Google+ PPQ: März 2019

Donnerstag, 21. März 2019

EU: Wer solche Freunde hat


Lebensfremd, abgehoben, bürgerfeindlich und eigentlich nur aller paar Jahre einmal daran interessiert, etwas von der eigenen Basis zu hören - das ist das Image der EU, die traditionell auch nie viel Wert darauf gelegt hat, nach außen hin als gefallsüchtig zu gelten. Hier und da mal ein Nobelpreis, gern auch ein wenig Flunkerei, um sich selbst noch bedeutender zu machen als man sich selbst ohnehin schon hält. Das reichte über Jahrzehnte, denn schräge Figuren wie Martin Schulz und Elmar Brok wussten tief in ihrem Inneren, dass es ihnen an der Fähigkeit gebrach, Menschen tatsächlich von sich zu begeistern.

Doch die Welt dreht sich weiter und auch die EU kann nicht mehr sein, wie sie immer war, ein kaltes Elitenprojekt, das seine Führungsfunktionen mit guten Freunden besetzt und dabei bereit ist, demokratische Regeln außer Kraft zu setzen. Und so fragt die EU nun über eine ihrer Vorfeldorganisationen kumpelig: "Was kann die EU tun, damit dein Vertrauen in sie steigt?" Die Union im Privatradiomodus, von Du zu Du, gerade noch rechtzeitig vor der EU-Wahl im Mai umgeschaltet auf Bürgernähe und Dialog. Steht es wirklich schon so schlimm um die Stimmung im Herzen der 24-sprachigen Verwaltung?

Doch nein, es ist nicht die EU selbst, die da auf die Bürgerinnen und Bürger zugeht. Sondern "Friends of Europe", eine Truppe engagierter Europafreunde, die aus tiefster innerer Überzeugung  Imagewerbung für die Brüsseler Großbehörde betreiben. Ein Liebesdienst, den die Truppe ehemaliger hochrangiger EU-Bediensteter sich vom europäischen Steuerzahler bezahlen lässt: Laut Transparenzregister der EU beträgt das Gesamtbudget der Lobbygruppe um ihren Gründer und heutigen "Generalsekretär" Giles Merritt rund 2,8 Millionen Euro, etwa eine Million davon spendiert die öffentliche Hand.

Dafür gibt es gut zurück: "Europäer vertrauen der EU mehr als ihren eigenen Regierungen", zitieren die Freunde Europas die Ergebnisse der sogenannten "Eurobarometer-Umfragen", die jeweils auf Wunsch und Rechnung der EU angefertigt werden. Dass das Vertrauen der Bürger in die EU höher ist als in ihre nationalen Regierungen und Parlamente, steht damit fest. So hätten, heißt es weiter, in der letzten Umfrage 42 Prozent der befragten Bürger angegeben, der EU „eher zu vertrauen“ als den in ihrem Heimatland Regierenden. "Das ist fast die Hälfte der Bevölkerung, gar nicht mal schlecht, oder?", freuen sich die "Freunde".

Doch zufrieden sind sie nicht. Im Grunde bedeute das ja nur, dass die EU im Vergleich zu den nationalen Regierungen, "die sich momentan auf dem Tiefpunkt befinden" (FoE), besser abschneide. Und außerdem ist da immer noch die andere Hälfte der Bevölkerung, die angibt, der EU „eher nicht zu trauen“.

Also nun mal Butter bei die Fische: "Was kann die EU tun, damit das Vertrauen der Bürger in sie wieder steigt? Derzeit, so die offizielle Lesart, ist die "Zustimmung für die EU auf Rekordniveau" (EU), aber da geht doch noch was! Muss! Die "Friends of Europe" haben "Europaabgeordneten des gesamten politischen Spektrums diese Frage gestellt. Schau dir hier die Antworten der sieben verschiedenen Parteien zu dieser Frage an und stimme weiter unten ab, wem du bei dieser Frage deine Stimme geben würdest", heißt es da.

Allerdings ist Europa eben ein Kontinent ohne gemeinsame Öffentlichkeit. Deshalb sind die angeblichen sieben Abgeordneten hier eigentlich 14. Deutschland bekommt nämlich sieben Deutsche präsentiert.

Der Rest Europas sieben Nicht-Deutsche.

Neues von Trump: Der Miesling und die Meinungsfreiheit


Es war zuletzt ganz still geworden um den amerikanischen Präsidenten, stiller denn je seit der Wahl Donald Trumps ins Weiße Haus. Kaum noch ein deutsches Leitmedien pflegte die zwei Jahre mühsam und manchmal auch schon verzweifelt am Leben gehaltenen Träume von einer baldigen Amtsenthebung. Selbst die Russland-Ermittlungen, auf der so viele Hoffnungen geruht hatten, konnte nur noch ganz leise beigesetzt werden, ehe man Trumps demokratische Gegenspielerin Nancy Pelosi zitierte, deren Kapitulationserklärung als großmütiger Verzicht verkauft wurde. Trump sei es nicht wert, für ihn ein Amtsenthebungsverfahren anzustrengen, sagt die 78-Jährige, als sei die Einleitung eines solches Verfahren ihre leichteste Übung, auf die sie nur verzichte, weil ihr die Einheit des Landes wichtiger sei.

Natürlich hat Pelosi überhaupt keine Möglichkeit, diesen "Pfad", wie sie es nennt, zu beschreiten. Und natürlich wissen das am Grunde genommen auch all die eingeschworenen Feinde des Präsidenten, die seit zwei Jahren Hass gegen ihn schüren, wo immer sie können. Und selbst dort nicht davon ablassen, wo es sie Glaubwürdigkeit, Leser und schlussendlich die eigenen lukrativen Posten kostet.

Trumphass ist wie Waschzwang, er juckt und die Brinkbäumers, Doemens, Maas und Merkel müssen kratzen bis aufs Blut. Was immer Trump tut, es ist nicht gut. Und was immer er lässt, ist auch nicht besser. Man versucht das, was man für das Erfolgsrezept des Präsidenten hält, selbst nachzubauen: Gegner sollen durch "Lügen und die endlose Wiederholung falscher Behauptungen" (SZ) zermürbt werden.

Die FAZ liefert ein schönes Beispiel dafür, klein, aber fein, versteckt im Appendix einer Meldungsspalte in dem Teil ganz hinten, den noch nie ein Leser aufgeschlagen hat. "Trump will keine Redeverbote" sind die acht Zeilen aus der staatlichen Danachrichtenwerkstatt DPA überschrieben, die dann im als Nachricht verpackt eine neue Granatensauerei des "Hasspredigers" (Steinmeier) schildern. "Präsident Trump will die Universitäten in den Vereinigten Staaten mit einem Erlass dazu zwingen, Redefreiheit auf dem Campus zu gewährleisten", heißt es da, "Bundesförderung sollen nach einer Rede vom Samstag nur Universitäten bekommen, die das Recht auf freie Meinungsäußerung auf ihrem Campus garantieren."

Das wars, mehr kommt nicht, ein ganzes Jahr, nachdem Thomas Thiel in der FAZ beschrieben hat, wie der Drang nach Vielfalt und als gerecht begriffener Inklusion an vielen US-Unis dazu führt, dass freedom of speech "nicht mehr das höchste Gut" ist, wie die SZ schon vor zwei Jahren diagnostizierte. Wer ungenehme Ansichten äußert, wird von tobenden Mobs zum Schweigen gebracht: Wer Bücher schreibt, die einer gefühlten Mehrheit politisch engagierter Studenten Studierend*innen nicht passt, wird mit nahezu allen Mitteln daran gehindert, an Hochschulen aufzutreten. Im Land der Freien braucht es Mut, anders zu denken als andere. Fast wie in Deutschland, das keine Außengrenzen haben will, aber durchaus stolz ist auf seine "Grenzen des Sagbaren" (Deutschlandfunk).

Wenn Trump hier nun nachregelt, wäre das dann doch aber eine gute Sache, sollte man meinen? Selbstverständlich nicht. Wo dieser Präsident sich für ein Grundrecht stark macht, steckt immer ein perfider Plan dahinter. Das war bei seinem versuchten Friedensschluss mit Mordkorea so, bei seiner Mahnung an die Nato-Partner, die müssten ihre Rüstungsanstrengungen erhöhen, und bei seiner Anerkennung Jerusalems als israelischer Hauptstadt, die nach Auffassung der europäischen Spitzenpolitik den ganzen Nahen Osten explodieren lassen sollte.

Es kommt dann immer anders, aber dann redet man eben nicht darüber. Der Zeitungsleser hat kein Archiv, er vergisst zum Glück so schnell, dass ihm der permanente Themenschwund in deutsche Leitmedien kaum auffällt.  Nun, wo Trumps miese Manöver mit der Meinungsfreiheit im Kleingedruckten abgehandelt sind, kann die Karawane weiterziehen. Hat Trump nicht "jetzt auch noch ein Boeing-Problem?" Während Maschinen vom Typ 737 Max 8 weltweit am Boden bleiben müssen, dürfen sie in den USA weiter fliegen, bastel das frühere Nachrichtenmagazin "Spiegel" an einer Verschwörungstheorie, nac hd er der gewissenlose Präsident lieber hunderte und tausende Menschenleben gefährdet, als einem amerikanischen Vorzeigekonzern an die Profite zu gehen. Als die Ente platzt, ist das im "Spiegel" keine Meldung wert.

Aber über Trumps Erlass zur Sicherung der Redefreiheit hat das Hamburger Blatt ja schließlich auch nicht berichtet, nicht mal mit acht rätselhaften Agenturzeilen wie die FAZ.

Mittwoch, 20. März 2019

Rauchpflicht soll den Feinstaubtod stoppen


Dass Rauchen viel gesünder ist als bisher gedacht, war erst vor kurzem durch neue Experimente und vergleichende Studien bekannt geworden. Doch nun der neue Wissenschaftshammer: Luftverschmutzung in Städten, Dörfern und Gemeinden führt laut einer neuen Studie sogar zu mehr Todesopfern als das Rauchen – das damit, soweit legen sich die Forscher bereits fest, Menschen in am schwersten betroffenen Gegenden sogar helfen kann, länger gesund zu bleiben.

