht auf jede Nahrung verzichtet hatte. Die Erfolgsdiät dieses Shah-Klienten: "Es reicht völlig, wenn man 40 Minuten pro Tag barfuß läuft und in die Sonne schaut." Shah nickte emsig zur Bestätigung: Sein 63-jähriger Patient habe seinen "energetischen Haushalt auf die Versorgung durch kosmische Quellen umgestellt", er nehme "über seine Zirbeldrüse Licht auf und wandele es durch Photosynthese in Energie um".

Deutsche Medien standen bei Fuß und sie führten Protokoll. Nicht irgendwelche Wartezimmerblätter, sondern die ersten Adressen. "70 Jahre Nulldiät" staunte der "Spiegel", der Jani Hungerkur über all die Jahre getreulich verfolgte. Janis Methode klang für die Wissenschaftsexperten in Hamburg, Berlin und Hamburg wie die Lösung der Ernährungsprobleme der Welt. Sobald eine neue Version der immer gleichen Hungerjogi-Geschichte in seiner Heimatzeitung Ahmedabad Mirror erschien, wurde das Staunen  global. Selbst der Umstand, dass Jani irgendwann den Fehler machte, anzugeben, dass die Ärzte seinen Urin untersucht hätten, änderte nichts am Urvertrauen der Premiummedien am Hungermärchen, die selbst eben noch reportiert hatten, Jani müsse nie zur Toilette.

Der Tod holt ihn ein 


"Mediziner halten es für unvorstellbar, dass ein Mensch derart lange vollständig fasten kann", staunten die Berichterstatter. Der Mensch könne nach Expertenschätzungen maximal 60 Tage ohne Nahrung überleben – der Flüssigkeitsentzug hingegen sei schon nach wenigen Tagen tödlich, hieß es. Jani aber lebte. Was für ein Wunder! oder könnte es sich um Betrug handeln? Hautnah wurde der Yogi immer wieder "rund um die Uhr beobachtet" (DPA), einmal sogar vom Defence Institute of Physiology & Allied Sciences des nationalen Verteidigungsinstituts.

Aussagen von dessen Chef Govindasamy Ilavazhagan" übersetzte ein "Spiegel"-Reporter wie immer direkt aus dem "Ahmedabad Mirror". Ilavazhagan, ein Spezialist für die Behandlung der Höhenkrankheit, habe  "neue Untersuchungsergebnisse" angekündigt, die das Geheimnis um Yogi Jani endlich lüften würden. Dazu kam es niemals, es hat auch niemals mehr jemand danach gefragt, denn die Geschichte vom Hungerkünstler war natürlich viel schöner als es eine über einen Hungerbetrüger gewesen wäre.

Jetzt ist Prahlad Jani, das menschliche Perpetuum Mobile, das in seinem Heimatort gestorben. Jani wurde 90 Jahre alt.

Corona-Demos: Gar nicht wissen wollen, was ist

Nicht wissen wollen, was ist: Corona-Journalismus setzt auf Abstand.

Corona-Verweigerer, Corona-Leugner, Corona-Zweifler - am Wochenende waren sie wieder überall auf den Straßen, ein, gemessen an der Gesamtbevölkerung, winziger Haufen Skeptiker, die zum Beispiel an Dinge glauben, die im Infektionsschutzgesetz stehen. Dessen § 20 ermächtigt das Bundesministerium für Gesundheit "durch Rechtsverordnung mit Zustimmung des Bundesrates anzuordnen, dass bedrohte Teile der Bevölkerung an Schutzimpfungen oder anderen Maßnahmen der spezifischen Prophylaxe teilzunehmen haben, wenn eine übertragbare Krankheit mit klinisch schweren Verlaufsformen auftritt und mit ihrer epidemischen Verbreitung zu rechnen ist".

Bedrohte Teile der Bevölkerung. Eine Impfpflicht ist das nicht, denn die hat Kanzleramtsminister Helge Braun in aller Eindeutigkeit ausgeschlossen, wobei er allerdings nicht sagen wollte, weshalb das eben erst in einem Eilgalopp runderneuerte Infektionsschutzgesetz genau diese Möglichkeit per Verordnung ausdrücklich vorsieht.

Nicht fragen, wo die Antwort nicht vorher feststeht


Es hat ja danach auch niemand gefragt. Wie überhaupt auffällt, dass es medial an Fragen genau dort mangelt, wo die Antworten nicht absehbar sind. Seltenst nur finden sich in den farbigen Berichten über die Corona-Demos der verschwindend kleinen Gruppe von Kritikern dieser oder jener Regierungsentscheidungen während der "Corona-Zeiten" (DPA) Aussagen, die direkt von Demonstranten kommen.

Als Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer kürzlich bei einer Demo auftauchte, um selbst mit Protestierenden zu sprechen, sorgte dieser Bruch mit der  irgendwo von irgendwem getroffenen stillschweigenden Regel, Wutbürger und Corona-Leugner niemals auf eine solche Weise aufzuwerten, für Aufregung ausgerechnet bei den Blättern, deren erstes Interesse es seit Wochen hätte sein müssen, selbst herauszufinden, wer außer Xavier Naidoo, Ken Jebsen und Attila Hildmann dort eigentlich weswegen öffentlich provokativ meditiert und protestiert.

Doch statt zu tun, was Aufgabe von Medien wäre, nämlich herausfinden, was ist, um es dann zu beschreiben, hält das ehemalige Nachrichtenmagazin "Spiegel" sich lieber einmal mehr selbst den Spiegel vor. Markus Feldenkirchen, bekanntermaßen kein Wutbürger, sondern nach 20 Jahren im Geschäft eine preisgekrönte Betriebsnudel des bundesdeutschen Parlamentsbetriebes, erklärt einmal mehr, dass es richtige und falsche Gründe gebe, auf die Straße zu gehen. Die richtigen kennt der "Spiegel". Vor den falschen kann er nur warnen. Psychiatrische Hilfe bräuchten die, die ihre "wirre Gedankenwelt" (Feldenkirchen) spazierentragen, denn sie hätten "chronisch einen an der Waffel".

"Chronisch einen an der Waffel"


So viel Liebe zum Leser lässt sich ahnen, wo das Finanzproblem herkommt, mit dem der "Spiegel" zu kämpfen hat, weil die Auflage seit Jahren unaufhaltsam schwindet. "Für manche Demonstranten hält die Psychiatrie effektivere Hilfen bereit als die Politik", schreibt Feldenkirchen. Und für manche Journalisten wäre ein Job im Newsroom einer Partei oder Behörde sicherlich ein passenderer Arbeitsplatz als die Schreibmaschinengewehrstellung in einem Medium, das ein Publikum bedienen will, das die Macher verabscheuen und verachten.

Wäre es doch nur endlich ganz verschwunden, dann stünde nichts mehr der finalen Verseiberung im Wege! So lange aber störrische Leser und Werbekunden aus der Autoindustrie einen Job finanzieren, an dem dessen Besitzer nur noch ein Restinteresse haben, darf man seinen Unmut über den Unmut Unbelehrbarer über die Corona-Regeln gern rauslassen. Dazu fragt der "Spiegel" Juli Zeh, die trotz aller Corona-Skepsis irgendwie doch noch menschlich wirkende Lieblingsliteratin des Bionadeadels. Und  das ZDF erkundet die Mutmaßungen einer Julia Zilles, von Berufg "Protestforscherin" am "Göttinger Institut für Demokratieforschung". Die will herausgefunden haben, dass der "Teilnehmerkreis sehr diffus" ist. Nicht alle haben Reißzähne, nicht alle Hakenkreuztattoos. Und nur eine Minderheit hält Bill Gates für einen kinderblutsaufenden Teufelsanbeter.

Aber! Keine Entwarnung! "Es sind Menschen dabei, die die Corona-Pandemie aus medizinischer Sicht anzweifeln, anderen geht es um die wirtschaftlichen Folgen, während wieder andere sich massiv in ihren Grundrechten eingeschränkt sehen", lässt Zilles keinen Zweifel an der fragwürdigen Diffusität, die "typisch" sei  "für die Anfangsphase von Protesten." Zwei Wochen später ist Hitler dann wieder in Berlin. Kennt man doch.