Die neuen Erkenntnisse kommen von einem Team um zwei Mainzer Wissenschaftler, denen erstmals exakte Berechnungen dazu gelungen sind, um wie viel Grade Luftverschmutzung durch Verkehrsabgase tatsächlich deutlich schädlicher als bisher angenommen ist. Unter Zuhilfenahme von UN-Studien, Broschüren der Bundeszentrale für politische Bildungen und Statistiken von Lungenärzten sterben demnach weltweit 8,8 Millionen Menschen pro Jahr an den Folgen von schmutziger Luft - vor allem durch Feinstaub. Die Zahl der Todesfälle durchs Rauchen - inklusive Passivrauchen durch laxe Nichtrauchergesetze in mehreren deutschen Bundesländern- schätzt die Weltgesundheitsorganisation hingegen auf nur ganze 7,2 Millionen.

Rauchen ist damit gesünder als nicht zu rauchen, denn nach der Modellrechnung aus Mainz verlieren Menschen in Europa im Durchschnitt zwei Jahre Lebenszeit durch Feinstaub - wobei Deutschland natürlich weitaus stärker belastet ist als etwa Frankreich oder Italien, weil Deutsche stets überdurchschnittlich häufig und im Durchschnitt weitaus stärker von Naturkatastrophen wie der in Fukushima getroffen werden. Wichtige Quellen für die feinen Partikel in der Außenluft sind neben Industrie und Verkehr auch Landwirtschaft und private Holzöfen. Feinstaub führt durchs Einatmen auf Dauer zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen, wenn nicht - wie beim Rauchen üblich - gezielt durch einen Filter eingeatmet wird.

Die Forscher fordern deshalb nicht nur, dass die Grenzwerte für Feinstaub verschärft werden, weil sie in der EU laxer sind als die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt. Sondern auch, dass eine EU-weite Rauchpflicht für Menschen erlassen wird, die durch ein Leben an vielbefahrenen Großstadtstraßen besonders exponiert für die Gefahren durch Feinstaub, Stickoxide und Dieselabgase sind.


Gendergerecht: Warum die Menschin nicht existieren darf


Der Widerstand gegen die gendersensible Sprache ist ermüdend und falsch. Sie ist eine Bereicherung für die deutsche Sprache und wirkt gerechtigkeitsschaffend in alle Richtungen. Es ist die Leichte Sprache, von der jeder träumt, eine Möglichkeit, Ungleiches gleichzumachen.


Doch keine öffentliche Diskussion außer dieser, der um das Weltklima, um Völkerrecht und Digitalisierung scheint mit so wenig wissenschaftlichen Argumenten auszukommen wie die über unsere Sprache. Nur weil jeder spricht, will jeder mitreden. Dadurch tummeln sich hier Hunderttausende selbsternannter Fachleute, sogenannte Sprachexperten, ja sogar hauptberufliche Sprachpäpste, die ihre Befindlichkeiten und Laienansichten zu linguistischen Tatsachen erheben. So auch der aktuelle „Aufruf zum Widerstand“ gegen eine gendersensible Sprache, der nur Behauptungen aufstellt, die sich seit Jahrzehnten widerholen.

Obwohl die die feministische Linguistik sich vor allem  auf das Deutsche konzentrieren muss, weil Chinesisch, Persisch, Türkisch, Japanisch und selbst das Englische keine oder nur eingeschränkte Möglichkieten kennen, aus den normalen Sprachformen zu gendergerechten grammatischen Geschlechtern zu finden, gibt es kaum Fortschritte.

Von wegen "Generalirrtum"


Zu groß ist der Widerstand der Ewiggestrigen, zu stoisch ihr Beharren auf vermeintlich sprachwissenschaftlichen Erkenntnissen. Die absurdeste aller ihrer Behauptungen nennt sich „Generalirrtum“: Hier wird der enge, jahrhundertealte Bezug zwischen grammatischem (Genus) und sogenanntem natürlichen Geschlecht weggezaubert. „Das Pferd“ bezeichne folglich ebensogut eine Stute, „die Person“ auch einen Mann, „das Kind“ könne Junge oder Mädchen sein.

Dabei besteht beim Genus von Personenbezeichnungen keine größere Regularität als der Verweis auf das Geschlecht, dies gilt für fast 100 Prozent dieser Wörter. Das Mädchen zeigt zum Beispiel, dass es weiblich ist, denn später wird es die Verkäuferin, die Sekretärin oder die Bundeskanzlerin. Der Tisch hingegen bleibt männlich, er ist allerdings aus das Holz gemacht, das der Baum gespendet hat, so dass die Leiste an die Tischplatte genagelt werden kann.

Prinzip Cola


Das Prinzip ist klar und überall werden diesem Prinzip so selbstverständlich alle Dinge untergeordnet, dass es nicht einmal auffällt, dass die Flasche in dem (der) Kasten steckt, aber die Cola herausfließt, egal, ob die Frau oder der Mann trinkt. Niemand in der Linguistik hat jemals behauptet, dass der Frosch ein Männchen sein müsse und die Schnake ein Weibchen, aber es wäre natürlich sicherer, würde man von Frösch*innen und Schnak*innen sprechen.



Das aber negiert der fragwürdige „Aufruf“, der von Löwen, Pferden und Giraffen schwadroniert, um den so zuverlässigen Verweis von Genus auf Geschlecht wegzuwischen und mit abartigen Argumenten zu widerlegen. Wieso es das Weib heißt? Oder der Schüler zu die Schüler wird, wenn er mit anderen zusammenkommt? Wieso die Tunte weiblich ist, der Lustknabe aber männlich? Die Scheiße, aber der Harn? Aber der kleine Scheißer? Und das Scheißhaus?

Neuordnung ist nötig


Bei genauerem Hinsehen bestätigt jedes einzelne Beispiel besonders drastisch, wie notwendig eine Neuordnung der deutschen Sprache nach gendergerechten Vorgaben ist. Denn mit der grammatischen „Fehleinordnung“ wird gesellschaftliches „Fehlverhalten“ sanktioniert: die Memme stellt Männer aus, die ihrer Geschlechtsrolle nicht nachkommen, die Tunte solche, die nach überkommener Meinung das „falsche Geschlecht“ begehren, der Hügel hat es nicht zu das Gebirge geschafft, das Rinnsal ist nicht der Strom und die Pfütze kein der See.

Worte, die sich nach derzeitigen Vorschriften wie Frauen verhalten und deshalb – wie zum Beispiel im Fußball „die Sturmspitze“ - ins Femininum verbannt wird.



Diese Tatsache berichtet uns viel darüber, was Geschlecht eigentlich ausmacht beziehungsweise ausgemacht hat, und genau hier wird es eigentlich interessant: Ge-Schlecht heißt es, weil die zwar aus Tarnungsgründen weiblich angesprochene, aber männlich dominierte Sprache versucht, Frauen allenfalls - wie bei das Mannweib oder das Skiass – ein Neutrum zuzugestehen. Ihnen aber nie das längst verdiente Maskulinum gönnt, da es das Genus für die hierarchisch höherstehende männliche Geschlechtsklasse ist.


Die Menschin existiert nicht


Nur das das, eine Art Ausverkaufspreisschild, klebt an Geschöpfe, ohne die menschliches Leben nicht einmal denkbar wäre. Wie Babys, Tiere und Objekte sind Frauen „das“ oder „die“, niemals aber der Mensch. Für sie gibt es, was das betrifft, nicht einmal eine menschliche Endung: Menschin existiert nicht. Ganz im Gegensatz zu Versagerin.

So nimmt es nicht wunder, dass maskuline Berufs- und Rollenbezeichnungen mehrheitlich männlich verstanden werden, während feminine für weibliche Betätigungen stehen. Über ein Dutzend wissenschaftlicher Experimente wurde nachgewiesen, dass allein aus der häufigeren Verwendung von Worten wie Ingenieurin, Forscherin und Schlosserin ein größeres Bedürfnis von Frauen entsteht, eben dieses zu werden. Sprache schafft Wirklichkeit.

Für das Sprechen und Schreiben folgt daraus, dass das sogenannte generische Maskulinum vor allem im Singular zu vermeiden ist, wenn man beide Geschlechter bezeichnen muss, weil eines Tages durch den veränderten Sprachgebrauch beide Geschlechter gleichermaßen als Klempner, Straßenbauarbeiter, Herrenhandballer und Glasermeister*innen werden arbeiten können. feministisch neubegründet, wird die deutsche Sprache signalhaft für alle Welt zeigen, dass wir den engen, jahrhundertealten Bezug zwischen grammatischem und natürlichen Geschlecht mutig hinter uns gelassen haben.




Dienstag, 19. März 2019

Faktencheck: Der Bock im Facebook-Garten

Es ist die Nachrichtenfabrik, die alle deutschen Zeitungen, Magazine, Webseiten und Fernsehsender beliefert. Im Gemeinschaftseigentum der deutschen Verlage befindlich, ist die Deutsche Presse-Agentur (Eigenschreibweise, abgekürzt DPA) nicht nur Quelle von mehr als der Hälfte aller Inhalte, die deutsche Mediennutzer in ihren Zeitungen, im Radio, auf Onlineportalen oder im Fernsehen finden, sondern auch Quelle der meisten Falschmeldungen.

Ein unvergessener Klassiker ist die Meldung, dass die meisten EHEC-Toten "nicht mehr gesund" würden, bei anderer Gelegenheit behauptete DPA, Bin Laden in seinem Versteck und Beate Zschäpe im Untergrund besucht zu haben, auch beim Auftritt von Pussy Riot in einer Moskauer Kirche war angeblich ein DPA-Fotograf dabei, ebenso fotografierte einer den Freund der später mit Kanuverbot belegten Olympionikin Drygalla nach London, noch ehe bekannt war, dass die Rostockerin mit einem Nazi befreundet war.

Zeit, Welt, Spiegel und SZ, aber auch alle Provinzblätter, Nachmittagsprogramme und Nachrichtenmagazine übernehmen die Verlautbarungen der quasi regierungsamtlichen Bingoschule, die alles weiß, alles erklären kann und jeden Wochenanfang vorgibt, worüber Talkshow-Deutschland reden muss. Medieninsider wissen: Was von der Nachrichtenfabrik nicht getickert (alte Sprechweise) wird, existiert nicht.