Geliebter und ungeliebter Protest


Nein, das sind jetzt keine "Bürgerproteste" (Zilles), wie die Forscherin sie so liebevoll beschrieben hat, als es noch um "die Energiewende als gesellschaftlicher Konsens" ging. Hier muss vor einer Vereinnahmung der Proteste durch Extremisten gewarnt werden, denn in einschlägigen Facebook-Gruppen "tummeln sich Menschen, die ihr Mitspracherecht fordern, neben solchen, die Medien, Staat, und Statistik mehr oder weniger stark misstrauen" (Komma im Original). Und dazwischen selbstverständlich "handfeste Verschwörungstheoretiker" (Zilles) - nur Stunden entfernt vom Moment, in dem der Glaube an nicht endgültig verbeamtete Wahrheiten für strafbar erklärt und einschlägige Delinquenten durch reisende Meinungsgerichte gleich am eigenen Küchentisch abgeurteilt werden.

Gäbe es Julia Zilles nicht, die für Medien, die selbst durch nicht klar ersichtliche Umstände daran gehindert werden, zu beobachten, ein Auge auf die Demos hat, wüsste niemand, dass dort "durchaus gewaltbereite Strömungen unterwegs sind". Zwar kann auch die Expertin nicht sagen, wie groß der Anteil an Radikalen und Extremisten wirklich ist. Doch in dieser frühen Phase der Beobachtung nützt das eher, denn wüsste man jetzt schon, dass unter den recht wenigen Demonstranten noch weniger richtig Irre sind, erschwerte das das die Aufrechterhaltung des Daueralarms, diese Truppenteile könnten morgen auf Berlin marschieren und die Demokratie abschaffen.

So aber ist sicher, dass es "einen gewissen Anteil" gibt, der "argumentativ nicht zu überzeugen ist".

Diese Leute glauben einfach, dass Lockerungen bis hin zur Aufhebung aller Auflagen möglich und nötig sind. Dabei ist so klar, dass dann alle völlig ungeschützt wären. 

Dienstag, 26. Mai 2020

Staatsbetrieb Lufthansa: Flieg nicht so hoch

Hochnotpeinliches Verhör: Claus Kleber (r.) fordert das Ende des klimaschädlichen Flugbetriebs, Peter Altmaier (l.) aber will keine Einsicht zeigen.


So viele fügt sich nun durch Corona doch zum Besseren. Die AfD auf dem niedrigsten Zustimmungswerten seit Jahren, die SPD in einem ersten zarten Höhenflug. Deutschland ist die größte Volkswirtschaft der Welt, dennoch aber hält die Bundesregierung ihre Klimaziele ein. Die Zahl der Verkehrstoten ist gesunken, die Zahl der Heimarbeiter gestiegen. Verglichen mit ausgesuchten anderen Staaten gab es auch kaum Opfer im Land, das alle ringsum beneiden, weil es so schön ist und seine Menschen so gut und gerne in ihm leben. So gut und gerne, dass auch die Überlebenskrise der nationalen Airline Lufthansa als eine fantastische Gelegenheit begriffen wird. "Viele Menschen bemerken, dass man auch anders von A nach B kommen kann", mahnt etwa der Nachrichtenansager Claus Kleber den Wirtschaftminister in einem hochnotpeinlichen Gespräch über die beabsichtige Rettung der Fluglinie Lufthansa, "und Sie investieren in ein schrumpfendes Geschäft einen gewaltigen Betrag?"

Ein Gespräch unter Vielfliegern


Neun Milliarden. Fragwürdig, natürlich, denn die Lufthansa hat in den guten Jahren zuletzt nur drei Milliarden Euro pro Jahr verdient. Peter Altmaier aber steht zwar im Wort, weil er eingangs der Großkrise versprochen hatte, dass "kein Arbeitsplatz wegen Corona verloren geht". Doch angesichts des umweltvernichtenden Geschäftsmodells der Lufthansa scheint es aus den Redaktionsbunkern des Heute-Journals gesehen naheliegend, jetzt Schluss damit zu machen, wo gerade sowieso fast alle Maschinen am Boden stehen. "Es ist schlecht, wenn Leute stundenlang in engen Röhren sitzen, um ans Ziel zu kommen", fasst Claus Kleber seine langjährigen Flugerfahrungen zusammen. Weg damit, niemand braucht das mehr in Zeiten von Home Holidays und wunderschöner Fernferien per Onlinebesuch.

Die Bundesregierung aber wehrt sich. Im Gespräch der beiden Vielflieger betont Altmaier die "100.000 Arbeitsplätze" bei der Airline, die gesichert werden sollen. Nicht zuletzt, um mit ihrer Gemeinwohlabgabe von rund 1,5 Millionen Euro monatlich den Arbeitsplatz von Kleber zu retten, der als selbständiger Unternehmer für das ZDF moderiert und es mit diesem Geschäftsmodell zum bestbezahlten deutschen Nachrichtenansager gebracht hat. Zudem, so sagt Wirtschaftsminister Peter Altmaier, müsse die Lufthansa gerettet werden, um den "lukrativen Markt" der fliegenden Mobilität  nicht asiatischen oder arabischen Unternehmen zu überlassen. Als größter Anteilseigner bei Airbus, dem größten Zivilflugzeughersteller der Welt, hat Deutschland ein nicht unwesentliches Interesse daran, dass Firmen weiterexistieren, die Flugzeuge kaufen.

Rechnung ohne EU-Kommission



Doch in der EU-Kommission hat Claus Kleber einen mächtigen Verbündeten beim Kampf gegen Altmaiers Vorhaben gefunden, dafür zu sorgen, dass die Lufthansa aus der Krise "gestärkt hervorgeht". Wettbewerbskommissarin Margethe Verstager, die nur drei Fünftel von dem verdient, was Kleber monatlich nach Hause trägt, winkte zwar eine von Frankreichs angekündigte "Liquiditätssoforthilfe" in Höhe von sieben Milliarden Euro für die nationale Luftfahrtgesellschaft Air France noch beiläufig durch. Der Airline musste schließlich "die Liquidität zugeführt" werden, "die das Unternehmen dringend benötigt, um den Auswirkungen des COVID-19-Ausbruchs zu trotzen. Doch das geht im Falle des deutschen Konkurrenten nicht so einfach.

Denn europäisches Wettbewerbsrecht bleibt auch in der Krise zu beachten - zumindest wenn das finanzstarke Deutschland deutsche Firmen rettet und der Verdacht naheliegt, dass diese Rettung letztlich deren Wettbewerbsposition stärken wird. Das widerspräche europäischen Prinzipien, die auf einen Ausgleich zwischen denen bedacht sind, die ihr Geschäft dauerhaft betreiben, ohne jemals Geld zu verdienen, und deshalb fortwährend auf staatliche Hilfe angewiesen sind. Und denen, die durch die "größte Herausforderung seit dem Zweiten Weltkrieg" (Merkel) unverschuldet vorübergehend keinen Geschäftsbetrieb mehr aufrechterhalten konnten.

Obwohl die Bundesregierung selbst die entsprechenden europäischen Verträge unterzeichnet und damit die deutsche Entscheidungssouveränität über eine Rettungsmaßnahme wie die jetzt für die Lufthansa geplante Neun-Milliarden-Spritze an die EU abgegeben hat, zeigt sich Berlin uneinsichtig. Angefangen von der Kanzlerin, die sich selbst als ganz besonders große Europäerin sieht, bis zum Wirtschaftsminister, der das Reisen per Flugzeug immer noch für eine Selbstverständlichkeit zu halten scheint, stellt sich die deutsche Spitzenpolitik quer gegenüber der Forderung der EU-Kommission, dass die nach 23 Jahren im Privatbesitz nunmehr wieder teilstaatliche Fluggesellschaft Start- und Landerechte an schwächere Konkurrenten abgeben müsse, damit auch denen beim Überleben geholfen ist.

Kanzlerin stellt sich gegen Europa


Demonstrativ hatte sich Kanzlerin Angela Merkel als Erste gegen die Forderungen aus Brüssel gestellt und einen "harten Kampf" angekündigt, sollte die EU das nach einem Vorschlag aus der Bundesworthülsenfabrik "Stabilisierungspaket" genannte milliardenschwere Rettungsunternehmen nur unter Auflagen genehmigen.  Obwohl der Bund mit dem Wirtschaftsstabilisierungsfonds eigens einen neuen Schattenhaushalt gegründet hatte, um "die ökonomischen Auswirkungen der Pandemie auf Unternehmen abzufedern, deren Bestandsgefährdung erhebliche Auswirkungen auf den Wirtschaftsstandort oder den Arbeitsmarkt in Deutschland" hätte, pocht die Kommission ihrerseits auf ihr Recht, eine Genehmigung versagen oder wettbewerbliches Auflagen machen zu können.

Eine Chance, die Europa nutzen muss, denn die EU stand bisher im gesamten Krisenverlauf vollkommen im Schatten, weil die Nationalstaaten angesichts der ernsten Lage ohne die üblichen langwierigen Rücksprachen mit der Operettenetage (siehe: "Europäische Lösung: Die längsten 14 Tage der Menschheitsgeschichte") jeweils unabgesprochen Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Virus getroffen hatten.