Wie DPA Chruschtschow tötete


Was sie aber meldet, das wird von 457 Provinzblättern, 172 Magazinen, 48 TV-Stationen und xzig Nachrichtenportalen mit genau dem Spin und in der verquasten Wortwahl verbreitet, mit dem es die Schreibmaschinengewehre der 677 Redakteure verlässt: Am 13. April 1964 war der sowjetische Parteichef Nikita Chruschtschow deshalb kurzzeitig tot, 2008 beim G8-Gipfel rief den Bürgerkrieg aus und 2012 führte die Berichterstattung über ein Ökonomengutachten zur Frage, ob DPA die Realität eigentlich nur ablehe, oder hält sie nur für nicht notwendig halte.

Nun tendiert die Welt seit einige Zeit straks dahin, Satire unmöglich zu machen, indem sie die Realität wie Satire erscheinen lässt. Und Tessa Lyons-Laing, die bei Facebook den Faktenkampf führt, war in den großen Tagen der Ehec-News, von G8 und dem heroischen Kampf der Nachrichtenfabrik gegen die Wirklichkeit noch bei McKinsey und LeanIn.Org, einem Netzwerk zum "Empowerment" von Frauen. Und konnte sich so nicht recht um Fakenews in Deutschland kümmern, die es damals offiziell auch noch gar nicht gab, auch wenn die DPA tat, was sie konnte.

Beides kommt nun wie füreinander gemacht zusammen, denn im Kampf gegen Fake News wird die Deutsche Presse Agentur zweiter deutscher Partner im Faktenprüferprogramm von Facebook.

Partnerschaft mit  Hurenenthüllern


Nun ist der erste "Faktenprüfer" das "Recherchenetzwerk" "Correktiv", dessen größter Rechercheerfolg es bisher war, einer AfD-Kandidatin für den nordrhein-westfälischen Landtag Hurerei und Sex gegen Geld nachgewiesen zu haben. „Spitzenfrau der Rechtspopulisten vermietete ihren Körper übers Internet“ hieß es da, faktenmäßig und moralisch so korrekt, dass dort heute keine Zeile mehr zu finden ist. Die Deutsche Presse-Agentur, im heißen Flüchtlingsseptember 2015 Lieferant der Meldung, dass die Fluggesellschaft Ryaniar künftig Flüchtlinge ohne Visum aus Griechenland in andere EU-Länder bringen werde, ist also in bester Gesellschaft: Beide Partner werden nun "ausgewählte Beiträge bei Facebook" mit dem Ziel prüfen, "die Verbreitung von Fake News einzudämmen und vor gefälschten Informationen zu warnen".



Correctiv arbeitet bereits seit 2017, dem Jahr der Bundestagswahl, weitgehend folgenlos und ohne jeden öffentlich wahrnehmbaren Erfolg für Facebook und wird inzwischen mit Beträgen in unbekannter Höhe dafür entlohnt. Nun stößt DPA dazu, mitten in der Medienkrise auf der Suche nach Nachrichtenabnehmern, die auch dann noch zahlen werden, wenn der letzte Baum gerodet, zu Papier verarbeitet, gedruckt und die fertigen Zeitungen von niemandem mehr gelesen worden sind.

Als "Partner des Prüferprogramms" steigt die Agentur, die gerade den neuen superduper-unabhängigen neuen "Medien-Service" "EUreWahl" mit "Informationspaketen zur Europawahl"  gestartet hat, kurz vor den Europawahlen ein, um, so heißt es offiziell, " die Verbreitung von Fake News im deutschsprachigen Raum zu reduzieren". Von Faktenprüfern angezweifelte Beiträge werden mit entsprechenden Hinweisen versehen und gelöscht an ihrer Stelle platziert DPA dann hilfreiche Mitteilungen wie "Wozu ist die EU nütze? Fünf Beispiele, die jeden etwas angehen" oder "Pulse of Europe" nimmt Spannungsbogen zur Europawahl auf".

Verification Officer im Scoopcamp


Dadurch die Anzahl der Aufrufe falscher oder gefährlicher Inhalte im Durchschnitt um mehr als 80 Prozent verringert werden, heißt es bei Facebook. Tessa Lyons, spätgeborener “Head of News Feed Integrity” bei Facebook, lobt schon vorab: "Gerade im Kontext von Wahlen ist die Integrität von Informationen von größter Bedeutung. Deshalb freuen wir uns sehr, dass die dpa unserem Programm vor der anstehenden Wahl zum Europäischen Parlament im Mai als zweiter unabhängiger Faktenprüfer für den deutschsprachigen Raum beitritt."

DPA-Chef Peter Kropsch, der als Werbetexter, Pressesprecher und Public-Relationsmann arbeitet, ehe er für vier schmale Jahre als Redakteur bei einem Wirtschaftsinformationsdienst anheuerte, hat das dankeschön prompt erwidert. Er hält die DPA für einen geeigneten Partner für Facebook, vond er Politik stets als größte Fakeschleuder kritisiert. Sein Haus habe in den letzten Jahren "viel in den Bereich Fact Checking investiert", man besitze jetzt einen "Verification Officer" samt Team, um den herum sogar "neue Berufsbilder im dpa-Newsroom" entstanden seien.
War Journalismus früher Recherche und Schreiben, ist er jetzt "Fact Checking" und "Verification" mit "Innovation" und "Scoopcamp". 

Bankenfusion: Ein trauriges Ende als "nationaler Champion"

Eine deutsche Bank.
Ziemlich genau zehn Jahre ist es her, dass jeder Deutsche beschloss, an der Börse zu spekulieren. Das Volk der Aktienverweigerer, traumatisiert immer noch Jahrhundertbetrug der Bundesregierung, als die Deutsche Telekom, die den Steuerzahlern gehörte, zu überhöhten Preisen noch einmal an die Steuerzahler verkauft hatte, machte Geld locker.

Mit 550 Euro pro Person stiegen die deutschen Steuerzahler bei der Commerzbank ein: Für 18 Milliarden Euro gab es 300 Millionen neue Aktien des neuen Instituts, das zu jener Zeit an der Börse nicht ganz eine Milliarde Euro wert wert war. Pro Kopf des Steuerbürgers waren das 33 Euro in bar, die restlichen 517 Euro bekam die VEB Bundescommerzbank als Bürgschaften überreicht. Dafür gehörte sie nun - vorübergehend, hieß es - zu einem Viertel den Steuerzahlern zu, denen die Bundesregierung versprach, sie würden ihr Geld zurückbekommen, sobald die Bank wieder Gewinne machte. 1,7 Milliarden hatte sie nicht zulange zuvor geschafft. Gelänge das wieder und dauerhaft, würde es tatsächlich nur 42 Jahre dauern, bis die dann noch lebenden Jüngeren unter den neuen Commerzbank-Investoren ihren Einsatz zurückerhalten hätten.

Ein Supergeschäft


Ein Supergeschäft, aber notwendig. Kurz zuvor erst hatte die Bundesregierung die Commerzbank veranlasst, die noch schwerer angeschlagene Dresdner Bank von der Allianz-Versicherung zu kaufen, die sie sich erst kurze Zeit davor zugelegt hatte. Dann kam die Finanzkrise, eine ausschließlich "amerikanische Krise" , wie der damalige Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) kundig feststellte. Und weil nun alle Landesbanken wackelten, mit denen der Staat als größter Spieler auf US-Schrottkredite gesetzt hatte, mussten auf einemal die vermögensbildenden Lebensversicherungen von 40 Millionen Deutschen gerettet werden, die mit der Allianz untergegangen wären, wäre die Hypo Real Estate untergegangen, was den Untergang der Dresdner Bank zur Folge gehabt hätte, wodurch die Allianz am Ende gewesen wäre.

Doch kippt der Versicherungskonzern, kippt die Stimmung, kippt die Regierung, kippt die Partei, kippt die EU. Europa in Gefahr! Der Steuerzahler spendierte also 50 Milliarden Euro in bar und 480 Milliarden Euro Bürgschaften, pro Kopf alles in allem rund 6500 Euro, um alles zu retten, was systemrelevant war, vor allem die staatlichen Banken, die unter unmittelbarer Aufsicht der großen Politik für sogenannte Kreditersatzgeschäften in verbriefte amerikanische Häuserschulden, in Anleihen auf die isländische Krone, in rätselhafte irische Steuerspar-Zweckgesellschaften und atemberaubend strukturierte Wertpapieren verpfändet hatten.

Zehn Jahre danach ist das Beben immer noch im Boden, es grummelt und grollt in den tiefen Tonlagen. Die Dresdner Bank ist verschwunden, die Commerzbank, die sie 2009 schlucken musste, ist heute weniger wert als die Dresdner Bank einst allein.

Ende der Herrlichkeit



Auch von Macht und Größe der Deutschen Bank ist nichts übriggeblieben: Als die Deutsche mal die Dresdner hatte übernehmen wollen, sollte am Ende der größte und mit 150 Milliarden Euro Marktkapitalisierung wertvollste Bankenkonzern der Welt entstehen. Inzwischen ist die Deutsche Bank ein Zwerg, der mit Ach und Krach noch ein Zehntel des Wertes der HSBC auf die Waage bringt. Das reicht in Europa zu Platz 19 auf der Rangliste der Größten. Im Weltmaßstab gesehen ist für die Deutsche, aber auch für deutsche Banken insgesamt kein Platz unter den Top 50.

Der neue Rettungsplan entstand im Kanzleramt, wo seit geraumer Zeit der nationalistische Traum von "nationalen Champions" (Peter Altmaier) geträumt wird. Große, zur Not auch volkseigene Konzerne sollen Stärke im Wettbewerb mit Asien und Amerika bringen und die deutsche Industrie vor feindlichen Übernahmen schützen, hat das Kabinett beschlossen. Die Fusion der letzten beiden halbwegs großen deutschen Privatbanken ist Teil dieses Planes.