Nach Abschluss dieser wilden und anarchischen Phase ist die EU-Kommission nun gezwungen, an einem Präzendenzfall durchzuexerzieren, dass nicht jeder Mitgliedsstaat tun und lassen  kann, was er will. Dazu sucht Margarethe Verstager den Konflikt mit dem größten, zugleich aber bekanntermaßen einsichtigsten Verletzer der gemeinsamen Verträge. Altmaiers Zuversicht, dass die Wettbewerbskommissarin den Staatshilfen am Ende doch einfach so zustimmen werde, dürfte enttäuscht werden. Es wird wie immer eine europäische Lösung geben: Weit in der Zukunft, wenn niemand mehr an die Sache denkt, irgendein fürchterlich fauler Kompromiss, der allen Seiten die Möglichkeit gibt, zu behaupten, man habe sich durchgesetzt und Europa sei ein weiteres Mal eine ganz großartige Hilfe gewesen.

Corona in der Kirche: Denn Gott will es

Gottes Kraft hat dafür gesorgt, dass das als Mahnung für alle Menschen gedachte Corona-Virus sich in Hessen noch einmal zu Wort melden konnte.

Er kanns eben, vielleicht als einziger. Der Gott der Christen hat die große Pandemie recht überzeugend genutzt, um Zweiflern und Hetzern gegen den rechten Glauben seine Macht zu demonstrieren. Erst ließ er die Seuche los - eine Strafe Gottes wie aus der Kinderbibel, die unter den sieben Plagen auch mindestens ein Virus beschreibt. Dann blieb er hart wie immer, als Papst Franziskus, sein eigener gesalbter Stellvertreter auf Erden, vor dem leeren Petersplatz in Rom barmte und bettelte und betete, Gott möge Corona von uns nehmen. Und nun hat der Herr aller Dinge beschlossen, ausgerechnet die Seinen noch einmal besonders hart zu strafen: Bei einem Gottesdienst in einer Gemeinde in Frankfurt steckte der gute Hirte mindestens 107 Menschen mit Corona an.

Unter den Infizierten befindet sich auch ein Kind, doch es muss der Herr selbst gewesen sein, dem es gefallen hat, die Pandemie dorthin zu bringen, wo die Menschen noch auf ihn hören, nicht auf Behörden, Politiker oder seuchenleugnende Köche. Als Gottes Güte gefeiert wurde, endlich wieder nach Wochen, in denen es IHM gefallen hatte, Gottesdienste und andere Veranstaltungen zu seinem eigenen Ruhm ausfallen zu lassen, meldete sich der HErr auf seine eigene, unnachahmliche Weise: Die Treuesten, die am inniglichsten zu ihm gebetet hatten, strafte er mit einer Masseninfektion.

Es ist, als wolle  der Allesbestimmer in der Stunde der höchsten Not "seit dem Zweiten Weltkrieg" (Angela Merkel) noch einmal klarstellen, dass mit ihm nicht zu verhandeln ist. Von seinen hauptamtlich tätigen Jüngern Stets als "gütiger Gott" gefeiert, hatte die gemutmaßte Dreifaltigkeit bis heute wiederholt verdeutlicht, dass ihr an Gebeten nicht gelegen ist. Der Mensch bittet, Gott tut, was er will, überdies, ohne seine Entscheidungen davon abhängig zu machen, wer um welchen Gunsterweis gebeten hat.

Selbst auf seinen Stellvertreter auf Erden, einen älteren Herren, der in seinem langen Leben längst bemerkt haben müsste, dass Gebete gar nichts nützen, ist Gott bislang in keinem einzigen Fall eingegangen. Zu Ostern 2015 bereits hatte Papst Franziskus mit allem Nachdruck um eine friedliche Welt gebeten - dazu war er vor die seinerzeit noch zulässigen tausenden von Pilgern auf dem Petersplatz in Rom getreten und hatte das Ende von Kriegen und Gewalt in den Krisenregionen der Welt und einen endgültigen Frieden im Nahen Osten herbeigefleht. "Möge zwischen Israelis und Palästinensern die Kultur der Begegnung wachsen und der Friedensprozess wieder aufgenommen werden", so Franziskus vor fünf Jahren.

Der Gott, der derzeit herrscht, ist jedoch nicht nur harthörig, sondern geradezu rachsüchtig. Womöglich wegen der zahllosen Missbrauchsfälle in den Kreisen seiner Anhänger, die allerdings ebenso durchweg mit seinem Wissen und nach seinem Willen geschahen wie alles andere auf der Welt, reagierte Gott anders als erhofft. Weder ließ er Weltfrieden herabkommen noch versöhnte er Palästinenser und Juden, ganz im Gegenteil, eben erst hat er Palästinenserpräsident Mahmud Abbas veranlasst, alle Abkommen mit Israel und USA aufzukündigen.

Gott kennt keine Gnade, aber er hat Humor. "Abbas" etwa ist die die lateinische Übersetzung von "Abt", der Amtsbezeichnung eines christlichen Klostervorstehers. Äbte wurden in der katholischen Kirche in der Regel auf unbestimmte Zeit gewählt; darum ist der dem mohameddanischen Glauben anhängende Abbas auch noch im Amt, obwohl  die Wahl, die ihn nach Ablauf seiner ersten Amtsperiode 2009 im Amt hätte bestätigen müssen, seit nunmehr elf Jahren verschoben worden ist.

Gott will es so und er wollte offenbar auch, dass die Baptisten im für seine zum Teil schwer zerstörte Demokratie bekannten Hessen die verdiente Strafe empfangen für ein Leben in  "organisierter Unverantwortlichkeit“, wie der Hanauer Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD) das Geschehen nach dem feierlichen Akt der unmittelbaren Infektion nannte.

Niemand hat etwas falsch gemacht,es gab keine Versäumnisse, keine Verstöße. Gott aber braucht keine Mithilfe des Menschen, um sich zu Wort zu melden, er lässt Wunder geschehen und Frösche, Blut oder Stechmücken regnen, wie er mag, oder er lässt eben ein Virus davon sprechen, dass der Mensch ihm viel zu geldgierig, zu klimaschädlich und zu angefüllt mit Sünde ist. Eigenschaften, die Gott selbst seinem Geschöpf ursprünglich in unbekannter Absicht eingebaut hat, mit denen er nun aber nicht mehr recht zufrieden scheint. Corona, so hat er es seinen Stellvertreter schon vor Wochen unmissverständlich verkünden lassen, ist ein "viraler Genozid", der als Erziehungsmaßnahme für eine Menschheit gedacht ist, die die "ökologische Krise ignoriert" (Franziskus).

Ein guter Gott ist ein strafender Gott, denn er die er liebt, die tötet er, um sie  vor den unsäglichen Plagen zu bewahren, die im "Hinterher" (Franziskus) warten. "Hunger, vor allem bei Menschen ohne feste Arbeit, Gewalt, das Auftauchen von Wucherern (die die wirkliche Pest für die soziale Zukunft bedeuten), Kriminalität". Spanien, Italien, Brasilien, es sind die in heißer Liebe zum Katholizismus in all seinen Spielarten entbrannten Staaten, die von Anfang an die meiste Liebe empfingen und die größten Opfer bringen durften. Jetzt hat Gott auch den Baptisten von Frankfurt und all ihren Glaubensbrüdern in den mittlerweile ebenfalls angesteckten Landkreisen gezeigt, dass er sie mag und prüfen will, ob sie stark genug sind, seine Zuneigung zu erwidern.

Montag, 25. Mai 2020

Deutschland über alles: Die grüne Sehnsucht nach nationaler Größe

Was sie weiß, weiß oft kein anderer: Annalena Baerbock hat den USA, China und Japan jetzt gezeigt, wo der Hammer hängt.

Es kommt nie so richtig darauf an, ob es stimmt. Sondern ausschließlich darauf, ob es klingt, als könne es wahr sein. Das ZDF ernannte einst Deutschland zum reichsten Land der Welt, eine gefühlte Wahrheit, die von einer derart preisgekrönten Redaktion verkündet wurde, dass sie einfach richtig sein musste. Ebenso stimmig scheint es, dass die Talkshowansagerin Anne Will neuerdings eigene Namen für Vereine und Vereinigungen erfindet. Der Deutsche Steuerzahlerbund heißt bei ihr "Steuerzahler_Innenbund", eine Vereinigung, die nicht existiert, in der Welt der freischaffenden Fernsehproduzentin aber im Grund existieren müsste. Denn Will hat die "Corona-Zeiten" (MDR) genutzt, im Studio mal richtig durchzugendern. Jeder und jedes ist seit einiger Zeit nur noch als "Innen" zu haben, selbst um den Preis, dass das, wovon die verdiente Fernsehschaffende aus dem Rheinland dann spricht, damit eigentlich nicht existiert.