Nationalismus mit "Champions"


SPD-Finanzminister Olaf Scholz treibt ihn voran, ohne je öffentlich erklärt zu haben, welchen Sinn außer dem der Herstellung vermeintlicher Größe eine Hochzeit der beiden schwer angeschlagenen Ex-Riesen haben könnte - abgesehen von der Aussicht auf ein paar tausend Arbeitsplätze, die wegfallen werden, hunderter Filialen, die zu schließen sind und die Leere in deutschen Innenstädten zu vergrößern versprechen, und einem Wettbewerb, der noch deutlicher zugunsten staatlicher Geldinstitute und Sparkassen verzerrt wird.

Allerdings: Gerade den Sparkassen ist Vater Staat aktuell etwas schuldig, müssen sie doch stolze 1,2 Milliarden Euro zur Rettung der der überwiegend staatlichen Nord LB beisteuern. Das sind zwar nur 25 Euro pro Sparkassenkunden, verglichen mit den großen Rettungsaktionen der Vergangenheit als "Peanuts" (Ackermann). Aber auch wenn sich alle Beteiligten mühen, zu erklären, dass das Geld irgendwo vom Himmel regnen werde und die Nord LB am Ende ganz allein bezahlen müsse, wird es doch am Ende anders kommen: Die Commerzbank hatte ihre erhaltenen Rettungsgelder auch in Form von Dividenden über den Finanzminister an die Steuerzahler zurückgeben sollen.

Von 33 Euro, die in die Bank flossen, wurden auf diese Weise in den zehn Jahren seitdem genau 20 Cent zurückgezahlt.

Montag, 18. März 2019

EU: Herzzerreißender Brexit-Brief einer Sechsjährigen


Sie ist erst sechs Jahre alt, folgt aber schon den Spuren der im Moment noch ungleich berühmteren Greta Thunberg aus Schweden: Die Vorschülerin Sophie aus Großbritannien hat mit einem herzzerreißenden Brief an den polnischen EU-Ratschef Donald Tusk ein neues Kapitel im Brexit-Poker eröffnet. "Ich weiß, wir Briten verlassen die EU. Aber ich denke, wir sollten Freunde bleiben", schreibt die Kleine in ihrem Brief mit krakeliger Schrift, die viel über das angekratzte Selbstbewusstsein der Briten aussagt.

Verunsichert sind sie, vor allem die Jungen. Verängstigt und in großer Furcht, dass es jenseits der Gemeinschaft der europäischen Völker, zu der derzeit immer hin 27 von insgesamt 51 Staaten gehören, keine Zukunft gibt. Nicht einmal die aufs allerschlimmste bedrohte in einer völlig zerstörten Umwelt.


Die kleine Sophie stammt aus London und sie ist eine glühende Anhängerin der Wertegemeinschaft EU, die Frieden schafft, freien Handel gewährleistet und ihre Außengrenzen gemeinsam schützt. Dass andere Briten das nicht mehr wollen, versteht sie nicht. Sophie bat Tusk deshalb um ein signiertes Foto für ihr "Europa-Buch", eine kleine Kladde, in der das Mädchen für seine Nachkommen Erinnerungen an die Zeit festhält, als Briten noch nicht daran gehindert waren, ihre Insel zu verlassen, als sie noch zu Essen hatten und alle möglichen Waren aus dem Ausland importieren durften.

Eine Ära, die nun untergeht – wenn Sophies Brief, der mit drei roten Aufklebern und einer Zeichnung von einem Einhorn endet, nicht noch für ein Umdenken bei den Austrittsfaschisten in der Tory-Partei sorgt. Donald Tusks jedenfalls hat die Hand ausgestreckt: "Wir werden immer Freunde bleiben, Sophie", versprach der Pole der kleinen Engländerin in einem Schreiben, das als eine der letzten Postsendungen vor dem sogenannten Lock Down der EU noch bis in die britische Hauptstadt transportiert werden soll.

Parité bei Patenten: Erfinderquote ins Grundgesetz

Hafsa Humaira aus Bretzenheim bei Mainz trägt einen Bikini-Badeanzug, den allerdings auch ein Mann erfunden hat.

Im August 1910 initiierte die Sozialistin Clara Zetkin den Internationalen Frauentag als Initiative für Gleichberechtigung, das Frauenwahlrecht sowie die Emanzipation von Arbeiterinnen. Seitdem ist viel geschehen. Erst kam es neun Jahre später – am 19. Januar 1919 – zur ersten reichsweiten Wahl, bei der Frauen das aktive und passive Wahlrecht besaßen. Es war ein Kampf gegen alle Widerstände, der gewonnen worden war. Nur etwas mehr als 14 Jahre später kam Adolf Hitler an die Macht, gewählt auch durch Frauen, die fasziniert und begeistert waren von der Vorstellung einer „Volksgemeinschaft“ des „nationalen Sozialismus“, die „gerechte neue Gesellschaftsordnung" aufbaut.

Um Gerechtigkeit geht es auch  100 Jahre später wieder, denn der Traum der Frauen von gleicher Teilhabe ist noch lange nicht ausgeträumt. Zum heutigen "Equal Pay Day" wird denn auch die Forderung laut, aus der unvergessenen Geschichte des Kampfes um gleiche Rechte Lehren zu ziehen und den Frauen der Gegenwart die Chance zu geben, tradierte Rollenmuster aufzubrechen.

Denn nicht nur Entgeltgleichheit gegenüber ihren männlichen Kollegen und gleichberechtigter Zugriff auf Führungspositionen in der Arbeitswelt bleiben für viele Frauen bis heute unerreicht. Sondern auch andere Bereiche der Gesellschaft leiden immer noch unter der Dominanz tradierter weiblicher Rollenmuster in Familie, Gesellschaft und Wirtschaft. Frauen sind ungleich mehr von Gewalt und sexuellen Übergriffen betroffen. Frauen sind in Parlamenten, Freiwilligen Feuerwehren, im katholischen und muslimischen Priesteramt, bei Bundesliga-Schiedsrichtern und Dönerverkäufern.

Zudem, so prangert die Initiative Equal Pay Day (EPD) an, liegt die Quote weiblicher Patentanmelder in Deutschland bei nur knapp über sieben Prozent. Werden werden damit im Bereich des Erfinderwesens noch weitaus umfassender von geschlechtergerechter Behandlung ausgeschlossen als in vielen anderen gesellschaftlichen Bereichen.

Fair ist, wenn Gleiches gleich bewertet wird – das gilt auch und vor allem für die Entwicklung neuer Patente, für durchschlagende Neuentwicklungen und kreativer Innovation. Unter dem Motto "Wertsache Weib" fordert EPD deshalb zum diesjährigen Equal Pay Day, dass die große Koalition eine Quote für weibliche Erfinder ins Grundgesetz schreibt: Wert und  Bewertung von männlicher und weiblicher Erfinderarbeit müssten endlich gleich sein, Gerechtigkeit ist nicht nur im Parlament, sondern auch beim Patent möglich, "wenn wir bei der Anmeldung von Geschmacksmustern und Patenten die jeweils an Mann und Frau angepasste Maßstäbe setzen", so die Initiatoren.

Einen entscheidenden Schlüssel auf dem Weg zu tatsächlicher Gleichberechtigung sehen die Verfechter einer Erfinderquote in der "Parité" genannten Vorschrift, dass Patentanmeldungen von Männern etwa durch Unternehmen oder Forschungseinrichtungen künftig nur noch erfolgen können, wenn eine gleiche Anzahl von Patentanmeldungen von Frauen vorgelegt wird. Dieses sogenannte Reißverschlussprinzip soll dazu führen, dass eine paritätische Anzahl an Patenten von Frauen angemeldet wird. Dadurch, davon sind auch SPD, Linke und Grüne bis hin zu Teilen der CDU überzeugt,  würden endlich Lebenswelt, Interessen, Erfahrungen, Sicht- und Denkweisen von Frauen gleichberechtigt dort einfließen, wo über Forschung und Markenschutz die Weichen für die technische und damit auch die gesellschaftliche Entwicklung gestellt werden.

Nach einer Grundgesetzänderung, für die eine Zwei-Drittel-Mehrheit im Bundesparlament notwendig wäre, soll sich die Gesellschaft dann auch tatsächlich gleichberechtigt in der Geschlechterfrage entwickeln können. Das Land Brandenburg hatte mit dem Beschluss eines Parité-Gesetzes zuletzt vorgemacht, wohin die Reise in Fragen der Gleichberechtigung gehen muss: Nur Druck erzeugt Veränderung, nur Veränderung führt zu umfassender Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern, die gerade erst um offiziell um ein drittes erweitert wurden.



Sonntag, 17. März 2019

Zitate zur Zeit: Keine Querulanten mehr

Die Querulanten jedweden Geschlechts werden hierzulande ja leider auch nicht mehr jünger.

Die Schriftstellerin Katja Lange-Müller erklärt, warum sie die Petition "Schluss mit dem Gender-Unfug" unterzeichnet hat


Sawsan Chebli: Noch mehr #vonhier


Es ist noch nicht einmal zwei Wochen her, dass die führende SPD-Politikerin Sawsan Chebli von einer Stewardess auf einem Inlandsflug auf Englisch angesprochen wurde. Obwohl sie Deutsche ist und nicht einmal nur eine ganz gewöhnliche, sondern als Bevollmächtigte des Landes Berlin beim Bund und Staatssekretärin für Bürgerschaftliches Engagement und Internationales im Berliner Senat so super integriert, dass viele sich fragen, wie irgendjemand da fragen kann, woher Chebli kommt.

Aus Moabit natürlich, von wo aus sie eine ganz normale deutsche SPD-Karriere begann. Mit 22 wurde sie Parteimitglied, als studentische Hilfskraft schnupperte sie im Bundestagsbüro eines Abgeordneten in den SPD-Stall, später wurde die Diplom-Politikwissenschaftlerin wissenschaftliche Mitarbeiterin von verschiedenen Bundestagsabgeordneten, sie verdiente sich erste Sporen als "Young Leader" bei der Münchner Sicherheitskonferenz und wurde schließlich erste Grundsatzreferentin für interkulturelle Angelegenheiten in Berlin, wo sie interreligiöse Poetry Slams förderte bis Walter Steinmeier die telegene Berlinerin entdeckte und "als erste Muslimin überhaupt" (DPA) zur Sprecherin im Auswärtigen Amt machte.