Eine Spezialität auch der Grünen-Vorsitzenden Annalena Baerbock, die nicht nur als Erfinderin der "Grünen Physik" in die Geschichstbücher einging, seit deren Entwicklung Stromnetze gleichzeitig aus Speicher dienen können, so dass große Teile der Stromerzeugung verzichtbar werden. Nein, Baerbock, ehemalige Trampolinspringerin und seit 2013 mit einem ruhenden Promotionsvorhaben unter dem Titel „Naturkatastrophen und humanitäre Hilfe im Völkerrecht" in der Hinterhand, konnte auch schon überzeugend darlegen, wie künftig mit oder ohne Hilfe von Kobolden ganz viel Hightech ganz, ganz naturfreundlich produziert werden wird.

Ein StargastIn, dieder selbst in den Tagen der Krise immer gern in die TV-Schwatzbude geladen wird, obwohl die Grünen durch die Seuche ihrer Hauptkompetenz verlustig gingen, den nahenden Klimateufel an die wand zu malen. Aber Annalena Baerbock  weiß zum Glück mit spitzer Stimme zu allem etwas zu sagen. Wochen, in denen sie nicht bei Will, Maischberger, Plasberg oder im Moma auftaucht, gelten in Fankreisen deshalb als Grund zu ernster Besorgnis. Hat sie sich angesteckt? Der Politik den Rücken gekehrt? Wer soll sie ersetzen? Und lohnt es überhaupt, ohne sie weiterzumachen?

Nein, denn selbst wenn sich Karl Lauterbach, das Gesicht der Corona-Ära im Talkshowgeschäft, alle Mühe gibt und mit NachwuchskräftenInnen wie der bayrischen LandesvorsitzendenIn Katharina Schulze ähnlich ambitionierte Kräfte nachdrängen - Annalena Baerbock ist die einzige, die wahre Meisterin des Sprechens auf Verdacht, der eigentlichen Uneigentlichkeit eines im Sprachakt eingebundenen Erkennens einer Welt, die so nicht existiert, die aber, ginge es nach dem SprecherIn (Will), jedes Recht hätte, nach ihrer Existenz zu verlangen. Schon aufgrund deutscher schlimmen deutschen Kolonialgeschichte.

"Und eigentlich sind wir die größte Volkswirtschaft der Welt", hat Baerbock Millionen bereits halbeingeschlafenen DeutschInnen jetzt in der Will-Sendung mit dem schönen Titel "Wohin mit all dem Billiarden?" mitgeteilt. Ein Nebensatz mit Sprengkraft, denn die Volkswirtschaft der USA ist fünfmal so groß, die Chinas dreimal größer und selbst Japan stellt noch nahezu ein Drittel mehr Waren und Dienstleistungen her als die fleißigen DeutschTV-ZuseherInnen in Deutschland. Aber bei Annalena Baerbock ist da eben dieses "eigentlich", das aus einer vermeintlich womöglich sogar strafbaren Falschaussage eine Wahrheit höherer Ordnung macht. Deutschland ist vielleicht nicht die größte Volkswirtschaft der Welt, nein. Aber Deutschland ist sie eigentlich doch, denn wer es vergessen hat: In den USA regiert Trump, das zählt nicht, China ist keine richtige Demokratie. Und Japan, nun, Japan, das ist so weit weg, die müssen halt selber sehen.

In der Stunde der Not, wenn die Studioscheinwerfer ihre Lichtnadeln in die Rougepatina stechen, geht es nicht um Details, sondern um das große Ganze, um Deutschland Größe vor allem, die der wahre Patriot immer schon als sehr viel größer empfunden hat als es Landkarten oder schnöde Statistiken zu zeigen vermochten. Annalena Baerbock hat nun gewagt, auszusprechen, was so viele ihrer PolitikerkollegInnen sich nicht zu sagen wagen: Als amtierender Moralweltmeister ist ein Staat immer auch  die größte Volkswirtschaft der Welt, einfach weil das eigentlich nicht anders geht. Einer muss es ja machen, und besser wir, als die Chines_Innen, USA-Amerikaner_Innen oder Japaner_Innen.