Mehr von hier #vonhier kann niemand sein und so war Cheblis Empörung darüber, in einem deutschen Flugzeug im deutschen Luftraum über deutschem Boden in der Sprache der Trumps, Bannons und Boris Johnsons angesprochen zu werden, durchaus verständlich. Vielen Deutschen mit Migrationshintergrund geht es ähnlich, so dass durch die Sozialen Netzwerke eine breite Solidaritätswelle rollte, Musliminnen und Muslime, Sachsen, deutschtürkische Freizeitfußballer und schwedische Imame, aber auch italienischstämmige Südtiroler und Frauen aus Oberbayern, die traditionell am Kopftuch festhalten, twitterten bewegende Geschichte darüber, wie sie ausgrenzend oder gar rassistisch angesprochen wurden.

Auch Chebli teilt seitdem solche verstörenden Erlebnisse bei Twitter, denn sie zeigen, wie tief Vorurteile wirklich sitzen. Gerade erst passierte es schon wieder: "Wurde gerade von einer Stewardess auf einem Inlandsflug auf Deutsch angesprochen", schreibt Chebli, die das nicht auf sich sitzen ließ. "Hab sie gefragt, warum sie meint, ich könne kein Englisch." Volltreffer. BAM! Erwischt. Die Flugbegleiterin sei sofort, berichtet die Interkulturexpertin, "sichtlich irritiert" gewesen. Man habe “halt viele Gäste von hier.” Sawsan Cheblis abschließender Kommentar ist ehrlich, aber beunruhigend: "Ehrlich, es nervt", scheibt sie nur noch. Und ein wenig klingt das schon nach Kapitulation vor schräger Ansprecherei durch subalternes Servicepersonal, das es einfach nicht lernen will.

Samstag, 16. März 2019

Umweltsünder: Musterland als Spitzenverschwender


Je besser es läuft, umso schlechter läuft es, nicht nur bei Deutschlands Energieausstieg, der den CO2-Ausstoß des europäischen Vorzeigelandes nachhaltig nach oben getrieben hat. Sondern auch beim Elektroauto-Weltspitzenreiter Norwegen, der sich nach einer Statistik der Vereinten Nationen den Titel des Weltmeisters bei der Herstellung von Elektroschrott erobert hat. Das durchelektronisierte Leben, es schlägt beim Müll zu Buche:  Das als beispielhaft geltende skandinavische Land produzierte nach Angaben des E-Waste-Monitors der UN im Jahr 2016 pro Kopf 28,6 Kilogramm Elektroschrott. Großbritannien liegt mit 24,9 Kilo nicht weit dahinter, die USA kommen mit 19,4 Kilo auf etwa zwei Drittel des norwegischen Wertes.

Wohlstand führt zu Verschwendung, Reichtum zu einem erhöhten Modernisierungstempo. Was Deutschland beim Dieselaustsieg vorexerziert, indem es eine Autogeneration aussortiert, die in 90 Prozent aller anderen Staaten der Welt helfen würde, den umwelt- und gesundheitsschädlichen Fahrzeugpark zu modernisieren, übt Norwegen bei Smartphones, MP3-Playern, Digitalkameras und anderen elektronischen Geräten.  Einzelpersonen, Unternehmen und Regierungen wechseln dank hervorragender finanzieller Möglichkeiten mit hoher Geschwindigkeit zu den jeweils neuesten Modellen. Zurück bleibt ein Berg aus Elektroschrott, der im Gegensatz zum ungleich prominenteren Plastikabfall kaum jemals mediale Aufmerksamkeit erfährt.

Dabei wurden nach UN-Angaben im Jahr 2016 weltweit 44,7 Millionen Tonnen Kühlschränke, Fernsehgeräte, Waschmaschinen und andere Arten von Elektromüll erzeugt, aber nur 20 Prozent davon wurden recycelt. Dieser Anteil ist niedriger als der des wiederverwerteten Plastikmülls in Deutschland.

Das oft als Umwelt-Musterland beschriebene Norwegen liegt nun weltweit ganz vorn, zumindest bei der Prokopf-Erzeugung von Elektroschriott. Obwohl China und die USA in absoluten Zahlen führend sind, dominiert Norwegen bei den Erzeugungsraten pro Person naturgemäß, da die meisten Entwicklungsländer einfach noch über zu wenige elektronische Geräte und Haushaltshelfer verfügen, um mit den Verschrottungsmengen mithalten zu können, die etwa weltweit agierende Umweltschutzorganisationen herzustellen vermögen , .

Faires Kino: Jetzt kommt das Indianerfilmverbot

Gefragt als Klischeebild: Der sogenannte "Indianer"wird in deutschen Kinos und auf deutschen TV-Bildschirmen immer noch dreist und gnadenlos als Wilder vorgeführt.

Gleichberechtigung fördern, auf rassistische Kinofilme verzichten, Rücksicht auf fremde Völker nehmen? Alles hysterische Übertreibung! Warum sollen im Kino nicht auch Indianerfilme laufen? Weshalb soll das Fernsehen künftig auf "40 Wagen westwärts", "Der mit dem Wolf tanzt" und "Weiße Wölfe" verzichten? Nun, nach der berechtigten Empörung über politisch korrekte Indianerkostüme und kolonialistische Rückbesinnungsfantasien deutscher Kleinbürger ist es hohe Zeit, eine Haltung zu beenden, die nur weiße, privilegierte Menschen entwickeln können: Die Selbstermächtigung, sich beleidigend kleiden zu dürfen, ist ebensowenig zukunftsfähig wie der Anspruch, in Kino und Fernsehen widerliche rassistische Herrschaftsfantasien aus den Hirnstuben alter weißer Männer anschauen zu dürfen.

Angst geht um in Deutschland


Eine Angst geht um in Deutschland. Es ist eine absurde Angst, die wohl nur weiße, privilegierte Menschen entwickeln können: Die Angst vor dem Anstand, die Angst, sich zu korrekt zu verhalten. Konkret gemeint ist die Sorge des*r weißen Mitteleuropäer*in, es mit der Rücksicht zu übertreiben. Man fürchtet, Freiheit zu verlieren, etwa, indem man seinem Kind untersagt, als Indianer, putziger Neger, schießwütiger Kuhhirte oder grausamer Ostdeutscher zum Karneval zu gehen. Oder indem man darauf verzichtet, sich einen sogenannten Indianerfilm im Kino oder im TV anzuschauen.

In den vergangenen Tagen kochte sie wieder hoch. Erst an Fasching, wo die Problematik von ethnifizierenden Kostümen thematisiert wurde. Nun, wo endlich eine Diskussion beginnt, ob es uns als Gesellschaft gut zu Gesicht steht, stereotyp fremdenfeindlich exotisierende Filme wie "Black Robe - Am Fluß der Irokesen", "Bury My Heart at Wounded Knee" oder "Geronimo - Das Blut der Apachen" anzuschauen. Dabei sind alle diese "Werke" einer rassistischen Hollywood-Unterhaltungsmaschine DNA-Porn, zelluloidgewordenes Ressentiment, das Natives, die amerikanischen Ur-Einwohner, als Wilde zeigt, mörderisch, tödlich, blutverliebt.

Tellerrand des privilegierten Weltbildes


„Man muss doch nicht auf alles Rücksicht nehmen“ sagen einige, und zeigen so ihre Unfähigkeit, über den Tellerrand ihres privilegierten Weltbildes zu schauen. Wäre ihnen die Möglichkeit gegeben und das Verlangen nicht seinerseits rassistisch, könnten sie sich hineinversetzen in einen Native, der seine Vorfahren als skalpierende Wilde auf sattellosen Pferden sehen muss. Sie können es aber nicht und das ist genauso unsensibel und beunruhigend, als täten sie es. Boshafte weiße Privilegiertheit zehrt von simpler Unkenntnis, indem sie die Gefühle fremder Völker negiert.

Dabei ist klar: Indianerfilme wie "Winnetou", "Ulzana" oder "Squanto - Der große Krieger" sind nicht harmlos, egal, warum man "Pocahontas" rührend findet oder "The Revenant" bedeutsam. Derartige Filme reduzieren Menschen auf ihre Rolle als Feind und verstärken rassistische Klischees in der Gesellschaft. Eine zwangsläufige Konsequenz des Umstandes, dass Filme über Menschen anderer Kulturen stets auf Stereotypen basieren, auf pauschalisierenden Vereinfachungen und der Überbetonung der eigenen Position. Damit unterbetonen sie automatisch Verfolgung, Enteignung, Kolonialisierung, Versklavung oder sogar Ausrottung. In so einem Kontext ist es naiv, einen "Abenteuerfilm" zeigen zu wollen, denn der stellt nur unterdrückte, rassistisch verfolgte und durch den Kolonialismus ausgerottete Kulturen aus Spaß zur Schau.

Dennoch laufen diese Völkermord-Pornos beinahe täglich im Fernsehen, selbst dort, wo dem Kommenzdenken der privatkapitalistischen Heuschrecken das Bild eines volksverbundenen Gemeinschaftsfernsehens entgegengesetzt wird, das erziehen will. Dem*r arroganten Deutschen, der sich selbst auf die Schulter klopft, weil er ja schließlich keine Indianer ausgerottet habe, ist das alles egal, denn, zu viel Rücksicht nehmen, puh, wo kommen wir denn da hin? Was dürfte man denn dann überhaupt noch schauen, provozieren die Rechtsradikalen gezielt.

Es ist faszinierend, wie Menschen bei diesem Thema aus der Haut fahren. Indianerfilme seien doch Kulturgut, heißt es dreist über die rassistischen Machwerke "Der letzte Mohikaner" und "Little Big Man". „Gaga“ sei ein Verbot der Vorführung von "Die Rache des Sitting Bull" und von "Chingachgook, die große Schlange". Besonders das Alter der Filme dient dabei als Argument. Sie seien so lange gelaufen, warum denn nun auf einmal nicht mehr.

Indianerfilme erziehen zum Rassismus


Der Widerstand von Menschen, die Angst vor Anstand, politischer Korrektheit und Rücksicht haben, ist frappierend. Dabei ist erwiesen: Wer sogenannte "Indianerfilme" sieht, denkt automatisch in rassistischen Kategorien. Er nimmt das Bild vom edlen Wilden an, der als reitendes Maskulinum zum Mythos wurde. Frauen, auch das ist ein Punkt, der gegen diese Art Machwerke spricht, kommen hier ja kaum vor, sie sind allenfalls Sexualobjekt, werden aber vom Handeln ausgeschlossen. Auch das hat, geschieht es im Kino oder im TV fortgesetzt, ganz konkrete Auswirkungen auf die Rolle von Frauen in der Gesellschaft.

Deutlich wird schon anhand dieser Analyse, dass der verharmlosende Begriff Indianerfilm ein toxisches Genre tarnen soll, das eine Erfindung ist von privilegierten Menschen, die ihren Status Quo in Gefahr sehen und hunderttausendfachen Völkermord bemänteln wollen, indem sie die Opfer als „gefährliche Wilde“ darstellen, gekleidet in rassistische Kostüme, enthemmt Waffen schwingend und in völliger Verkehrung der Tatsachen nicht als Verteidiger ihrer Heimat auftretend, sondern schutzlose arme und natürlich weiße Familien massakrierend. Da eine Selbstregulierung weder von Hollywood zu erwarten ist noch die deutsche Unterhaltungsindustrie willens und in der Lage scheint, dergleichen Dreck und Schmutz freiwillig aus den Lichtspielhäusern und Fernsehprogrammen zu verbannen, ist es Zeit für den Gesetzgeber, hier einzuschreiten.

Wer weiter zuwartet, wie das CDU, CSU, SPD, Grüne, Linke und neben der FDP auch die AfD zu tun gewillt scheinen, macht sich mitschuldig.

Freitag, 15. März 2019

Brexit: Wird die EU Unternehmen "Seelöwe" aktivieren?


Immer wieder stimmen sie ab in ihrer kleinen Parlamentshütte, in die gar nicht alle Volksvertreter hineinpassen. Und immer wieder versagen sie beim Versuch, eine Lösung für das selbstverschuldete Brexit-Dilemma zu finden. Inzwischen hat sich das britische Parlament den letzten Wege zu einem geordneten Brexit verbaut. Die EU überlegt nun nach Anbgaben des Magazins "Der Spiegel", ob sie zu radikalen Maßnahmen greifen sollte.

Mit großer Langmut hatte die EU die Entscheidung der Briten akzeptiert, wider besseren Wissens aus der Weltfriedensgemeinschaft ausscheiden zu wollen. Doch alle Angebote, doch noch in der EU zu bleiben, indem weitere Referenden stattfinden, bis das Ergebnis eines Tages passt, haben die hartleibigen Briten ausgeschlagen. Notgedrungen zieht die EU deshalb jetzt andere Saiten auf. Keine Zugeständnisse mehr, erklärte Jean-Claude Juncker, keine Entgegenkommen, kein Einlenken.


Ein klares Zeichen, dass das Pokerspiel der Briten nicht mehr länger geduldet werden wird. Bereits nach dem unabgesprochenen Ausstiegsbeschluss hatte sich die Bundesregierung Unterlagen zum „Unternehmen Seelöwe“ aus dem Bundesarchiv bringen lassen, um auf die verschärfte Lage notfalls auch mit verschärften Maßnahmen reagieren zu können.

Nun, da Berlin und Brüssel augenscheinlich wirklich die Hutschnur reißt, sind die alten Lageskizzen, Dokumentationen über Vormarschwege und Verteidigungsanlagen Gold wert, die im „Seelöwe“-Plan stecken, den der Generalstab der Wehrmacht 1939 anfertigen ließ, um das perfide Albion militärisch in die Knie zu zwingen.

„Zielsetzung der Luftkriegführung gegen England in der Endlösung“ war es seinerzeit, „die letzte Widerstandskraft des Gegners durch Besetzung größerer Landesteile zu brechen“ und damit eine europäische Einigung unter deutscher Führung voranzutreiben. Schon damals hatte sich das Inselreich geweigert, auf friedliebende Vorschläge einer gemeinsamen Strategie zur Aufteilung der Verantwortung über die Welt zuzustimmen. Deutschland prüfte daraufhin „Möglichkeiten einer Invasion Englands“, um das perfide Albion an seine europäische Verantwortung zu erinnern.

Es ist alles noch da, etwas staubig  und an manchen Stellen aktualisierungsbedürftig. Doch eine gesamteuropäische Landungsflotte könnte dank der Seelöwe-Unterlagenin der Lage sein, die von der Brexit-Unsicherheit demoralisierten Streitkräfte von Royal Navy und Royal Air Force zu überrollen. Dabei geht die europäische Strategie über die seit so vielen Jahren so erfolgreichen Sanktionstrategien gegen Russland, die Türkei, Saudi-Arabien und zahlreiche andere Länder hinaus und setzt unter deutsch-französischer Führung erstmals auch in Kampfeinsätzen ein Signal als moralische Führungsmacht der Welt.

Spitzt sich die Lage um die britische Hartleibigkeit weiter zu, würden die deutsche Truppen diesmal als Befreier kommen und sicher begeistert gefeiert werden. Hinter Deutschland steht schließlich ganz Europa, hinter Europa die gesamte freie Welt, gegen deren geeinte Kraft Großbritannien vermutlich nicht lange standhalten könnte. „Ein Landungsunternehmen im großen Stil über die Nordsee unter den vorerwähnten Voraussetzungen ein mögliches Mittel, die Friedensbereitschaft des Feindes zu erzwingen“, heißt es deshalb in Berlin, wo man Richtung Sommer schaut, wenn bestes Invasionswetter herrschen wird. Mit Hilfe französischer Basen und holländischer Häfen, aber auch über den Landweg vom EU-Mitgliedsstaat Irland aus könnte eine schnelle Besetzung des abtrünnigen Königreiches gelingen.

Bis dahin gehe es darum, „mit Ruhe und Besonnenheit zu analysieren“, heißt es im Regierungsviertel zu den Papieren zum Fall „Seelöwe“. Bei der Bundeswehr sei man jedenfalls optimistisch für den Feldzug, hofft aber, dass dies allein schon die Briten zum Umdenken zwingt. geschieht das nicht, könnte die Bundesmarine gerade 91 Seefahrzeuge mobilisieren, um ein Landungsunternehmen auf der Insel druchzufühgren, sie müsste dazu allerdings die Operation Atalanta am Horn von Afrika abbrechen und auch die Außengrenzen der EU völlig entblößen. Eien Entscheidung müsse bald fallen, heißt es im Führungsstab, sonst "verlieren wir noch ein Jahr".

Friedensnobelpreis: Greta greift nach Gold


Er wurde zur Lachnummer, als Barack Obama ihn bekam, noch ehe er überhaupt richtig Platz genommen hatte im Weißen Haus. Und als dann die EU auch noch bedacht wurde, eine Staatenfamilie, die dann prompt umgehend in offenen Streit darüber geriet, wer ihn denn wohl in ihrem Namen abholen dürfe, war der Friedensnobelpreis endgültig erledigt. Was im Kalten Krieg eine wirksame Waffe gegen den Ostblock gewesen war, endete als Karnevalsorden. Kaum verwunderlich, dass dann auch US-Präsident Donald Trump (72) als möglicher Preisträger vorgeschlagen wurde, noch ehe er sein Großprojekt der Befriedung Nordkoreas überhaupt beendet hatte.


Dass es nun die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg treffen könnte, liegt in der Logik eines Preises begründet, dessen Vergabe den Regeln von Journalistenpreisen und Intendanzen im öffentlich-rechtlichen Rundfunksystem Deutschlands folgt. Nominierungen für den Preis darf nur ein eng begrenzter Personenkreis einreichen, darunter ehemalige Preisträger, Regierungsmitglieder und Abgeordnete souveräner Staaten, die Richter des Internationalen Gerichtshofs in Den Haag und Professoren bestimmter Fachbereiche.

Entschieden wird dann durch eine Kommission früherer Politiker nach völlig unklaren Gesichtspunkten. Wurden früher Begin und Sadat geehrt, nachdem sie einen Friedensvertrag geschlossen hatten, oder Martin Luther King, Willy Brandt und Albert Schweitzer, weil sie ohne Seitenblick auf den Zeitgeist taten, was sie glaubten tun zu müssen, belohnt das norwegische Nobelinstitut inzwischen am liebsten stromlinienförmige Symbolbehörden.


Die Uno war schon dran, die Internationale Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen, Kämpfer gegen „sexuelle Gewalt als Waffe in Kriegen und bewaffneten Konflikten“, die Organisation für das Verbot chemischer Waffen und eben die EU, ein Haufen zerstrittener Staaten, die gern würden, aber doch nicht voneinander loskommen.  In einem typischen EU-Kompromiss waren es schließlich Kommissionspräsident José Manuel Barroso, Parlamentspräsident Martin Schulz und EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy, die in getrennten Maschinen und mit jeweils eigenem Hofstaat anreisten, um die Trophäe entgegenzunehmen.

Eines nicht allzu fernen Tages wird auch das Nobelpreiskomitee selbst noch den Preis erhalten, denn allseits überzeugende Kandidaten sind rar, soll doch der Preis nach Maßgabe des Stifters eigentlich an denjenigen vergeben werden, „der am meisten oder am besten auf die Verbrüderung der Völker und die Abschaffung oder Verminderung stehender Heere sowie das Abhalten oder die Förderung von Friedenskongressen hingewirkt“ und damit „im vergangenen Jahr der Menschheit den größten Nutzen erbracht“. Der Filmemacher Al Gore und der vielfliegende Klimaretter Rajendra Kumar Pachauri  erfüllten diese Kriterien, auch Barack Obama, der so viele Kriege führte wie kein anderer US-Präsident in den letzten 70 Jahren.

Dass der norwegische Parlamentsabgeordnete Freddy Andre Östvegard die 16-jährige Klima-Alarmistin Greta Thunberg, Erfinderin des "Schulstreiks für das Kima", für die Auszeichnung vorgeschlagen hat, ist vor diesem Hintergrund so absurd nicht. Vor 80 Jahren hatte Adolf Hitler dieselbe Ehre, Benito Mussolini durfte sich schon 1935 Hoffnungen machen, Stalin wurde sogar zweimal nominiert. Neben Helmut Kohl, Nicolas Sarkozy und Silvio Berlusconi war mit dem jordanischen Prinz Ghazi Bin Mohammed sogar schon einmal ein direkter Nachfahre des Propheten in der Auswahl und mit Donald Trump ist es derzeit ein "Hassprediger" (Steinmeier), "Irrer" (FR) und "Verrückter", wie ihn Greta Thunberg nennt, das Postergirl der Angstmache vor einer Klimakrise, das so gesehen eine naheliegende Wahl ist.

Donnerstag, 14. März 2019

Unzufrieden mit "Lügenpresse": CDU schafft sich ihre eigene Öffentlichkeit


Die Berichterstattung der öffentlich-rechtlichen Sender und der privatkapitalistischen Heuschrecken-Presse missfällt der CDU. Deshalb baut sich die Kramp-Karrenbauer-Partei ihre eigene Medienwelt – nach dem Vorbild von Wladimir Putin, FPÖ und Donald Trump.

Bilder kontrollieren, Nachrichten produzieren, Themen setzen: CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer plant den Aufbau eines Newsrooms in der Parteizentrale. Im Konrad-Adenauer-Haus erarbeite man gerade ein Konzept, sagte sie der "Entscheidung", dem parteieigenen Magazin der Jungen Union (JU). Die Partei müsse einen Weg finden, "in Echtzeit auf unterschiedlichen Kanälen zu kommunizieren und eigene Nachrichten zu setzen", begründete Kramp-Karrenbauer die Entscheidung, sich von privaten Medienhäusern und dem von der Partei immerhin mitkontrollierten öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten unabhängig zu machen.

Beim ersten „Werkstattgespräch“, mit dem die Parteizentrale der Basis Gelegenheit gegegeben hatte, Druck vor allem in der Migrationsfrage abzulassen, sei das gelungen. „Wir haben keine Presse zugelassen, wir haben einen Livestream angeboten, wir waren Herr über die Bilder, wir haben die Nachrichten selbst produziert. In diese Richtung wird es weitergehen", sagt Kramp-Karrenbauer zur weiteren Strategie.

CDU macht es der AfD nach


Die gleicht der der AfD-Bundestagsfraktion, die bereits im vergangenen Jahr daran ging, der „Lügenpresse“ (AfD) ein eigenes Angebot an vermeintlichen Nachrichten und passgenauen Deutungen entgegenzusetzen.

Was sich die CDU-Chefin vorstellt, ist ein ebensolches internetbasiertes Programm nach dem Vorbild von „FPÖ-TV“ – die Produktionen der österreichischen Rechtspopulisten haben auf Facebook zum Teil mehr als hunderttausend Aufrufe. Zum künftigen Konzept der CDU gehören deshalb offenbar auch ein Social-Media-Team samt festangestellter Trolle, die „auf unterschiedlichen Kanälen kommunizieren und eigene Nachrichten“ setzen, wie es AKK als Ziel ausgibt.

Dass die CDU hier mit Begriffen aus dem Journalismus hantiert, ist kein Zufall. Was in den ums Überleben kämpfenden Zeitungen und im öffentlich-rechtlichen Rundfunk über die Partei berichtet wird, passt dem Vorstand und der Fraktion oft nicht. Sie wollen selbst Inhalte anbieten. „Das Ziel ist, unsere Nachrichten ungefiltert an die Öffentlichkeit zu bringen“, hieß es im vergangenen Jahr bei der AfD unverhohlen und zum großen Entsetzen der professionellen Medien. Um nicht weniger als die Schaffung einer eigenen Medienöffentlichkeit geht es nun auch der CDU, die zuletzt mit "Schwarzrotgold - Magazin der Bundesregierung" bereits eine eigene Zeitung über die Pressestelle der Bundesregierung lanciert hatte, das kostenlos an Millionen Haushalte verteilt wird.

Die Trollarmee der Union


Der größten Regierungspartei steht auch für ihre geplante eigene Trollfabrik nebst modernem Newsroom vermutlich ein Millionen-Budget zur Verfügung. Noch ist nicht bekannt, wie viele Stellen der Stellenplan der CDU für Pressestelle, Öffentlichkeitsarbeit, Social Media, Trollarmee und Gegenrecherche („fact checking“) wirklich vorsieht. Doch ein Rumpfteam hat die Arbeit wohl schon aufgenommen, so dass es der CDU gelungen ist, die Gründung der eigenen Nachrichtenfabrik bisher vor den in solchen Fragen stets überkritischen Leitmedien geheimzuhalten. .

Die CDU hat dabei offenbar ihre Schlüsse aus dem verheerenden Echo gezogen, dass der AfD nach Bekanntwerden der eigenen Medienpläne entgegenschlug, für die sich Fraktionschefin Alice Weidel Rat bei Steve Bannon geholt hatte, dem ehemaligen Chefideologen im Team von Donald Trump, der mit der Website „Breitbart News“ kaum weniger zur Wahl Trumps beitrug wie die konzertierten Bemühungen von „Spiegel“, die „SZ“ und Taz.


All das passt auch in die Strategie der CDU. Während die AfD daran arbeite, „die klassischen Medien als korrupte Elite zu diffamieren“, wie Patrick Donges, Professor für Kommunikationswissenschaft an der Universität Leipzig, beschreibt, versucht die CDU, ihre nahezu zerstörte eigene Glaubwürdigkeit zu steigern, indem sie sich von kritischen Nachfragen unabhängig mache.

Eigene Narrative statt Lügenpresse


„Andere Parteien haben mit der ,Lügenpresse’-These angefangen, aber die CDU fällt jetzt selbst darauf herin“, urteilt der Medienwissenschaftler Hans Achtelbuscher. Wo große Nachfrage nach unabhängigen und wahrhaftigen Informationen herrsche, versuche Kramp-Karrenbauer, einen Absatzmarkt für Parteipropaganda zu schaffen, den sie im Stile des "Neuen Deutschland" in der DDR mit eigenen Informationsangeboten beschicken wolle. „Ob das klappt, wird man sehen.“

Auf Facebook und Twitter jedenfalls führen Funktionäre der Partei derzeit noch ebenso wie die des konkurrierenden verbündeten SPD einen Paralleldiskurs an der Medienöffentlichkeit vorbei. Aktivisten wie Hans-Peter Friedrich, Paul Ziemiak oder  Ralf Stegner wirken auf Beobachter wie gefangen in einer eigenen, vollständig imaginierten Welt., die so nicht einmal eigene Anhänger erreichen. Stattdessen provozieren als Mobilmachung gedachte Aussagen immer wieder Kritiker.

Ungeachtet dessen zündet die CDU nun also die nächste Stufe. Sie will Nachrichten produzieren, in denen sie gut aussieht.

Cum Ex: Verwischung der Spuren


Es war ein Enthüllungshammer von   WDR, NDR und "Süddeutscher Zeitung", die seit Jahren erfolgreich zeigen, wie  ein "Rechercheverbund" arbeitet kann, der "Gemeinwohlmedien" und "medienkapitalistische Heuschrecken" (Zitate Wehling) friedlich verbindet. "Interne Papiere", so die öffentlich-rechtlich-kapitalistische Truppe,  entlarven jetzt "erstmals die Rolle eines der "Big Four" der Wirtschaftsberatungsunternehmen in sogenannten Cum-Ex-Skandal, einem Klassiker der Empörungsindustrie: "Experten des Konzerns", so die seit ihrer Gründung vor fünf Jahren  überwiegend mit Steuerskandalen beschäftige Recherchegruppe, "waren demnach schon 2010 über "Cum-Ex" im Bilde." Dennoch sei eine öffentliche Warnung ausgeblieben.

Der Fall lege damit einen möglichen Systemfehler der ganzen Branche offen: "Fühlen sich die Wirtschaftsprüfer mehr den geprüften Unternehmen als der Öffentlichkeit verpflichtet?", fragen die Enthüllungsexperten, die damit gleich auch noch einen möglichen Systemfehler in ihrer eigenen Branche offenlegen. Denn ausweislich der Angaben des österreichischen Bundesfinanzministeriums waren KPMG-Prüfer keineswegs die einzigen, die im Jahr 2010 über die Praxis des sogenannten Dividendenstripping Bescheid wussten.

Bereits im März 2008 hatte die Generalstaatsanwaltschaft in Frankfurt Ermittlungen gegen die genossenschaftliche DZ Bank aufgenommen, der eben jenes dividend stripping vorgeworfen wurde. Bereits ein Jahr zuvor war der erste deutschsprachige Wikipedia-Eintrag zur Cum Ex-Praxis erstellt worden.

Im August 2009 schließlich berichtete der "Focus" über die "Steueroase Deutschland" in der Finanzminister Steinbrück mit wachsenden Staatsdefiziten kämpfe, während "Konzerne wie Superreiche völlig legale Schlupflöcher zum Steuersparen nutzten wie etwa das Dividendenstripping. Staatsanwaltschaften erhoben erste Anklagen und Berichte beschrieben, dass diese Art Steuertricks den Staat 5,3 Milliarden gekostet hätten. 2012 schließlich erschien Hani Faddouls Grundlagenwerk "Aufbau und Analyse von Cum/Ex-Geschäften: Untersuchung eines Problembereichs der Kapitalertragsteuer bei Dividendenpapieren" als Taschenbuch.

Eine von gleich drei journalistischen Riesen in gemeinsamer Anstrengung erstellte Enthüllungsgeschichte über den Wirtschaftsprüfkonzern KPMG und dessen "Entschlüsselung, wie "Cum-Ex"-Deals funktionierten" im Jahre 2010 scheint vor diesem Hintergrund erstaunlich. Haben die KPMG-Prüfer damals Wiklipedia gelesen? Oder Zeitung? Werden Recherchen von WDR, NDR und "SZ" in Bälde ergeben, dass die Bundespolitik bereits im Jahr 2002 Bescheid darüber wusste, dass sich Anleger gezahlte Kapitalertragsteuer mit Hilfe ihrer Bank per Dividenden-Stripping zweimal erstatten lassen konnten und damit sogar Steuern auf nichterhaltene Dividenden zurückbekamen?

Zu Zeiten der Sozialdemokraten Hans Eichel und Peer Steinbrück, aber auch die längste Zeit der Ära ihres CDU-Nachfolgers Wolfgang Schäuble galt die Ausnutzung dieser Regelungslücke als legaler Steuertrick: Kein Gesetz verbot es, eine Aktie rund um den Tag der Dividendenzahlung zu kaufen, auch wenn das nur mit dem Ziel geschah, Kapitalertragssteuern erstattet zu bekommen, die man niemals gezahlt hatte. Erste Hinweise auf derart smarte Gestaltungsmöglichkeiten gab die Wochenzeitschrift "Die Zeit" bereits im Jahr 1992 - damals noch im Anlageteil unter "Alternative Altersvorsorge".

Zehn Jahre lang weigerten sich sowohl Rot-Grün als auch Gelb-Schwarz als auch Schwarz-Rot, irgendetwas zu unternehmen, damit findige Anleger nicht mehr durch das sperrangelweit offenstehende Tor zur Dividendensteuerrrückerstattung trampeln konnten. Ebenso lange fanden die Amtsblätter nichts dabei, dem jahrzehntelangen Regierungsversagen stillschweigend zuzuschauen.

Erst seitdem der "Steuerdiebstahl in gigantischem Ausmaß" (SZ) sich als wunderbares Thema herausstellte, auflagenfördernd Wut auf "Superreiche", "Banken", "Manager" und "Spekulanten" zu schüren, geht es regelmäßig um "spitzfindige Juristen, blitzschnelle Aktienhändler, skrupellose Banker" (SZ), die "jahrelang zusammengewirkt haben, um superreiche Geldgeber noch reicher zu machen".

Mittwoch, 13. März 2019

HFC: Später Frust statt Aufstiegsparty

Lange, ziemlich lange geht der Plan auf, mit dem der Hallesche FC in dieses erste von zwölf Endspielen um den Aufstieg in die 2. Liga gegangen ist. Der Gast aus Cottbus, in der 3. Liga ums Überleben kämpfend, startet zwar energisch. Doch die wie zuletzt daheim stets in weiß aufgelaufenen Rotweißen von der Saale wirken nie, als wackele da irgendetwas. In der Besetzung vom fabelhaften Uerdingen-Sieg wirbeln Ajani und Manu auf den beiden Außen, Toni Lindenhahn organisiert mit sehenswerten Ansätzen die Offensive und vor lauern Sohm und Fetsch, um ein möglichst frühes Tor zu machen, das die Fronten hier, so der Plan, gleich klären soll.

Aber auch Cottbus hat einen Plan mitgebracht, der erstmal darin besteht, alles gaaaanz langsam angehen zu lassen. Torwart Rauhut lässt sich bei jedem Abstoß unendlich viel Zeit, dann geht es los, aber nein, doch nicht. Erst muss der Ball neu zurechtgelegt werden. Schiedsrichter Timo Gerach betrachtet das interessiert, aber auch desinteressiert. Der HFC bleibt unbeeindruckt und geht jeweils mit drei Mann auf den ballführenden Cottbusser. Es ist kein Spaß, gegen die Zeigner-Elf zu spielen, die bei einem Sieg weiter dicht hinter dem zweitplatzierten KSC bliebe und Verfolger Wiesbaden weiter um mindestens fünf Punkte hinter sich gehalten hätte.

Der Plan geht auf. In der 12. Minute gelingt, was schon lange nicht mehr geklappt hat: Nach einem Freistoß, den Gerach Manu zugesprochen hat, ist Sohm am kurzen Pfosten am schnellsten. Und trotz der wackeren Gegenwehr der Gäste steht es 1:0.

Nach der Statistik kann der Abend damit beendet werden. Führt der HFC, verliert er nicht mehr, so zumindest war das bis hierher. Zudem deutet nichts darauf hin, dass ausgerechnet der Tabellen-18. etwas am normalen Lauf der Dinge ändern wird. Cottbus ist nach vorn harmlos, spätestens, wenn das dritte HFC-Trio den ballführenden Mann in Blau attackiert, ist jede offensive Andeutung vergessen. Der HFC hingegen spielt konzentriert sein Spiel, mal außen rechts lang, mal außen links, mal über Ajani, mal über Manu, mal tauschen die beiden auch die Seiten.

Zwar fehlt der letzte Pass und einige Passversuche mit Hacke und Außenrist wirken fast schon zu spielerisch. Aber selbst der zwischenzeitliche Ausgleich, den Weidlich in der 28. Minute erzielt, nachdem Braydon Manu bei einem Konterversuch nicht hart genug gegengehalten hatte, so dass Energie seinerseits in die eben aufrückende HFC-Formation kontern konnte, wirkt eher wie ein Schönheitsfehler denn bedrohlich. Noch vor der Halbzeit ist alles wieder gut: Niklas Landgraf, seit einiger Zeit ein neuer Standardschütze im HFC-Team, lässt in der 43. Minute eine Ecke von rechts auf den langen Pfosten segeln. Moritz Heyer da. Und erzielt die erneute HFC-Führung.

Alles klar nun. der HFC erzielt selten mehr als ein Tor, tut er das aber, gewinnt er auch. In der Hlabzeitpause um kurz vor 20 Uhr ist die Welt für 8700 der 9000 Zuschauer im früheren Kurt-Wabbel-Stadion die schönste aller denkbaren. Konkurrent Karlsruhe liegt 0:2 gegen den Tabellenletzten Aalen zurück. Und bei Verfolger Wiesbaden steht es noch 0:0. "Es fehlen noch fünf Tore, um auf Platz 2 vorzurücken", grummelt es auf den Tribünen. Der erspart in jedem Fall das Relegationsspiel gegen Magdeburg, das inzwischen schon wie ein grausames Glücksversprechen diskutiert wird.

Nur die Cottbusser scheinen die Statistik nicht zu kennen. Ohne irgendwelche Bäume auszureißen, spielen sie ihren ruppigen Kampffußball weiter. Und in einer Liga, in der nicht nur jeder jeden schlagen kann, sondern viele das auch gelegentlich tun, reicht das. Fünf Minuten nach Wiederanpfiff ist es erneut Manu, der zu viel tändelt und zu viel nach vorn schaut, so dass der Ball plötzlich auf eine gerade im Vorrücken befindliche HFC-Abwehr zurollt. Niklas Landgraf, bis dahin eine Bank, muss Streli Maba zum ersten Mal passieren lassen. Kai Eislee im HFC-Tor, der bis dahin noch keinen ernsthaften Schuss halten musste, fliegt noch. Aber nicht weit genug.

2:2 und die Statistik kippt damit ins Undenkbare. Nur fünfmal hat der Club in dieser Saison zwei oder mehr Gegentore kassiert. Und immer verloren. Sollte das auch heute? Trainer Torsten Ziegner nimmt Lindehahn raus und bringt den defensiveren Björn Jopek. Nicht jeder Plan klappt und ist er auch noch so gut gelungen, verträgt er doch auch Änderungen. Bentley Baxter Bahn aber wedelt mit den Armen Richtung Traversen. Anfeuern sollen die Leute, Stimmung machen, die Mannschaft vorwärts peitschen!

Doch da kommt nicht viel, weil alle sehen, dass unten auf dem Rasen gerade eine kunstvoll gedrechselte Strategie baden geht: Aus den drei Spielern, die in der ersten Hälfte wie aufgezogen jeden Mann in Blau beharkten, sobald er den Ball an den Fuß bekam, werden zwei. Dann ist es manchmal nur noch einer. Dass Ziegner Pronichev für Manu und Tuma für Sohm bringt, macht es nicht besser. Die beiden Neuen mögen noch Kraft haben, doch in den Offensivaktionen, die der HFC immer noch im Übermaß hat, fehlt es ihnen jedes Mal an Durchsetzungsvermögen, Auge und Entschlossenheit beim Abschluss.
Als Mathias Fetsch eine wirklich großartige Kombination mit einem satten Direktschuss aus zehn Metern abschließt, aber nicht ins Tor trifft, sondern Rauhut Gelegenheit zu einer unfassbar großartigen Parade gibt, sagt schon die Körpersprache einiger Hallenser, dass ihre Hoffnung auf drei Punkte nicht mehr gar so groß ist. Der Glaube ist weg, nicht nur unten, sondern auch oben. Dort auf den Rängen wissen sie, Karlsruhe liegt nun 0:3 hinten und der HFC hätte immerhin einen Punkt nach vorn gutgemacht. Der Spatz in der Hand. Auch nicht so schlecht.

Wenn er nicht in der Nachspielzeit davonflattert. Diesmal ist es eine Cottbusser Ecke, fast schon das Letzte, was hier heute noch passieren wird. und wie in einer Wiederholung des ersten HFC-Treffers ist Weidlich am kurzen Pfosten früher als Eisele am Ball und der im HFC-Tor, ehe noch jemand im Stadion begriffen hat, dass das erste Endspiel tatsächlich noch in die Hose gehen kann. Der letzte Konter bringt dann noch mal einen Freistoß, aber nach zwei Standartoren des HFC, der vor diesem Spiel über Wochen und Monate gar nicht mehr nach Standards getroffen hatte, ist ein Schuss, der knapp drüber geht, schon mehr, als zu erwarten war.

Abpfiff, aus, zu Ende. Einige HFC-Spieler fallen enttäuscht um. Dann liegen sie da, auf dem kalten Boden der Tatsachen, der Plan in Trümmern das Rostock-Spiel am nächsten Montag vor der Brust, das nun schon wieder Druck bedeutet. Heute feiern nur die Gäste mit ihrem Anhang und sie feiern einen nicht unverdienten Sieg, weil die Ersatzbank des HFC eben nicht die Gewähr bietet, dass ein enges Spiel von außen noch einmal positiv beeinflusst werden kann, wenn dem Stammpersonal die Kraft ausgeht. Winter-Neuzugang Christian Tiffert, der das eigentlich können sollen müsste, war ja auch gar nicht im Aufgebot.